Looking for Freedom

von MM-CB
GeschichteAllgemein / P12
Der zehnte Doktor (Ten) OC (Own Character) Rose Tyler
31.10.2019
09.11.2019
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"Wo sie gerade von Jacken und Kleidung redet...", begann Rose, als sie mit dem Doctor allein war. "Willst du riskieren, dass dich die Leute am Grenzübergang wiedererkennen? Den Typen, der live im Fernsehen einem Politiker, den alle für schon lange tot hielten, Essig über den Kopf gekippt hat? Und der Politiker ist daraufhin explodiert?"

"Guter Einwand." Der Timelord sprang auf und verschwand in einem der langen Korridore, die vom Kontrollraum der TARDIS abzweigten. Nach ein paar Minuten kam er zurück gejoggt, blieb vor Rose stehen und drehte sich einmal langsam um sich selbst, um sein neues Outfit vorzuführen. "Bitte sehr. Neues Hemd, andere Krawatte und andersfarbige Turnschuhe."

Rose fühlte sich an ihren 'alten' Doctor erinnert, dessen Vorstellung von zeitgemäßer Kleidung darin bestanden hatte, einfach nur seinen Pullover zu wechseln und ansonsten in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieselbe Lederjacke und die gleichen dunklen Jeans zu tragen. "Doctor, das Outfit taugt nicht wirklich als Verkleidung", meinte sie kopfschüttelnd.

"Und wenn ich meine Brille dazu aufsetze?" Er zog die Sehhilfe aus der Tasche seine Jacketts.

"Hmmmm..." Rose tat so, als würde sie angestrengt nachdenken. "Schon besser."

"...aber noch nicht gut?", ließ sich der Doctor auf das kleine Spiel ein.

"DOCH!" Autsch, das war zu schnell UND zu laut! "Ich meine, doch, mit der Brille ist es gut... siehst du gut aus... argh!" Sie dankte dem Universum, dass es in diesem Moment an der TARDIS-Tür klopfte. Das gab ihr nämlich einen Grund sich umzudrehen, sodass der Doctor ihr wahrscheinlich knallrotes Gesicht nicht sehen konnte.

"Rose? Allet jut bei dir?", fragte Maja, die mit einer dicken Jacke über dem Arm draußen stand.

"Jaja, alles okay, komm rein." Rose trat zur Seite und ließ Maja vorbei. "Sag mal..."

"Watt?"

"Macht sich bei dir zuhause keiner Sorgen darum, dass du mit zwei Fremden in einer komischen blauen Box durch die Zeit reist?"

Maja schüttelte den Kopf. "Ick wohn' bei meiner Oma, die liegt aber mit 'n jebrochenen Been im Krankenhaus. Im Moment bin ick also alleene inna Wohnung."

"Was ist mit deinen Eltern?"

"Tot. Vakehrsunfall. Lange her, ick war fast noch 'n Baby."

"Oh scheiße- ich meine, sorry! Tut mir leid." Ganz toll, Tyler! Nicht nur ins Fettnäpfchen getreten, sondern mit Anlauf reingesprungen!

"Schon jut. Wie jesagt, lange her. Und meine Oma is echt knorke... äh, toll, super, klasse", übersetzte sie den Dialektausdruck, bevor ihr Blick auf den Doctor fiel. "Watt is denn mit Ihnen passiert?"

"Ich habe eine Brille auf und etwas andere Kleidung an", stellte der Timelord das Offensichtliche fest. "Rose' Idee, damit mich die Leute am Grenzübergang nicht aus dem Fernsehen wiedererkennen."

"Ich hatte eigentlich was Anderes im Sinn als nur ein neues Hemd und andere Schuhe", betonte Rose. "Aber in seine Klamotten lässt er sich nicht reinreden."

"Oi! Erzähl mir nichts über Kleidung, ich habe mal in einem gestreiften Schlafanzug und einem flauschigen blauen Bademantel..."

"Watt jemacht?"

"...äh, nicht so wichtig", winkte der Timelord ab. "Maja, du sagtest, du wärst 1974 geboren?"

"Ja, wieso?"

"Wann genau?"

"Ersten Mai."

"Das bedeutet - ausgehend von einer normal verlaufenden menschlichen Schwangerschaft - dass du Ende Juli, Anfang August 1973 entstanden bist... in den Tagen um Walter Ulbrichts Tod herum."

"Ja, und?" Maja verstand nicht, worauf der Timelord hinauswollte.

"Hat deine Oma, oder sonst jemand, mal über die politische Einstellung deiner Eltern gesprochen?"

Maja senkte ihre Stimme, als könnten außer Rose und dem Doctor noch weitere Personen mithören (konnten sie nicht, die TARDIS-Technologie verhinderte es). "Meine Oma sagt, sie haben Ausreiseanträje jestellt. Mehr als eenmal."

"Sie wollten also weg aus der DDR?", vergewisserte sich Rose. "Aber durften nicht?" Was ist das für ein Land, das seine Bewohner hinter einer Mauer einsperrt?!

Maja nickte. "Wären se schon Rentner jewesen, denn vielleicht, aber 'n junget Ehepaar, beede mit 'ner juten Berufsausbildung... keene Schangs." Ihr fiel etwas ein. "Dokta, wie war dit vorhin mit der Bornholmer und wird inne nächsten Stunden voll mit Leuten sein?"

"Gehen wir hin und sehen mal nach." Der Timelord griff nach seinem Mantel.

Zum Grenzübergang Bornholmer Straße war es nur ein kurzer Fußmarsch. "Wow!", entfuhr es Rose beim Anblick der versammelten Menschenmenge. "Was wollen die alle hier?"

"Raus."

"Raus?"

"Jep."

"...?"

"Neue Reisevorschriften, keine besonderen Voraussetzungen für eine Ausreise mehr erforderlich, das Ganze tritt 'sofort, unverzüglich' in Kraft", fasste der Timelord Schabowskis Rede auf der Pressekonferenz zusammen. "Früher oder später werden sie angesichts dieser vielen Menschen die Grenze öffnen müssen."

"...oder sie fangen an, uff die Leute zu schießen", gab Maja zu bedenken. "Wir sollten besser Abstand halten." Sie begegnete Rose' entsetztem Blick. "Keene Ahnung, ob sie wirklich schießen würden, aber sie sind jedenfalls bewaffnet. Lieber nüscht riskieren."

Das sah ein großer Teil der versammelten Menschen offensichtlich anders; sie drängten immer näher an die Absperrungen heran und forderten lautstark die Öffnung der Grenze. Aber noch blieben die Tore fest verschlossen.

Maja schaute aus Gewohnheit auf ihre Armbanduhr, bevor ihr wieder einfiel, dass diese ja stehengeblieben war. "Mist."

"Was denn?"

"Meine Uhr. Stehnjeblieben."

"Warum sagst du das nicht gleich?" Der Doctor zog seinen Schraubenzieher aus der Tasche und summte die Armbanduhr damit an; wenige Sekunden später funktionierte das kleine Gerät wieder. Maja staunte. "Wow, danke!"

"Gern geschehen. Ich habe da übrigens noch etwas in meiner Tasche gefunden." Er hielt Maja das letzte Glas Spreewaldgurken entgegen, doch das Mädchen winkte ab. "Die könnt ihr behalten, als Erinnerung oder so..." Verlegen kratzte sie mit der Schuhspitze auf dem Boden herum. "Aber essen, nich damit werfen, klar?"

"Klar, versprochen!" Rose stupste den Doctor in die Seite, weil er nicht reagierte. Der Timelord zuckte tatsächlich leicht zusammen. "Äh, ja, danke, finde ich auch!" Eingelegte Gurken sind zwar nicht gerade mein Fall, aber immer noch besser als eingelegte Birnen - autsch! Sein Timelord-Hirn hatte ihm (metaphorisch gesprochen) auf die Finger gehauen, weil er wertvolle Gedankenkapazität an etwas so Unwichtiges wie Birnen verschwendete. Fixpunkt in der Zeit, darf nicht verändert werden! Konzentrier dich! Er ließ seinen Blick über die Menschenmenge wandern. Bislang waren noch keine Steine oder Ähnliches geflogen und im Gegenzug machte auch keiner der Grenzsoldaten Anstalten zu schießen, aber die Situation konnte jederzeit kippen.

Rose neben ihm fröstelte, und das nicht wegen des nasskalten Wetters. Sie wusste theoretisch, dass der Mauerfall friedlich abgelaufen war, aber live dabei zu sein und die Spannung in der Luft zu spüren, war eine ganz andere Hausnummer. Wie fühlt sich das erst für Maja an, die ihre Heimatstadt nie anders kennengelernt hat als mit dieser Mauer mittendrin?

Maja dachte an ihre Oma im Krankenhaus und ihre verstorbenen Eltern, an die Hausaufgaben, die sie noch erledigen musste (wie absurd war es, jetzt gerade an Hausaufgaben zu denken?!), an Sandy (bei diesem Gedanken wurde sie ein bisschen rot) und daran, dass in dieser Nacht vielleicht wirklich die Mauer...? Nach fast 30 Jahren...?

Weiter vorne an der Grenzanlage schien sich etwas zu bewegen, für menschliche Augen zu weit weg, um Genaueres zu erkennen - nicht jedoch für gallifreyische Augen. "Sie lassen einige Leute durch auf die andere Seite", meldete der Doctor. "Aber-"

"Aber was?", fragte Rose besorgt.

"Ich will mal unauffällig näher an die Grenzsoldaten ran und mir anhören, was sie sagen. Ihr beide bleibt hier, bin gleich wieder da." Der Timelord verschwand in der Menschenmenge.

"Na det will ick sehen, wie der dit 'unauffällich' macht", bemerkte Maja kopfschüttelnd. "Der Kerl, der erst vor'n paar Stunden und vor loofende Fernsehkameras Walter Ulbricht... äh, watt is da einklich jenau passiert?"

"Na ja, es war ja nicht wirklich Ulbricht, sondern ein Slitheen, der sich Ulbrichts Haut angezogen hat", erklärte Rose leise. "Und Slitheen explodieren, wenn sie mit Essig in Berührung kommen."

"Stimmt", ertönte die Stimme des Doctors hinter Maja. Der Timelord war zurück von seiner Erkundungstour - und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen nicht mit guten Nachrichten. "Sie haben eine gewisse Anzahl Menschen nach Westberlin durchgelassen und dann die Grenze erstmal wieder zugemacht. Was sie diesen Menschen allerdings nicht mitgeteilt haben, ist, dass sie nicht wieder in die DDR einreisen dürfen, wenn sie zurückkommen", berichtete er mit gesenkter Stimme und hielt sich gleich darauf die Ohren zu, als Rose empört "WAS?!" schrie. "Schhhhh!"

"Sorry!" Rose lächelte die Leute im Umkreis, die sich nach ihr umgedreht hatten, halb nervös, halb entschuldigend an. "Äh, nix passiert, hab mich nur vor der Katze da hinten erschreckt." Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. "Das können die doch nicht machen! Was ist, wenn... keine Ahnung, Eltern rübergehen und nicht zu ihren Kindern zurück dürfen? Doctor, können wir nicht-"

"Nein, können wir nicht." Der Tonfall des Timelords war sanft, aber nachdrücklich. "Wir haben dafür gesorgt, dass Schabowski auf der Pressekonferenz die neuen Reiseregelungen vorstellen konnte. Alles, was hier heute Nacht sonst noch geschieht, ist ein Fixpunkt in der Zeit, daran dürfen wir nichts verändern." So leid es mir in diesem Fall tut.

Während der Doctor noch sprach, zuckte Maja zusammen, weil ihr plötzlich jemand von hinten auf die Schulter tippte. Sie drehte sich zu der Person um: dunkle Kurzhaarfrisur, braune Augen und dieses Lächeln, bei dem sie jedes Mal Schmetterlinge im Bauch... Rose stieß Maja ihren Ellbogen in die Seite. Nicht so fest, dass es wirklich wehtat, aber deutlich genug, um Maja aus ihren verliebten Gedanken zu reißen. "Sandy, du ooch hier?", brachte sie nach einem Räuspern hervor.

"Na klar!" Sandy hüpfte vor Aufregung beinahe auf und ab. "Hab mir rausjeschlichen, meine Eltern denken, ick bin schon am Pennen, weil doch morgen früh Schule is. Aber dit hier lass ick mir nich entjehen! ...und wer seid ihr?", fragte sie an Rose und den Doctor gewandt. "Warte mal-"

Der Doctor legte verschwörerisch seinen Zeigefinger an die Lippen, bevor Sandy die Wörter 'Fernsehen', 'Ulbricht' oder 'explodiert' aussprechen konnte. Sandy nickte verstehend und streckte dann Maja ihre Hand hin. "Kommste mit, näher dran?"

"Weeß nich..." Maja trat unentschlossen von einem Fuß auf den anderen. "Und wenn die schießen?"

"Denn hamwa vielleicht Glück und müssen den Physiktest morgen nich mitschreiben." Für ihren Galgenhumor war Sandy in der Klasse, oder eigentlich in der ganzen Schule, berühmt-berüchtigt. "Jetz komm schon, die machen die Mauer uff!"

"Aber-" Sie lassen die Leute nich wieder zurück, wollte Maja noch sagen, doch Sandy hatte bereits ihre Hand ergriffen und sie mitgezogen.

Rose und der Doctor folgten langsamer, ebenfalls Hand in Hand, wobei der Timelord eine Melodie vor sich hinsummte. Seltsamerweise kein schottisches Volkslied (eine neue musikalische Vorliebe seit seiner Regeneration) und auch nichts von Ian Dury, sondern-

"Ist das David Hasselhoff? 'Looking for Freedom'?"

"Jep-p!" Der Doctor beugte sich ein wenig zu Rose hinunter, um ihr ins Ohr zu flüstern. "Der wird in ein paar Wochen - Silvester, um genau zu sein - hier in der Stadt auftreten. Selbst hinreisen würde ich da ungern, zu großes Verletzungsrisiko durch umherfliegende Glasflaschen und Silvesterraketen, aber die Videoaufnahmen kann ich dir nur empfehlen."

"Hm", machte Rose abgelenkt. Ziehen die das jetzt wirklich so durch, dass sie die Leute nicht wieder zurück lassen? Was ist, wenn Maja und Sandy da reingeraten?... Wo sind die zwei eigentlich?

"Es geht los", unterbrach der Doctor die Gedanken seiner Begleiterin.

"Was geht los?"

Er deutete mit einer Kopfbewegung hoch zu der Brücke, die Ost- von Westberlin trennte. "Die ersten kommen zurück... würde es dir etwas ausmachen, meine Hand nicht zu zerquetschen? Ich hänge ziemlich an dieser Hand."

"Oh, sorry!" Rose lockerte ihren Griff ein wenig und spähte angestrengt in die Dunkelheit. Können Timelords im Dunkeln sehen wie Katzen? Ich erkenne da rein gar nichts!

Doch um zu sehen, was wenige Minuten später passierte, reichten menschliche Augen vollkommen aus: Die Grenzsoldaten hatten nach stundenlanger Ungewissheit offensichtlich entschieden (oder den Befehl erhalten?), den Grenzübergang zu öffnen und alle wartenden Menschen ohne Passkontrolle oder Ähnliches durchzulassen. Rose und der Doctor ließen sich von der Menge mitziehen - etwas anderes blieb ihnen auch kaum übrig. An der ersten Hausecke auf Westberliner Gebiet fanden sie auch Maja und Sandy wieder, die allerdings mit sich selbst beschäftigt waren und ihre Umgebung komplett ignorierten. Wäre Rose 1989 schon ein Teenager gewesen, hätte sie sich wohl nicht getraut, auf offener Straße ein anderes Mädchen zu küssen... andererseits war es dunkel, Sandy mit ihrem Kurzhaarschnitt und den weiten Klamotten ging auf den ersten Blick auch als Junge durch und mehr als einen flüchtigen Blick hatte sowieso gerade niemand für die beiden Jugendlichen übrig.

"Das war also der Fall der Berliner Mauer?", wandte sich Rose wieder dem Doctor zu.

"Der Anfang davon, bis die Mauer überall abgebaut ist, dauert es noch eine Weile." Er grinste. "In natura war es etwas aufregender als dein Geschichtsunterricht damals, nehme ich an."

"Bisschen." Rose grinste zurück, ihre Zungenspitze zwischen die Zähne geklemmt. "Gibt's hier um die Uhrzeit noch was zu essen? Nach der ganzen Aufregung hab ich irgendwie Hunger auf einen Mitternachtssnack."

"Also, wir hätten da ein Glas Slitheen-Abwehr-Gurken, das wäre sofort verfügbar, oder wir gehen zurück zur TARDIS, springen ein paar Stunden in die Zukunft und kaufen uns eine Currywurst...", begann der Timelord aufzuzählen, bevor ihn Rose unterbrach: "Currywurst?"

"Ja, Bratwurst in einer Currysoße, lokale Spezialität - guck mich nicht so an, Rose Tyler, bei dir zuhause essen die Menschen gebratenen Fisch mit frittierten Kartoffeln und Essig, das finden andere Völker genauso seltsam wie du den Gedanken an Currywurst! ...aber wenn es unbedingt sein muss, können wir stattdessen auch Jackie besuchen und bei ihr essen."

Rose schüttelte innerlich amüsiert den Kopf. Er weiß genau, dass ich weiß, dass Mum und er sich eigentlich ganz gern mögen. Die tun nur so, als ob sie sich nicht ausstehen können. "Okay, ich nehme London. Sorry, lieber Erfinder der Currywurst." Sie warf einen kurzen Blick auf Maja und Sandy, die inzwischen nebeneinander an der Hauswand lehnten. Maja hatte ihrem Arm um Sandys Taille und den Kopf auf deren Schulter gelegt, Sandy ihren Arm um die Schultern der Rothaarigen. Beide wirkten noch immer wie in ihrer ganz eigenen Welt gefangen, aus der sie auch nicht so schnell wieder hinauswollten. "Die zwei kommen wohl klar, oder?"

"Oh ja." Der Timelord lächelte Rose an und streckte ihr seine Hand hin, die sie zwischenzeitlich losgelassen hatte. "Allons-y!"

***
ENDE

Da liest man nichtsahnend einen 30-Jahre-Mauerfall-Artikel in der Zeitung, schaut danach eine Folge Doctor Who und am Ende kommt eine Geschichte heraus ;-)
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