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Blurred Lines

von Sanna28
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
30.10.2019
16.02.2020
9
22.949
41
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105 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
07.11.2019 1.877
 
3.Kapitel


»Hey …«, wollte Aaron gerade protestieren, aber die Worte blieben ihm regelrecht im Hals stecken, als er plötzlich vor einem riesigen Zimmer zum Stehen kam. Im ersten Augenblick wusste er wirklich nicht, was beunruhigender war: der grenzenlose Leichtsinn, den er hier im Umgang mit Ramon an den Tag legte – oder die Vorstellung, der berühmt berüchtigte, als übervorsichtig geltende Mann könnte ihn tatsächlich und entgegen jeder Vernunft in seine eigene Wohnung gebracht haben.

Vielleicht war es aber auch die erdrückende Schlichtheit selbiger ...

Dieses Loch war nun weiß Gott nicht, was er sich immer vorgestellt hatte. Keine schicke Penthouse Wohnung am Nordhang der Bucht. Keine atemberaubende Aussicht auf die Skyline von Vancouver. Da war nicht mal ein klitzekleiner Hauch von Luxus zu finden. Aarons Augen wurden immer größer, als er seinen Blick durch den Raum schweifen ließ. Über die dunkel schimmernden Holzdielen hinweg, hoch zur Decke, die ringsum mit Stuck verziert war. Im Vergleich zum Rest des Hauses befand sich diese Wohnung – oder zumindest das, was er bisher gesehen hatte – in einem recht passablen Zustand. Ein leicht würziger Geruch hing in der Luft. Es fiel Aaron nicht schwer, ihn zuzuordnen … eindeutig Nelken, die Lieblingsblumen seiner Mutter, die er ihr immer mitbrachte, wenn er sie im Altersheim besuchte. Ein seltsamer Zufall, dachte er kurz, ehe er neben sich am Boden eine Vase mit einem üppig gebundenen Strauß entdeckte. Doch er maß dem keine weitere Bedeutung zu. Stattdessen widmete er sich schnell wieder der Einrichtung, die alles in allem recht übersichtlich, um nicht zu sagen spärlich war. Etwas, das einer Meinung nach perfekt zu Ramon passte, oder besser gesagt dem Bild, das er von ihm hatte. Schlicht, aber ganz sicher nicht gewöhnlich.

Das erste, was Aaron an Mobiliar ins Auge stach, war ein scharlachroter Ohrensessel - selbst wenn man den knallfarbigen Stoff wegen des Klamottenhaufens, der darauf lag, nur an einigen, wenigen Ecken durchspitzen sah. Gleich daneben stand ein langer Garderobenständer, an dem diverse Jacketts, Hemden und Hosen hingen, fein säuberlich sortiert und akkurat aneinandergereiht. Allerdings waren es nicht einmal halb so viele Anzüge wie Aaron erwartet hätte.

Irgendwann schwenkte sein Blick immer weiter nach rechts und bei dem, was er dort entdeckte, stockte ihm auf der Stelle der Atem. So versteckt in seinem Augenwinkel, dass er es vorher gar nicht wahrgenommen hatte, stand ein großes, dem ersten Eindruck nach sehr, sehr altes, schwarzes Klavier. Nein, ein Flügel, korrigierte er sich schnell. Ein Konzertflügel. So etwas hatte er nicht mehr gesehen seit …

Aarons Herz flatterte wie ein Blatt Papier in seiner Brust. Die bloße Erinnerung daran, wie er neben Steven am Klavier gesessen war und fasziniert zugesehen hatte, wie virtuos dessen lange, grazile Finger über die Tasten geflogen waren, brachte Aaron regelrecht ins Schwanken. Die Abende, an denen der junge Mann nicht für ein großes Publikum gespielt hatte, sondern ganz allein für ihn.

Es kam Aaron vor, als zog ihm jemand gewaltsam den Boden unter den Füßen weg. Seine Knie begannen zu zittern, waren mit einem Mal butterweich und drohten nachzugeben. In letzter Sekunde sank er mit der Schulter gegen die Wand, um sich Halt zu verschaffen. Er spürte Tränen hinter seinen Augen brennen. Unvergossene Tränen, die er sich nie erlaubt hatte, auch jetzt nicht erlauben würde. Selbst wenn der schier unerträgliche Schmerz über Stevens Tod immer noch genauso präsent war, wie an jenem Tag, an dem er den leblosen Körper seines Bruders im Arm gehalten hatte. Als ein Teil von ihm mit dem Jungen gestorben war.

»Hey, alles in Ordnung?«, wollte Ramon besorgt wissen. Ehrlich besorgt. Erst jetzt fiel Aaron auf, dass der immer noch seine Hand hielt und mit dem Daumen sanft über seinen Handrücken strich.

Reflexartig zog Aaron sie zurück, als hatte er sich an der eigentlich harmlosen Berührung verbrannt, die sich zu allem Überfluss so unerwünscht gut anfühlte. Und richtig. Trotzdem …

»Ja, … alles bestens!«, fuhr er Ramon an und trat beiseite, ehe er noch eins draufsetzte. »… Aber selbst, wenn nicht, wärst du mit Sicherheit der letzte, dem ich das erzählen würde.«

Aaron war klar, wie verdammt unangebracht dieser Seitenhieb gewesen war. Dass er sowas eigentlich nicht nötig hatte. Es tat ihm fast ein wenig leid, als er auch noch Ramons leicht zerknirschten Gesichtsausdruck sah. Um sich dem nicht auszusetzen, wandte sich Aaron einfach von ihm ab. Aus den Augen, aus dem Sinn, hoffte er, dabei hatte diese Strategie auch in den vergangenen Wochen schon nicht funktioniert, in denen er sich mehr als einmal dabei ertappt hatte, wie er sich Sorgen machte, ob es Ramon gut ging, wenn der sich mal eine Weile nicht mehr bei ihm gemeldet hatte. Schon allein deshalb, weil Aaron wusste, was Verrätern wie ihm im Fall einer Enttarnung blühte. Gewöhnlich machte der Alte dann kurzen Prozess, aber Ramon würde er sicherlich nicht mit einem präzise ausgeführten, sofort tödlichen, Kopfschuss davonkommen lassen. Nein, so jemanden erwartete ein langer, qualvoller Todeskampf.

Der Gedanke jagte Aaron einen eisigen Schauer über den Rücken und er spürte, wie sich Ramons Blick in seinen Rücken bohrte, während sein eigener an dessen riesigem Kingsize Bett hängenblieb, das nur wenige Meter vor ihm stand und sich über die gesamte Breite der ziemlich langen Fensterfront erstreckte. So sehr sich Aaron gerade noch nach Ablenkung gesehnt hatte, so sehr verteufelte er sie jetzt, während er schwankend zwischen Faszination und Unbehagen auf die zerwühlten Bettlaken starrte. Verrückterweise weckten sie in ihm den vollkommen irrwitzigen Wunsch, sich nackt zwischen ihnen zu räkeln und seine Nase darin zu vergraben. Es war, als schienen sie ihn regelrecht zu verhöhnen. Aaron schluckte und musterte dabei die beiden Decken, die kreuz und quer lagen und zum Teil vom Bett herunterhingen, fast so, als hätte zwischen ihnen erst vor Kurzem ein Kampf stattgefunden, oder aber …

Unwillkürlich ging Aarons Fantasie mit ihm durch und er konnte nicht verhindern, dass er zwei verschwitzte, sich leidenschaftlich aneinander reibende, athletische Männerkörper vor seinem geistigen Auge sah. Das Spiel ihrer Muskeln. Ihre geschmeidigen Bewegungen. Ihre tropfenden, erigierten Schwän …

Fuck, nein … schüttelte Aaron heftig den Kopf, um sich der Vorstellung schnellstmöglich wieder zu entledigen, die ihn – wenn er ehrlich zu sich selbst war – auch noch derart anmachte, dass es plötzlich extrem eng im Schritt seiner Jeans wurde. Aber so einfach, wie er dachte, war das leider nicht. Das Blut schoss ihm ins Gesicht. Seine Wangen begannen zu glühen und die Worte, die ihm auf der Zungenspitze hingen, rutschten ungewollt, aber leider auch gänzlich unhaltbar von seinen Lippen.

»Hier fickst du also deine Lover?«

Aaron bereute es, noch bevor er es ausgesprochen hatte. Was in aller Welt hatte er sich nur dabei gedacht? Richtig: nichts! Gar nichts. Nicht nur, dass es ihn – wie er vorhin erst im umgekehrten Fall völlig zurecht bemerkt hatte – rein gar nichts anging. Nein, darüber hinaus hatte er auch noch wie ein verschmähter und von nackter Eifersucht zerfressener Exfreund geklungen. Konnte es noch schlimmer kommen?

Es konnte, … als Ramon ein wenig aufbracht klingend erwiderte: »Hierher… bringe ich gewöhnlich niemandem …« Er sog scharf den Atem ein und hielt inne.

Aaron war schon felsenfest davon überzeugt, dass Ramon fertig war, und dass sich seine Antwort auf Besucher im Allgemeinen bezog. In der Hoffnung, dass er seine dämliche Bemerkung von eben einfach diplomatisch übergangen hatte, weil er das Thema, das ihm allem Anschein nach Unbehagen bereitete, vielleicht genauso schnell wieder abhaken wollte, wie er.

Kurzerhand und eher unüberlegt entschloss sich Aaron nachzuhaken, in der Hoffnung, endlich zu erfahren, wieso sie heute hier waren, … jetzt noch viel mehr. »Aber mich hast du schon hergebracht?«, fragte Aaron deshalb, leider viel zu übereilt …

… denn im gleichen Moment, indem er sprach, stieß Ramon seinen angehaltenen Atem aus und beendete seinen angebrochenen Satz mit »… von denen«.

Aaron biss sich auf die Lippen und fluchte zwischen den Zähnen mehrmals stumm »Shit, shit, shit«, vor sich hin. Dabei war ihm gerade nach laut brüllen zumute. Wie konnte er nur so dämlich sein? Damit hatte er sich nur noch tiefer in die Scheiße geritten. Er war wirklich froh, dass Ramon ihm gerade nicht ins Gesicht sehen konnte, denn vermutlich hätte es Bände gesprochen. Aber wahrscheinlich musste er nun trotzdem denken, dass es Aaron nicht egal war, was er hier trieb. Oder mit wem …

Shit … war es ihm denn egal?

Die Frage – oder viel mehr die Tatsache, dass er sie nicht einmal vor sich selbst mit einem klaren »Nein« beantworten konnte, obwohl er es eigentlich können sollte – rumorte gewaltig in seinem Kopf. Das Ganze erreichte seinen zutiefst peinlichen Höhepunkt, als Ramon plötzlich hinter ihm auftauchte.

Aaron konnte ihn spüren. Fühlen. Riechen. So nahe, dass sein Atem heiß in seinen Nacken brannte. Es kostete ihn all seine Beherrschung, nicht auf der Stelle die Flucht zu ergreifen, solange er noch konnte. Aber er wollte sich keinesfalls die Blöße geben, Ramon zu zeigen, dass er es tatsächlich geschafft hatte, ihn komplett aus der Bahn zu werfen.

Er rührte sich keinen Millimeter, auch nicht, als Ramon sich zu ihm vorbeugte und seine Lippen wie zufällig sein Ohr streiften. »Du bist auch keiner meiner Lover, Aaron«, flüsterte er, ganz ohne der üblichen Prise Selbstgefälligkeit in seiner Stimme. »Du bist viel mehr …«

Seine letzten, kaum hörbar dahingehauchten Worte ließen Aarons Puls schlagartig in schwindelerregende Höhen schnellen und brachten sein Herz für einen Moment völlig aus dem Takt. Aber er wusste, dass es viel zu schön klang, um wahr zu sein … aus dem Mund eines Hochkriminellen, für den lügen so selbstverständlich war wie atmen. Aaron konnte ihm das nicht abnehmen. Und vielleicht wollte er es auch gar nicht. Gefühle, egal welcher Art, lenkten vom eigentlich wichtigen ab und waren somit das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Erst recht nicht für jemanden wie Ramon. Und dabei spielte es absolut keine Rolle, dass er ein Mann war. Damit hatte Aaron kein Problem, nur damit, zu welcher Sorte Mensch er gehörte.

Er stand so kurz davor, dem Alten einen empfindlichen Schlag zu versetzen. Einen, von dem er sich so schnell nicht mehr erholen würde, wenn überhaupt, und das war alles, was zählte … betete Aaron in Gedanken wie ein Mantra vor sich hin, um sich wieder auf Kurs zu bringen. Er straffte seine Schultern und holte tief Luft, ehe er sich zu Ramon herumdrehte und ihm entschiedener denn je entgegentrat.

»Lass deine verfluchten Spielchen!«, knurrte er ihm ins Gesicht. »Komm lieber zu Sache und sag mir endlich, wann und wo dieser Deal steigt? Nur deswegen bin ich hier. Alles andere … interessiert mich nicht.«

Ramon stand wie versteinert vor ihm. So, als hatte er gerade eine schallende Ohrfeige verpasst bekommen. Nur ein paar vereinzelte Muskeln um seinen Mund herum zuckten. Eine minimale Regung. Ein Kratzer in seiner Hülle aus Arroganz und Egomanie. Aaron meinte sogar, einen leicht glasigen Schimmer in seinen Augen zu sehen, aber er war sich ganz sicher, dass er sich täuschen musste. Nichts als Einbildung. Gefühle waren für jemanden wie Ramon doch nur Mittel zum Zweck. Höchstwahrscheinlich hatte er ihn bloß in seinem südamerikanischen Latinostolz gekränkt.

Die Tatsache, dass es nicht lange dauerte, bis sich Ramon wieder im Griff hatte, bestärkte Aaron in seinem Glauben. Gewohnt lässig und über alles erhaben schob er seine Hände in die Hosentaschen und sah Aaron dabei geradewegs in die Augen, derart intensiv und durchdringend, dass ihm beinah schwindlig wurde. »Glaub mir, das werde ich«, erklärte er, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. »… sobald du mir gesagt hast, was du mir im Gegenzug dafür anbietest.«
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