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Blurred Lines

von Sanna28
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
30.10.2019
16.02.2020
9
22.949
40
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Dieses Kapitel
11 Reviews
 
03.11.2019 1.054
 
2.Kapitel


Nachdem sie ungefähr einen halben Kilometer weit die Straße runter gelaufen, und dabei nur ein paar wenigen verirrten Seelen begegnet waren, packte Ramon ihn plötzlich unvermittelt am Arm und zog ihn nach rechts, geradewegs durch ein rostiges Eisentor hindurch in eine schmale Einfahrt, die wiederum in einen abgelegenen Hinterhof mündete. Die Beleuchtung war schummrig und entstammte einer kleinen Laterne, die links neben ihm an einer Hauswand angebracht war.

Nervös und leicht desorientiert blickte Aaron umher. Was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht. Das hier passte nicht in Ramons Schema. Normalerweise bevorzugte er stillgelegte Fabrikgebäude, diskret und anonym, aber vor allem weitläufig. Dort, wo ihnen im Notfall verschiedene Fluchtwege zur Verfügung standen. In ein Wohnhaus hatte er ihn bisher noch nie gebracht – obwohl Aaron stark bezweifelte, dass hier außer ein paar Ratten noch irgendjemand hauste. An den meisten Wänden bröckelte bereits der Putz und legte den Backstein darunter frei. Einige waren mit Graffiti verschmiert, und am Boden zwischen den Pflastersteinen wucherte kniehoch das Unkraut.

»Wo zur Hölle sind wir hier?«, fragte Aaron schließlich. Und Hölle war genau das richtige Stichwort, denn das hier wirkte wie der Vorhof zu eben jener.

Ramon blieb ihm eine Antwort schuldig und zerrte ihn einfach weiter, einmal quer über den Hof, bis sie plötzlich vor einer Treppe standen, die er durch den dichten Nebel erst gar nicht gesehen hatte. Die fünf Stufen hatten sicher auch schon bessere Zeiten erlebt … im letzten Jahrhundert. Nur widerwillig folgte er Ramon nach oben. Vor der rustikalen, alten Holztür stehend betrachtete Aaron das Schloss, das seltsamerweise ziemlich neu aussah, ebenso wie der Schlüssel, den Ramon aus seiner Hosentasche fischte und hineinschob.

Aarons Herz klopfte so laut, dass er schon befürchtete, Ramon könnte es hören. Von Sekunde zu Sekunde wurde ihm immer mulmiger zumute. Das hier war so untypisch … Noch während er darüber grübelte, schlüpfte seine Hand ganz automatisch unter sein Jackett und umschloss den Griff seiner Dienstwaffe, die er darunter versteckt in einem Seitenholster trug.

Seine Aktion blieb nicht unbemerkt. Ramon hielt augenblicklich inne und sah ihn mit einer höchst verstörenden Mischung aus Traurigkeit und Enttäuschung an. »Nach all den Wochen traust du mir immer noch nicht?«

Es war viel weniger eine Frage als eine Feststellung, und wenn es nicht so traurig, wie wahr gewesen wäre, hätte Aaron fast darüber lachen müssen. Stattdessen sah er ihn irritiert an. »Nein, natürlich nicht. Wie könnte ich? Ich bin ein Bulle, und du ein …«

»Was? Ein gemeingefährlicher Schwerverbrecher?«, bot Ramon an, als er nicht weitersprach. »Das war es doch, was du sagen wolltest, oder?«

Aaron zuckte mit den Achseln. »Na ja, vielleicht nicht so drastisch, aber sowas in der Art. Ich meine, was hast du denn erwartet? Dass ein paar Informationen einen besseren Menschen aus dir machen? Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss, aber es ändert leider nichts daran, wer du bist und was du geta …«

»Schon gut, schon gut …«, fiel ihm Ramon ins Wort und hob beschwichtigend die Hand. »Erspar mir die Moralpredigt. Ich habs verstanden.«

Aaron schüttelte verständnislos den Kopf. »Das glaube ich kaum«, legte er nach, wobei seine Stimme gemeinsam mit seiner wachenden Wut in ihm immer mehr anschwoll. »Oder hast du auch nur einmal ernsthaft drüber nachgedacht, wie viele unschuldige Menschen du auf dem Gewissen hast?«

Wider Erwarten hielt Ramon seinem anklagenden Blick stand. »Hab ich … mehr als einmal!«

»Und? Wie war das Ergebnis?«, blaffte Aaron, seine Hand immer noch am Abzug.

Ramons Schultern sanken immer tiefer und tiefer und er schluckte schwer, als er vergeblich versuchte, Haltung zu bewahren. »Ernüchternd«, gab er kaum hörbar, beinah Mitleid erregend, zu. »Aber ich kann es nun mal nicht mehr rückgängig machen … und das tut mir leid, auch wenn du mir das vermutlich nicht glaubst.«

»Nein, tue ich nicht!«, erwiderte Aaron schnell, bevor ihm noch was anderes herausrutschte, denn ein Teil von ihm wollte es gern glauben. Aber wie, wenn er nicht wusste, wie viel von Ramons Reue wirklich echt war und wie viel nur das Ergebnis seines grandiosen Schauspieltalents – wovon er mit Sicherheit eine ganze Menge besaß. Aaron wurde einfach nicht schlau aus diesem Mann.

In der Zwischenzeit hatte Ramon ihn losgelassen und aufgesperrt. Ein Knarren ließ Aaron erschrocken zusammenzucken, dann schwang die Tür vor ihm auf, mit einem Geräusch wie aus dem Soundtrack eines Horrorfilms. Ramon betrat den stockdunklen Hausflur und schaltete das Licht ein. Unwillkürlich festigte sich Aarons Griff um seine Waffe noch einmal und er hakte seinen Finger in den Abzug. Dabei war er sich noch nicht einmal mehr sicher, ob er im Ernstfall tatsächlich den Mumm aufbrachte abzudrücken, wenn es sein musste.

Ramons provokantes Räuspern riss ihn aus der gefährlichen Lethargie, in die er schon wieder verfallen war, und die er sich unter den gegebenen Umständen eigentlich so gar nicht leisten konnte. Genauso wenig wie Skrupel. »Kommst du nun rein, oder nicht?«

Hatte er denn eine Wahl? Er brauchte die Informationen und Ramon war der einzige, der sie ihm geben konnte. Obwohl sich sein gesunder Menschenverstand vehement dagegen sträubte, trat Aaron ein und stieß die Tür hinter sich mit dem beherzten Fußtritt zu, ohne Ramon auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

Im Inneren des Hauses begrüßte ihn haargenau derselbe verfallene Zustand wie außen. Eine ganze Reihe verbeulter Briefkästen hing entlang des Flures. Die Namenschilder waren entweder entfernt worden, oder – falls doch noch vorhanden – so vergilbt, dass man sie nicht mehr lesen konnte. Inzwischen war sich Aaron ziemlich sicher, dass hier keiner mehr lebte. Und das wohl schon eine ganze Weile. Während er darüber nachdachte, was das hier zu bedeuten hatte, passierten sie eine Tür, die einen spaltweit offenstand. Offensichtlich eine leerstehende Wohnung. Vor der nächsten blieb Ramon stehen.

»Wo … sind wir hier?«, wiederholte Aaron seine Frage von zuvor, diesmal allerdings wesentlich fordernder.

Aber Ramon machte trotzdem keinerlei Anstalten, ihm zu antworten. Erst, als er einen zweiten Schlüssel aus seiner Hosentasche geholt, aufgeschlossen, geöffnet und das Licht eingeschalten hatte, drehte er sich zu ihm um und warf ihm ein kurzes und knappes »Bei mir zuhause …« vor die Füße.

Einen Moment lang war Aarons Kopf wie leergefegt und seine Augenbrauen schossen entsetzt in die Höhe. »Was?«

Ramon nutzte seine vorübergehende Verwirrung eiskalt aus, schnappte sich seine Hand, zog ihn in den kleinen, schmalen Flur, in dem nicht ein einziges verfluchtes Möbelstück stand, und warf die Tür hinter ihm zu, dass die Wände wackelten ...
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