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Blurred Lines

von Sanna28
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
30.10.2019
16.02.2020
9
22.949
35
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Blurred Lines


1.Kapitel


Nach dem tagelangen Regen stiegen dichte Nebelschwaden vom Asphalt auf und schlängelten sich lautlos um die Häuserschluchten. Die undurchdringliche weiße Wand dämpfte sämtliche Geräusche und hüllte alles rundherum in ein tiefes Schweigen. Von Weitem konnte er das sture Rauschen des Autoverkehrs auf der wenige hundert Meter entfernten Hasting Street hören. Eine klagende Sirene heulte durch die Nacht, doch es rührte kaum an der unheimlichen Stille. Es war schon fast drei Uhr morgens, als Aaron einen letzten Blick auf sein Smartphone warf, bevor er es unterm Laufen ausschaltete, damit man ihn nicht mehr orten konnte.

Seine Schritte hallten zwischen den kahlen Häuserwänden von Downtown Eastside. Wer nur einmal falsch abbog, geriet schneller, als ihm lieb sein konnte, von den belebten Geschäftsstraßen Vancouvers in eines der ärmsten Viertel Kanadas. Fast zehntausend Drogensüchtige lebten hier auf engstem Raum. Spritzen und der Handel mit Pillen und Pulvern gehörten zum Alltag, genauso wie Abhängige, die durch die Straßen streunten und den Boden nach etwas Brauchbarem absuchen. Dementsprechend hoch war auch die Kriminalitätsrate.

Nur mühsam widerstand Aaron dem gewohnheitsmäßigen Drang sich umzusehen, obwohl jede Faser seines Körpers förmlich danach lechzte, sich wenigsten kurz zu vergewissern, dass ihm niemand gefolgt war. Aber er tat es nicht. Er hatte schon lange nichts mehr zu verlieren. Außerdem war er es gewohnt, mit der ständigen Gefahr zu leben, schließlich machte er den Job bei der Drug Unit schon fast fünzehn Jahre. Aber für ihn war es viel mehr als das. Für ihn war es eine Berufung. Eine Mission. Seit sein geliebter Bruder Steven mit gerade mal siebzehn im Kugelhagel der beiden größten, rivalisierenden Drogengangs der Stadt ums Leben gekommen war, hatte er sein gesamtes Dasein dem Kampf gegen das verfluchte Teufelszeug verschrieben. Gegen die Leute, die es einführten und vertickten. Und er hatte sich geschworen, denjenigen zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, der den unschuldigen Jugendlichen auf dem Gewissen hatte. Der einem halben Kind, das vermutlich nur aus Versehen zwischen die Fronten geraten war, eine Kugel in den Kopf gejagt hatte.

Keiner der wenigen, damals Festgenommenen, wollte irgendwas gesehen haben, weil jeder von ihnen wusste, dass der lange Arm von El Capitan, dessen Gang bei der Schießerei als klarer Sieger hervorgegangen war, und der im Zuge dessen die alleinige Kontrolle über die Drogenszene der Stadt übernommen hatte, auch bis in die hinterste Ecke der abgelegensten Gefängniszelle reichte.

Aber obwohl es nahezu unmöglich erschien, den Täter jemals zu finden, weil es der Suche nach der berühmten Nadel im Hauhaufen glich – vor allem nach so langer Zeit – war Aufgeben für Aaron nie in Frage gekommen, denn Stevens Tod hatte eine tiefe Leere in seinem Herzen hinterlassen. Eine, von der er nicht wusste, ob sie je wieder gefüllt werden konnte. Nur die Hoffnung auf Rache nährte es weiter, und hielt es am Schlagen.  

Seit jenem Tag fiel es ihm nur allzu leicht, Menschen und Dinge in Sparten zu unterteilen. In Gut oder Böse. In Richtig oder Falsch. Und nun hatte es ein einzelner Mann tatsächlich geschafft, sein gesamtes, glasklares Weltbild ins Wanken zu bringen. Schon nach dem ersten Treffen mit Ramon Santos waren seine sonst so klar gezogenen Grenzen auf einmal völlig verschwommen. Der in allen Belangen merkwürdige, ja, Aaron wollte sogar sagen unkonventionelle Mann mit den kolumbianischen Wurzeln, passte in keine seiner Schubladen. Seinetwegen hatte Aaron nun schon diverse Male seine hochheiligen Prinzipien über den Haufen geworfen. Schon die Vorstellung im gleichen Raum mit ihm zu sein und dieselbe Luft zu atmen wie er, ließ das Blut in Aarons Adern kochen … allerdings ganz anders, als es eigentlich sollte.

Wann immer sie sich begegneten, war da diese kaum auszuhaltende, seltsame Spannung zwischen ihnen, die für Aaron nicht greifbar war. Und noch viel weniger verständlich. Sosehr er sich auch dagegen wehrte, Ramon weckte unbekannte Sehnsüchte in ihm und schaffte es jedes Mal wieder, seine Fantasien in eine, ihm völlig neue Richtung abdriften zu lassen. Obwohl sich Aaron in dieser Hinsicht nie limitiert, oder gar festgelegt hatte, war ihm eigentlich immer klar gewesen, dass er eines Tages – wenn er endlich bekommen hatte, was er wollte – eine liebevolle Frau heiraten und eine ganze Horde süßer, kleiner Bälger mit ihr zeugen würde, sobald ihm die Richtige dafür begegnete. Falls es denn überhaupt irgendjemand schaffte, sein Herz für etwas anderes als seinen unstillbaren Durst nach Rache zu öffnen, denn bisher war es noch keiner gelungen, ihn länger als ein paar Nächte an sich zu binden.

Während Aaron schon wieder drohte, heillos in seinen Gedanken zu versinken, verspürte er plötzlich wie aus dem Nichts heraus, einen warmen Hauch an seinem Hals. Unwillkürlich stellten sich sämtliche Nackenhärchen auf und die Haut darunter begann bedächtig zu kribbeln.

Er war da … direkt hinter ihm. Und er musste ihn noch nicht einmal berühren, dass jeder gottverdammte Nerv in ihm sofort überreizt um Hilfe schrie. Verbissen presste Aaron seine Lippen aufeinander und versuchte, sich nichts von dem gerade in ihm losbrechenden Sturm anmerken zu lassen. Er lief unbeirrt weiter, während ihm sein Schatten lautlos folgte.

Mit jedem zurückgelegten Meter wuchs die Stille allmählich zu einem unangenehmen Schweigen. Ramon brach es, ehe es unerträglich wurde. »Verrätst du mir, wovon du eben geträumt hast, el comisario?«

Aaron konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Es gefiel ihm, wenn Ramon ihn so nannte. Es schaffte eine gewisse Vertrautheit, so gefährlich und falsch sie auch sein mochte. Er hätte es vor ihm niemals zugegeben. Aber Ramon wusste es trotzdem – genau wie Aaron um das zufriedene Grinsen wusste, das nun über dessen Lippen zog. Um das unergründliche Funkeln in seinen großen, dunklen Augen. Leider lächelte Ramon nur höchst selten. Vermutlich, weil es als rechte Hand eines brutalen Drogenbarons nicht sonderlich viele Gründe dafür gab.

Der Gedanke führte Aaron ganz automatisch zu der Frage zurück, warum Ramon am Stuhl seines Bosses sägte, saß er doch bereits seit vielen, vielen Jahren quasi mit ihm am Thron. El Capitan, dessen bürgerlichen Namen niemand kannte, ging straff auf die siebzig zu. Der Alte – wie Aaron ihn immer zu nennen pflegte – hatte kaum Personen in seinem Dunstkreis, die er respektierte. Oder denen er vertraute. Und es gab nur einen, den er wirklich achtete … Ramon war sein Kronprinz, der irgendwann einmal sein Erbe antreten sollte. Der Alte behandelte ihn wie seinen Sohn, deshalb verstand Aaron noch viel weniger, was Ramon zu diesem eiskalten Verrat veranlasst hatte. Der Halbkolumbianer brachte sich damit um seine eigene Zukunft.

Aaron hatte viele Theorien. Vielleicht waren ihm ja Zweifel gekommen. Oder Skrupel. Womöglich plagte ihn auch das schlechte Gewissen. Es blieben Theorien, denn Ramon hatte bisher alle seine Fragen dahingehend konsequent abgelockt. Und es gab weiß Gott noch so viele andere, die er ihm gern gestellt hätte. Fragen, auf die er aber vermutlich nie eine Antwort bekommen würde. Zum Beispiel, warum er von Anfang an auf ihn als alleinigen Kontaktmann bestanden hatte. Oder warum er seine Geheimnisse nur ihm anvertrauen wollte. Inzwischen hatte Aaron sich damit abgefunden, es nicht zu wissen, denn alles, was letztlich zählte, war die Tatsache, dass sich Ramons Informationen immer als absolut vertrauenswürdig erwiesen hatten. Er hatte nicht ein einziges Mal gelogen.

Aber Ramon als Person war und blieb ihm ein Rätsel. Ein Mysterium. Undurchsichtig … und faszinierend zugleich.

»Und? Was ist denn nun?«, hakte Ramon schließlich nach, als er ihm auch nach einer gefühlten Ewigkeit noch nicht geantwortet hatte. »Wirst du es mir erzählen?«

Aaron schüttelte den Kopf. »Das geht dich überhaupt nichts an«, erwiderte er mit betont frostiger Stimme, um Ramon so gut es ging auf Abstand zu halten. Die Art von Nähe, die er suchte, war auf keinen Fall dienlich.

»Komm schon, es bleibt auch unter uns«, ließ Ramon trotzdem nicht locker.

»Vergiss es! Ich bin nicht hier, um mit dir zu plaudern. Sag mir lieber, was ich hören will«, gab Aaron stur zurück. Bisweilen war es gut, Ramon – und vielleicht auch sich selbst – wieder daran zu erinnern, dass ihre Treffen rein beruflicher Natur waren.

Schwer seufzend, als hätte ihn Aarons Ablehnung tatsächlich getroffen, stieß Ramon seinen Atem aus und warf ihm ein kurzes und schmerzloses »Nicht hier« vor die Füße, ehe sich seine schlanke, hochgewachsene Gestalt aus Aarons Schatten löste und die Führung übernahm.

Eigentlich hätte Aaron dringend auf den Weg achten müssen, stattdessen musterte er ziemlich eingehend Ramons Kehrseite. Zu keiner Zeit konnte er das unverfänglicher tun als in Momenten wie diesen.

Selbst von hinten betrachtet war der Halbkolumbianer eine imposante Erscheinung. Überraschenderweise bediente er in so gut wie gar keiner Weise das gängige Klischee vom impulsiven, rassigen Südamerikaner. Weder von seiner Mentalität her – denn dafür war er viel zu überlegt und kalkulierend – noch was sein Aussehen betraf. Vom nicht vorhandenen Akzent ganz zu schweigen. Wahrscheinlich hatte er einfach mehr von seiner kanadischen Mutter geerbt als von seinem kolumbianischen Vater. Ramons mittellanges, fast schwarzes Haar war mal wieder frisch geschnitten. Ein bisschen wild, und auf eine unglaublich attraktive Art »messy«. Trotzdem wirkte es dank des lockeren Seitenscheitels immer auf den Punkt frisiert. Fast so, als war er direkt einem Magazin für jugendliche Männermode entsprungen. Wenn Aaron nicht aus sicherer Quelle gewusst hätte, dass er schon einundvierzig war, hätte er ihn wohl auf allerhöchstens dreißig geschätzt. Ramon war zweifelsohne ein fleischgewordener Frauentraum, wäre da nicht dieses kleine pikante Detail gewesen, dass man ihm nachsagte, er würde auf sexueller Ebene ausschließlich mit seinesgleichen verkehren.

Ein Detail, das Aaron – wenn es denn der Wahrheit entsprach, und danach sah es nun mal aus – zunehmend Bauchschmerzen bereitete. Gleichzeitig bescherte es ihm ein angenehmes Kribbeln in seiner Magengegend. Das, was er in Ramons Gegenwart empfand, war mindestens genauso widersprüchlich, wie der Mann selbst.

Eigentlich hatte Aaron sich geschworen, nicht mehr darüber nachzudenken. Allerdinges gestaltete sich das äußerst schwierig, solange Ramon wie ein lebendes Mahnmal vor ihm her stolzierte. Er konnte ja gar nicht anders, als ihn regelrecht anzustarren. Um dem Einhalt zu gebieten, lenkte Aaron seinen Blick auf den Rand von Ramons weißem Hemd, das unter dem Kragen seines dunklen Sakkos hervorspitzte und mindestens genauso perfekt saß, wie die dazu passende Hose. In seinen vermutlich maßgeschneiderten Anzügen konnte man ihn leicht für einen biederen Geschäftsmann halten, aber Aaron wusste, wie sehr der Schein trog, denn unter dem edlen Stoff verbarg sich alles andere als das. Ramon hatte zwar rein optisch so gar nichts mit den kleinen, schmierigen Dealern gemein, die auf der Straße die Drecksarbeit für ihn und El Capitan erledigten – aber moralisch gesehen war er noch tausendmal schlimmer. Und Aaron musste sich in letzter Zeit immer öfter ermahnen, nicht zu vergessen, wer und was Ramon wirklich war: Ein Mann, der dir im ersten Moment freundlich ins Gesicht lächelte, nur um dir im nächsten von hinten ein Messer in den Rücken zu rammen …
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