Das Versprechen zweier Brüder

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P16
Lucas Yuugo
29.10.2019
29.10.2019
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Hallo allerseits!

Ich begrüße euch recht herzlich zu meinem neuesten Streich! Und weil diese Kategorie einfach mehr Inhalt benötigt und ich sowieso der Materie gerade komplett verfallen bin, ist es erneut ein kleiner Oneshot zu The Promised Neverland geworden. Dieses Mal habe ich mich an meinen zwei absoluten Lieblingscharakteren Lucas und Yuugo versucht, was großen Spaß gemacht hat ^^
Wer bislang nur den Anime gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, empfehle ich lieber wieder wegzuklicken, allen anderen wünsche ich noch viel Freude mit meiner Fanfiktion und einen schönen Tag!



~~~ ~~~ ~~~



Ein dunkler Raum aus kaltem Stein. Verwaiste Betten übereinandergestapelt und lieblos zur Seite geschoben. Eine Stahltür, halb offen stehend, sodass fernes Licht wabernde Schatten an die Wände warf.
Und zwei Männer, in all dieser Finsternis.

Raue Spitzen bohrten sich in Lucas‘ Handschuh, als er zur Wand schritt, die er bis soeben schweigend betrachtet hatte. Erst zögernd, dann aber entschlossener strich er über die Wörter, die überall, an jeder Stelle, ohne Sinn und ohne Ordnung,  in den Stein geritzt worden waren.

Helft mir

Verfolger

Es tut mir leid

Dazwischen Striche, für jeden einzelnen Tag, der vergangen war.

Und Namen. Über und über die Namen seiner Brüder und Schwestern.

Seinen eigenen.

„Und das alles hast du…?“, fragte Lucas noch immer zur Schrift gewandt in die Stille hinein, ehe er verstummte.

„Ja. Ich… ich wusste nicht, was ich noch tun sollte.“ Yuugos Stimme klang brüchig, erdrückt unter der Last der vielen einsamen Jahre. Am Boden saß er, den Kopf zur Erde geneigt. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, wovon Lucas sprach. Niemand anderes als er selbst hatte diese Wörter, diese unerhörten Hilfeschreie in den Stein geritzt. Nur sein Messer hatte es dazu gebraucht, sein Messer und seine zitternden, blutigen Hände.

Und die Gewissheit, dass alleine er überlebt hatte.

Lucas drehte sich zu ihm um, noch immer die Kerben berührend. Es schmerzte ihn , Yuugo so vor sich zu sehen, erfüllt mit nichts als Schuld und Reue. Vor dreizehn Jahren, als sie einander verloren hatten im Kampf gegen die Dämonen, waren sie an zwei Orten geendet, so nah und doch Welten entfernt. Lucas im Gouldy Pond, im Jagdrevier der adeligen Dämonen höchstpersönlich, ohne Waffen, ohne Schutz. Seines rechten Armes beraubt, gekennzeichnet vom Blutdurst seiner Widersacher. Jeden einzelnen Tag um sein Leben bangen müssend, all die vielen Jahre lang.

Und Yuugo hier, im Schutzbunker, unversehrt und sicher und mit dem Wissen lebend, als einziger aus seiner Familie überlebt zu haben.

Lucas wusste, das Schicksal seines Bruders war so unendlich schwerer zu ertragen gewesen als sein eigenes.

Langsam ging er zu Yuugo zurück, kniete sich vor ihn hin, seine Hand auf dessen Schulter legend.
„Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie es für dich gewesen seien muss“, sagte er bedrückt. „Jeden Tag habe ich nur gehofft, du hättest es überlebt. Wärst in Sicherheit. Hättest die Welt der Menschen gefunden… Dann kam Emma und erzählte mir alles, erzählte, sie hätte dich getroffen, es ginge dir gut und...“
Lucas schüttelte den Kopf, lächelnd vor Erleichterung und Gram.
„Ich war so froh… so unendlich froh.“

Yuugo hob den Kopf. „Wie konntest du froh sein?“, fragte er voller Bitterkeit. „Du hast jeden Tag dein Leben aufs Spiel gesetzt, um das der Kinder zu retten. Und ich? Ich habe mich hier versteckt und rein gar nichts getan wie der Feigling, der ich bin.“

„Das ist nicht wahr.“ Lucas zog ihn in seine Umarmung, und Yuugo ließ es einfach geschehen, ohne sich zu rühren.
„Du hast uns gesucht, nicht wahr? Hast Ausschau gehalten, ob nicht doch jemand den Angriff der Monster überlebt hatte… Ein Feigling hätte sich hier ein bequemes Leben gemacht und uns vergessen. Aber nicht du, Yuugo. Du hast uns gesucht, immer.“

„Was hat es genützt? Ich bin da draußen umhergeirrt und habe doch nichts erreicht… Wenn ich dich doch nur eher gefunden hätte, dann...“

„Ich bin froh, dass du es nicht hast!“ Energisch schob er Yuugo von sich, ein Funkeln in den Augen.
„Nicht auszudenken, wenn auch noch du im Goldy Pond gelandet wärst! Die Dämonen wären auf der Stelle über dich hergefallen.“

„Du unterschätzt mich, alter Freund.“ Das erste Mal, seit sie in den Bunker zurückgekehrt waren, zeigte Yuugo sein altes, bissiges Grinsen. „Vorher hätte ich diesen Monstern den Schädel weggeblasen.“

„Oder du wärst über deine eigenen Füße gestolpert, wie früher. Und ich hätte dich dann retten müssen-“

„-wie früher“, beendeten beide den Satz und prusteten los, genau wie früher, in ihrer allzu fernen Kindheit.

„Nein, wirklich, es war gut, dass du an diesem Ort geblieben bist“, sagte Lucas und rieb sich noch immer lächelnd die Nasenspitze. „So konntest du von außen den Gegenangriff starten. Ohne dich wären die Kinder und ich verloren gewesen.“

„Das ändert trotzdem nichts an der Tatsache, dass ich dich im Stich gelassen habe, als es drauf ankam.“ Yuugo senkte abermals den Blick, der auf seine miteinander verschlungenen Hände fiel.
„Und ich habe dir bis heute nicht deinen Handschuh zurückgegeben.“

„Behalte ihn.“ Mit einer Miene, die nicht zu deuten war, umfasste Lucas seine rechte Schulter, wo nichts mehr war als die Erinnerung an Fleisch und Knochen.
„Du kannst ihn eher gebrauchen als ich.“

„Was haben sie dir nur angetan?“, flüsterte Yuugo und legte zaghaft seine Hand an die Wange seines Bruders, ehe er vorsichtig über dessen vernarbte Haut strich.
„Es muss doch wehgetan haben, als sie...“

„Das hat es.“ Lucas lehnte sich in Yuugos Hand und ergriff sie mit seiner verbliebenen, die Augen schließend. „Es hat wehgetan. So sehr, dass ich fast den Verstand verloren hätte. Aber jetzt tut es nicht mehr weh.“
Er verstummte, und eine Träne rann seine Wange herab.
„Was war mein Schmerz schon gegen den deinen?“

Yuugo antwortete ihm nicht, atmete nur leise auf. Dann erwiderte er: „Ich war kurz davor, Lucas. So kurz davor, mir etwas anzutun. Ich ertrug das alles nicht mehr. Die Erinnerungen.. eure Schreie und dann die Stille, nichts als Stille… ich war ganz allein, und ihr wart...“

Schluchzend barg Yuugo das Gesicht in seinen Händen, zitternd und bebend und in sich zusammenbrechend. Lucas hätte nichts lieber gewollt als seinen Bruder zu trösten, ihn in den Arm zu nehmen und zu versichern, alles werde wieder gut, denn der Albtraum sei vorbei.
Doch es war nicht vorbei, würde es nie sein. Sie hatten nur noch einander, mehr nicht. Nur sie zwei hatten überlebt, von all ihren Brüdern und Schwestern, die aufgebrochen waren, um frei zu sein, zu leben.
Wie konnten sie nicht wünschen, endlich wieder bei ihnen zu sein?

„Und dann kamen die Kinder.“ Yuugos Stimme, die bis soeben verstummt war, erhob sich, erfüllt mit nichts als Verwunderung und Stolz.
„Sie sind einfach hier aufgetaucht mit ihrem komischen Kugelschreiber und haben alles auf den Kopf gestellt. Was hab ich sie am Anfang verflucht, sie und ihre neunmalklugen Sprüchen und ihre hoffnungsvollen Augen.“ Breit grinsend schüttelte Yuugo den Kopf, nach allem noch immer verwundert über die Dreistigkeit der Kinder aus dem Grace Field House.
„Sobald sie da waren, habe ich nicht einmal daran gedacht, mir die Kugel zu geben. Emma und Ray und alle anderen… sie haben mich gerettet. Und ich Scheusal habe nichts Besseres zu tun gehabt, als sie wieder loswerden zu wollen.“

„Sei froh, dass du es wolltest“, sagte Lucas. „Nur so konnte Emma in den Goldy Pond gelangen, nur so konnte sie mich finden. Nur so konnte sie uns alle retten.“

Yuugo nickte, dachte an das Mädchen, das er verflucht und gehasst und in ihren sicheren Tod geschickt hatte, nur damit sie ihm seinen verlorenen Bruder zurückbringen konnte. Die ihn von Anfang an hatte aus der Dunkelheit seiner Schuld und Isolation lösen wollen, und die ihm mittlerweile ebenso am Herzen lag wie seine verstorbenen Geschwister.

„Lucas!“ Yuugo richtete sich mit einem Mal auf, die Hände zu Fäusten geballt. „Ich will, dass du mir ein Versprechen gibst! Nein, dass wir den Kindern ein Versprechen geben! Dass wir von nun an immer auf sie acht geben werden. Dass wir für diese Jungen und Mädchen sind, was unsere eigene Mama nicht für uns war. Dass wir nicht zulassen, dass ihnen etwas zustößt, koste es, was es wolle!“

Verblüfft lauschte Lucas den Worten seines Bruders, ehe er ebenfalls zuversichtlich lächelte und seine Schulter packte.

„Ich verspreche es. Ich verspreche, dass wir diesen Kindern eine Zukunft schenken werden. Selbst wenn es unser Leben kostet.“
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