Bulletproof Love

von Red-Sky
GeschichteRomanze, Suspense / P16
J-Hope Jimin OC (Own Character) RM Suga V
29.10.2019
15.01.2020
12
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Kapitel 1: Blood Sweat & Tears


Das Licht des Mondes spiegelte sich in den Pfützen auf dem nassen Asphalt. Es war eine kalte Herbstnacht in Seoul, doch das ungemütliche Wetter hielt mich nicht davon ab, das Haus zu verlassen. Ich hatte ein klares Ziel vor Augen und lief mit schnellen und entschlossenen Schritten durch die dunklen Gassen.

Mit jedem Meter, den ich zurücklegte, entfernte ich mich weiter vom Stadtzentrum und begab mich tiefer in das Gebiet, das die Gangs der Stadt als ihr Zuhause betrachteten. Mein weiter Mantel verbarg meine zierliche Statur, doch er half kaum gegen die Kälte, die mir langsam aber sicher in die Glieder kroch und mich zittern ließ. „Dass diese verdammten Kriminellen sich aber auch immer nachts treffen müssen“, fluchte ich leise vor mich hin. „Das ist so klischeehaft.“ Mit einem sarkastischen Augenrollen zog ich mein Smartphone aus der Tasche und warf einen prüfenden Blick auf die Adresse, die ich eingespeichert hatte. Dann verglich ich den Straßennamen mit dem Schild, das über mir an der Hauswand hing und nickte. „Gut, hier bin ich schon mal richtig.“

Ich arbeitete als Journalistin für eine Zeitung und hatte mich darauf spezialisiert, die Verbrechen der Gangs und kriminellen Organisationen Seouls aufzudecken. Selbstverständlich berichtete ich auch über andere Dinge, doch das hier war mir persönlich am Wichtigsten. Ich wusste, dass die Behörden oft wegschauten, wenn Verbrechen geschahen und das ging mir gehörig gegen den Strich. Viele Polizisten ließen sich mit Bestechungsgeld leicht auf die Seite der Kriminellen ziehen. Ich wollte nicht untätig herumsitzen und hatte mir fest vorgenommen, diese Menschen nicht ungestraft davonkommen zu lassen. Es war mein Ziel, dass die Bevölkerung davon erfuhr – das hatte ich mir vor langer Zeit geschworen. Mein Hass für diese Kriminellen kannte keine Grenzen.

Das war der Grund, warum ich mitten in der Nacht durch eine dunkle Gasse lief und mir wortwörtlich den Arsch abfror. Ich hatte einen Hinweis erhalten, dass heute ein Drogendeal stattfinden sollte und ich wollte mir natürlich nicht entgehen lassen, sämtlichen Leuten, die daran beteiligt waren, die Suppe zu versalzen. Dass ich mich dafür in unnötige Gefahr begeben musste, scherte mich herzlich wenig. Ich war ziemlich stur und wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann würde ich es auch durchziehen. Koste es, was es wolle.

Meine vor Kälte zitternden Finger verkrampften sich um den Griff meiner Handtasche. Ich hatte meine Kamera darin verstaut, denn ich plante den Deal zu fotografieren – schließlich brauchte ich handfeste Beweise, wenn ich etwas ausrichten wollte. Bis jetzt war es mir bereits einige Male gelungen, ungesehen Fotos zu machen, die dann im Nachhinein entweder in der Zeitung, oder auf meinem Blog landeten. Meine Redakteurin war nicht sonderlich begeistert davon, wenn ich mich für einen guten Zeitungsartikel in Gefahr begab – deshalb weigerte sie sich manchmal, meine Artikel zu veröffentlichen. Wenn das passierte, postete ich sie stattdessen auf meinem Blog. Dort hatte ich mittlerweile eine große Leserschaft angezogen.

Mit einem leisen Seufzen strich ich mir eine haselnussbraune Haarsträhne aus der Stirn und setzte meinen Weg fort. Ich befand mich nun ganz nah an dem besagten Treffpunkt für den Drogendeal und langsam machte sich Nervosität in mir breit. Meine Schritte wurden langsamer, als ich in die nächste Gasse abbog. Auf einmal blieb ich mit dem Fuß an etwas hängen, stolperte ungeschickt durch die Dunkelheit. Meine Hände fanden an der Hauswand Halt und bewahrten mich davor, mit dem Gesicht in einer dreckigen Pfütze zu landen.

„Scheiße, was war das denn?“, fluchte ich und drehte mich um. Sofort erstarrte ich. Meine Augen wurden immer größer und größer. „E-Eine Leiche?“, stotterte ich und presste mir die Hände vor den Mund. Mir wurde übel und für einen Moment verschwamm alles um mich herum. Plötzlich befand ich mich an einem anderen Ort, sah den leblosen Körper meines älteren Bruders vor mir. Er war voller Blut und rührte sich nicht. Tränen traten in meine Augen, ich blinzelte – und mit einem Schlag befand ich mich wieder in der dunklen Gasse und blickte auf den Fremden hinunter.

Ich erwachte aus meiner Starre und kniete mich neben ihn auf den Boden. Das schwache Licht der Straßenlampen reichte gerade aus, um seine Gesichtszüge auszumachen. Es war ein junger Mann – er konnte nicht älter als 25 oder 26 sein. Sein silberblondes Haar war völlig zerzaust, die blasse Haut seiner Wangen mit Blut und Dreck beschmiert. Mein Atem stockte, als ich ihn musterte. Trotz seines mitgenommenen Zustandes war er unglaublich attraktiv. Die weichen Gesichtszüge, die langen Wimpern… Ein kaum hörbarer Schmerzenslaut aus seiner Kehle riss mich aus meinen Gedanken, die ohnehin in die falsche Richtung abgeglitten waren. Panik erfasste mich, denn ich wusste nicht, was ich nun tun sollte. Er war nicht tot. Noch nicht. Das bedeutete, dass ich ihn noch retten konnte – ich musste nur einen Krankenwagen rufen und Erste Hilfe leisten, bis die Sanitäter hier waren. Das schaffte ich sicher irgendwie.

Während meine zittrigen Finger nach meinem Smartphone suchten, das irgendwo in meiner Tasche vergraben lag, öffneten sich die Augen des Fremden. Er runzelte die Stirn, wirkte zunächst verwirrt, doch dann klärte sich sein Blick und durchbohrte mich mit einer Intensität, die mich innehalten ließ.

„Wer… bist du?“, presste er mühevoll hervor. Seine Stimme klang tiefer als erwartet und der Ton, in dem er mit mir sprach, überraschte mich. Er war gefüllt mit Zweifel und Misstrauen, so als würde er erwarten, dass ich ihn auf der Stelle umbrachte. Ich konnte es ihm nicht verübeln – es war offensichtlich, was mit ihm geschehen war. Er musste ein unschuldiges Opfer der Gangs sein, genau wie mein Bruder es gewesen war. Wahrscheinlich war er einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und hatte diesen Fehler fast mit seinem Leben bezahlt.

Ich zauberte ein überzeugendes Lächeln auf meine Lippen und begegnete seinem kühlen Blick ohne zu zögern. „Mein Name ist Choi Sumi. Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, ich werde dir sofort einen Krankenwagen rufen. Es wird alles gut.“

Meine Worte lösten das Gegenteil der Reaktion aus, die ich erwartet hatte. Seine Augen weiteten sich, er sah für den Bruchteil einer Sekunde regelrecht geschockt aus, dann hatte er sich wieder im Griff und das undurchdringliche Pokerface war zurück. Seine Mundwinkel zuckten missbilligend nach unten. „Kein Krankenwagen“, stieß er hervor und ich ließ die Hand mit meinem Smartphone erstaunt in meinen Schoß fallen. Meine Lippen formten ein „O“.

„Entschuldigung, aber… ich kann dich nicht so hier liegen lassen. Du bist verletzt“, argumentierte ich, denn ich konnte nicht nachvollziehen, warum er sich gegen einen Krankenhausbesuch wehrte, wenn es ihm so schlecht ging. Mein Blick glitt von seinem blutverschmierten und von Schrammen übersäten Gesicht hinunter zu seinem Oberkörper. Das einstmals hellblaue T-Shirt war voll mit dunklen Flecken. Mitten über den Brustkorb verlief ein diagonaler Schnitt, der von einem Messer zu stammen schien. Der Stoff darum hatte sich mit Blut vollgesogen und bot einen schrecklichen Anblick. Kein Wunder war er hier in dieser Gasse einfach zusammengebrochen – mit solchen Verletzungen war es fast unmöglich zu laufen.

Meine Augenbrauen zogen sich sorgenvoll zusammen. Ich beugte mich etwas näher zu ihm und begegnete erneut seinem Blick. Ein seltsamer Ausdruck war in seine Augen getreten. Ich konnte ihn nicht benennen. „Bitte… keinen Krankenwagen“, wiederholte er mit Nachdruck und nagelte mich mit seinem glühenden Blick an Ort und Stelle fest.

„A-Aber… du brauchst Hilfe“, hauchte ich leise. „Du brauchst Hilfe“, wiederholte ich lauter und schaute ihn dickköpfig an. „Und wenn du keinen Krankenwagen willst, werde ich dir eben selbst helfen. Ich habe keine Ahnung was mit dir passiert ist, aber ich weigere mich, dich hier liegenzulassen.“

Seine dunklen Augen schlossen sich für einen Moment, ehe er sie wieder öffnete. „Du bist… hartnäckiger als Jin…“, murmelte er. Das war der einzige Kommentar, den ich von ihm bekam und ich beschloss, nicht weiter nachzuhaken. Dieser Jin war vermutlich ein Freund von ihm.

„Ich bringe dich zu meinem Auto. Es steht nicht weit von hier. Glaubst du, dass du aufstehen kannst?“, sprach ich weiter. Er verzog das Gesicht bei dem Versuch sich hinzusetzen und ich legte einen Arm um seinen Rücken, um ihn zu stützen. Dabei spürte ich, wie unglaublich kalt er sich anfühlte. Sein T-Shirt war vom Regen völlig durchnässt und klebte auf seiner Haut. Es grenzte an ein Wunder, dass er noch nicht bewusstlos geworden war. Ohne groß nachzudenken, streifte ich meinen warmen Mantel ab und legte ihn ihm um die Schultern. Diese Geste quittierte er mit einem überraschten „Danke“, das so leise war, dass ich es beinahe nicht gehört hätte. Ich unterdrückte ein Frösteln, als die unerbittlich kalte Nachtluft über meine nackten Arme streifte und verfluchte mich dafür, heute nur eine dünne Bluse angezogen zu haben. Eigentlich sollte ich es besser wissen.

Mit meiner Hilfe schaffte er es letztendlich, auf die Beine zu kommen. Dabei stöhnte er vor Schmerz und hielt eine Hand auf die Wunde auf seinem Oberkörper gepresst. Den anderen Arm hatte er um meine Schultern gelegt. Ich stützte ihn so gut es ging, musste aber feststellen, dass ich mit seinem Gewicht zu kämpfen hatte. Meine eigene Statur war klein und zierlich, was mein Vorhaben nicht leichter machte. Mühsam und viel zu langsam für meinen Geschmack bewegten wir uns durch die Gassen in Richtung meines Autos. An den Drogendeal verschwendete ich keinen Gedanken mehr. Das hier war viel wichtiger.

Die Nacht war gespenstisch still. Man hörte nichts, bis auf die schweren Atemzüge meines blonden Begleiters. Mein forschender Blick legte sich auf ihn und verharrte für eine Weile, während ich meinen Gedanken nachhing. „Was ist?“, fragte er mit rauer Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. Schnell wendete ich den Blick ab und sah geradeaus auf die Straße.

„Ich… es ist nichts. Ich habe mich nur gefragt, wie du heißt“, erwiderte ich. Er blieb still, ließ sich mit seiner Antwort so lange Zeit, dass ich glaubte, er würde mir nie eine geben. Wahrscheinlich zweifelte er an meiner Absicht ihm zu helfen. Vielleicht dachte er, dass ich zu einer Gang gehörte und ihm in den Rücken fallen würde, sobald wir mein Auto erreicht hatten. Schließlich trieben sich normale Leute nicht an diesem Ort herum, schon gar nicht mitten in der Nacht.

„Du traust mir nicht“, stellte ich fest. „Kann ich nachvollziehen. Du musst mir deinen Namen nicht verraten, wenn du nicht möchtest. In deinen Augen bin ich wohl nichts weiter als eine Kriminelle, die sich mitten in der Nacht auf der Straße herumtreibt.“ Ich spürte seinen schweren Blick auf mir, doch ich schaute weiter geradeaus. „Ich arbeite für eine Zeitung. Heute Nacht hätte hier in der Gegend ein Drogendeal zwischen zwei Gangs stattfinden sollen. Eigentlich war es mein Ziel, darüber zu berichten und die ganze Aktion aufzudecken, aber dann bin ich im wahrsten Sinne des Wortes über dich gestolpert.“

Ich schaute in sein Gesicht, das Unglauben widerspiegelte. „Für so etwas begibst du dich in Lebensgefahr? Wenn du erwischt wirst, lässt man dich nicht mehr gehen, das ist dir doch klar, oder? Du musst wahnsinnig sein…“, brummte er und schüttelte den Kopf.

„Du bist nicht der Erste, von dem ich das höre“, antwortete ich mit einem wehmütigen Lächeln. „Aber ich habe meine Gründe für das, was ich tue. Und ich weiß, dass ich das Richtige tue.“

Den Rest des Weges zu meinem Auto legten wir schweigend zurück. Als wir den kleinen silbernen Hyundai erreicht hatten, den ich mir vor Jahren zugelegt hatte, spürte ich, wie der Blondhaarige sich verkrampfte. Er warf mir einen misstrauischen Blick zu und ließ mich nicht mehr aus den Augen. Ich konnte die Nervosität, die sich gerade in mir breitmachte, nicht unterdrücken. Dachte er, ich würde ihm jetzt etwas antun? Misstraute er mir so sehr? Er musste ein sehr argwöhnischer Mensch sein, wenn er jemandem wie mir zutraute, ihn zu verletzten oder gar zu töten. Ich hatte nicht einmal genug Muskeln für ein paar Liegestütze. Jemand wie ich könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Ganz zu schweigen davon, dass ich das auch gar nicht wollte.

Ich schloss das Auto auf und half ihm auf den Beifahrersitz. Sein Arm um meine Schultern spannte sich an, und für einen Moment fürchtete ich, dass er etwas vorhatte. Doch dann ließ er mich los, schaute mich nicht an und tat so, als wäre gar nichts passiert.

Zum ersten Mal, seit ich ihn in der Gasse liegen gesehen hatte, beschlichen mich Zweifel. Ich wusste nichts über diesen Mann. Nicht einmal seinen Namen. Ich hatte ihn einfach so aufgegabelt mit der Absicht ihm zu helfen und dabei keine Sekunde daran gedacht, dass er womöglich gefährlich sein könnte. Dass er mir wehtun könnte. Oder schlimmer. Was hatte er überhaupt an diesem Ort gemacht? Wer hatte ihn so schwer verletzt? War er wirklich nur ein unschuldiges Opfer, oder steckte mehr dahinter? Ich machte einen zögerlichen Schritt rückwärst, weg von dem Fremden, weg von meinem Auto. Meine Hände formten Fäuste. Ich biss mir auf die Lippe. Ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, als ich ihn mitgenommen hatte? Ob ich einfach nur dumm gewesen war?

Mein Blick fiel zurück auf den blonden Mann, der zusammengesunken auf dem Autositz saß. Sein Gesicht war vor Schmerz verzogen, die Augen mittlerweile unfokussiert. Er sah aus, als wäre er durch die Hölle gegangen und wenn ich ihn jetzt zurückließ, würde er sicher sterben. Wer auch immer für seinen Zustand verantwortlich war, würde ihn nicht ein zweites Mal davonkommen lassen. Meine Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Ich warf die Autotür zu und stieg auf der Fahrerseite ein. Dann startete ich den Motor und gab Gas, um diesen Ort so schnell wie möglich hinter mir zu lassen.

♥ ♦ ♣ ♠


Der Aufzug hielt mit einem Ruck an und die Türen glitten auf. Ich stützte den Fremden, während wir langsam und schwerfällig auf den Gang hinaustraten und vor meiner Wohnung anhielten. Mit zittrigen Fingern steckte ich den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf. Sobald sie hinter uns zugefallen war, atmete ich erleichtert aus und ein Teil der Anspannung fiel von mir ab. Der riskanteste Teil war geschafft – nun musste ich nur noch dafür sorgen, dass er mir nicht verblutete.

Ich brachte den Blonden ins Schlafzimmer, wo er sich mit einem erleichterten Seufzen auf mein Bett sinken ließ. Hastig rannte ich ins Badezimmer, holte das erste Hilfe-Set, das ich im Schrank aufbewahrte, ein Handtuch und etwas Wasser. Dann ging ich zurück und setzte mich neben den Fremden, der jetzt wieder etwas wacher wirkte als eben im Auto. Er schaute sich mit unverhohlener Neugier im Zimmer um, während ich das erste Hilfe-Set auspackte und den Inhalt auf dem Bett verteilte. Zugegeben, es war im Moment nicht sehr ordentlich hier drinnen, aber damit musste ich nun leben. Ich hatte nicht mit einem Gast gerechnet, als ich vorhin losgegangen war. Ein paar Kleidungsstücke hingen noch über meinem Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand, wo sich auch mein Computer befand. Dort stapelten sich Ordner und lose Blätter. Ich hatte mir heute Nachmittag nicht die Mühe gemacht, sie einzusortieren und irgendwie bereute ich das jetzt.

Über meinem Schreibtisch hing eine breite Magnettafel, wo ich diverse Zettel und Zeitungsartikel angeheftet hatte. Darunter waren auch die Namen einiger bekannter Krimineller, denen ich auf die Schliche gekommen war. Diese hatten die Aufmerksamkeit des Blondhaarigen auf sich gezogen, der seine Schmerzen für den Moment vergessen hatte und meine Notizen überflog. Seine Augen blieben an einem unscheinbaren Papier hängen, das ganz außen am Rand hing. Darauf standen die Namen Suga, RM und J-Hope. Ich wusste nicht, warum er sich ausgerechnet dafür interessierte. Bei den dreien handelte es sich um berühmt berüchtigte Kriminelle, denen ich bisher nicht begegnet war. Ich hatte genug über sie gehört, um zu wissen, dass es besser wäre, wenn das auch weiterhin so blieb. Als der junge Mann weiterhin meine Notizen studierte, ohne mich zu beachten, räusperte ich mich ungeduldig. Jetzt endlich wendete er sich mir zu. Sein Gesichtsausdruck war unlesbar, doch seine Augen spiegelten eine Neugierde wider, die ich zuvor noch nicht in ihnen gesehen hatte.

„Sumi… Du bist also wirklich eine Journalistin“, stellte er mit leiser Stimme fest und ich nickte.

„Ja, wie ich bereits gesagt habe. Ich lüge nicht“, erwiderte ich mit einem Schmunzeln und begann damit, ihm mit dem nassen Handtuch vorsichtig das Blut aus dem Gesicht zu wischen. Diese Erkenntnis stimmte ihn irgendwie zufrieden, denn die Anspannung, die die ganze Zeit über in seiner Haltung gewesen war, verschwand endgültig. Seine Schultern sanken ein Stück herab.

„Du hast nicht wirklich gedacht, dass ich ein… geisteskranker Mörder bin, oder?“, fragte ich grinsend, woraufhin sich ein kaum merkliches Lächeln auf seinen blassen Lippen ausbreitete.

„Man kann nie wissen“, erwiderte er geheimnisvoll, und musterte mich dabei, wie ich die Schnitte auf seinen Wangen desinfizierte und Pflaster darauf verteilte. Damit sah er irgendwie ganz süß aus – auch wenn ich das niemals laut ausgesprochen hätte. Sobald ich fertig war, bedeutete ich ihm, das Shirt auszuziehen, was er mit etwas Mühe auch tat.

Als ich seinen nackten Oberkörper sah, blieb mir kurz die Luft weg. Er war schwerer verletzt, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Der tiefe Schnitt auf seiner Brust ließ mich scharf einatmen, denn er sah sehr schmerzhaft aus. Vorsichtig und bedacht darauf ihm nicht noch mehr wehzutun, begann ich das Blut und den Schmutz abzuwischen. Dabei bemerkte ich, dass er erstaunlich muskulös war. Über seinen Rippen entdeckte ich ein kleines Tattoo. Die Buchstaben BTS stachen mir ins Auge und ich fragte mich, was sie wohl bedeuteten.

Noch während ich mich um seine Wunden kümmerte und Verbände anlegte, tauchten immer mehr Fragen in meinem Kopf auf. Wer war dieser mysteriöse Fremde? Ich begann daran zu zweifeln, dass er so unschuldig war, wie ich vorhin noch gedacht hatte. Die vielen Piercings an seinen Ohren und das rätselhafte Tattoo deuteten darauf hin, dass er selbst zu einer Gang gehörte. Es kam nicht selten vor, dass sich die Mitglieder einer Gang alle das gleiche Motiv stechen ließen – vielleicht handelte es sich bei den Buchstaben um eine Abkürzung für einen Gangnamen? Sein muskulöser Körperbau und die Tatsache, dass er mir nicht einmal seinen Namen verraten wollte, untermauerten meine Vermutung. In was war ich da bloß hineingeraten?

„Woran denkst du?“, riss mich seine Stimme plötzlich aus meinen Gedanken. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich eine ganze Weile einfach nur dagesessen und ins Nichts gestarrt hatte. Seine Wunden hatte ich bereits versorgt, deshalb glich sein Oberkörper jetzt dem einer Mumie.

Ich spürte wie ich rot wurde und wich seinem Blick aus. „Ähm… nichts Besonderes. Ich… habe mich nur gefragt, ob du vielleicht Hunger hast?“, stotterte ich. Er legte den Kopf schief, musterte mich aus dunklen Augen, die auf den Grund meiner Seele zu blicken schienen. Ich fragte mich, ob er meine Ausrede durchschaut hatte, aber er ließ sich nichts dergleichen anmerken.

„Hmm, wenn du so fragst… ja, habe ich“, erwiderte er und grinste mich an. Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen, denn bis eben hatte er kaum eine Gefühlsregung gezeigt. Ein Lächeln stand ihm definitiv besser als sein Pokerface. Es machte ihn sympathisch und ließ eine seltsame Wärme in mir aufsteigen.

Und so kam es, dass ich nach Mitternacht mit einem wildfremden Mann an meinem Küchentisch saß und Pizza aß. Das klang unglaublich verrückt und bescheuert, aber… der Blonde schien kein schlechter Kerl zu sein. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum ich ihm letztendlich anbot, bei mir zu übernachten. Er machte einen völlig erschöpften Eindruck auf mich, und hatte Schlaf bitter nötig. In seinem Zustand wollte ich ihn nicht vor die Tür setzen.

„Ist das wirklich in Ordnung?“, hakte er zum hundertsten Mal nach, während er in meinem Schlafzimmer stand und unschlüssig, aber gleichzeitig sehnsüchtig auf mein weiches Bett schielte.

„Ja, das ist wirklich in Ordnung“, echote ich schmunzelnd. „Ich werde dich nach allem, was geschehen ist, nicht vor die Tür setzen. Ich würde vor Sorge die ganze Nacht kein Auge zu bekommen.“

Das Erstaunen stand ihm ins Gesicht geschrieben und er deutete mit dem Zeigefinger auf sich selbst. „Du würdest dir um mich Sorgen machen, Sumi?“

Ich stemmte die Hände in die Hüfte und musterte mich mit hochgezogener Augenbraue. „Wieso denn nicht? Ich… mag dich. Auch wenn ich dich nicht einmal richtig kenne“, sagte ich und setzte den letzten Satz etwas leiser hinzu. Er hatte mich wohl trotzdem gehört, denn er kratzte sich verlegen am Kopf, doch dann wurde er ernst und seufzte.

„Das stimmt, du kennst mich nicht. Versteh mich nicht falsch, ich bin dir dankbar für deine Hilfe, aber sei nächstes Mal bitte vorsichtiger. Nicht jeder, den du auf der Straße aufgabelst, ist so wie ich“, sagte er. „Ich kenne genug Menschen, die deinen Leichtsinn ohne Skrupel ausgenutzt hätten und dir etwas angetan hätten.“

Ich machte einen Schritt auf ihn zu, ohne den Blick von seinem Gesicht zu nehmen. „Diese Menschen, von denen du sprichst, scheinen nicht gerade von der netten Sorte zu sein“, begann ich vorsichtig. „Darf ich fragen, was passiert ist? Warum bist du so schwer verletzt? Was hast du in dieser Gasse getan?“

Sofort wurde seine Miene verschlossen. Er blickte mich mit zusammengekniffenen Augen an, bis er schließlich den Kopf schüttelte. „Das kann ich dir leider nicht sagen. Glaub mir, es ist besser, wenn du es nicht weißt“, sagte er ernst. Dabei streiften seine dunklen Augen zu meinen Notizen, die über dem Schreibtisch an der Wand hingen. Sie blieben kurz an einer Stelle hängen, ehe sie sich wieder auf mich legten.

„Kannst du mir wenigstens eines verraten?“

Er musterte mich abwartend, doch er antwortete nicht auf meine Frage. Mit einer unruhigen Bewegung strich er sich eine silberblonde Haarsträhne aus dem Gesicht und verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere.

„Gehört der Mann, dem ich heute Nacht geholfen habe, zu den Guten oder zu den Bösen?“

Erneut antwortete er nicht. Sein schwerer Blick legte sich auf mich, erdrückte mich förmlich mit seiner Intensität. Kurz blitzte Schmerz in seinen Augen auf, doch er verbarg die Emotion sofort wieder, als wäre sie nie da gewesen.

„Vielleicht gehört er zu keinem von beiden“, sagte er leise.


♥ ♦ ♣ ♠






Hallo an alle, die bis hierher gelesen haben! :D

Ich habe mich vor ein paar Tagen an diese neue FF gesetzt, nachdem ich selbst eine gefühlte Tonne von BTS FFs gelesen habe. Jetzt wollte ich auch mal meinen Senf dazugeben. :'D

Ich hoffe, dass es euch bis hierhin gefallen hat. Lasst mir ein Review da, würde mich freuen. <3

Liebe Grüße
Red-Sky
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