Past Temptation

KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
Jimin Jungkook RM Suga
29.10.2019
06.11.2019
2
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Nachdem er sich mitsamt seiner von der Farbe noch nassen Flügel die Treppe hochgeschleppt hatte, erwartete ihn ein gigantischer, geöffneter Türbogen, vor dem er ehrfürchtig den Kopf hob. Er war so hoch, dass Yoongi den oberen Teil des Rahmens nur vermutend ausmachen konnte und es schien ein Licht von ihm auszugehen, das Yoongi in seinen Bann zog. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich an die warmen Töne des Gesteins gewöhnt hatte, weil er diesen Teil der Farbpalette schon vergessen hatte; alles, was ihn die letzten Tage umgeben hatte, war tristes Grau. Vor Staunen hatte er seinen Mund unbewusst einen Spalt weit geöffnet und das Gewicht, das auf seinen Schultern lastete, fiel von ihm ab, während er geistesabwesend über die Schwelle zum anderen Teil der Unterwelt schritt.

Mit einem Mal wurde seine Sicht mit einem goldenen Schimmer übermalt, der wie mit einem blitzschnellen Pinsel alles überzog – ihm wurde angenehm warm und er spürte, wie seine Flügel in Windeseile trockneten. Eigentlich sah alles aus wie im anderen Teil der Unterwelt und doch war es so anders; es war einladend und laut, es liefen zig Menschen mit weißen Flügeln herum, aber niemand beachtete ihn. Er hörte Kichern, obwohl er selbst schon vergessen hatte, wie man lachte. Als er vergleichend einen Blick in die andere Unterwelt wagen wollte, war der Türbogen verschwunden. Verwirrt drehte Yoongi sich im Kreis und spürte einen kurzen Anflug von Panik; durfte er hier überhaupt sein? Was würde passieren, würde er erwischt? Ihm blieb kaum ein Augenblick, eher er von einer sanften Hand am Ellenbogen gefasst wurde.

„Bist du der Neue für Jimin?“, wurde Yoongi gefragt. Erschrocken starrte er den jungen Mann an, der ihn neugierig anlächelte. Ratlos, was er gemeint hatte, nickte Yoongi vorsichtig.

„Gott sei Dank, ich dachte schon, ich finde dich gar nicht mehr“, sagte der junge Mann erleichtert. „Dann weißt du ja, wie alles funktioniert. Ich bin Taehyung, wenn du trotzdem noch Fragen hast, kannst du dich an mich wenden.“ Er grinste breit und wartete geduldig, bis Yoongi ein weiteres Mal schwach nickte. „Super, ich muss direkt weiter, mein Mensch braucht mich!“ Und damit war er genau so schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Irritiert darüber, wozu er sich gerade bereit erklärt hatte, setzte Yoongi sich langsamen Schrittes in Bewegung, um seiner Mission nachzugehen, eine Person zu finden, die ihm mit seinem Flügeldilemma würde helfen können. Trotz seiner Verwunderung gefiel es ihm hier schon jetzt viel besser als in der anderen Unterwelt. Als er sich durch das Getümmel aus Federn und Körpern kämpfte, stieß er plötzlich erschrocken zurück. Er war in einen düster blickenden, pitschnassen Engel gestoßen, der ihn müde anstarrte.

Nach einer Sekunde der Stille fragte Yoongi sachte:“Ist alles in Ordnung bei dir?“

Daraufhin seufzte der Mann, der vermutlich etwas jünger als er selbst war. „Bist du neu? Ich habe dich noch nie hier gesehen.“ Wieder nickte Yoongi. „Dann willkommen, ich heiße Namjoon“, meinte er und sah ihn aufmerksam an. „Irgendwie wirkst du besonders.“ Namjoon legte den Kopf schief und betrachtete ihn einige Sekunden lang, in denen Yoongis Muskeln sich anspannten und er hart schluckte. Jetzt würde er auffallen.

„Wieso bist du so nervös? Hat dir Taehyung schon alles erklärt?“, fragte Namjoon, woraufhin Yoongi den Kopf schüttelte. „Na gut, dann nehme ich ihm das ab“, sagte der junge Mann und legte seine Hand auf Yoongis Arm. Sanft schob er ihn zur Seite und zog ihn dann hinter sich her, bis sie ein großes freies Kissen fanden, auf das sie sich fallen ließen. Ihre Flügel plusterten sich durch den Windstoß ein wenig auf und schwächten ihren Fall ab, sie schwebten in Zeitlupe herab und er wünschte sich, für immer so weiterfallen zu können, schwerelos und leicht. Doch sobald er sich darauf niedergelassen hatte, wusste Yoongi, dass er stattdessen gar nie wieder aufstehen wollte, fast fühlte es sich an, als würde er freundlich von dem angewärmten Stoff umarmt.

„Willst du dich nicht erstmal abtrocknen?“, fragte Yoongi, als er sah, dass der Stoff um Namjoon herum nass wurde und sich dunkel färbte.

Namjoon schüttelte den Kopf. „Das trocknet schnell wieder, sobald Jin sich etwas abgeregt hat“, sagte er und sah Yoongi erneut mit einem leicht prüfenden Blick an. „Du weißt wirklich noch gar nichts, oder?“

Beschämt hielt Yoongi seinem Blick stand, doch er fühlte, dass seine Wangen rot wurden.

„Nicht schlimm.“ Namjoon lächelte ihn beruhigend an, ehe er seine Augen von ihm nahm, doch nicht, ehe er ihn noch mit einem letzten schnellen Seitenblick angrinste und neckend sagte:„Aber dass du ein Schutzengel bist, muss ich dir nicht noch sagen, oder?“

Unsicher und gezwungen lachte Yoongi auf. „Nein, das weiß ich“, murmelte er, obwohl das eine dreiste Lüge war – rein gar nichts wusste er und inzwischen wurde er außerordentlich unruhig.

„Wir sind hier in der hellen Unterwelt“, sagte Namjoon und legte sich leise stöhnend auf den Rücken, „obwohl ich nicht genau weiß, was das heißt, denn es gibt nur Gerüchte von einer anderen, dunklen Unterwelt. Ich habe sie noch nie gesehen.“ Sein Blick landete wieder in Yoongis aufmerksamem Gesicht. Namjoon hörte nicht auf, ihn neugierig zu mustern, während er redete. „Was auch immer. Alle bekommen hier ihren Menschen zugeteilt, auf den sie aufpassen müssen. Beziehungsweise, man muss nicht, aber man sollte – um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht genau, was passiert, wenn man es nicht tut.“ Gedankenverloren schweifte er ab und er starrte für ein paar Sekunden mit zusammengezogenen Augenbrauen auf den Boden vor ihm.

Irgendwann räusperte Yoongi sich. Nervös fragte er:„Und wie kümmere ich mich um...“ Er stockte. Hatte ihm dieser Taehyung nicht gerade erst den Namen von jemandem genannt?

Namjoon lächelte schief und sagte:“Jimin“, und nickte langsam mit Yoongi im Takt.

„Jimin“, wiederholte dieser murmelnd.

„Niemand weiß, was mit seinem vorherigen Schutzengel passiert ist“, klärte Namjoon ihn auf, „darüber wird hier nicht geredet.“ Er lehnte sich ein Stück näher in Yoongis Richtung und sagte mit gesenkter Stimme:“Wenn ich dir die ganze Wahrheit erzählen soll: Ich habe auch ein paar Gerüchte darüber gehört, was passiert, wenn man seinen Menschen vernachlässigt, aber von denen berichte ich dir gleich. Erstmal dazu, wieso ich so“, er zeigte mit ausgestreckten Fingerspitzen auf seine Kleidung, „aussehe. Das Wetter um dich herum wird von der Gefühlslage deines Menschen bestimmt. Mein Mensch heißt Jin und er ist so dramatisch“, seufzend zog Namjoon das letzte Wort in die Länge und rollte mit den Augen. „Verstehe mich nicht falsch, er ist mir sehr ans Herz gewachsen und ich würde ihn gegen niemanden tauschen“, lächelnd fuhr er sich durchdie nassen Haare, wobei ein paar Tropfen in alle Richtungen flogen, „aber ich kenne keinen Menschen, der Emotionen stärker fühlt als Jin. Er ist schon den ganzen Tag todtraurig, weil er heute Morgen vergessen hat, Katzenfutter für den streunenden Kater in seiner Straße rauszustellen. Eigentlich nichts Dramatisches, aber für Jin“, er gab einen kurzen Pfiff von sich, „kommt es einem Weltuntergang gleich.“

Als er Yoongi anblickte, merkte er, dass dieser ihm offensichtlich nicht ganz folgen konnte. Mit weit geöffnetem Mund und noch weiter aufgerissenen Augen saß er auf dem Kissen und hatte die Hände an die Schläfen gepresst.

Langsam setzte Namjoon sich auf und sprach ruhig weiter:“Wenn dein Mensch traurig ist, wird es regnen. Ist er einsam, schneit es; ist er fröhlich, scheint warme Sonne und so weiter. Zumindest ist das bei Jin so. Nicht jeder Mensch bringt die gleichen Witterungsnuancen mit sich, weißt du. Aber das wirst du alles noch mitkriegen. Ich kenne Jimin nicht, aber vielleicht kennt Jin ihn.“ Er grinste Yoongi an und legte sich auf den Bauch. Er legte sein Kinn in seine Hände, stützte sich auf den Ellenbogen ab und sah ihn neugierig an. „Wie heißt du eigentlich?“

„Yoongi“, antwortete er und versuchte die Informationen, mit denen Namjoon ihn beschüttete, zu verarbeiten. „Und wie finde ich Jimin?“, fragte er schließlich.

Namjoon antwortete:“Keine Angst, wenn er dich braucht, dann hörst du ihn. Wenn du die Augen schließt und dich konzentrierst, bist du eigentlich schon bei ihm.“

„Und dann? Wie soll ich ihm denn helfen können?“ Frustriert dachte Yoongi, dass das alles sehr unsinnig klang und er war genervt, dass er in diese Sache gerutscht war, aber zurück in die andere Unterwelt wollte er auch nicht wieder.

„Das ist Übungssache. Manchmal muss dein Mensch nur spüren, dass du an ihn denkst, manchmal hilft es, wenn du dir vorstellst, dass du ihm die Hände auf die Schultern legst. Wenn es wirklich hart auf hart kommt oder auch, wenn dir langweilig ist“, Namjoon zwinkerte ihm zu und richtete seinen Zeigefinger auf eine kleine Häuserreihe, die etwas abgelegen war und durch deren Türen mehr Engel ein- und ausgingen, als die Häuser Kapazität haben konnten, „dann kannst du in ein beliebiges der Häuser dort drüben gehen und du bist bei deinem Menschen. Aber es ist wichtig, dass du dich nie als sein Schutzengel outest, sonst...“ Er fuhr mit seinem eben noch ausgestreckten Finger eine Linie an seinem Hals ab, streckte dann die Zunge heraus und verdrehte die Augen nach oben.

Auf Yoongis geschocktes Gesicht hin brach er in Gelächter aus. „Komm schon, wir sind doch eh schon tot, wenn wir jetzt keine Witze darüber machen können, wann denn dann?“, fragte Namjoon, während er nach Luft schnappte.

Angestrengt versuchte Yoongi, auch ein Lachen herauszupressen, doch er scheiterte kläglich. Noch immer versuchte er die Situation in Worte zu fassen. „Wir sind hier also im Him-“, er schüttelte den Kopf und korrigierte sich schnell, „in der hellen Unterwelt und müssen auf Menschen aufpassen“, schlussfolgerte er und verzog das Gesicht zu einer Mischung aus Verwirrung und Ekel, als Namjoon nickte. „Ist das nicht eher eine Strafe?“ Hätte er gewusst, dass so viel Arbeit auf ihn zukommt, hätte er sich doppelt überlegt, ob er die depressive Höhle verlässt. Apropos. „Und wenn ich… Sagen wir, organisatorische Probleme habe, an wen kann ich mich dann wenden?“, fragte er und hoffte, endlich eine Antwort darauf zu bekommen, wer seine Flügel weiß malen konnte – endgültig weiß. Vielleicht gab es ja auch noch andere Engel als Schutzengel, welche, die nicht solch eine Arbeit verrichten mussten.

Namjoon kicherte, als er sah, wie ernst Yoongi war. „Es ist gar nicht so schlimm, glaube mir. Es ist schön, sich um einen Menschen kümmern zu können und wenn man erstmal den Dreh raushat, macht es auch wirklich Spaß. Meistens.“ Er zog demonstrierend an seinem nassen Ärmel und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß zwar nicht, was du mit der Organisation meinst, schließlich sind wir nun mal tot, also mach dir nicht so viele Gedanken“, er boxte Yoongi spielerisch und aufmunternd auf die Schulter, „aber wenn du Taehyung brauchst, wird er auftauchen. Darauf musst du einfach vertrauen.“ Dann rutschte er noch ein wenig näher an Yoongi, der vollkommen überfordert von so viel neuem Wissen, Verantwortung und Nähe war und daraufhin ausweichend ein Stück nach hinten rutschte.

Leiser als zuvor setzte Namjoon wieder an und hatte einen verschmitzten Ausdruck im Gesicht. „Jetzt aber zum wirklich interessanten Thema. Anscheinend gibt es ein Pendant zur hellen Unterwelt, in der es kalt und traurig sein soll. Anscheinend laufen dort die Teufel herum und haben schwarze Flügel und“, er legte sich seine gekrümmten Zeigefinger an die Schläfen und zeigte auf kindlich gefährliche Art seine Zähne, „Hörner. Wenn man sich nicht um seinen Menschen, sondern nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmert, wird man vom Schutzengel zum Teufel degradiert. Anscheinend hatte sich vor langer, langer Zeit einmal ein Engel einen Dreck um seinen Menschen geschert und als das rauskam, wurde er als Teufel in die dunkle Unterwelt geschickt, um dort zu leiden und in Qual zu verharren. Trotzdem konnte der nun Teufel wohl immer noch nicht zu seinen Fehlern stehen, denn von dort aus hat er sich wieder in die helle Unterwelt geschlichen, um aus Wut und Eigennutz Chaos auf der Erde zu stiften, dabei ist es den Teufeln strengstens verboten, wieder in die Welt zu treten. Aber wenn ein Teufel sich dennoch auf die Erde traut, wird ihm das einzige genommen, das seinen Lebenstraum hätte erfüllen können. Siehst du, dieser Teufel hatte sein ganzes Leben darauf gepolt, einen Marathon zu gewinnen, er hat dafür seine Familie vernachlässigt und seine Freunde betrogen, weil er Geld brauchte, da er seine ganze Zeit mit dem Training verbrachte und seine Familie weder finanziell noch emotional unterstützen konnte. Er wollte seinen Fehler nicht einsehen und hat sich auf die Erde geschlichen, um endlich seinen Traum realisieren zu können, aber als er dort war, merkte er“, Namjoon legte eine Kunstpause ein und setzte sich auf, um dramatisch die Arme in die Luft zu werfen, „dass seine Beine gelähmt waren und er niemals an dem Marathon, für den er zu seiner Lebzeit alles aufgeopfert hatte, würde teilnehmen können!“ Mit großen, faszinierten Augen schaute er Yoongi erwartungsvoll an. Dann keuchte er, atemlos von seiner langen Erzählung:“Wo oder was er heute ist, weiß niemand. Aber schwarze Flügel und Hörner! Er muss so cool ausgesehen haben.“ Mit dieser Schwärmerei beendete Namjoon seinen kleinen Vortrag und ließ sich wieder rücklings auf das Kissen fallen, um strukturlose Figuren mit den Fingern in die Luft zu malen.

Yoongi brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Woher auch immer Namjoon diese Erzählung hatte, wusste er nicht so richtig, was er damit anzufangen hatte – „Teufel“ hatte er noch nicht gehört und das mit den Hörnern war auch nicht so ganz wahr, deshalb bezweifelte er, wie viel er von dieser ganzen Erzählung überhaupt glauben konnte. Doch bevor er skeptisch nachfragen oder überhaupt etwas verbal darauf erwidern konnte, zuckte Yoongi zusammen, denn um ihn herum fing es fröstelnd zu tröpfeln an.
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