The Anatomy Of Broken Dreams

GeschichteDrama, Romanze / P16
28.10.2019
14.01.2020
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Sorpresa, Florencia!

Auf der Fahrt bis zur Bar, habe ich mit großer Wahrscheinlichkeit mehrere rote Ampeln übersehen. Keine Ahnung wieso ich so schnell zur Bar “arco iris“ gefahren bin. Immerhin treffe ich mich nur mit Vilu und den Ablauf dieses Gespräches kann ich mir nur zu gut vorstellen. Entweder wir vertragen uns und es ist wieder Alles so wie vor der ganzen Katastrophe oder unsere Freundschaft geht in die Brüche. Wünschen würde ich mir natürlich ersteres aber auch sie muss mich verstehen. Immerhin wird meine ganze Familie gerade von der Presse durch den Dreck gezogen.  
Auf der anderen Seite muss ich aber auch Vilu verstehen, denn in den letzten Tagen habe ich sie nicht gerade wie eine Freundin behandelt. Vor allem, wenn es auch um Toni ging. Immerhin kenne ich Vilu schon mein ganzes Leben und Toni erst seit ein paar Tagen. Trotzdem habe ich Toni vor Vilu gestellt und mittlerweile frage ich mich, ob das richtig gewesen ist. Aber wer weiß, vielleicht habe ich auch einfach nur Sehnsucht nach den Abenteuern mit Toni gehabt? Vielleicht wollte ich mit ihr einfach nur durchbrennen und die schönen Seiten des Lebens betrachten? Ich weiß es nicht aber irgendetwas fasziniert mich an dieser Frau und früher oder später muss ich das herausfinden aber jetzt konzentriere ich nur auf Vilu und ich hoffe, dass jetzt nichts mehr dazwischenkommt, denn ich kann kein weiteres Drama mehr vertragen.

Heute habe ich Glück und es ist direkt ein Parkplatz vor der Bar frei. Die Bar existiert schon seit den 50er-Jahren und ist ein beliebter Treffpunkt für Musiker und Künstler. Aber auch von der LGBTQ-Community und am Abend treten hier sogar Drag Queens auf und liefern eine grandiose Show.

Am Nachmittag sieht die Bat eher unscheinbar aus. An den Wänden hängen Plakate von Künstlern und Bilder der Besitzerin Rosa mit einigen Berühmtheiten. Natürlich kann man ein paar Regenbögen erkennen und das nicht nur, weil die Bar “arco iris“ heißt.
Ansonsten ist die Bar eine ganz normale Bar. Im Hintergrund spielt leise Musik und eine angenehme Atmosphäre schwebt im Raum. Immer wenn ich hier her komme ist es ziemlich voll aber trotzdem nie laut. Manchmal kann man auch Journalisten und Autoren sehen, die hier ein paar Zeilen tippen. Anscheinend hat die Bar eine inspirierende Wirkung. Auch ich bin während meiner Ausbildung oft hierher gekommen um zu lernen. Nicht nur, weil hier einige heiße Teilchen herumlaufen sondern auch, um mich von der Atmosphäre in den Bann ziehen zu lassen.

An der Theke steht meistens auch Rosa. Sie ist nicht nur Besitzerin der Bar sondern auch leidenschaftliche Barkeeperin. Aber das ist nicht ein einzig besondere an Rosa, denn sie ist auch eine Drag Queen.  Um ihr Aussehen, wenn sie mal nicht Rosa ist, macht sie ein großes Geheimnis. Man weiß noch nicht einmal, wie sie wirklich heißt. Trotzdem ist sie wie eine liebevolle Großmutter beziehungsweise Mutter, die sich um viele Schäfchen kümmert. Natürlich muss sie auch mit vielen negativen Kommentaren leben aber Diese stören sie nur herzlich wenig. Rosa legt sich wirklich mit jedem an, der es verdient hat und man sollte ihr wirklich nicht begegnen, wenn sie auf Temperatur ist. Auch mir bedeutet Rosa viel. Sie hat mir schon sehr oft gute Ratschläge gegeben und hat immer ein offenes Ohr für mich gehabt. Es ist noch untertrieben, wenn ich sage, dass Rosa und ihr „arco iris“ unbezahlbar sind.

Ich schließe die Tür von meinem Auto und gehe in die Bar. Wie zu erwarten herrscht der übliche Trubel und ich fühle mich sofort wohl. Hinter der Theke stehen die üblichen Verdächtigen - nur von Rosa fehlt jede Spur.
Meinen Blick lasse ich durch den Raum schweifen und muss feststellen, dass Vilu noch nicht da ist.
Irgendwie bin ich erleichtert, denn so habe ich noch ein bisschen Zeit, um mich auf das Gespräch vorzubereiten.

Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen lasse, erblicke ich einen freien Tisch im hinteren Teil der Bar. Ich scheine in Trance zu sein, denn ich merke kaum, wie ich gegen eine Person stoße. Als ist es realisiert habe, schaue ich die Person an und entschuldige mich sofort. Hoffentlich merkt man mir nicht an, dass ich peinlich berührt bin. Immerhin gehe ich hier durch die Bar als wäre ich auf irgendwelchen Drogen.
>>Entschuldigung<<, sage ich zu der Person und schaue sie direkt an. Diese ist ein paar Zentimeter größer als ich und sehr schick gekleidet. An ihrem Make-Up und ihrem eleganten Auftreten kann ich erkennen, dass es eine der Queens ist. Das zu dieser Uhrzeit schon welche von ihnen in der Bar sind wundert mich schon. Wie gebannt bleibe ich am Gesicht der Frau hängen. Dabei bin ich nicht von ihrem Make-Up fasziniert sondern von ihren Augen. Sie sind braun und haben die Ähnlichkeit mit flüssigem Gold. Ich kenne nur eine Person, die solche Augen hat und das ist mein Onkel Hector. Sofort werfe ich diesen Gedanken weg, denn mein Onkel ist mit Sicherheit keine Drag Queen. Wieso denn auch? Schließlich redet er immer nur abfällig über diese Frauen.
Moment! Ist das nicht schon ein Anzeichen dafür, dass er Drag selber ausübt? Viele Menschen leugnen Dinge, obwohl sie diese befürworten, nur um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Dabei könnte ich jedes Mal an die Decke gehen, denn ich will nicht der Gesellschaft gefallen oder dafür sorgen, dass Diese glücklich wird. Ich will glücklich sein und mit mir zufrieden sein. Wenn die Anderen ein Problem damit haben, können sie es behalten, denn es ist schließlich ihr Problem.

Mein Blick bleibt weiterhin in diesen Augen versunken. Irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass es doch mein Onkel ist. Aber ich kann es mir nicht vorstellen, dass mein Onkel eine Drag Queen ist. Trotzdem kann ich mich mit diesem Gedanken schon anfreunden.
Auch mein Gegenüber scheint mich erstaunt anzuschauen. Wenn uns ein Außenstehender beobachtet, wird auch sagen, dass es eine komische Szene ist. Mir soll es egal sein, denn ich finde diese Situation auch komisch.
Mein Gegenüber lässt den Blick über meinen Körper wandern und in seinen Augen kann ich Panik erkennen. Als ich mir mein Gegenüber anschaue bemerke ich, dass der Blusenärmel ein wenig nach oben gerutscht ist und ich starre auf das Tattoo, dass sich mir zeigt. Es zeigt den Kopf eines Löwen und das Motto der Familie de la Mor.
Mich trifft doch hier gleich der Schlag! Keiner lässt sich ein Familienmotto stechen, wenn er nicht zur Familie gehört oder?
>>Onkel Hector?<<, frage ich atemlos. Die Augen meines Gegenübers weiten sich noch ein Stück. Ich muss aufpassen, dass ihm/ihr nicht gleich die Augen aus dem Kopf fallen.

Die Person packt mich am Arm und zieht mich zu dem leeren Tisch, den ich mir schon vor ein paar Minuten ausgesucht habe. Ich werde unsanft auf den Stuhl platziert und die Person nimmt mir gegenüber platz. Lange Zeit über das Geschehene nachzudenken habe ich nicht, denn die Person fängt sofort an zu reden.
>>Flor, ich bitte dich, du darfst niemandem etwas sagen! Bitte! Du musst das für dich behalten. Niemand weiß von meinem Doppelleben und das soll auch so bleiben.<<, sagt er in einem scharfen Unterton zu mir. Ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll aber ich bin ich ziemlich überrascht
>>Hector, ich...wieso soll es niemand wissen?<<, frage ich ihn/sie stotternd.
>>Erstens, bitte nenne mich nicht Hector, wenn ich als Queen unterwegs bin. Nenne mich Cataleya und zweitens, darfst du es wirklich niemandem sagen. Nur, weil die Familie gut darauf reagiert, dass du Frauen datest, heißt es nicht, dass sie mich auch akzeptieren werden. Ich weiß genau, dass meine Eltern das niemals akzeptieren und tolerieren würde.<<
>>Hector...ich meine Cataleya, Abuela hat es genau so gut aufgenommen wie Abuelo. Wieso sollten sie es nicht akzeptieren, dass du eine Drag Queen bist? Sie lieben dich.<<
Meine neue Tante lacht kurz auf und ich kann die Ironie förmlich fühlen.
>>Mi pequeña querida, du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass sie es tolerieren, oder? Es sind die de la Mors! Eine Familie ohne Geheimnisse und negativen Einfluss. Die Familie steht über allem und niemand lässt sich etwas zu schulden kommen. Unsere Familie möchte glänzen und alles, was gegen die Gesellschaft und ihre Normen entspricht wird nicht akzeptiert.<<, sagt mein Onkel zu mir und irgendwie bekomme ich keine Luft mehr. Versucht mir meine Tante gerade wirklich weiß zumachen, dass meine Familie meine Sexualität nicht akzeptieren würde? Irgendwie kann und will ich das gerade nicht ganz glauben.
>>Aber wieso waren sie immer mit allem einverstanden und haben nie etwas gesagt?<<, frage ich ihn.
Cataleya lacht ein zweites Mal auf und mir wird ganz mulmig.
>>Sie haben nur eine  gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Immer, wenn ihr Kinder den Raum verlassen habt, haben wir Erwachsenen sofort angefangen zu sprechen. Sie haben dich nicht akzeptiert und auch nicht die Tatsache, dass du am anderen Ufer schwimmst. Deine Eltern haben dich also nicht nur in dieser Sache belogen, sondern auch mit der Tatsache, dass deine Eltern nicht deine Eltern sind.<< Erschrocken schaue ich ihn an.
>>Du wusstest von der Sache?<<
>>Natürlich wusste ich davon. Wir haben es alle gewusst aber wir durften dir nie etwas sagen und auch mussten wir dafür sorgen, dass auch Angeles nie wieder zurückkommt.<<
>>Wieso habt ihr damals zugelassen, dass Ernsesto mich behalten darf und meine Mutter aus der Stadt verbannt wird?<< Ohne es zu merken, laufen mir die Tränen über die Wange. Wieso hat er die ganze Zeit davon gewusst und mir nicht gesagt? Er war immer der Onkel zu dem ich das meiste Vertrauen hatte und mit dem ich mich auch am besten verstanden habe.
>>Aber warum hast du mir nie etwas erzählt?<<
Cataleya atmet schwer aus und auch ich habe momentan Schwierigkeiten mich zu konzentrieren.
>>Es ist etwas kompliziert und das möchte ich es dir in Ruhe erklären aber ich glaube, dass du jetzt nicht mit mir sprechen möchtest.<< Cataleya zeigt auf die Tür durch die gerade Vilu gekommen ist. Auch sie sieht sich suchend in der Bar um.
Unsere Blicke treffen sich und Vilu beginnt zu strahlen. Während Vilu auf uns zukommt, steht meine Tante auf. >>Bitte, sag‘ es niemandem.<<, wiederholt sie noch einmal und geht. Vilu begrüßt meine Tante und ich bekomme kein Wort heraus.

>>Früher haben wir uns noch umarmt als wir uns gesehen haben.<<, reißt sie mich aus meinen Gedanken und wie betäubt erhebe ich mich und ziehe Vilu in eine Umarmung. Ich klammere mich genau so an sie als wäre ich gerade dabei zu ertrinken. >>Ich habe dich auch vermisst aber das ist noch kein Grund mich zu erwürgen.<< Immer noch ein wenig von der Rolle lasse ich sie los und auch sie setzt sich mir gegenüber.  Ihre Handtasche stellt sie auf den freien Stuhl neben uns, während ich jeden ihrer Handlungen verfolge.
>>Florencia, ist alle in Ordnung?<<, fragt sie mich und ich zucke zusammen. >>Ja, ja, es ist alles in Ordnung. Ich war nur kurz in Gedanken.<<
Vilu schaut mich mit lachend an. >>Das du nicht ganz bei mir warst, habe ich gemerkt.<<
Ich will nicht mit ihr über das reden, was gerade passiert ist. Eigentlich möchte ich nur wissen, ob sie unserer Freundschaft noch eine Chance gibt oder nicht. Erst nach diesem Gespräch werde ich entscheiden, was ich machen werde. Wenn ich es mir so richtig überlege, habe ich auch keine große Lust, lange mit ihr hier zu sitzen. Die Sache mit Hector hat mich gerade völlig aus der Bahn geworfen und dabei wollte ich doch heute keine Familiendramen mehr. Aber anscheinend meint es mein Karma nicht gut mit mir und lässt mich von einer Katastrophe in die nächste laufen.

>>Ich weiß und das tut mir Leid aber ich habe im Moment genug um die Ohren.<< Ich lege eine kurze Pause ein, um ihre Reaktion abzuwarten aber sie schaut mich weiterhin gespannt an. >>Wieso wolltest du mit mir reden?<<

Ich kann deutlich hören wie Vilu die Luft einzieht und auch ihre Wangen verfärben sich verdächtig rot. Was ist hier los?

>>Ich wollte mit dir über dieses Mädchen reden.<<
>>Welches Mädchen?<<, frage ich sie.
>>Die mit der du dich getroffen hast.<<
Sie meint anscheinend Toni. >>Du meinst Toni. Was ist mit ihr?<<
>>Hast du was mit ihr?<< Wow, so direkt kenne ich sie gar nicht. Aber, wieso fragt sich mich das? Eigentlich ist es ihr doch immer ziemlich egal, wenn ich jemanden date.
Theoretisch könnte ich jetzt sagen, dass ich nichts mit ihr habe aber ich habe ein wenig Lust zu spielen, denn ihr plötzliches Interesse ist ein wenig ungewöhnlich und ich will wissen, wieso sie mich so direkt gefragt hat.
>>Und wenn ich etwas mit ihr hätte wäre das so schlimm, weil...?<< Ich hätte wohl doch nicht spielen sollen, denn ihre Wangen färben sich jetzt in ein gefährliches rot und das passiert nur, wenn sie wütend ist.
>>Es ist nicht schlimm für dich aber für mich.<<, gibt sie mir als Antwort und ich verstehe gerade nur Bahnhof.
>>Wieso ist es für dich schlimm? Du hast mit ihr nicht so viel zu tun, wenn ich sie date.<<
Vilu legt ihren Kopf schief und ihre Augen sehen traurig aus. >>Eigentlich schon, denn ich muss diese Beziehung beziehungsweise den Menschen akzeptieren und das tue ich nicht.<<
Meine Stirn legt sich in Falten und es macht sich Wut in mir breit. Immerhin kennt Vilu Toni nicht und ich müsste eine Beziehung  mit ihr führen und nicht sie.

>>Wieso magst du Toni nicht? Du kennst sie doch gar nicht. Außerdem, wieso „magst“ du sie nicht?<< Mein Ton verschärft sich langsam und das scheint sie auch zu merken.
>>Ich mag sie nicht, weil sie dich datet.<<, gibt sie zu und es macht für mich immer noch keinen Sinn.
>>Ich habe keine Ahnung, was du mir sagen möchtest.<<
Vilu schnaubt und rollt mit den Augen. >>Manchmal glaube ich wirklich, dass du zum denken nicht geboren bist. Flor! Ich will dich daten! Ich will dich als Freundin, weil ich dich liebe!<< Beim reden wird sie immer lauter und ihre Worte schlagen auf mich ein wie ein Blitz.

Meine Gedanken rasen durch meinen Körper und ich kann noch gar nichts vernünftig zuordnen. Mir geht gerade Alles viel zu schnell. Wieso hat sie mir nicht schon früher etwas gesagt und wieso ist mir das nicht schon früher aufgefallen? Aber ehe ich alle meine Fragen loswerden kann ist Vilu auch schon aufgesprungen und verschwunden. Anscheinend muss ich sie jetzt ein wenig in Ruhe lassen und dann noch einmal das Gespräch mit ihr suchen. Ich möchte die Sache mit ihr klären. Aber vorher muss ich mir auch noch über ein paar Dinge klar werden, denn einfach wird es nicht sein, diese Situation zu entschärfen. Und bevor ich irgendetwas entschiede muss ich erst einmal hier raus und mich in meinem Zimmer verkriechen. Erst danach kann ich wieder klar denken und entscheiden.

¡No pienses demasiado, Flor!
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