Where's my love?

SongficDrama / P16
Bettina Weiss Dr. Frank Stern
28.10.2019
28.10.2019
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„Betty Weiss, 37, Polytrauma nach Autounfall, nicht ansprechbar”
Zuerst achtete der braunhaarige Stationsarzt gar nicht auf den Namen mit dem der Rettungsassistent die Patientin vorstellte. Sein Mediziner Verstand hatte die Verletzungen schnell gescannt, doch dann stockte er. „War das nicht Bettys Armkettchen?“ Ein Blick in ihr blasses Gesicht bestätigte seinen Verdacht und es fühlte sich so an, als würde die Welt für einen kurzen Moment stehenbleiben. Das war der Moment vor dem er sich immer gefürchtet hatte. Sie war lebensbedrohlich verletzt und ihr Leben lag in seinen Händen. Plötzlich konnte er nicht mehr richtig denken, stattdessen übergriff ihn eine Angst, die er so noch nicht gekannt hatte.

Yeah, that's my love
She hides away, like a ghost


Sein Herz raste, während er der Trage hinterherblickte. Prof. von Arnstett, der zufällig genau zur richtigen Zeit aus dem Aufzug gestiegen war hatte Betty übernommen und auf dem schnellsten Weg in den OP bringen lassen. Sollte er, Frank Stern, nicht eigentlich dabei sein? Sollte er nicht zusammen mit den Kollegen um das Leben der blonden Krankenschwester kämpfen? Er sollte. Aber er konnte nicht. Er war gelähmt von dieser bodenlosen Angst die sämtliche Fasern seines Körpers eingenommen hatte und ihn unfähig werden ließ.

Oooh, does she know that we bleed the same?
Oooh, don't wanna cry, but I break that way


Erst nachdem Talula ihn in das Schwesternzimmer verfrachtet und ihm eine Beruhigungstablette untergeschoben hatte nahm er langsam seine Umgebung wieder war. Das Rauschen in seinen Ohren war verschwunden, die Angst aber blieb. Was wenn sie es nicht schaffte? Er hatte keinen genaueren Blick auf ihre Verletzung geworfen, aber Polytrauma bedeutete, dass zumindest eine ihrer vielen Verletzungen lebensgefährlich war.
Was war, wenn sie starb ohne zu wissen, dass er sie liebte? Ja, er liebte sie, das wurde ihm jetzt so richtig bewusst.  

Cold sheets
But where's my love
I am searching high
I'm searching low in the night


Auch nach zwei langen Stunden die der Stationsarzt zwischen Kaffeeautomat und Warteraum verbracht hatte, kam keine Nachricht aus dem OP. Im Grunde war dies ein gutes Zeichen, aber die Warterei macht ihn verrückt. Jemand hatte Hanna aus ihrem freien Tag geholt, weshalb diese ebenfalls auf einem der ungemütlichen Stühle vor dem OP saß und bettete. Keiner der beiden sagte etwas, aber im Stillen teilten sie die Angst um Betty. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit trat Prof. von Arnstett verschwitzt aus dem OP und sprach die beiden warteten direkt an: „Dr. Stern, Hanna. Fürs Erste haben wir alles getan, was möglich war. Jetzt müssen wir abwarten ob das gereicht hat.“


Oooh, does she know that we bleed the same?
Oooh, don't wanna cry, but I break that way


Pip-Pip-Pip. Die Geräte neben Bettys Bett gaben gleichmäßige Geräusche von sich und versicherten somit, dass die Patientin noch lebte. Obwohl Frank Stern solche Anblicke gewöhnt war, lief ihm doch ein kalter Schauer den Rücken runter. Das war nicht Betty. Das war bloß eine leere Hülle, die blass und krank in dem viel zu großen Bett lag und mithilfe von unzähligen Maschinen am Leben gehalten wurde.  Ein Schluchzten neben sich riss den Stationsarzt von dem schockierenden Anblick des kleinen Intensivzimmers los und ließen ihn neben sich schauen. Hanna hatte sich abgewandt und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Zögerlich griff er nach ihrer Hand und zog sie anschließend in eine Umarmung.

Did she run away? Did she run away? I don't know
If she ran away, If she ran away, come back home
Just come home


Es war ein eintöniges Geräusch, dass Frank Stern aus seiner unbequemen Schlafposition, in einem der Besucherstühle, aufschrecken ließ. Er brauchte ein paar Sekunden um sich zu orientieren, doch dann war mit einem Schlag alles wieder da und der braunhaarige Arzt stellte mit Schreck fest, dass das Geräusch von einem der Monitore neben Bettys Bett kam. Erschrocken hastete er nach vorne und drückte den Notfallkopf. Plötzlich war sein ganzes medizinisches Wissen wie weggefegt und er wurde wieder von dieser Angst ergriffe. Zum Glück riss Prof. von Arnstett keine Minute später die Tür des kleinen Intensivzimmers auf.  Schnell hatte sich der Chefarzt einen Überblick gemacht und gab verschiedene Befehle an die Krankenschwestern. All das nahm der braunhaarige Oberarzt nur durch einen Schleier wahr. Er hielt Bettys Hand fest umklammert und beschwor sie zu kämpfen. Sie konnte jetzt nicht aufgeben. Nicht jetzt und auch nicht so.

I got a fear
Oh, in my blood
She was carried up
Into the clouds, high above
Oooh, If you're bled, I bleed the same
Oooh, If you're scared, I'm on my way


„Es tut mir leid. Wir haben alles getan.“ So oft hatte Dr. Stern diese Wort selbst zu Angehörigen gesagt. Heute war das erste Mal, dass jemand diese Worte zu ihm sagte und er sich fragte ob das die Wahrheit war. Ob die Ärzte tatsächlich alles getan hatten um Betty zu retten. Niemand nahm den braunhaarigen Arzt wahr, als er über die Station nach draußen lief. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von Bettys Tod verbreitet und im Nu die ganze Station in Trauer gelegt. Jeder hatte sie gemocht. Die hübsch, blonde Krankenschwester, die sich immer für ihre Patienten und Kollegen eingesetzt hatte.

Did you run away? Did you run away? I don't need to know
If you ran away, if you ran away, come back home
Just come home


Im inneren des Arztes hatte sich ein riesiger Klumpen gebildet, der es ihm mühsam machte die letzten Stufen zum Dach hinaufzusteigen. Als er die Tür aufschob schlug ihm sofort eisige Luft entgegen, die schnell den Stoff seines dünnen Arztkittels durchbrochen hatte und ihn schon nach ein paar Augenblicken vor Kälte zittern ließ. Trotzdem ging der langsam bis vor zum Rand. Eine Hand hielt er fest um das dünne Armband, welches eine Schwester ihr vor der Operation abgenommen hatte, umklammert, mit der anderen griff er nach dem zugefrorenen Geländer. Minutenlang starrte er über das abendliche Aachen und dachte an Betty. An die Schulzeit, in der er ihr das Leben zur Hölle gemacht hatte und an den Kuss, der so viel verändert hatte. Plötzlich schossen die Tränen in seine kastanienbraunen Augen und er machte sich keine Mühe sie zurückzuhalten. Stumm liefen sie über seine Wange und tropften ungehalten auf den Boden.
Betty war tod. Sie war gestorben, ohne zu wissen wie sehr er sie liebte.
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