Brautschau einmal anders

von roseta
GeschichteAllgemein / P6
27.10.2019
27.10.2019
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Brautschau einmal anders


Diese alte Geschichte habe ich vor Jahren für ein Märchen-Projekt geschrieben und gerade wiederentdeckt.
Im Archiv habe ich sie nicht mehr gefunden; vermutlich habe ich sie damals wieder gelöscht.
Nachdem ich sie nochmals durchgelesen hatte, entschloss ich mich, sie unter meinen eigenen Geschichten wieder einzustellen. Vielleicht findet sie ja den einen oder anderen Leser.

Einige Motive dieses Märchens sind entnommen/geklaut aus der Fernsehfilm-Serie „Prinzessin Fantaghirò“.


Es war einmal ein König, der hatte eine schöne Tochter; ihr Name war Amanda.
Als die Prinzessin heranwuchs und in das Alter kam, da sie heiraten sollte, rief der König sie eines Tages zu sich und sprach: „Liebe Amanda, es ist nun Zeit, dir einen Gemahl zu wählen, der einmal mein Erbe sein und nach mir dieses Königreich regieren soll. Daher will ich die Prinzen der benachbarten Königreiche zu einem großen Fest einladen, sodass du sie kennen lernen und dir unter ihnen einen Gemahl aussuchen kannst.“

Aber Prinzessin Amanda war mit diesem Plan gar nicht einverstanden. Sie hatte reiten und fechten gelernt und das konnte sie besser als tanzen (worin sie auch durchaus nicht schlecht war). Daher entgegnete sie dem König: „Lieber Vater, wenn ich mir einen Prinzen aussuchen soll, so ist es nur recht und billig, dass ich selber ausziehe, um ihn zu finden. Ich will mein Pferd satteln und die benachbarten Königreiche besuchen; so kann ich die Prinzen, die dort wohnen, am besten kennen lernen.“
Der König schüttelte den Kopf. „Ein Mädchen, und gar eine Prinzessin, kann nicht auf Abenteuer ausreiten! Das ist viel zu gefährlich und außerdem schickt es sich nicht.“
„Dann werde ich Männerkleider tragen und mich als Ritter ausgeben“, schlug die Prinzessin vor.
Aber jetzt wurde der König ärgerlich. „Das ist ja noch unschicklicher! Schlag dir das aus dem Kopf. Du bleibst hier und die Prinzen kommen zu dir.“
Amanda jedoch bat ihren Vater immer und immer wieder, sodass er schließlich der Sache müde wurde und sagte: „Ich werde die Königin um ihre Meinung fragen, und wenn sie es erlaubt, so magst du deinen Willen haben.“

Die Königin war die Stiefmutter der Prinzessin; ihre Mutter war schon vor Jahren gestorben und der König hatte wieder geheiratet. Seine zweite Frau war noch jung und schön, dazu sanft und sittsam, und er dachte, dass sie gewiss das Vorhaben der Prinzessin missbilligen werde.
Aber als Amanda ihrer Stiefmutter erzählte, was sie vorhatte, und flehentlich um ihre Erlaubnis bat, da verstand die junge Königin sehr wohl, was in dem Mädchen vorging: dass es sie danach verlangte, einmal dem goldenen Käfig des Palastes zu entfliehen und von der Freiheit zu kosten, und sie selbst empfand ganz dasselbe.
So gingen sie zusammen zum König, um ihn noch einmal um sein Einverständnis zu bitten.
„Ich halte es für eine gute Sache, wenn Amanda sich ein wenig in der Welt umsieht, bevor sie heiratet“, sagte die Königin. „Und damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt, werde ich sie begleiten und auf sie aufpassen.“
Das war nun eine Sache, die dem König sehr wenig gefiel. Aber da er die Entscheidung seiner Frau überlassen hatte, konnte er sein Wort nicht zurücknehmen und er brummte nur: „Ich werde euch meine besten Ritter als Begleitschutz mitgeben.“

Am nächsten Tag machten sich die beiden Frauen auf die Reise in das nächstgelegene Königreich, begleitet von drei treuen und mutigen Rittern. Prinzessin Amanda trug Männerkleidung, wie sie es sich vorgenommen hatte, doch die Königin wollte sich dazu nicht entschließen. Beide waren jedoch einfach gekleidet und reisten ohne höfischen Prunk.

Aber ihr Weg führte sie an einem hohen Berg vorbei, in welchem ein mächtiger, böser Zauberer hauste. Er fand Vergnügen daran, die Natur in Unordnung zu bringen, um die Menschen zu quälen. Als nun die Reisenden an einer blühenden Wiese vorbeiritten, bemerkte die Königin, dass dort alle blauen Blüten die Köpfe hängen ließen. Das erschien ihr seltsam und sie bat einen ihrer Begleiter: „Seht doch einmal nach, Ritter Adalbert, ob Ihr herausfinden könnt, warum diese Blumen alle verblüht sind.“
Der Ritter gehorchte und wandte sich vom Weg ab, in die Wiese hinein. Aber die Wiese war verzaubert und er konnte ihr Ende nicht absehen. Er ritt immer weiter und als er bemerkte, dass er sich schon zu weit entfernt hatte, und umkehren wollte, konnte er seine Gefährten nicht mehr erblicken. Er suchte den Rückweg, doch er verirrte sich immer mehr und stürzte schließlich mit seinem Pferd in einen Abgrund, den er, getäuscht durch das Blendwerk des Zauberers, zu spät bemerkt hatte.
Die Königin, Amanda und die beiden anderen Ritter glaubten zunächst, er habe sich nur verspätet und werde bald wieder zu ihnen stoßen, und sie setzten frohgemut ihren Weg fort.

Am Nachmittag ritten sie an einer Wiese vorbei, auf der prächtige Apfelbäume standen, und die Königin bat den zweiten Ritter:
„Ritter Bernward, seid doch so gut und pflückt ein paar dieser Äpfel für uns.“
Der Ritter stieg von seinem Pferd und brach mehrere Äpfel ab, die er der Königin bringen wollte. Doch da es ein heißer Tag und er von dem Ritt ermüdet war, aß er einen der Äpfel auf, bevor er die anderen der Königin brachte. Diese nahm die Früchte dankend entgegen und biss gleich in einen Apfel hinein; doch in diesem Augenblick wurde der Ritter bleich, griff sich stöhnend an den Leib und brach sterbend zusammen. Da erkannte die Königin, dass die Äpfel vergiftet waren, und spuckte den Bissen, den sie im Mund hatte, schnell wieder aus.

Sie betrauerten Ritter Bernward sehr und begruben ihn unter den Apfelbäumen. Als auch Ritter Adalbert nach drei Tagen nicht wieder aufgetaucht war, wurde ihnen klar, dass ein Fluch über dem Land lag, und sie beschlossen, vorsichtiger zu sein.
Am nächsten Tag kamen sie an einen seichten Bach und wollten ihn überqueren. Ritter Conrad, der Letzte ihrer Begleiter, ritt voraus; doch als er mitten im Bachbett war, kam unversehens eine riesige Flutwelle daher und verwandelte den Bach in einen reißenden Fluss. Der Ritter wurde mitsamt seinem Pferd fortgerissen und kam nicht wieder.

Nun waren die beiden Frauen ohne Schutz, doch sie wollten nicht umkehren, da der Rückweg weit war und sie wieder durch das ganze gefährliche Land führen würde. Sie ritten also weiter an dem verhexten Bach entlang in der Hoffnung, eine Brücke zu finden.
Als es dunkel wurde, begegneten sie einem fremden Ritter, der sie freundlich begrüßte und sie nach Namen und Ziel fragte. Die als Mann verkleidete Prinzessin gab sich als Ritter Amalrich aus und die Königin als ihre Schwester Adelgunde. Der Fremde sagte ihnen, dass diese Gegend verhext und gefährlich sei (was sie schon bemerkt hatten), und erbot sich, sie sicher über den Fluss und bis zur Grenze des Nachbarlandes zu bringen. Da sie keine andere Möglichkeit sahen, nahmen sie das Angebot an. Unterwegs erzählten sie, dass und auf welche Weise sie ihre drei Begleiter verloren hatten, was den Unbekannten sehr zu betrüben schien.
Sie ritten die ganze Nacht hindurch, ohne dass ihnen ein weiteres Unheil begegnete, und erreichten am Morgen die Grenze. Ihr unbekannter Beschützer wollte sie nun verlassen, fragte jedoch, ob sie den gleichen Weg auf der Rückreise nehmen würden, und als sie bejahten, sagte er: „Wenn Ihr dieses Land betretet, ruft dreimal den Namen „Maldin“, so heiße ich. Dann werde ich kommen und Euch sicher geleiten.“ Damit schied er von ihnen.

Die beiden ritten nun weiter zum Schloss, wo sie sich unter ihren falschen Namen vorstellten und behaupteten, auf der Durchreise zu sein. Sie wurden gastlich empfangen und der Sohn des Königs ließ sie beim Mahle neben sich sitzen und unterhielt sich angeregt mit ihnen. Von seiner Schönheit und seinem edlen Anstand waren sie sehr angetan und Prinzessin Amanda dachte bei sich, dass sie sich wohl vorstellen könnte, ihn zum Gemahl zu nehmen.
Sie blieben viele Tage an diesem Königshof und die Zeit wurde ihnen nicht lang. Der Prinz nahm sie mit zur Jagd und veranstaltete Bälle und Turniere zu ihrer Unterhaltung. Etwas verwunderlich fand Amanda es nur, dass der König, sein Vater, ihnen wenig Huld bezeigte; doch sie glaubte, er missbillige die geselligen Veranstaltungen wegen der hohen Kosten.

Als sie eines Abends nach einem fröhlichen Tanz ihre Gemächer aufsuchten, begleitete der Prinz Amanda zu ihrer Kammer. Vor ihrer Tür blieb er stehen und sprach:
„Ritter Amalrich, Ihr seid mir der liebste von meinen Gefährten und wenn es möglich wäre, so würde ich Euch wohl heiraten. Doch da dies nicht angeht, werde ich Eure Schwester um ihre Hand bitten; so werden wir Brüder und können für immer zusammenbleiben.“
Mit Freuden hörte dies die Prinzessin; sie wähnte sich am Ziel ihrer Wünsche und antwortete: „Meine Schwester könnt Ihr schwerlich heiraten, denn sie hat schon einen Gemahl. Aber dass wir beide ein Paar werden, das ist keineswegs unmöglich, denn ich bin in Wirklichkeit kein Ritter, sondern eine Jungfrau, und ich trage diese Gewänder nur, weil sich so sicherer reisen lässt.“

Doch als der Prinz dies vernahm, umwölkte sich seine Miene und Zorn verdunkelte seine Augen, als er sagte: „Ihr habt mich getäuscht und betrogen! Ich habe geglaubt, ich könnte Euch lieben, aber da ich nun weiß, dass Euer ganzes Wesen eine Lüge war, will ich Euch nicht mehr sehen.“
Weinend floh die Prinzessin zu ihrer Stiefmutter, die indessen nicht sehr überrascht war. Sie tröstete Amanda, so gut sie konnte, und sagte dann: „Da der Prinz uns seine Gunst entzogen hat, ist es gut möglich, dass man uns ins Gefängnis werfen wird. Daher sollten wir uns heimlich aufmachen und dieses Land verlassen, solange wir noch können.“

Gesagt, getan. Noch vor Morgengrauen verließen die beiden unbemerkt das Schloss und machten sich auf den Weg in das nächste Königreich.
Dort angekommen, beschlossen sie, ihren ersten Fehler nicht zu wiederholen; daher kleidete sich die Prinzessin in Frauengewänder und beide begaben sich zum Schloss, nannten ihre wirklichen Namen und erklärten, dass sie auf einer Reise zu den Verwandten der Königin gewesen, aber unterwegs in das Reich des bösen Zauberers geraten seien und dort sowohl ihre Eskorte als auch
Weg und Steg verloren hätten. Der Prinz, der dort regierte, hörte ihre Erzählung voller Mitgefühl und bot ihnen an, so lange zu bleiben, wie es ihnen beliebte; danach würde er ihnen sowohl Begleiter als auch Führer geben, damit sie sicher ihr Ziel erreichten.

In diesem Land war der König vor kurzem gestorben und der Prinz, sein Sohn, hatte den Thron bestiegen; doch bevor er gekrönt werden konnte und sich König nennen durfte, musste er sich erst vermählen, so verlangte es die Sitte des Landes. Daher war er hoch erfreut, Prinzessin Amanda in seinem Reich zu begrüßen, und begann sogleich, ihr den Hof zu machen und ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Das gefiel der Prinzessin gar wohl, doch ihre Stiefmutter mahnte zur Vorsicht.
„Warte mit deiner Entscheidung, bis du ihn besser kennen gelernt hast“, meinte sie.
Einige Tage danach war es Zeit für den Herrscher, Gericht zu halten, und die beiden Frauen durften den Verhandlungen beiwohnen. Der junge Prinz urteilte streng nach Recht und Gesetz, doch manches Urteil erschien Amanda zu hart und sie bat ihn einige Male, Milde walten zu lassen. Doch obgleich er ihr versprochen hatte, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, ließ er sich kein einziges Mal erweichen.
„Recht zu sprechen ist Sache des Königs“, erklärte er, „und er darf sich von keiner Frau beeinflussen lassen, nicht einmal von der, die er liebt.“
Nun zweifelte die Prinzessin ernstlich, ob sie diesen Prinzen zum Gemahl erwählen könnte, und sie beschloss, ihn auf die Probe zu stellen.
Am nächsten Tag sagte der Prinz ihr, dass er sie liebe, und hielt um ihre Hand an. Da antwortete sie: „Gerne würde ich Eure Gemahlin werden, mein Herr, doch ich zweifle, ob Ihr mich noch lieben könnt, wenn Ihr alles über mich wisst. Denn ich bin in Wahrheit keine Königstochter, nur die Tochter eines einfachen Ritters und eine Hofdame der Königin.“
Als der Prinz das hörte, wurde er zornig und sprach: „Wenn Ihr nicht der Königin gehörtet, so würde ich Euch schwer bestrafen für diesen Betrug. Geht mir aus den Augen!“
Und er ließ der Königin ausrichten, dass sie in seinem Lande nicht mehr willkommen sei, wenn sie nicht ihre unverschämte Begleiterin fortschickte.
Da packten sie beide ihre Sachen und verließen schleunigst Schloss und Reich. Amanda fürchtete, dass ihre Stiefmutter sie für ihre Lüge tadeln werde, doch diese war im Gegenteil sehr zufrieden über den klugen Einfall der Prinzessin.
„Du hast ihn auf die Probe gestellt und er hat die Prüfung nicht bestanden. Sei froh, dass du auf diese Weise Klarheit gewinnen konntest.“

Sie reisten nun wieder als Amalrich und Adelgunde und gelangten nach langem Ritt glücklich zur Hauptstadt des nächsten Königreiches. Auch hier wurden sie im Schloss freundlich aufgenommen und der Sohn des Königs freundete sich mit dem vorgeblichen Ritter bald an. Doch der Prinz war klug und merkte bald, dass sein Gast ein Geheimnis verbarg, und er dachte darüber nach, wie er dieses Rätsel lösen könnte.
Eines Tages ritt er mit seinem Gefolge zur Jagd und die verkleidete Prinzessin begleitete ihn.
Der Prinz staunte über die Geschicklichkeit und Treffsicherheit des fremden Ritters und als die Jagd vorbei war, sagte er:
„Wahrhaftig, Ihr habt alle meine Gefährten an Jagdglück übertroffen, und wenn Euch jetzt noch ein Meisterschuss gelingt, so ernenne ich Euch zum König der Jagd.“
Er wies auf eine Krähe, die in großer Entfernung auf dem höchsten Wipfel einer Tanne saß. „Gelingt es Euch, diesen Vogel herunterzuschießen?“
Aber da zog die Prinzessin die Brauen zusammen und antwortete:
„Ich habe gejagt, um Nahrung zu erbeuten, aber ich werde niemals ein Tier sinnlos töten, nur um meine Kunst mit dem Bogen zu beweisen! Das ist ein eitles Unterfangen und König der Jagd will ich nicht sein.“
Der Prinz schwieg betroffen und an diesem Tag wurde kein König der Jagd ernannt. Aber mehr und mehr schien es ihm, dass dieser Ritter keinem anderen glich, den er kannte, und dessen sanftes Gemüt, zusammen mit seiner zarten Erscheinung, ließ ihn das Richtige vermuten. Doch er fürchtete, Ritter Amalrich zu beleidigen, wenn er sich dennoch irren sollte, und so suchte er nach anderen Möglichkeiten, die Wahrheit zu erfahren. Er schilderte seiner Mutter, der alten Königin, die Sachlage und diese wusste Rat:
„Fordere den Ritter auf, mit dir schwimmen zu gehen! Wenn du recht hast mit deinem Verdacht, so wird er ablehnen.“

Am nächsten Tag ritt der Prinz mit seinem Gefolge zu einem See im Wald und äußerte den Wunsch, im See zu schwimmen. Seine Begleiter waren sehr erfreut über diesen Vorschlag, denn es war ein heißer Tag; nur Ritter Amalrich wollte sich nicht beteiligen und erklärte, er könne nicht schwimmen.
„Ihr braucht ja nur am Ufer zu bleiben, wo das Wasser flach ist“, versuchte der Prinz ihn zu überreden.
„Nein, das Wasser ist kalt und das ist mir unangenehm.“
„Aber die Sonne brennt heiß und das Wasser wird Euch erfrischen.“
„Ich habe Schnupfen und ich fürchte, er könnte durch ein kaltes Bad noch schlimmer werden.“
Der Prinz bemerkte wohl, dass der Ritter Ausflüchte suchte, und bedrängte ihn nicht weiter. Er selbst und seine anderen Begleiter legten ihre Kleider ab, stiegen ins kühle Wasser und vergnügten sich mit Schwimmen. Aber der verkleideten Prinzessin war der Anblick recht peinlich und sie entfernte sich ein Stück vom See und streifte durch den Wald. Dort fand sie schöne Blumen und pflückte einen großen Strauß, den sie dem Prinzen überreichte, als er sein Bad beendet hatte und bereit war, zum Schloss zurückzukehren.
„Ihr seid wahrhaftig ein sehr ungewöhnlicher Ritter“, sagte der Prinz und war nun überzeugt, dass er mit seiner Vermutung recht hatte. Doch noch immer scheute er davor zurück, sie auszusprechen, und so gedachte er eine letzte Probe zu machen.

Einige Tage später sagte er zu Ritter Amalrich: „Ich muss daran denken, mich zu verheiraten, und ich habe eine Prinzessin erwählt, die in einem weit entfernten Königreich wohnt. Ich werde bald dorthin reisen und um ihre Hand anhalten. Wollt Ihr mich begleiten?“
Da wurde Amanda ganz bleich und musste um Fassung ringen, doch sie antwortete: „Ich bedaure sehr, mein Prinz, dass ich nicht mit Euch reisen kann. Ich werde morgen mit meiner Schwester das Land verlassen.“
Der Prinz sah wohl, dass sie traurig war, und jetzt fasste er sich ein Herz und sagte: „Wenn Ihr kein Ritter, sondern eine Jungfrau wäret, so müsste ich nicht so weit reisen. Dann würde ich Euch um Eure Hand bitten, wenn Ihr auch keine Prinzessin wäret.“
Diese Worte machten Amanda froh, doch sie antwortete nicht gleich, denn jetzt schämte sie sich ihrer Verkleidung. Sie bat den Prinzen, ein wenig zu warten, ging in ihre Kammer und legte Frauenkleider an. Als sie so vor den Prinzen trat, umarmte und küsste er sie und versicherte sie seiner Liebe, und sie erwiderte seinen Kuss.
Nun kam auch die Stiefmutter hinzu und gab zu erkennen, dass Amanda eine Prinzessin sei, und darüber war vor allem der alte König sehr zufrieden.
Amanda blieb bei ihrem Prinzen und sie bereiteten die Hochzeit vor, während die junge Königin sich auf den Weg nach Hause machte. Der Vater des Prinzen sorgte dafür, dass zehn tapfere Ritter sie begleiteten, sodass sie keine Gefahr zu fürchten brauchte.

Auf der Rückreise gelangten sie wieder zu dem verhexten Bach, der zum Reich des bösen Zauberers gehörte. Da erinnerte die Königin sich der Gefahr und auch des fremden Ritters, der sie beschützt hatte, und rief dreimal seinen Namen
Darauf trat der Gerufene unter den Bäumen hervor und begrüßte sie und ihr Gefolge mit höfischem Anstand. Da es bereits dunkelte, lud er die Gesellschaft ein, ihn zu seinem Schloss zu begleiten und dort die Nacht zu verbringen; am Morgen werde er sie dann sicher durch das verzauberte Land geleiten.
Nun führte er die Königin und ihr Gefolge zu einem prächtigen Palast, wo sie mit köstlichen Speisen bewirtet und danach in bequeme Schlafkammern geführt wurden, wo sie der Ruhe pflegten.
Doch um Mitternacht erwachte die Königin und erblickte Maldin, ihren Gastgeber, der an ihrem Bett saß und sie betrachtete.
Als er bemerkte, dass sie wach war, sagte er: „Meine Königin, ich bin der Zauberer, dessen Magie dieses Land beherrscht, und ich habe bisher nur Böses getan, denn ich hasse und verachte die Menschen. Aber seit ich Eurer ansichtig wurde, bin ich in Liebe zu Euch entbrannt und möchte Euch zu meiner Gemahlin machen. Wenn Ihr mir Euer Herz und Eure Hand schenken wollt, so werde ich dem Bösen entsagen und meine Zauber nur noch gebrauchen, um Gutes zu tun. Doch wenn Ihr ablehnt, so werde ich Euch töten, mitsamt Eurem Gefolge.“

Da erschrak die Königin sehr, doch sie fasste sich schnell und antwortete: „Wohl würde ich Euch meine Liebe schenken, um das Gute in Euch zu wecken und das Land von dem Fluch zu befreien. Aber ich habe bereits einen Gemahl und diesen Bund kann ich nicht brechen. Wenn Ihr mir etwas antun wollt, so werden meine Ritter mich verteidigen; sollte dies aber vergeblich sein, so verlieren sie ihr Leben, doch sie bewahren ihre Ehre, ebenso wie ich.“
Des Zauberers Augen funkelten zornig, doch er antwortete nicht; wortlos erhob er sich und verließ das Gemach. Die Königin verbrachte den Rest der Nacht voller Angst und Sorge. Sie fürchtete die Rache Maldins, doch sie bedauerte ihn auch, denn sie hatte verstanden, dass er sich nach Liebe sehnte und bereit war, dafür das Böse aufzugeben; aber sie konnte ihm nicht helfen.

Am Morgen versammelte sie ihre Ritter und bat Maldin um die Erlaubnis, weiterzuziehen. Darauf sagte er: „Ich habe meinen Sinn geändert, da ich Euch zu sehr liebe, um Euch zu zwingen, Eure Ehre aufzugeben. Ihr seid frei zu gehen, wann Ihr wollt, und darüber hinaus bitte ich Euch, mir einen Wunsch zu nennen, und er soll Euch erfüllt werden.“
Das hörte die Königin voller Freude und nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, antwortete sie: „Mein königlicher Gemahl hat nur eine einzige Tochter und sie wird in einem fernen Land leben. Daher ist es mein größter Wunsch, ihm einen Sohn und Erben zu schenken.“
„Es soll geschehen“, sprach der Zauberer.

Die Königin weilte mit ihren Rittern noch einige Tage als Gast in Maldins Schloss; dann nahmen sie Abschied. Nachdem sie eine kurze Strecke geritten waren, sahen sie sich nach dem Schloss um und bemerkten, dass es verschwunden war. Der Zauberer hatte das Land verlassen und kam niemals wieder.

Frohgemut kehrte die Königin zu ihrem Gemahl zurück, der glücklich war, sie wiederzusehen, und sich freute, dass Amanda ihren Prinzen gefunden hatte. Bald darauf reisten sie zusammen in das ferne Königreich, um dem Brautpaar ihren Segen zu geben und der Hochzeit beizuwohnen, die mit großer Pracht gefeiert wurde.

Nach angemessener Frist gebar die Königin einen Sohn, wie der Zauberer versprochen hatte, und dieser wurde der Erbe des Reiches und regierte lange und glücklich, ebenso wie seine Nachkommen. Unter ihrer Herrschaft blühte und gedieh das Land und im Volke ging daher das Gerücht, dass die Mitglieder der Königsfamilie Zauberkräfte besäßen.

Aber das war natürlich nur ein Märchen.
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