Eine etwas andere Beziehung V

GeschichteDrama, Romanze / P18
Dr. Matteo Moreau Dr. Niklas Ahrend Julia Berger OC (Own Character)
27.10.2019
04.07.2020
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30.06.2020 2.525
 
Er hielt den Atem an als er das Zimmer der Intensivstation betrat. Seine Frau hatte die Augen geschlossen und noch immer endeten mehrere Infusionen in ihrem Körper, aber der dicke Beatmungsschlauch, der ihr hübsches Gesicht verdeckte, war weg. Ihre Haut wirkte vielleicht sogar ein klein wenig rosiger als in der Nacht zuvor, in der Matteo an ihrem Bett gesessen hatte. Jetzt war es also endlich soweit.
Leise ging er um das Bett herum und setzte sich auf einen Stuhl, in dem er so viele Nächte verbracht hatte. Behutsam ergriff er ihre Hand und strich mit dem Daumen zärtlich über ihren Handrücken. Er vernahm eine leichte langsame Bewegung ihres Kopfes in seine Richtung. Für andere mochten das keine erkennbaren Bewegungen sein, aber er nahm ihre Anstrengung wahr. Sie wollte ihm in die Augen sehen können und deshalb öffnete sie nun ihre Augenlider. Das Blau ihrer Augen war genauso strahlend wie er es gewohnt war.
„Schneechen …“, presste er nur hervor, ehe ihm die Tränen über die Wangen liefen.
Sie sah ihn einfach nur ruhig an und lächelte leicht. Man merkte, wie schwach sie noch war. Aus diesem Grund war es auch besser, wenn Matteo zunächst allein bei ihr war. Er ahnte zwar, dass sie ihre Kinder liebend gerne sehen wollte, aber garantiert nicht alle auf einmal.
„Was machst du denn für Sachen? Meine Schöne … Der Lola geht es gut. Allen Kindern geht es gut und den Hunden auch. Wir vermissen dich so sehr …“
Er spürte, wie sie seine Hand kaum merkbar drückte. Sie wollte ihm damit wohl vermitteln, dass sie ihn und die Kinder ebenso vermisste.
„Wir sind jetzt in unserem alten Haus eingezogen, weißt du. Alex und Johanna werden nach Leipzig ziehen, zumindest für die Zeit des Studiums. Du musst dir also überhaupt keine Sorgen über ein neues Zuhause machen, das klären wir ganz in Ruhe, wenn du wieder fit bist.“
Wieder drückte sie seine Hand mit ihrer letzten vorhandenen Kraft und er wertete ihre Geste als erneute Zustimmung. Zärtlich strich er ihr mit seiner anderen Hand über den Schopf. Bei dem Brand hatte sie natürlich einiges ihrer Haarlänge einbüßen müssen, aber das fand er nicht schlimm. Sie reichten ihr locker noch bis zur Mitte des Rückens und Haare waren gerade ihr geringstes Problem.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich liebe, Judith. Es war eine Qual, dich so leblos zu sehen, wo du doch so ein fröhlicher Mensch bist …“
„Ich liebe … dich auch …“, krächzte sie mit heiserer Stimme.
„Schone deine Kräfte“, bat er. „Wichtig ist jetzt nur, dass du ganz gesund wirst.“
„Bestimmt …“
„Du wirst die beste Therapie bekommen, die nur möglich ist. Und solange kriege ich das schon mit unserer Rasselbande hin. Die ganze Familie packt mit an und jeder hilft, wo er kann. Du hast also alle Zeit der Welt, um dich auszukurieren.“
Sie nickte schwach und schloss die Augen wieder. Das war vollkommen in Ordnung und auch normal bei Patienten, die eine lange Zeit im Koma gelegen haben. Judith musste sich erst wieder daran gewöhnen, selbständig zu atmen und wach zu sein. Dafür brauchte ihr Körper erneut Zeit, aber das Wichtigste – seine Liebe zu ihr – hatte er ihr mitgeteilt, und auch, dass sie sich um die Kinder keine Sorgen machen musste. Mehr brauchte sie im Moment nicht wissen.
Er küsste sie zärtlich auf die Stirn, zog die Bettdecke etwas mehr zu ihrem Kinn hoch und verließ leise das Zimmer. Erleichtert lächelte er vor sich und beobachtete sie durch die Scheibe. In den letzten Jahren war ihm keine Frau untergekommen, die vergleichbar anmutig und schön war wie seine. Sie hatte etwas ganz magisches an sich, etwas, dass jeder Mann besitzen wollte. Er würde sie nie als seinen Besitz definieren, denn das stand ihm gar nicht zu. Sie war ein freier Mensch und zum Glück entschied sie sich in ihrer Freiheit, bei ihm zu sein.
„Sie macht das wirklich großartig.“
Er drehte sich um und blickte in das Gesicht seiner Schwiegermutter. Schon verrückt, dass sie um einiges jünger war als er selbst.
„Ich bin dir so dankbar, Julia. Wer weiß, wenn jemand anderes die Erstversorgung hier übernommen hätte …“
„Darüber müssen wir nicht nachdenken. Ich habe alles getan, was ich in den Jahren gelernt habe. Auch von dir, Matteo.“
„Meinst du, sie wird bleibende Schäden haben?“
„Im Moment sieht es nicht so aus“, sagte Julia zu seiner erneuten Erleichterung.
„Konntet ihr schon Testungen machen?“
„Ein paar neurologische Fragen konnte ich schon stellen, ja. Sie weiß noch wie sie heißt, mit wem sie verheiratet ist, wer ihre Kinder sind und wann sie Geburtstag haben.“
„Das sind eine Menge Zahlen“, meinte er lächelnd.
„Eben. Und genau aus diesem Grund schließe ich aktuell eine neurologische Schädigung durch das Koma oder die Rauchvergiftung aus. Zu ihrer Beweglichkeit kann ich noch nicht viel sagen. Sie ist erst seit zwei Stunden wieder bei uns.“
„Das hat auch noch Zeit. Wichtig ist, dass sie vom Kopf her alles mitbekommt und weiß, wer sie ist. Du bleibst ihre behandelnde Ärztin?“
„Ja“, versprach sie.
„Gut. Dann ist sie weiter in den besten Händen. Ich kann sie ja nicht selbst behandeln.“
„Du bist ein Idiot“, lachte Julia.
„Ich sollte jetzt zu den Kindern zurück …“
„Nein. Du wirst dich jetzt zu ihr setzen und da sein. Alex und Johanna bekommen das schon geregelt. Ich schicke Niklas gleich zu ihnen rüber.“
„Ich danke dir“, sagte er lächelnd.
„Dafür ist die Familie doch da“, erwiderte sie nur und machte sich auf den Weg in ihr Büro.
Unglaublich, dass das einstige Papakind eine talentierte Medizinerin geworden war. Vielleicht verdankte er ihr das Leben seiner Frau. Er betrat erneut ihr Zimmer und setzte sich wieder an seinen gewohnten Platz, in der Hoffnung, sie könnte später mit ihm ein paar mehr Worte sprechen.

Das Licht blendete sie noch immer etwas, aber es war schon deutlich angenehmer die Augen zu öffnen als vor einigen Stunden. Da die Deckenleute greller wirkte als zuvor, schätzte sie, dass es bereits Abend oder Nacht sein musste. Sie spürte eine angenehme Wärme auf ihrer Hand und bewegte die Augen seitlich herüber, um zu schauen, wer ihr dort die Hand hielt. Es war natürlich niemand geringerer als Matteo.
Den Kopf hatte er auf die Matratze gelegt. Er schien zu schlafen. Judith lächelte in sich hinein. Er war die ganze Zeit bei ihr geblieben. Sie wusste nicht genau, ob er es ihr am Nachmittag erzählt hatte, aber sie erinnerte sich an unglaublich viele Dinge, die durch seine Stimme in ihr Gehör gedrungen waren. Liana versuchte, den Haushalt zu schmeißen, und Lino kümmerte sich wie ein Vater um seine Geschwister – zumindest, soweit er diese Rolle spielen konnte. Sie wohnte alle gemeinsam in ihrem alten Haus, Matteo auf der alten Schlafcouch, weil er zu stolz war, den Platz im Schlafzimmer anzunehmen.
Sie schlug einmal die Lider zu, um ihren Augen neue Feuchtigkeit zu spenden. Das Atmen klappte bedeutend leichter und sie fühlte sich auch etwas erholter als die Stunden zuvor. Mit sanften kontrollierten Bewegungen schwenkte sie ihren Kopf von der einen auf die andere Seite. Ganz langsam, aber sie konnte es von alleine. Ihren Unterarm konnte sie ebenfalls leicht anheben, für mehr fehlte ihr aber deutlich die Kraft. Lediglich ihre Beine bekam sie nicht zur Bewegung. Judith wollte deshalb nicht in Panik verfallen.
Ihr Sohn Amadeus war doch das beste Beispiel dafür, was man mit einem starken Willen erreichen konnte. Außerdem konnte diese scheinbare Lähmung auch von dem Koma und dem langen Liegen stammen. Kein Grund zur Panik also für den Moment. Außerdem konnte man ganz gut in einem Rollstuhl klarkommen, auch das hatte Amadeus ihr gezeigt. Ihr Rücken schmerzte zudem noch leicht.
Was hatte man überhaupt alles mit ihr angestellt? Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie schwere Verbrennungen am Rücken erlitten. Sie war sich im Klaren darüber, dass ihre Haare nicht mehr bis über ihren Po reichen würden. Das Feuer hatte sie sicherlich aufgefressen so wie ihr Fleisch. Es fühlte sich aber nicht so an, als fehle ihr Haut auf dem Rücken. Vielleicht war eine Transplantation durchgeführt worden. Ihr Blick galt nun ihren Armen, die noch teilweise in dicke Verbände gehüllt waren. Das, was sie sehen konnte, war von Schrunden überdeckt. Gut, ihre Haut schien wenigstens zu heilen. Und außerdem machten Narben doch sexy, oder?
Sie fasste einen Entschluss: sie wollte viel mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen. Sie wusste, dass es auch jetzt in einem scheinbar sicheren Zustand noch zu Komplikationen kommen konnte, aber dazu würde sie es nicht kommen lassen. Wenn sie dann die Reha hinter sich hätte, wollte sie ihren Job an den Nagel hängen, zumindest solange, bis ihre Kinder mehr oder weniger aus dem Haus waren.
Sie wollte häufiger Barbie mit Lotta und Lola spielen, mit Amadeus auf dem Bolzplatz kicken und mit ihren pubertierenden Teenagern schon morgens vor der Schule diskutieren. Sie hatte deutlich zu spüren bekommen, wie schnell alles vorbei sein konnte. Sicherlich könnte sie wieder zurückkommen, wenn Lotta und Lola älter waren. Oder eben dann, wenn sie zurückkehren wollte. Immerhin war sie Dr. Moreau junior, den Namen ließ sich keine Klinik entgehen.
Zufrieden lächelte sie vor sich hin. Genau so wollte sie es machen. Matteo wäre bestimmt einverstanden damit. Sie würden vom Erbe ihres Sohnes Amadeus leben können, ohne, dass dieser es wirklich merken würde. Judith und Matteo hatten doch genug eigene Rücklagen erwirtschaftet. Sie konnte es sich also guten Gewissens leisten, zuhause zu bleiben.
„Liebling?“
Sie drehte ihren Kopf wieder zur Seite, um ihrem verschlafenen Mann in die Augen sehen zu können.
„Hey …“, flüsterte sie.
„Hast du gut geschlafen?“
„Ja. Durst …“
Er griff nach der kleinen Schnabeltasse, um ihr beim Trinken zu helfen. Sie bemühte sich zwar, ihre Arme zu heben, aber sie schaffte es nur ein kleines Stückchen. So konnte sie niemals selbst die Tasse halten. Genervt, doch trotzdem dankbar, ließ sie sich von ihrem Mann helfen.
„Du darfst bestimmt auch bald etwas essen“, meinte er lächelnd.
„Hast du … gegessen?“
Besorgt sah sie ihn an. Die letzten Wochen zeichneten sich in seinem Gesicht ab. Oder waren es schon Monate? Sie wusste nicht, wie lange sie hier schon herumlag.
„Noch nicht. Ich konnte dich doch nicht alleine lassen.“
„Du musst essen.“
„Später. Jetzt bin ich bei dir, Schatz.“
Er beugte sich zu ihr und küsste sie zärtlich auf die Stirn. Es tat gut, seine Lippen auf ihrer Haut zu spüren. Sie sog den liebevollen Kuss genießend in sich auf.
„Kinder …?“, fragte sie leise.
„Sie werden dich morgen besuchen kommen. Einer nach dem anderen. Jetzt ist es schon nach 22 Uhr, Liebling.“
Sie nickte leicht und begann zu lächeln. Die Aussicht, ihre Kinder zu sehen, gab ihr einen noch deutlicheren Energieschub. Ihr war klar, dass Matteo sie niemals alle auf einmal zu ihr lassen würde, aber sie nach und nach zu sehen, erwärmte ihr Herz. Ihre Familie war doch der Grund, weshalb sie jetzt umso mehr kämpfen musste.
„Hast du Schmerzen?“, wollte er wissen.
„Ein … wenig …“
„Ich kann eine Schwester holen, die die Dosis erhöht.“
„Nein. So schlimm … nicht“, widersprach sie ihm.
Sie wollte das Zeug mehr und mehr aus ihrem Körper bekommen. Es raubte ihr Kraft, wenn sie ständig betäubt wurde. Das Koma hatte genügend Ruhe geboten, außerdem war es kein wirklicher Schmerz, sondern eher ein Zwicken an ihrem Rücken.
„Wo tut es denn weh?“, fragte er dennoch weiter.
„Rücken.“
„Du weißt ja noch gar nicht, dass … Also … Deine Haut war so verbrannt, dass Julia eine Transplantation vornehmen musste. Sie ist auf dem Gebiet besser als ich, deswegen weiß ich nicht genau, ob deine Schmerzen normal sind, aber ich nehme es mal an.“
Es erschreckte sie, zu hören, wie schlimm ihre Verletzung doch gewesen sein musste. Klar, das war eine logische Erklärung. Sie würde es sogar wie einen Fremdkörper beschreiben, der aber dennoch irgendwie zu ihrem Körper zählte.
„Du warst jetzt 14 Tage im Koma. Du glaubst gar nicht, was ich für eine Angst um dich hatte. Ich habe sie immer noch. Du weißt, dass ich nicht ohne dich sein kann …“
„Musst du nicht.“
„Man hat den Täter auch noch nicht gefunden. Wenn ich weiß, wer es gewesen sein sollte, zerfleische ich ihn persönlich.“
Sie fragte sich, was das noch für einen Sinn hatte. Natürlich wollte sie auch, dass man den Verantwortlichen zur Rechenschaft zog, doch das hatte für sie im Moment keine Priorität. Es änderte nichts an der Situation, in der sie und ihre Familie sich nun befanden. Das Haus würde es ihnen auch nicht wiederbringen. Zum Glück hatte sie noch ein paar Erinnerungen mitnehmen können, sodass nicht alles den Flammen zum Opfer gefallen war.
„Mama!“
Judith wusste sofort, zu wem die Stimme gehörte. Sie drehte ihren Kopf leicht in Richtung Tür und blickte in das Gesicht ihrer ältesten Tochter, die von Julia ins das Zimmer geführt wurde.
„Tut mir leid“, entschuldigte Julia sich bei Matteo. „Sie war nicht zu halten.“
„Onkel Alex hat mir erzählt, dass sie aufgewacht ist und ich musste herkommen. Auch, wenn ich morgen Schule habe und schon längst schlafen sollte, weil ihr immer sagt, das wäre gut für mich, ich -“
„Liana“, unterbrach Matteo sie zärtlich. „Das ist doch jetzt das geringste Problem. Schön, dass du gekommen bist.“
Julia verließ den Raum lächelnd, während Judith die Tränen stumm über die Wangen flossen. Liana nahm die Hand ihrer Mutter und brach ebenfalls in Tränen aus.
„Ich wollte dir so vieles sagen“, schluchzte die Tochter. „Ich habe dich so lieb, Mama, und mir tut es leid, dass ich so viel schreie und böse Dinge von mir gebe. Ich will niemals wieder so sein, das verspreche ich dir. Ich hatte so große Angst, dir nicht mehr sagen zu können, wie sehr ich dich liebe.“
„Ich liebe dich auch“, erwiderte Judith und drückte die Hand ihrer Tochter. Zwar noch zart und beinahe so schwach wie am Nachmittag bei ihrem Mann, aber irgendwie doch etwas fester.
„Und ich soll dich von allen grüßen und dir sagen, dass wir dich alle lieben. Wir vermissen dich sehr und wollen dir beim Gesund werden helfen, so gut es geht. Wir werden für dich da sein, Mama. Du hast uns das Leben gerettet, weil du uns alle aus dem Haus gescheucht hast.“
„Weil ich … euch liebe …“
„Wir dich auch. Ganz doll, Mama. Auch, wenn wir jetzt immer diese bescheuerten Hormonschübe haben. Wir lieben dich.“
„Ich weiß“, sagte die Mutter.
„Genau das habe ich ihr auch gesagt“, mischte sich Matteo ein und bedeutete Liana, sich auf den Stuhl neben ihm zu setzen.
Seine Tochter tat dies auch und fragte ihn: „Kann ich meinen Kopf auf ihre Brust legen?“
„Klar. Wenn Mama damit einverstanden ist.“
Judith sah ihren Mann empört an. Natürlich war sie das! Sie wollte nichts lieber als mit ihren Lieblingsmenschen zu kuscheln, ihnen nah zu sein und ihre Wärme zu fühlen.
So genoss sie einfach den Moment, in dem ihre so groß gewordene Liana wieder zum kleinen Mädchen wurde und sich an sie schmiegte – was sie vermutlich sonst nicht mehr getan hätte. Judith liebte ihre Heranwachsende wie ihre kleinsten Prinzessinnen, die Rabauken so wie die Ruhigen. Sie liebte all ihre Kinder und ihren Mann. Ihr ganzes Leben. Und weil sie das alles so sehr liebte, vertraute sie darauf, dass sie wieder ganz gesund werden würde. Es würde dauern und Kraft kosten, aber mit dem starken Rückhalt könnte sie alles schaffen.
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