Ein-Personen-Aufstand

von Alice83
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter OC (Own Character) Rodrigo "Rod" Gonzalez
27.10.2019
11.11.2019
16
26667
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A/N: Einen wunderschönen Samstag, meine Liebsten ♡

Sagt mal, wollen wir vielleicht mal kurz Bilanz ziehen? Wir haben nämlich noch eine riesige Menge Handlung vor uns, aber ich wollte mal eure Vitalzeichen prüfen ;)

Also, alles frisch?

Heute dieselbe Frage wie gestern: Team Lotte? Team Jan? Team JaLo?

Konzentriert euch heute mal nicht zu sehr auf die Liebesgeschichte, sondern auch mal auf das drumherum.

Ich habe das hier vor drei oder vier Wochen geschrieben und finde es unfassbar schwierig, sich zu entscheiden.

Was noch?

Ach ja, der "illegale Daumen". Ich musste ihn einfach einbauen :D

Wer keine Ahnung hat, wovon ich rede, möge sich bitte die "Gitarrenschule" auf YT oder auf der Homepage des großen Meisters anschauen, ich könnte mich jedes Mal aufs Neue totlachen.

Erst mal, wo bitte sitzt er da? Ich hoffe, diese schäbige Wand gehört nicht zu seinem Haus.

Diese Perspektive am Ende der Videos auf seinen Schritt ist, sagen wir, auch nicht so geschickt gewählt.

Außerdem könnte sein Frauchen, respektive er selbst, die Jeans mal neu einfärben oder direkt entsorgen.

Und dann seine niedlichen Versuche, das, was er da tut, zu erklären.("Das ist eine einzige Pfuscherei"; "hier kommt ein C-Akkord, den ich aber nicht benennen kann"; "versucht mal, das sauber zu greifen, ich kann das nicht"; "zeigt das nicht eurem Gitarrenlehrer, der hackt mir den Daumen ab")

Ich könnte ihm natürlich trotzdem stundenlang zuhören ;) ♡♡♡

Morgen folgt Emo Bums, nur, dass ihr schon mal Bescheid wisst ;)

Bis morgen! ♡♡♡♡
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Lass die Leute reden, denn wie das immer ist
Solang die Leute reden, machen sie nichts Schlimmeres
Und ein wenig Heuchelei kannst du dir durchaus leisten
Bleib höflich und sag nichts: Das ärgert sie am meisten - Lasse redn (Die Ärzte)



09.04.2010, Hamburg, Stadtteil Fuhlsbüttel, Albert-Schweitzer-Gymnasium, 17:35 Uhr


Charlotte saß gespannt in der Aula des Gymnasiums, welches ihre Kinder besuchten – es war exakt dasselbe, in dem vor einigen Jahren das Unplugged Konzert der Band ihres Vaters stattgefunden hatte.

Beide Kinder schienen die musikalische Begabung ihres Vaters geerbt zu haben – beide spielten, wie sollte es anders sein, Gitarre, aber Marco hatte in den letzten Monaten eine Liebe zum Schlagzeug entwickelt, die Jan mit einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung beobachtete.

Alexandra hingegen konzentrierte sich derzeit aufs Klavier, was bei ihrem Vater wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hatte.

Seine Begeisterung war sogar so groß, dass in seinem Wohnzimmer jetzt ein Konzertflügel stand.

"Für meine Prinzessin nur das Beste", hatte er gesagt, und Charlotte hatte, wie so oft, die Augen verdreht.

Heute würden die beiden erstmalig, wenn auch nur für einen überschaubaren Personenkreis, auf der Bühne stehen: Marco an der Gitarre, Alexandra Klavier und Gesang.

Charlotte wusste, dass die Gerüchteküche unter den Schülern und Eltern brodelte.

Der Nachname ihrer Kinder in Verbindung mit Marcos Ähnlichkeit zu Jan und der außergewöhnlichen musikalischen Begabung sorgte für einige Spekulationen, ob es sich bei den beiden wohlmöglich um die Kinder eines bestimmten Gitarristen handelt könnte.

Lotte ließ, auf Jans ausdrücklichen Wunsch hin, die Spekulationen und Gerüchte unkommentiert im Raum stehen, auch und gerade weil eine Bestätigung eigentlich gar nicht nötig war: Für sie lag die Erklärung mehr als eindeutig auf der Hand.

Dennoch war es lästig, sich immer wieder fragen zu lassen, wo denn der Vater der Kinder sei. Natürlich, sie war Alleinerziehend, aber das waren viele andere auch, trotzdem ließen sich die entsprechenden Väter regelmäßig in der Schule blicken.

Noch katastrophaler hingegen war die Sache natürlich für ihre Kinder selbst, die immer Ausflüchte suchen mussten, wenn es um ihren Vater ging.

Wenn es nach Jan gegangen wäre, würden die beiden ohnehin keine staatliche, sondern eine Privatschule oder sogar ein Internat besuchen, aber dagegen hatte Lotte sich mit Händen und Füßen gewehrt.

Nur weil ihre Kinder im genetischen Lotto den Hauptgewinn gezogen hatten, sollten sie trotzdem so normal wie möglich groß werden, und nicht mit anderen Millionärskindern in einem Schloss wohnen und nur in den Ferien heim kommen.

Ihre Gedanken wurden davon unterbrochen, dass ihre Kinder die Bühne betraten.

Der Musiklehrer hatte ihnen die Songauswahl überlassen, und zu Charlottes Genugtuung und Jans Missfallen war ihre Wahl auf ‚Ohne dich' von Rammstein gefallen.

Nun sah sie ihre Kinder auf der Bühne, Marco auf einem Hocker mit seiner Gitarre auf dem Schoß, Alexandra am Klavier, und sie spielten und sangen, als ob es um ihr Leben gehen würde.

Am Ende hatte nicht nur Charlotte Tränen in den Augen stehen, und der ganze Saal erhob sich, um den beiden zu applaudieren.

„Erzählt mir alle, was ihr wollt, das sind doch seine Kinder. Guck' dir Marco doch an, der spielt sogar genau wie sein Vater.“, hörte Lotte hinter sich eine Mutter reden.

Sie verdrehte die Augen, musste dieser aber Recht geben. Marco hatte die streng genommen technisch nicht korrekte Grifftechnik seines Vaters übernommen- kein Wunder, war Jan doch bis heute sein einziger Gitarrenlehrer.

***

Zwei Stunden später waren Charlotte und ihre Kinder auf dem Weg zu ihrem Auto, als sie bemerkten, dass sie verfolgt wurden.

„Papa!“, rief Alexandra und fiel ihrem Vater um den Hals, der sie an sich drückte.

„Du warst super, Prinzessin.“

Er gab ihr einen Kuss und stellte sie wieder auf die Füße.

„Charlotte.“

Er küsste sie auf die Wange und lächelte sie schief an.

„Du warst da?“

Marco lehnte sich betont gleichgültig an die Stoßstange von Charlottes Auto und sah ihn fragend an.

„Klar, als ob ich mir das entgehen lassen würde.“

Marco schnaubte.

„Und, wo hast du dich dieses Mal versteckt?“

Jan zögerte.

„Ist das nicht total egal, Marco? Ich war da, zählt das nicht?“

Marco betrachtete demonstrativ seine Fingernägel.

„Geht. Wobei man ja sagen muss, dass es für deine Verhältnisse schon echt an ein Wunder grenzt, dass du überhaupt da warst. Schade nur, dass du nicht zu uns stehst. Aber gut, verleugnen wir uns halt weiter gegenseitig.“

Jan verdrehte die Augen.

„Ich will euch doch nur schützen, das wisst ihr doch.“

„Wovor denn schützen, Papa? Das war eine blöde Schulveranstaltung, meine Güte.“

„Aber irgendjemand quatscht immer.“

„Und? Was wäre denn so schlimm daran, wenn die Öffentlichkeit wüsste, dass der große Farin Urlaub zwei Kinder hat? Mama ist auch eine bekannte Schriftstellerin und sitzt immer in der ersten Reihe.“

Charlotte biss sich auf die Unterlippe.

Ihr Sohn hatte Recht, es war ihr jedoch bis gerade nicht klar gewesen, dass es ihn so belastete.

„Marco, ich möchte gar nicht mit dir diskutieren, das macht doch keinen Spaß. Lasst uns lieber was essen gehen.“

Er sah hilfesuchend zu Charlotte.

„Macht was ihr wollt, ich möchte nach Hause. Mama?“

Marco sah sie herausfordernd an.

Charlotte warf ihm die Autoschlüssel zu.

„Setzt euch schon mal, ich komme sofort.“

Sie nahm Jan beim Arm und führte ihn vom Auto weg, bis sie außer Sicht- und Hörweite waren.

Er beugte sich zu ihr hinunter um sie zu küssen, aber sie zog den Kopf weg.

„Jan, so geht das nicht.“

Er sah sie stirnrunzelnd an.

„Marco hat Recht, und das weißt du auch. Entweder stehst du zu ihnen oder du lässt es, aber dann halte dich auch von Veranstaltungen dieser Art in Zukunft fern.“

Er versuchte, sie in seine Arme zu ziehen, aber sie ging zwei Schritte zurück.

„Ich habe es doch nicht böse gemeint.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Natürlich nicht, aber es verletzt die Kinder.“

Er verzog das Gesicht.

„Habe ich gemerkt. Und du gibst ihm Recht.“

„Weil er Recht hat.“

Er seufzte resigniert.

„Okay, können wir uns dann den angenehmen Dingen zuwenden?“

Er zog sie in seine Arme und küsste sie, und einen Moment gab Charlotte sich ihm und der rosa Zuckerwatte hin, dann machte sie sich widerwillig von ihm los.

„Jan, ich kann das nicht mehr. Ich muss meine Kinder schützen, und mich selbst auch.“

Er sah sie fragend an.

„Wir waren uns doch einig?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Die Dinge haben sich geändert. Wir telefonieren. Mach' es gut, ja?“

Sie küsste ihn noch mal auf die Wange, dann verschwand sie in der Dunkelheit.

Jan sah ihr noch lange nach.

■■■■

08.09.2018, Hamburg, Stadtteil Winterhude, 02:25 Uhr

Charlotte schaute seufzend ihren Laptop an.

Sie hatte sich damals aus der Situation, aus dieser angeblich doch so betont lockeren Affäre mit ihm, aus reinem Selbstschutz entziehen müssen, aus einem ganz einfachen Grund – sie war viel zu verliebt in ihn, um das Ganze wirklich nur als Affäre zu betrachten.

Hinzu kam, dass sie an diesem Abend das Gefühl hatte, sich positionieren zu müssen.

Sie kannte Jans Bedenken zur Genüge und wusste, dass er mit seinem Einverständnis, die beiden eine staatliche Schule besuchen zu lassen, schon den größtmöglichen Kompromiss eingegangen war.

Trotzdem konnte sie auch verstehen, warum Marco an diesem Abend so unfassbar wütend und enttäuscht gewesen war.

Alexandra war, vom Tag ihrer Geburt an, immer Jans Prinzessin gewesen.

Ob es um Reitstunden ging, Musikinstrumente, Bücher oder Spielzeug, sie musste ihn nie ein zweites Mal um irgendwas bitten, wenn er es ihr nicht ohnehin schon von den Augen abgelesen hatte.

Natürlich war er Marco gegenüber genauso großzügig und auch liebevoll, aber Marco betrachtete seinen Vater schon immer von Grund auf kritischer, als seine Schwester es tat.

Im Gegensatz zu Alexandra hatte er schon sehr bewusst mitbekommen, dass Jan für ein Jahr verreiste und Charlotte damit sehr unglücklich machte.

Charlotte vermutete, dass Marco schon sehr früh angefangen hatte, sich für seine Mutter in irgendeiner Art und Weise verantwortlich zu fühlen, weil Jan eben sehr häufig durch Abwesenheit geglänzt hatte.

Überhaupt hatte Marco schon sehr früh ein feines Gespür für seine Mutter entwickelt, das sie bis zum heutigen Tage oftmals überraschte.

Sie schob sich seufzend noch ein Stück Schokolade in den Mund und war gespannt, was Jan ihr wohl darüber zu erzählen hatte.

■■■■

„Ach Charlotte, wie vernagelt kann ein Mensch denn sein? Ich habe damals wirklich geglaubt, die Kinder vor irgendwas schützen zu müssen – heute, mit dem nötigen Abstand, sehe ich das alles differenzierter.

Wahrscheinlich hatte Marco an dem Abend Recht, und es wäre einfach gar nichts passiert, wenn die Mitschüler erfahren hätten, dass unsere Kinder einen bekannten Vater haben.

Im Grunde lag es ja sowieso auf der Hand, der Nachname, Marcos Ähnlichkeit zu mir und nicht zuletzt die fehlerhafte Grifftechnik.

Aber ich hatte Angst, Lotte.

Angst, die Kinder könnten entführt werden oder zu Außenseitern werden.

Du warst doch diejenige, die immer wollte, dass sie unter möglichst normalen Umständen groß werden – meinst du, das wäre dann noch möglich gewesen?

Ich wollte auch nicht, dass sie wohlmöglich noch von Lehrern anders beurteilt werden.

Im Grunde wollte ich nur das Beste für sie – ob es der richtige Weg war, kann ich nicht sagen.

Und noch etwas wollte ich zu dieser Zeit, so sehr, wie ich es immer gewollt hatte: dich.

Aber du hast mich an dem Abend stehen lassen, auf diesem dunklen Parkplatz, und bist mit meinen Kindern nach Hause gefahren.

Ich wusste, dass ich in dem Moment wieder mal alles verloren hatte, und habe das getan, was für mich typisch ist, und bin mal wieder abgehauen – wie immer."


■■■■

Charlotte seufzte.

Wir hätten mal miteinander reden sollen, dachte sie sich.

Wir hätten wirklich mal miteinander reden sollen, Jan.