Goyle

GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 Slash
Andromeda Tonks Blaise Zabini Draco Malfoy Gregory Goyle Seamus Finnigan Vincent Crabbe
27.10.2019
14.02.2020
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Anmerkung der Autorin: Ich sage es lieber gleich... dieses Kapitel ist anstrengend. Es gibt viele Textblöcke, in denen einzelne Personen monologisieren. Ich hab versucht, es zu entzerren, aber es geht kaum. Ich wünsche einen fröhlichen Valentinstag - und auf einige Reviews muss ich noch antworten, das werde ich im Laufe des Wochenendes tun! Ich hab mich wahnsinnig über euer Feedback gefreut! :)

* * *

29 – Ein neues Hogwarts


Am Mittwochmorgen wartet er geduldig darauf, dass sich die Anspannung einstellt und ihn die Panik wie ein Klatscher trifft, doch als er im Klassenzimmer von Professor Tonks seinen Platz neben Lavender Brown einnimmt, fühlt er sich noch immer nicht furchtbar. Ihm entgeht nicht, dass sich in der Reihe hinter ihm eine leise Unterhaltung abspielt. Als er hingesehen hat, saßen Draco und Hermine Granger stumm nebeneinander, doch anscheinend sprechen sie miteinander, während sie den Blick nach vorne gerichtet haben. Draco hat ein außergewöhnliches Talent dafür, seine Stimme zu modulieren und zu flüstern ohne zu flüstern, sodass Gregory nicht verstehen kann, worüber gesprochen wird. Die übrigen Unterhaltungen und das Verrücken von Stühlen und Taschen um ihn herum tut den Rest. Lavender Brown kaut einen Kaugummi und es riecht intensiv nach künstlichen Kirschen.

Die Farbe von Kirschen hat auch die Bluse von Professor Tonks. Sie trägt eine schwarze Strickjacke, die den klirrend kalten Temperaturen angemessen ist, aber nicht zu der üblichen Haltung der Lehrerin passt. Anstatt sich an das Pult zu lehnen, setzt sie sich auf den Stuhl dahinter und wickelt sich in der Strickjacke ein, als wäre sie erkältet. Es dauert ein wenig länger, bis in allen Ecken des Klassenzimmers Ruhe eingekehrt ist und Andromeda Tonks lächelt nicht, als sie zu sprechen beginnt.

„Das Thema der heutigen Stunde wird das sogenannte „neue Hogwarts“ sein, das Sie im letzten Jahr alle miterlebt haben. Zuvor möchte ich Ihnen die Gelegenheit geben, um Fragen und Gedanken zur letzten Woche loszuwerden.“ Sie wartete einen Moment, ehe sie weiterspricht. Die dringlichsten, allgemeinsten Fragen sind mittlerweile geklärt. Für die Details sind noch nicht alle wach genug oder es fehlt im Großen und Ganzen an Spitzfindigkeit. „In der letzten Woche ist Mr. Malfoy so freundlich gewesen, uns von seinen persönlichen Erfahrungen mit Voldemort zu erzählen. Aus dem Gesagten ist denke ich für alle ersichtlich gewesen, dass Voldemort sehr viel Wert darauf gelegt hat, Hogwarts in seine Pläne für die Zauberwelt miteinzubeziehen. Albus Dumbledore ist dabei im Weg gewesen. Da Tom Riddle und Albus Dumbledore einander über so viele Jahre hinweg kannten und einander nur selten unterschätzt haben, muss man sich vielleicht wundern, dass Voldemort nicht persönlich versucht hat, an Albus Dumbledore heranzukommen, aber vielleicht ist es gerade interessant, dass er diese Aufgabe weitergegeben hat. An Mr. Malfoy, der in einer ganz anderen Position als jeder andere Todesser gewesen ist, da er in Hogwarts zur Schule ging. Kein anderer Todesser hätte einfach so in der Nähe von Albus Dumbledore sein können, da Dumbledore sowie der Orden des Phönix mit einem Großteil der Identitäten von Voldemorts Anhängern vertraut waren. Ein neuer, unbelasteter Todesser war also Voldemorts beste Chance, um Dumbledore zu überraschen… ich denke, Sie alle kennen Ihren ehemaligen Schulleiter und waren in der vergangenen Woche nicht allzu erstaunt zu erfahren, dass Albus Dumbledore keineswegs so leicht zu überlisten war. Was bereits gesagt wurde, ist dass Albus Dumbledore bereits Monate vor seinem Tod durch einen Fluchschaden geschwächt wurde und seinem eigenen Tod wissend entgegenblickte. Er wusste außerdem, dass es nach seinem Tod ganz zweifellos schlecht um Hogwarts stehen würde – und deswegen hat er dafür gesorgt, dass Severus Snape sein Nachfolger sein würde.“ An dieser Stelle macht Professor Tonks eine kleine Pause. In der letzten Stunde hat Draco erläutert, dass es Snape gewesen ist, der Dumbledore mit dem Todesfluch getroffen hat und dass dieser damit einen Unbrechbaren Schwur erfüllt hat, den er bei Narzissa Malfoy geleistet hat, die von dem Meister der Zaubertränke verlangt hat, das Leben ihres Sohnes zu schützen. „Sie erinnern sich daran, was Mr. Malfoy über den Unbrechbaren Schwur gesagt hat, den Severus Snape geleistet hat. Severus Snape hat gelobt, die Aufgabe, die für Mr. Malfoy gedacht war, im Zweifelsfall selbst auszuführen. Narzissa Malfoy, die ihm diesen Schwur abverlangt hat, konnte wohl kaum ahnen, dass sie mit Albus Dumbledores Wünschen für seinen Tod übereinstimmen würde. Da Professor Snape derjenige gewesen ist, der das Leben von einem der mächtigsten Zauberer der Gegenwart beendet hat, waren die Zweifel an seiner Person seitens der Todesser ausgeräumt. Snapes Anstellung in Hogwarts, seine enge Verbindung und offensichtliche Treue zu Dumbledore sowie die Tatsache, dass sein Name in keinem der Prozesse von 1981 je gefallen war, hat bei Voldemort und den Todessern, die für ihre Treue nach Askaban gegangen waren, für erhebliche Skepsis gesorgt. Die Tatsache, dass Severus Snape ein Träger des dunklen Mals war und keine besonders freundliche Ausstrahlung hatte, hat wiederrum auf der Seite des Phönixordens und der Lehrerschaft von Hogwarts Zweifel hervorgerufen. Nach Dumbledores Tod schien es eindeutig, auf welcher Seite Snape stand und wofür er, als der Schulleiter des neuen Hogwarts, stehen würde. Und was meinen Sie, wofür stand Professor Snape im vergangenen Jahr? Welche Veränderungen gab es in Ihrem Alltag?“

Ein wenig zögerlich heben seine Mitschüler die Hand und Susan Bones darf zuerst sprechen: „Ich denke, die erste Veränderung, die ich bemerkt habe, gab es bereits im Zug. Es war wieder wie in der dritten Klasse, als alle in Panik waren wegen Sirius Black… diesmal waren zwar keine Dementoren im Zug, aber draußen wurde es immer nebliger. Es war offensichtlich, dass Hogwarts von Dementoren umgeben war, die nicht auf der Suche nach Geflohenen waren… sondern aus anderen Gründen.“ Bei der Erinnerung schüttelt es nicht nur Susan Bones. Auch Gregory hat das Gefühl, als würde die Temperatur fallen und zieht die Ärmel seines Pullovers bis zu seinen Fingerspitzen. Vorne erteilt Andromda Tonks das Wort an Romilda Vane.

„Es gab neue Lehrer. Die Carrows saßen links und rechts von Professor Snape. Ich kannte die Beiden nicht, ich habe sie nicht von den Fahndungsplakaten her wiedererkannt, weil sie so viel gesünder und normaler aussahen… aber schon in der ersten Stunde von Professor Carrows Version von Muggelkunde hab ich allmählich begriffen, wer die beiden sind.“

„Alecto Carrow hat tatsächlich einen Ohnegleichen-UTZ in Muggelkunde, aber soweit ich weiß, hat sie davon keinen Gebrauch gemacht, sondern das Unterrichtsfach so verändert, dass es hauptsächlich darum ging, dass Muggel eine unterlegene Menschenrasse sind.“ Professor Tonks betont jedes Wort sehr vorsichtig und an der Tafel erscheinen das Stichwort Pflichtfach „Muggelkunde“ und die vollständigen Namen der Carrows. „Muggelkunde wurde zum Pflichtfach, genau wie Verteidigung gegen die dunklen Künste… aber das ist ja in diesem Jahr nicht anders, Ihre Anwesenheit hier ist ja ebenso obligarotisch wie im vergangenen Jahr bei Professor Carrow, aber ich hoffe, der Unterschied ist Ihnen bewusst.“ Sie lächelt und er bemerkt, dass er nicht der Einzige ist, der kleine, ermutigende, nickende Bewegungen macht. „Also, ich fasse zusammen: Dementoren und zwei Todesser, mit Professor Snape drei, die den Unterricht nach ihren Vorstellungen gestaltet haben. Weitere Veränderungen?“

„Es gab neue Regeln.“ Lavender Brown hebt nachträglich die Hand und Professor Tonks signalisiert ihr, dass sie weitersprechen darf. „Die Ausgangssperre galt viel früher, man durfte das Schloss nicht mehr ohne einen triftigen Grund verlassen und musste sich bei einem Lehrer abmelden. Die Wege zu den Mahlzeiten und zum Unterricht sollten möglichst in geschlossenen Gruppen stattfinden. Es war beinahe unmöglich, alleine zu sein… und es gab diese Patrouillen.“

„Genau, die Patrouillen, da wissen Sie mehr als ich, obwohl ich mich ausführlich mit einigen Kollegen darüber unterhalten habe. Hat jemand von Ihnen an den Patrouillen teilgenommen und kann uns mehr darüber erzählen? Ja, Mr. Nott, sehr gerne.“

„Also die Patrouillen waren so eine Art Ersatz für das Vertrauensschüler-System, das ja mehr oder weniger abgeschafft war, auch wenn es ein paar Leute gab, die aus dem Vorjahr noch Vertrauensschüler waren. Nachts wurde die Einhaltung der Ausgangssperre zwar wie immer von Mr. Filch überwacht und die Carrows selbst sind auch unterwegs gewesen, aber es wurden auch Schüler eingeteilt, die als „vertrauenswürdig“ galten, um durch das Schloss zu patrouillieren. Wegen meines Vaters wurde ich auch zu diesen Patrouillen eingeteilt. Mein Stundenplan war von vorneherein so aufgebaut, dass ich am Tag nach der Patrouille keinen Vormittagsunterricht hatte.“ Theo räuspert sich. „Ich habe während dieser Patrouillen nie besonders viel gemacht, aber ich weiß, dass einige Schüler es ausgenutzt haben, dass in dieser Zeit keine Regeln für die Patrouillierenden galten. Der Gebrauch von Unverzeihlichen Flüchen war beispielsweise gestattet.“

„Und doch haben Sie bis zu der Unterrichtsstunde vor zwei Wochen gewartete, ehe Sie den Cruciatus ausprobiert haben? Vor zwei Wochen haben Sie gesagt, Sie wären neugierig, ob Ihnen der Spruch gelingen würde. Im letzten Jahr waren Sie also noch nicht neugierig?“

„Doch… schon, aber ich wusste, wenn ich den Spruch benutze, dann würde das früher oder später Konsequenzen für mich haben – und außerdem auch direkte Konsequenzen. Den Spruch auszuprobieren und damit einen anderen Schüler zu verletzen war… das ist etwas ganz Anderes als ihn an einem Irrwicht auszuprobieren, der dabei nicht wirklich zu Schaden kommt. Außerdem haben die Carrows und Professor Snape mitbekommen, wer bei den Patrouillen „über sich hinauswächst“ und wer einfach nur seine Zeit absitzt so wie ich… und ich hatte ehrlich gesagt kein Interesse daran, mich so dermaßen bei den Carrows einzuschleimen, dass sie mich als qualifiziert für irgendwelche Sondereinsätze betrachten.“

„Sondereinsätze?“ Professor Tonks wirkt beinahe ein wenig pikiert über Theos lässige Wortwahl. Aber Gregory kann nur zu gut verstehen, dass Theo all das ein wenig harmloser ausdrücken will als es tatsächlich gewesen ist. Die Erinnerungen an die Dienstagnächte, die er alle zwei Wochen damit verbracht hat, wie ein Gespenst durch das Schloss zu wandeln, sind Erinnerungen, die er lieber nicht hätte.

„Das war jetzt etwas blöd gesagt. Die Carrows haben den Schülern, die gezeigt haben, dass sie das auch wollen, kleine Aufgaben übertragen… Aufsicht über Strafarbeiten und so was. Es gab ja deutlich mehr Strafarbeiten und Nachsitzen als sonst. Die Carrows konnten das personell zu zweit gar nicht schaffen und haben deswegen Schüler als Aufsicht für andere Schüler eingesetzt… überwiegend Slytherins aus den höheren Jahrgängen.“

„Darf ich fragen, wer von Ihnen ebenfalls für diese Patrouillen ausgewählt wurde?“ Nicht ganz freiwillig hebt er die Hand und nimmt an, dass Draco dasselbe tut. Vor ihm meldet sich Millicent und erstaunlicherweise hebt auch Luna Lovegood die Hand. Das scheint Professor Tonks und den Rest des Kurses zu irritieren. „Miss Lovegood, möchten Sie etwas dazu sagen? Ich muss gestehen, ich wundere mich ein wenig, dass Professor Snape Sie ausgewählt hat.“

„Das hat er auch gar nicht – es war als eine Strafarbeit gedacht. Professor Carrow hat gleich im Oktober entschieden, dass ich am Wochenende keine Zeit haben sollte, um mir „wie mein Vater Unsinn auszudenken“ und deswegen habe ich an den Sonntagabenden immer drei Stunden in seinem Büro verbracht. Und in den Samstagnächten musste ich abwechselnd Blaise Zabini und Arthur Montague bei ihren Patrouillen begleiten.“ Gregory erinnert sich daran, wie Blaise es stoisch hingenommen hatte, dass man ihm jede zweite Woche sein halbes Wochenende klaute und er dafür nicht einmal einen freien Vormittag unter der Woche bekam. Die Anwesenheit von Luna Lovegood hatte er dabei nie erwähnt, doch das war auch wieder nur typisch.

„Also ich muss sagen, das finde ich jetzt hochinteressant. Was für einen Eindruck hatten Sie als mehr oder minder Außenstehende von den Patrouillen? Wie wurden Sie von Ihren beiden Mitschülern behandelt? Haben Sie über Ihre Strafarbeit gesprochen?“

„Nicht wirklich… Blaise hat immer ein Buch dabei gehabt und wir haben die Zeit meistens genutzt, um Hausaufgaben zu machen. Wir haben kaum miteinander gesprochen, aber er hat mir manchmal bei den Hausaufgaben für Professor Slughorn geholfen. Das fand ich sehr freundlich. Es ist glaube ich nur ein oder zweimal vorgekommen, dass wir irgendwo Schüler gesehen haben und dann ist Blaise immer in ein anderes Stockwerk gegangen. Ich habe zwischenzeitlich überlegt, ob er schwerhörig ist… oder kurzsichtig. Irgendwann habe ich ihn dann gefragt, warum er nie etwas getan hat, aber ich habe keine brauchbare Antwort bekommen.“

„Na ja, vielleicht ist Mr. Zabini ja heute Nachmittag geneigt, sich dazu zu äußern.“ Professor Tonks unterdrückt ein Schmunzeln. „Was ist mit Mr. Montague? Hat sich sein Verhalten von Mr. Zabinis unterschieden?“

„Wir haben keine Hausaufgaben gemacht, sondern sind die ganze Zeit herumgelaufen. Manchmal hat er auch irgendwelche anderen Übungen gemacht… er hat die Zeit genutzt, um für die Quidditchspiele seine Ausdauer zu verbessern. Wir haben auch nicht besonders viel geredet. Er hat manchmal ein paar seltsame Sachen gefragt, aber eigentlich ist er auch sehr freundlich gewesen. Sehr normal. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er sich durch diese Patrouillen irgendwie privilegiert fühlt oder besonders wichtig. Es hat ihn eher genervt, dass er sein Wochenende damit verbringen musste, glaube ich.“

„Was für „seltsame“ Sachen waren das, nach denen gefragt wurde?“ Vermutlich geht Professor Tonks davon aus, dass Arthur Montague über Umwege und ganz subtil Spionage betrieben hat, aber Gregory, der Arthur durch Quidditch zwangsläufig ganz gut kennt, bezweifelt, dass irgendwelche ausgeklügelten Schachzüge von seiner Seite aus stattgefunden haben. Und die Röte, die sich auf Lunas Gesicht ausbreitet, gibt ihm Recht.

„Na ja… er wollte wissen, ob ich einen Freund habe und so was, aber ich glaube, das interessiert hier wirklich nicht.“

„Oh, entschuldigen Sie, Miss Lovegood, ich dachte, es wären vielleicht Fragen über Ihren Vater oder über Ihre Freundschaften zu den Weasleys oder Mr. Potter gewesen… bitte entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ Neben ihm kichert Lavender Brown leise und Romilda Vane wirkt ebenfalls ganz erheitert. „Aber gut, das war die eine Seite der Patrouillen… wer von Ihnen ist denn in die Situation geraten, von einem Mitschüler bei einer Strafarbeit beaufsichtigt worden zu sein?“ Ein Dutzend Hände geht nach oben und Professor Tonks Augen weiten sich. „Fast die Hälfte von Ihnen… gut, möchte jemand etwas darüber erzählen? Ja, Mr. Finnigan, gerne.“

„Es war erstaunlich unangenehm – und ich hätte nicht gedacht, dass doch so viele Leute für die Patrouillen eingesetzt wurden, ich hatte nämlich bei mehreren Strafarbeiten eigentlich immer nur mit Vincent Crabbe und Astoria Greengrass zu tun.“ Dass Astoria Greengrass, die immerhin erst dieses Jahr ihre ZAG-Prüfungen machen würde, von den Carrows für solche Aufgaben in Betracht gezogen worden war, schockierte ihn irgendwie. Das hatte er nicht gewusst. „Ich fand es immer komisch, weil Astoria ja gerade mal eine Viertklässlerin war, aber… na ja, die Carrows scheinen sich irgendetwas von ihr versprochen zu haben. Allerdings kann ich beim besten Willen nicht sagen, was das gewesen sein soll. Sie hat zwar ihre „Aufgabe“ erledigt und sehr viel Zeit damit verbracht, mich anzustarren und auszufragen, aber nicht mal dieses „Ausfragen“ war irgendwie zielführend… es waren auch eher unpersönliche Fragen. Es ging sehr viel um Irland… sie wollte wohl immer mal nach Dublin und hat mich von vorne bis hinten über die Stadt ausgefragt.“ Seamus macht eine kleine Pause und alle, nicht nur er, alle wissen was jetzt kommt. Denn es ist schließlich kein Geheimnis. Es ist nie ein Geheimnis gewesen. „Bei Crabbe sah das anders aus. Er hat es wirklich ausgenutzt, dass die Carrows ihm solches „Vertrauen“ entgegengebracht haben. Er hat es sichtlich genossen, dass er bevorzugt wurde und ich schätze, er hat die Erwartungen der Carrows voll und ganz erfüllt.“

„Wie meinen Sie das mit den erfüllten Erwartungen, Mr. Finnigan?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das unter üble Nachrede fällt und ich will mich dazu ehrlich gesagt lieber nicht so ausführlich äußern. Crabbe hat den zweiten Unverzeihlichen Fluch benutzt. Und andere Sprüche, die man nicht gerade als fröhliche Zaubertricks bezeichnen kann.“

Alle Handzeichen sind heruntergegangen und an der Tafel erscheint der Name Vincent Crabbe. Hinter ihrem Pult sieht Andromeda Tonks auf einmal ganz klein und ein bisschen blass aus.

„Ich weiß, dass einige von Ihnen mit Vincent Crabbe befreundet waren und dass es nicht schön ist, in dieser Weise über einen ehemaligen Mitschüler zu sprechen, doch ich habe mich dafür entschieden, dass wir anhand von Vincent Crabbe besprechen, welche Vorstellungen Voldemort von dem neuen Hogwarts hatte. Ich zwinge hier niemanden, sich zu beteiligen, aber da ich Mr. Crabbe nicht persönlich kannte, kann ich an dieser Stelle quasi nur das widergeben, dass ich aus seiner Schülerakte und von der Lehrerschaft erfahren habe. Es ist zu befürchten, dass meine Ausführungen deswegen unvollständig sein werden und ich wäre Ihnen für Ergänzungen dankbar.“ Andromeda Tonks legt eine kleine Pause ein, doch niemand reagiert. Lavender Brown hat entweder aufgehört zu atmen oder aber ihre Atmung geht sehr flach. „Seinen Zeugnissen nach zu urteilen ist Mr. Crabbe ein eher mittelmäßiger Schüler gewesen. Er hat sich in keinen Vereinen engagiert, aber einige Jahre als Treiber in seiner Hausmannschaft gespielt. Den Protokollen der Spiele zufolge hat er eine Neigung zu brutalen Fouls gehabt, aber ist damit in seiner Mannschaft nicht besonders herausgestochen. Letztes Jahr ist Mr. Crabbe wie die meisten von Ihnen in seinem siebten Schuljahr gewesen. Seine Noten haben sich auffallend verbessert, besonders in den Fächern, die von den Professoren Carrow geleitet wurden, allerdings fiel auch Professor Flitwick eine erhebliche Verbesserung auf. Mr. Henry Crabbe, der Vater Ihres ehemaligen Mitschülers, ist seit seiner Schulzeit ein Träger des dunklen Mals gewesen und wurde aufgrund seiner Körpergröße und seiner Kraft oft als einschüchternd beschrieben, obwohl er kein besonders starker Zauberer war. Zusammen mit Mr. Malfoy und Mr. Nott und sämtlichen anderen Todesser, die in die Mysterienabteilung des Ministeriums einbrachen, im Frühsommer 1996, namentlich Jean Avery, Antonin Dolohow, Walden MacNair, Daniel Jugson, Augustus Rookwood und Andrew Mulciber, wurde Henry Crabbe nach Askaban gebracht. Vielleicht erinnern Sie sich, dass der Name Crabbe nicht in dem „Reinblüterverzeichnis“ vorkam, das wir uns angesehen haben. Die Familie Crabbe galt als halbblütig und war über einige Ecken mit der Familie Black verwandt, also war das Bewusstsein für die typische Reinblutideologie durchaus „von Hause“ aus bei Vincent Crabbe vorhanden. Vincent Crabbes Vater verstarb in Askaban wenige Wochen nach seiner Inhaftierung an den Folgen einer Verletzung, die ihm von Alastor Moody in der Mysterienabteilung zugefügt wurde.“ Professor Tonks pausiert kurz und einige Namen erscheinen auf der Tafel. Niemand rührt sich oder macht Notizen. Nicht einmal der Kugelschreiber von Hermine Granger, an desses nervöses Klicken in seinem Rücken er sich bereits gewöhnt hat, ist zu hören. „In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai diesen Jahres hat Vincent Crabbe im Raum der Wünsche ein Dämonsfeuer entfacht, in dem er selbst ums Leben kam. Das Dämonsfeuer gilt als einer der komplexesten schwarzmagischen Naturzauber und es ist sehr ungewöhnlich, dass ein gerade Mal volljähriger Zauberer überhaupt in der Lage ist, ein Feuer von diesem Ausmaß heraufzubeschwören. Mr. Crabbe war allerdings nicht in der Lage das Feuer zu kontrollieren. Der Raum der Wünsche wurde zerstört, allerdings hat sich das Feuer auch nicht weiter ausgebreitet, man darf also annehmen, dass die Magie des Schlosses letztlich doch stärker gewesen ist als Mr. Crabbes Zauber.“ Andromeda Tonks sah einmal durch den Raum und er stellte erleichtert fest, dass sie nicht den Blickkontakt zu ihm suchte, sondern mit ihren Augen nur schnell über seinen Tisch wanderte. „Und nun meine Frage an Sie alle… wie konnte das passieren?“

Er sah keine Wortmeldungen, doch Andromeda Tonks nickte in seine Richtung und hinter ihm erhob Hermine Granger die Stimme: „Also, ich bin im letzten Schuljahr ja auch nicht hier gewesen, aber im bin im Raum der Wünsche gewesen… und ich weiß noch, wie entsetzt ich darüber gewesen bin, dass ausgerechnet Vincent Crabbe so einen mächtigen Zauber zustande bringt. Das kam sehr unerwartet. In Verbindung mit dem, was ich eben erfahren habe, liegt die Vermutung nahe, dass er den Zauber von einem der Carrows gelernt hat und in dieser Hinsicht besonders gefördert wurde, weil er sich als nützlich erwiesen hat. Ein Schüler, der dabei hilft, Voldemorts Idee von einem „neuen“ Hogwarts zu verwirklichen, wurde mit Wissen belohnt, das seinen Mitschülern nicht zugänglich war. Er wollte etwas Besonderes sein und die Carrows haben diesen Willen, sein Potenzial, erkannt. Anscheinend hat aber niemand erwähnt, dass man ein Dämonsfeuer nicht einfach so wieder löschen kann… womöglich hat er den Spruch auch gar nicht gelernt, sondern nur irgendwie aufgeschnappt. Es wirkte jedenfalls nicht so, als wäre er über die, auch für ihn tödlichen, Auswirkungen des Spruchs informiert worden… er schien… kopflos.“ Vom Verstand befreit.

„Kopflos ist ein dankbares Stichwort, Miss Granger… tatsächlich habe ich bei meinen Recherchen ein Gespräch mit der Mutter von Vincent Crabbe führen dürfen. Ich habe sehr vorsichtig um eine Unterhaltung gebeten und Mrs. Crabbe hat ausdrücklich gesagt, dass sie es vorziehen würde, wenn über ihren Sohn gesprochen werden würde. Mrs. Crabbe hat bereits in einem frühen Alter bemerkt, dass ihr Sohn Probleme hat, seine Gefühle zu kontrollieren und abwechselnd extrem gute und extrem schlechte Laune haben konnte. Sie wusste sich nicht zu helfen und hat hingenommen, dass er eine „Stimmungskrankheit“ hatte. Ich bin keine Psychologin und keine Heilerin, deswegen möchte ich hier nicht mit Diagnosen um mich werfen, aber bei Menschen, die zu manischen und depressiven Phasen neigen, also zu extremer Lebenslust und extremer Lebensunlust, besteht ein erhöhtes Suizidrisiko… Mrs. Crabbe hat gesagt, dass sie bereits seit Jahren den Zugang zu ihrem Sohn verloren hat, aber immer befürchtet hat, dass er sich irgendwann das Leben nehmen könnte. Ob das Dämonsfeuer von Mr. Crabbe wirklich mit der Absicht, sein Leben zu beenden, verursacht wurde, können wir hier nicht beurteilen. Aber es ist eine Möglichkeit, die es zu bedenken gilt. Mr. Crabbe hat ein Schuljahr erlebt, in dem er bevorzugt behandelt wurde und zum ersten Mal eine Art Machtposition hatte – und im Mai war dann plötzlich absehbar, dass dieses „neue Hogwarts“, das Voldemort so bedächtig aufgebaut hat, vielleicht von heute auf morgen verschwinden kann. Oder von Beginn an nur eine Illusion gewesen ist, wenn man bedenkt, dass Severus Snape durchaus in den Interessen von Albus Dumbledore gehandelt und die Schule auf seine Art geschützt hat. Natürlich kann Mr. Crabbe nicht gewusst haben, wie die sogenannte „Schlacht von Hogwarts“ ausgehen würde, aber es ist denkbar, dass der Moment im Raum der Wünsche für ihn die unangenehme Erkenntnis bereit gehalten hat, dass es das Leben in und nach dem „neuen Hogwarts“ gar nicht wirklich gibt.“

Vincent hat es immer vermieden, von seiner Mutter zu sprechen. Oft hat er sie eine Heulsuse genannt. Eine schwache Person. Mütter waren zwischen ihnen sowieso kein leichtes Thema gewesen, weil Gregory selbst alles dafür gegeben hätte, eine Mutter zu haben, die er schwach finden konnte. Er hatte Emma und Emma war wunderbar, er hatte Emma sehr gern, aber sie war nicht seine Mutter. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn Emma und seine Mutter beide ein Teil seines Lebens gewesen wären, aber so war es ja nun einmal nicht. Vincents Mutter war eine überraschend kleine, blasse, dunkelhaarige Frau gewesen. Sie sah ein bisschen älter aus als sie war. Ihr Name war Veronika und Gregory wusste, dass sie Kunst mochte, weil sie ihren Sohn nach einem Maler benannt hatte. Ihr Geburtstag war irgendwann im April. Mehr wusste Gregory nicht und damit wusste er schon gar nicht so wenig. Aber er hätte gerne gewusst, dass es ein Wort für das gab, was Vincent war. Ein anderes Wort als Monster. Es wäre schön gewesen, wenn er Vincent als einen Kranken hätte betrachten können, anstatt sich zu fragen, warum er so war, was er selbst getan hatte und was genau der Fehler im System war.

„Ich verlange von niemandem, ein Urteil über Ihren ehemaligen Mitschüler abzugeben. Als ich den Unterricht im Sommer vorbereitet habe, bin ich nicht sicher gewesen, ob es überhaupt möglich wäre, über Vincent Crabbe als Beispiel, als Einzelperson, zu sprechen, aber ich denke, es ist möglich. Ich möchte Ihnen nun die Möglichkeit geben, sich kurz mit Ihren Mitschülern auszutauschen. Es gibt die Idee, im Mai eine Gedenkfeier in Hogwarts abzuhalten. Dort sollen diejenigen, die in Hogwarts gefallen sind, bedacht werden. Damit sind natürlich in erster Linie die Opfer Voldemorts gemeint, deren Namen auch in diesem Sommer schon durch sämtliche Zeitungen genannt wurden. Die Namen und Schicksale der Todesser wurden ebenso in der Öffentlichkeit behandelt. Doch was ist mit jemandem wie Vincent Crabbe. Sollte die Gedenkfeier auch für ihn stattfinden? Ist Vincent Crabbe ein Opfer Voldemorts so wie Fred Weasley, Colin Creevey oder Remus Lupin?“

Im Klassenzimmer herrscht eisiges Schweigen. Das ist eine Gleichsetzung, die niemand ohne zu zögern unterschreiben möchte. Schließlich passiert aber doch etwas und er sieht, wie sich ganz langsam alle Köpfe zu Dean Thomas umdrehen, der einmal mehr bereit zu sein scheint, die besonders unbequemenen Gedanken auszusprechen.

„Also das ist nur meine persönliche Meinung, aber ich finde, das kann man nicht vergleichen. Sicherlich ist Crabbe auch irgendwo ein Opfer von Voldemort, aber eigentlich ist er viel mehr ein Opfer von sich selbst. Er hätte ja nicht an all das glauben müssen, was die Carrows gesagt und getan habe, ich meine… ist jetzt vielleicht ein gewagter Vergleich, aber wenn Nott es geschafft hat, der Versuchung zu widerstehen und bei den Carrows einfach nur seine Zeit abzusitzen und nicht auf diese Form der Bevorzugung hereinzufallen, die rückblickend von vorneherein ohne echte Substanz gewesen ist, wieso konnte Crabbe das dann nicht auch? Ich meine, die Carrows haben ihn ausgenutzt, dadurch hat ihn Voldemort auch ausgenutzt, aber das hätte er auch merken können. Alle anderen scheinen es ja gemerkt zu haben – oder tun im Nachhinein wenigstens so, als wäre ihnen gleich klar gewesen, dass Voldemort mit seinen Plänen scheitern wird. Ich meine, das ist nie klar gewesen, wir haben das alle nur gehofft. Aber anscheinend hat ja sogar ein Großteil der Slytherins gehofft, dass das „neue Hogwarts“ eine zeitlich beschränkte Sache, ein Zustand, ist. Und wenn Crabbe das nicht durchblicken konnte, dann war er ein Fanatiker und wenn er zehn oder zwanzig Jahre älter gewesen wäre, dann wäre er vielleicht auf dem Level von Bellatrix Lestrange oder Barty Crouch oder so gewesen. Fanatiker sind keine Mitläufer – aber das ist nicht wirklich eine Antwort auf Ihre Frage, das ist nur… keine Ahnung, das ging mir nur so durch den Kopf.“

„Ich stimme Dean so halb zu…“ Neville Longbottom hat sich nicht gemeldet und die Aufmerksamkeit verschiebt sich vom einen Gryffindor zum anderen. „Vincent Crabbe war definitiv fanatisch, aber ich finde, wir können nicht entscheiden, ob er etwas dafür konnte. Das was seine Mutter über ihn sagt… das kann man ja nicht ignorieren, das klingt so, als wäre Crabbe psychisch krank gewesen. Deswegen ist er zwar immer noch für das verantwortlich, was er getan hat, aber letzten Endes hat er ja niemanden umgebracht… außer sich selbst. Also ich will ihn nicht in Schutz nehmen, aber ich glaube, er ist schon ein Opfer von Voldemort gewesen. Oder ein Opfer der Umstände. Deswegen kann man nicht sagen, dass er keine Schuld oder Verantwortung hatte, aber ich finde, bei einer Gedenkfeier sollte er irgendwie bedacht werden.  Vielleicht nicht unbedingt in einem Atemzug mit Professor Lupin… aber Tote totschweigen ist auch keine Lösung. Man kann ja nicht so tun, als hätte er nicht existiert.“ Doch, das konnte man. Hatten er und halb Slytherin das nicht ganz hervorragend vorgemacht? Er schluckt seinen Zynismus runter und sieht mit Schrecken dabei zu, wie Lavender die Hand hebt.

„Ich weiß nicht, ob das irgendjemand weiß, aber hat Vincent überhaupt irgendetwas getan, als Voldemort und die Todesser im Schloss gewesen sind? Ich meine, das Jahr über hat er einige schreckliche Dinge getan, aber was ist an dem Tag gewesen? Eigentlich sind doch alle Slytherins evakuiert worden… oder nicht?“ Lavender Brown sieht ihn fragend an, aber darauf wird er ganz bestimmt nicht reagieren. Andromeda Tonks wirkt ein wenig ratlos, aber nur für den Hauch einer Sekunde, dann findet sie wieder in ihre Moderation zurück.

„Diese Frage muss ich weitergeben… falls Sie also jemand beantworten möchte, dann wäre jetzt der geeignete Moment… bitte, Mr. Malfoy.“

„Vincent ist bei mir gewesen. Es ist… es ist im Nachhinein absolut bescheuert, aber ich habe mich irgendwie verpflichtet gefühlt, was zu tun, als auf einmal alle anderen  Todesser im Schloss waren. Ich hab bei der Evakuierung nicht mitgemacht. Vincent hat direkt gesagt, dass er sich „nicht verstecken“ will und dann haben wir Gregory mitgenommen. Es hatte alles keinen richtigen Sinn und ich wollte wissen, wo meine Eltern sind und ob meine Mutter auch da ist und ob sie überhaupt noch leben... und dann haben wir gesehen, wie Hermine, Ron Weasley und Harry Potter durch das Schloss gerannt sind. Zu dritt. Obwohl überall die Hölle los war. Ich… ich weiß gar nicht mehr, warum wir das gemacht haben, aber wir sind ihnen gefolgt. Zum Raum der Wünsche. Und dann ist die Situation eskaliert.“

Draco und er haben nur ein einziges Mal darüber gesprochen, was im Raum der Wünsche passiert ist und das war in dem Moment, in dem sie fassungslos vor den verschlossenen Türen des Raumes standen, der gerade abbrannte. Draco hat seinen Zauberstab verloren, Gregory hat sein Bewusstsein verloren, Crabbe hat seinen Verstand verloren. Draco und er stehen mit angesengten Kleidern nebeneinander, ihm ist immer noch ein bisschen schwarz vor Augen und Draco hält seine Hand. Sie zittern beide. Ihm ist nicht ganz klar, was genau passiert ist. Die Luft hat gebrannt und er hat keine Luft bekommen und eigentlich hätte er sterben müssen, aber er steht da und Ronald Weasley starrt ihn an, bevor er seinen Freunden folgt. Draco sagt, dass Ronald Weasley sein Leben gerettet hat. Ein Todesser, der sie nicht kennt, greift sie an und wird von Harry Potter entwaffnet. Sie gehen über Umwege in die Kerker. Irgendwann lässt Draco seine Hand los. Er sitzt auf einem Sofa neben Theo und Pansy, die zweimal verschwindet, um sich zu übergeben.  Irgendwann ist das vorbei und Horace Slughorn taucht mit zerrissenen Umhängen auf. Draco ist nicht da und er weiß nicht, wo sein bester Freund ist. Vincent ist tot. Draco ist weg. Er schließt die Augen und bleibt einfach sitzen. Bis es vorbei ist.

„Ist ihre Frage damit beantwortet, Miss Brown?“ Lavender Brown nickt und wirft ihm einen entschuldigenden Blick zu. Es tut ihr ehrlich leid. Sie will ihm nicht zu nahe treten. Sie trägt dieselben Samthandschuhe wie alle anderen auch. Diese weichen, vorsichtigen Handschuhe, die nur im Klassenzimmer von Professor Tonks manchmal abgelegt werden. „Gut… ich denke, über die „Schlacht“ in allen Einzelheiten zu sprechen, geht ein wenig zu weit. Es ist schwer, Prioritäten zu setzen und zu sagen, was wichtig war, da Sie alle auf irgendeine Weise beteiligt gewesen sind. Diese Schule hat sich beinahe ein Jahr in einem Aunahmezustand befunden. Der 1. und 2. Mai stellen das Ende des Lebens von Lord Voldemort und damit das Ende einer Ära dar. Das Ende einer Ära, das klingt nun direkt wieder nostalgisch und so ist es ganz sicher nicht gemeint, aber wenn man die letzten Jahrzehnte benennen muss, dann kann man nicht von der Ära Albus Dumbledores oder der Ära Harry Potters sprechen, auch wenn das später vielleicht anders diskutiert wird. Wir befinden uns in der Gegenwart und in der Gegenwart verhalten wir uns alle so, als würde eine neue Zeit beginnen. Eine friedliche Zeit, in der es Reformen und Urteile des Ministeriums gibt. Das hier ist wieder ein „neues“ Hogwarts. Seit Tom Riddle erfahren hat, dass er ein Zauberer ist, hat sich etwas verändert. Vorher sprechen wir von den Generationen, die von Grindelwald geprägt wurden, aber meine Generation und auch Ihre Generation ist damit aufgewachsen, dass das Klima der magischen Gesellschaft von schwarzmagischen Ideen geprägt wird, die von einer Einzelperson, Lord Voldemort, verkörpert werden. Wir dürfen gespannt warten, welche Personen und welche Ideen die nächsten Jahrzehnte bestimmen, aber wir alle dürfen nicht vergessen, wie besonders es ist, dass wir hier an einem Neuanfang stehen und uns dessen bewusst sind. Lord Voldemort existiert nicht mehr – aber er ist nicht aus unseren Biographien verschwunden. Das mag nun kitschig und grausam zugleich klingen, aber Lord Voldemort wird immer ein Teil Ihres Lebens sein. Das ist keine Drohung, sondern eine schlichte Tatsache. Ich betrachte es als meine Aufgabe, dass Ihnen das bewusst ist und dass Sie damit leben können, wenn Sie Hogwarts im Sommer verlassen. Mir ist klar, dass ich hier stehe und dass meine Fragen und Monologe Ihren Schulalltag stören, der ja an der Oberfläche so friedlich sein könnte und dass ich Sie zwinge, über Dinge zu sprechen und nachzudenken, die Sie gerne vergessen würden oder auf Ihre eigene Weise bereits verarbeitet oder auch nur verdrängt haben, aber ich hoffe, Sie verstehen, warum ich hier bin.“ Andromeda Tonks lächelt immer noch nicht. „Der Unterricht ist für heute beendet.“
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