Erased

von v i r i a
KurzgeschichteMystery, Romanze / P16 Slash
Dabi
27.10.2019
09.11.2019
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«Eifrig.», erwidert Hawks erwartungsvoll. Seine Augenbrauen springen angeregt in die Höhe, als würden sie davonfliegen wollen. Er hält dem harten Blick stand.

Ein Kinderspiel.

Die Augen von Dabi zucken kurz. Als würden sie sich schmälern wollen. Jedoch unterdrückt er den Drang, da er Hawks nicht die Genugtuung verschaffen will, ihn lesen zu können. Andersrum versucht er ebenso, aus der neutralen Mimik des Helden schlau zu werden. Herauszufinden, das er fühlt. Denkt. Plant. Es ist wie ein tödliches Ballspiel – jeder noch so kleiner Fehler könnte eine Niederlage nach sich ziehen. Hawks weiß, dass er hier die Oberhand hat und nicht nervös sein müsste. Komischerweise ist er es trotzdem. Dabei hat er die totale Kontrolle über seine Körpersprache. Im Lügen könnte er ein unübertroffener Champion sein. Er müsste sich nur einen Schwindel über seine Person ausdenken und er wäre fein raus. Schließlich ist er Dabi nichts schuldig. Er muss  ihm nicht die Wahrheit sagen.

Tatsache ist, dass er vieles nicht muss.

Er hätte Dabi auch nicht helfen müssen. Er muss auch nicht vor ihm knien, um auf Augenhöhe zu sein. Da es ihm an nichts fehlt, könnte er auch aufrecht stehen und auf ihn herabblicken. Doch allein schon der Gedanke sorgt dafür, dass seine Moral auf die Barrikaden geht. Derartiges Verhalten und Feigheit hat er schon immer verabscheut. Aus tiefstem Herzen. Obwohl er anders könnte, hat er schon immer zur Aufrichtigkeit tendiert. Und in dem Moment, als er sich für die Ehrlichkeit entscheidet, kann er das metaphorische Eis bedrohlich knacksen hören. Es ist kurz davor, einzubrechen. Ihn tief im Abgrund versinken zu lassen, aus dem er sich nicht mehr so schnell retten kann. Aber ein Deal ist ein Deal.

Tja.

Die Frage aller Fragen.

Wer ist er?

Darüber muss er länger nachdenken, als es ihm lieb ist.

«Es fing eigentlich schon relativ früh an. Woha, ich weiß gar nicht mehr, wie alt ich da war…», sein Blick wirkt etwas angestrengt, als er versucht, sich zu erinnern. Daraufhin schweifen seine Augen wachsam durch das heruntergekommene, düstere Viertel. Auf eventuelle Zeugen könnte er gut verzichten. Er stellt fest, dass sie immer noch unter sich sind. Gut. Unentwegt davon fährt er fort: «Jedenfalls war ich noch sehr jung, als die Heldenkommission durch Zufall mein Potenzial entdeckte. Ich rettete eine Familie vor einem Autounfall. Daraufhin haben sie mich aufgesucht und sozusagen unter ihre Fittiche genommen. Ich habs’ sofort geblickt, dass sie nicht mein Wohl im Sinn hatten. Sondern in meinen Fähigkeiten mehr einen wirtschaftlichen Nutzen sahen.», er hält kurz inne. «Ähnlich wie bei dir.», fügt er leiser und eindringlicher hinzu, als sein voller Fokus wieder auf Dabi liegt.

«Und dann hast du dich materialisieren lassen. Klar, für ein bisschen Extrafame kann man das schon machen.», höhnt Dabi und sein Tonfall ist an Sarkasmus nicht mehr zu übertreffen. «Ich hatte eine hohe Meinung von dir, aber du hebst dich kaum von den anderen ab. Außer durch dein Tempo. Jüngster, erfolgreicher Profiheld aller Zeiten. Rekordhalter und so.» Der Ton seiner Stimme wird einige Nuancen leiser, jedoch um das zehnfache bedrohlicher: «Jetzt verstehe ich, warum.»

«Ich wollte nie ein Rekordhalter werden. Oder einen hohen Platz in den Rankings haben. Oder mich von anderen abheben… ich wollte nur ein Held sein. Wollte anderen Menschen helfen und sie beschützen», er zuckt einmal anteilnahmslos mit den Schultern. In seinen Gedanken blitzt ein Bild von Endeavor auf. Der Held seiner Kindheit. Er war damals seine größte Inspiration und der Mann, zu dem er immer aufgesehen hat. Hawks ist jedoch nicht auf den Kopf gefallen und hat schon gemerkt, dass Dabi alles andere als gut auf ihn zu sprechen ist. Aus dem Grund hält er es für klüger, diesen Namen nicht zu nennen. «Also habe ich mich benutzen lassen. Es war eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Ich habe gedacht, dass ich wieder ich selbst sein kann, wenn ich so schnell wie möglich alle Anforderungen erfülle. Aber… na ja, es wurde nur mehr. Nicht weniger.», er zwingt sich zu einem wackeligen Lächeln. Lacht sogar kurz. Aber es klingt bitter und überzogen. Nicht nach ihm. «Egal… Ziel erreicht.»

Das fragende Anheben einer Augenbraue ist die einzige Reaktion, die er daraufhin von Dabi bekommt. Die provokanten Kommentare und der überhebliche Gesichtsausdruck bleiben aus. Sind wie ausradiert. Eine Stille legt sich zwischen die beiden. Bedrohlich wie die Nacht. Ein Moment der Ruhe, der Hawks erlaubt, sein eben Gesagtes Revue passieren zu lassen. Und das von Dabi. Zwei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wie die Schneeflocken, welche sich klammheimlich auf sie niederlegen. Die beiden sind sich jedoch auch genau so ähnlich. Ihre Schicksale überschneiden sich im Kern. Der einzige Unterschied ist ihre Reaktion auf die Umstände. Dabi hat sich für eine Rebellion entschieden. Hawks hat sie mit offenen Armen begrüßt.

Er weiß noch nicht, was er davon halten soll. Aber es scheint nicht nur ihm aufgefallen zu sein.

Er ist diesen Informationsaustausch mit der naiven Einstellung angegangen, sich aus unangenehmen Fragen herauswinden zu können. Wie bei einem normalen Interview mit irgendeinem Paparazzi. Jedoch ist Dabi nicht irgendjemand. Und mitten in der Nacht in einer abgelegenen Ecke mit ihm über solche Themen zu sprechen ist auch definitiv nicht normal.

«Dein Name.», fordert Dabi eingehend.

Was…?

«Ich will ihn wissen.»

«Haha, ach. Ist das so? Na dann: wie heißt das Zauberwort?»

«Jetzt.»

Diese Aufforderung kommt selbst für den schlagfertigen Helden sehr abrupt. Wirft ihn kurzzeitig aus dem Konzept. Bricht so unerwartet über ihn herein wie ein plötzlicher Hagelsturm im Sommer. Nicht mal im Traum hätte er daran gedacht, dass sie so weit kommen würden. Ist es Dabi diese Information wirklich so viel wert? Ist er dafür tatsächlich bereit, sein Alias niederzulegen? Aber wieso? Dabi ist ein Rätsel an sich: hat man eine Frage beantwortet, scheinen mindestens zehn neue aufzutauchen. Hawks weiß nicht, wieso sich seine Nervosität plötzlich intensiviert. Seine Kehle drückt sich aus ihm unempfindlichen Gründen zu. Okay, ganz ruhig. Sag ihm einfach nur deinen Vornamen. Was soll er damit schon anstellen? Tu es für die Gegeninformation.

«Keigo.», antwortet Hawks neutral. Ohne auch nur einen Funken seiner Nervosität offen zu legen, doch sein Inneres wird plötzlich taub.

Sein Gegenüber hält noch für eine Weile Augenkontakt. Dann scheint ihn jegliche Körperspannung zu verlassen und er lässt seinen Rücken zurück an die schmutzige Wand fallen. Mit gehobener Braue mustert er den Helden. Als wäre er das Resultat eines Experiments und Dabi ist noch unschlüssig, ob er es als erfolgreich oder gescheitert einstufen soll. «Irgendwie klang das gerade so, als würdest du von jemandem reden, den du bis jetzt kaum begegnet bist.»

«Hey, machen wir doch einfach weiter, okay? Was machst du hobbymäßig denn sonst noch so, außer Menschen zu grillen? Psychologe spielen?», feixt der Held sarkastisch, um vom Ernst der Situation abzulenken. Aber Dabis Scharfsinn ist ihm bereits bekannt. Darum ist er nicht verwundert, dass es ihm auch aufgefallen ist. Aus seinem Mund klingt dieser Name wie eine disharmonische Symphonie. Schmeckt nach der Asche von etwas, das es schon längst nicht mehr gibt. Und paradoxerweise kann er seinen eigenen Namen nicht mit sich selbst verknüpfen.

«Touya.»

Hawks stutzt. Denkt, er hätte sich verhört. Diese Antwort befindet sich vollkommen aus dem Kontext.  «Ähm… Gesundheit?»

Am liebsten würde er genauer nachfragen, um sich zu vergewissern. Aber die unnachgiebige Sicherheit, welche das Gesicht von Dabi durchzieht, macht deutlich, dass er sich nicht wiederholen wird. Der Ausdruck in den frostigen Augen seines Gegenübers hat sich intensiviert. Es grenzt an einem Wunder, dass dies überhaupt noch im Bereich des möglichen liegt. Es ist so, als hätte sich sein Quirk entzündet. Aber nicht äußerlich, wie es für ihn üblich ist. Sondern um sein unterkühltes Herz. In seiner zerrissenen Seele. Als würde sein blaues Feuer in ihm hell brennen und seine Augen dadurch zum glühen bringen.

Touya. Touya.

Jener bedeutungsschwere Name hallt noch eine Weile in Hawks’ Gedanken nach. Ein gängiger, japanischer Vorname. Ohne Nachname. Es gibt absolut nichts, was er mit diesem Namen verknüpfen könnte. Außer eine Geschichte. Eine Geschichte, die mit voranschreitender Zeit immer weiter im Nichts verblassen wird. Genau wie die Person, zu der sie gehört. Dieser Informationsaustausch hat eine unvorhergesehene Wendung genommen. Er hat gedacht, dass sie ihre Mauern niedergerissen hätten. Das sie sich gegenseitig die Person hinter dem Alias offenbart hätten. Ohne Verrat. Ohne Urteil. Ohne Außenstehende. Nur sie zwei.

Aber hinter ihren Decknamen befindet sich… niemand.

Absolut niemand. Bei beidem.

Touya gibt es schon lange nicht mehr.

Keigo Takami hingegen hat nie die Chance bekommen, richtig zu existieren.

Ihr Alias definiert sie. Alles an ihnen.

Alles, was damals war, gibt es nicht mehr.

Die Vergangenheit ist wie ausgelöscht. Oder hat nie wirklich existiert.

«Also. Keigo…»

Der Angesprochene rümpft angesäuert die Nase. Es missfällt ihm, wenn ihn jemand ohne seine Erlaubnis mit seinem Vornamen anquatscht.

«… ich habe gerade beschlossen, dass du nutzlos bist und jetzt sterben wirst.»

Hawks lacht amüsiert und ungläubig auf. Nutzlos? Er? Der Blonde hat schon irgendeinen neckischen Kommentar auf der Zunge. Irgendwas von wegen: Dankbarkeit sieht aber anders aus.

Doch der Blick von Dabi ist eine Mischung aus Hochmut und gefälschtem Mitleid. Der Held hat gedacht, dass er genug Raffinesse besitzen würde, um siegreich aus dem feurigen Spiel hervorzugehen. Jener Ausdruck macht jedoch deutlich, dass er dieses unzähmbare Element unterschätzt hat. Bei weitem. «Sorry. Wir brauchen niemanden, der nur nach der Pfeife von anderen tanzen kann. Sowas passt einfach nicht in eine Liberation Army.»

Hawks weiß, dass er unerlässlich für die Liberation Front ist.

Würde Dabi den Helden in ihm sehen, wüsste er das auch.

Das muss ein Scherz sein. Er kann doch nicht einfach…

Er wird zum sofortigen Handeln gezwungen, als er Millisekunden vor den Angriff eine weitere Änderung von Dabis Mimik wahrnimmt. Eisige Augen springen weit auf und die Pupillen werden winzig, als sie von reinem Wahnsinn durchzogen werden. Seine nekrotischen Lippen verziehen sich zu einem angriffslustigen Grinsen. So stark und durchtrieben, dass man befürchten muss, dass sich sein Gesicht gleich in zwei Hälften teilt. Dank seiner jahrelangen Erfahrung weiß Hawks eins: das ist der Gesichtsausdruck von jemanden, der es kaum noch abwarten kann, seinen Mordgelüsten nachzukommen. Hier und jetzt.

Beide springen zeitgleich auf. Doch der Blonde ist schneller. Er ist immer schneller. Weicht binnen eines halben Atemzugs mehrere Meter von seinem Kontrahenten zurück. Er hat gehofft, nicht zu diesen Mitteln greifen zu müssen. Doch das wahr gewordene Worst-Case-Szenario lässt ihm keine andere Wahl. Schneller als ein Wimpernschlag haben sich mehrere, dolchgroße Federn von seinen Flügeln gelöst. Mit ihnen kann er Dabi ohne Probleme das Augenlicht auslöschen.

Plötzlich findet er sich jedoch in einem Schleier aus unnatürlich heißen, azurblauen Flammen wieder. Gierig verschlingen sie jede einzelne Feder. Lassen nicht einmal schwarze Asche übrig, die wie verstorbener Schnee zu Boden rieseln könnte. Wenn man dem Tod ins Antlitz blickt, sieht man schwarz. Nichts weiter als ewige, nie endende Schwärze. Das hat er zumindest immer gedacht. Doch jetzt weist ihm saphierblaues Feuer den Weg zu seinem Ende. Es ist so blau, blau, blau. Es umschließt ihn. Nimmt ihm die Orientierung. Wo ist links, wo ist rechts? Dieses Feuer hat nichts Gutes. Keine Wärme. Keine Liebe. Es bringt einem nur unerträgliche Hitze und einen qualvollen Tod. Für den Bruchteil einer Sekunde erregt ein flüchtiger Gedanke seine Aufmerksamkeit: Fühlt sich Dabi jedes Mal so, wenn er seinen Quirk einsetzt?

Das Adrenalin lässt seine ausgeprägten Reaktionsfähigkeiten auf Hochtouren laufen. In gefühlter Lichtgeschwindigkeit findet sich der Griff einer großen, feuerroten Federklinge in seiner Handfläche wieder. Doch bevor er zum Schlag ausholen kann, schießt eine vernarbte Hand aus dem ungewöhnlich heißen Inferno hervor. Der Held schnappt instinktiv nach Luft, als er unwirsch am Hals gepackt wird und ihm der heiße, feste Griff brutal die Atemwege zuquetscht. Plötzlich erlischt das Feuer, welches die Schwärze der Nacht eben noch mit einem hellen, einzigartigen Blau erleuchtet hat. Beide finden sich Angesicht zu Angesicht wieder.

Dabi hat seinen festen Griff um den Hals des Helden noch nicht gelöst.

Andersrum hält dieser drohend seine Klinge an die Kehle seines Kontrahenten.

Ihm fällt auf, wie nah sich ihre Gesichter eigentlich sind. Zu nah.

Oh, fuck.

«Vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn du zeigst, dass du nicht nur eine von vielen Marionetten der Kommission bist», raut Dabi und der Griff um den Hals des Anderen wird fester. Die Handfläche erhitzt sich langsam. Als Reaktion darauf wird dem Verbrecher das Schwert ein Stück näher an die Kehle gedrückt. Das hier ist alles außer Kontrolle geraten! Aus dem Spiel mit dem Feuer wird ein gemeinsamer Tanz auf den haardünnen Faden, der Leben und Tod voneinander trennt. Mit einem provokanten Grinsen führt Dabi seine Kehle von selbst an die Schneide des scharlachroten Federschwertes und fügt hinzu: «was auch immer du vorhast. Mach es schnell, bevor von dir nur ein Haufen Asche übrig bleibt.» Verdammt, was geht bloß in seinem Kopf vor?!

Doch plötzlich herrscht Stille.

Flackernde Straßenlaternen.

Entfernte Verkehrsgeräusche.

Kalte Umluft.

Allgegenwärtige Dunkelheit.

Und sie.

Ihre Gesichter sind so nah beieinander, dass sie die langsamen, kontrollierten Atemzüge des anderen spüren können. Heiß geistert er über ihre kalten Wangen.

Die eisigen Temperaturen scheinen nicht nur den Fluss der Zeit einzufrieren. Sondern auch ihre Körper. Dem Helden gelingt es nicht, seine Augen von denen des Anderen loszureißen. Das eisige Cerulean von Dabis Augen hat die Einzigartigkeit von schmelzenden Flammen. Die Intensität von brennendem Eis. Wenn sie eben durch ein inneres Feuer leuchteten, müsste die Hitze des Moments jetzt ein ganzes Inferno entfacht haben. Hawks kann sich nicht erinnern, das er jemals auch nur etwas ansatzweise Vergleichbares gesehen hat. Er hasst es, wie sein Herz durch diesen Anblick kurzzeitig seine Aufgabe vergisst. Dann aber in zehnfacher Geschwindigkeit weiterschlägt.

Je länger ihn diese Augen gefangen halten, umso mehr verabschiedet sich seine Impulskontrolle. Er beginnt, die wenigen Millimeter zwischen ihren Gesichtern zu verringern. Gedankenlos. Fast schon automatisch. Unverhofft schaltet sich seine gesunde Denkfähigkeit wieder ein und bettelt, schreit regelrecht nach seiner Aufmerksamkeit. Der seelischen Ohrfeige ist es zu verdanken, dass er im letzten Moment doch noch inne hält. Für einen kurzen Moment hofft er, dass Dabi etwas Vernunft zutage kommen lässt und das alles noch rechtzeitig verhindert. Jedoch hätte er es besser wissen müssen. Diese vage Hoffnung hat er definitiv in den Falschen gesetzt. Der Held wünscht ihn zur Hölle, als sich die Lippen seines Gegenübers zu einem selbstgefälligen Grinsen verziehen.

Er weiß, dass er das nicht tun sollte. Davon gibt es vieles.

Aber was er will steht auf einem anderen Blatt. Diesen wird jedoch keine Beachtung geschenkt. Im Gegenteil. Es ist reinste Platzverschwendung. Gehört zu den Papieren, die ohne einen weiteren Gedanken zusammengeknüllt und in den Mülleimer geworfen werden. Sein ganzes Leben hat er das Gefühl gehabt, als würde die Zeit durch seine Finger verrinnen. Unaufhaltsam, wie weicher Sand. Einer, der zu fein ist, um ihn zu fassen und festhalten zu können. Und seine Zeit könnte jede Sekunde abgelaufen sein. Im gleichen Zug erinnert er sich daran, wie ihn die Kommission schon als Kind für sich beansprucht hat.

Nein.

Nicht nur beansprucht.

Sondern komplett vereinnahmt.

Als sie behauptet haben, dass er wegen seinem Talent einfach ein Helden werden muss. All die Jahre konnten sie von ihm nur verlangen und nehmen. Nehmen, nehmen, nehmen. Pausenlos. Es fühlt sich so an, als hätten sie ihn an der Kette und würden ihn wie ein Wanderpokal hin und her reichen. Bis sie ihm schließlich rücksichtslos aufgebürdet haben, sich in die Liga einzuschleusen. Eine Aufgabe, die er aufgrund seines Vertrags nicht abschlagen kann.  

Und das wissen sie. Unter Umständen haben sie ihm ein One-Way-Ticket in den sicheren Tod in die Hand gedrückt, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Ohne eine Spur von Bedauern zu zeigen, falls er aus der Situation nicht mehr lebend rauskommt. Selbst nach allem, was er für sie aufgeopfert hat. Nicht nur seine Freizeit, sondern nahezu seine komplette Identität. Die Kommission würde ihn weiter benutzen. Bis er ausgebrannt und verschwunden ist. Und nichts mehr von ihm übrig bleibt. Aber für das Allgemeinwohl sind Opfer eben unerlässlich, nicht wahr?

Er selbst gehört zu denjenigen, die das System reformieren wollen. Zu einem, in dem die Helden mehr Zeit für sich selbst haben und ihr komplettes Ich nicht für ihren Beruf aufgeben müssen. Er will unbedingt vermeiden, dass zukünftige Helden so enden wie er. Doch vielleicht lebt er nicht mehr lange genug, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Wenn er nicht hier und jetzt durch saphierblaues Feuer stirbt, dann bei einem anderen Auftrag. Und wenn nicht durch Feinde, dann durch seinen Alltag. Doch durch Dabi hat er auf einmal das Gefühl, die Zeit greifen zu können. Sie festzuhalten. Für die Kurzlebigkeit eines kostbaren Augenblicks die süße Freiheit schmecken zu können. Er riskiert sein Leben jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Wenigstens einmal will er entscheiden, wofür er es riskiert.

Für diese eigenartige Sympathie, die Dabi und er füreinander entwickelt haben. Für dieses Unsichtbare zwischen ihnen, dass selbst einen Profihelden hilflos zurücklässt. Ein Gefühl der Hingezogenheit, dass mit jedem Treffen größer wurde. So groß, dass es jetzt im Moment alles zu überschatten scheint. Sein weitsichtiges, zielführendes Denken. Die Tatsache, dass sie eigentlich auf verschiednen Seiten stehen. Das laute Echo, welches das alles hier haben könnte. Einfach alles.

Deshalb lässt er seine Lider zufallen.

Überbrückt die letzten Millimeter, die sie voneinander trennen.

Und…

Oh.

Oh.

Dabis vernarbte Lippen fühlen sich wie erwartet befremdlich an.  

Anders.

Aber nicht unangenehm. Die Augen des Helden verweilen geschlossen, als seine Gedanken geflutet werden. Von all den unausgesprochenen Worten, die tonnenschwer zwischen ihnen liegen. Worte und Empfindungen, welche in diesem Leben niemals ausgesprochen werden dürfen, da sie beide dadurch in ernsthafte Gefahr geraten würden. Unzählige Fragen schwirren ihm durch den Kopf. Wieso zur Hölle riskiert Dabi sein Leben für ihn? Er? Dem sonst alle Menschen und deren Gefühle buchstäblich am Arsch vorbeigehen? Wieso kommt er in seinem verletzten Zustand zuerst zu ihm, anstatt sich professionelle Hilfe zu suchen? Obwohl er Helden doch so abgrundtief hasst? Wieso sind ihm die Informationen über seine Person so wichtig? So sehr, dass er bereit ist, Details über sich preiszugeben, um sie zu erhalten? Die Fragen scheinen kein Ende zu nehmen. Wie ein ewig währender Teufelskreislauf.

Doch plötzlich scheinen sie alle mit einem Schlag beantwortet zu sein. In dem Moment, als er einen unerwarteten Gegendruck von den Lippen des anderen wahrnimmt.

Überrascht kneift der Held seine Augen etwas fester zusammen als notwendig. Reflexartig schießen seine Hände an die Schultern von Dabi, um sich von ihm zu drücken. Er hätte den Kuss jetzt aufgelöst. Wäre da nicht eine gewisse Hand, die von seinem Hals ablässt und zu seinem Hinterkopf wandert. Sich in den aschblonden Haaren verwirrt und seinen Kopf an Ort und Stelle hält. In ihm wüten Gefühle, die er nicht in Worte fassen kann. Nicht zuordnen könnte, da er sowas noch nie erlebt hat. Hawks Blut rauscht in seinen Ohren. Das Diktat seines Herzens ist stark. Wie Trommeln, tief in seiner Brust. Sein Fleisch bebt unter der Intensität. Erzittert mit jedem Schlag.

Ein Klirren ist zu hören, als er seine Finger vom Griff der Federklinge löst und sie achtlos zu Boden fallen lässt. Seine Hände lässt er einfach nur noch auf den Schultern liegen, ohne Druck auszuüben. Kurz lösen sich ihre Münder voneinander. Schweben zitternd übereinander. Flüchtige Blicke werden ausgetauscht, ehe ihre Lippen sich wieder gegenseitig in Beschlag nehmen.

Wenn dich jetzt Paparazzis erwischen darfst du dich auf echt tolle Schlagzeilen freuen. Dieser Gedankengang erregt höchstens für eine Sekunde seine Aufmerksamkeit. Sollte sich jemand außer ihnen der Szene nähren, würde es in jeder einzelnen Faser seiner Federn spüren. Darum kann er sich ohne Bedenken dem Moment hingeben.

Bei jemanden wie Dabi würde man einen wilden, ungeduldigen Kuss erwarten. Ungezügelt und stürmisch. Und der Held kennt es von seinen früheren Affären ebenfalls nicht anders: es ging immer sehr schnell zur Sache. Aber jetzt im Moment bewegen sich ihre Lippen einfach nur aufeinander. Es ist fast schon träge. So sanft wie die Schneeflocken um sie herum. Hawks hat bis jetzt nur die Geschwindigkeit gekannt. Alles Langsame hat ihn nur ungeduldig werden lassen. Hat ihn irritiert. Aber hier fühlt es sich zum ersten Mal richtig an. Und schön. Es ist stärker, als es jede Form von Schnelligkeit je sein könnte.

Das metaphorische Eis müsste unter ihm schon längst zerbrochen sein. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass sich ertrinken so richtig anfühlen kann. So Schwerelos. Das es eine Form von Ungebundenheit sein kann, während ihm langsam die Luft zum Atmen genommen wird.

Jedoch ist der Geschmack das einzig merkwürdige an der vermeidlichen Freiheit.

Den hat er sich immer anders vorgestellt. Irgendwie süßer.

Nicht nach…

Das Gesicht des Helden verzieht sich und er wendet es mit einem urgh ab. «Sorry, man. Du schmeckst nach Blut.»

Ein kurzes, abfälliges Lachen bricht aus der Kehle von Dabi. «Du bist ein echter Stimmungskiller.», kommentiert er mit belegter Stimme. «Und anscheinend doch ein bisschen mehr, als ein dummes Grinsen und ein Peace Zeichen.» Daraufhin taxiert er ihn mit seinen Blicken und… lächelt? Hawks muss genauer hinsehen, da er zuerst befürchtet, dass er halluziniert. Aber er lächelt tatsächlich. Bei so einem Ungetüm wie Dabi ist das nur schwer zu glauben, allerdings weiß der Profiheld nicht, als was er dieses leichte Anheben der ruinierten Mundwinkel sonst bezeichnen soll.

Während er sein Gesicht begutachtet, fällt ihm auf, woher der blutige Geschmack kommt. Die silbrig schimmernden Clips, die seine gesunde und nekrotische Haut zusammenhalten, haben sich etwas gelöst. Vielleicht durch das überstrapazieren seines Quirks? Bevor sich jedoch auch nur ein Tropfen der dunkelroten Flüssigkeit aus seinem Mundwinkel stehlen kann, fängt Dabi ihn mit seiner Zungenspitze auf. Okay. Hawks tut jetzt einfach mal so, als wäre der Anblick nicht auf eine verdrehte Art und Weise heiß gewesen.

Der Zauber des Moments verabschiedet sich, als sich der Held von Dabi löst und einige Schritte zurücktritt. Die Ohrfeige der Realität ist gnadenlos und wuchtig. Hawks unterdrückt den Drang, sich wie der letzte Vollidiot zu räuspern und fährt sich mit der Hand fahrig durch seine blonden Haare. Dabi verstaut daraufhin seine Hände lässig in den Taschen seiner schwarzen Hose. Wie es ihm tatsächlich geht verschleiert er mal wieder perfekt. Der Held beherrscht seine stille Sprache immer noch nicht. Aber wird besser darin, sie Stück für Stück zu verstehen. Und er ist sich sicher, dass diese ganze Sache auch nicht spurlos an Dabi vorbeigezogen ist…

«Wenn du mich entschuldigen würdest, ich gehe mir den Mund ausspülen und danach auf Patrouille. Stell mit deiner Liga, Army, was auch immer keinen Ärger an, klar? Ich habe keine Lust auf sinnlose Verfolgungsjagden.», noch im selben Atemzug spreizt er seine eindrucksvollen Flügel. In seinen Worten schwingt eine Leichtigkeit mit, die ihn selbst erschreckt. Es wirkt fast schon surreal, wie schnell er sie ausgesprochen hat. Als wäre das alles gerade gar nicht geschehen. Als hätten sie sich gar nicht geküsst. Als hätte er sicht nicht einfach mal so über seine Vorgaben hinweggesetzt. Als hätte er gerade nicht indirekt zugegeben, dass…

«Warte mal 'ne Sekunde.»

Die harte Stimme von Dabi lässt den Helden zu Eis erstarren. Er wendet sich ihm zu und stellt zu seinem Glück fest, dass der Verbrecher ebenfalls nicht mehr vorhat, länger als nötig an diesem Ort zu verweilen. «Ich sage dir das jetzt nur, weil ich deinen Arsch nicht ewig beschützen kann und werde», er dreht dem Blonden seinen Rücken zu, bevor er hinzufügt: «Wenn du hier lebend rauskommen willst, solltest du aufhören, wie ein Held zu denken, Hawks.», das letzte Wort betont er merkwürdig. Als sei es eine Beleidigung. Oder eine Warnung?

Als er den Satz beendet hat, wirft er ihm noch einen überheblichen Schulterblick zu, eher er zum gehen ansetzt. Er verschwindet in der Dunkelheit, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Hawks schaut ihm noch kurz nach. Am liebsten würde er noch irgendwas sagen. Irgendwas. Aber sein Bauchgefühl meldet ihm, dass er es besser dabei belassen sollte. Mit einem kräftigen Schlag seiner Flügel hat er sich im nächsten Moment hoch in die kalte Luft befördert.

Die pulsierenden Lichter der Stadt aus mehreren Metern Höhe zu beobachten ist ein vertrauter Anblick. Er hat fast vergessen, wie es sich diese Ruhe anfühlt. Sich mit ausgebreiteten Flügeln schwerelos in der Luft treiben zu lassen. Wenn ihm der Gegendwind durch die Haare fließt. Die unzähligen, flackernden Lichter zu beobachten. Von hier oben sehen sie aus wie winzige Glühwürmchen. Alles wirkt so weit weg. Der nächtliche Trubel. Die Hochhäuser. Das Treffen mit Dabi… allein schon der flüchtige Gedanke an ihn weckt in dem Helden zum Teil das dringende Bedürfnis, seinen Kopf gegen die nächstbeste Wand zu steuern. Vielleicht rückt das die verschobenen Hirnzellen zurück an ihren vorgesehenen Platz?

Auf der anderen Seite fühlt es sich richtig an. Dieser Kuss. Diese Nähe. Dieser Ausbruch. Es dauert nur eine Weile, bis der Held diese Erkenntnis annehmen und zulassen kann. Diese Entscheidung hat er als Person getroffen. Nicht als Held. Er kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal diese Freiheit gehabt hat. Genau genommen hatte er sie eben auch nicht. Aber er hat sie sich einfach genommen. Wenn auch nur notgedrungen, da Touya ihm mit dem Tod gedroht hat, hätte er es nicht getan. Nein… Dabi. Hawks sollte ihn nicht so selbstverständlich bei seinem bürgerlichen Namen nennen, wenn sie nicht mehr die gleiche Person sind.

Mit leisen Sohlen landet auf dem abgeflachten Dach eines Wolkenkratzers und überblickt das Gebiet. Er findet sich beachtlich schnell in seiner alten Rolle wieder. Der kurze Moment von absoluter Freiheit ist in schier unerreichbare Ferne gerückt. Genau wie das Gefühl, dass es mit sich gebracht hat. Dieses Gefühl, seinen Alias einfach ablegen zu können. Sich jetzt als Keigo zu bezeichnen fühlt sich jedoch merkwürdig an. Falsch und fremd. Nach jemanden, der er nicht ist. Er ist Hawks. Ein überdurchschnittlich talentierter Held, der von der Kommission erschaffen wurde.

Ein Held, der schneller ist, als es ihm selbst gut tut…



 

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„Erased“ fertigzustellen hat länger gebraucht, als ich dachte. Aber es war mir recht – je mehr Liebe für eins meiner OTP’s, umso besser. ♡ Neben meiner aktuellen Fanfiktion wird das hier auch garantiert nicht das Letzte zu den beiden gewesen sein. Geplant ist ein weiter Two-, oder sogar Three-Shot, der ausnahmsweise mal komplett aus dem POV von Dabi (Rip @ me) geschrieben ist. Und der wird bei weitem düsterer sein. Wann ich den umsetze, steht allerdings noch in den Sternen.

Der Grundgedanke hiervon liegt einem Tumblr Post zugrunde, wo die beiden Charaktere mal analysiert wurden. Ich finde ihn gerade nicht mehr, aber wenn, verlinke ich ihn hier. Es war eigentlich recht interessant – die Verfasserin hat aufgeschlüsselt, in wie fern sie sich ähneln und unterscheiden. Und dass sie beide wegen ihrer Quirks irgendwie „Opfer des Heldensystems“ geworden sind. Geht es nur mir so oder liest hier sonst noch jemand gerne Charakter-Analyste-Posts?

Und ich wollte irgendwas schreiben, wo Hawks aus der „Rolle“, die ihm quasi aufgezwängt wurde, „ausbricht“. Was im Original eine epische Selbsterkenntnis sein könnte, ist hier ein Kuss, weil ich ein dämliches Fangirl bin. :DD  Es hat sich beim schreiben zugegebenermaßen etwas OOC angefühlt, aber ich hoffe, diese kleine Abweichung, falls es eine geben sollte, ist vertretbar.

Liebe Grüße,
Viria. ♡