Erased

von v i r i a
KurzgeschichteMystery, Romanze / P16 Slash
Dabi
27.10.2019
09.11.2019
2
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When the sun set’s were both the same.
Half in the shadows. Half burned in flames.



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Er hat es schon immer geliebt, zu fliegen.

Als Kind haben ihn vor allem Nachtflüge fasziniert. Es war ein besonderer Moment, wenn sich das tiefblaue Firmament endlos weit über den Horizont erstreckte. Manchmal konnte man einen Ozean aus zahlreichen Silberlichtern beobachten, doch meistens machte es die brutale Lichtverschmutzung unmöglich.

Es ist nicht so, als hätte er eine typische Kindheit gehabt. Dank den Kommissionen und den ganzen Sponsoren war sie bis zum Rand stets mit Terminen und Training vollgestopft. Die Zeit schoss schon immer an ihm vorbei. Schneller, als bei anderen. Unaufhaltsam. Aber hier schien sie für die Flüchtigkeit weniger, kostbarer Sekunden stillzustehen. Nur für ihn.

Hier. Näher am Himmel, als es die Meisten wohl je sein würden. Hier konnte er früher immer für einen kurzen Moment inne halten. Die geliebte Unbeschwertheit auf sich wirken lassen. Einfach mal durchatmen.

Es war für ihn so ein unglaubliches Gefühl, seine riesigen, feuerroten Schwingen weit auszuspreizen. Die angenehme Kälte jedes noch so kleinen Windstoßes zu spüren, wenn er sanft wie fließendes Wasser durch seine Flügel wehte und seine Federn zum Tanz aufforderte. Wie sie ihn mühelos durch die Nacht trugen, während unter ihm die Abermillionen Lichter der Millionenmetropole pulsierten.

Doch selbst diese  kurzlebigen Momente gehören heute der Vergangenheit an.

Jede einzelne Sekunde ist kostbar und muss sinnvoll genutzt werden. Die Zeit ist schneller verstrichen, als man denkt. Das weiß er besser als jeder andere.

Eisiger Nordwind peitscht ihm gnadenlos entgegen und schneidet ihm kühl über die Wangen, als er wie ein geölter Blitz über die Dächer der Großstadt hinwegschießt. Hätte ihn genötigt, die Augen zusammen zu kneifen, würden sie nicht von seinem Visier beschützt werden. Sein Blick ist zielgerichtet und alles scheint in Lichtgeschwindigkeit an ihm vorbeizuziehen. Irgendwann hat er flüchtig registriert, dass Reporter und Groupies von unten seinen Namen gekrischen haben. Doch er kann sie ohne weitere Probleme abschütteln. Schnelligkeit.  Es ist nicht umsonst sein Markenzeichen. Er ist immer zu schnell. Mit einem kraftvollen Schlag seiner eindrucksvollen Flügel legt er abermals an Geschwindigkeit zu.

Flügel. Hawks hat insgeheim schon lange aufgehört, die tödlichen Waffen auf seinem Rücken so zu nennen. Für ihn sind sie einfach nur eine Ansammlung von telekinetischen, mordsgefährlichen Klingen. Flügel stehen für die ultimative Freiheit. Etwas, dass er nicht ist. Noch nie war. Und doch ist es ironischerweise das erste, was die Welt mit ihm in Verbindung bringt.

Unter ihm scheint alles beleuchtet zu sein. Vom höchsten Wolkenkratzer bis zur kleinsten Laterne in der unscheinbarsten Ecke. Der Verkehr ist starr wie geronnenes Blut. Die Venen der Großstadt sind verstopft. Vereinzelt schallt das schrille Heulen von Polizeisirenen zu ihm empor, denn das Verbrechen schläft genau so wenig wie der Trubel. Heute ist das jedoch nicht sein Problem, sondern das von anderen Agenturen und ihren Sidekicks. Verdammt, eigentlich sollte er nicht mal hier sein. Plangemäß sollte er ein langweiliges Meeting der Top Ten über sich ergehen lassen. Es sollte besprochen werden, ihre Agenturen untereinander mehr zu vernetzen und enger zusammenarbeiten zu lassen. Eine dringende Vorsichtsmaßnahme, damit sich ein Vorfall wie in Deika nicht wiederholt und um der Liga einen Schritt voraus zu sein.

Ironischerweise wären sie das nicht. Da Skeptic seine Flügel verwanzt hat, würden ihre Feinde alle Gespräche bis ins kleinste Detail abhören können. Eigentlich ist Hawks damit beauftragt worden, die Liga auszuspionieren. Mittlerweile ist er sich jedoch gar nicht mehr so sicher, wen er hier eigentlich verrät. Den Feind, die Helden oder allem voran sich selbst?

Der Profiheld macht keinen Hehl daraus, seinen genervten Gemütszustand zu verbergen. Seine Augenlider hängen auf Halbmast und pure Lustlosigkeit durchzieht sein Gesicht. Das einzige, worauf er noch weniger Lust hat als ein Meeting mit den Top Ten, ist ein Treffen mit Dabi. Aber Überraschung: sein Weg führt ihn genau dahin. Er könnte getrost darauf verzichten, dass treudoofe Schoßhündchen für jemanden zu spielen, der mit seiner Bande zum Staatsfeind Nummer eins erklärt wurde. Was auch immer dieser Kerl zu der späten Stunde noch von ihm will. Und dann auch noch aus heiterem Himmel. Gedanklich verflucht er jede einzelne Lebensentscheidung, die ihn an diesen Punkt gebracht hat. Bis ihm einfällt, dass es eigentlich gar nicht seine Entscheidungen waren. Sondern die der Heldenkommission. Er hat sie lediglich ausgeführt. Wie eine Schachfigur.

Er weiß, dass er die Gunst der Liga nicht verlieren darf. Oder Paranormal Liberation Front, wie sie sich seit dem Zusammenschluss mit der Armee von ReDestro nennen. Das dumme Hündchen zu mimen wird kein Dauerzustand sein. Aber um die Tarnung aufrecht zu erhalten, ist er gezwungen, fürs erste einfach mitzuspielen. Weitsichtig gedacht wäre das zielführender als alles andere. Er muss den Anweisungen nachkommen, ob es ihm in den Kram passt oder nicht. An diese Denkweise hat er sich schon längst gewöhnt. Das Allgemeinwohl steht immer an erster Stelle. Dann die Pflichten. Dann die Aufträge der ganzen Kommissionen. Und irgendwann würde auch mal er dran kommen. Irgendwann, ganz weit unten in der langen Prioritätenliste.

Sein Weg führt ihn an den weniger belebten Stadtrand. Fast geräuschlos landet er auf dem dreckigen, ramponierten Asphalt, rollt mit den Schultern und streckt sich kurz. Bevor seine schwarz behandschuhten Hände lässig in den Hosentaschen verschwinden, schiebt er mit dem rechten Zeigefinger sein Visier nach oben. Seine wachsamen Augen erkunden die Gegend. Er konzentriert sich auf seine Federn, die selbst noch so kleine Schwingungen wahrnehmen. Die Dinger sind echt besser als alle Alarmanlagen oder Überwachungssysteme der Welt. Obwohl die tiefschwarze Dunkelheit der Nacht alles verschleiert, erkennt er deutlich, wie heruntergekommen dieses Viertel ist. Der Putz bröckelt von den alten Bauten und selbst dem morbiden Silberlicht des Mondes gelingt es nicht, alle düsteren Winkel zu erleuchten.

Die ganze Gegend schreit förmlich nach; sei so wachsam wie möglich, ansonsten hast du ein Messer im Rücken stecken. Er schärft alle Sinne. Mittlerweile sind einige Wolken am Firmament aufgetaucht und lassen winzige, gefrorene Eiskristalle auf die Erde rieseln. Sie werden vom Wind wild umhergewirbelt und schwirren durcheinander, wie ein Schwarm wütender Bienen. Das Nass der reinweißen Flocken benetzt die feuerroten Federn seiner Flügel, die dadurch leicht aufpuffen. Es fühlt sich an, als würde seine Kleidung absolut nichts gegen die winterliche Kälte bewirken. Er könnte genau so gut halb nackt hier rumstehen und es würde vom Empfinden her keinen Unterschied machen.

«Hast du um diese Uhrzeit echt nichts Besseres zu tun, als nach meiner Pfeife zu tanzen? Wow. Irgendwie erbärmlich.»

Sofort wendet Hawks sich dem Besitzer der Stimme zu. Er kennt ihn mittlerweile. Vielleicht sogar besser, als er sollte. Wenn es nach ihm ginge, würde er ihn gerne weniger gut kennen – das geht es aber nicht. Ging es nie. Und dieses plötzliche Kribbeln in seinem Bauch fühlt sich zusammen mit seiner erhöhten Herzfrequenz auch nicht richtig an. Er weiß, dass sein Männergeschmack beschissen ist und ihm hier und da bereits das ein oder andere Problemchen eingebrockt hat. Ein bisschen Aufregung konnte ihn schon immer begeistern aber das hier setzt vollkommen neue Maßstäbe. Hier handelt es sich nicht nur um ein bisschen Nervenkitzel, sondern um sein sicheres Todesurteil, sollte er seine Gefühle für Dabi zulassen.

Er wollte es zuerst nicht richtig wahrhaben. Hat es als merkwürdiges Verhalten seiner Libido abgestempelt, da er wegen seiner zeitintensiven Arbeit schonwieder etwas länger auf dem Trockenen sitzt. Vielleicht bildet er es sich nur ein, warum auch immer. Komischerweise ist es Himiko zu verdanken, dass er sich sicher ist, dass er nicht nur halluziniert. Sie ist irgendwann mal zufällig vorbeigekommen, als er mit Dabi wegen irgendeiner Besprechung einen Raum betreten wollte. Ihre Blicke haben sich im Vorbeigehen gekreuzt, dabei stahl sich ein schelmisches Grinsen auf ihre Lippen und sie hat ihre Augenbrauen verheißungsvoll hüpfen lassen. Seitdem ist es irgendwie beschlossene Sache, dass sich zwischen ihm und Dabi vielleicht etwas… mehr entwickelt hat. Frauen haben einfach einen sechsen Sinn für sowas. Insbesondere so welche wie Himiko.

Sein Kopf hat zum Glück schon immer die Oberhand gehabt. Er weiß, wann tiefer liegende Gefühle angebracht sind und wann nicht. Diese sind es auf keinen Fall. Es wird wohl oder übel daraus hinauslaufen, dass einer den anderen verraten wird. Wenn er diese Gefühle zulässt, könnten sie den reibungslosen Ablauf der Mission gefährden. Im schlimmsten Fall könnte es tödlich für ihn enden. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sie von sich wegzuschieben und auszusperren. Er ist nämlich nicht nur für sein eigenes Wohl verantwortlich. Sondern für das von ganz Japan.

Sein messerscharfer Blick setzt den Lieutenant der Liberation Army fest. Mustert ihn so gut es die allgegenwärtige Finsternis zulässt. Der dreckige, flackernde Lichtkegel einer ranzigen Straßenlaterne hüllt seine große, schlanke Statur ein. Dadurch zeichnen sich harte Schlagschatten auf seinen vernarbten Gesichtszügen ab, lassen ihn unheimlicher und bedrohlicher erscheinen als es ohnehin schon der Fall ist. Er hält sich einen rechten Arm und lehnt mit der linken Schulter an der brüchigen Hausfassade. Irgendwie spürt Hawks, dass diesmal irgendwas anders ist. Kann aber noch nicht genau erfassen, was. Er beschließt, zu versuchen, sich von seinem Verdacht nichts anmerken zu lassen und behält seine lockere Haltung bei.

«Wenn mich mein Lieblingsschurke um ein spontanes Date bittet, könnte ich es ihm nie im Leben abschlagen», erwidert er nonchalant und zwinkert ihm mit einem verschlagenen Grinsen zu. «Also, wo brennt’s? »

«Eigentlich wollte ich mit dir nur ein bisschen über etwas quatschen», antwortet der Angesprochene unterkühlt. Dem Helden ist die merkwürdige Betonung des Wortes nicht entgangen. «Ganz entspannt und unverbindlich.»

Würde Hawks nicht so eine ausgeprägte Kontrolle über seine Körpersprache besitzen, würden ihm jetzt verwundert die Augenbrauen in Höhe schießen. Sein Pokerface ist jedoch unzerstörbar. «Und das hätte nicht bis morgen warten können?», er seufzt theatralisch und lässt lustlos die Schultern hängen. «Aber okay, meinetwegen. Bringen wir es schnell hinter uns.»

«Relax. Warum so eilig? Wir haben Zeit. Ich habe sie mir extra für dich eingeräumt.»

Hawks lacht belustigt. «Bei Verbrechern gibt es sowas wie Freizeit?»

«Neidisch? Ich kann sie mir einfach nehmen, wenn ich Bock drauf habe. Im Gegensatz zu dir», entgegnet er bissig und stößt sich von der Wand ab, ehe er fortfährt: «und doch, es hätte bis morgen Zeit gehabt. Aber du bist ja sofort gesprungen, als ich nach dir gepfiffen habe.»

Dabi tritt in den Schatten, als er entschlossen auf den Helden zukommt. Seine düstere Gestalt verschwimmt fast restlos mit der Dunkelheit. Er wirkt wie ein Geist. Ein Phantom. Wie ein Wesen, der dafür geboren ist, um in absoluter Finsternis zu existieren. Seine bedrohlichen Iriden scheinen jeder noch so intensiven Schwärze zu trotzen. Das Türkis seiner Augen wirkt unerschrocken. Fokussiert. Aber vor allem eiskalt. Kälter, als tausend Jahre alte Gletscher. Mühelos stechen sie aus dem tiefblauen Schleier der wolkenverhangenen Nacht hervor.

Den aufmerksamen Augen des jungen Helden entgehen allerdings nicht, dass der sonst so standhafte Schurke etwas schwächelt. Er versucht scheinbar, es zu verbergen, aber es gelingt ihm nicht vollständig. Ebenso entgeht ihm nicht, dass er sich um einen aufrechten Gang bemüht, auf dem rechten Bein jedoch hin und wieder kaum merkbar einknickt. Der verkommene Asphalt dröhnt jedes Mal unter seinen schwarzen Stiefeln, wenn er einen schwerfälligen Schritt nach vorne tätigt. Was zur Hölle ist nur mit ihm los? Hat er getrunken? Seine gedankliche Analyse wird unterbrochen, als sich ein gehässiges Auflachen aus Dabis Kehle ringt. «Eins muss man dieser abgefuckten Heldenkommission ja lassen: sie wissen, wie man Marionetten abrichtet und manipuliert.»

Hawks hält seine entspannte Fassade aufrecht. Wendet seinen eindringlichen Blick jedoch nicht von ihm ab. Er besitzt zwar eine ausgesprochen gute Menschenkenntnis aber Dabis ganzes Wesen ist wie der tiefe Ozean in einer sternenlosen Nacht. Mysteriös. Unberechenbar. Tödlich.

Er ist der einzige Mensch, dessen Gemütszustand Hawks noch nie vollständig ergründen konnte. Es gelingt ihm einfach nicht, sich in ihn hineinzuversetzen. Seine Gedankengänge nachzuvollziehen oder seinen nächsten Schritt vorherzusehen. Vielleicht ist es genau dieser Reiz, weswegen er dieses außergewöhnliche Interesse an Dabi hegt. Doch jetzt im Moment entfacht sein untypisches Verhalten einen Sturm der Beunruhigung. Seine Ausstrahlung ist viel intensiver und bedrohlicher als jemals zuvor. Irgendwie wirkt er gereizter? Aufgewühlter? Ist er in dem Zustand gefährlich? Sein Bauchgefühl spricht jedenfalls dafür.

Er hofft, betet, dass Dabi keinen Kampf provoziert. Er würde sich verteidigen müssen. Und das könnte das Ende ihrer Zusammenarbeit bedeuten. All die investierte Arbeit, sich in die Paranormal Liberation Front einzuschleusen, wäre für die Katz. Er könnte ihre Schachzüge nicht mehr observieren. Und das würde für das ganze Land ein fatales Nachspiel haben. Er wägt ab, wie er jetzt am besten vorgehen sollte. Am schlausten wäre es, die angespannte Situation zu entschärfen.

Lässig zieht er seine Hände aus den Hosentaschen und hebt sie beschwichtigend in die Luft. «Hey, man, bist du betrunken?», er wird kurz von seinem eigenen, unbekümmerten Lachen unterbrochen. «Ehrlich, hättest mich ja wenigstens einladen können. Eine Bar wäre zum plaudern viel gemütlicher als diese ranzige-»

«Halt gefälligst die Klappe.»

Der Held verstummt augenblicklich. Nach den zahlreichen Treffen mit ihm hat er ein Gespür dafür entwickelt, wann er Dabi gefahrlos triezen kann und wann er es besser sein lassen sollte. In der jetzigen Situation wäre definitiv Letztes angebracht. Wie auf Knopfdruck kehrt sein ernster Gesichtsausdruck wieder zurück und er lässt seine Hände langsam sinken. Gedanklich geht er schon in Kampfbereitschaft, bis ihn ein merkwürdiger Geruch für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Konzept wirft. Was zur…? Es dauert kurz, bis er festgestellt hat, nach was es hier eigentlich riecht. Nach Feuer. Nach Asche. Nach etwas Verbranntem. Nach Qual. Je näher Dabi kommt, umso weiter entfernt er sich von dem artifiziellen Licht. Bis sein Körper nur noch schwach von hinten angeleuchtet wird. Hawks schaut noch einmal genauer hin und plötzlich erkennt er es. Die Schürfwunden in seinem Gesicht und die klaffende Wunde an seiner Halsbeuge. Die zerfetzte Kleidung und der Rinnsal an Blut, der seinen Arm herabströmt. Er torkelt auch nicht, sondern humpelt.

«Ein Kampf?», fragt der Held etwas konfus.

«Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß.»

Hawks stöhnt überfordert und verdreht seine Iriden so stark, dass für einen Moment fast nur noch die weiße Bindehaut zu sehen ist. Daraufhin senkt er seufzend seine Lider und platziert den Daumen und Zeigefinger zwischen seine Augen. Die Stelle massiert er ein wenig. Man, von dieser Laune würde selbst eine Aspirintablette Kopfschmerzen bekommen. Erst ein langer Arbeitstag und jetzt darf er sich auch noch diesen Zynismus antun. Super. Er wird für das alles definitiv nicht genug bezahlt.

Er erweckt den Anschein, als würde ihn das alles vollkommen kalt lassen. Dabei kann er seinen Blick kaum von dem Blut abwenden. So. Viel. Blut. Verdammt, bei der Schwere der Verletzungen grenzt es an ein Wunder, dass er noch nicht das Bewusstsein verloren hat. Es wäre schlauer gewesen, professionelle Hilfe aufzusuchen. Oder in seinem Fall zurück zum Hauptquartier zu gehen und sich da behandeln zu lassen. Wieso zur Hölle schleppt er sich ausgerechnet zu ihm? Obwohl er kaum noch in der Lage ist, einen normalen Schritt nach vorne zu gehen?  

Dabi kommt vor ihm zum stehen und Hawks rümpft kurz die Nase, als die kalte Luft von dem beißenden Geruch verbrannter Haut eingenommen wird. Leicht legt er seinen Kopf in den Nacken, um seinem Gegenüber ins Gesicht zu schauen. Ein undefinierbarer Ausdruck wohnt seinen eisigen Iriden inne und der Blonde ist sich nicht sicher, wie er ihn deuten soll. Er fragt sich nur, wie sich die Kälte der Antarktis hinter den Augen von jemanden verbergen kann, der zeitgleich so eine enorme Hitze ausstrahlt.

Ohne weiterhin auf die Ursache seiner Verletzungen einzugehen kommt Dabi direkt zum Punkt: «Weißt du, ich frage mich schon seit längerem, mit wem ich es hier eigentlich zu tun habe», die Aussage lässt Hawks kurz stutzig werden. Mit gehobener Augenbraue wartet er, bis Dabi fortfährt: «deswegen habe ich mal ein bisschen recherchiert. Man findet nichts über dich außer Hawks. Überall nur Hawks, Hawks, Hawks. Scheiße, deine Fresse ist sogar auf Brotboxen für Grundschüler gedruckt.»

«Das ist normal. Kein Held redet über sein Privatleben. Aus Sicherheitsgründen.», entgegnet der Blonde gelassen und zuckt gleichgültig mit den Schultern. «Du machst es einem mit der Infosuche aber auch nicht leicht.»

Jetzt liegt es an Dabi, seine schwarzen Augenbrauen in die Höhe schießen zu lassen. «Newsflash, Blitzmerker: es ist der Sinn eines Decknamens, die wahre Identität zu verbergen. Außerdem ist das nicht das Gleiche. Egal, über welchen Helden man sich informiert, man stößt immer auf irgendwas, dass die Person hinter dem Alias ausmacht. Auch wenn es nur der Name ist. Aber bei dir… gibt es nichts. Absolut nichts», er schweigt kurz und mustert Hawks von oben bis unten. Prüfend. «Als hättest du außerhalb deines Berufs keine Identität.»

Der Held bleibt ihm vorerst eine Antwort schuldig. Sein sonst so ungezwungenes Grinsen friert etwas ein. Ehrlich gesagt weiß er nicht, was er auf die Schnelle darauf antworten soll. Diese beklemmende Situation behagt ihm nicht. Doch Dabi scheint ihn darauf festnageln zu wollen. Er macht einen weiteren Schritt auf ihn zu. Engt ihn ein. Fordert ihn heraus.

Doch plötzlich gibt sein rechtes Bein nach und er bricht haltlos zusammen. Das übermütige Grinsen verschwindet aus dem Gesicht des Blonden und weicht einem verdatterten Ausdruck. Von hier auf gleich, als hätte man einen Schalter umgelegt. In seiner Überforderung sind seine Augen weit aufgerissen und instinktiv schlingt er seine Arme blitzschnell um den Verbrecher, um ihn noch rechtzeitig aufzufangen. Für einen flüchtigen Moment ruht ein pechschwarzer Haarschopf auf seiner Schulter. Hawks kann seinen Atem vernehmen. Stockend, rasselnd und gebrochen. Scheiße. Gegen wen oder was auch immer er gekämpft hat… es hat ihm echt übel mitgespielt.

Auch wenn es nicht sein Spezialgebiet ist, ringt Hawks nach den richtigen Worten. Dabei könnte es ihm scheißegal sein. Er könnte ihm scheißegal sein. Sollte es sein. Der Held in ihm verbietet es jedoch, Dabi in dem Zustand sich selbst zu überlassen. Doch der Schurke kann Hilfe anscheinend nicht akzeptieren. Oder will sie schlichtweg nicht annehmen. Jedenfalls bleckt Dabi wütend die Zähne, sein Kopf schießt zurück in die Senkrechte und er versucht grob, den anderen von sich zu stoßen. Der Blonde hingegen will nicht loslassen, da er ohne Unterstützung zusammenklappen würde. Daraufhin fliegen einige Wortfetzen durch die Gegend, bestehend aus genervten Beruhigungsversuchen, Drohungen und von hier auf jetzt sind beide in ein unbeholfenes Gemenge verwickelt. Wieso ist Dabi eigentlich so anstrengend!? Oh Herr, bitte lass es Vernunft regnen und nimm den Bedürftigen die Schirme weg.

Da Dabis Körper wegen den Verletzungen immer wieder nachgibt, wird Hawks plötzlich von seinem Gewicht überwältigt. Die beiden geraten ins Taumeln. Mental stellt er sich darauf ein, in kürze eine unbequeme Bekanntschaft mit dem kaputten Asphalt zu schließen. Jedoch kommen beide abrupt zum Stillstand, als der Rücken von Dabi gegen eine mit Graffiti zugeschmierte Mauer stößt. Hawks’ Wange knallt ungehalten gegen den weißen Saum von dem abgetragenen Shirt, welches den vernarbten Brustkorb des anderen umhüllt. Sofort löst er die Umarmung – oder was auch immer diese Position war, in dieser sie sich gerade noch befunden hatten – und weicht einen Schritt zurück. Hält Dabi auf Armlänge und packt ihn mit eisernem Griff am Kragen. Ein warnender Ausdruck brennt in seinen Iriden.

Hawks liegen schon die Worte für eine wütende Ansage auf der Zunge, doch diese sollen niemals seinen Mund verlassen. Stattdessen schluckt er sie herunter, als er merkt, dass nicht mehr an ihm gezerrt wird. Dabi lehnt seinen Hinterkopf gegen die Mauer und ein rauchiges, ungläubiges Lachen bricht aus seiner Kehle. Er gibt sich geschlagen, lässt seine vernarbten Arme von dem Helden gleiten und sein Körper scheint die Zusammenarbeit jetzt endgültig zu verweigern. Geschwächt lässt sich der Schurke mit dem Rücken an der Wand hinunterrutschen und Hawks lässt zu, dass seine Knie ebenfalls nachgeben. Langsam sinkt er mit ihm zu Boden, um auf diese Weise auf Augenhöhe zu bleiben.

Für einen kurzen Moment ist das Lachen von Dabi das einzige Geräusch, welches in der stillen Gegend zu vernehmen ist und in der Dunkelheit verhallt.

«Oh mein Gott. Jetzt sag mir bitte nicht, dass sich der tolle Held wegen ein paar Kratzern Sorgen um jemanden wie mich macht. Wie süß», seine Stimme trieft vor Hohn und Spott. Klingt giftiger als das Toxin einer Schlange. «Spar es dir. Ich habe echt keinen Bock auf dein beschissenes Mitleid.»

Hawks lässt von seinem Kragen ab und überraschender Weise schafft es ein kurzes Lachen über seine Lippen. Der provokante Zynismus des anderen prallt spurlos an ihm ab.
«Freundchen. Du wärst der Letzte, der Mitleid von mir bekommen würde, also entspann dich. Aber ich kann es mir auch nicht leisten, meinen besten Kontaktmann zu verlieren.» Auf die Aussage des Blonden hin ist ein abfälliges Zischen seitens Dabi zu vernehmen. Hawks führt seine Hand zu der kleinen Tasche, die hinten an seinem Gürtel befestigt ist. In ihr befindet sich alles, was man zur schnellen Behandlung von Wunden braucht. Äußerst nützlich und unerlässlich im Alltag eines Profihelden.

«Das sollte schnellstmöglich behandelt werden. Keine Sorge, Tough Guy, ich sag’s niemandem weiter. Versprochen.», flötet Hawks neckisch und zwinkert ihm ein weiteres Mal zu. Diesmal jedoch verstohlener. Das Augenverdrehen des Anderen versteht er als eine nonverbale Erlaubnis. «Also, dann. Sag bescheid, falls es weh tut.», fügt er in einem ernsteren Ton hinzu.

Mit Bedacht führt er seine Hand zum hohen Kragen des Verletzten. Derweil spürt er die intensiven Augen seines Gegenübers auf sich ruhen. Wie er ihn mit seinen feindseligen Blicken förmlich durchbohrt. Wie ein Kampfhund, der einem gleich die Hand abbeißt. Es ist immer noch merkwürdig, Dabi so verwundbar vor sich zu haben. Und ihm scheint die Situation genau so wenig zu gefallen. Vorsichtig schiebt Hawks den schwarzen Kragen zur Seite und bei der tiefen Wunde muss er kurz innehalten. Sie ist schlimmer als vermutet und ihre gesamte Textur ist seltsam. Viel zu ordentlich für eine Verletzung, die in der Hitze eines Gefechts entstanden ist. Als wäre die Haut einfach so abgebröckelt. Wer ist zu sowas in der Lage?

Die leichte Berührung eines in Jodlösung getränktem Wattepad reicht aus, um Dabi kurz zusammenzucken zu lassen. Er muss höllische Schmerzen haben, aber fast nichts davon hat die Kraft, seine stoische Fassade zu durchbrechen. Natürlich sagt er nicht bescheid, wenn ihm etwas weh tut. Hawks hat es sich schon gedacht: er scheint zu der Art von Mensch zu gehören, die ihr Leid still und leise ertragen. Nach wie vor rieseln gefrorene Eiskristalle auf die Erde hinab und schwängern die Luft mit dem Geruch vom frisch gefallenen Schnee. Er vermischt sich mit dem von Dabis verbrannter Haut. Ein leichtes Zittern erschüttert seinen ruinierten Körper, was ein Indiz dafür ist, dass er die Temperatur seines Quirks nicht kontrollieren kann. Andernfalls würde er sich bei der Kälte bestimmt wärmen. Entweder volles Rohr oder gar nicht. Hawks fragt sich, wie es ist. Wenn einem die eigene Fähigkeit gnadenlos zugrunde richtet.

In ihm keimt das Bedürfnis auf, seine Neugier zu befriedigen. «Wenn ich fragen dürfte: wer hat dem mächtigen, tollen Dabi denn so einen heftigen Arschtritt verpasst?»

Der Angesprochene schnaubt abfällig. Hüllt sich in Schweigen. Ehe er kurz angebunden Antwortet: «Shigaraki.»

«Wow.», gluckst Hawks etwas überrumpelt. Er hat wirklich alles erwartet. Aber nicht das. «Und warum habt ihr euch gekloppt? Ich kann mir vorstellen, dass du ihn wieder ordentlich provoziert haben musst. Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis er dir deswegen an die Gurgel-»

«Es ging um dich

Hawks stockt. Zum ersten Mal in seinem Leben verliert er die Kontrolle über seine Mimik. Sie entgleist ihm völlig, auch wenn es nur das kurzzeitige, entsetzte Aufspringen seiner Augenlider ist. Wie bitte? Was? Ihm brennen tausend Fragen auf der Seele, doch glücklicherweise fährt Dabi von alleine fort:

«Chefchen ist angepisst, weil dir nicht vertrauen kann. Die Paranormal Liberation Front bewegt sich immer weiter auf ihr Ziel zu. Er hat schiss, dass du uns noch Probleme bereiten könntest. Deshalb wollte er dich bei nächster Gelegenheit pulverisieren. Und na, ja, kurz gesagt gingen unsere Meinungen in dem Punkt etwas auseinander.»

«Das hättest du nicht tun müssen. Mit dem wäre ich auch alleine fertig geworden.», erwidert der Blonde und lacht kurz auf. Er gibt sich Mühe, sein Lachen so unbekümmert wie möglich klingen zu lassen. Aber diese schuldbeladenen Nuancen kann er trotz allem nicht vollständig verbergen. Er konzentriert sich wieder darauf, die Verletzungen zu desinfizieren und zu behandeln. Das Wissen, dass Shigaraki im Bezug auf ihn Recht hat, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Er weiß, dass dieser Kerl nicht zu unterschätzen ist. Darum will er sich gar nicht vorstellen, was für eine Shitshow dieser Kampf gewesen sein muss. Ihm ist bewusst, dass das Verhältnis zwischen Dabi und Tomura hin und wieder sehr angespannt sein kann. Aber das es über schlichte Provokation hinausgeht und die beiden sich ernsthaft bekämpfen sprengt den Rahmen seiner kühnsten Vorstellungen. Bei weitem.

Und was dem allen noch die Krone aufsetzt, ist die Tatsache, dass er sich einem enormen Risiko ausgesetzt hat. Vielleicht hat er sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt. Wegen ihm. Nur… wieso? Dabi ist ein Rätsel an sich: hat man eine Frage gelöst, erscheinen zehn Neue und Kompliziertere. Außerdem ist Hawks hier der Held. Er existiert, um zu beschützen. Auch, wenn er dafür sein Leben wegwerfen muss. So hat es ihm die Heldenkommission von klein auf eingebläut. Aber von jemanden beschützt zu werden… das erlebt er jetzt das erste Mal. Und es hinterlässt ein warmes Gefühl, von dem er weiß, dass es im Bezug auf Dabi keine Existenzberechtigung hat.

«Ja ja, bla bla. Das ist ja jetzt sowieso… geklärt

«Weißt du… wenn du an Informationen über mich kommen willst, hättest du dein Leben nicht aufs Spiel setzten müssen», kommentiert der Held und lässt ein infantiles, eintausend Watt Grinsen aufblitzen. «Es hätte schon gereicht, wenn du ganz, ganz, gaaaaanz lieb Bitte gesagt hättest.»

Dabi schaut ihn so an, als hätte er gerade behauptet, dass er sich bei Vollmond in ein Einhorn verwandelt. Wahrscheinlich würde der Schurke eher einen Endeavor-Fanclub gründen, anstatt sich jemals ein zuvorkommendes Jargon anzueignen. Hawks grinst in sich hinein und befestigt den Verband an der Halsbeuge, bevor er sich den anderen Wunden zuwendet. Für einen Moment legt sich ein Schleier der Stille über die beiden, bis ihn die fordernden Worte des Verletzten zerschneiden: «Wie wäre es stattdessen mit einem Interview? So als Zeitvertreib? Das solltest du von den ganzen Reportern ja schließlich gewöhnt sein.»

Eigentlich hat sich der Held vorgenommen, so stur und nervig wie möglich auf das Bitte zu beharren. Aber dieses Angebot lässt ihn hellhörig werden. Es entzündet sein Interesse wie eine kleine Flamme und ihm fällt sofort ein, wie er die Situation zu seinen Gunsten nutzen kann. «Kein Ding. Ich beantworte dir alles, was du willst», er schaut nach oben und die Blicke der beiden kreuzen sich. Ein verheißungsvolles Blitzen durchzieht das Braun seiner Iriden. «Solange du dieselben Fragen ebenfalls beantwortest.»

Die saphirfarbenen Augen seines Gegenübers schmälern sich bedrohlich. Funkeln wie die einer wütenden Katze. «Du bist nicht in der Position, solche Forderungen – »

«Hey, komm schon. Ein gegenseitiger Identitäten–Striptease ist doch viel spannender als ein einseitiges Verhör. Wir arbeiten uns auch langsam hoch, okay?», schlägt Hawks vor und gibt sich Mühe, die enthusiastischen Nuancen in seiner Stimme zu unterdrücken. Sein Interesse ist definitiv geweckt. Natürlich könnte er sich selbst einreden, dass das alles einen höheren Zweck hat. Das er sich nur darauf einlässt, um möglicherweise an brauchbare Informationen ranzukommen, die er sofort an die Kommissionen weiterleiten könnte. Was er im Falle dessen auch tun würde.

Aber wenn er ehrlich zu sich selbst ist: es klingt verlockend, etwas über den mysteriösen Dabi herauszufinden. Auch, wenn es noch kleine Details sind. Eine gewisse Neugier liegt einfach in seiner Natur. Und wer weiß, wofür manche Kleinigkeiten letztendlich gut sein können? Um sich selbst macht er sich keine Sorgen, denn Dabi behält in einer Sache Recht: dank den aufdringlichen Paparazzis ist er darin geübt, pikanten Fragen geschickt auszuweichen. Ein undefinierbares Blitzen lässt Dabis türkise Augen kurz aufleuchten und seine malträtierten Mundwinkel verziehen sich zu der Ahnung eines verschlagenen Grinsens. Nicht nur Hawks’ Feuer scheint entfacht worden zu sein. «Deal. Dann schieß los. Ich brenne ja schon richtig drauf.»

Er hat angebissen. Hawks ist sich bewusst, dass er sich hier auf ein Spiel mit dem Feuer einlässt. Er könnte sich hierbei nur eine Brandtblase zuziehen oder komplett in Flammen aufgehen. Die Chancen, unversehrt herauszukommen, sind mehr wie gering. Aber liegt nicht genau darin der Reiz? Macht nicht genau dieser Nervenkitzel dieses feurige Spiel so unwiderstehlich und spannend? Er kann nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen und legt direkt los: «Geburtstag?»

«18. Januar.»

«28. Dezember.», entgegnet der Held sofort. Der Abmachung gemäß.

«Ah. Herzlichen Glückwunsch, schätze ich?»

Der Blonde blinzelt ertappt. Oh, stimmt. Da war ja was. «Danke…?»

Ohne weiter darauf einzugehen, führt Dabi den kurzen Austausch direkt weiter: «Lieblingsessen?»

«Hühnchen!» Den verwunderten Blick, den Hawks dafür kassiert, ist er schon längst gewohnt. So reagiert fast jeder, dem er das erzählt. Nur, weil er paradoxerweise auch Flügel hat. Hey, er ist immer noch ein Mensch und seine Quirks kann man sich nicht aussuchen.

«Soba.», antwortet Dabi unaufgefordert. Aha.

Der Held überlegt kurz, ob er gewagtere Fragen stellen soll. Allerdings will er auch nichts überstürzen. «Lieblingsfarbe?»

«Blau.» Oh. Er hätte jetzt auf schwarz getippt

«Rot.»

Obwohl die Informationen so banal sind, lodert in Hawks ein Feuer der Aufregung. Es sind keine weltbewegenden Informationen, die er an irgendjemanden weitergeben würde. Aber sie haben für ihn eine Bedeutung. Sie bringen Licht ins Dunkel, auch wenn es nur winzige Funken sind. Aber es sind immerhin Funken von Dabis Persönlichkeit. Funken von jemanden, der sich hinter dem Alias verbirgt. Er und der Rest der Liga sind zum Staatsfeind Nummer eins erklärt worden. In den Medien kursieren seine Amokläufe. Binnen Millisekunden hat Dabi zahlreiche Menschen eingeäschert. Er ist ein kaltblütiger Killer, der nicht mal mit der Wimper zucken würde, wenn er ein Leben beenden müsste. Aber diese ganzen kleinen Einblicke lassen ihn so merkwürdig… menschlich wirken?

«Okay. Reicht langsam mit dem langweiligen Kram.», kommentiert Dabi eindringlich.

Hawks nickt langsam und durchdenkt seine nächste Frage ganz genau. Er merkt, wie er sich langsam auf dünnes Eis begibt. Nach einem kurzen Moment der Stille fragt er schließlich: «Wie bist du zu dem geworden, der du bist?»

Für die Dauer einiger quälend langen Sekunden hängt diese gewagte Frage unbeantwortet zwischen ihnen. Die angespannte Atmosphäre schwillt auf das zehnfache an. Hawks konzentriert sich weiter auf das ordentliche Verbinden der Wunde, die an dem Arm  seines Gegenübers klafft. Innerlich freundet er sich schon mit dem Gedanken an, dass das Gespräch jetzt beendet ist. Das er den Bogen mit der Frage überspannt hat. Bestimmt flippt Dabi gleich aus oder straft ihn mit schweigen. Ein Teil von ihm ist dafür jedoch dankbar, da Hawks selbst nicht gerne über seine eigene Vergangenheit spricht.

«Ich bin nur geboren worden, um der Nachfolger meines Vaters zu werden. Eine Marionette... ein Mittel zum Zweck.», der Blonde lenkt seinen Blick zu Dabi. Er st überrascht, auch wenn er sich davon nichts anmerken lässt. Der Verbrecher hat seinen Hinterkopf an die Mauer gelehnt und den Blick zum dunklen, wolkenverhangenen Himmel gelenkt. Sein Ausdruck wirkt zielgerichtet. Als würde er versuchen, die Bilder in seinem Kopf zu erfassen und zu beschreiben. Seine Stimme ist jedoch distanziert. «Er wollte die perfekte Version seiner selbst erschaffen, der in seinem Namen die Nummer eins der Superhelden wird. Mein Quirk war perfekt dafür. Zu perfekt. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, mich trotzdem brennen zu lassen. Das ging so lange, bis… er jemand besseren erzeugt hat und mein einziger Existenzgrund war somit verwirkt.»

Dabi lenkt seinen Blick wieder zu Hawks, der ihn derweil die ganze Zeit angeschaut hat. «Er hat seine Kinder systematisch ausgebrütet, um den perfekten Nachfolger zu kreieren. Er hat seine eigene Familie jahrelang misshandelt, ohne auch nur einmal mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Und sowas wird in der Öffentlichkeit als Held gefeiert. Abgefuckte Scheiße, oder? Und das System ist voll mit solchen Heuchlern.», dem Held entgeht nicht der eiskalte Hass, mit dem diese verächtlichen Worte ausgesprochen werden. Gleichzeitig schwingt in ihnen eine erschreckende Überzeugung mit. Eine, die zu verfahren und zu tief verankert ist, als das man ihn jetzt noch von seinem Pfad abbringen könnte.

Hawks ist schockiert. Nein, das wäre die Untertreibung des Jahrtausends. Er ist zutiefst erschüttert. Es verlangt ihm einiges an Selbstkontrolle ab, um nicht wie der letzte Vollidiot betroffen aufzuseufzen. Was für ein Arschloch von Vater muss man sein, um seiner Familie sowas furchtbares anzutun?

«Außerdem gibt es da noch eine persönliche Angelegenheit, die ich mit Papi klären muss.», um seine Aussage zu untermalen, schnippt Dabi einmal und eine kleine, blaue Flamme züngelt schnell und explosionsartig in die Luft. Sie hüllt die Gegend kurzzeitig in ihr blaues Licht und löst sich genau so schnell auf, wie sie erschienen ist. Hawks zuckt kurz zurück, da von der kleinen Flammenzunge eine außergewöhnlich enorme Hitze ausgeht.

Das Heldensystem hat seine Ecken und Kanten. Das weiß Hawks. Er weiß jedoch nicht, ob Dabi ihm gerade die Wahrheit erzählt hat. Aber wäre das der Fall, sind seine Absichten nachvollziehbar. Er hat als Kind die falschen Ideale auf abscheulichste Weise eingebläut bekommen und das alles hat in eine limitierte Sichtweise im Bezug auf Helden resultiert. Hass und Rache sind keine Seltenheiten. Wegen solchen Empfindungen sind schon viele ihrer eigenen Dunkelheit verfallen und haben einen selbstgerechten Pfad eingeschlagen. So sehr Hawks den Wunsch für eine Reform des Systems nachvollziehen kann und so überfällig diese auch sein mag: es rechtfertigt keine Verbrechen. Und erstrecht keine Morde. Traurigerweise ist es an purer Ironie nicht mehr zu überbieten, dass diese Aussage nach der Angelegenheit mit Best Jeanist gerade von ihm kommt…

Hawks wird wieder auf seinen Gegenüber aufmerksam, der die Beine anwinkelt. Seine Ellenbogen bettet er auf seinen Kniescheiben und sein süffisanter Gesichtsausdruck verändert sich, als er sich vorbeugt. Hart und ernst schaut er Hawks in die Augen. Es ist kein Blick, der Fragen stellt. Sondern einer, der ungeduldig fordert. Somit gibt er dem Helden stumm zu verstehen, dass er diese Information nicht umsonst preisgegeben hat. Er hat es nur getan, weil er sich absolut sicher ist, eine vom selben Wert als Gegenleistung zu erhalten.

«Du bist dran, Blondie.»






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watch me dedicading my life to this ship.

Keigo Takami. ♥ Diese Idee ist mir sofort gekommen, als Hawks’ Name am Anfang des Monats im Ultra Analysis Book veröffentlicht wurde und natürlich MUSSTE ich sie so zeitig wie möglich umsetzten. Eigentlich ist das hier ein fertig gestellter Oneshot, der die 10K geknackt hat und jetzt zum Two-Shot gesplittet wurde. Der zweite Teil kommt dann nächste Woche und ich hoffe, es sagt euch zu, was ich aus der Grundidee „beide fragen sich gegenseitig über ihre Identitäten aus“ gemacht habe!

P.S.: die Fakten über Dabi (außer sein Geburtstag) sind ausgedacht. :D

Liebe Grüße,
viria.  ♡