Land von Rauch und Feuer  - Eine Zombie-Geschichte

von OmaGrusel
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
26.10.2019
19.11.2019
15
19117
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Arhael presste ihren Rücken an die Stange, umklammerte sie mit der linken Hand über ihrem Kopf und ließ sich langsam an ihr nach unten gleiten.
Mit der Rechten zog sie sich das letzte Stück Stoff vom Körper und warf es ins Publikum. Zögernd ließ sie ihren Blick über die Zuschauer schweifen.
Es waren ausschließlich Männer, Männer aller Rassen, Seefahrer, ortsansässige Arbeiter, Händler aus aller Herren Länder. Die meisten von ihnen konnte man gut an Hand ihrer Kleidung und ihres Gehabes in eine dieser Gruppen einordnen. Dazwischen saßen Dunkelelfen aus den Aschlanden, orkische Sklavenaufseher von den umliegenden Plantagen und Hlaaluwachen.

„Blicke niemals ins Publikum!“, hatte Khinjarsi ihr geraten.
„Ignoriere sie alle! Stelle dir vor, du wärst alleine. Dann ist es am einfachsten zu ertragen. Du gehörst nicht zu den Frauen, die Macht fühlen, wenn sie die Reaktionen der Männer beobachten während sie ihre Körper zur Schau stellen.“
Nein, zu diesen gehörte sie eindeutig nicht, aber auch nicht zu denen, die sich versteckten oder flohen.
'Niemals unterkriegen lassen', war ihre Devise, und gut, sie war gezwungen hier zu arbeiten, aber sie würde sich nicht brechen lassen. Aus diesem Grunde richtete sie eiskalte, abweisende Blicke in den Zuschauerraum und hoffte damit ihre emotionale Unbewegtheit  zu signalisieren. Die Reaktion folgte unausweichlich. Der mäßige Beifall erstarb und vereinzelte Pfiffe waren zu hören.
Arhael hob die Arme über den Kopf und drehte sich noch einmal um die Stange. Auf keinen Fall wollte sie bei Madame Desele Unzufriedenheit hervorrufen. Das würde ihr nur einen weiteren Tag Arbeit und Demütigung in diesem Haus bescheren. Sie knickste und lächelte ins Publikum. Beifallsklatschen und zotige Zurufe waren die Folge.

An einem Tisch in der linken Ecke saß ein Mann, den Arhael hier noch nie gesehen hatte. Zuerst war er ihr aufgefallen, weil er der Einzige im Raum zu sein schien, der ihr nicht auf die Brüste oder den Hintern schaute, sondern in die Augen. So warf sie einen zweiten Blick auf ihn. Er war nur schwer einzuschätzen. Sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen und doch hatte er eine besondere Ausstrahlung – Selbstsicherheit und Ruhe gingen von ihm aus, und etwas Starkes, fast Autoritäres.
Jedoch auf keinen Fall würde Arhael um dies zu ergründen vollkommen nackt auf der Bühne stehen bleiben. Sie wandte sich ab, nahm ihren Umhang und zog sich in die Garderobenräume zurück.

Arhael war an einem spätsommerlichen Nachmittag Mitte Eisherbst im Jahr 425 der dritten Ära in Suran angekommen. Sie hatte während der heißen Jahreszeit auf einer Plantage südlich des Amaya-Sees gearbeitet und wollte nun den Osten erkunden, Suran und Malog Mar kennen lernen und durch das südliche Vulkangebiet zur Azuraküste und den berühmten Telvannistädten reisen.
Der Anblick des prallen Lederbeutels an ihrem Gürtel, ließ sie vor Freude frohlocken und voller Erwartungen eilte sie mit großen Schritten voran.

Eine gewaltige Hängebrücke überspannte den Nabia-Fluß, an dessen östlichem Ufer sich die Stadt erstreckte.
Hlaalupatrouillen, Last- und Reitguars, Fuhrwerke und einfache Fußgänger bewegten sich in beide Richtungen über die dicken Holzplanken. Sowohl dies- wie auch jenseits des Flusses befanden sich ausgedehnte Hafenanlagen in denen jede Menge Schiffe und Boote ankerten oder den Wasserweg befuhren.
Ahrael fühlte sich wohl in diesem Treiben. Sie war eine Abenteurerin, durchreiste Tamriel um des Entdeckens Willen, meist ohne ein eigentliches Ziel, immer der Nase nach, immer mit dem Wind. Sie war eine außergewöhnliche Bogenschützin und für eine zierliche Bosmerfrau eine erstaunlich gute Nahkämpferin, ihre bevorzugte Waffe war ein Streitkolben, den sie sichtbar am Gürtel trug.
Sie brauchte nicht viel zum Leben, verdiente sich hin und wieder ein paar Goldstücke mit unterschiedlichen Arbeiten oder kleinen Aufträgen. Meist reiste sie alleine, nutze aber auch das Angebot einer Gesellschaft wenn es sich ergab.
Suran war eine Hlaalusiedlung mit klobigen, flachdächrigen Gebäuden aus braunem Sandstein umringt von einer Stadtmauer. Zwei hohe Wachtürme ragten in den Himmel. Auf den gepflasterten Straßen herrschte reges Treiben.
In Suran trafen sich Pilger auf dem Weg nach Malog Mar oder zum Tribunaltempel hoch auf dem Mount Kand, Handelskarawanen, denn hier war, sowohl zu Lande als auch zu Wasser, der Schnittpunkt aller Straßen von den Ascadischen Inseln zur Azuraküste, Nomaden aus den Aschlanden, die hier Felle und Kräuter zu Markte trugen, Forscher, die auszogen die Vulkangebiete zu erkunden, Sklavenhändler, reiche Plantagenbesitzer und Telvanni-Magier.

Arhael mietete sich in einer kleinen Pension ein und erkundete die Stadt, besah sich die Bauwerke, besuchte Geschäfte und Läden ohne einzukaufen und trieb sich in Kneipen herum.
Am dritten Tag stahl man ihr ihren Lederbeutel. Sie hatte es gar nicht bemerkt. Erst als ihr Zimmerwirt, der beim Einzug auf eine Anzahlung verzichtet hatte, am Abend eine Zwischenrechnung präsentierte, wurde ihr der Verlust gewahr. Sie konnte den verärgerten Pensionsbetreiber zwar vertrösten, aber am nächsten Tag erlebte sie eine unangenehme Überraschung.

Sie wurde am Morgen unsanft geweckt. Eine menschliche Frau in mittleren Jahren stand in Begleitung zweier riesiger Khajiitmänner in ihrem Zimmer, erklärte sie habe Arhaels Verbindlichkeiten bezahlt und diese stände nun in ihrer Schuld.
Sie drohte mit der Hlaaluwache, wenn die Waldelfe sie nicht sofort zu ihrem Geschäft  begleitete um ihre Verpflichtungen abzuarbeiten.
Dies war natürlich ausgesprochenes Pech für Arhael, doch schien es ihr zuerst nicht weiter tragisch. Als sie jedoch erkannte welche Art Etablissement Madame Deseles „Haus der nirnischen Freuden“ war, war es zu spät zu fliehen.
Die schwere Türe war hinter ihr zugefallen, und davor standen drohend die beiden Khajiitwächter.  Madame Desele sagte, sie wäre kein Unmensch. Ein paar Wochen sollten reichen um die Schulden zu bezahlen. Danach könne Arhael gehen, wenn sie es dann noch wolle.
Ihre Aufgabe wäre auf der Bühne zu tanzen und sich vor den Gästen zu entkleiden.  Wenn sie allerdings richtiges Gold verdienen wolle, Gold von dem auch ein Teil in ihre eigene Tasche gehen würde, müsse sie den direkten Umgang mit den Kunden pflegen. Arhael war vollkommen klar, was Madame Desele damit meinte.
So biss sie die Zähne zusammen und entschied sich für die Bühne, egal wie lange es dauern würde die Schulden zu begleichen.

Bald merkte sie allerdings, dass es nicht so einfach war. Die Geschäftsbetreiberin war mit ihrer neuesten Bediensteten in keinster Weise zufrieden.
Khinjarsi, die khajiitische Leibsklavin der Etablissementbesitzerin hatte Arhael in die Aufgabe eingewiesen. Sie hatte der hübschen, anmutigen, jungen Waldelfe den langen goldenen Zopf gelöst, das Haar zu Locken frisiert, sie in aufreizende Gewänder gekleidet und sie als 'die verlockende Arielle' angepriesen, aber die Abenteurerin war alles andere als ein verführerischer Vamp.
Bereits am ersten Abend wurde sie ob ihrer zaghaften Tanzversuche und der erkennbaren Unlust beim Ausziehen von den Gästen ausgepfiffen. Madame Desele drohte, ihre Schulden würden sich auf Grund der Geschäftsschädigung nur vermehren. Sie solle sich zusammennehmen. Sie verlangte außerdem, dass Arhael sich nach dem Tanzen zu den Kunden setzen, sie zum Trinken anregen und persönlichen Kontakt suchen solle. Desele wollte ihr Geld zurück! Und das bald!

Arhael hatte sich zurecht gemacht. Sie trug ein leichtes fast durchsichtiges Gewand ohne Unterkleidung, war geschminkt, und das Haar lag offen um ihre Schultern. Unschlüssig betrat sie den Gastraum.
Runa tanzte gerade an der Stange. Die Nord war groß und kräftig, bei weitem nicht so hübsch wie Arhael, aber sie bewegte sich mit einer lasziven, katzenhaften Anmut, die ihresgleichen suchte. Gebannt starrten die Zuschauer auf die Bühne.
Arhael setze sich an den Schanktisch, seufzte und hoffte trotz ihrer Verpflichtungen, dass sie keinerlei Aufmerksamkeiten erregen würde.
„Ihr erlaubt, dass ich mich zu Euch geselle?“
Die Stimme war rau, aber sanft und seltsam eindringlich. Arhael hob den Kopf. Vor ihr stand der Fremde vom Tisch in der linken Ecke.
Beiläufig zog er einen Stuhl herbei und setzte sich ohne eine Antwort abzuwarten.

Er war ein Dunkelelf mit der glatten Haut und der Beweglichkeit und Geschmeidigkeit der Jugend, aber der Ausdruck in seinen Augen und seine Haltung ließen Arhael vermuten, dass er weit älter war, als er wirkte.
Die großen Augen mit der feuerroten Iris waren mandelförmig und von langen, dichten Wimpern umgeben. Die Nase war gerade und wohlgeformt, der Mund etwas zu breit, die Lippen zu schmal, aber sanft geschwungen. An Wangen und Kinn zeigte sich ein Anflug von Bartstoppeln, die glatten, schwarz glänzenden Haare waren am Hinterkopf zusammengebunden und fielen weit über den Rücken.
Der Mann war groß und schlank und trug einen dunklen Lederkürass, der ungewöhnlich dünn und eng anliegend war. Das edle Material ließ vermuten, dass  diese Rüstung trotzdem sehr effektvoll sein musste. Die Hosen und knielangen Stiefel waren aus schwarzem Leder, das weiße Leinenhemd war sauber, am Gürtel hing ein Streitkolben.
Der Fremde betrachtete Arhael lange und nachdenklich.
„Wie ist Euer Name? Und woher kommt Ihr?“, fragte er schließlich.
Arhael, die eine seltsame Unsicherheit erfasst hatte, antwortete mit belegter Stimme:
„Arhael Butterfeld. Ich bin eigentlich auf der Durchreise in Suran. Und Ihr?“
„Ich nenne mich Hanu Hassabibini,“ entgegnete ihr Gegenüber. Die Waldelfe war erstaunt.
„Ihr seid ein Aschländer?“ entfuhr es ihr.
Der Dunmer sah sie belustigt an.
„Ein Aschländer? Nein, ich bin kein Aschländer.“
„Aber ihr tragt einen Aschländernamen!“, äußerte Arhael.
Der Mann zuckte mit den Schultern und zog den rechten Mundwinkel spöttisch nach oben.
„Es ist ein Name so gut wie jeder andere!“
Arhael verstand.
„Ihr tragt einen falschen Namen! Seid Ihr auf der Flucht? Ihr versteckt Euch vor der Obrigkeit! Sucht man Euch?“
Der Spott im Gesicht ihres Gegenübers hatte nun auch die Augen erreicht.
„Nein,“ antwortete Hassabibini sarkastisch. „Ich bin ein mächtiger Telvannimagier und reise inkognito um keine Aufmerksamkeit zu erregen.“
Für einen kurzen Moment war Arhael irritiert, doch dann erkannte sie die Bemerkung als das was sie sicherlich war, ein ironischer Konter auf ihren wohl zu naiven Ausruf.
Beschämt senkte sie den Kopf. Dabei hatte Hassabibini wirklich nichts von einem Magier an sich!
Er wirkt wie ein Abenteurer, wie jemand, der mit beiden Beinen in der Realität stand und seine Ausstrahlung gekonnt einsetzte, um andere Mer und Menschen für sich einzunehmen.
Arhael merkte, dass sie bereits dabei war seinem Charme zu erliegen. Es war die Art wie er lächelte, leicht spöttisch, den rechten Mundwinkel nach oben gezogen. Sie musste sich zusammennehmen!

„Ihr seid einem Komplott erlegen,“ nahm Hassabibini das Gespräch wieder auf.
Die Waldelfe war erstaunt. „Wie meint Ihr das? Wie kommt Ihr darauf?“
Der Dunmer erwiderte langsam und eindringlich:
„Ihr seid auf der Durchreise! Lasst mich raten: Ihr habt Euch im 'Lahmen Guar' eingemietet? Der Wirt wollte keine Anzahlung? Man hat Euer Geld gestohlen? Desele hat Eure Schulden bezahlt und Ihr seid in diesem Etablissement gelandet.“
Arhael war sprachlos. „Wo … woher … wisst Ihr das?“, stotterte sie. „Seid Ihr beteiligt?“
Der Dunkelelf schüttelte den Kopf. „Ich habe lediglich in den letzten Wochen hier viel beobachtet. Und ich schlussfolgere. Ihr seid nicht die Einzige, der das passierte.“
Arhael war empört. „Ihr meint, das ist alles ein abgekartetes Spiel?“
Hassabibini nickte. „Ja, und Desele bestimmt dieses Spiel.“
„Wir müssen sie bei der Stadtverwaltung oder den Wachen anzeigen,“ sagte Arhael heftig.
„Ich glaube nicht, dass das etwas bringen würde,“ antwortete Hassabibini. „Man kann ihr nicht nachweisen, dass sie hinter dem Diebstahl steckt oder sich mit dem Wirt vom 'Lahmen Guar' abgesprochen hat. Und daran, dass sie Eure Schulden bezahlt hat und dafür verlangt, dass ihr diese abarbeitet ist nichts Ungesetzliches.
Ich werde Euch freikaufen. So teuer kann das nicht sein, denn es waren nur ein paar Mahlzeiten und Übernachtungen.“
Arhael wurde misstrauisch. „Warum macht Ihr das?“
„Sagen wir, weil ich keine Ungerechtigkeit mag,“ antwortete Hassabibini.
„Ich bin nicht arm, ich es kann mir leisten großzügig zu sein. Versprecht mir nur eins. Sucht Euch eine anständige Unterkunft. Das große Handelshaus vermietet Betten. Es ist zwar etwas teurer, aber solide.“
Arhael schnaufte lauf auf. „Ihr vergesst, dass ich kein Geld mehr habe. Ich kann mir nirgends ein Zimmer nehmen. Ich werde abreisen. Ich wollte sowieso an die Azuraküste.“
Hassabibini lehnte sich zurück und betrachtete sie spöttisch. „Wie kommt Ihr dahin? Ihr habt kein Geld für eine Schiffsreise.“
„Ich werde zu Fuß gehen,“ äußerte Arhael trotzig.
Hanu hob eine Augenbraue. „Aha, zu Fuß,“ bemerkte er sarkastisch.
„Klettert Ihr über die felsige Küste oder wandert ihr quer durch das Vulkangebirge? Sicher kennt Ihr Euch gut aus hier. Man verläuft sich gerne in dieser unwirtlichen Gegend und es wimmelt nur so von wilden Tieren, Alits, Kagouti, Aschkatzen, riesige Höhlenratten und nicht zu vergessen Klippenläufer, die wie aus dem Nichts vom Himmel herabstoßen und ihre vergifteten Stacheln einsetzen.
Der einzige Weg durch die Berge zur Ostküste führt über einen Pass auf dem Mount Kand.
Hört zu, ich weiß von einer Gesellschaft Magier aus Vivec, die in den nächsten Tagen aufbrechen wird um das Tribunalheiligtum hoch oben im Gebirge aufzusuchen. Ihr könnt Euch sicher anschließen.“
„Die werden wahrscheinlich auch Geld haben wollen,“ antwortete Arhael entmutigt.
„Ihr könnt Eure Dienste anbieten. Habt Ihr eine Waffe? Bestimmt seid Ihr, wie alle Bosmer eine gute Bogenschützin? Die Magier haben einen Führer angeworben. Der kann sicher Eure Unterstützung gebrauchen und sich deshalb für Euch einsetzen.“
Arhael schöpfte so etwas wie Hoffnung. „Ihr könnt mir sagen, wo ich diesen Mann finde?“
„Er sitzt vor Euch,“ antwortete Hassabibini.
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