Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein Brief an meine Angst

von NyxFilia
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
26.10.2019
26.10.2019
1
642
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
26.10.2019 642
 
Du hast gewonnen.
Ja, du hast richtig gelesen. Gewonnen. Ich gebe auf.
Nicht, dass ich jemals eine Chance gegen dich gehabt hätte, dafür bist du viel zu groß und mächtig.
Du warst immer da. Egal wie sehr ich gekämpft habe, um dich loszuwerden. Seit ich ein kleines Mädchen war, warst du da.
Ich hatte Angst vor meinem Schulanfang. Du warst da.
Ich hatte auch Angst vor meinem zweiten Schultag. Du warst da.
Am dritten Schultag warst du auch da. Und am vierten und am fünften und am zweitausendeinhundertneunundachtzigsten Tag warst du auch da. Jeden Tag hast du mich begleitet und jeden Tag hast du mir mein Leben zur Hölle gemacht.
Jeden Tag habe ich gegen dich gekämpft, mehr oder manchmal auch weniger.
Ich dachte mit der Ausbildung, mit einem Job und neuen Leuten, mit einer Liebe, so stark wie ich sie zu lieben vermag, verschwindest du. Ich dachte wenigstens hältst du dich aus einigen Angelegenheiten raus.

Aber Nein!
Wieso auch?
Wieso sollte es einfach sein, einen Termin beim Friseur zu machen? Wieso sollte es einfach sein, dem Kontrolleur in der Bahn die Fahrkarte zu geben? Wieso sollte es einfach sein, an der Kasse zu bezahlen, GANZ OHNE IN PANIK ZU GERATEN, weil man zu lange braucht, um das Kleingeld zusammenzupacken.
Wieso sollte es einfach sein, zu glauben, dass mich die Liebe meines Lebens nicht bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit und bei den kleinsten Problemen verlässt.
Das ist deine schuld! Ganz allein deine!
Du hast mich kaputt gemacht!
Wegen dir kann ich keinen Tag in meinem Leben genießen! Wegen dir kann ich nicht schlafen, weil ich Angst habe zu träumen und gleichzeitig Angst habe nicht einschlafen zu können und deswegen noch toter auszusehen als Marie Antoinette in ihrem verschissenen Grab!
Du hast mich so sehr zerstört, so viele Türen vor meiner Nase zugeschlagen. Wegen dir habe ich so viele Menschen verloren. So viele Menschen vergrault.
Wegen Dir habe ich jeden von mir weg gestoßen! Wegen dir war niemand da, als ich so sehr eine Umarmung brauchte!
Wegen dir habe ich das Schloss abgeschlossen, den Schlüssel in die Elbe geworfen und aufgehört zu sprechen!

Wegen dir singe ich nicht mehr. Es könnte jemandem missfallen.
Wegen dir bin ich aus dem Sportverein ausgetreten. Bin sowieso nicht dünn genug, um mithalten zu können.
Wegen dir laufe ich jeden verdammten Tag wie ein Gott verdammter Kartoffelsack rum. Alles Weitere könnte falsch interpretiert werden. Oder jemand findet den neuen Look hässlich oder oder oder…
Du hast mein Leben zerstört.
Du hast mich zerstört. So sehr, dass es niemand vermag, mich zu reparieren. Es würde eh nicht gelingen.
Du hast mir die Kontrolle entrissen, als ich ein Kind war und ich war nicht stark genug sie mir zurück zu holen. Ich war nicht stark genug, um mich gegen dich zu wehren. Ich bin es immer noch nicht.

Ich bin nicht dumm.
Ich bin nicht hässlich.
Ich bin nicht fett.
Ich bin nicht wertlos.
Ich bin nicht schwach.
Ich bin keine Belastung.
Du lügst mich an.

Das sollte ich mir zumindest versuchen einzureden.
Aber ich bin dumm und schwach und wertlos und vor allem eine Belastung.
Deswegen höre ich auf zu kämpfen.
Ich überlasse es dir. Mein Leben.
Du kannst es haben.
Ich gebe auf.
Ich bin zu müde, um weiter zu kämpfen, weiter ein richtiges Leben zu führen. Aber den Tod schenkst du mir auch nicht. Das ist mir nicht vergönnt.
Ich akzeptiere mein Leben, wie es ist. Voller Schmerz, Hass und vor allem Angst.
Komm her und erfülle meinen Körper mit diesem unheilvollen Gefühl.
Die dunklen, schwarzen Waben sind nun willkommen. Ich erwarte sie. Ich nehme sie entgegen, wie einen alten Freund.
Sie sollen erst meinen Kopf durchfluten und dann mein Herz. Zerbrich das Herz, das sowieso nur noch aus Glassplittern besteht und nutze es für deine Zwecke.
Es gehört dir.
Ich gehöre dir.
Ich warte auf dich.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast