Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wir sind beide Kämpfer (Teil 1 - Kämpferherz)

von KiwiMaus
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München
24.10.2019
05.11.2019
13
70.133
11
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
01.11.2019 7.079
 
~~~~~~
Moin meine lieben Leser,
Heute schon Kapitel 9! Wahnsinn... ich freue mich riesig über eure Kommentare und Reviews. Da geht mir echt das Herz auf. Leider habe ich nicht jeden Tag Zeit zu Antworten. Bitte seht es mir nach. Ich beantworte alle auf jeden Fall im Laufe des Wochenendes.
Nun sind es noch Drei weitere Tage und ich lade das neue Kapitel hoch. Nummer 13 dann und das nächste Kommt dann mitte November... Aber genug davon... sonst werde ich wehleidig. ich hoffe ihr könnt es genießen und ärgert euch nicht zu sehr über das heutige Kapitel. Ich liebe Manu und Mats ja sehr aber.... naja, was soll ich sagen... lest selbst ;-)
Eure Kiwi
~~~~~~

Leon stand nur da und starrte auf seinen Besuch. Leon und ich wurden hingegen von unserem Besuch niedergestarrt. „Ähm… ich…also… wir…“, Manuel Neuer deutete zwischen sich und seinem Mitbringsel hin und her. Ich merkte derweil, dass ich meinen Mund geöffnet hatte. Und ich war nicht in der Lage diesen zu schließen! „L…Leon… das ist Manuel Neuer!“, war dann das erste, was ich von mir gab und lief knallrot an. „D…da ist Manuel Neuer in deinem Flur!“, versuchte ich zu verdeutlichen und drehte mich um. Plötzlich fühlte ich mich nackter als ich war und zog die Trainingsjacke eng um mich.

Leon räusperte sich. „W…was wollte ihr hier…Manu… Mats?“, fragte Leon nun und schaute ebenfalls mit hochroten Kopf an sich hinunter. Er hatte noch wesentlich weniger an. Er hatte wohl nicht vorgehabt, dem Pizzaboten in mehr als seiner Boxershorts gegenüber zu stehen. Wieso macht dieser Gedanke mich kurzzeitig eifersüchtig?  „Wir…“, Manuel Neuer räusperte sich. „Also, wir wollten dich eigentlich besuchen um mit dir zu reden…“, sprach Manuel unsicher und schaute mich an. Dann sah er auf meinen Hals und seine Augen wurden größer. Ich trat einen Schritt zurück und schaute in Leons Flurspiegel. Mir prangte sofort ein riesiger blauer Fleck unterhalb meines Ohres entgegen. Dort hatte sich Leon vorhin besonders viel Zeit gelassen und genüsslich genknabbert und geleckt. Kurz bevor ich die Jacke entgültig verloren hatte. Er hatte schnell festgestellt, dass er mich an dieser Stelle quasi willenlos machen konnte. „Alter, du hast mir nen Knutschfleck verpasst!“, sprach ich, merkte dann, was ich gesagt hatte und schlug mir die Hand vor den Mund. Zu Spät!

„Du…wie… was?“ Neuer starrte zu Leon. Völlig überfordert ging ich nach vorne und schlug den beiden die Tür vor der Nase zu. Darin war ich offenbar echt gut. Geschockt drehte ich mich zu Leon um. „Da stand Manuel Neuer vor der Tür…“, sagte ich noch einmal. „Ja, und du hast ihm gerade die Tür vor der Nase zugeschlagen. Nachdem du mich quasi vor den Beiden geoutet hast“, sprach er nur trocken. „Oh Scheiße… das… das tut mir leid… das wollte ich nicht… ich… ich mein… wieso verpasst du mir auch nen Knutschfleck?“ Leon hob seine Augenbrauen. „Ja…Scheiße man, was machen wir nun?“, fragte er dann.

„Wie wär´s mit Tür öffnen?“, kam es dumpf von außen. Leon und ich starrten die Tür an, als würde diese gleich zubeißen. Die Stimme, die gesprochen hatte, kannte ich nicht. War bestimmt der andere. Zögerlich ging Leon zur Tür und öffnete diese wieder. „Sorry!“, kam es dann zerknirscht von ihm. „Kommt… Kommt rein!“ Leon trat beiseite und ich wich nach hinten aus, richtete meinen Blick starr nach unten. „Wir dachten….“, sprach nun der andere und räusperte sich. „Wir dachten wir besuchen dich und bieten dir an mit uns zu quatschen… Ich mein in letzter Zeit bist du echt seltsam drauf und…. Naja…“ Ich spürte Blicke auf mir und hob meinen Kopf. Dann richtete Manuel Neuer das Wort an Leon. „Ich glaub du solltest uns da was erklären, meinste nicht auch?“, fragte er Leon. Dieser nickte und drehte sich um, um Richtung Couch zu gehen. Ich eilte ihm hinterher und sammelte mit glühenden Ohren unsere Kleidung ein und warf Leon seine zu. Leon richtete derweil die Couch wieder her.

„Setzt euch…“, wisperte ich mehr undeutlich als das ich sprach. Die beiden Fußballer jedoch bleiben stehen und verschränkten auffordernd ihre Arme und blickten  fragend Leon an. „Also, ähm… ehrlich gesagt weiß ich gerade nicht, was ich sagen soll!“, kam es von dem dunkel gelockten. „Wir dachten du hättest vielleicht Stress mit nem Mädel oder Heimweh oder so… ich mein….so lang biste ja noch nicht bei uns!“ Wieder blickte er mich an. „Und nun…“ Leon schnaubte genervt auf. „Und nun was?“, fragte er mit pissigem Unterton. Ich verdrehte die Augen. Das Konzept mit ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘ hatte er echt noch nicht geschnallt. „Naja, die Faktenlage scheint ja eine andere zu sein!“, sprach nun Neuer. Leon grummelte irgendwas unverständlich in seinen Bart. Ich atmete einmal tief durch. „Ja, die Faktenlage ist minimal anders. Er hatte Stress mit seinem… einem Freund… MIR!“ Sprach ich. „Ich lag im Krankenhaus und Leon kümmert sich um mich.

„Ja… das hat man gesehen!“, sprach der dunkelhaarige Lockenkopf nun fast ungläubig belustigt. „Ich bin Ben! Und du?“, stellte ich mich kurzerhand vor und hielt ihm die Hand entgegen. Nun schaute er definitiv ungläubig. „Ähm…“, unsicher schaute er zu Leon. „Verarscht der mich jetzt?“, fragte er ihn. Leon schüttelte den Kopf. „Nee, der weiß das wirklich nicht… wundert mich, dass er Manu kennt!“, antwortete Leon resigniert. Dann richtete sich der Begleiter von Manuel Neuer wieder an mich. „Mats…Hummels!“, stellte er sich vor und ergriff meine dargebotene Hand. „Neuer… also Manuel Neuer!“, stellte sich nun der Nationaltorwart vor. „Auch wenn du mich ja zu erkennen scheinst!“ Fast ehrfürchtig ergriff ich Neuers Hand. „Uhm…Hi!“, sprach ich und war froh, dass meine Hand nicht zitterte – lief jedoch maximal rot an. „Ist das… also bist du…?“, versuchte Manuel Neuer auszusprechen, was offensichtlich war. „Was?“, stellte Leon die Gegenfrage. „Also, … ähm… Ist er… also Ben…“,,Ob Ich Leons Freund bin?“, fragte ich daraufhin um dem Theater ein Ende zu setzen. Die beiden nickten unisono.

„Nein!“, antwortete ich bestimmt. „Aber wir arbeiten dran!“, kam es dann scheu von Leon. Er hatte sich derweil auf seine Couch gesetzt. Unsicher schaute ich nun zu ihm. „Sorry, dass ich vorhin gesprochen habe, bevor ich nachgedacht habe!“, entschuldigte ich mich leise bei Leon. „Ist doch jetzt eh egal…“, sprach er. „Mir steht bei dir doch eh ‚verliebter Volltrottel‘ auf der Stirn“, sprach er. Ich schüttelte den Kopf. „Von wegen!“, sprach ich. „Du hast das besser im Griff als du denkst…“, meinte ich dann. Den Besuch hatte ich ausgeblendet. Dieser meldete sich nun wieder zu Wort. „Dann bist du schwul?“, fragte Neuer nun. Leon nickte. „Ja!“, mehr kam nicht über seine Lippen. Genaugenommen schaute er ziemlich verschüchtert zu Boden. Ich ging zu ihm. „Hey, es ist nichts falsch daran!“, flüsterte ich ihm zu.. Irgendwie hatte ich nämlich den Eindruck, dass ihm genau diese Frage gerade im Kopf herumgeisterte. „Ich weiß…eigentlich…“, kam es von ihm. Bingo!

Gerade als ich anfangen wollte etwas zu sagen klingelte es erneut an der Tür. Das war nun bestimmt der Pizzabote, wenn nicht würde ich noch durchdrehen. Jahrelang hatte ich keine nervige Türklingel gehabt und nun ging das Ding quasi am Stück. Gefühlt war es zumindest so. Ich ging also zur Tür und richtete mir derweil meine Kleidung um für den Fall der Fälle anständig angezogen zu sein. Als ich unten den Summer betätigt hatte richtete ich noch schnell meine von Leon zerwühlte Frisur und klappte die Kapuze etwas an, so dass der Knutschfleck verdeckt war. Dafür würde Leon sich noch etwas anhören dürfen. Ich hasste sowas und er konnte definitiv nicht mit dem Argument kommen er habe das nicht gewollt. Dafür war die Stelle zu offensichtlich und der Fleck zu groß. Da fragte ich mich echt, wer älter war. Er oder ich?!

Als ich wenige Augenblicke später die Tür aufmachte stand vor mir ein Lieferant in rosa Uniform und grinste über beide Ohren. Sein Lächeln verblasste jedoch als er nur mich sah. „Ich… hab hier ne Bestellung für Goretzka“, kam es von ihm. Dann: „Sie sind nich´ Goretzka!“ Wow, der Kerl war schlau. „Nein, trotzdem biste hier richtig!“, sprach ich.  Er schüttelte den Kopf. „Abgabe nur an den Besteller!“ Seit wann war das denn bitte so? Genervt verdrehte ich die Augen und drehte mich schwungvoll um, um den Blick auf Leon frei zu geben. Das mir dabei der Kreislauf abrutschen würde hatte ich nicht mitbedacht. Als nächstes fand ich mich auf dem Boden wieder. Über mir drei Gesichter. Der Hummels hielt meine Beine nach oben. „Moin Hase!“, kam es frech grinsend von Leon. „Warst kurz weg!“, meinte Neuer nur schmunzelnd und hielt mein Handgelenk. Prüfte vermutlich meinen Puls. „Puls ist glaub ich normal!“ Bingo! JETZT wollte ich gerne mein Bewusstsein verlieren. Das war gerade etwas zu viel für mich.

Schmerzvoll hielt ich mir meinen Kopf und stellte erschrocken fest, dass es an meinem Kopf feucht war. Als ich auf meine Hand starrte, sah ich, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag. Ich hatte mir den Kopf angehauen. Panisch rückte ich von den Jungs weg und erhob mich schwankend. Leon kam direkt auf mich zu. „Bleib da!“, schnauzte ich ihn an. Leon erhob in einer beruhigenden Geste seine Hände. „Ich zieh mir Handschuhe an und schau es mir an!“, meinte er. Ignorierte völlig die fragenden Blicke seiner Kollegen. „Spinnst du?“, fuhr ich ihn an. „Du bleibst genau da wo du jetzt stehst!“ Ich hatte schon wieder völlig Panik und merkte auch selbst, dass ich mich schon wieder hineinsteigerte. Zudemm wurde mir schon wieder verdächtig schummrig. „Ich weiß was ich tue“, sprach Leon und kam einfach näher. „Nen Scheiß weißt du…“, ich ging an den dreien vorbei Richtung Küche. Dabei schwankte ich so sehr, dass ich gegen Neuer kippte, welcher mich aus Reflex festhalten wollte. Mein Kopf dröhnte, doch ich schubste ihn weg. „Alter, Leon was ist mit dem los?“, fragte Hummels. Unverständnis auf dem Gesicht. Ich war derweil in die Küche gekommen und hatte den Wasserhahn angemacht, wusch mir die Hand. Dann kramte ich unter der Spüle nach dem Desinfektionsmittel, welches Leon dort deponiert hatte. Dabei wurde mir zu allem Übel auch noch schlecht.

Als ich es gefunden hatte, kamen von hinten Leons Arme. Bevor ich irgendwas machen konnte nahm er mir das Desinfektionsmittel aus der Hand und Latexhandschuhe aus der Box daneben. Ruhig pfriemelte er an meinem Kopf herum. „Wenn du nicht so ein Drama aus der Situation machst, ist sie nur halb so schlimm!“, sprach er ruhig mit mir. Woher er diese Ruhe nahm war mir schleierhaft. „Kein Drama?“, zeterte ich gleich wieder los. „Ich bin der Tod auf zwei Beinen!“ Leon schnaubte. „Vor allem bist du theatralisch – Dramaqueen!“, setzte er entgegen. „Vielleicht solltest du nach dem Abi über nen Theaterstudium nachdenken. Potential ist da!“, spöttelte er. An seinem Tonfall merkte ich jedoch auch, obwohl ich auf 180 war, dass er das eher liebevoll meinte. Er griff in den Erste-Hilfe-Kasten, welchen er wohl von mir unbemerkt neben uns gelegt hatte und holte ein Spray heraus. „Das ist Pflasterspray!“, klärte er mich auf. „Das brennt jetzt etwas aber danach bist du wieder okay und die Blutung sollte auch aufhören. Wenn nicht fahren wir heute Abend noch zum Weidmeier…“ Scheiße, dass Zeug brannte echt wie die Pest. Beruhigend streichelte Leon mir über den Bauch und hielt mich im Arm. Hinter ihm betrat Leons Besuch mit den Pizzakartons in der Hand die Küche. Wo sie die herhatten wusste ich nicht. Aber vermutlich hatte sich in meiner Abwesenheit einer der Drei um den Pizzaboten gekümmert.

„Kann uns mal einer aufklären?“, fragte Neuer nun und musterte mich. „Das mit den Bienchen und Blümchen sollte euch eigentlich bekannt sein. Mats ist immerhin schon Papa!“, versuchte Leon vom unvermeidbaren abzulenken. Der Dunkelhaarige gab einen genervten Ton von sich. „Danke, wissen wir und weiter?“, er schaute von Leon zu mir. „Erst kippt dein Hübscher um, dann haut er sich dabei den Kopf an und tut im nächsten Moment so wie nen Charakter aus Psycho…“ Na danke, toller Vergleich. Leon knibbelte an seiner Hand herum, dann schaute er zu mir. Ich selbst zuckte mit den Achseln. „Dein Ding. Erzähl was du für richtig hälst!“, sprach ich. Was sollte ich auch sonst tun. Ich war nicht gerade ein Meister im Lügen und Ausreden erfinden und trug viel zu häufig das Herz auf der Zunge. Leon hob die Augenbrauen. Atmete tief aus.

„Okay, setzt euch!“, wies er Neuer und Hummels dann an. „Und du unterbrichst mich wenn dir was nicht passt!“, bat er mich. Leons Kollegen taten wie geheißen. Ich lehnte mich derweil immer noch auf dem Boden sitzend gegen die Schrankwände und zog mir die Kapuze über die Wunde. Leon holte Luft. „Wo fang ich an?“ „Am Anfang!“, schlug ich vor. Leon schmunzelte und setzte sich auf einen der Thekenhocker zum offenen Küchenbereich. Ob er so eine mögliche Flucht seiner Kollegen verhindern wollte?

„Also…“, Leon schaute zu seinen Teamkameraden. „Ich hab Ben vor etwas über zwei Wochen kennen gelernt…“ Er blickte zu Manuel. „In der Jugendeinrichtung für die wir beide den Pressetermin hatten“, redete er weiter. „Der Einrichtung für Straßenkids?“, hakte der Nationalkeeper nach. Leon nickte. „Ja, er… war dort Klient…“ Leon räusperte sich wieder, begann seine Hände zu kneten. „Ich hab ihn gesehen und… kein Plan was ich dachte. Zumindest hab ich mich bei Manja“, er fasste sich ans Ohr und massierte daran herum. „- das war die Rothaarige - …bei ihr hab ich mich über ihn erkundigt und… naja… Sie meinte man trifft ihn meistens in der
Zamdorfer Straße trifft…“ „Dem Männerstrich?“, fragte Mats entsetzt. Irritiert schaue ich ihn an. „Cathy hat von erzählt neulich… Stand wohl in der Zeitung. Ist hängen geblieben weil es eigentlich nicht ihr bevorzugtes Thema ist. Stand wohl unten auf der Klatschseite…“, er zuckte die Achseln. Leon nickt. „Ja… da… also…“ „Moment!“, unterbrach nun Manuel. „Du bist nen Stricher?“ Die Erkenntnis  kam Pfennigweise. Na klasse!

„Ich war!“ bestätigte ich. „Aber mit Sicherheit nicht freiwillig!“, gestand ich. Mittlerweile war ich aufgestanden. Die Fliesen im Küchenbereich waren mir zu kalt. „Alter… wie alt bist du?“, fragte der Ballfänger nun weiter. „Seit Samstag 18…“, beantwortete Leon die Frage. Ich ging zu Leon rüber und stellte mich schräg vor ihn. Mein Lieblingsmensch schlang die Arme um mich und zog mich zwischen seine Beine. „Leon hat mich da weg geholt quasi. Mir gezeigt, dass mein Leben nicht ganz so perspektivlos ist!“, sprach ich weiter. Dann holte ich Luft, nahm allen Mut zusammen. „Ich hab seit meiner Geburt HIV!“, sprach ich das unvermeidbare aus. „Daher vorhin meine Reaktion…“, erklärte ich mich. „Ich bin eine Gefahr und ich könnte nicht damit leben, wenn wegen mir jemandem was passiert!“, ich starrte auf Leons Hände um meine, dann gucke ich auf und blicke in zwei entsetzte kalkweiße Gesichter.

„Guckt nicht wie zwei Vollidioten!“ Leons Stimme klang hart und schneidend. Manuel reagierte als erstes. „Der Typ hat AIDS!“ Scheiße, genau das habe ich befürchtet! Null Ahnung gepaart mit Intelligenzresistenz. Ich atme einmal tief durch. „Nein!“, sprach ich. „Ich habe HIV!... AIDS ist etwas anderes!“, versuchte ich aufzuklären. Auch meine Stimme klang nun weniger sanft. „Mit der richtigen Therapie kann man problemlos fast genauso alt werden, wie jemand ohne HIV“, sprach Leon ruhig. „Und er befindet sich in Therapie!“, erklärte er weiter. „Scheiße, hast du auch mal ans Team gedacht?!“, fragte nun wieder Manuel. „Wieso sollte ich?“, hinterfragte Leon sauer. „Das ist mein Privatleben! Ich hab auch recht auf ein Privatleben oder weiß die Menschheit etwa auch alles über dich und Nina?“ „Der könnte dich anstecken und…“, wütete er weiter und ignorierte Leons Einwand. Weiter kam er jedoch nicht. „Ich würde Leon nie in Gefahr bringen!“ widersprach ich gleich. Tränen kamen mir, meine Stimme zitterte. „Ich hab mir das nicht ausgesucht…“, nun klang ich weinerlich. „Ich wurde so geboren. Meine Mum hat den Virus an mich weiter gegeben und…“ Leon kraulte mich im Nacken, versuchte mich so zu beruhigen.

„Ganz ehrlich. Werdet nicht unfair. Informiert euch!“, bat er. „Ben arbeitet gerade daran unter die Nachweisgrenze seiner Viruslast zu kommen. Dann ist er faktisch für niemanden mehr eine Gefahr!“ Ich verstand nicht, wie Leon das so überzeugt sagen konnte und dabei in so verständnislose Gesichter schauen konnte wie sie in dem Moment vor uns standen. „Ich lasse mich regelmäßig testen!“, sprach Leon weiter. „Hab ich auch schon bevor ich Ben kannte… Bei wechselnden Partnern ist das Risiko nämlich wesentlich höher als bei einem Partner wo man weiß woran man ist!“ Verwirrt schaute Mats nun auf. „Ich bin nicht erst schwul, seit ich Ben kenne…“ Soweit schien der Hummels nicht gedacht zu haben. „Ben und ich haben gerade einen ziemlichen Seelenstriptease hingelegt“ Leon starrte seine Kollegen geradezu nieder. „Ich erwarte, dass ihr das für euch behaltet!“ Der Neuer schaute auf. „Dachtest du wir plappern?“ Leon nickte. „Bei deinen Stammtischparolen gerade – möglich!“, bestätigte er.

Nun wechselte sich der Gesichtsausdruck vom Keeper und er bekam ein rotes Gesicht. „Ich… man, dass tut mir leid… Ich…“ „…Weiß doch so ziemlich gar nichts von der Thematik?“, bot Leon ein mögliches Ende dieses Satzes an. Der Fußballer nickte. Der andere Profikicker schien schon eine ganze Weile nachzudenken. Ich räusperte mich. „Wenn ihr Fragen habt fragt. Nur behandelt mich nicht wie einen… Aussätzigen oder so!“, bot ich an. Leon hinter mir war noch immer auf Krawall gebürstet. „Du bist mein Mannschaftskapitän und erster im Mannschaftsrat… Und ehrlich gesagt hab ich da was anderes erwartet als verbalen Durchfall und blöde Blicke…“ Nun schaute der Lockenkopf mich an. „So wie der gerade um sich beißt, scheint er dich ja zu mögen!“, sprach er mich an. Unsicher kaute ich mir auf meinem Unterlippenpiercing. „Ich hoff´s doch!“, gab ich die ehrliche Antwort. „Wir sind hergekommen, um ihm zu helfen und haben vermutlich gerade ziemlich ins Klo gegriffen…“, Leon hinter mit schnaufte, weshalb ich ihm mit dem Ellenbogen in den Bauch boxte. „Ihr habt hier gerade Dinge erzählt, auf die kann man sich nicht vorbereiten…“, sprach der hübsche Lockenkopf weiter. Also rein optisch war der halt ein klassisch schöner Mann. Nicht mein Typ, weil der stand hinter mir, aber schön anzusehen war der Hummels schon und Neuer sah auch nochmal besser aus als 2014 auf meinen Postern. Älter werden stand dem echt. Von seinen menschlichen Eigenschaften war ich derzeit allerdings nicht so wirklich überzeugt. Genau genommen war ich dort nie weiter von entfernt.

Der Hummels sprach weiter. „Ich meine hey..“, er schaute Leon an. „Erst haust du uns quasi um die Ohren, dass du schwul bist – wenn auch ungewollt… und dann das…“ Er schaut zu mir. „Gib uns nen paar Tage damit auf Kette zu kommen…“, bat er, nun wieder Leon anschauend. „und unser Großer hier…“, er haut Neuer die Hand auf die Schulter welcher zusammen zuckt. „…wird sich auch wieder einkriegen!“ „Wär schade wenn nicht…“, meinte nun Leon wieder deutlich ruhiger. „Immerhin ist er der einzige Fußballer mit dem Ben was anfangen kann!“ Ich wurde rot. „Ich hatte halt andere Prioritäten…“, entschuldigte ich mich. Auch ohne es auszusprechen wusste wohl nun jeder im Raum welche. „Wir sollten wohl dann mal gehen… den Sixpack können wir ja mal an einem anderen Abend killen!“, schlug der dunkelhaarige Lockenkopf dann vor und schaute demonstrativ auch zu mir. Ich nicke. „Gern!“, antwortete ich ungewohnt schüchtern.

Nun regte sich auch der Neuer wieder. „Sorry!“, kam es als erstes. „Ich…“, er schaute Leon an. „Das braucht nen Moment zum Sacken!“, erklärte er seinen Totalaussetzer. „Ich weiß immer noch nicht ganz, was ich davon halten soll…“ Leon holte Luft und wollte wohl etwas sagen. Sein Mannschaftskapitän hob jedoch abwehrend die Hand. „Ich werd es schon irgendwie klar kriegen da oben und dich in nächster Zeit wohl häufiger mal nach dem Training zur Seite nehmen“, sprach er. Klang, als würde der Häuptling Leon nicht gleich auf die Ersatzbank verbannen lassen. Leon nickte und atmete wiederholt an diesem Abend durch. „War vielleicht nicht ganz die diplomatischste Art von mir…“, lenkte Leon ein. „…von keinem von uns!“, relativierte der Teamchef.

Als der Hummels die Küche wieder verließ deutete er auf die immer noch unangetasteten Pizzakartons. „Guten Hunger!“, meinte er. Ich schüttelte den Kopf. „Hunger ist mir vergangen!“, sprach ich. Zerknirscht schaute der Neuer auf. „Nichts da!“, meinte Leon dann auch. „Du musst gleich noch deine Pillen fressen und das sollst du mit Nahrungsgrundlage und nicht auf leeren Magen. Ich verdrehte die Augen, lächelte Aber. „Ja, Papa!“, flapste ich nun doch noch etwas. Hummels grinste. Dann gingen wir mit Leons Spontanbesuch zur Tür und verabschiedeten diesen.

Geschafft stand ich vor Leon und lehnte meine Stirn an seine Schulter. „Wir sollten ins Bett gehen. Der Tag war anstrengender als gedacht!“, sprach Leon leise. Auch er klang fertig. „Tut mir leid!“, flüsterte ich. „Muss es nicht!“, meinte Leon. „Ist doch alles gut…“, versicherte er mir dann. Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab dich geoutet, ich hatte nen völligen Aussetzer… Ohne mich wäre es ein netter Abend unter deinen Teamkollegen geblieben…“, führte ich meine Verfehlungen ins Feld. „Sie hätten es doch ohnehin irgendwann bemerkt… Alles… Manja meinte ich guck dich an wie ein verliebter Volldepp!“, erzählte er mir. „Kein Wunder, dass die im Krankenhaus das alles sofort geschnallt haben…“, ich schüttelte den Kopf. „Max hat denen das gesteckt!“, berichtete ich Leon meine Info von Julia und Peter. „Aha…“, Leon klang nachdenklich.
„Ich werd übrigens gerne angeguckt wie von einem verliebten Volldepp!“, meinte ich dann leise. Fast so leise, dass Leon es nicht hören konnte. Doch er bekam es mit. „Dann gib uns doch diese kleine Chance…“, bat er mich ebenso leise. Ich sagte gar nichts, drehte mich nur um und ging in die Küüche. Leon hatte recht. ein bisschen essen müsste ich vor den Pillen, sonst würden die Nebenwirkungen der neuen Medikamente nie nachlassen. Still gingen wir also in die Küche und aßen lustlos ein Teil unserer Pizzen. Den Rest stellten wir in den Kühlschrank. Anschließend nahm ich Leon nur bei der Hand und führte ihn ins Schlafzimmer. Ich entkleidete mich in Ruhe, was schon wesentlich besser ging als am Vortag, und nahm meine Medikamente aus dem schicken bunten Schuber, welchen Leon mir aus der Apotheke mitgebracht hatte. Die Medikamente, die ich zusätzlich wegen der Lungenentzündung nahm schienen gut anzuschlagen, ich war allgemein fitter fiel mir auf als ich den Tag im stillen resümierte.  Auch Leon begann sich  derweil auszuziehen. „Nimm mich bitte einfach nur in den Arm heute Nacht!“, bat ich ihn dann und küsste ihn träge. Die Kopfschmerzen von vorhin waren fast weg. Leon nickte. „Darum musst du mich nicht bitten!“, meinte er dann liebevoll. Wir legten uns in Leons Bett. Leon zog die Bettdecke über uns und mich an seine Brust. „Schlaf schön, Engel!“, wisperte Leon leise. Bei dem Kosewort flatterte es in meinem Magen. Dann schlief ich ein.

Als ich am nächsten Tag erwachte lag ich noch immer eng an Leon gekuschelt. Dieser hauchte mir jedoch bereits Küsschen in den Nacken. „Na…auch wach?“, erkundigte er sich, als ich mich ein wenig zurechtruckelte. Ich murrte nur. Ich war definitiv kein Morgenmensch. Leon langte über mich und streichelte über meinen Bauch. Auf Grund meines geringen Gewichts derzeit merkte man sehr deutlich die Muskeln. Ich selbst hielt mich derzeit nicht für sonderlich sexy oder hübsch. Ich konnte auch nicht wirklich verstehen, dass Leon anders empfand. Ich war ausgemergelt. Meine Muskulatur undefiniert und meine Haut fahl. Ich hoffte, dass sich dies geben würde, wenn ich wieder regelmäßig aß, meine Therapie anschlug und ich wieder fit genug war, um laufen zu gehen und generell Sport zu treiben. Selbst als ich auf der Straße gelebt hatte, hatte ich regelmäßig auf einem der Fitnessparcours in München trainiert, welche jedem unentgeltlich zur Verfügung standen. Am liebsten hatte ich den in den Isarauen oder an der Hochschule genutzt. Im Sommer versteht sich. Im Winter hätte ich mir den Tod geholt. Hatte ich ja so schon. Fast! Ich vermisste die Bewegung und vor allem das gute Körpergefühl, was der Sport mir gegeben hatte.

Mehr als ein bisschen Powerkuscheln mit Körpererkunden taten wir diesen Morgen jedoch nicht mehr. Eine Stunde, nachdem ich erwacht war musste Leon zum Training. Ich stand mit ihm auf und wir machten und gemeinsam im Bad fertig. Als Leon gerade eine Stunde zur Tür raus war klingelte es. Oh bitte! Nicht wieder dasselbe wie am Tag zuvor flehte ich innerlich. Ich hatte Leon gestern nicht mehr gefragt, wer der unbekannte Typ an der Tür gewesen war, als er gerade Heim kam. Auch hatte ich mir über das seltsame Verhalten des Kerls keine weiteren Gedanken mehr gemacht. Hatte ich auch ehrlich gesagt keinen Nerv zu. Ich war froh, wenn ich wieder soweit auf dem Damm war, dass ich mein Leben WIRKLICH neu starten konnte.

Manja stand vor der Tür, als ich öffnete. Sie hatte eine ganze Tasche dabei. „Willst du hier einziehen?“, erkundigte ich mich belustigt und deutete auf die Sporttasche in ihrer Hand. Manja schüttelte die wilden Locken, zu denen sie ihre Haare heute geformt hatte und grinste mich an. „Nein…DAS mein Lieber sind ein paar Einkäufe, Kuchen und Unterlagen die ich heute mit dir durchgehen will“, klärte sie mich dann auf. „Unterlagen?“, hakte ich nach. Manja nickte. „Wir müssen deinen Personalausweis beantragen, denn dieser fehlt noch für deinen Antrag auf Waisenrente und deinen ALG 2-Antrag und dann noch deine Schulanmeldung…“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab dir und Leon schon gesagt, dass ich eine Ausbildung machen werde und kein Abitur…“, meinte ich trotzig. „Das ist schön und gut Ben…“, kritisch blickte sie mich an. „Jedoch hast du nicht einmal die Schule beendet“, sprach sie. „Du warst 15 als du weg bist!“, meinte sie dann weiter.

„Ich… hab die Schule beendet!“, meinte ich dann zögernd. „Ich… war mit 15 in der zehnten Klasse!“, sprach ich zögernd weiter. Manja bekam große Augen. „Du.. Was?!“, meinte sie. „Ich… ich bin mit 5 eingeschult worden und hab als wir aus Afrika wieder kamen eine Klasse übersprungen…Hatte doch nen Hauslehrer und naja… Als Kind so ganz allein in einem fremden Land bekommt man dann doch Spaß an der Schule. Zumal in Afrika rundherum nicht allzu viel war“, beichtete ich schüchtern. „Aus dem Heim getürmt bin ich zwei Tage nach Beginn der Sommerferien“, berichtete ich weiter. „Ich glaubs nicht…ein Überflieger!“, meinte sie dann und grinste mich stolz an. „Bringt mir nur aktuell auch nichts“, meinte ich dann. „Das Heim hat mein Zeugnis und alle Unterlagen.“ „Moment, dann musste das eigentlich alles in den Ordnern sein, die ich Leon vorbeigebracht habe!“, meinte Manja dann. „Ich hab mir vom Heim alles aushändigen lassen, was dich angeht und dir gehörte. Leon hat das irgendwo deponiert!“, meinte sie dann.

„Da sind wir wohl noch nicht zu gekommen!“, sagte ich nachdenklich. Manja schmunzelte. „Ich kann mir schon denken woran das lag.“ Manja und ich setzten und ins Wohnzimmer an den großen Tisch und Manja breitete die Unterlagen aus. „Mal ehrlich Ben…Du bist intelligent… Mach was draus!“, bat sie mich dann eindringlich. „Wenn du studierst kannst du später damit viel mehr anfangen. Mach deinen Traum wahr!“, sie legte mir eine Hand auf die Meine. „Ich glaube an dich und Leon tut das auch!“ Wieder bekam ich Tränen. Diesmal vor Rührung. „Danke!“, schniefte ich. „Nicht dafür!“, sie drückte noch einmal meine Hand. „Wie geht es dir?“, erkundigte sie sich dann erst einmal ehe sie aufstand und die angekündigten Einkäufe aus der Tasche räumt. Drogerieartikel. Als ich mit gerunzelter Stirn draufschaute erklärte Manja mir nur, dass Leon sie gebeten habe diese für mich zu besorgen. Ich solle ja noch nicht alleine losziehen und er hatte derzeit einfach nicht die Zeit. Gestern hatten sie ihm Zusatztraining aufgebrummt.

Ich hingegen berichtete ihr, dass es mir bereits besser ginge. Jedoch auch von dem was sich am Vortag zugetragen hatte. Manja äußerte sich besorgt über meine Kreislaufprobleme und vereinbarte mit mir am nächsten Tag gemeinsam Doktor Weidmeier aufzusuchen. Ich vermutete nämlich nicht meine Angeschlagenheit sondern meine Medikamentenumstellung als Verursacher dieser Problematik und Manja nahm mich da sehr erst. Wir füllten gemeinsam den riesigen Wust an Dokumenten aus und ich stellte ihr für alles eine Vollmacht aus.  Letzten Endes ließ ich mich von Manja breitschlagen die Anmeldungen für die Schule auszufüllen. Vielleicht könne ich ja bald schon wieder den Unterricht besuchen uns müsse mich nicht den ganzen Tag langweilen meinte sie. „Du kannst dir dann ja immer noch überlegen, dich auf Ausbildungsplätze ab August zu bewerben!“, schlug sie vor. Diesen Kompromiss fand ich eigentlich recht gut.

Als Leon am Abend heim kam machten wir nicht mehr allzu viel. Leon war völlig fertig. Ich hatte vorab mit Manja bereits gekocht, bevor diese sich dann in ihren Dienst verabschiedet hatte. Am kommenden Tag wollte sie mich dann morgens zum Arzt abholen. Leon und ich aßen also nur noch. Anschließend händigte Leon mir noch meine persönlichen Gegenstände und Unterlagen aus. Diese hatte er bereits alle in einem Regal im Gästezimmer deponiert. „Wenn du magst kannst du diesen Raum für dich nutzen!“, schlug er mir vor. „Wenn du zur Schule gehst brauchst du ja eh ein Zimmer in dem du in Ruhe lernen kannst ohne dass ich dir auf den Senkel gehe.“ Meine Beichte, dass ich mit 15 Jahren bereits die Schule abgeschlossen hatte, zumindest die zehnte Klasse, hatte ihn überrascht. „Du bist halt nen schlaues Kerlchen!“, meinte er dann schmunzelnd. „Ich habs nur bis zum Fußballer gebracht!“, meinte er belustigt. „Haha!“, entgegnete ich. „Manja hat mir längst gesteckt, dass du Abi hast!“, klärte ich ihn über mein Wissen auf.

Wenig später saß ich auf dem Bett im Gästezimmer. Ich hatte mich zurückgezogen, um meine privaten Dinge anzuschauen. Ich wollte dies vorerst allein tun. Leon hatte dies stillschweigend akzeptiert und sich ins Wohnzimmer mit der Playstation vor den TV gehockt. Ich öffnete den Karton und lugte vorsichtig rein. Zu oberst lagen zwei Ordner. Als ich diese heruntergehoben hatte, kam ein kleiner Teddy mit gelber Fahne am Ohr zum vorschein. Ich atmete einmal tief ein. Diesen Teddy hatte ich zur Geburt bekommen. Meine Mutter hatte mehrfach angedeutet, dass dieser von meinem Erzeuger sein sollte. Ich glaubte aber eher, dass meine Mutter dort geflunkert hatte, damit ich mich besser fühlte. Ich hob den Teddy aus der Box. Er hatte helles Fell, welches heftig abgegriffen war. Am Ohr ging eine Naht auf.

Als nächstes holte ich mehrere Bilderrahmen aus der Box. Auf einer der Fotos waren ich und meine Mama zu sehen. Sie strahlte mich auf dem Bild an, während ich in die Kamera lachte. Das Foto war bei unserem letzten Aufenthalt in Afrika gemacht worden. Damals war es meiner Mutter schon schlechter gegangen. Auf anderen Fotos war ich teilweise alleine, teilweise mit Weggefährten abgebildet. Auf einem Bild sah ich zum Beispiel mich mit Aluna und Matayo. Sie waren in meinem Alter gewesen. Beide Waisen. Ihre Eltern waren an Aids gestorben. Sie lebten in dem Waisenhaus, welches meine Mom als letztes betreut hatte. Ich hatte beide unheimlich gemocht und fragte mich, wie es ihnen nun ging. Aluna hatte ebenfalls HIV. Matayo war gesund gewesen – damals zumindest noch.

Auf dem letzten Bild, welches ich mir anschaute, waren meine Mom, ich und Ulli zu sehen. Ulli war einer der Mediziner gewesen. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass Ulli und meine Mutter sich über meinen Kopf hinweg anschauten. Früher war ich vermutlich zu jung gewesen, als dass mir dies aufgefallen sein könnte. Grübelnd saß ich auf dem Bett, guckte immer wieder das Foto an. Meine Mutter und Ulli hatten sich schon sehr lange gekannt. Immer wieder war er mit uns auf Missionen gewesen. Ich kannte Fotos von ihm und meiner Mutter, weit bevor ich geboren worden war.

Leise klopfte es an der Tür. Ich blickte auf. „Herein.“, gab ich Leon die Erlaubnis einzutreten. „Hey, geht es dir gut?“, fragte mich Leon. Ich nickte. „ja…klar!“, sprach ich leise. Leon deutete auf die Fotos. „Wenn du magst, können wir die hier aufhängen… oder du stellst dir eines der Bilder auf den Nachttisch oder so…“, bot er an. Ich nickte. „Ich glaube ich würde sie mir gerne auf den Tisch hier stellen“, meinte ich. „Okay… mach mit dem Raum hier, was du willst…auch du brauchst einen Raum für dich…“, sprach er. Ich stand vom Bett auf und wanderte zu Leon. Als ich dicht vor ihm stand zig ich ihn an mich. „Danke!“, sprach ich und gab ihm einen kleinen Kuss.
Wir gingen noch einmal ins Wohnzimmer und zockten ein wenig. Ganz bei der Sache war ich dabei nicht, Leon schien das bemerkt zu haben, sprach mich jedoch nicht darauf an. Wenig später gingen wir auch recht früh ins Bett.  

Der nächste Tag lief schleppend. Manja und ich saßen den halben Tag im Wartezimmer. Zwischendurch wurde ich immer für kleinere Untersuchungen abgeholt aber alles in allem opferte Manja ihren freien Tag dafür, mit mir im Warteraum „Hangman“ oder „Schiffe versenken“ zu spielen. „Anfang Januar kannst du an einem Einstufungstest in der Schule teilnehmen. Wenn der glatt geht meinte der Schulleiter zu mir, könntest du ab Februar ins zweite Halbjahr der 11 Klasse einsteigen“, informierte sie mich dann irgendwann freudestrahlend. Auch ich freute mich über die Info. Vielleicht wäre ein Abitur doch nicht das Schlechteste. „Wenn das nicht so läuft machst du halt die 10 Klasse einfach nochmal zur Hälfte oder so…“ Doch den Gedanken ließ ich gar nicht zu. Der Ehrgeiz hatte mich gepackt.

Als Manja und ich abends müde nach Hause kamen wusste ich immerhin dass meine Gesundheit auf dem Vormarsch war. Meine Werte hatten sich in den wenigen Tagen schon deutlich verbessert und die Nebenwirkungen – ich hatte mit meiner Vermutung recht gehabt – würden auch bald nachlassen. Meine Lunge wies keinerlei Geräusche mehr auf die dort nicht hin gehörten. Als wir nach Hause kamen war Leon bereits da. Freudestrahlend fiel ich ihm in die Arme. „Was ist los?“, erkundigte sich dieser und fiel in mein Lachen ein. Ich berichtete ihm von den Neuigkeiten und Leon küsste mich stürmisch. „WOW!“, kam es von Manja. „Hab ich was verpasst?“, fragte sie nach. Fragend schauten wir sie an. „Naja, bisher war Ben eher so Mimimi –bloß keine Nähe von dem scharfen Fußballer zulassen…“, stellte sie fest. „War ne blöde Idee!“, gab ich zu. „Ist nen Testspiel quasi!“, fügte Leon an. „Testspiel? – aha!“, skeptisch schaute sie von mir zu Leon. „Macht euch ruhig weiter was vor…“, nun schmunzelte sie wieder.

Wir aßen noch mit Manja und verabschiedeten sie dann kurz vor dem Sandmännchen, denn auch an diesem Tag gingen wir wieder früh ins Bett. Leon hatte noch bis zum nächsten Spiel, am Samstag gegen Freiburg zuhause, Straftraining. Mats und Manuel hatten jedoch verhindert, dass Leon eine etwaige Sperre drohte und Leon hatte sich im Gegenzug bereit erklärt, sich mit Thomas Müller zusammen zu setzen, um Spannungen aus der Welt zu räumen.  Das Spiel am Dienstag, während ich im Krankenhaus lag, war Leon ausgefallen. Beim Mainzspiel als ich bereits aus dem Krankenhaus gewesen war hatte Leon ein Tor geschossen. Später hatte er mir erzählt, dass dies nur wegen mir möglich gewesen sei. Schwachsinn – aber süß fand ich das dennnoch.Bei diesem Gespräch, welches am Montag nach dem Ligaspiel stattfinden sollte, hatte Mats sich bereit erklärt beizuwohnen. Über mich hatten die Beiden bisher laut Leon kein Wort mehr verloren. Ich hatte mir jedoch Gedanken gemacht und plante, beide noch einmal einzuladen, zu kochen und einfach in Ruhe zu reden. Ha! Ich und reden. Man, es tat sich echt eine Menge bei mir. Am nächsten Morgen standen Leon und ich nach unserer mittlerweile rituellen Kuschelrunde wieder gemeinsam auf. Nach einem kleinen Frühstück verabschiedete Leon sich wieder und verließ die Wohnung.

Am Vormittag klingelte es an der Tür. Als ich die Tür zaghaft öffnete, stand vor mir ein Paketbote mit fünf Paketen verschiedener Onlineshops. Meine Klamotten! Dies war jedoch nicht alles. Der Bote lief insgesamt noch zwei Mal hinunter zu seinem Wagen. Insgesamt standen in Leons Flur am Ende 19 riesige Kartons. Offensichtlich hatte Leon zu meinen Bestellungen noch allerhand hinzugefügt. Dies musste mir entgangen sein. Denn bei den Onlineshops von Hilfiger, Gant und Abercrombie und Fitch beziehungsweise Hollister hatte ich mit Sicherheit nichts bestellt und hätte dem unter Garantie auch nicht zugestimmt.

Die Hoffnung, dass Leon noch das ein oder andere für sich bestellt hatte zerschlug sich, sobald ich die Pakete öffnete. Leon und ich waren zwar annähernd gleich groß. Er nur wenige Zentimeter größer, dennoch hatten wir unterschiedliche Größen. Und auch wenn wir für mich verschiedene Größen zum Anprobieren bestellt hatten, so passte keine dieser Größen Leon. Dieser hatte eine andere Hosenlänge und war sowohl im Kreuz als auch insgesamt breiter. Zwar war er ebenfalls eher schlank und drahtig, doch ihm sah man den täglichen Sport dennoch an. Dies machte immerhin zwei bis drei Größen Unterschied aus. Ich war sauer. Und teilte ihm das auch direkt per Whatsapp mit. Dass dies die erste Nachricht war, die ich meinem… Freund?!... per Handy schickte fiel mir erst später auf und sorgte sogleich dafür, dass ich mich schäbig fühlte. Leon wollte nur das Beste für mich – Richtig?! Ich hatte ihm versprochen, ihm mehr zu vertrauen. Mehr zuzulassen und tickte wegen beschissener Kleidung gleich wieder aus. Ganz toll!

Die Zeit bis Leon wieder kam beschäftigte ich mich mit anprobieren und aussortieren der nicht passenden Kleidung um eine Vorauswahl zu treffen. Bock auf Modenshow hatte ich keine. Ich ging auch nicht davon aus, dass Leon darauf gesteigerten Wert legte. Der Vorteil einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Hoffte ich zumindest. Ahnung von Beziehungen hatte ich nach wie vor keine. Ich wusste ja nicht mal, wann Valentinstag gedanklich auseinandersetzte.

Als Leon wiederkam, musste er erstmal über einen Haufen Kisten steigen. Geknickt kam er auf mich zu. „uhm… ich… Sorry… ich“, ich würgte ihn ab. „Ist okay… Ich hab vermutlich überreagiert… Ich meine… Das hier…“, ich zeigte um mich und stand damit inmitten einer Vielzahl Kartons und Kleidungsstücke. „…hast du doch auch nur gemacht, um mir eine Freunde zu machen und ich… kann damit halt nicht umgehen“, erklärte ich mich. Sofort kam Leon zu mir und zog mich in seine Arme. „Ich versprech dir in Zukunft nicht übers Ziel hinauszuschießen… aber… Ich bestell halt gerne Klamotten und gehe gern shoppen. Klischee erfüllt würd ich sagen!“ Er grinste mich an. „Ich hatte bisher nicht den Eindruck. So viel Kleidung ist doch gar nicht in deinem Schrank“, sprach ich.
Ein belustigter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Du scheinst dir noch nicht meine Komplette Wohnung angeguckt zu haben!“, sprach er und nahm mich bei der Hand.

Er zog mich aus dem Wohnzimmer auf den langen Flur, von dem die Zimmer abgingen. Leon hatte insgesamt 5 Zimmer plus Wohnzimmer, Bad, Gäste-WC mit kleiner Dusche und Küche. Drei der sechs Zimmer kannte ich bereits. Das Gästezimmer, sein Schlafzimmer und den Wirtschaftsraum. Leon zog mich zu der Tür am Ende des Flurs und öffnete die Tür. Als er den Lichtschalter betätigte blieb ich wie angewurzelt stehen. „Im Schrank im Schlafzimmer habe ich nur meine aktuellen Lieblingsstücke“, klärte er mich auf.

Ich stand in einem Raum, in dem sich Schränke aneinanderreihten. Einige der Schränke standen offen. Aus ihnen quollen die Kleidungsstücke geradezu heraus. „Ich glaub ich muss mal aussortieren!“, sprach er beschämt. „Sonst passt deine Kleidung hier gar nicht rein“, setzte er noch hinterher. Mit offenem Mund drehte ich mich zu ihm. „Du hast´n Knall!“ Mehr fiel mir hierzu nicht ein. Er kratzte sich an der Nasenspitze. „Ähm… kommt hin!“, sprach er dann nur nüchtern. „Ist dir das erst jetzt aufgefallen?“, fragte er amüsiert. Ich schüttelte den Kopf. „Spätestens als du mit dem Teddypullover ankamst war mir das klar!“, meinte ich nur trocken. Beide grinsten wir uns an.

Dann legten wir los und fingen an etwas Platz zu machen. Den gesamten Abend sortierten wir aus und meine neuen Kleidungsstücke dafür ein. Bei manchen wollte Leon dann doch sehen wie sie an mir aussahen. Also wurde daraus dann doch eine Art Modenshow. Mit der witzigen Musik, die Leon über das Soundsystem der Wohnung abspielte wurde es dann jedoch schon recht amüsant. Abba, Helene Fischer (Gott wie ich diese Frau hasste!), Stefan Raab, Guido..., eine Auswahl schlechten Musikgeschmacks. Wobei Abba mochte ich gerne und gröhlte nach Herzenslust bei Super Trooper und Waterloo mit.  Ab und an nötigte Leon mich, mich hinzusetzen. Meist dann, wenn ich selbst merkte, dass ich an meine Belastungsgrenze kam. Leon schien darauf absolut sensibilisiert zu sein.

Am kommenden Tag würde Leon morgens früh ins Teamhotel aufbrechen, von dort sollte es dann mit dem Bus zum Stadion gehen. Er erzählte mir beim Sortieren, dass er dort eigentlich vor jedem Spiel bereits ab Freitagabend übernachtete. Leon hatte mir erklärt, dass sie dies vor jedem Ligaspiel taten um den Mannschaftszusammenhalt zu stärken. Bei Auswärtsspielen schliefen sie direkt in der zum Gegnerverein gehörenden Stadt in einem Hotel. Die Mannschaft war bereits seit nachmittags im Teamhotel. Diesmal hatte er sich jedoch mit Hilfe von Mats eine Ausnahmeerlaubnis eingeholt, die Nacht zuhause verbringen zu dürfen. Ich fand das nicht gut und das sagte ich ihm auch. „Du brauchst die Ruhe doch mit Sicherheit vor dem Spiel und dann tust du dir denn Stress an? Wie dämlich bist du eigentlich? Krempel nicht wegen mir dein verdammten Leben komplett um… das ist dumm!“, forderte ich von ihm und wurde dabei echt laut. „Ich kam bisher auch allein klar und ich werde auch eine Nacht ohne dich in dieser Wohnung überleben. Mir geht es bereits besser und ich bin schon groß!“, klärte ich ihn genervt auf.

Leon setzte sich auf den flauschigen Teppich, der dafür sorgte – mit der Fußbodenheizung – dass man bei ankleiden nicht an den Füßen fror. „Ich weiß!“, sprach er zaghaft. „Ich… hab nur einfach Null Plan was du erwartest. Von mir. Von uns. Ich will einfach bei dir sein und… Sorry, wenn dir das zu viel ist!“, entschuldigte er sich geknickt. Ich schüttelte leicht den Kopf. „Mir ist das nicht zu viel… also, ja… vielleicht ein bisschen aber nur… weil ich es nicht gewöhnt bin!“, beruhigte ich ihn. „Ich bin es einfach nicht mehr gewöhnt, regelmäßig jemanden um mich zu haben…Wir sind halt beide ziemliche Emotions-Klapsköppe!“, meinte ich dann. „Versprich einfach, dass du mir in Zukunft einfach erzählst was los ist und wir dann gemeinsam planen“, bat ich ihn. „Immerhin funktioniert eine Beziehung doch so, oder? Gemeinsam!...“, meinte ich noch und nahm ihn dann bei der Hand. Leon stand auf und gemeinsam krabbelten wir in unser Bett. Das erste Mal war ich bereits ein bisschen mehr Richtung UNS zu denken. Glücklich schliefen wir ein. Auch, wenn die Nacht mehr als kurz war – Leon machte sich bereits um sechs Uhr morgens auf den Weg – war ich erstaunlich ausgeschlafen. Bevor Leon fuhr hatte er mir noch kurz gezeigt, wie ich den Fernseher bedienen musste, um nachher das Spiel live schauen zu können. Dann war er weg und ich plante einen entspannten Tag alleine. Na, ob dies auch so blieb?
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast