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Wir sind beide Kämpfer (Teil 1 - Kämpferherz)

von KiwiMaus
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München
24.10.2019
05.11.2019
13
70.133
11
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
29.10.2019 5.421
 
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Huhu, ich bin es wieder - die Kiwi! Heute fass ich mich mal kurz...  muss noch für Verwaltungsrecht lernen! Viel Spaß beim heutigen Kapitel :-*
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Am nächsten Morgen wurde ich sehr früh geweckt. Der große Pfleger vom vorherigen Tag betrat das Zimmer und schaltete sofort das Licht an. „Guten Morgen, Kleiner!“, sprach er mein müdes Ich an und pfriemelte augenblicklich an meinem Arm herum. „Ich mach dir gleich mal deine intravenöse Nahrung fertig und dann gibbet Tabletten zu futtern. Und danach…“, er hielt ein Gerät hoch, welches neben ihm auf dem Pflegewagen stand. „…atmen wir gemeinsam etwas durch diese Muschel hier… also… Du atmest, ich sitze daneben.“ Er grinste mich an. Ich verdrehte meine Augen. „Ich wäre dafür, erst einmal ausschlafen zu dürfen…“, murmelte ich in meine Bettdecke. „Schlafen kannste danach. Soweit ich vom Doc weiß, bekommst du eh erst später dein Frühstück von dem Kerl, der dir hier gestern den ganzen Tag schöne Augen gemacht hat“, erzählte er mir.

Ich wurde rot. „Ähm, ich… okay!“ Der Pfleger hängte eine Infusion an den Ständer neben meinem Bett und steckte sie anschließend an meinen Zugang. „Ick bin übrigens der Peter…“, stellte er sich vor. „Berliner?“, fragte ich dann gleich. „hört man dit so doll?“, erkundigte er sich nur halb ernst. Ich grinste „Nööö, gar nicht!“, blödelte ich mit ihm rum. Er grinste zurück. „Da bin ick aber beruhigt, wah?!“
Er kam ums Bett, die verhasste Tube Creme in der Hand. „Du oder icke?“, fragte er. „Können wir nicht erstmal atmen?“, erkundigte ich mich. „Abgemacht Kleiner!“ Peter machte die Maschine flott, befüllte sie mir einem Medikament und drückte auf einen Startknopf, woraufhin das Gerät ein brummendes Geräusch von sich gab. Er hielt mir ein Teil hin, welches dezent nach einem Mundschutz mit Schlauch aussah.

„So, dit is nen Inhalator. Du atmest so kräftich durch die Nase ein, wie de kannst und denn atmeste durch den Mund langsam wieder aus!“, erklärte er mir. Ich nickte und tat was er sagte. Nach dem zehnten Mal war ich völlig fertig. „Wozu mach ich den Blödsinn eigentlich?“, erkundigte ich mich atemlos. „Damit das Medikament direkt in deine Lunge gelangt und deine Lunge in ihrem Volumen nicht abbaut. Wenn du weiterhin Bock hast zu blasen…“, er griff nach einem kleinen Teil mit vier Bällen drin und einem Schlauch an einer Seite. „…Kannste hier weiterblasen…“, ich verdrehte die Augen. „Nur weil ich schwul bin heißt das nicht, dass ich gern blase!“, klärte ich ihn trocken auf.

In dem Moment klopfte jemand an der Tür. „Oh!“, der Pfleger legte mir das komische Blasegerät auf meinen Schoß. „Das wird wohl dein Frühstück sein. Hab nicht mit so früh gerechnet… Immerhin ist Sonntag, wer schläft da nicht gern lang?“, während er redete klopfte es erneut an der Tür. „Herein!“, rief Peter nun. Leon steckte seinen Kopf durch die Tür. „Uhm, hey… stör ich?“, fragte Leon und schaute mich an. „Nee ey, du rettest mich gerade vor dem hier!“, antwortete ich fröhlich. Ich freute mich tierisch Leon zu sehen. Ich hob dieses komische Teil von meinem Schoß. „Der wollte das ich damit blasen übe!“, ich grinste. „Ganz schön pervers sind die hier!“, Leons Augen wurden groß und ihm stieg die Hitze ins Gesicht. „Du…was?“, fragte er nach. Peter grinste. „Na, davon kann man ja nur profitieren, ne?“, flapste der Pfleger rum, dann lenkte er ein. „Nee, Scherz! Das Ding erhöht nur sein Lungenvolumen, wenn er ordentlich damit trainiert.“, erklärte er nun genauer. „Was natürlich auch…“, böse guckte ich ihn an. „Ne, schon gut, ich halt die Klappe!“, er klopfte mir sachte auch die Schulter, was jedoch schon wieder einen Hustenreiz auslöste.

„Ich lass euch beiden mal in Ruhe frühstücken. Aber bitte im Bett bleiben, du hast nichts Warmes um dich an den Tisch dort zu setzen.“ Daraufhin grinste Leon und nahm die Tasche von seiner Schulter, welche er bei sich hatte. „Hahaaaa“, sprach er, was mich belustigt aufschnauben ließ. Er zog einen Pullover, sowie eine Sweatjacke aus der Tasche. „Was magste lieber zum Frühstück tragen? Diese flauschige Sweatjacke“, er hielt sie mir entgegen. „…oder, diesen super coolen Hoodie mit Kapuze welche Teddyohren hat?“, fragte er. „Äh“, völlig verwirrt schaute ich Leon an. „Ohren?“, fragte ich nach. Leon hob die Kapuze an und präsentierte mich die Ohren an der Hoodiekapuze. „Ist mein liebster ‚ich bin krank und brauche Trost‘-Hoodie‘!“, klärte er mich auf. „Und die Jacke hat Teddyfleece innen“, er grinste und hielt abwechselnd ein Kleidungsstück nach vorne. „Ich nehm die Teddyohren“, entschied ich.

„Gute Wahl!“, stimmte er mir zu, dann reichte er mir den Hoodie und hatte kurz darauf Marmelade, Croissants, ein paar Brötchen, gekochte Eier, Obst sowie Orangensaft und eine Thermoskanne auf den Kleinen Tisch in der Ecke gestellt. „Darf das hier eigentlich alles in die Intensivmedizin?“, erkundigte ich mich bei Leon. Dieser zuckte mit den Achseln. „Der Arzt hatte nichts dagegen. Er meinte du seist eh nur hier, damit deine Lunge sich auf schnellstem Weg erholen könne!“, erklärte er mir. Ich zog mir den Hoodie über, ehe ich meine Beine aus dem Bett schwang. Kurz darauf wurde mir schummerig und ich presste meine Augen zu. „Hey, alles gut?“, fragte mich Leon, der sofort bei mir war. „Ähm, ich glaub Bett ist doch besser…“, merkte ich an.
Leon verließ kurz ohne ein Wort das Zimmer und kam mit Peter wieder. Dieser maß sofort meinen Blutdruck und nahm meine Temperatur. „Wie geht’s dir sonst so?“, erkundigte er sich. „Ähm“, ich wurde rot. „Po tut halt noch weh und mir wurde gerade komisch, sonst geht’s!“, informierte ich ihn. „Okay, dann iss und danach legst du dich wieder hin. Deine Temperatur ist im Normalbereich… Der Blutdruck etwas niedrig, aber das kann auch an deinen neuen Medikamenten liegen. Die bringe ich dir, sobald du gegessen hast. Gestern gabs das noch über die Vene, ab heute läuft das dann nun normal“, setzte er mich in Kenntnis. Langsam ließ ich mich von der Bettkante gleiten. Peter legte mir einen Sitzring auf einen der Stühle. Leon hakte sich unter und geleitete mich zum Stuhl. „Lieb von dir!“, bedankte ich mich, als wir ankamen und rückte mich näher an den Tisch. Leon pflanzte einen Kuss in meinen Nacken. „Der Doc kommt gleich!“, sagte Peter noch, ehe er den Raum wieder verließ.

Wir waren gerade mit dem Frühstück fertig, da betrat Doktor Weidmeier das Zimmer. Hinter ihm trat noch ein anderer Mann ins Zimmer. „Guten Morgen Herr Winter!“, begrüßte mich der Arzt. Der andere Mann gab mir ebenfalls zum Gruß die Hand. „Ebenfalls Weidmeier!“, stellte er sich vor. Verdutzt blickte ich die beiden Männer vor mir an. Brüder waren das aber nicht. Dann sprach mein Arzt. „Ähm, ich habe meinen Mann mitgebracht, weil er sich wesentlich besser mit Virologie auskennt!“, klärte mein Arzt mich auf. Ich zuckte die Schultern. Dann fiel mir ein, dass er auch gestern schon von seinem Ehemann gesprochen hatte. Beide fangen Leon scharf. Ich stand derweil mit Leons Hilfe auf und ging zum Bett um mich wieder hinzulegen. Leons setzte sich neben mich auf die Bettkante. „Soll heißen?“, fragte nun Leon, nachdem wir saßen. Er konnte mir der Info wohl genauso wenig anfangen wie ich. „Soll heißen, dass ich die Therapie bei ihrem Freund übernehmen werde…“, er schaute nun mich an. „Die derzeitige Medikation hat mein Mann schon sehr gut für sie ausgewählt… nun geht es lediglich um die richtige Dosierung“, sprach er.

Ich setzte mich auf „Okay!“ Auch Leon schien aufmerksam aufzupassen. Bevor Dr. Weidmeier jedoch anfing zu reden erhob ich wieder meine Stimme. „Sind sie Schwerpunktarzt?“, fragte ich. Wenn ich das jetzt durchzog wollte ich in den richtigen Händen sein. Ich hatte ein Ziel vor Augen. Ich wollte meine Krankheit soweit in den Griff bekommen, dass ich keine Gefahr mehr für Leon darstellte. Damit ich halbwegs normal mit ihm umgehen könnte. Ihn zu gefährden würde ich nicht überleben. Ich könnte mich selbst nicht mehr ertragen. Ich wollte unter die Nachweisgrenze der Viruslast kommen. Ich wollte, dass mein HIV quasi nicht mehr nachweisbar war. Dabei ging es mir nicht darum, dass ich dann, zumindest in der Theorie ohne Gummi mit Leon schlafen könnte. Derzeit wurde mir eher schlecht bei dem Gedanken mit irgendwem zu schlafen…sondern es ging mir darum, dass ich dann weniger Angst haben könnte im Zusammenleben mit ihm. Eine Beziehung zu haben mit einem Gesunden. Leon sah das in meinen Augen zu blauäugig. Er wusste quasi nichts über das Leben mit HIV. Dachte ich zumindest. Die Antwort von Dr. Weidmeier hatte ich in meinen Gedanken dann gar nicht wirklich wahrgenommen. So ernst wie er jedoch guckte konnte ich wohl davon ausgehen, dass er wusste wovon er sprach. Doch die nächsten Worte von Leon überraschten mich dann doch.

„Jetzt mal Fakten würd ich vorschlagen… Wie sind Bens Helferzellenwerte? Ich mein… sind die Werte so schlecht oder darf man aufatmen?“, erkundigte er sich. Dr. Weidmeiers Gesicht zeigte anerkennendes Erstaunen. „Ich denke, da können wir beruhigt sein. Zwar sind seine Werte deutlich abgesenkt, jedoch ist er bei einem Wert von…“, er schaute in die Akten. „… 327 CD4-Zellen pro Mikroliter noch als unkritisch zu erachten. Allerdings mache ich mir mehr Sorgen über die Thrombozythenanzahl in deinem Blut Ben…“, sprach er mich nun direkt an. „Du hast einen Wert von zirka 47.000 pro Mikroliter Blut. Das heißt defakto, dass du einen so schlechten Gerinnungswert hast, dass jede Wunde stark blutet und die Gerinnung stark vermindert in Kraft tritt…“ Der Mediziner schaute in Richtung seines Mannes, welcher daraufhin das Wort ergriff. „Leider konnten wir das auch schon Live miterleben, als du dir den Zugang aus dem Arm gezogen hast. Peter meinte  zudem, dass die Wunde an dem Arm auch immer noch stark nässen würde und nachblutet. Der Vorfall ist nun 24 Stunden her…“, er runzelte die Stirn. „Bei einer so kleinen Wunde müsste längst alles wieder okay sein und bei deinem Immunstatus mache ich mir dann wirklich sorgen!“, sprach er und mir wurde schlecht. Meine Mum war damals innerlich verblutet. Gut, sie hatte am Ende auch Aids gehabt aber… Ich wusste was dies bedeuten konnte.

Leon schien zu bemerken, wie es mir ging und legte beruhigend seine Hand auf meinen Rücken. „Ich… ich hab ne Lungenentzündung...“, sprach ich vorsichtig einen Gedanken an, von dem mir schlecht wurde. „Habe… hab ich dann nun Aids?“, fragte ich und wollte die Antwort dabei gar nicht hören. Doch sofort schüttelte mein Arzt den Kopf. „Nein, die Lungenentzündung ist keine vom Typ PcP. Du hast dir einfach nur eine fette Erkältung eingehandelt und bei deinem Immunstatus führte das dann zu einer Pneumonie!“, beruhigte er mich sofort. Erleichtert stieg ich nun auf die vorab genannte Information ein. „Und…Wie kann ich…also… wie kommen wir jetzt am schnellsten zu einem akzeptablen Wert?...Also bezüglich meines Immunstatus…“, erkundigte ich mich mit weiterhin eher gepresster Stimme. Auch Leon schaute gespannt zu dem verheirateten Ärztepaar. „Wir haben Ihnen eine Auswahl an Medikamenten zusammengestellt. Vorerst wie bereits gesagt die bewährte Dreifachkombi. Später kann man dann über andere Therapiemöglichkeiten sprechen. Vorerst werden sie jedoch mit mehreren Medikamenten vorlieb nehmen müssen“, klärte er mich und meinen vorübergehenden Mitbewohner auf. Ich fand, dass Leon das Recht hatte, dies zu erfahren. Immerhin würde er mit mir zusammen wohnen. Daher sagte ich auch nichts zu der Tatsache, dass die Ärzte erst gar nicht nachfragten, ob mir dies recht sei.

„Dies…“, sprach Dr. Weidmeier der Zweite, - so hatte ich den später hinzugekommenen mittlerweile getauft, wobei auch Dr. Nice Guy definitiv passen würde, da er echt gut aussah – und stellte eine Medikamentenverpackung vor mir auch den Tisch. „…ist vorerst dein bester Freund was die Unterstützung der Helferzellen angeht. Ich möchte den Wert innerhalb der nächsten Monate in einen Bereich gegen 500-600 pro Mikroliter Blut bringen. Dann sind wir auch einer stabilen Ebene!“, sprach er. „Ich hätte auch nichts gegen 1400 und drüber!“, murrte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. „Ah, ich sehe wir verstehen uns!“, sprach der Arzt nun erneut. Leon schaute nun zum Arzt. „Spricht man dann von ‚unter der Nachweisgrenze‘?“, erkundigte er sich. „Streber!“, entkam mir aufgrund seiner erneut ziemlich ausgewählten Frage nun und schmunzelte. „Nein, ‚unter Nachweis‘ oder auch ‚unter der Nachweisgrenze‘ bedeutet, wenn nur noch eine sehr sehr geringe Anzahl an HI-Viren im Blut vorhanden ist. Diese ist in der Regel kaum bis gar nicht nachweisbar. Dorthin zu kommen ist möglich und unter uns Virologen auch eines der erklärten Hauptziele in der HIV-Therapie. Zumindest solange keine schlussgebende Behandlung gefunden wurde!“, er wandte sich wieder an mich. „Und so wie ich das sehe möchtest du wohl auch schnellstmöglich an dieses Ziel kommen, nicht wahr?“, fragte er mich nun großväterlich. Ich nickte. „Solange ich mir die Therapie leisten kann!“, sprach ich vorsichtig.

„Sag mal hörst du mir überhaupt zu?“, brauste Leon auf. „Ich unterstütze dich und solange deine Versicherungssituation nicht geklärt ist übernehme ich die Kosten!“ Sprachlos blickte ich ihn an, bevor ich meine Worte wieder fand. „Sag mal spinnst du? Du kannst doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg entscheiden!“, wütend schaute ich ihn an. „Es reicht doch bereits, dass ich zugestimmt habe zu dir zu ziehen. Ich hab immer alles alleine geregelt bekommen“, mit jedem Wort wurde ich lauter und Leon schrie gegen an. „Hast du dir auch mal Gedanken drum gemacht, dass du das nicht musst? Das es Menschen gibt, die dir helfen wollen?“ „Ich brauche keine Hilfe!“, schnauzte ich weiter. Rede mich in Rage. „Ich hätte damals Hilfe gebraucht! Jetzt NICHT MEHR!“ Nun war auch Leon auf 180. „Ja, ganz toll! Dafür hältst du jetzt fremden Männern den Arsch hin und lebst auf der Straße!“ Das reichte. Ich schubste Leon von mir, dass er aus dem Bett fiel. „RAUS! Hau ab! VERSCHWINDE – ich möchte dich nie wieder sehen!“, brüllte ich, ehe ich von einem heftigen Hustenanfall erfasst wurde. Die Ärzte, welche das Schauspiel bisher sprachlos mitverfolgt hatten griffen ein. „Beruhigen Sie sich Herr Winter!“, sprach Dr. Nice Guy leise beruhigend auf mich ein und fuhr das Bett stärker in eine sitzende Position Ich bekam gefühlt keine Luft und fiel in Panik. Aus den Augenwinkeln bekam ich jedoch dennoch mit, wie der andere Doktor einen resigniert dreiblickenden Leon nach draußen geleitete.

Als ich mich Minuten später beruhigt hatte saßen beide Ärzte wieder vor mir. „Herr Winter, keiner hat abgestritten, dass sie es irgendwie hin bekommen haben für Ihre Gesundheit halbwegs gut zu sorgen. Und bevor Sie mich nun auch anschreien… Herr Goretzka macht sich wirklich große Sorgen. Natürlich ist er gerade, der Situation geschuldet etwas übers Ziel hinaus geschossen, jedoch will er Ihnen wirklich nur helfen. Sie sind nicht alleine auf dieser Welt…“, er schaute mich eindringlich an. „Es ist schlimm, was Ihnen widerfahren ist. Keine Frage! Jedoch… meinen Sie nicht, es wäre einmal an der Zeit Vertrauen zu fassen? Herr Goretzka ist mit Frau Vormdohre gerade dabei alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um Ihnen in diesem Sozialsystem einen Platz zu schaffen…“, er schaute in seine Akten. „Frau Vormdohre macht sich stark Sorgen um sie… sie habe Ihnen schon häufiger zu einer ärztlichen Beratung geraten und…“, ich unterbrach ihn mit krächzender Stimme. „...Wäre ich zu einem Arzt gegangen, wäre ich wieder im Heim gelandet und auch wenn das für Sie so toll klingt. Wissen Sie eigentlich, was das für eine Strafe ist, positiv in einem deutschen Heim aufzuwachsen? Zumindest in dieser Stadt. Wie viele Vorurteile man tagtäglich um die Ohren gekloppt kriegt. Ich wäre vor die Hunde gegangen…“, nun unterbrach mich wieder ein Arzt. „… und geht es Ihnen jetzt viel besser?“, er stellte die Frage nüchtern. Ich zuckte die Schultern. „Ich bin mein eigener Herr!“, sprach ich leise. „Vielleicht war der Preis, den Sie gezahlt haben einfach zu hoch…“, diese Anmerkung kam nun wieder einfühlsam von meinem behandelnden Arzt.

„Er wird mich auch nicht mehr wollen…“, ich schniefte. „…Wenn er einen gesunden Partner haben kann - wer will dann schon einen kranken?!“ Die beiden Mediziner schauten sich an. „Haben Sie Vertrauen. Ich habe Herrn Goretzka mitgeteilt, dass er Morgen wieder kommen soll. Ich denke seine Worte taten ihm bereits leid, als er sie ausgesprochen hatte. Lassen sie Herrn Goretzka helfen. Vertrauen sie ihm und Frau Vormdohre!“ „Vormdohre?“, fragte ich nun nach. Ich war vorher schon kurz am Überlegen gewesen, wer dies sei. Klar, kam mir nur eine Person in den Sinn aber den Nachnamen hatte ich halt noch nie gehört. „Ähm…“, er schaute zu seinem Partner. „Ich glaube die Dame kennt sie aus der Jugendeinrichtung.“ „Meinen sie Manja?“, hakte ich nach. Mein Arzt nickte. „Ich meine dieser Name sei gefallen.“ „In Jugendeinrichtungen erfährt man immer nur den Vornamen. Damit keiner auf die Idee kommt, die Sozialfutzis zuhause zu besuchen!“, klärte ich die beiden Doc´s auf. „Heute Nachmittag wird Frau Seiler vom psychiatrischen Dienst noch bei Ihnen vorbei kommen!“, wurde ich unterrichtet. Bevor die beiden Ärzte ihrer Wege zogen, erklärten sie mir noch meine weitere Medikation. Diese war komplett umgestellt worden. Keines der bisherigen Medikamente war dabei gewesen.  

Am Mittag klopfte es an der Tür und Manja steckte den Kopf hinein. „Hey, hab dein Mittagessen dabei. Darf ich reinkommen oder wirfst du mich mit Verbandsmaterial ab?“, erkundigte sie sich.  „Du…. Du hast mit Leon gesprochen?“, fragte ich zerknirscht. „Sagen wir so: er hat erst geflucht, dann gejammert und am Ende gar nichts mehr gesagt – aber ja! Ich denke, man kann das ein Gespräch nennen. Erzählst du mir, wie es so weit kam?“, fragte Manja, bevor sie eine Tupperschüssel neben mich auf den Wagen stellte. „Ich hab dir auch selbst gekochte Nudelsuppe mitgebracht…“, lockte sie mich. Die Suppe roch großartig und ich bekam ein beklommenes Gefühl. Manja hatte für mich gekocht. Einfach so… „Danke!“, murmelte ich leise. Manja strich mir über den Arm. „Hey Schnecke, du bist wie ein kleiner Bruder für mich… und ich mach mir um meine Brüder immer Sorgen!“, sprach sie. Ich wischte mir verstohlen einen Tropfen von der Wange. Irgendwie musste es hier regnen. Gab es in Krankenhäusern Beregnungsanlagen? REGENTROPFEN! Ganz klar!

„Also, erzählst du es mir?“, fragte Manja, nachdem ich ein paar Löffel voll wegschnabuliert hatte. Ich guckte in die Suppe. Diese war plötzlich noch interessanter. „Ich…Ich möchte nicht, dass er das alles für mich macht!“, begann ich leise zu sprechen. „Ich möchte mich ihm nicht verpflichtet fühlen. Ich will einmal Leben, ohne… ohne für das was ich gebe quasi bezahlt zu werden. Ich möchte mich nicht mehr… ich…“, ich schniefte. „Ich möchte mich nicht wie eine dreckige Hure fühlen…schon gar nicht bei ihm!“, sprach ich aus, was mir seit Tagen im Kopf umhergeisterte. „Oh Gott Schatz! Du bist doch keine… Er bezahlt dich doch nicht!“, sprach Manja. „Er sorgt sich um dich! Sorgt FÜR dich!“, redete sie auf mich ein. „Es fühlt sich aber anders an. Wenn… wenn ich mit ihm schlafe… da ist doch immer… immer dieses Gefühl…dass… dass er… das er zahlt!“, nun kullerten die Tränen wirklich. Okay, nein… Beregnungsanlagen schienen nun echt nicht aktiv.  

„Ich… Ich will zur Schule gehen. Ich will meinen Abschluss nachmachen. Aber nicht, wenn… wenn er… Das will ich nicht!“ Ich konnte gar nicht genau in Worte fassen, was ich Manja versuchte klar zu machen. „Ich will einfach nur geliebt werden – verdammt!“, entfuhr es mir lauter als beabsichtigt. Manja schaute mich an, als habe sie nun etwas begriffen. Sanft schaute Manja mich an. „Du wirst geliebt…“, sprach sie und strich mir an der Kopfseite lang wie eine Fürsorgliche Mami. Von mir… von Leon…Ich glaube dieser Kerl hat dich jetzt schon lieber als ihm selbst bewusst ist. Ich… ich helf dir!“, Tatendurstig schaute Manja mich an. „Wenn du hier raus kommst hol ich dich ab und geh mir dir zu Nawa. Sie ist eine gute Freundin von mir. Wir… wir bekommen das hin. Du bekommst bestimmt Stütze oder so. Ich mein du bist Vollwaise. Vielleicht kannst du Leon dann Miete zahlen und wohnst als Untermieter oder so!“, ihre Augen glänzten richtig, als sie mir ihren Plan erzählte. „Dann bist du versichert und so… ich mein… Dann kannst du für dich selbst aufkommen…“ Traurig schaute ich sie an. „Und wenn nicht?“, ich biss mir in die Innenseite der Wangen. „Ich meine… Mir gibt doch auch niemand einen Ausbildungsplatz!“ Manja schaute mich an. „Nein mein Lieber!“, nun schaute sie wie eine Chefsekretärin. „DU willst die Schule beenden, dann tust du das auch. Und wenn du dafür bei mir wohnst! Mir scheiß egal. Sexuelle Gefälligkeiten erwarte ich von dir Welpe sowieso nicht!“, wetterte sie los. „Du bist nicht dumm. Du bist schlauer als so mancher Akademiker – ich mein, schau nach Berlin…“, sprach sie weiter und schmunzelte aufgrund ihrer letzten Bemerkung. „Und dann studierst du…“ Verdatterte schaute ich sie an. „Deine Positivity hätt ich gern!“, gab ich kleinlaut von mir.

„Dann glaub an dich!“, war alles was sie noch von sich gab zu diesem Thema. Dann redeten wir über Gott und die Welt. Irgendwann kam ich aber doch, eher weniger Ernst auf das Thema zurück. „Apropos sexuelle Gefälligkeiten. Da müsste ich dich eh enttäuschen. Bei Frauen geht mir mal so gar keiner ab. Nada!“ Verwirrt schaute Manja mich an. „Hab´s ausprobiert. Frauen sind… liebe nette Geschöpfe aber ernsthaft. Da fehlen ein paar entscheidende Dinge!“, feixte ich. „Die da wären?“, erkundigte sie sich kichernd. „Unten zu wenig, Oben zu Viel. Beine zu glatt und Gesicht auch. Androgyn ist auch nicht so mein Fall und die Stimme… also ich meine, für eine Frau… Bombe das Organ… Für einen Mann fehlt da nen bisschen was an Volumen!“ Nun lachten wir beide. In gerade dem Moment kam eine ältere Dame im Hippielook ins Zimmer. „Na, wenn sie so lachen, kann ich ja wieder gehen!“, sprach die Frau belustigt. „Darf man wissen was so lustig ist?“, erkundigte sie sich dann. Manja erhob sich. „Er hat mir nur gerade erklärt, wieso sein Traummann keine Frau ist…“, dann wandte sie sich an mich. „Ich bin dann weg für heute Zuckerschnute. Sei lieb zu deinem Prinzen wenn er morgen kommt. Nochmal verrotzten Profispieler ertrag ich nicht!“

Als Manja aus dem Zimmer war, setzte sich die Dame auf den Stuhl neben mich. Die leere Tupperschale hatte Manja noch schnell wieder eingepackt, mit dem Versprechen, morgen zur selben Zeit mit leckerem Essen wieder aufzutauchen. „Ich bin Ruth Seiler!“, stellte die Hippietante sich vor. „Dr. Weidmeier bat mich bei Ihnen einmal vorbei zu schauen um zu gucken, was man seelisch so für sie tun kann. Er erzählte mir, sie hätten die vergangenen Jahre auf der Straße gelebt?“ Zurückhaltend nickte ich. „Ähm. Ja… ich...“, ich räusperte mich. „Ich hab… ich bin… ich bin anschaffen gegangen um mir meinen Medikamente zu kaufen…“, sprach ich zurückhaltend. Eine Info, welche sie mit Sicherheit eh schon hatte. „Aus meinen Unterlagen geht hervor, dass sie gestern erst 18 wurden?“, erkundigte sie sich. Wieder nickte ich nur. „Das heißt… sie haben ihre halbe Jugend damit zugebracht. Wie fühlen sie sich damit?“, fragte sie, den blick auf mich gerichtet. Ich schluckte. „Wie soll ich mich damit fühlen. Es war die einzige Möglichkeit an Geld zu kommen und positiv war ich ja nun ohnehin schon!“, sprach ich monoton. „Es ist bemerkenswert, mit welcher Rationalität sie das sehen können. Ich erkundigte mich jedoch nach Ihren Gefühlen!“, sprach sie und legte den Kopf nachdenklich auf eine Seite. „Ich… naja… Wie sollte ich mich fühlen? Wollen sie jetzt hören wie schlimm doch alles war und wie viel lieber ich wie jeder Junge zur Schule gegangen wäre?“, entgegnete ich. Guckte sie herausfordernd an. „Dr. Weidmeier verriet mir, dass sie wiederholt einen Nervenzusammenbruch hatten und nur schwer mit gegebener Hilfe zurechtkommen. Es soll da einen Jungen geben, der Ihnen gern helfen würde. Leon…“, ich schaute weg. „Super, wie alle über mich reden!“, schnappte ich. „Ich versuche gerade mit Ihnen zu reden. Sie torpedieren das!“, entgegnete die Psychologin gelassen.

„Ich… ich hatte mit dem Job nie ein Problem. Ich hab es immer geschafft sie… ich hatte das Ziel am Tag meine Kunden zu haben um am Monatsende meine Medis zu kaufen!“, ich guckte sie wieder an. „Da ist für Gefühle und so einen Scheiß kein Platz!“, sprach ich patzig. „Aber sie haben Gefühle, nicht wahr?!“, sie lächelte mich an. „Für diesen Jungen…“, ich schmeckte plötzlich Bitterkeit. Ja, bei Leon waren mir Gefühle in die Quere gekommen. „Leon und ich haben nicht miteinander… also wir haben nicht gefickt!“ „Gefickt?“, sie schaute skeptisch. „Aber sie würden gerne mit ihm…Intim werden?“, fragte sich weiter. „Was geht sie das an?“, pampte ich zurück. „Ich versuche mit Ihnen zu reden um zu erfahren wie man Ihnen helfen kann…“ „Ich brauche keine…“, blöckte ich los, wurde aber unterbrochen. „WAS? Hilfe?“ fragte sie noch immer verdammt ruhig. „Ja!“, schnaubte ich mehr als das ich sprach.

„Menschen die einander wichtig sind helfen einander!“, sprach sie als würde sie mit einem Kleinkind reden. Irgendwie erinnerte sie mich gerade an die olle Schrulle aus Harry Potter, die Dumbledore seinen Posten streitig machte. „Wenn Ihr Bekannter…Leon… wenn er echt fies in Nöten wäre. Würden sie ihm nicht helfen?“, fragte sie weiter. „Natürlich würde ich Leon helfen soweit ich könnte!“, sprudelte sie aus mir heraus. „Wieso?!“, fragte sie einfach kackfreundlich weiter. „Weil er mir wichtig ist, weil ich ihn mag…weil er mich normal behandelt… weil ich mich bei ihm wohl fühle… weil“ „…Hah!“, unterbrach mich dann die Psychotante und schien innerlich den Happy-Dance aufzuführen. „Und wieso hat Leon dies Recht in Ihren Augen bei Ihnen nicht?“, hinterfragte sie mein Gesprochenes. Verdutzt schaute ich sie an. So wie sie das sagte, klang es als sei ich total auf dem Holzpfad.

„Ich will nicht abhängig sein!“ Meine Stimme klang dumpf. „Wer spricht von Abhängigkeit? Dieser junge Mann bietet Ihnen Perspektive und Zukunft. Ein Sprungbrett. Eine Zukunft -  um unabhängig zu werden!“ Nachdenklich stierte ich auf meine Bettdecke. „Aber… das… Ich meine….“, ich schaute auf. „Angenommen ich… angenommen ich würde mehr wollen als ne WG inklusive Freundschaft… ich meine, das funktioniert doch nicht, wenn er mein Leben finanziert und…“, Frau Seiler hob skeptisch eine Augenbraue. „…Herr Winter, Wenn Herr…“, sie schaute wieder in ihre Unterlagen. „…Goretzka… Ihnen aus freien Stücken ein sagen wir mal… um Längen besseres Leben ermöglichen möchte, so tut er dies aus Liebe. Ob dies eine platonische Liebe oder eine homoerotischer Art ist müssen sie dann schon mit dem jungen Mann besprechen, da bin ich raus!“, sprach sie. Dann lächelte sie milde. „Aber so wie mir berichtet wurde plädiert Herr Goretzka wohl auch eher für die zweite Variante, von daher… machen Sie sich nicht allzu viele  Sorgen und versuchen sie es zu genießen, dass Menschen in ihrem Umfeld sich um sie Sorgen und gerne Dinge für sie tun. Sehen Sie dem ganzen positiv entgegen und versuchen sie es in Stücken zu genießen!“ Nun hatte ich das Gefühl, eine komplett andere Person vor mir zu haben. Fast mütterlich schaute die Psychologin mich nun an. „Atmen sie einmal mehr durch im Leben. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Gesundung und vertrauen Sie den Menschen in Ihrem näheren Umfeld. Und wenn Sie über sich und ihre Probleme mit Außenstehenden reden wollen, so gebe ich Ihnen gerne den Namen einer Kollegin, welche Sie gerne als Klienten begrüßen würde“, bot sie mir dann noch an.

Ich nickte. „Vielen Dank, das wäre sehr nett. Ich... Ich denke, das hab ich wohl nötig, oder?“, fragte ich scheu nach. „Sagen wir mal so…“, sie schaute mich ehrlich an. „Es könnte nicht schaden, wenn sie Ihre Vergangenheit vergangenes sein lassen wollen und Ihrem neuen Leben eine Chance geben wollen…“, sprach sie ehrlich. Wieder nickte ich. „Dann hätte ich diese Kontaktdaten gerne…“ „Gut, dann werde ich Ihnen diese nachher noch vorbei bringen und mit meiner Kollegin alles weitere besprechen, dass sie bald möglichst los legen können!“, versprach sie mir und verließ kurz darauf das Zimmer. Gespannt und auch ein wenig ängstlich wartete ich auf Leon. Kaffee und Kuchen am Nachmittag ließ ich unangetastet. Auch auf mein Abendessen hatte ich null Bock und ließ es stehen. Solange die Dinge mit Leon nicht geklärt waren, würde ich auch keinen Appetit entwickeln können. Das war auch in der Vergangenheit schon immer so gewesen, hatte ich Kummer, hatte ich keinen Hunger. Und wieder fing ich an Leon zu vermissen. Selbst mit ihm in Kontakt treten war auch nicht möglich. Gerne hätte ich mich entschuldigt, doch hatte ich weder eine Handynummer von Leon, noch eine von Manja, bei der ich mich erkundigen könnte. Immerhin schienen die beiden in Kontakt zu stehen. Mein Handy hatte ich auch nicht bei mir.

Grundsätzlich hatte ich keinen meiner Dinge bisher wieder gesehen. Diese waren bestimmt irgendwo verwahrt worden. Hoffte ich zumindest. Sollte sich Leon nämlich nicht mehr bei mir melden, so stand ich sonst wieder ohne alles da. Über meine Medikamente musste ich mir wohl keine Sorgen mehr machen. Kurz nach Frau Seiler war nämlich noch ein Herr vom Klinik-Sozialdienst vorbeigekommen und hatte mir beim Ausfüllen von Unterlagen geholfen, welche er nun einreichen würde, um für mich ALG II zu beantragen. Mit dem Einreichen dieser Anträge, so erzählte er mir, hätte ich nun einen Anspruch auf die Übernahme für die Kosten einer Krankenversicherung. Später konnte ich auch Miete und andere Dinge beantragen, um endlich ein normales Leben führen zu können. Freude wollte jedoch nicht aufkommen. Ich vermisste meinen grünäugigen Helden. Ich hoffe dieser Mann hatte mich nun nicht aufgegeben und ich ihn vergrault.

Die Nacht war beschissen. Geschlafen hatte ich kaum. Zu meinen schlechten Gedanken waren in der Nacht noch Übelkeit und Herzrasen hinzugekommen. Laut meines Arztes waren dies wohl vorübergehende Nebenwirkungen auf die Medikamentenumstellung. Derzeit hatte ich Fieber. Ich fühlte mich verschwitzt, mir war kalt und ich hatte Magenschmerzen. Doktor Breitner, ein Kollege meines Hauptbehandlers und heute seine Vertretung hatte angeordnet, dass ich nur Zwieback und Tee bekommen sollte. Ansonsten hatte ich strickte Ruhe zu halten. Wären die Kopfschmerzen nicht auch noch hinzu gekommen, so hätte ich dies wohl diskutiert, denn eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen im Krankenhaus ein Telefon zu suchen und Manja auf der Arbeit anzurufen, denn diese Nummer kannte ich auswendig. So lag ich die meiste Zeit in dem abgedunkelten Krankenzimmer und zog mir die Decke über den Kopf. Ab und an kam Alex, oder einer der anderen Pflegekräfte rein.

Vielleicht hatte ich so die Möglichkeit, mich bei Leon für die Scheiße am Vortag zu entschuldigen. Denn eines war mir nun klar geworden. Leon wollte mir mit Sicherheit nichts Böses und ich Idiot hatte die Situation völlig falsch gehandhabt. Klar waren seine Worte am Ende hart gewesen, aber es hatte ja Recht, ich hatte jeder Menge Männern meinen Arsch für ein bisschen Geld hingehalten. Ich wusste zwar auch, welche Rechtfertigung ich dafür hatte aber letztendlich hatte ich mich selbst zu einer Hure gemacht und konnte dies nun keinem außer mir selbst vorwerfen.

Naja, wenigstens meinem Hintern ging es nach den zwei Tagen hier schon wesentlich besser. Sitzen war uneingeschränkt möglich. Nachher sollte ein Therapeut kommen, welcher mein Lungenvolumen mit mir trainieren sollte, sofern mein Zustand dies zuließ natürlich nur. Es war heute Montag. Also wusste ich, dass Leon, wenn er den käme, erst am Nachmittag hier aufschlagen würde, Solange musste ich mich also gedulden. Gegen Mittag klopfte es an der Tür und Manja hielt den Kopf ins Zimmer. Ich hatte völlig vergessen, dass sie ja zum Mittag hatte kommen wollen. „Ach du Scheiße, Du siehst ja kacke aus!“, rief sie sofort aus als sie mich sah. „Danke, du siehst auch aus wie ein Victorias Secret-Model!“, kommentierte ich trocken Manjas Körperform, ehe ich zu husten begann. Zwar war Manja nicht dick, jedoch sah man schon, dass sie nicht nur von Luft und Liebe lebte sondern auch gerne mal ein Stück Schokolade aß oder gleich ganze Tafeln. Manja ignorierte meinen Kommentar gekonnt und sah mich mitleidig an. „Hat er sich schon gemeldet?“, fragte sie. Ich schüttelte matt den Kopf. „Nein, hab noch nichts gehört!“, sprach ich. Meine Stimme klang erschreckend dünn.

Manja und ich unterhielten uns über alles Mögliche. Manja hatte eine ganze Menge für mich recherchiert und erzählte mir, was sie so alles herausgefunden hatte. Unter anderem versprach sie mir, bevor sie ging, dass sie mir mein altes Smartphone noch am selben Tag aus dem Heim holen wollte, wo es mir weggenommen wurde. Sie hatte herausgefunden, dass die Heimleitung damals keinerlei Grundlage gehabt hätte und mir das Telefon gar nicht hätte wegnehmen dürfen. Ich hoffte, dass sie Erfolg haben würde. Dann hätte ich wenigstens wieder Bilder meiner Mam. Als Manja sich an der Tür verabschiedete, hörte ich draußen auf dem Flur Schritte und sah, dass sich Manjas Gesicht zu einem Strahlen verzog. „Hey Großer. Wurde aber auch Zeit dass du kommst… Nachher springt der Hase da noch im Kreis und wird wahnsinnig“, sprach sie, ehe die Person in meinem Blickfeld erschien. Leon trat durch die Tür, mit einem schüchternen Lächeln im Gesicht.
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