Wir sind beide Kämpfer (Teil 1 - Kämpferherz)

von KiwiMaus
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München
24.10.2019
05.11.2019
13
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~Hallo ihr Lieben, wie schon angekündigt starte ich meine Story noch einmal neu. Ich werde nun täglich ein Kapitel hochladen bis ich bei Kapitel bin. Ab dann werde ich einmal im Monat neu uploaden. Ich hoffe ihr seid mir nicht böse! An alle neuen Leser: Ich hoffe euch gefällt die Geschichte.  Bin gespannt auf euer Feedback.... Liebe Grüße eure Kiwi :) ~

Wie lange ich an diesem Abend schon hier herum gestanden hatte und wartete, wusste ich nicht. Ich lehnte mich an die versiffte Wand hinter mir und zog mir die viel zu dünne Jacke enger um meinen Oberkörper. Ein paar Meter hinter mir im Gebüsch hörte ich ein Stöhnen. Ein paar Meter weiter stritt sich einer der anderen Jungs mit einem alten Sack. Es ging um die Bezahlung. Als ob wir da irgendeine Diskussionsgrundlage hätten. Du nahmst das Geld, hieltst deinen Arsch hin und gut war.
Gerade als ich meinen Blick wieder gelangweilt nach vorne richtete und meinen rechten Fuß an der Wand abstellte um bequemer zu stehen, fuhr ein dunkler Audi an mir vorbei. Im Schritttempo. Fleischbeschau war wohl angesagt. Ich trat also zwei Schritte vor und öffnete ein wenig meine Jacke. Der Kunde sollte sehen was er bekam. Gerade als ich mich quasi in Position gebracht hatte, mein Tanktop lüftete – welches für diese Jahreszeit viel zu wenig wärmte – um möglichst erfolgreich meine Vorteile zu präsentieren, da gab der Fahrer etwas mehr Gas und wendete das Auto. Flachpfeife!
Gefrustet ging ich zu meiner Wand zurück und lehnte mich wieder an, nur um wenige Minuten später das gleiche Schauspiel zu durchlaufen, auch dieses Mal fuhr der Wagen einfach wieder weg. Dies passierte die kommenden zwei Stunden noch weitere fünf Male. Penner! Mal ehrlich… jeder der hier im Schritttempo entlang fuhr wusste, weshalb er herkam. Und Jungs wie ich standen hier bestimmt auch nicht, weil es eine so schöne Gegend war. Wir standen hier um sich ihren Alk leisten zu können oder wahlweise ihre Drogen. Oder, wie ich, aus anderen Gründen. Mittlerweile war ich echt am frieren und es wurde spät. Gänsehaut überzog meinen Körper und ich war mir nicht sicher ob nicht irgendwelche Körperteile bereits abgestorben waren. Zeit um meinen Rucksack aus dem Versteck zu holen und zu versuchen noch einen Platz in einer der Notschlafunterkünfte für Jugendliche zu bekommen. Noch war ich jung genug, dass sie mich noch aufnahmen. Bald war Schluss damit. In wenigen Wochen war ich 18.
Zwei Straßen vom Strich entfernt sah ich den Audi stehen. Der Motor war aus, doch durch die Scheibe konnte ich hinterm Steuer eine Gestalt ausmachen. Ich ging näher ans das Auto und klopfte an die Scheibe. Nix passierte. Natürlich nicht, vermutlich saß hinter dem Lenkrad irgendein verzogener Bonzensohn, der BWL studierte und später als total heterosexuelles Söhnchen die Firmengeschäfte von Papi übernahm. Ab und zu tobte er sich dann während des Studiums auf dem Straßenstrich aus. Später hatte er dann genug Geld für einen sauberen Callboy mit super Manieren und nächtliche Gagen, für die ich mich monatelang allabendlich – und auch am helligten Tag – ficken lassen musste.
Wieso ich nur ein billiger Stricher war? Gute Frage. Mir fehlte es schlichtweg an ein paar wichtigen Kriterien. Ein fester Wohnsitz zum Beispiel. Oder der passenden Gesundheit. Oder das Alter…
Mit 17 konnte ich  froh sein überhaupt irgendetwas machen zu können, um an Geld zu kommen. Das meiste ging für Medikamente drauf. An eine Ausbildung war nicht zu denken.
Ich entschied mich an die Scheibe zu klopfen. Nur zögerlich betätigte der Kerl dahinter den Schalter und ließ die Scheibe hinunter fahren. Ein ziemlich junger Typ guckte mich scheu an. Ich sag ja, Bonzensohn. Gut sah er ja aus. Eigentlich voll mein Typ. Er schien so groß wie ich, wobei ich es kaum beurteilen konnte, da er saß. Seine Frisur versteckte er unter einer Capi. So Amistyle. Flacher Schirm, nicht so abgerundet. An den Seiten lugten allerdings braune Locken hervor. Ich liebte längere lockige Haare bei Männern, das sah so schön verspielt aus und man konnte in gewissen Situationen perfekt reingreifen.
„Äh“, war das erste was mein Gegenüber von sich gab. Ich wartete. Dank dem Pisser waren mehrere potentielle Kunden an mir vorbei gefahren, weil er die Spur blockiert hatte und ich hatte mein Monatssoll noch nicht erfüllt. Es war Mitte November und am 27. musste ich mir meine neue Ration Medikamente aus der Apotheke abholen. Selbstzahler versteht sich. Zum Glück hatte ich es bisher umgehen können, Schutzabgaben zu leisten. „Ähm“, kam wieder. Ich wedelte ungeduldig mit meinen Händen um ihn zum Weiterreden zu drängen. „Ich… Du… was willste denn?“, fragte der Bengel nun. Okay, Bengel war gut, ich war mit Sicherheit jünger als er. Immerhin hatte er schon einen Führerschein und musste ergo mindestens ein paar Wochen älter sein. „Was ich von dir will?“, fragte ich ihn. „Ich würde gerne mal wissen, was das vorhin sollte. Weißt du eigtl. wie viel Geld mich dein Mimimi da vorhin gekostet hat?“
Verblüfft schaute er mich nun an. „Alter, das waren locker 180 € die mir da durch die Lappen gegangen sind… vier verschissene Autos sind an dir vorbeigegondelt als du nur blöd am glotzen warst und dann den Schwanz eingeklemmt hast wie ne Pussy… 180€, die ich dringend bräuchte!“. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen kramte der Kerl neben sich in der Konsole, zückte sein Portemonnaie und zog 200 € hervor, die er mir entgegenhielt. „sorry, kleiner hab ich es nicht!“. Ich glotze ihn blöd an. Was wollte der nun. Wechselgeld? Man gab doch nicht einfach so 200€ weg, ohne eine Gegenleistung. „Okay“, sagte ich und mein Herz schlug schneller. Diese Situation machte mich unsicher. „Dafür gibt’s einmal das Gesamtpaket… aber ich mach´s nur mit Gummi, klar?!“. Nun schaute der Kerl wie geblitztdingst. „Wie?... was?!“. Genervte verdrehte ich die Augen. „Na ficken. 200€ sind einmal volles Programm. Such dir aus, was du willst. Zwei Stunden steh ich voll zu deiner Verfügung. Aber nur mit Kondom. Bareback gibt’s bei mir nicht!“ Innerlich verfluchte ich mich allerdings schon. Zwei Stunden? Wie dämlich war ich eigentlich? In einer Stunde schlossen die Notschlafplätze. Na geil. Das hieß dann mit Sicherheit eine Nacht unter freiem Himmel. Mitten im Oktober! Naja, wenigstens war es milde 8 Grad warm. Wobei ich echt ne Frostbeule war und ich mir eine Erkältung und dergleichen eh nicht leisten konnte. Zu gefährlich war es für mich. Ich hatte nicht dieselbe Möglichkeit wie andere in meiner Situation in Deutschland. Ich konnte mich nicht im warmen Bett auskurieren. Und eigentlich konnte ich mir aus gesundheitlicher Sicht nicht einmal einen Husten leisten.
Gerade wollte ich das Geld nehmen, als der Kerl vor mir das Geld wieder zurück nahm. „Ich also…“, irritiert schaute ich ihn an. Seine dunklen Augen blitzen auf. „Ich will keinen Sex…“, er brach ab. „Also ich wollte…“ „Was wolltest du? Mich nerven?“, pampte ich nun. „Ich hab für so ne Scheiße keine Zeit!“, ich schulterte meine Tasche. „Ich hoffe ich bekomme trotz dir Vollpfosten noch nen Schlafplatz!“. Ich wendete mich ab. „…ähm….was?...Warte….“, stotterte er nun. „Ja, was?! Nicht jeder hat ne schicke Eigentumswohnung von Papi und…“, ich wurde leiser, sprach nur zu mir, „… und ein Bett…“ Ich schlich davon. Hoffentlich hatte diese Aktion mir nicht meinen Platz gekostet.
Als ich gerade einmal 50 Meter weit gekommen war, hörte ich hinter das Klappen einer Autotür, dann Schritte. „Warte!“ Im nächsten Augenblick hatte ich eine Hand auf meiner Schulter, die mich recht sanft zurückhielt. Schlagartig drehte ich mich um. Man sollte niemandem den Rücken zuwenden. Erst Recht nicht hier – Erste Regel auf der Straße. Am Ende wachte man nur ohne Kleidung in einer Gasse auf, wenn man überhaupt aufwachte. Erschrocken schaute der Typ mich an und nahm die Hand runter, welche ich von meiner Schulter gewischt hatte. „Haben dir deine Eltern nicht beigebracht nur zu schauen und nicht anzufassen, was du nicht bezahlt hast?“, fuhr ich ihn an. „Ich… okay, hör zu…“, der Kerl presste seine Lippen aufeinander und schien nachzudenken. „Ich… würd gern reden…also, nur reden… und… ich… Also ich bezahl dich auch… und kauf ne Pizza und… keine Ahnung…“, stotterte er rum. „Sorry, aber tick tack, Zeit abgelaufen!“, nervös schaute ich auf mein altes Handy.
Das grüne Display zeigte mir an, dass es bereits weit nach zehn war.  In nicht einmal einer halben Stunde schloss die Notunterkunft in der Hohenlindner Straße, wenn ich mich beeilte und schwarz in einer der Bahnen fuhr, schaffte ich es noch. Ich brauchte dringend eine heiße Dusche. Noch einen Tag ne Katzenwäsche mit kaltem Wasser in einer der Bahnhofstoiletten überlebte ich nicht und in der Bahnhofsmission geisterten mir um die Zeit schon genug kaputte alte Kerle rum. Außerdem fragten die zu viel. Und meine Jacke war echt nicht dick genug, um irgendwie für Wärme zu sorgen. Meinen alten Schlafsack hatten mir irgendwelche Kids vor zwei Monaten im Westpark geklaut.
Vielleicht hatten sie in der Jugendunterkunft ja auch eine neue Zahnbürste für mich. Musste ich mal Manja anhauen. Morgen wollte ich zu dem Friseur, welcher mittwochs am Kältebus immer kostenlose Schnitte anbot. Ich mochte Eric, er fragte nicht und hörte einfach nur zu, wenn man das brauchte, und am Ende hatte man eine Frisur, wo die Freier nicht gleich schreiend weg liefen. „Du… Du könntest auf meinem Sofa pennen...“, verwirrt schaute ich nun auf. „Was?!?“ „Du… du könntest die Nacht auf meinem Sofa schlafen! Du meintest ja, dass du kein Bett hast und… ähm… also..?!?“,  bot er wiederholt an. Mist, hatte er mich also doch gehört. Ich blickte auf. „Klar, damit du die Nacht…“, abrupt unterbrach er mich. „Ich mach gar nichts!“ ´, fuhr er mich an. „Ich… ich will doch nur reden. Echt! Ich…. Ach, man… keine Ahnung. Ich… ich hab doch… ich weiß gar nichts mehr…“, nun tat er mir leid. Traurig schaute er aus. Ich atmete durch. „Okay, also… okay gut, ne Pizza, nen warmer Tee, dein Sofa und morgen früh ne Dusche, dann haben wir nen Deal!“,  schlug ich nun vor. Wieso tat ich das? Ach ja richtig, mir war kalt… und der Typ sprach irgendwas in mir an. Er schaute mich an und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Ähm, okay… der Deal klingt fair!“, sagte er nun. Er lief zu seinem Wagen. Zurückhaltend folgte ich. „Worauf wartest du? Steigt ein…“, erklang seine Stimme wenige Augenblicke später aus dem Audi, was ich dann auch zögerlich tat.
„Also, welche Pizza magst du gerne?“, fragte er mich wenig später und schaute dabei konzentriert auf die Straße vor uns um sich die nächste Querstraße in den fließenden Verkehr einzufädeln. „uhm… Pizza…Parma mit… das ist die mit Rucola und Parmesan und so…“ Jetzt war ich derjenige der unsicher war. Scheiße, passierte mir sonst nie. ‚Souverän bleiben, Junge!‘ ‚Ist nur nen Kunde…‘ ‚Du hast kein Date.‘ – versuchte ich mich zu beruhigen. Auch wenn ich in einer besseren Realität sicher nie nein zu so einem Typen gesagt hätte. In einer Realität wo ich einen Vater hatte und meine Mum noch leben würde. Tat sie aber nicht. Schon lange nicht mehr. Drei Jahre waren es jetzt, seit sie sie irgendwo verscharrt hatten. Ich wusste nicht mal wo. Hatte mir die Heimleitung damals nicht verraten.
„Also einmal Pizza Parma mit extra Parmesan für… wie heißt du eigentlich?“, fragend guckte er mich von der Seite kurz an, ehe er sich an einer Kreuzung auf die Abbiegespur einordnete. „Ben… ich heiße Ben…“, scheiße, von meiner Souveränität war gerade der klägliche Rest in der Kanalisation gelandet. Scheiße man. Seit wann verriet ich Kunden meinen richtigen Namen? Für die bin ich normalerweise irgendein amerikanischer 0/8/15-Name. „Ben wie Benjamin?“, fragte er mich. „Scheiße, was bist du? Nen Bulle?“, ich überlegte echt, mich abzuschnallen und zuzusehen, dass ich an der nächsten roten Ampel aus dem Auto kam. Wenn der Kerl ein Polizist oder so war, war ich schneller wieder im Heim als ich gucken konnte. Ich wollte da nicht mehr hin. Die behandelten mich dort wie einen Aussätzigen. Nicht mal mit den kleinen Kids durfte ich allein in einem Raum sein. Wie ein verdammter Aussätziger. Dabei konnte ich da nicht mal etwas zu verdammt. Und vorsichtig war ich auch immer. Ich schwör´s, ich brachte keinen in Gefahr. Auch wenn ich selbst vermutlich die größte Gefahr war.
„Hey, entspann dich. Nein, bin ich nicht. Ich heiße Leon.“, er hielt mir die Hand hin und grinste. „Von dem Berufsstand bin ich weit entfernt. Und dort…“, er zeigte auf einen Italiener die Straße runter. „Dort gibt es die beste Pizza in ganz München. Die allerbeste gibt’s allerdings in Bochum, da komm ich her. Aber da werden wir wohl heute Abend nicht hinkommen. Der Weg ist echt zu weit.“ Den Italiener kannte ich. Von früher. Als irgendwie noch alles okay war. Eine andere Zeit. Meine Großeltern waren da mal mit uns. Mama und mir. Nen sauteurer Laden. Die A-Prominenz ging da heute glaube ich ein und aus. Fußballer, Rechtsanwälte, wie mein Opa und andere. Aber seit sie es wussten, wollten meine werten Großeltern ja auch nichts mehr von mir wissen. Damals war ich 12. Mama ging´s schlechter. Wir waren gerade aus Botswana zurück. Meine Mum hatte da in einem Projekt für Heimkinder gearbeitet. Konnte ja keiner Ahnen, das ich selbst mal dort landete. Naja, eigentlich schon. So im Rückblick wusste sie wohl schon früher, wo die Reise hin ging.
„Bist du immer so sehr in Gedanken?“, interessiert guckte der Typ… Leon mich an. Er stand vor mir und hatte die Beifahrertür geöffnet. „Ähm… was wird das?“, erkundigte ich mich. „Ich dachte wir holen uns eben die Pizza raus und gehen dann die paar 100 Meter bis zu meiner Wohnung zu Fuß.“, fragend schaute er mich an. „Du wohnst hier? In Schwabing? Also doch Student?“, frotzelte ich ihn an. „Nein, ich hab zwar nen Abi aber Studieren war zeitlich bisher nicht drin. Vielleicht kommt das irgendwann noch. Hab aber nen ganz guten Job.“, er zwinkerte mir zu. Aha. Guter Job. „Solange du nicht zur Mafia gehörst solls mir gleich sein.“ Leon ging vor mir die Straße entlang zum Italiener. Dort blieb ich dann aber stehen. „Geh du mal lieber allein rein.“, ich zupfte an meinem verwaschenen Hemd, welches ich mir noch schnell übergeworfen hatte und an dem auch schon 3 Knöpfe fehlten. Mist, ich musste dringend mal wieder zur Kleiderkammer. Leon schaute mich an, als würde er überlegen ob ich stiften ging. Verlockende Vorstellung! Wenn nicht eine Pizza und warmer Tee verlockender klingen würden zumindest. „Hey, alles gut ich bleib hier stehen und geh schon nicht weg. Immerhin hab ich nen Deal über ne heiße kostenlose Dusche bei dir. Das ist nen Traum!“, irritiert schaute er mich an. Ich merkte nur wie ich rot wurde.
Scheiße, weniger Labern Alter. Das ist nen Kunde und kein Freund. Nen verdammter Freier. Auch wenn er, zumindest angeblich, von Sex Abstand nahm. Wobei das auch schon ganz andere gesagt haben. Bei Leon schienen meine Synapsen auszusetzen. Was so gar nicht gut war, so gar nicht! Der präfrontale Cortex sollte lieber mal wieder anspringen, oder war´s der Thalamus? Ach, war ja auch egal. Wieso merkte ich mir den Scheiß eigentlich noch?
Irgendwo inmitten meiner Gedankengänge musste Leon die Pizza aus dem Laden geholt haben. Denn er stand mit zwei wohlriechenden Pappkartons vor mir und grinste mich an. Wann hatte er die überhaupt bestellt?! Musste mir entgangen sein. Er wendete sich ab und ging die Straße weiter runter.
„Kommst du oder bist du festgewachsen Ben?“, fragte er mich.  Schnell holte ich auf. „Also, kommt Ben von Benjamin?, fragte Leon. „Nein, ich… einfach nur Ben.“, er nickt. „Okay!“ Kurz darauf wendete er sich einer Haustür zu. „Halt mal!“, er drückt mir die Kartons in die Hand. Warm sind sie. Richtig schön warm. „hier wohnst du?“, wir standen vor einem ziemlich modernen Gebäude, eher ungewöhnlich für Schwabing. Zumindest als ich das letzte Mal hier war. Sah aber nicht so aus, als würden hier im Haus viele Studenten wohnen. Aber er hatte ja auch schon gesagt, dass er nicht studieren würde. Wobei das mit seinem Alter durchaus möglich wäre. Ich meine wie alt war er wohl? Maximal 24. Ich hatte da nen ganz gutes Auge für. Wir stiefelten derweil die Treppe hoch. Er schien weiter oben zu wohnen. Gefühlte Stunden später korrigierte ich mich. Mittlerweile war ich nur noch am schnaufen. Er wohnte ganz oben. Drüber schien nur noch so etwas wie ein Speicher zu sein, wenn überhaupt. Konnte auch ein Flachdach haben das Haus hier.
„Jo, also willkommen in meinem Heim.“, Leon öffnete die Tür und mir verschlug es die Sprache. „Alter, für die Bude kann man nur für die Mafia arbeiten. Oder Du bist irgendein Promi. Kann ich aber ausschließen, die buchen sich eher nen Callboy. Nicht sowas wie mich…“, er schaute mich forschend an. „Sowas wie du?“ Ich hasste es so gemustert zu werden. „Na, nen dreckiger Stricher. Nen Penner wie ich einer bin. Obdachlos. Straßenkind…“, meine Stimme wurde leiser, verbitterter. Gleich würde auch er seinen Fehler bemerken und ich rausfliegen. Jemand der in so einer Wohnung lebte, konnte sich unter Garantie einen diskreten Service leisten. Frisch geduscht, glatt rasiert, vom Fitnesstudio geformter Body, gute Kleidung, Manieren und vor allem gesund. Das waren die Jungs von solchen Agenturen alle. Ich war nur nen verlauster Twink.
„Hey“, sanft schauten mich grüngraue Augen an. „Lass uns in Ruhe die Pizza essen und quatschen, okay?“, ich nickte. Mein Magen verdaute sich seit gefühlten Stunden selbst. Daher war es auch echt easy die Idee super zu finden. Ich zog mir meine Boots aus, welche ich mir letzten Monat aus einer der Kleiderkammern in dieser Stadt geholt hatte und hing meine dünne Jacke an den Haken, welchen Leon mir zeigte. Barfuß lief ich die Richtung aus der ich Leon kramen hörte.  Saubere Socken waren mir vorgestern ausgegangen. Vielleicht sollte ich versuchen meine Wäsche unter der Dusche mit zu waschen. Dann war sie zwar nass aber irgendwie bekam ich sie bestimmt trocken.
Den Geräuschen folgend stand ich wenig später in einer echt beeindruckenden Küche. „Grüner, schwarzer, Kräuter oder Früchte?“, fragend sah Leon mich an. „Hä?“, ich raffte nix. „Na Tee…Welchen möchtest du?“, er grinste mich an. „Ähm, überrasch mich.“, ich war einfach nur froh, wenn er warm war. Lächelnd machte Leon sich an die Arbeit. Gott sah der Kerl gut aus, wenn er lächelte. Sein Käppi hatte er mittlerweile abgenommen. Wodurch ich ihn mir genauer anschauen konnte. Ein wenig kam er mir bekannt vor. Keine Ahnung woher. Aber da konnte mir mein Gedächtnis auch einfach ein Schnippchen schlagen. Ich sah so viele Männer am Tag, da war bestimmt mal einer dabei der ihm ähnlich sah. Wobei die meisten meiner Kunden eher ein Aussehen jenseits von Gut und Böse hatten und so schlank und durchtrainiert wie er war mit Sicherheit keiner. Und so gut sah höchstens mal ein Bulle aus, der uns filzte, wenn die Stadt mal wieder beschlossen hatte, etwas gegen den Schandfleck am Stadtrand zu machen, welcher in gewisser Weise mein Arbeitsplatz war. Im Glockenbachviertel oder am Bahnhof ließ ich mich selten blicken. Die Rumänen hatten die Umgebung im Griff, was gefährlich werden konnte und erlaubt war es dort eh nicht um Freier zu werben. Den Stress gab ich mir lieber nicht. Wo ich stand fuhren zwar eher alte Männer oder Trucker vorbei doch dafür blieb mir die Polizei und die Sozialtanten vom Hals.  
Im nächsten Moment wurde ich wieder aus meinem Gedankenkarussell gerissen. Leon hatte mir leicht in die Schulter geboxt. „Erde an Ben. Dein Tee ist fertig!“ Er drückte mir eine riesen Tasse in die Hand, schnappte die Kartons und lief wieder voraus. Ich folgte ihm in einen Wohnraum, dem der Begriff Raum nicht annähernd gerecht wurde. Eher Halle oder so. Diese Wohnung war ein riesiges Loft. Wir standen in einem langgestreckten Raum, in welchem eine riesige Liegelandschaft vor einer großen Glasfront zum Verweilen einlud. Mir klappte wortwörtlich die Kinnlade herunter. Scheiße war dies eine geile Wohnung. „Ähm… willst du dich nicht setzen?“, wieder holte mich Leon aus meinen Gedanken. Ich setzte mich auf den äußeren Rand dieser Wahnsinns-Couch und nippte an meinem Tee. Früchtetee hatte er mir gemacht. Genussvoll schloss ich meine Augen und schnupperte an dem heißen Gebräu. Himmlisch. Honig schien er auch rein gemacht zu haben. Nach einem zweiten Schluck aus der Tasse war ich gelassen genug, um mich ein wenig entspannter hinzusetzen.
Herzhaft biss ich in mein erstes Stück Pizza. „Also, was willste wissen?“, verständnislos schaute Leon mich an. „Na, du wolltest quatschen… hast aber eher so ausgesehen, als würdest du etwas wissen wollen…“, ich hob fragend eine Augenbraue und zog eines meiner Lippenpiercings zwischen meine Zähne. Das war eine blöde Angewohnheit von mir. Leon starrte mich an, räusperte sich dann. „Ähm… ja… das… also… wie… ähm… bist du schwul? Also…so richtig?“, unsicher schaute er mich an. Perplex schaute ich ihn an. Konfus starrte ich ihn an. „Ähm… willst du gerade wissen, ob ich das nur mache, weil mir sonst nichts anderes bleibt um Geld zu verdienen?“, unbehaglich knetete Leon auf seinen Finger herum und zuckte die Schultern. Ich kaute auf meinem dritten Stück Pizza herum. Leon mümmelte seit Minuten an seinem ersten Stück herum. Ich schluckte und setzte zur Antwort an:„…Dann wäre die Antwort ja…“, Leon wollte was sagen. „…aber“, unterbrach ich ihn. „ich bin dennoch schwul. Ich mag Männer. Ich bin nicht gayforpay oder so nen Schrott. Ich steh auf Schwänze…Mit Titten kann ich nichts anfangen. Zu viel Oben, zu wenig unten…“, Leons Gesicht wurde ein wenig rosa. Ich grinste dreckig. Okay, derbe Sprache schien er nicht ganz so gewohnt zu sein. „und du? Wieso willst du das wissen? Unsicher?“, neugierig schaute ich ihn an. „Nein, also ja… aber… anders als du denkst… Ich… ich weiß schon etwas länger, dass ich… das ich Männer… Das mich Männer mehr interessieren als Frauen und mehr als sie es eigentlich sollten. Ich… ich kann es mir halt nicht so leisten. Schwul sein mein ich.“, verwirrt schaute ich ihn an. „Wir leben im 21. Jahrhundert. Unsereins darf mittlerweile sogar in Deutschland heiraten. Wir haben schwule Politiker. Die sind zwar nicht unbedingt schlau aber auch nicht gerade eine Voraussetzung für den Job…“, ich schluckte den letzten Bissen hinunter. „Naja und die intelliganz ist nun auch nicht gerade Eng mit der Sexualität verknüpft und so…“, nun schaute er mich verwirrt an. Okay, ich hatte vermutlich zu viel philosophiert. „Also, wieso kannst du es dir also nicht leisten?“, kam ich auf das Thema zurück. „Ich… ähm… Kann ich dir nicht sagen…“, frustriert verdrehte ich die Augen. „ Okay… also, wieso warst du nun dort und hast mich aufgesammelt? Die meisten Kerle wollen ficken und nicht quatschen…“ „Ich…“, Leon schaute auf. „Es ist nicht so, dass ich kein Sex will… Ich…“, ich beobachtete ihn und mir fiel es wie Schuppen von den Augen. „Scheiße, du bist ne Jungfrau.“, Leon wurde rot. „Nein, bin ich nicht…also nicht ganz…  ist nur schon ne ganze Weile her…“, ich zog auffordernd meine Augenbrauen hoch. „Okay, Mister Ich-kanns-dir-nicht-sagen, was auch immer.“, ich glaubte ihm kein Wort. „Wenn du mich erst schnell duschen lässt, können wir das Arrangement dieses Abends gerne noch einmal nachverhandeln.“
Der Kerl war süß. Vielleicht könnte ich den Sex ja mal wieder genießen. „Ähm…“, Leon dachte nach, was man an der Denkfalte erkennen konnte, welche sich auf seiner Stirn gebildet hatte. „Den Gang runter dritte Tür rechts.“, unsicher schaute er mich an und zeigte den Flur runter. Er schien sich irgendwie unwohl mit der Situation zu fühlen. „Ich leg dir Handtücher und so hin.“ Während er sich drum kümmerte, kramte ich in meinem Rucksack nach einem neuen Einwegrasierer. „ich… ich hab dir auch Kleidung hingelegt. Soll ich deinen Kram waschen? Dann… dann leg ihn mir einfach raus.“ Ich nickte nur, war zu geplättet über das Angebot und die frische Kleidung. Leon und ich waren gleich groß. Er war nur ein wenig breiter als ich gebaut. Mit Sicherheit machte er viel Sport. Die Klamotten würden also passen.
Wenig später stand ich unter der Dusche und genoss das fast heiße Wasser, welches meinen Körper hinunterfloss. Ich blickte mich auf der Suche nach einem Shampoo und Duschgel um und erblickte eine ganze Armada verschiedenster Produkte, alle von namhaften Herstellern. Ich schnupperte mich durch die Produkte und entschied mich für ein Shampoo aus einem Friseurgeschäft, welches lecker nussig und natürlich roch. Beim Duschgel schnappte ich mir eines von Nivea. Das roch nicht so extrem wie der andere Kram und ich wusste nicht, ob die Duschgele, welche nach Orange, Zitrone, Frucht oder Rose rochen, nicht vielleicht einer Frau gehörten. Seiner Mutter oder so? Vielleicht hatte er auch eine Freundin welche gerade mal nicht da war?!
Nachdem ich mich zwei oder dreimal abgeschäumt hatte und gerade meinem Arsch ein wenig mehr Zeit gewidmet hatte, begann ich mich vorsichtig im Intimbereich zu rasieren. Wenn ich mich schnitt wäre der Abend gelaufen. Meine Tabletten musste ich auch noch nehmen.
Als ich fertig war, trocknete ich mich rasch ab und zog mir die Unterwäsche an. Nachdem ich meine Tabletten genommen und mit einem Schluck Wasser aus der Leitung herunter gespült hatte, zog ich mir die Jeans an, welche Leon mir hingelegt hatte. Den Hoodie, sowie das T-Shirt ließ ich weg. Waren meinem Vorhaben eh nur im Weg. Ich fühlte mich gut. Das war nicht selbstverständlich. In letzter Zeit fühlte ich mich oft matt und abgeschlagen. Ich glaube, nach meinem 18. Geburtstag sollte ich doch mal wieder zu einem Arzt gehen. Dann konnte der mich immerhin nicht mehr vom Jugendamt  einsammeln lassen. Seitdem ich das Heim vor 2 Jahren verlassen hatte und anschaffen ging war ich nicht mehr zum Doc gegangen. Keine Versicherung und wie gesagt, die waren gezwungen mich ans Jugendamt zu melden. Meine Medikamente bekam ich über einen Arzt der Rezepte nur halblegal ausstellte, welchen ich bei einem der Obdachlosenhilfen kennengelernt hatte. Matthias, so hieß der Arzt, arbeitete dort ehrenamtlich, wie es auch meine Mutter früher getan hatte und naja, Matthias dachte ich sei bereits 20. Ob die Dosis, die ich täglich nahm reichte oder meine Medikamente richtig waren wusste ich nicht. Ich hatte ihm gesagt, welche Medis ich bekommen hatte, als ich über das Heim noch in engmaschiger medizinischer Kontrolle gesteckt hatte. Er hatte das einfach abgenickt und schrieb mir seither Monatlich die Rationen für meine drei bunten Pillen auf.
Ich zog zwei Blister der extra reißfesten Kondome aus der kleinen Seitentasche meines Rucksacks und nahm noch die kleine Flasche Gleitmittel hinzu. Bei Leon gab es mit Sicherheit die Zeit und die Möglichkeit sich ordentlich vorzubereiten. Zwar kümmerte ich mich selbst ebenfalls drum, aber irgendwie wollte ich heute Abend nicht einfach nur Ficken. Ich wollte zumindest die Illusion haben, nicht nur ein Fick zu sein.
Im Wohnzimmer wartete Leon nervös auf mich. „Wenn meine Wohnung nicht so weit oben wäre, hätte ich gedacht du seist aus dem Badezimmerfenster getürmt.“, sprach er leise. Unsicher. „würde ich nie tun!“, er schaute auf und sein Blick wurde ein wenig gieriger. „Na, gefällt dir was du siehst?“, Leon nickte. „Ich… uhm… Ich will dich aber nicht ausnutzen oder so.“, sprach er ebenso leise weiter. „Tust du nicht. Ich… ich will auch… also… mit dir schlafen…“, jetzt war auch ich unsicher. Wie er mich anschaute. „Ich… ich glaube wir müssen aber dennoch vorher reden…“, kam von Leon. „Okay!“, ich setzte mich. „Also reden wir!“
Nervös knetete Leon wieder auf seinen Fingern herum. Schien eine Macke von ihm zu sein. „Du…“, er holte Luft „Du kennst mich nicht, richtig?“, Ich zuckte mit dem Schultern. „Nein, woher sollte ich?“ „Naja, du wirst dich doch sicher fragen, wie ich mir in meinem Alter so ne Bude leisten kann.“, forschend schaute er mich an. Wieder zuckte ich mit den Schultern. Unsicher was er erwartete. „Sicher interessiert mich das aber ich weiß auch, dass es mich nichts angeht…“, ich schaute auf den Boden. „Du bist ein Kunde… Ein netter und verdammt heißer…aber… du bist nur ein Kunde. Es geht mich nichts an.“ Leon schaute mich eindringlicher an. „Wieso bist du auf der Straße? Ich meine, du scheinst Intelligent zu sein, siehst gut aus. Scheinst trotz deinem Leben auf der Straße Wert auf dein Äußeres zu legen. Du bist Jung. Vermutlich viel zu jung für das Leben da draußen. Versuchst krampfhaft tough zu sein. Cool rüber zu kommen…“ Ich blinzelte. Er sollte so nicht weiter reden. Ich war nichts wert, ich wusste wo mein Platz war. Mein Großvater hatte mir das mit 14, nach dem Tod meiner Mutter unmissverständlich klar gemacht. Ich kam ins Heim statt zu ihm. Meine Oma war ein Jahr zuvor an Krebs gestorben. Es gab damals nur die Wahl zwischen ihm oder Jugendheim. Ich kam ins Heim. Oder in eine Jungenwohngruppe. Sammelstelle für Söhne gescheiterter Existenzen.
Wieso durchschaute Leon mich so gut? „Ich weiß wo ich hingehöre!“ ich schaute ihm genau in die Augen. Er war näher gekommen. Legte eine Hand an meine Wange. „Tust du das wirklich? Oder hast du aufgegeben?“, flüsterte er an meine Lippen, dann küsste er mich.