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Geister einer Nacht

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Tragödie / P16 / Gen
Albus Dumbledore Lily Potter Severus Snape
24.10.2019
07.11.2019
3
6.095
17
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
24.10.2019 2.145
 
Triggerwarnung: In dieser Geschichte werden häusliche Gewalt und Suizidabsichten indirekt thematisiert (daher auch das Raiting). Wer so etwas nicht lesen möchte, sollte bitte Abstand von dieser Geschichte nehmen.

An alle anderen: Willkommen zu meinem kleinen Halloween-Projekt! Insgesamt wird es drei Kapitel geben, dich ich im Abstand von jeweils einer Woche hochladen werde. Das erste Kapitel ist noch relativ harmlos, die nächsten beiden sind deutlich düsterer. Ich freue mich über jede/n, die/der dabei ist, und hoffe, es gefällt euch!

Tausend Dank an alle, die für diese Geschichte in der Kategorie "beste Kurzgeschichte" für den Harry Potter Award 2019/20 abgestimmt haben! Sie ist auf dem 2. Platz gelandet und ich fühle mich geehrt, dass ihr bei der Fülle der Geschichten in diesem Forum an mich gedacht habt!
Liebe Grüße
Ravenclaws Eulchen


Disclaimer: Charaktere, Orte und die ganze Harry-Potter-Welt gehören selbstverständlich einzig und allein J. K. Rowling. Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte (und bezweifle auch, dass mir jemand welches dafür zahlen würde). Der Disclaimer gilt für sämtliche Kapitel dieser Geschichte!




1970


Severus lag auf seinem Bett und übte Lesen. Er war immer noch nicht schnell genug. Die Buchstaben verschwammen vor seinem Blick.

„Es ist nicht meine Schuld, heilige Scheiße! Wir haben gestreikt, wir wurden entlassen…!“

„Du hast es ja gar nicht versucht! Du bist ja froh, wenn du auf der faulen Haut liegen und unsere Ersparnisse versaufen kannst, und ich muss zusehen, wie ich das Kind satt kriege!“

„Es ist auch nicht meine Schuld, dass wir den Bengel haben! Hätte ich gewusst, was du für eine bist, hätte ich mich nie auf dich eingelassen!“

Ein Klirren. Severus wusste, was als nächstes kommen würde. Er sprang auf und rannte treppab, vorbei an der Küche, in der seine Eltern sich gegenseitig anbrüllten, und auf die Straße. Ob sie ihn hörten, war ihm egal. Sie waren ohnehin gerade viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich darum zu kümmern, wohin er lief. Er wurde erst langsamer, als er die Hauptstraße erreichte. Hastig wischte er sich übers Gesicht, das nass war, obwohl es ausnahmsweise nicht regnete. Rechts von ihm zischen die Autos vorbei.

Mit hängenden Schultern trottete er an der Straße entlang. Es war kalt und vom Fluss zog Nebel herauf, aber nach Hause würde er ganz sicher noch eine ganze Weile nicht gehen. Wie von allein schlugen seine Füße den Weg zum Spielplatz ein. Er wusste genau, dass es sinnlos war, herzukommen. Es war bestimmt bald sieben Uhr abends und schon dunkel, Lily würde niemals da sein. Aber wenn er ihr nur ein wenig von Hogwarts erzählen könnte, würde sie ihm mit diesen leuchtenden Augen zuhören, und außer ihr sah ihn niemals jemand auf diese Weise an… so als ob es spannend wäre, was er erzählte, als ob sie gerne Zeit mit ihm verbrachte… Und wenn sie ihn nur lange genug bat, von der strahlenden Zukunft zu reden, die sie beide erwartete, geschah es manchmal, dass er sich selbst glaubte, was er sagte: dass alles besser werden würde.

Aber er hatte kein Glück. Der Spielplatz lag wie ausgestorben da und von Lily fehlte jede Spur. Enttäuscht kickte er gegen das rostige Törchen, das quietschend aufsprang und trottete hinüber zu den Spielgeräten. Er zitterte in der kalten Abendluft, als er sich missmutig auf der Schaukel niederließ, von der Lily so gerne absprang und durch die Luft wirbelte. Könnte er doch nur annährend so unbeschwert sein wie sie… Aber nein, Lily saß gemeinsam mit ihrer doofen Schwester in ihrem blöden Haus und verspeiste wahrscheinlich gerade genüsslich ihren Nachtisch.

Wütend grub Severus mit den Füßen im Sand. Alles war so ungerecht! Lily hatte alles, und er war ganz allein, wahrscheinlich würde er krank werden, wenn er noch lange in der Kälte saß. Und dann würde er sterben, und ihr würde es leidtun, dass sie nicht da gewesen war! Und seine Eltern… plötzlich verpuffte all seine Wut zu einem kläglichen Häufchen Elend irgendwo in seiner Magengegend. Seine Eltern wären wahrscheinlich bloß froh, ihn loszusein.

Severus war erst zehn Jahre alt, aber meistens verstand er mehr von den Problemen seiner Eltern, als ihm lieb war. Sein Vater hatte mal wieder seine Arbeit verloren. Die nächsten Wochen würde es also wieder nur Kohlsuppe geben und keine Schulbücher für Severus. Sein Vater trank auch mehr, wenn er arbeitslos war. Dann stritten seine Eltern viel und Tobias sagte gemeine Dinge zu Severus und manchmal rutschte ihm sogar die Hand aus.

Severus zog die Nase hoch und starrte unglücklich zu Boden. Er konnte bereits jetzt den feuchten Sand in seinen Socken spüren. Das Loch in seinem Schuh an der Stelle, wo der große Zeh war, verschwamm vor seinen Augen. Was hatte er nur falsch gemacht? Seine Eltern hassten ihn, die Kinder in der Schule hassten ihn… und wahrscheinlich würde ihn auch in Hogwarts jeder hassen. Deshalb gab es auch keine bessere Zukunft. Es lag an ihm, dass ihn keiner leiden konnte… Plötzlich rollten wieder Tränen über seine Wangen, aber da niemand in der Nähe war, machte er sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Er hasste es so sehr, dass er sich allein in seinem kalten, feuchten Zimmer alles selbst beibringen musste, weil seine Eltern ständig mit sich selbst beschäftigt waren; er hasste es, dass man ihn auch in der Schule nicht in Ruhe ließ, weil selbst die anderen Arbeiterkinder meist besser gekleidet waren als er… Aber mehr als alles andere hasste er es, wenn sein Vater zu ihm oder seiner Mutter sagte, dass er ihn gar nicht gewollt hatte. Das war schlimmer als keinen Regenmantel und keine Schulbücher und kein Sonntagsessen zu haben.

„Hey, Sev!“

Er fuhr hoch und wischte sich hastig über das Gesicht. Lily stand am Zaun und winkte aufgeregt zu ihm herüber.

Als er ihr fröhliches Grinsen sah, fühlte er sich gleich ein wenig besser, aber seiner Laune wurde sofort wieder ein Dämpfer versetzt, als er die kleine Gruppe Kinder sah, die ein paar Meter von Lily entfernt ganz offensichtlich auf sie wartete. Seufzend erhob er sich und schlurfte zu ihr herüber. Auf seinem Weg durch das Halbdunkel gab er sein Bestes, nicht allzu verheult auszusehen. Lily sollte ihn nicht für eine Heulsuse halten… Angestrengt versuchte er, möglichst gelangweilt auszusehen, als er in das Licht der nahen Straßenlaterne trat.

„Hey, Sev!“, sagte Lily ein zweites Mal und strahlte ihn an. Sie sah ganz anders aus als sonst, trug einen schwarzen, abgewetzten Rock, der ihr viel zu groß war, eine dunkelgrüne Cordjacke, die wahrscheinlich ihrer Mutter gehörte, und über die Schultern gelegt ein zu einem Dreieck gefaltetes Tuch, das einem Geschirrhandtuch verdächtig ähnlich sah. Ihre roten Locken waren heute strubbelig und quollen unter etwas hervor, das wohl ein aus Pappe gebastelter Spitzhut war. Er war mit einem Gummiband unter Lilys Kinn befestigt und schwankte bei jedem Windstoß gefährlich hin und her. In der einen Hand hielt Lily einen Stoffbeutel, in der anderen einen Besen. Verwirrt starrte Severus sie an.

„Ich bin eine Hexe!“, quietschte Lily aufgeregt.

Severus verstand gar nichts mehr. „Ja“, antwortete er zögerlich, „aber…“ Lilys Kleidung sah völlig anders aus als die Umhänge, die seine Mutter manchmal aus der hintersten Ecke ihres Schrankes hervorkramte, um sie aufzutrennen und andere Kleider daraus zu nähen.

„Halloween, Sev!“, rief Lily vergnügt. „Hast du das etwa vergessen?“

Natürlich hatte er. Er hatte noch nie Halloween gefeiert. Bei ihm in der Nähe verteilte auch keiner Süßigkeiten. Er zog die Schultern ein Stück hoch und ließ sie dort, halb ein Schulterzucken, halb ein Versuch, sich vor der Kälte zu bewahren.

„Warum bist du dann hier?“, fragte Lily, jetzt mit einem Stirnrunzeln.

Er zog die Schultern noch ein Stück weiter hoch und wich ihrem Blick aus.

„Deine Eltern?“, riet Lily.

Severus stieß schnaubend die Luft aus. „Mein Vater hat seine Arbeit verloren“, sagte er und versuchte, möglichst gleichgültig zu klingen. Er zog die Nase hoch, aber daran war nur der kalte Herbstwind schuld.

„Sie haben wieder gestritten, oder?“, fragte Lily leise.

„Na und? Mir doch egal!“, rief Severus und kickte gegen einen Stein. Er wollte wütend sein, aber innerlich fühlte er sich ganz elend. Er konnte spüren, dass Lily ihn ganz genau ansah. Und er hatte Angst, dass sie über ihn lachen würde, wenn sie sah, dass er geweint hatte.

„Lily, kommst du endlich?“, rief Petunia ihr verärgert zu. Zweifelnd drehte Lily sich zu ihren Freunden um, die ein Stück die Straße hinunter im Licht einer Laterne ungeduldig warteten. Severus verzog unwillkürlich das Gesicht zu einer wütenden Grimasse.

Lily sah ein wenig ratlos aus. „Willst du nicht mitkommen, Sev?“, fragte sie vorsichtig. „Das wird bestimmt lustig, ich geb dir mein Tuch und du kannst eine Fledermaus sein…“

„Nee, bloß nicht“, schnaubte Severus. Er konnte die anderen Kinder nicht leiden, allen voran Petunia, und er wusste, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte. Und verkleiden wollte er sich schon gar nicht. Ihm war klar, dass er damit seine einzige Chance verspielte, den Abend doch noch mit Lily zu verbringen, aber ihm war wirklich nicht danach, sich ein Geschirrtuch um den Hals zu hängen und die forschenden Blicke der Hausbesitzer aus Lilys gutem Viertel missbilligend auf sich zu spüren. Trotzig verschränkte er die Arme und schluckte gegen den Kloß in seinem Hals an. Schon wieder spürte er schmerzlich, dass er nicht dazugehörte.

Lily sah ihn an uns seufzte. „Geht schon mal vor!“, rief sie dann den anderen Kindern zu, „Ich komm‘ wahrscheinlich später nach!“

Erstaunt blickte Severus auf. Als er in Lilys leicht enttäuschtes Gesicht sah, wurde ihm klar, dass sie eben für ihn all ihre anderen Freunde warten ließ – und nicht nur das, sie verpasste sogar die Halloweenrunde, die Süßigkeiten… Severus wusste, dass er sich nicht freuen sollte, weil Lily seinetwegen den ganzen Spaß versäumte, aber dennoch fühlte er sich ungefragt sofort besser. Sehr viel besser.

„Na komm“, sagte Lily und öffnete das Törchen zum Spielplatz, „wir gehen zu mir, hier ist es mir zu kalt.“

Ohne ein Wort des Protestes setzte Severus sich in Bewegung. Mittlerweile war auch ihm ziemlich kalt und die Einladung zu den Evans kam ihm gerade recht. Er mochte zwar die Art nicht, wie sich Lilys Eltern in seiner Gegenwart ständig bedeutungsschwangere Blicke zuwarfen, aber das machte Mrs. Evans meistens mit selbstgebackenem Kuchen wieder wett.

„Hat dein Vater…?“, fragte Lily ein wenig zögerlich, als sie um eine Ecke bogen.

„Nein“, unterbrach Severus sie rasch. Er wollte nicht darüber reden. Neulich hatte Tobias ihm eine gescheuert und er war dumm genug gewesen, es Lily zu erzählen. Im Streit mit seiner Mutter verlor Tobias öfter einmal die Beherrschung, aber meist blieb es bei Geschrei und klirrendem Geschirr. Aber wenn sein Vater keine Arbeit hatte, schon wieder…

Sie schwiegen fast den ganzen Weg, was ungewöhnlich war, denn meistens löcherte Lily ihn mit Fragen über Hogwarts oder erzählte von dem Vogelhäuschen, das sie mit ihrem Vater gebaut hatte, oder ihrer Klavierlehrerin oder Petunia. Aber sie schien zu spüren, dass Severus jetzt nichts von alledem hören wollte.

Mrs. Evans öffnete ihnen die Tür und bedachte Severus mit dem gewohnten Stirnrunzeln, von dem er nicht wusste, ob es besorgt oder missbilligend war. Er murmelte eine Begrüßung und folgte Lily ins Haus, die jetzt doch fröhlich plapperte und ihrer Mutter die noch etwas karge Süßigkeitenausbeute zeigte. Aus dem Wohnzimmer tönte der Fernseher und Severus wusste, dass ihm Mr. Evans‘ Stirnrunzeln zumindest für heute Abend erspart bleibe würde. Wie immer fühlte er sich im Evans-Haushalt mit den dicken weißen Teppichen und der sauberen Tapete ziemlich fehl am Platz.

Doch dieses Gefühl verschwand bald, als er gemeinsam mit Lily in ihrem Zimmer auf den Boden vor dem Bett saß, zwischen sich einen Teller mit Sandwiches, die Mrs. Evans ihnen gebracht hatte, und einen ganzen Haufen Süßigkeiten aus Lilys Halloween-Ausbeute. Severus wusste, dass er nach Hause gehen musste… aber nicht jetzt, noch nicht jetzt…

„…und dann bindest du ihnen den Brief ans Bein, und sie wissen einfach, wohin sie fliegen müssen“, erklärte er Lily, deren Augen begeistert leuchteten, zum hundertsten Mal die Eulenpost.

„Meinst du, meine Eltern kaufen mir eine?“, fragte sie Severus aufgeregt. „Wir könnten sie uns teilen, und du darfst dir einen Namen ausdenken, wenn du willst.“

Und plötzlich spürte Severus, wie ihm ganz leicht ums Herz wurde und wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Er beobachtete Lily, wie sie laut überlegte, ob sie lieber eine Schleiereule oder einen Waldkauz hätte und dabei gedankenversunken ein Bonbonpapierchen von ihrer Hand flattern ließ wie einen winzigen Schnatz. Er wusste nicht, warum sie mit ihm teilen wollte, ihre Süßigkeiten und sogar ihre Eule. Aber er wusste, dass er immer für sie da sein wollte, weil sie wirklich die beste Freundin war, die man sich wünschen konnte. Sie würde ihn niemals im Stich lassen.

Und irgendwann, wenn sie erwachsen waren, dann würde er einen Job haben, nicht so wie sein Vater, und er würde ihr eine eigene Eule schenken. Oder besser gleich zwei, einen Steinkauz und eine Schleiereule. Und sie würden Freunde sein. Für immer.
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