Verbotene Worte.

OneshotSchmerz/Trost / P16 Slash
Farmer (männlich) Sebastian
23.10.2019
23.10.2019
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Verbotene Worte.

Author's Note
Ein spontan entstandener One Shot, von dem ich dachte, dass er mir vielleicht hilft, ein bisschen was zu verarbeiten, was in meinem Kopf so vorgeht.
Triggerwarnung: Depressionen, Selbstmordgedanken, Essstörungen

Pairing:
Max (Male Farmer) x Sebastian
Kurzbeschreibung:
Obwohl das Thema psychische Krankheiten immer offener besprochen und von der Gesellschaft anerkannt wird, gibt es immer noch verbotene Worte, die man niemals aussprechen darf.


Verbotene Worte.

Es ist noch dunkel an diesem kalten Herbstmorgen. Jedes Körperteil, das versucht die Decke zu verlassen, friert beinahe augenblicklich ein, zumindest fühlt es sich so an.

Vorsichtig bahnt sich meine Hand ihren Weg zu meinem Smartphone, das auf dem Nachttisch des Doppelbettes liegt, in dem ich mich vor der Eiseskälte in unserem Schlafzimmer verstecke. Ein kleiner Druck auf einen Knopf zeigt mir, dass in wenigen Minuten der Wecker meines Mannes läutet. Es ist 4:58. In zwei Minuten läutet Max’ Wecker, um ihn aus seinen Träumen zu holen.

Im Gegensatz zu ihm, konnte ich kaum schlafen. Meine Gedanken halten mich immer wieder wach und das Nacht für Nacht für Nacht…
Ich ziehe meinen Arm wieder unter die Decke, kuschle mich dann bis zur Nasenspitze in die dicke Decke, die mir Wärme spendet.
Das sanfte Klimpern eines Klaviers ertönt. Für Max ist es ein Wecker, für mich ist es eine Ohrfeige. Eine Ohrfeige, die mir deutlich macht, dass ich wieder eine Nacht damit verschwendet habe, darüber nachzudenken, was für ein absoluter Versager ich bin.

„Du bist schon wach?“, fragt Max’ leicht kratzige Stimme leise. Er räuspert sich, rutscht dann etwas näher an mich. „Komm her. Ein Morgen ist nur gut, wenn ich mit dir kuscheln konnte.“
Ich widerspreche nicht. Es stimmt ja auch irgendwie. Auch für mich wird der Tag besser, wenn ich in seiner Nähe sein kann.
„Es ist so kalt…“
„Kalt?“, fragt Max nach, er zieht mich zu sich, um mich zu wärmen. „Das Feuer muss wohl ausgegangen sein. Ich verspreche dir, dass wir in der nächsten Saison eine modernere Heizung haben werden.“

Die nächste Saison…
Also nächsten Herbst? Wer weiß, ob ich da überhaupt noch hier bin. Ein Jahr ist eine lange, lange Zeit. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich auf keinen Fall mehr hier.

„Ich werde mit Clint reden, vielleicht hat er eine passende Lösung für uns“, erzählt Max weiter. „Bis dahin musst du dich mit Max-Wärme zufrieden geben.“
„Das wäre auch okay. Kann ich nicht in so einer Hängetasche an deinem Bauch hängen? Dann könntest du mich immer wärmen.“
„Wie bei einem Känguru?“, fragt Max belustigt. „Awww, bist du mein kleines Känguru?“
„Ja…“, antworte ich leise. „Wenn du einen Pulli anhättest, würde ich mich jetzt unter deinen Pulli kuscheln.“
Max küsst meine Stirn, er achtet darauf, dass ich gut und fest zugedeckt bin. „Du hast wieder schlecht geschlafen, oder?“
„Ja…“
„Ich wusste es. Immer, wenn du gut schläfst, überhörst du meinen Wecker und bleibst eingekuschelt im Land der Träume.“

Es stimmt, doch das kam nun länger nicht mehr vor. Mittlerweile schlage ich mir beinahe jede Nacht mit im Kreis drehenden Gedanken um die Ohren. Immer wieder durchdenke ich mein Leben, besser wird es jedoch nicht.

„Du solltest deinen Schlaf unbedingt nachholen, Sebby. Ich muss bald aufstehen und mich um die Tiere kümmern, aber vorher mache ich dir Frühstück.“
„Ist nicht nötig, ich bleib einfach hier im Bett und bleibe für immer liegen.“
„Kann ich irgendetwas tun, damit du dich besser fühlst?“

Nein. Kannst du nicht. Es wird nicht mehr besser.

„Einfach streicheln…“, bitte ich leise. „Bis ich eingeschlafen bin, wäre am besten, aber das würde zu lange dauern.“
„Ich weiß, dass du nichts dafür kannst, Sebastian…“ Max streicht durch meine Haare, zieht mich dann in eine feste Umarmung. Seine großen, kräftigen, warmen Hände streicheln meinen Rücken. „…aber es ist schwer, dir zu helfen und dafür zu sorgen, dass es dir besser geht, wenn es nichts gibt, was ich tun kann.“
„Was denkst du erst, wie es mir geht…“, antworte ich den Tränen nah. „Du siehst und spürst, dass ich traurig bin, aber ich bin derjenige, der in seinen eigenen Gefühlen ertrinkt und absolut nichts dagegen machen kann.“
„Beruhig dich, Sebby, bitte… Es ist okay, das sollte kein Vorwurf sein…“

Schluchzend lehne ich meinen Kopf an Max’ trainierte Brust. Ich kann meine Tränen, die ich die ganze Nacht mehr oder weniger erfolgreich unterdrückt habe, nicht länger für mich behalten. Wie Wasser, das durch einen gebrochenen Staudamm dringt, bricht nun alles über mich zusammen. Ich muss meinen Tränen freien Raum lassen, ich beginne bitterlich zu weinen.

Ich hasse es, für alle Menschen in meinem Umfeld eine psychische Belastung zu sein. Es wäre besser, wenn ich nicht mehr hier wäre. Es wäre sogar noch besser, wenn ich erst gar nicht am Leben gewesen wäre. Ich hätte mich umbringen wollen, solange Max noch nicht in mein Leben getreten ist. Dass es jederzeit möglich ist, mir das Leben nehmen zu können und einen Ausweg zu haben, falls es unerträglich wird, war für mich immer eine Art Notfallplan. Er hat mich auf eine seltsame, makabere Weise in den größten Notsituationen beruhigt. Doch jetzt ist dieser Notfallplan in weite Ferne gerückt. Ich kann Max nicht verletzten, ich kann ihm das nicht antun.

„Ich hab nicht so viel zu tun. Ich kümmere mich um die Tiere, miste die Ställe aus und dann springe ich schon unter die Dusche. Ich beeile mich, dann können wir den Tag zusammen im Bett verbringen. Wenn du das Bett nie wieder verlassen willst, dann werde ich von nun an auch im Bett leben. Ich lasse dich nicht alleine.“

Ich kann nicht antworten, mir fehlen die Worte, doch ich kann nicken. Ich nicke, um Max meine Dankbarkeit auszudrücken.

Mein Mann löst mich ein wenig von sich. Er dreht sich von mir weg, um das Licht an seinem Nachttisch anzuschalten. Liebevoll widmet er sich wieder meiner Wenigkeit. Er streicht mir die Tränen von den Wangen. Sein Lächeln zeigt wie tapfer er mit meiner Krankheit umgeht, seine Augen zeigen jedoch, wie er wirklich fühlt. Ich belaste ihn. Ich bin eine verdammte Last, ohne die er ein besseres, zufriedeneres Leben führen könnte.

„Ich liebe dich, Sebastian.“
„Ich-Ich weiß…“, antworte ich schluchzend. „Und es tut mir leid…“
„Dir muss gar nichts leidtun, Schätzchen. Gar nichts. Du kämpfst und ich bin stolz auf dich. Es ist scheiße, aber wir machen das Beste daraus, okay? Wie bei den Tieren. Aus Scheiße kann man guten Dünger machen und Dünger bringt Pflanzen zu wachsen. Wir wachsen daran.“
Ich hasse diese Situationen. Max bringt mich immer irgendwie zum Lachen. „Hör auf, du Idiot“, antworte ich auf seinen Aufheiterungsversuch. Ich gebe ihm einen kleinen Klaps auf den Brustkorb. Nach meinem Klaps streichle ich über seine nackte Brust.
„Du bist wunderschön, wenn du lächelst.“ Mein Mann hebt mein Kinn an, er verwickelt mich in einen sanften Kuss, den ich allerdings schnell löse.
„Ich hab noch gar nicht Zähne geputzt…“
„Na und? Ich auch nicht“, winkt er lächelnd ab. „Versuch dich ein bisschen auszuruhen.“ Er streicht wieder durch meine Haare, küsst vorsichtig meine Stirn. „Bist du sicher, dass du nichts essen willst?“
„Vielleicht nur ein Müsli oder so…“
„Kaffee bekommst du keinen, sonst klammert sich dein kleiner Körper an das rettende Koffein und hält dich und deinen Kopf noch länger wach. Du hast genug gedacht für heute. Du musst schlafen.“
„Okay…“

Max drückt mich noch einmal fest, er küsst und liebkost mich. Ich gewöhne mich an die körperliche Nähe, an die Ruhe und Wärme, die mein Mann ausstrahlt. Doch es kommt, wie es jeden Morgen kommen muss. Er muss aufstehen und sich um die Farm kümmern.

„Ich liebe dich, Sebastian.“
„Ich liebe dich auch, Max“, antworte ich ruhig.

Mit einem letzten Kuss verabschiedeter sich von mir. Mit ihm geht nicht nur die Wärme, sondern auch mein Lächeln, meine gute Stimmung. Er lässt mich alleine im Schlafzimmer zurück.

Das Müsli, das mein Mann mir macht, bringt er mir ans Bett, er stellt es auf den Nachttisch. Ich habe nicht vor zu essen, ich bin zu müde, zu geschafft. Ich habe keinen richtigen Hunger, überhaupt keinen Appetit. Immer wieder habe ich Phasen, in denen mir das Essen schwer fällt. Jede Mahlzeit, die ich nicht mit Max zusammen nehme, lasse ich aus, weil ich nicht die Kraft habe, etwas zu mir zu nehmen. Es ist so verdammt anstrengend.

Mein Mann öffnet noch einmal die Tür zum Schlafzimmer. „Ich hab Feuer gemacht. Es sollte bald wieder warm werden. Ich hab viel Kohle dazu gelegt, dass du dich nicht darum kümmern musst und brav im Bett bleiben kannst.“
„Danke, das ist lieb von dir.“ Max ist dabei die Tür zu schließen, doch dann öffnet er sie wieder und sieht mich an. „Ist irgendwas?“
„Ich…“ Er seufzt. „Ich wünschte, ich könnte dir helfen, ich weiß nur nicht wie.“
„Schon okay, ich weiß es auch nicht…“
„Vergiss deine Medikamente nicht und schlaf dich unbedingt aus, okay?“ Ich nicke.

Meine Medikamente…
Wenn diese dummen Dinger wenigstens helfen würden.
Sie bekämpfen Symptome, also nicht wirklich, aber das sagt man zumindest. Die Antidepressiva sollen die Nerven in meinem Hirn stimulieren, die dafür verantwortlich sind, dass gewisse chemische Stoffe wieder ins Gleichgewicht kommen.
Es braucht Zeit, bis dieser Vorgang richtig funktioniert. Bei mir scheint er allerdings nicht zu fruchten.

Es ist ohnehin so sinnlos, Symptome zu bekämpfen…
Es ist, als hätte mich jemand angeschossen, die Therapien bestehen allerdings nur daraus, das Blut abzuwischen, anstatt die verdammte Kugel zu entfernen und meine Wunde zu verbinden.

Trotz meiner Abneigung nehme ich die Tabletten. Ich nehme alles, was mir die Ärzte in den Rachen werfen wollen, um alle zufrieden zu stellen. Ich tue, was ich kann oder eher soll, doch es ändert nichts. Ich fühle mich nicht besser. Es ist unfair, dass ein Mensch wie ich nicht die Hilfe bekommt, die er braucht. Ich weiß, was ich wirklich brauche. Ich brauche einen Arzt, der meinem Leben ein endgültiges Ende setzt, nicht mehr und nicht weniger.

Ich entledige mich meinem Müsli. Die Milch schütte ich in den Ausguss in der Küche. All die Körner in meiner Schüssel werfe ich aus dem Fenster, in die Büsche hinter dem Haus, damit die Vögel etwas davon haben.

Die Schüssel stelle ich in der Küche ab. Gänsehaut überzieht meinen Körper, ich zittere und friere, doch ich stehe. Ich habe das Bett verlassen. Den Ausgangspunkt nutze ich für mich, um ins Badezimmer zu gehen. Es ist schwer, sich mit einer Depression um sich selbst zu kümmern. Man vernachlässigt gewisse Dinge. Ich für meinen Teil vernachlässige meine Haare. Ich habe schon länger nicht meine nachwachsenden, roten Haare gefärbt. Noch schlimmer ist es, dass ich sie seit mindestens einer Woche nicht gebürstet habe.
Naja… wenigstens habe ich sie vorgestern gewaschen.

Mein Spiegelbild ist kaum zu ertragen. Ich öffne den Spiegel um meine Zahnbürste und meine Zahncreme herauszunehmen. Als ich das tue, erblicke ich auch die große Packung Schmerztabletten, die Max von Harvey verschrieben bekommen hat. Vor einigen Wochen hatte mein Mann einen Hexenschuss, doch er hat die Tabletten nicht benutzt. Im Gegensatz zu mir ist Max verdammt zäh.

Ich atme tief durch. Die Tabletten lachen mich seit Tagen an. Immer wenn ich hier stehe, komme ich in Versuchung. Zu gerne würde ich jede einzelne Tablette in diesem Schrank in ein Glas drücken und sie in Kaffee auflösen…

Der Notausgang ist so nah und doch so fern.

Wenn Max nicht wäre, dürfte ich endlich gehen…
Ich will unbedingt gehen…

Die Tränen an meinen Wangen lenken mich von meinem Vorhaben ab. Ich kann es nicht tun. Ich will es, mehr als ich jemals irgendetwas gewollt habe, doch ich kann nicht. Ich kann es meinem Mann nicht antun. Er wäre derjenige, der mich findet. Er wäre derjenige, der sich Vorwürfe machen würde und dabei ist er der Einzige, der mir zumindest kurzzeitig Erleichterung und Ablenkung von meinem Leid verschafft.

Beim Zähneputzen wische ich mir immer wieder die Tränen von den Wangen. Mein Blick ist auf das weiße Waschbecken vor mir fixiert. Ich kann meinen Anblick nicht ertragen.

Wieso kann es nicht aufhören?
Wieso kann es nicht einfach aufhören?

Ich lasse mir ein warmes Bad ein. Man sagt, dass Menschen, denen Zuwendung und körperliche Nähe fehlt, länger und wärmer baden und duschen. In meinem Fall trifft das voll und ganz zu.
Es ist manchmal hart, mich dazu zu überwinden, ins Badezimmer zu kommen und zu duschen, doch sobald ich in der Dusche bin, will ich kaum wieder gehen. Noch schlimmer ist es, wenn ich bade. Die Temperatur der Wanne gleiche ich über einen längeren Zeitraum immer wieder aus. Ich lasse kühles Wasser aus der Wanne, drehe dann den Wasserhahn wieder auf, um heißes Wasser nachzufüllen. Ich bleibe immer so lange in der Wanne, bis meine Haut runzelig wird. Noch ein wenig länger, und ich würde mich im Wasser auflösen. Max meinte vor ein paar Wochen, dass ich aufpassen muss, dass ich mich nicht koche. Eine ‚Sebastian-Suppe‘ würde nicht auf seinem Speiseplan stehen.

Halb erfroren lasse ich mich in die Wanne sinken. Das Wasser hat die perfekte Temperatur. Im Normalfall ist es anfangs immer ein wenig zu heiß. Heute habe ich irgendwie so etwas wie Glück?

Das Wasser kann gar nicht schnell genug ansteigen. Immer wieder verteile ich es an meinem Körper, um mich übergangsweise zu erwärmen.

Der Wasserspiegel ist endlich hoch genug, die Temperatur ist perfekt und der blumige Duft des Badezusatzes liegt in der Luft. Für den Moment fühle ich mich ein wenig besser, jedoch ist mir mehr als bewusst, dass es nur eine Momentaufnahme ist. Eine Momentaufnahme von einem hoffnungslosen Leben eines noch hoffnungsloseren Falls wie mir.

Ich soll positiv denken. Das ist das, was mir immer wieder eingetrichtert wird. Doch was soll positiv denken wirklich ändern oder gar bessern? Wenn man vor einem Hausbrand steht, wartet man ja auch nicht ab und denkt positiv in der Hoffnung, dass die anderen Häuser um einen herum nicht auch anfangen zu brennen.
Man löscht den Brand, bevor er auf die anderen Häuser übergreift. Doch das tut niemand. Ich bin ein ungelöschtes Feuer, der alles um ihn herum ebenfalls ansteckt.

Es ist hoffnungslos…

Ich schließe die Augen, lasse mich ins warme Wasser sinken, es umhüllt mich und schenkt mir die Wärme, die ich so dringend brauche, seit ich das Bett verlassen habe.

Ich fasse in mein verknotetes Haar. Vielleicht schaffe ich es, sie zumindest ein bisschen zu entwirren.

Eilig tauche ich auf, schnappe nach Luft.

Irgendwann finde ich mich im Bett wieder. Ich erinnere mich nicht so recht, wie ich hier hergekommen bin. Ich laufe auf Autopilot. Meine Haare sind noch ein wenig feucht, sie kleben an meiner Wange. Als ich in meine Mähne fasse, spüre ich, dass ich es nicht geschafft habe, mir die Haare zu bürsten und dabei hatte ich mir das vorgenommen.
Mir ist kalt und ich bin müde. Dass Max seine Routinearbeit bald erledigt hat, hoffe ich bei jedem weiteren Atemzug. Immer wieder fallen meine Augen wie von selbst zu, doch ich versuche wach zu bleiben. Der Schlaf, der mir letzte Nacht nicht gegönnt wurde fordert jetzt seinen Tribut.



Wohlige Streicheleinheiten wecken mich. Ich erkenne die Hand, von der sie ausgehen sofort. Es ist mein Mann. Mein Max.

Ich öffne meine Augen, sehe zu ihm. Er liegt auf der Seite, sein Blick ist auf mein Gesicht gerichtet. Im Gegensatz zu heute Morgen wirkt Max besser gelaunt. Die Traurigkeit die von mir aus auf ihn abgefärbt hat, ist verschwunden. Er kommt mit allem so viel besser klar, als ich es jemals könnte.

„Hey, schon wieder wach?“, fragt er mich leise.
„Ich muss das Kuscheln auskosten.“
„Ich hab eine kleine Überraschung für dich. Ich hab mich vorhin ins Auto gesetzt und bin ins Nachbardorf zum Bäcker gefahren, um dir einen großen Schokomuffin zu bringen. Ich weiß ja, wie gerne du die hast.“
„Das ist nett von dir, danke.“
„Falls du willst, er steht hinter dir auf deinem Nachttisch.“ Max streicht mir die Haare aus dem Gesicht, er lächelt sanft. „Du warst duschen. Der Duft passt zu dir.“
„Um genau zu sein, hab ich ein Bad genommen.“
„Oh, du hast dich also wieder gekocht, ohne etwas zu sagen. Dabei hätte ich nach der Arbeit da draußen in der Kälte eine Schüssel Sebastian Suppe gut brauchen können, um mich aufzuwärmen.“ Max bringt mich zum Schmunzeln. Er küsst meine Lippen, zieht mich dann nicht nur zu sich, sondern dreht sich, sodass ich auf ihm liege. „Oh ja, so lässt sich’s leben. Die Arbeit ist erledigt und ich hab meinen wundervollen, kleinen Mann ganz nah bei mir.“ Max’ Hände ruhen an meinem Rücken. Er streichelt mich sanft. „Ich hab mir gedacht, dass wir heute in den Saloon gehen. Wir könnten uns eine Pizza teilen und später dann vielleicht etwas trinken.“
„Klingt gut, aber… mir ist heute nicht so nach rausgehen. Können wir das vielleicht verschieben? Wäre das okay für dich?“
„Auf jeden Fall. Draußen ist es nass und kalt, es ist besser, wenn wir hier bleiben. Hier ist es warm und kuschlig. Schwebt dir irgendwas Bestimmtes vor, das wir heute vom Bett aus machen könnten?“
„Ich fände es schön, wenn du mich genauso fest hältst, wie du es jetzt tust. Am liebsten für immer.“
„Darf ich dich fragen, was in deinem Kopf so vor sich geht? Die letzten Tage waren schwer für dich.“
„Darfst du, aber… ich weiß nicht, wie ich das alles erklären soll. Und selbst wenn ich es sage… Ich-Ich kann es nicht sagen. Es würde dir nur wehtun und ich hab dich genug verletzt…“
Max streicht über meinen Kopf, seine Hand ruht an meinem Hinterkopf. „Liebst du mich nicht mehr?“
Ich erhebe mich etwas, sodass ich meinen Mann ansehen kann. Seine Hand gleitet von mir, wir sehen uns an. „Doch das tue ich, sehr sogar. Wenn du nicht wärst…“ Ich atme tief durch. „Max, wenn also… falls du dich irgendwann von mir scheiden lässt, was ich verstehen könnte, immer hin bin ich so…“ Er schüttelt irritiert den Kopf. „…wenn wir nicht mehr zusammen sind, dann…“
„Sag es nicht… bitte…“ Max zieht mich an sich, er streichelt über meinen Rücken. „Es ist mir egal, wenn es dir schlecht geht… also nicht egal im herkömmlichen Sinne. Es tut weh und ich wünschte, ich könnte es ändern. Aber ich kümmere mich lieber den Rest meines Lebens um dich und genieße die wenigen Momente, in denen du lächelst, anstatt auch nur daran zu denken, dass du nicht mehr hier bist. Ich liebe dich, Sebastian. Ich liebe dich und ich werde dich immer lieben. Egal wie schlecht es dir geht, du wirst mich niemals damit vertreiben können. Es ist anstrengend, ja, aber es ist es wert, weil ich für die Momente lebe, in denen du mich mit strahlenden Augen ansiehst und lächelst.“

Schluchzend klammere ich mich an Max’ Shirt. Ich kann nichts erwidern. Kein einziges Wort kommt über meine Lippen.

Ich lebe nur noch für ihn. Nichts Anderes hält mich mehr auf dieser Welt. Abgesehen von Max ist alles in meinem Leben sinnlos, wertlos. Immer wieder wird mir zugetragen, wie sehr ich mich doch glücklich schätzen kann, doch das kann ich nicht. Es ist einfach nicht wahr, abgesehen von Max habe ich nichts. Es gibt abgesehen von ihm nichts, für das es sich zu leben lohnt.

Mein Leben fühlt sich an, als wäre ich ans Bett gefesselt. Ich fühle mich wie ein Komapatient, der nur noch künstlich am Leben gehalten wird, weil die Verwandten zu egoistisch sind, ihn endlich gehen zu lassen. Nichts Anderes ist es doch. Purer Egoismus.
Sam meinte vor einigen Monaten, dass es egoistisch von mir ist, daran zu denken, mir das Leben zu nehmen. Nette Worte für einen besten Freund… In Wirklichkeit ist er es, der egoistisch ist. Alle, die mir sagen, wie sehr sie mich vermissen würden und dass ich mich nur ‚auf das Positive konzentrieren soll‘, sind egoistisch.

Es ist unfair, dass sie mich mit Schuldgefühlen am Leben erhalten. Es ist unfair, dass ich mich jeden Tag wieder durch meine Schmerzen, meine Angst, meine Traurigkeit und meine Hoffnungslosigkeit kämpfen muss, nur damit ein paar Menschen, die so tun, als wäre ich ihnen wichtig, nicht an meinem Grab weinen müssen…
Dass ich jeden Tag weine, dass ich jeden Tag leide, ist nebensächlich.

Ich muss ja nur positiv denken, oder?
Positiv denken…

Immerhin hab ich noch meinen Notfallplan.
Sollte es schlimmer werden, werde ich gehen.
Max wird es verstehen… es wird dauern, aber er wird es verstehen…

„Du-Du solltest wissen, dass ich-dass ich dich liebe, Max. Egal was passiert… Ich-Ich liebe dich…“
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