Dein und mein Szenario

von Kimera
GeschichteAllgemein / P18
23.10.2019
16.11.2019
19
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Dein und mein Szenario

Kapitel 1 – Unter Kontrolle

ER
"Wir erhoffen uns durch die umfassenden Marketing-Maßnahmen in den nächsten zwei Quartalen eine Umsatzsteigerung von 20%..."
Brrr Brrr. Bis zu dem Moment als das Handy vibriert, warst du vollkommen auf den Inhalt des Meetings konzentriert. Nun aber wird deine ganze Aufmerksamkeit von dem schmalen schwarzen Gegenstand eingenommen, dessen Display eine einzige verheißungsvolle Nachricht anzeigt "Wir haben sie." Du musst lächeln, in freudiger Erwartung an die nächsten Stunden.

Es begann vor 2 Wochen. Du standest am Bahnhof. Du bekleidest keinen übermäßig einträglichen Job. Es reicht zum Leben und für den einen oder anderen Luxus. Trotzdem fährst du jeden Morgen mit der Bahn. Du bist nicht besonders umweltbewusst. Du magst Zugfahren nur einfach und an Bahnhöfen begegnet man vielen verschiedenen Charakteren. Oft stellst du dir Geschichten zu den Menschen vor die deinen Weg kreuzen. Das menschliche Verhalten hat dich schon immer fasziniert. Hätte es damals mit dem Abitur geklappt, hättest du Psychologie studiert.
Während du deinen Arbeitstag im Geiste an dir vorbeiziehen lässt, nimmst du die Atmosphäre um dich herum auf. Für einen Herbsttag ist es ziemlich warm. Auf dem Gleis gegenüber steht ein Pärchen und streitet. Ein älterer Mann müht sich mit dem Fahrkartenautomat ab und verliert die Geduld. Du überlegst ob du ihm helfen sollst, da spürst du etwas an deinem Bein. Ein kleiner Hund schnuppert an deiner Hose und wird gleich darauf von seinem Frauchen weitergezogen. Die Dame murmelt eine Entschuldigung und schleift ihren Mops hinter sich auf dem Bahnsteig her. Das Geräusch des herannahenden Zuges reißt dich aus den Gedanken. Dann geht alles ganz schnell.
"...GENUG!", hörst du plötzlich vom Gleis gegenüber. Das Pärchen ist bei ihrem Streit lauter geworden. Nein, eigentlich nur der Mann. Er hat die Arme in die Luft geworden und gestikuliert wild während er auf die junge Frau einredet, -brüllt. Sie sieht betroffen aus. Starrt zu Boden, schüttelt leicht den Kopf als wollte sie widersprechen. Der Mann stürmt an ihr vorbei, ohne sich noch einmal umzudrehen, verlässt er den Bahnhof und lässt die Frau stehen. Du willst dich abwenden. Aber irgendwas hält deinen Blick auf die junge Frau gefangen. Erst glaubst du sie würde jeden Moment zu weinen beginnen. Doch dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Ihre Brust hebt und senkt sich energisch, ruckartig schnellt ihr Kopf nach oben, dann taucht ein Glitzern in ihren Augen auf. Angriffslustig, trotzig. Zielstrebig marschiert sie in die entgegengesetzte Richtung als ihre Begleitung. Dann rollt der Zug ein und versperrt dir die weitere Sicht. Der Moment dauerte nur kurz, aber ein Gedanke reift in dir heran. Mit einem Qietschen hält der Zug, die Türen öffnen sich, schließen sich. Heute fährt die Bahn ohne dich weiter.

Die Menschen fürchten vermehrt die virtuellen Gefahren in Zeiten der fortschreitenden Technik. Völlig verstört sind sie wenn sie von einem gewalttätigen Nachbarn oder einem verschwundenen Kind erfahren. Denn die unmittelbaren Gefahren werden verdrängt. Du brauchst kein GPS oder musst mit einem tragbaren Lesegerät ihre Bankkarte scannen. Du folgst ihr einfach vom Bahnhofs-Gelände, verfolgst sie durch die Stadt. In dem Getummel fällst du nicht auf. Doch auch außerhalb der Stadt, in den ruhigen Wohngegenden, wenn die Passanten spärlicher und der Lärm leiser werden, würde sie dich nicht hören. Sie hat die Ohrstöpsel in den Ohren und hört Musik. Nach einer Weile fällt dir auf, dass sich ihr Rhythmus alle drei bis vier Minuten verändert und du begreifst: sie passt ihre Schrittgeschwindigkeit an den Takt der Musik an. Du musst lächeln, denn dein erster Eindruck hat dich nicht getrübt. Sie scheint ein besonderes Mädchen zu sein.
An dem Altkleiderkontainer vor ihrem Haus machst du halt und drehst ihr den Rücken zu. Während sie ihre Hausschlüssel aus dem Rucksack kramt, zückst du dein Handy und gebärdest dich, als würdest du ein Foto von den Abfuhrzeiten des Altkleiderkontainers machen. Doch deine Vorsicht ist unbegründet, denn sie schaut immer noch nicht zu dir. Als sie im Haus verschwindet und wenige Sekunden darauf im zweiten Stock einer Wohnung das Licht an geht, wendest du dich um und trittst den Heimweg an. Du hast alles Nötige für die nächsten Schritte. Informationen und einen jemand, der dir einen Gefallen tun würde.

Die Schritte deiner Herrenschuhe hallen unnatürlich laut auf dem Betonboden wieder. Du hast dir nicht die Mühe gemacht dich zu Hause umzuziehen. Darum trägst du noch den Anzug von der Arbeit. Aber das ist in Ordnung. Er verleiht dir ein Gefühl von Sicherheit und Stärke. Vertrautheit. Mit Emilies Schlüssel öffnest du das Kellerabteil und betrittst eine andere Welt. Emilie hast du vor 3 Jahren kennen gelernt auf einer dieser Parties. Du hast dich von einem Freund überreden lassen mitzukommen, aber eigentlich hat es dich schon immer mal interessiert. Du hofftest nur, dass es keine dieser traurigen Veranstaltungen sein würden. Niveaulose Kerle, stillose Damen. Schlechtes Essen, schwummrige Beats, die den einzigen Zweck haben das Stöhnen zu übertönen. Halbherzige Versuche eine erotische Stimmung zu erzeugen. Ein Kerl der nicht kann, wenn man ihm zuschaut. Du hast auch immer nur zu gesehen. Bis heute.

Sie kniet auf dem kalten Steinboden vor dir. Deine Sinne sind geschärft wie bei einem Raubtier. Du siehst jetzt schon wie sich die Gänsehaut über ihre Schultern zieht. Sie muss frieren. Trägt nur ein Top und eine schwarze Jogginghose und ist doch das erotischste was du je in diesen Vier Wänden zu Gesicht bekommen hast. Marco hat sie beim Müll rausbringen abgefangen und in den Van ohne Nummernschild verfrachtet.  Er arbeitet gründlich, ist kein Idioten. Dort lag sie die ganze Nacht, hat er erzählt.
"Hat nicht mal geheult.", meinte Marco und wirkte dabei etwas verwirrt. Tapferes kleines Mädchen. Du hast dich also nicht in ihr getäuscht. Du hast dir eine Kämpferin ausgesucht.
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