Stay

von Chrunchie
GeschichteDrama, Romanze / P18
Dr. Marc Olivier Meier Dr. Margarete Haase Dr. Mehdi Kaan Sabine Vögler
23.10.2019
08.11.2019
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Kapitel Drei – Schlangen, Doktorarbeit und Leidenschaft im Sand

Wie jeden Morgen, krähte der Hahn im Dorf und weckte Anwohner, und Gäste. Im Gegensatz zu sonst, bekam Gina nur mühsam die Augen auf. Die Nacht war zu kurz gewesen, als dass sie beschwingt aus dem Bett hüpfen könnte. Taio hatte plötzlich Blut gespuckt, was ihren Malariaverdacht nicht entkräftete und zusätzliche Anhaltspunkte, für weitere Erkrankungen gab. Gretchen hatte sich am Tag zuvor den Magen verdorben. Weil seine erste Assistenz mit Magenschmerzen im Bett lag, zog Marc Gina hinzu. Ehe sie sich versah, wurde sie mit ihrem schlimmsten Albtraum konfrontiert. Marc Meier war äußerst penibel, was seine Arbeit anging und duldete keine Fehler. Dass der Flüssigkeitsmangel an ihrer Konzentration zehrte, interessierte ihn nicht. Sie solle gefälligst darüber stehen und die Arschbacken zusammenkneifen. Seine Boshaftigkeit konnte nur einen Grund haben. Gretchen musste ihm von ihren Bedenken erzählt haben!  

Stöhnend schwang sie die Füße aus dem Bett, setzte die Brille auf die Nase und streckte sich gähnend. Wenn sie gewusst hätte, was sie erwartete, wäre sie im Bett geblieben. Aber Gina hatte keine Ahnung! Wie jeden Morgen schlurfte sie in die Küche, wo ein ungewohntes Bild auf sie wartete. Ihre beste Freundin stand mitten im Raum! Mit einem breiten Lächeln im Gesicht, hielt sie ihr eine Tasse Kaffee hin. Als hätte sie nur darauf gewartet, dass sie kam.

„Guten Morgen, Gigi“, flötete sie ihr entgegen und bereits jetzt, hätte sie Lunte riechen können.

Gretchen Haase war immer die Letzte, die aus dem Bett kroch. Und Marc trug nicht gerade dazu bei etwas an diesem Umstand zu verändern. Die beiden waren meistens die letzten am Tisch. Den Grund dafür, wollte sie lieber nicht wissen! Davon abgesehen, war die Blondine ein Morgenmuffel.  

„Morgen“, brummte die Chirurgin verschlafen. Ohne das geringste Anzeichen von Misstrauen, nahm sie die Tasse Kaffee entgegen, die ihre Freundin ihr anbot. „Danke. Warum bist du schon auf?“, setzte sie hinzu und sah sich suchend um. Wo Gretchen war, war Marc Meier nicht weit. Auf ihn konnte sie beim besten Willen verzichten! Besonders am frühen Morgen und erst recht, wenn »Hasenzahn« in der Nähe war.

„Ich hab’ gedacht wir beide machen uns mal einen entspannten Tag“, antwortete Gretchen gut gelaunt. „Mit Marc ist das abgesprochen. Er kümmert sich heute vorwiegend um unsere Fälle und Samira bleibt heute zuhause, bei Nuomi.“

„Und was macht Mehdi?“, wollte Gina wissen.

„Der ist heute wahrscheinlich den ganzen Tag in der Pension.“ Schulterzuckend goss sie sich ebenfalls etwas Kaffee ein. „Malous Mann kam vor einer Stunde angerannt. Bei den beiden scheint es loszugehen. Für unseren Geschmack zu früh! Und anstrengend für Malou. Steißgeburt oder Kaiserschnitt, bleibt abzuwarten.“

„Schmerzhaft“, kommentierte sie trocken. Weswegen Frauen so begeistert vom Kinderkriegen waren, war für sie schwer nachzuvollziehen. Monatelang watschelten die Frauen herum wie ein überreifes Fass. Vernachlässigten sie die Pflege, riss die Haut unangenehm auf. Der eigene Körper veränderte sich ständig und nachhaltig. Und am Ende der Quälerei, mussten sie höllische Schmerzen ertragen. Erstrebenswert fand sie das nicht!

„Mhm“, stimmte Gretchen ihr zu. „Marc ist direkt mit rüber gefahren. Er wollte unbedingt wissen, wie es Taio heute geht. Hat die halbe Nacht kein Auge zugetan.“

„Wie wir alle, Gretchen.“

„Ich befürchte, dass Marc gar nicht mehr geschlafen hat.“ Nachdenklich biss sie auf der Innenseite ihrer Wange herum. „Ihn nimmt das mehr mit, als ich dachte.“

„Es würde mir, an deiner Stelle, zu denken geben, wenn ihn das kalt lassen würde. Immerhin reden wir hier von einem Kind, Gretchen“, äußerte Gina unvermittelt ihre Gedanken. „Du weißt, wie er ist.“

Das verdächtige Zucken des linken Auges ihrer besten Freundin ignorierte sie. Ein fataler Fehler …

„Ach! Weiß ich das?“, fauchte die Blondine. „Ich hatte in den letzten Wochen das Gefühl, dass du mehr Ahnung davon hättest, wer und wie Marc ist.“

Nun horchte sie doch auf. „Wie kommst du darauf?“, fragte sie nervös und rückte ihre Brille zurecht. Sie würde jetzt lieber in Torso eines Unfallopfers herumwühlen, als Gretchen anzusehen. Dabei hätte sie eigentlich damit rechnen müssen. Obwohl sie sich schon lange kannten, ging sie der Blondine auf den Leim. Weil sie nie damit rechnete, dass Gretchen die Konfrontation suchte. Sie war eben schon immer ein sehr friedliebender Mensch und ging Streitigkeiten lieber aus dem Weg. Gretchen gehörte früher, bevor sie sich von Peter getrennt und zurück nach Berlin gezogen war, zu der Sorte Menschen, die eher in eine Jauchegrube sprangen, als anderen die Meinung zu sagen. Sie selbst hatte ihr Verhalten immer fasziniert beobachtet. Wenn sie kurz vorm Explodieren stand, blieb Gretchen ruhig und gelassen. Und meistens ging die Strategie auf. Die Leute ärgerten sich viel mehr, wenn sie nicht auf die Plumpen Provokationen eingingen. Also biss sie die Zähne zusammen und ignorierte die Idioten, die ihr das Leben schwer machen wollten.  Warum musste Gretchen ausgerechnet jetzt mit ihrer Tradition brechen?

„Deine Kommentare zum Thema Familie, waren ein guter Anhaltspunkt“, antwortete Gretchen. Entweder hatte sie sich gut überlegt, was sie sagen wollte oder handelte rein nach Gefühl. Beide Optionen würden nicht zu ihrem Vorteil verlaufen, das wusste Gina bereits jetzt. „Lange habe ich mich gefragt, was du damit bezweckst. Erkannt habe ich es erst, als Taio krank wurde. Du versuchst Marc zu vergraulen“, urteile sie aufgebracht. „Und ich würde jetzt gerne wissen warum!“  

„Das hat keinen besonderen Grund, Gretchen“, entgegnete sie so überzeugend, wie möglich. „Ich will Marc nicht vergraulen. Mich interessiert es nur, was andere darüber denken. Aber sei doch mal ehrlich. Was zeigen dir seine Reaktionen?“

„Du brauchst dir keine Mühe geben es aussehen zu lassen, als würdest du das nicht mit Absicht machen, Gigi“, warnte Gretchen sie leise. „Immer wenn Marc und ich nicht in deiner Nähe sind, steckt du den Kopf mit Mehdi zusammen. Kaum sitzen wir ruhig zusammen, fängst du an über Zukunftsplanungen zu reden. Ja, Marcs Reaktionen sind eindeutig. Es ist mit jedoch egal, wie er heute reagiert. Für ihn ist das ebenso neu, wie für mich.“

„Ach komm!“ Frustriert schüttelte sie den Kopf. „Der Kerl würde am liebsten den nächsten Flieger nach Deutschland nehmen. Wann siehst du endlich ein, dass diese Beziehung ins Nichts führen wird und dir alles andere als guttut?“

„Das hast du nicht zu entscheiden, Gina. Es mag sein, dass ihn das überfordert. Es kann sogar passieren, dass er irgendwann die Flucht ergreift“, lenkte Gretchen ein. „Aber ich will mir nicht vorwerfen müssen, dass wir es nicht versucht hätten.“

„Du vergisst dabei allerdings, dass nur du diejenige bist, die bei diesem Versuch etwas zu verlieren hat. Glaubst du auch nur eine Sekunde daran, dass er dich vermissen würde?“, fragte sie. Da sie keine Antwort erwartete, fuhr sie unbeirrt fort. „Nein, Gretchen. Er würde sein altes Leben weiterleben, als wäre nie etwas gewesen.“

Dessen war sie sich sicher! Sie glaubte nicht daran, dass Marc sich geändert hatte. Ihrer Auffassung nach, war Gretchen ein Forschungsprojekt. Nicht mehr und nicht weniger. Je eher ihre Freundin das erkannte, desto besser. Für alle Beteiligten. Doch, wie so oft, stieß sie auf taube Ohren.

„Ich möchte, dass du damit aufhörst. Misch dich nicht in Angelegenheiten ein, von denen du nur die Hälfte verstehst.“

„Gretchen, du wirst deine Phantasie von der idyllischen Vorstadtromantik nicht bekommen. Nicht mit Marc Meier“, gab sie zu bedenken. Sie wollte das Thema nicht unter den Tisch fallen lassen. Hier bot sich gerade eine hervorragende Möglichkeit ihrer Freundin die rosarote Brille von der Nase zu nehmen. Es wäre dumm jetzt nachzugeben. „Ich will dich doch nur vor einer Enttäuschung bewahren.“

„Das kannst du ganz beruhigt meine Sorge sein lassen, Gina!“, versicherte Gretchen ihr. Sie war alt genug um auf sich selbst aufzupassen. Dafür, dass sie noch ganz am Anfang standen, lief es erstaunlich gut zwischen ihnen.

Körperliche Nähe ließ Marc ohne Vorbehalt zu und langsam, aber stetig, schien er sich auch auf emotionaler Ebene öffnen zu können. Dass sie dabei allein sein mussten, störte sie absolut nicht. Sie war einfach nur froh ihm näher kommen zu können. Ginas Aussagen trugen jedoch nicht dazu bei, dass es noch besser werden konnte. Sie warfen Marc eher mehrere Meter in seinem Verhalten zurück. Sofort flickte er die bereits eingerissene Mauer und zog sich dahinter zurück. Er brachte unbewusst Abstand zwischen ihn und Gretchen, was der Chirurgin allerdings nicht entging. Sie spürte seine geistige, manchmal auch körperliche Abwesenheit nur allzu deutlich.

„Wenn du meinst“, sagte Gina gleichgültig. Sie würde sich nicht den Mund verbieten lassen! „Beschwer’ dich nachher aber nicht bei mir, wenn du deine Traumhochzeit nicht bekommst. Und die wirst du nicht bekommen“, fügte sie leicht gehässig an.

„Wer sagt denn, dass ich das nach Alexis oder Frank, überhaupt noch will?“

„Ich bitte dich, Gretchen. Wir alle wissen, dass du genau das willst. Deine kleine Märchenhochzeit mit Marc Meier, die du bereits in der fünften Klasse haarklein durchgeplant hattest“, höhnte sie. Die Kleinmädchen-Fantasien ihrer Freundin waren ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Natürlich würde sie sich auch über einen Partner freuen. Aber sie würde dabei niemals die Realität aus den Augen verlieren und Realitätsverlust, war das einzige, worüber man hier reden konnte!  

„Lass es einfach sein, Gina! Ich will keine Provokationen mehr hören.“, forderte Gretchen. „Und jetzt gehe ich rüber und helfe Marc, wenn du nichts dagegen hast.“

„Wenn ich nichts dagegen habe?“ Bitter lachte Gina auf. „Ich habe nicht um eine derartige Unterhaltung gebeten, Gretchen.“

„Es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn du von selbst auf dein Fehlverhalten zusprechen gekommen wärst.“

Die Enttäuschung in ihrer Stimme war nicht zu überhören und der verletzte Blick, ging Gina durch Mark und Bein. Sie wollte nicht, dass Gretchen sauer auf sie war oder gar enttäuscht. Sie wollte, dass ihre Freundin nachdachte. Nach Möglichkeit bevor sie nach Berlin flogen, um der Hochzeit von Sabine Vögler beizuwohnen. Spätestens bei den Feierlichkeiten, würde Marc ein Licht aufgehen und Gretchen würde, wie sie es immer tat, mit ihm in Deutschland bleiben und ihren Träumen hinterher rennen. Auf der Strecke blieb dabei nur sie selbst und Gina nahm sich fest vor, das zu verhindern!

Doch bereits am Abend bemerkte sie, wie schlecht ihre Chancen standen.


Marc hatte in den letzten Tag jede freie Sekunde damit verbracht, sein Bauvorhaben in die Tat umzusetzen und nun verfügten sie über eine provisorisch zusammengezimmerte Dusche unter freiem Himmel. Im Haus von Samira gab es nur ein altes Becken und etwas, was einer Badewanne ähnelte, jedoch kein Wasser bei sich behalten konnte.

Selbstverständlich war es der Bauherr höchstselbst, der sein Werk testete. Nur mit einer engen schwarzen Boxershorts bekleidet, stand er unter dem Sieb, welches den Duschkopf ersetzte und goss über eine Schnur immer wieder frisches, wenn auch kaltes, Wasser nach. Zwar war das hier noch immer nicht das Gelbe vom Ei, jedoch um Welten besser, als sich notdürftig mit einer Flasche Wasser abzuwaschen und sich danach noch immer dreckig zu fühlen. Er hätte das hier so gern genossen. Sich ausgiebig gewaschen, was allerdings nicht möglich war, denn die Wasservorräte waren begrenzt. Aber vor allem wollte er es in Ruhe genießen.

Wie immer machte man ihm einen Strich durch die Rechnung. Was hatte er erwartet?, fragte er sich in Gedanken. Sie war schon immer eine sehr redselige Person gewesen.

„Marc? Können wir reden?“, fragte sie vorsichtig und lugte um die Ecke. Was sie zu sehen bekam, ließ ihr schon wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ihre Begegnungen beschrieb sie ihrem Tagebuch als dreifacher N-Moment; nah, nass, nackt. In diesem Fall halbnackt, aber nah dran. Wirklich viel bedecken tat der dünne Stoff nicht. Sie konnte klar definiert die Gesäßmuskulatur sehen und wenn er sich umdrehte, würde ihr Blick ungewollt in Zonen rutschen, die in der Öffentlichkeit lieber verdeckt blieben.

Er hielt die Augen geschlossen und brummte nur ein kurzes „Hmm“, in der Hoffnung, dass diese Unterhaltung nicht lange andauern oder viel geistige Konzentration forderte. Entspannung, war heute sein Motto! Die kurze Nacht und der darauffolgende lange Tag, hatten ihren Tribut gefordert. Heute wäre ihm sogar nach einer schönen Runde Loveboat, ganz nach Gretchens Geschmack. Von dem Gedanken schien seine Freundin meilenweit entfernt.

„Ich würde gern mit dir zusammen meine Facharbeit schreiben“, sagte sie mit Bedacht. Sie verstand seine Körperhaltung und wusste instinktiv, dass sie nur ein falsches Wort sagen musste und mit dem Ameisengesicht in die ewigen Jagdgründe geschickt wurde.

Sofort unterbrach er seine erste irgendwie Dusche und sah sie verwundert an. War das ihr Ernst? Oder wollte sie ihn nur beeindrucken? Vielleicht hatte er sich auch verhört. „Bitte?“, fragte er zur Vorsicht nach.

„Ich habe gesagt, dass ich gern mit dir zusammen meine Facharbeit schreiben würde, Marc“, wiederholte sie jetzt etwas lauter und selbstsicherer. „Wenn wir zurückfliegen, möchte ich endlich meinen Facharzt machen.“

„Warum so plötzlich?“, wollte Marc wissen und drückte sich einen Klecks Duschgel auf die Handinnenfläche, welchen er sofort auf seinem Körper verrieb. „Drückst dich davor doch schon seit einigen Jahren“, schob er nach.

„Ich weiß“, nuschelte sie beschämt. „In den letzten Monaten in Berlin habe ich mich voll auf dich und mich fokussiert, dabei hätte mein Augenmerk mehr auf meiner, deiner Meinung nach, nicht vorhandenen Karriere liegen sollen. Aber jetzt wo ich hier bin und den Menschen helfen kann und die vielen Frauen sehe, die so hart arbeiten ...“

Wild gestikulierend suchte sie nach den richtigen Worten. Sie wollte nichts Dummes sagen, sodass er sie auslachen würde. Der Gedanke, der in ihrem Kopf umherschwirrte, ließ sich schwer anders formulieren.

„Ich will unabhängig sein, Marc. Unabhängig von meinen Eltern, von dir oder Männern im Allgemeinen. Ich will auf eigenen Beinen stehen. Meinen Lebensunterhalt selbst verdienen und mit Stolz sagen können, dass ich etwas erreicht habe, in meinem Leben“, platze aus ihr heraus, ohne, dass sie Luft holte. Erschrocken über ihren emotionalen Ausbruch, sah Marc sie an und wie immer, deutete sie ihren Blick falsch. „Schau’ mich doch nicht so an. Ja, wir führen sowas ähnliches wie eine Beziehung. Trotzdem will ich mich nicht ins gemachte Nest setzen!“, erklärte sie ihm.

„Da ist auch nichts gegen einzuwenden. Ich begrüße das sogar, Gretchen“, versicherte er ihr. „Der Gefühlsausbruch kam nur unerwartet. Außerdem drückst du dich, seit ich dich kenne, vor solchen Mammutaufgaben.“ Er grinste sie breit an und automatisch wusste Gretchen, dass er an ihre Doktorarbeit dachte. Die hatte sie auch soweit vor sich her geschoben, bis ihr Vater den Brief von der Ärztekammer bekommen hatte und sie gezwungen war, sich darum zu kümmern. Diesmal sollte es anders werden!

„Genau das ist doch der Punkt. Ich drücke mich vor den wirklich wichtigen Dingen im Leben und ich denke, dass es mal langsam an der Zeit ist, etwas daran zu ändern“, antwortete sie. „Ich darf mich einfach nur nicht mehr von dir ablenken lassen. Mir widerstrebt es mein Leben lang, sollte das mit uns überhaupt funktionieren, die Assistenz hinter dem großartigen Marc Meier zu sein.“

„Ja, äh – was soll ich dazu jetzt sagen?“, fragte er konfus. Sie war nie die Assistenz hinter ihm, sondern immer die Assistenz neben ihm gewesen. Aber er würde einen Teufel tun und ihr das jetzt auf die Nase binden. Weswegen er unbedacht drauf los plapperte, was dem rosaroten Hirnzentrum seiner Freundin wohl alles andere als gut bekommen würde. „Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass das mit uns tatsächlich klappen kann, denke ich, dass du recht hast. Vorausschauendes Denken ist nie verkehrt“, meinte er überzeugt.

Inzwischen hatte er sich den Schaum vom Körper gespült und ging nun langsam auf die Blondine zu. Lächelnd nahm er ihr Gesicht in seine Hände. „Musst dich ja nicht mehr auf andere Dinge fokussieren. Wobei ich dir raten würde, dich in gewissen Momenten nur auf mich zu fokussieren.“ Kaum hatte er dies ausgesprochen, presste er seine Lippen auf ihre. Erst als sie erschrocken die Augen aufriss und ihm fest gegen den Arm schlug, deutete sie seine Worte richtig. Obwohl er versuchte es zurückzuhalten, gluckste er belustigt auf und lachte leicht in den Kuss hinein.

„Könnt ihr auch mal die Finger voneinander lassen?“, unterbrach Mehdi mit gereizter Stimme den Augenblick. „Unfassbar, wirklich. Egal wann man euch sieht, hängt ihr mit den Lippen aneinander, wie Siamesische Zwillinge“, beschwerte er sich.

Für ihn war es schwer zu akzeptieren, dass Gretchen lieber Marc wollte, als ihn. Immerhin war er immer für sie da gewesen. Er hatte ihr zugehört, ihr beigestanden und sie immer wie eine ehrbare Frau behandelt. Nicht, dass er sich so gar nicht für die beiden freuen würde. Das tat er wirklich! Wann auch immer Marc ihn dabei erwischte, wie er Gretchen verträumt ansah, versicherte der Gynäkologe das seinem besten Freund. Sehen wie glücklich und frisch verliebt die beiden waren, musste er trotzdem nicht.

Widerwillig ließ Marc von Gretchen Lippen ab, stellte sich hinter sie und umschlang ihre Taille mit seinen Armen. Den Kopf legte er auf ihrer Schulter ab und betrachtete sie von der Seite. „Darf ich dir vorstellen, Mehdi? Frau Doktor Margarethe Hasse, Chirurgin“, sagte er stolz.

Diese Aussage verwirrte nicht nur Mehdi, sondern auch Gretchen, die ihn perplex ansah.

„Assistenzärztin der Chirurgie, Marc“, verbesserte sie ihn. Warum er sie Mehdi vorstellte, verstand sie zwar nicht, aber sie hatte gelernt, dass man kleinen Jungs ihren Spaß lassen sollte.

„Noch“, entgegnete er. „Wenn wir zwei mit deiner Facharbeit fertig sind, bist du endlich Chirurgin. Und eine verdammt gute, noch dazu. Du hast jetzt schon alles was du brauchst, Hasenzahn!“

Doktor Kaan traute seinen Ohren kaum. Hatte Marc Meier seiner Freundin gerade ein Kompliment gemacht? Verdattert sah er die beiden an. Ein Kompliment aus Marcs Mund, welches auch rückwirkend galt, war einen Eintrag im Kalender wert!

Ähnliches schien auch Gretchen zu denken, die sich ohne Vorwarnung in seinem Arm umdrehte, ihre Arme um seinen Nacken schlang und ihn stürmisch küsste. Völlig von den Socken gerissen, hatte Marc kurz Probleme damit, ihrem Handeln zu folgen. Doch es dauerte nicht lange, bis er sich gefangen hatte und Mehdi mit einer kurzen Handbewegung deutete, sie allein zu lassen. Dem kam der Gynäkologe nur zu gern nach. Erst als Mehdi außer Sicht war, erwiderte Marc ihren Kuss. Es dauerte nicht lange, bis sich daraus eine, nicht ganz jugendfreie, Knutsch-Fummelei entwickelte und sie zusammen im warmen Sand landeten.

„Marc, lass uns reingehen“, keuchte Gretchen außer Atem, als er ihre Lippen kurz freigab um ihr das lästige Top über den Kopf zu ziehen. „Du hast dich gerade erst gewaschen.“

„Macht nichts“, erwiderte er. „Kannst mich nachher gerne noch einmal waschen. Vielleicht ist das Ding ja doch stabiler, als es aussieht.“ Grinsend ließ er seine Augenbrauen tanzen und stellte damit eine weitere lange Nacht in Aussicht, wenn auch aus deutlich erfreulicheren Gründen!


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