Stand by Me

von Liany
OneshotDrama, Romanze / P12 Slash
Kim Seokjin RM
22.10.2019
22.10.2019
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Gefühle kann man sich nicht aussuchen.


Mit gesenktem Kopf stand ich im Flur, meine Hände zu Fäusten geballt. Um mich herum herrschte völlige Dunkelheit, nur aus der geöffneten Wohnzimmertür drang ein Lichtstrahl. Stimmengewirr und Gelächter war zu hören, im Hintergrund lief angesagte Pop Musik. Angespannt konzentrierte ich mich nur auf eine einzige Stimme und grub meine Zähne schmerzhaft in meine Unterlippe. Seine beruhigende und trotzdem kräftige Stimme, würde ich sofort unter Tausenden heraushören. Es störte mich nicht, dass Namjoon sich fast jeden Abend mit seinen Freunden traf, mit ihnen trank und lachte. Viel mehr enttäuschte es mich, wie er sich vor ihnen verhielt und über mich sprach.

„Schon wieder?“ Flüsternd vernahm ich Yoongis Stimme und obwohl er plötzlich neben mir aufgetaucht war, erschrak ich nicht.
„Wohl eher, wann nicht“, murmelte ich und spürte wie sich mein Mitbewohner neben mir an die Wand lehnte.
„Wie lange willst du dir das noch an tun?“ So oft hatte er mir diese Frage jetzt schon gestellt, dabei waren Namjoon und ich gerade mal drei Wochen zusammen.
Drei Wochen in denen ich mehr gelitten hatte als alles andere.
„Er behandelt dich wie Dreck“, zischte Yoongi und sprach damit aus, was ich nicht wahr haben und hören wollte. Schulter an Schulter standen wir nebeneinander, die kleine Gruppe Männer im Raum neben uns grölte immer lauter und auch Namjoon schien seinen Spaß zu haben.
„Nicht immer“, sagte ich leise, woraufhin Yoongi lediglich abwertend schnaubte. „Mach dir doch nichts vor.“
„Wenn wir alleine sind, ist er-“
„Jaja, dann ist er ein anderer Mensch“, unterbrach er mich, erhob dabei seine Stimme, die vor Sarkasmus triefte. „Deswegen bist du auch so glücklich.“

Seufzend stieß ich mich von der Wand ab, ließ Yoongi einfach stehen. Ich wollte seine Vorwürfe, die der Wahrheit entsprachen, nicht mehr hören.
„Seokjin?“
Mit der Hand auf dem Türgriff verharrte ich und drehte meinen Kopf fragend in seine Richtung. Yoongi war mir ein paar Schritte gefolgt und obwohl sein Gesicht im Dunkeln lag, konnte ich die Fürsorge in seiner Stimme hören. „Du kannst immer mit mir reden.“
„Es ist alles in Ordnung“, erwiderte ich emotionslos, betrat mein Zimmer und drückte die Tür leise ins Schloss. Ohne Licht anzuschalten, öffnete ich meine Jeans, streifte sie mir von den Beinen und ließ sie auf dem Weg zum Bett, auf den Boden fallen. Den Tränen nah, schlüpfte ich unter meine Decke und vergrub mein Gesicht in meinem Kissen.

Weit nach Mitternacht, ich war in einen leichten Dämmerschlaf gefallen, hörte ich wie die Tür geöffnet und kurz darauf wieder geschlossen wurde. Leise Schritte näherten sich meinem Bett, bevor die Matratze unter dem Gewicht einer weiteren Person einsank. Kalte Finger schoben sich unter mein Shirt, fuhren über meine Seiten und bescherten mir eine unangenehme Gänsehaut.
„Ich hab dich vermisst“, flüsterte Namjoon, kuschelte sich ausatmend an meinen Rücken und hauchte zärtliche Küsse in meinen Nacken.
Verspannt ließ ich seine Berührungen über mich ergehen, reagierte nicht auf seine liebevollen Worte und vergoss stumme Tränen.

~♥~

Müde stand ich am nächsten Tag in der Küche. Die halbe Nacht hatte ich damit verbracht, Namjoons gleichmäßigen Atemzügen zu lauschen. Jetzt war ich völlig erschöpft und brauchte dringend einen Kaffee.
„Morgen.“ Träge drehte ich meinen Kopf in Yoongis Richtung, der mit verwuschelten Haaren die Küche betrat.
„Kaffee?“, fragte ich leise und füllte eine zweite Tasse, nachdem mein Mitbewohner unmerklich genickt hatte. Schweigend reichte ich sie ihm, lehnte mich gegen die Küchentheke und wich Yoongis durchdringendem Blick aus. „Ich möchte nicht reden.“
„Wie immer“, murmelte er und schnaubte leise.
Die Stimmung zwischen uns war angespannt. Yoongi wollte etwas sagen, doch mit einem warnenden Blick zu ihm, ließ er es glücklicherweise bleiben.

„Seokjin?“
Namjoons Stimme war im Flur zu hören, nachdem eine Tür geöffnet wurde und anschließend mit einem Knall ins Schloss fiel. Seufzend stellte Yoongi seine Tasse zur Seite und verdrehte die Augen. „Viel Spaß“, sagte er abwertend und verließ die Küche, um in der geöffneten Tür beinah mit Namjoon zusammenzustoßen.
„Morgen, Yoongi“, begrüßte dieser ihn fröhlich und zog fragend eine Augenbraue hoch, als Yoongi ihn einfach ignorierte. „Hat er schlecht geschlafen?“
„Ich weiß nicht. Gut möglich“, antwortete ich ausweichend und verspannte mich, als Namjoon mir meine Tasse aus der Hand nahm.
„Wie geht es dir?“, fragte er mich, während er sie zur Seite stellte und seine freie Hand an meine Taille legte. „Gut.“ Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen, drückte mich an ihn und verbarg mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Wohlig seufzend genoss ich seine Nähe, fuhr mit meinen Händen über seine Seiten und legte sie auf seinen Rücken. Meine Finger kribbelten, seine Körperwärme übertrug sich auf mich und ich vergaß für einen Moment all unsere Sorgen.
„Was hast du gestern Abend gemacht?“ Ich riss meine Augen auf und löste mich räuspernd aus Namjoons Umarmung.
„Buch... ich meine, ich habe gelesen“, stammelte ich und rang mir ein kleines Lächeln ab.
„Worum ging's?“ Interessiert musterte Namjoon mich, griff nach meiner Tasse und trank einen Schluck.
„Mh?“
„Was für ein Buch hast du gelesen?“, präzisierte er seine Frage, legte seine Hand an meine Wange und schenkte mir ein kleines Lächeln. „Wo bist du nur mit deinen Gedanken?“
„Ähm... ich habe nicht so gut geschlafen“, antwortete ich und widerstand dem Drang, mich seiner Berührung zu entziehen.
„Möchtest du dich nochmal hinlegen?“
„Kaffee reicht“, antwortete ich und freute mich über seine Fürsorge. Zwinkernd nahm ich ihm meine Tasse aus der Hand, leerte den verbliebenen Inhalt mit einem großen Schluck und stellte sie dann in die Spüle.

„Hast du heute schon was vor?“, fragte ich Namjoon, schlang meine Arme um seinen Hals und sah ihm tief in die Augen.
„Noch nicht, hast du was geplant?“ Mein Herz begann zu rasen, als er seine Hände unter mein ausgewaschenes Shirt schob und federleicht über meine Seiten streichelte.
„Wir könnten auf ein Date gehen“, schlug ich leise vor und hauchte einen federleichten Kuss auf seine rosigen Lippen. „Ein kleines Café oder vielleicht in der Stadt spazieren gehen.“ Meine Hoffnung wurde jäh zerstört, als sich Namjoons Gesichtsausdruck unmerklich veränderte. „Wollen wir nicht lieber etwas gemütliches machen? Einen Film oder wir zocken was zusammen.“
Gezwungen lächelte ich ihn an und nickte mehrmals. „Klar, gerne. Ein Film hört sich gut an“, nuschelte ich und versuchte mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
„Lass uns wann anders auf ein Date gehen“, sagte Namjoon, küsste mich flüchtig und verließ dann summend die Küche.
„Wann anders“, nuschelte ich tonlos und ließ die Schultern hängen.

Wenig später lag ich mit Namjoon auf meinem Bett, kuschelte mich in seine Arme und hielt seine Hand. Über seinen kleinen Laptop, der vor uns auf meiner Decke lag, sahen wir uns einen Film an, den er ausgesucht hatte. Von Zeit zu Zeit hauchte er einen federleichten Kuss auf meine Schläfe und strich mit seinem Daumen über meinen Handrücken. Ich genoss seine liebevollen Zuwendungen und kleinen Gesten, die ich nur in der Abgeschiedenheit der WG von ihm bekam.
„Namjoon?“, durchbrach ich die beruhigende Stille zwischen uns und hob den Kopf, um ihn ins Gesicht zu sehen. „Magst du mich?“
Irritiert zog er seine Augenbrauen zusammen und erwiderte meinen Blick. „Natürlich. Sonst wäre ich ja nicht mit dir zusammen.“
„Was genau magst du an mir?“
Namjoon antwortete nicht sofort, sah mich fragend an, bevor er sich von mir löste und den Film pausierte. Mit einem Mal war es unglaublich still zwischen uns und ich setzte mich seufzend auf, strich mir dabei ein paar kitzelnde Strähnen aus der Stirn.
„Seokjin, was ist los? Warum fragst du so etwas?“, fand Namjoon seine Stimme wieder und griff nach meiner Hand.
„Antworte mir einfach“, bat ich ihn leise und versuchte dabei nicht allzu harsch zu klingen.
„Mh“, begann Namjoon, schien sich seine nächsten Worte zurechtzulegen. „Ich mag deinen Charakter, du bist liebevoll, hilfsbereit und fürsorglich. Du hast immer ein offenes Ohr für mich oder Yoongi, versuchst überall zu helfen. Deine Augen, sobald du dich freust, strahlen sie.“

Alles was er sagte, hörte sich viel zu gut an und so gerne ich auch wollte, konnte ich ihm nicht glauben. Ich konnte es einfach nicht.
„Warum gehen wir dann nie raus?“
Verständnislos sah er mich an und ich entzog ihm mit einem Ruck meine Hand. „Seit drei Wochen sind wir zusammen, kein einziges Mal waren wir bisher auf einem Date. Du hältst mich hin, erfindest ausreden und vertröstest mich“, warf ich ihm vor, versuchte dabei ruhig zu bleiben. „Bin ich dir peinlich? Willst du überhaupt mit mir zusammen sein?“
Hörbar schnappte Namjoon nach Luft und sah mich mit riesigen, geweiteten Augen an. „Natürlich will ich mit dir zusammen sein. Ich dachte halt, es würde dir gefallen, einfach nur Zeit mit mir allein zu verbringen. Wir holen das nach, versprochen.“ Flehend sah er mich an und auch wenn ich nicht überzeugt war, nickte ich schließlich.
„Es tut mir Leid, ich wollte nicht laut werden“, murmelte ich verlegen.
„Ach, Quatsch. Du kannst, nein, du musst mir immer sagen, was in dir vor geht. Ich möchte nicht, dass du traurig bist, ja?“ Mein Herz machte einen kleinen Satz, als er mit einem liebevollen Ausdruck im Gesicht, seine Hand an meine Wange legte. „Verschließ dich nicht vor mir“, bat er mich leise und ich schmiegte meinen Kopf gegen seine warme Hand.
„Okay“, erwiderte ich tonlos und schloss die Augen, als seine Lippen meine berührten. Ich verlor mich in seinem Kuss, seinen geflüsterten, liebevollen Worten und vergaß warum ich in den letzten Tagen niedergeschlagen gewesen war. Wohlig seufzend kuschelte ich mich an ihn, als er sich auf den Rücken sinken ließ und mit seiner Hand sanfte Kreise auf meinen Rücken malte.

~♥~

Summend, nur mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen, betrat ich mein Zimmer. Auf meinem Bett lag bereits das Outfit, welches ich heute tragen würde und lächelte bei der Erinnerung daran, wie Namjoon mich nach einem Date gefragt hatte. Gut gelaunt schlüpfte ich in meine Boxershorts, zog mir dann meine hautenge Jeans über und stellte mich mit meinem Hemd vor den Spiegel. Ich ließ mir Zeit, knöpfte es langsam zu und verdrängte die kleine Stimme in meinem Kopf. Dieses Mal glaubte ich fest daran, dass es anders werden würde.
Locker schob ich den Saum meines Hemdes in den Bund meiner Hose und horchte auf, als mein Smartphone zu klingeln begann.
Namjoons Name stand auf dem Display, was sofort ein mulmiges Gefühl in mir auslöste.

Mit einem Kloß im Hals nahm ich den Anruf entgegen und zog verwirrt die Augenbrauen zusammen, als ich im Hintergrund Gelächter hören konnte.
„Seokjin?“, brüllte Namjoon mir ins Ohr.
„Ja?“
„Freunde von der Arbeit haben mich eingeladen, ich wollte dir nur Bescheid geben.“ Abrupt verspannte ich mich und ballte meine freie Hand zur Faust.
Er tat es schon wieder.
„Was ist mit unserem Date?“, fragte ich leise, biss mir schmerzhaft auf die Zunge, als ich eine weibliche Stimme in seiner Nähe hören konnte.
„Was? Ach ja, ich hab den Tisch auf morgen reserviert“, antwortete er daraufhin und ich verkniff mir einen bissigen Kommentar. „Warte nicht auf mich. Könnte spät werden.“
Namjoon gab mir nicht die Chance etwas darauf zu erwidern, legte im nächsten Moment einfach auf und ließ mich fassungslos zurück.
Tränen der Enttäuschung stiegen mir in die Augen, Wut kochte in mir hoch. Fauchend warf ich mein Smartphone auf mein Bett, drehte mich um und ballte meine Hand zur Faust.
Der Spiegel zerbrach.
Es klingelte in meinen Ohren, als das Glas brach, zu Boden fiel und zersplitterte.
Schwer atmend stand ich zwischen den gefährlichen Splittern, spürte ein leichtes Ziehen in meinen Knöcheln und hätte am liebsten geschrien.
Meine Gefühle überrollten mich, meine Augen brannten und ich drehte meinen Kopf träge in Richtung Tür, als diese geöffnet wurde.

Yoongis dunkle Augen huschten durch den Raum, verharrten für Sekunden an den Scherben, bis er sich auf mich konzentrierte. „Jin“, hauchte er tonlos, kam auf mich zu und griff nach meinem Handgelenk.
„Er hat... es schon... wieder getan“, brachte ich stockend hervor und spürte die ersten Tränen über meine Wangen rollen. Schluchzend griff ich nach seinem Pullover, zog daran und konnte mich nicht beruhigen. Meine Sicht verschwamm immer wieder, Yoongis Stimme hallte in meinen Ohren wider, ohne dass ich verstand was er sagte. Willenlos folgte ich ihm, ließ mich von ihm leiten und beruhigte mich erst sehr viel später.

Zusammen gesunken saß ich auf Yoongis Bett, mein Mitbewohner kniete vor mir und verband meine aufgeplatzten Knöchel. Emotionslos sah ich ihn an, musterte seine angespannten Gesichtszüge und schniefte leise.
„Danke“, sagte ich leise und räusperte mich, als meine Stimme zum Schluss versagte. Meine Wut war verraucht, geblieben war mir nur meine Enttäuschung über meinen Freund.
„Fertig.“ Ausatmend stand Yoongi auf, sammelte das Verbandszeug ein und sah mich dann liebevoll an. „Hast du Schmerzen? Brauchst du etwas?“
Unmerklich schüttelte ich den Kopf. „Geht schon“, murmelte ich und schloss meine Augen, als Yoongi mir sanft ein paar Strähnen aus der Stirn strich.
„Ich bring dir lieber eine Tablette“, meinte er leise, „Bin sofort wieder da.“

Innerlich leer sah ich ihm hinterher, fuhr mit einem Finger über den dünnen Verband und spürte einen dumpfen, pochenden Schmerz. Selten hatte ich bisher die Beherrschung verloren und hasste mich dafür. Ich war ein ruhiger Mensch, besonnen und versuchte mich nicht von meiner Wut beherrschen zu lassen. Namjoon hatte es allerdings innerhalb weniger Wochen auf die Spitze getrieben und ich war mit den Nerven völlig am Ende.
„Ich hab nur eine halbe Tablette gefunden“, vernahm ich Yoongis Stimme, bevor er das Zimmer betrat und die Tür hinter sich schloss. „Trink etwas, wenn du reden möchtest bin ich für dich da.“ Dankbar nahm ich die Flasche entgegen, schluckte die Tablette und spülte mit ein wenig Wasser nach. Yoongi drängte mich nicht, warf mir lediglich kurze Blicke zu und deutete mir an, ein Stück zur Seite zu rutschen. Ausatmend setzte er sich neben mich, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Kopfteil des Bettes und legte sich seinen Laptop auf die Beine.
„Ich arbeite an meiner Hausarbeit, wenn das in Ordnung ist“, teilte er mir mit, streckte sich und griff nach seinem Block, der auf dem Nachttisch lag.
„Störe ich dich nicht?“
„Überhaupt nicht. Ich muss nur etwas lesen und wichtige Punkte aufschreiben“, antwortete er kopfschüttelnd. „Du kannst auch schlafen, wenn dir danach ist.“
Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, neben Yoongi zu liegen und nachzudenken. Nur das gelegentliche Tippen auf der Tastatur war von ihm zu hören, was mich komischerweise beruhigte.

„Warum konnte ich mich nicht in dich verlieben?“, fragte ich in die Stille und bemerkte im Augenwinkel, wie Yoongi seinen Kopf in meine Richtung drehte. Unsicher erwiderte ich seinen Blick, setzte mich auf und räusperte mich.
„Was hat er gemacht?“, fragte er, ging nicht auf meine Aussage ein, stellte seinen Laptop auf den Nachttisch und legte seinen Block daneben.
„Er hat mich versetzt, was sonst“, murmelte ich und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare. „Anstatt mit mir Essen zu gehen, ist er mit seinen Arbeitskollegen unterwegs.“
„Du hast dich noch nie so sehr aufgeregt“, stellte Yoongi fest, fuhrt mit seinen Fingerspitzen über meine bandagierten Knöchel.
„Seit Wochen spielt er dieses Spiel mit mir. Langsam weiß ich nicht mal mehr, ob ich ihn überhaupt noch liebe.“ Aufgebracht schlug ich mit der Hand auf die Matratze und bereute es im nächsten Moment, als der pochende Schmerz wieder einsetzte. „Shit, ich hasse es. Ich versteh einfach nicht, was sein verdammtes Problem ist.“

„Jin.“
„Warum kann Namjoon nicht wie du sein? Du bist aufmerksam, kümmerst dich um... und hättest bestimmt kein Problem damit, mit mir nach draußen zu gehen.“ Anfänglich noch laut, wurde ich zum Ende immer leiser, bis ich gänzlich verstummte.
„Du weißt warum“, flüsterte Yoongi, wobei ein trauriger Ausdruck über sein Gesicht huschte. Ein schlechtes Gewissen machte sich in mir breit und ich schluckte schwer, als er mich liebevoll anlächelte. „Man sucht es sich nicht aus.“
„Yoongi, ich wollte dich nicht-“
„Mach dir keinen Kopf. Ich habe dir meine Gefühle gestanden, weil ich wollte. Dass du sie nicht erwiderst“, unterbrach er mich und legte seine Hand an meine Wange, „damit muss ich leben.“

Einem Impuls folgend, legte ich meine Hand auf seine und zog sie zu meinen Lippen. Überrascht weiteten sich seine Augen, als ich auf jeden Finger einen federleichten Kuss hauchte.
„Mach mir keine Hoffnung wo keine ist“, murmelte er, entzog mir seine Hand und stand hastig auf.
„Warte-“
„Lass gut sein. Schlaf ein wenig, ich hab noch zu tun“, unterbrach er mich ein weiteres Mal und ließ mich mit diesen Worten allein.
Niedergeschlagen und peinlich berührt, saß ich auf seinem Bett und ließ mich stöhnend auf den Rücken fallen. Ich hatte wirklich ein ungewolltes Talent dafür, eine Situation noch viel schlimmer zu machen, als sie ohnehin schon war. Einerseits wollte ich mit Yoongi über seine Gefühle sprechen, andererseits wollte er bestimmt seine Ruhe haben.
In diesem Moment wusste ich nicht mehr, ob ich Namjoon liebte oder nicht.

~♥~

Laute Stimmen weckten mich. Sie drangen an mein Ohr, undeutlich aber dennoch hörbar, noch bevor ich die Augen öffnete und verwundert blinzelte. Gähnend setzte ich mich auf und orientierte mich, bevor die Erinnerungen langsam zurückkamen. Ich war tatsächlich eingeschlafen und sofort fragte ich mich, wo Yoongi geschlafen hatte. Brummend massierte ich meinen verspannten Nacken, schwang die Beine über die Bettkante und stand vorsichtig auf. Leichter Schwindel überkam mich, ehe ich meinem Gleichgewichtssinn traute und zur Tür ging.
Die Stimmen wurden lauter und ich öffnete so leise wie möglich die Tür.

„Du bleibst hier verdammt“, sagte Yoongi bestimmend, stieß Namjoon an den Schultern zurück. „Warte bis er mit dir reden will.“
„Ich will wissen was los ist, warum ist der Spiegel zerstört? Er ist mein Freund, es ist mein gutes Recht“, zischte Namjoon daraufhin und funkelte meinen Mitbewohner wütend an.
„Recht?“ Schnaubend schüttelte Yoongi daraufhin den Kopf. „Du nimmst dir ziemlich viel raus.“
„Was meinst du damit?“
„Wenn du das selbst nicht weißt, tust du mir wirklich Leid.“ Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie furchteinflößend Yoongis Gesichtsausdruck sein musste. Beinah Kopf an Kopf standen sie sich gegenüber, während die angespannte Stimmung greifbar war.

„Beruhigt euch bitte“, bat ich sie, woraufhin ihre Aufmerksamkeit sofort auf mir lag. Unsicher blieb ich in der geöffneten Tür stehen und räusperte mich verlegen.
„Was ist passiert?“, ergriff Namjoon das Wort, schob sich an Yoongi vorbei und griff vorsichtig nach meiner Hand. „Warst du das mit dem Spiegel?“
Überrascht über seine Fürsorge, fehlten mir im ersten Moment die Worte, bis mir der Grund meiner verletzten Hand wieder in den Sinn kam.
„Ja, war ich“, antwortete ich und sah ihm dabei fest in die Augen. „Du bist der Grund.“
Als hätte er sich verbrannt, zog er seine Hand zurück und sah mich verständnislos an. „Was?“
„Du hast mich schon wieder versetzt. Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft das jetzt schon passiert ist. Wir sind seit drei Wochen zusammen und was haben wir gemacht?“
Den Mund einen Spalt geöffnet, stand Namjoon vor mir und schien nicht zu wissen, was er sagen sollte.
„Nichts. Überhaupt nichts. Ich habe das Gefühl, du versteckst mich“, stieß ich hervor und ballte meine unverletzte Hand zur Faust. „Warum bist du so? So stelle ich mir keine Beziehung vor.“

Kein Wort kam Namjoon über die Lippen. Er schwieg. Sah mich lediglich irritiert an.
Knurrend machte ich einen Schritt auf ihn zu, als Yoongi neben mir auftauchte und eine Hand auf meinen Arm legte. „Nicht. Das bist nicht du“, flüsterte er und schüttelte den Kopf. Zu meiner Schande hatte ich tatsächlich darüber nachgedacht, Namjoon mindestens eine Ohrfeige zu verpassen. Tief ein und ausatmend entspannte ich mich, warf Yoongi einen dankbaren Blick zu und konzentrierte mich wieder auf Namjoon. Dieser sah mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck, zwischen uns hin und her.
„Hast du mir etwas zu sagen, Namjoon?“, stellte ich die Frage, die mir schon lange im Gedächtnis herumschwirrte.
„Seokjin... ich habe es dir doch letztens gesagt“, begann er unsicher, trat unruhig von einem Bein aufs andere.

„Meine Fresse, du gibst vor deinen Freunden mit deinen ständigen Frauengeschichten an. Darum geht es ihm. Hör auf den Dummen zu spielen“, schaltete sich Yoongi lautstark ein und schnaufte wütend. Hörbar schnappte Namjoon nach Luft.
„Was... wie, woher?“
„Jedes Mal wenn deine Freunde hier sind, meinst du ernsthaft ich verkrieche mich brav in meinem Zimmer? Ich habe alles gehört, für dich bin in solchen Momenten nur der Kumpel“, stieß ich ungehalten hervor und erinnerte mich an die unzähligen Abende. „Jetzt sag mir endlich was dein Problem ist.“
Von Yoongi und mir in die Ecke gedrängt, ließ Namjoon schließlich die Schultern hängen und seufzte leise. „Okay, bevor ich anfange, möchte ich mich für alles entschuldigen. Es tut mir wirklich leid.“
„Wenn ich wüsste was, könnte ich dir vielleicht verzeihen“, erwiderte ich, dabei entging mir nicht, dass sich seine Mundwinkel nach unten zogen. Kein gutes Zeichen.

„Ich habe Angst. Niemand aus meiner Familie oder näheren Umgebung weiß, dass ich schwul bin.“ Geschockt starrte ich ihn an und hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren.
„Aber... du hast mir gesagt, du hättest schon mehrere Beziehungen mit Männern geführt“, sagte ich tonlos und erkannte langsam die Lüge dahinter.
„Für mich ist es nicht so leicht wie für dich. Du scheinst absolut keine Probleme damit zu haben, bewegst dich frei und offen. Jedes Mal wenn ich vor hatte es jemanden zu sagen, hat mich mein Mut verlassen.“ Tief ausatmend, wich er meinem Blick aus. „Da habe ich angefangen es zu überspielen. Ich bin davon ausgegangen, dass du es nicht mitbekommst... was ja offensichtlich nicht der Fall ist. Es hat sich gut angefühlt, ich konnte mit dir Zeit verbringen und gleichzeitig meine Freunde sehen“, gab er zu und errötete ein wenig.
„Also hast du mich angelogen und verleugnet?“, fasste ich zusammen, woraufhin er unmerklich nickte. „Liebst du mich überhaupt? Ist das wenigstens die Wahrheit?“
„Natürlich liebe ich dich“, stieß er hervor und machte einen Schritt auf mich zu. „Wirklich.“
Knurrend schob Yoongi sich vor mich, woraufhin Namjoon abrupt stehen blieb und fragend eine Augenbraue hochzog. „Warum mischt du dich überhaupt ein?“
„Meinst du mir ist entgangen, wie sehr er unter deinen ganzen Lügen gelitten hat? Ich war es immerhin, der ihn jedes Mal getröstet hat“, antwortete er betont ruhig. „Außerdem war er vor dir mein Mitbewohner, er ist mir ziemlich wichtig.“

„Warte mal.“ Mit großen Augen blickte Namjoon zwischen uns hin und her. „Du magst Seokjin.“
„Spielt das hier eine Rolle?“, erwiderte Yoongi ausweichend und drehte sich leicht zu mir. „Es geht hier nicht um mich, sondern um deinen Freund.“
„Namjoon“, begann ich und erhaschte damit seine Aufmerksamkeit. „Beantworte mir eine Frage. Bist du bereit dich zu outen?“
Die Sekunden verstrichen und mit jeder weiteren, wusste ich seine Antwort bereits.
„Ich weiß nicht.“
Ich konnte nicht mal weinen. Es waren drei Wochen gewesen, in denen ich wirklich geglaubt hatte, einen wunderbaren Freund an meiner Seite zu haben. Stattdessen war alles eine Lüge gewesen.
„Es tut mir leid“, hauchte Namjoon und ich glaubte ihm. Tränen glitzerten in seinen Augen und ich war versucht ihn in den Arm zu nehmen, um ihm zu sagen, dass es in Ordnung war. Aber das war es nicht.
„Ich gebe dir Zeit, um darüber nachzudenken“, sagte ich monoton. „Schlaf in deinem Zimmer oder woanders.“ Ich wartete keine Reaktion von ihm ab, schob mich an beiden vorbei und und ging mit schweren Schritten in mein Zimmer.

~♥~

Zwei Wochen später, ich hatte Namjoon so gut wie nicht gesehen, zog er schließlich aus. Ich hatte mit dieser Entscheidung bereits gerechnet, während ich mich die letzten Tage mit meinen Gefühlen auseinandergesetzt hatte. Schweigend stand ich im Flur, beobachtete wie Namjoon seine Schuhe anzog und in seine Jacke schlüpfte. Ein großer Koffer und eine Tasche standen an der Tür und auch wenn wir nicht mehr zusammen waren, stimmte es mich traurig.
„Das müsste alles sein“, meinte Namjoon mehr zu sich selbst und sah mich dann verunsichert an.
„Seokjin... ich wollte mich nochmal bei dir entschuldigen. Ich habe alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann.“
„Komm her“, bat ich ihn und schlang meine Arme um seinen Körper. Zum letzten Mal streichelte ich mit meinen Händen über seinen Rücken, sog seinen bekannten Duft ein und spürte seine Körperwärme, die sich auf mich übertrug.
„Ich liebe dich, glaubst du mir das?“, flüsterte er mir ins Ohr, bescherte mir damit eine Gänsehaut.

Nur widerwillig löste ich mich von ihm, strich mit meinen Fingerspitzen über seine Wange und trat dann einen Schritt zurück. „Es sollte einfach nicht sein“, meinte ich leise und lächelte ihn wehmütig an. „Ich werde dich vermissen.“
„Ich dich auch“, erwiderte Namjoon daraufhin, nahm seine Taschen und öffnete die Tür. Schwer schluckend sah ich ihm hinterher und verdrängte meine aufkommenden Tränen.
„Namjoon?“
Über seine Schulter sah er fragend zu mir, schien selbst um Fassung zu ringen. „Ich hoffe, dass du irgendwann zu dir selbst stehen kannst.“
Namjoon sagte nichts mehr dazu, nickte lediglich und zog die Tür hinter sich zu. Dumpf konnte ich seine Schritte auf der Treppe hören, die sich langsam entfernten, bis sie schließlich verstummten.

Lange stand ich einfach nur im Flur, bis ich hinter mir Yoongis Stimme hörte. „Wie geht es dir damit?“
„Ich weiß nicht“, antwortete ich ehrlich und drehte mich zu meinem Mitbewohner um. „Ich fühle gerade nichts, ich bin nicht mal traurig.“
„Na komm, lenken wir dich ein wenig ab.“ Mit einer knappen Handbewegung bedeutete er mir, ihm zu folgen und betrat das Wohnzimmer. Neugierig betrat ich hinter ihm den Raum und war überrascht, als ich den gedeckten Tisch entdeckte. „Wofür?“
„Ich dachte, dein Lieblingsessen und ein paar Folgen deiner Serie, wäre eine gute Möglichkeit den heutigen Tag ausklingen zu lassen“, erklärte er, sah mich dabei unsicher an. „Nicht gut?“
„Es ist perfekt“, erwiderte ich ehrlich und schenkte ihm ein breites Lächeln, welches er sofort erwiderte.

Wenig später saßen wir nebeneinander auf der Couch, ließen uns Yoongis gekochtes Essen schmecken und unterhielten uns angeregt.
„An meinen Gefühle für dich hat sich nichts geändert“, sagte er irgendwann, sah mich dabei aber nicht an.
„Yoongi, ich weiß nicht was ich gerade fühle.“
„Ich würde unglaublich gerne mit dir ausgehen“, erwiderte er und drehte seinen Kopf in meine Richtung, um mich schüchtern anzulächeln.
„Gib mir Zeit“, bat ich ihn und griff zaghaft nach seiner Hand, um unsere Finger miteinander zu verschränken.
„Keine Sorge, ich bin geduldig. Hoffnungen mache ich mir schon ein wenig länger.“ Ein tonloses Lachen kam ihm über die Lippen, welches nicht abwertend gemeint war. „Man sucht es sich nicht aus, mh?“
Lächelnd lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter, brummte zustimmend und fasste einen Entschluss. Yoongi hatte definitiv eine Chance verdient.



~♥~

Hallo ihr Lieben. :)

Dieses Mal ist es eine kleine, weniger romantische Geschichte, die euch
hoffentlich gefallen wird. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und lasst mir gerne
eure Meinung da.

Bis zum nächsten Mal.
Liany ♥
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