Sonne in der Nacht

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
OC (Own Character)
21.10.2019
06.08.2020
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21.10.2019 6.683
 
„Warum mussten wir unbedingt in dieses Nest ziehen?“, hörte ich Noah mit einem missgestimmten Seufzen fragen – zum gefühlten fünfhundertsten Mal an diesem Tag. Seit wir von Tölz aus losgefahren waren und damit einen endgültigen Haken unter unsere Zeit dort gesetzt hatten, war er schon schlecht gelaunt – und es hatte mich zugegebenermaßen auch eine Menge Überredung gekostet, ihn dazu zu bewegen, sich darauf einzulassen und unserer, oder besser gesagt meiner beruflichen Zukunft überhaupt eine Chance zu geben.
Aber das war ehrlich gestanden nichts, was ich nicht schon kannte. Bereits seit mehreren Wochen sorgte dieses Thema immer wieder für Diskussionen zwischen uns. Denn im Gegensatz zu mir war er ein Stadtmensch und an das Landleben überhaupt nicht gewöhnt, weshalb ich auch mit Engelszungen auf ihn hatte einreden müssen, bis er sich schlussendlich geschlagen gegeben und zugestimmt hatte, mich bei meinem Vorhaben zu begleiten und zu unterstützen.
Ehrlich gesagt war ich selbst überrascht gewesen, als ich mich vor einiger Zeit mit einem guten Bekannten getroffen hatte, der genau wie ich als Tierarzt tätig war – und mir im Zuge unseres Gesprächs offengelegt hatte, dass er seine Praxis aufgeben wollte und daher einen Nachfolger suchte, der sie übernehmen würde.
Ziemlich lange hatte ich darüber nachgedacht, ob ich das annehmen konnte und mich auch mehrfach mit diversen Bekannten, sowie natürlich auch mit meinem Freund darüber beraten, was ich tun sollte. Denn zugegeben: Interessiert hatte mich das Angebot von Anfang an.
Nicht nur deshalb, weil ich meinem Bekannten einen Gefallen tun wollte, sondern auch, weil ich den Ort, in dem er seine Praxis hatte, noch bestens aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte: Bichlheim.
Ein verschlafenes, kleines Dörfchen in der Nähe von Tölz, in welchem ich einen sehr großen Teil meiner Kinder- und Jugendzeit zugebracht hatte, bis ich schließlich aufgrund meines Studiums umgezogen war und dem malerischen Ort damit für ziemlich lange Zeit den Rücken gekehrt hatte.
Und jetzt, beinahe vier Jahre später, war ich tatsächlich wieder hier und plante sogar, mich wieder dauerhaft hier anzusiedeln. Manchmal spielte das Leben schon ziemlich verrückt.
Natürlich war der Entschluss dazu nicht von ungefähr gekommen und ich hatte auch ziemlich lange überlegt, ob ich meine jetzige Praxis, die ohne zu übertreiben gut lief, wirklich aufgeben wollte, meinen Wohnsitz, meine Freunde und alles andere, was ich mir über die Zeit hinweg in Tölz aufgebaut und erarbeitet hatte zurücklassen wollte, nur um wieder in dieses malerische, verschlafene Dörfchen zurückzukehren und dort einen beruflichen Neustart zu wagen.
Und ich erinnerte mich auch noch gut daran, wie perplex vor allem Noah gewesen war, als ich ihm von dem Angebot erzählt hatte, sowie auch, dass ich tatsächlich mit der Überlegung spielte, es anzunehmen. Wir hatten uns ohne zu übertreiben ziemlich gekracht deswegen – und er hatte mich auch mehrfach gefragt, ob ich denn noch ganz sauber wäre und überhaupt eine Vorstellung davon hätte, was ich ihm damit eigentlich antat.
Meine Güte, wie lange hatten wir gebraucht, bis wir endlich vernünftig darüber hatten reden können, ohne dass das Ganze in einem sinnlosen und überflüssigen Wortgefecht endete? Wie lange hatte ich mit Engelszungen auf ihn einreden müssen, ihm erklären müssen, dass das eine neue Chance für mich war, die ich auf jeden Fall ergreifen wollte? Und wie oft hatte er deswegen sogar unsere Beziehung in Frage gestellt oder sogar versucht, mich emotional zu erpressen?
„Henry“, hatte er immer wieder zu mir gesagt und auf diese Weise probiert, meine Schuldgefühle anzustacheln. „Henry, das kannst du nicht tun. Du kannst mich doch nicht alleinlassen. Ich brauche dich. Du kannst nicht nach Bichlheim gehen. Bitte, tu das nicht. Wenn du mich wirklich liebst, dann tu das nicht“.
Wie oft hatte ich diese und ähnliche Szenen mit ihm durchgemacht? Wie oft hatte ich ihm erklärt, dass ich ausschließlich GEMEINSAM mit ihm nach Bichlheim gehen wollte? Wie oft hatten wir uns gezankt und gefetzt, hatte ich mir zugegebenermaßen ungerechte und völlig irrelevante Vorhaltungen von ihm bieten lassen müssen, bis er sich letztendlich dazu hatte erweichen lassen, mich zu begleiten?
Ja, Noah war eine Drama-Queen. Und wenn er etwas im Schlaf beherrschte, dann war es, Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen oder sie solange zu bearbeiten und zu manipulieren, bis sie sich seinem Willen beugten und er genau das bekam, was er sich in den Kopf gesetzt hatte.
Er konnte ziemlich impulsiv und aufbrausend sein, andererseits aber auch überaus emotional und hilflos, wenn er etwas wirklich wollte. Genau das war es ja eigentlich, was ich grundsätzlich so an ihm schätzte und liebte – was mich aber andererseits auch ab und zu an die Grenzen meiner Geduld und meines Verständnisses bringen konnte.
Ich war ein ruhiger und auch sehr fürsorglicher Mensch. Ehrlich. Und gerade deswegen, weil Noah es in seinem Leben nicht immer leicht gehabt hatte, weil er einen sehr langen und schwierigen Weg hinter sich hatte und schon mehr als nur einmal eiskalt vor den Kopf gestoßen worden war, bemühte ich mich immer umso mehr, Verständnis für und Geduld mit ihm zu haben und bestmöglich für ihn da zu sein.
Sein bisheriges Leben war gezeichnet von Enttäuschungen und Zweifeln – er hatte nie wirklich die Chance gehabt, richtig er selbst zu sein, sondern hatte sich immer den Vorstellungen anderer, sowie gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und Zwängen beugen müssen. Man hatte ihm schon mehr als oft weh getan, ihn ausgenutzt und sein zugegebenermaßen übergroßes Herz in Trümmer zerbrochen.
Natürlich hat das alles eine sehr lange und komplizierte Hintergrundgeschichte, die an dieser Stelle zu erzählen wahrscheinlich den Rahmen sprengen würde. Daher beschränke ich mich auf das Nötigste, auf die Kernaussage, die vielleicht einige der oben genannten Dinge erklärt: Noah ist ein Mann mit transsexueller Vergangenheit.
All jene, die mit dem Thema noch nie in Berührung gekommen sind, werden jetzt vermutlich aufhorchen und sich der typischen und in unserer Gesellschaft immer noch vorherrschenden Klischees und Vorurteile bedienen. Sie werden sich Fragen stellen und einige der vielen angeblichen „Wahrheiten“ auf ihn übertragen und anwenden, sowie etwa, dass er als Frau geboren wurde, im falschen Körper steckt und sich schon immer als Mann gefühlt hat. Dass er sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat und von einer Frau zu einem Mann geworden ist.
Für alle, die das jetzt denken und diese Bilder im Kopf haben, habe ich an der Stelle eine Botschaft: Das stimmt nicht. Das ist alles Humbug.
Offen gestanden: Ich habe selbst lange gebraucht, um mich von diesen Vorstellungen und Annahmen zu lösen und die vielen Klischees, die über Menschen wie ihn herrschen, zu überwinden und hinter mir zu lassen. Und ich habe damals, als wir uns zufällig in einem Tölzer Schwulenclub kennengelernt haben, auch nicht gedacht, dass ich es eines Tages so sehen würde oder stark genug sein könnte, um trotz der vielen, konservativen Ansichten unserer Gesellschaft zu ihm zu stehen und für ihn da zu sein.
Aber dennoch ist es mir gelungen. Ich habe erkannt, dass es keinen Unterschied macht – und vor allen Dingen, dass die Dinge, die ihm oft nachgesagt werden, schlicht und ergreifend unzutreffend und falsch sind.
Noah ist nicht als Frau geboren worden. Und er ist auch nicht zu einem Mann geworden. Er war immer schon ein Mann, seit seiner Geburt – er hatte nur das Pech, dass man ihn fälschlicherweise für eine Frau gehalten hat, aufgrund einer Fehlinterpretation seines Körpers und seines Genitals.
Das bedeutet aber nicht, dass er je eine Frau war. Man könnte mich nun beispielsweise auch für einen Versicherungsvertreter halten – und ich wäre trotzdem keiner, sondern immer noch Tierarzt. Und genau so verhält es sich auch bei Noah und seiner Lebensgeschichte. Er war nie eine Frau, sondern immer schon ein Mann. Unabhängig irgendwelcher Äußerlichkeiten und der Deutung ebenjener. Unabhängig davon, dass Menschen immer wieder versucht haben, sein Geschlecht zu untergraben, es ihm abzusprechen oder wegzunehmen. Unabhängig davon, dass sein Körper falsch interpretiert wurde und in manchen Fällen immer noch wird. Und ebenso unabhängig davon, was er unten in seiner Hose trägt oder nicht. Es ändert nichts an ihm. Er ist und bleibt derselbe Mensch. Und er war dieser Mensch auch schon immer, egal wie die Außenwelt ihn wahrgenommen hat oder nicht.
All jenen, die das jetzt nicht verstanden haben und die fest davon überzeugt sind, dass es keine menstruierenden Männer gibt oder dass Frauen keinen Penis haben können, empfehle ich wärmstens, sich jetzt eine andere Beschäftigung zu suchen und mich in Ruhe zu lassen, denn für diejenigen wird eh alles, was ich in meiner Geschichte zu erzählen habe, uninteressant und falsch sein. Sie werden fest darauf beharren, dass Noah und ich gestört sind und alles, was ich sage, nur eine Verdrehung der Realität ist. Und weil ich mir das ersparen will, vermeide ich es grundsätzlich, mit Menschen darüber zu diskutieren oder ihnen gar irgendetwas zu erklären, was sie ohnehin nicht kapieren wollen.
Für alle anderen, die bereit sind, ihre klischeehaften Ansichten zu überwinden, erzähle ich gerne weiter und stelle damit die ganzen, weit verbreiteten Fehlannahmen, an denen ich ganz am Anfang auch festgehalten habe, endlich einmal richtig.
Zuallererst einmal das Entscheidende: Noah ist ein MANN. Er war immer schon ein Mann und wird immer einer sein. Und nur weil er bei seiner Geburt für eine Frau gehalten wurde, bedeutet das nicht, dass er je eine war. Diese „Frau“ gibt es nicht, hat es nie gegeben und wird es niemals geben. Allenfalls in der Fantasie von jenen, die immer noch davon überzeugt sind, dass Genitalien Geschlechter machen.
Aber das ist nicht so. Dabei handelt es sich auch um eine Fehlannahme, ein Vorurteil und ein Klischee. Ebenso wie auch die immer noch gern erzählte und propagierte „Geschlechtsumwandlung“, im Zuge derer aus Frauen Männer werden und umgekehrt. Das ist ebenso falsch. Frauen werden keine Männer. Männer werden keine Frauen. Und wer weder Mann, noch Frau ist, kann nicht männlich oder weiblich sein.
All denen, die nur zwei Geschlechter kennen und diese nach Genitalien einteilen, mag es vielleicht absurd erscheinen – aber wie ich bereits sagte: Diesen Leuten erkläre ich nichts mehr. Ich habe genug davon, mich ständig rechtfertigen oder mir am Ende sogar meine Homosexualität absprechen lassen zu müssen, nur weil ich mit einem Transmann zusammen bin.
Ich bin schwul. Nicht bi. Nicht hetero. Schwul. Und zwar deshalb, weil ich auf Männer stehe – und nicht, weil ich Wert auf Genitalien lege oder es mir drauf ankommt, dass mein potenzieller Partner da unten was hängen hat oder nicht.
Jetzt mal ganz salopp gesprochen – aber ich denke, man versteht, worauf ich hinauswill. Ob ein Mann anziehend auf mich wirkt, ob ich mich in ihn verlieben kann oder nicht, das hängt in erster Linie davon ab, wie ich mich mit ihm verstehe, ob wir auf einer Wellenlänge sind – und ob die Gefühle stimmen. Seine körperliche Ausstattung ist nur ein Nebeneffekt, ein Bonus, der aber mit dem Eigentlichen, nämlich dem Menschen, in den ich mich verliebe, nichts zu tun hat.
Wichtig ist mir in dem Zusammenhang einzig und allein, dass er als Mann auftritt, sprich: dass man nach außen hin seine Männlichkeit erkennen, beziehungsweise vermuten kann. Alles andere, wie beispielsweise sein Körper, dessen Aufbau oder wie er unter seiner Kleidung aussieht, ist mir egal und zweitrangig.
Mag sein, dass es Schwule gibt, die auf den Körper selbigen Wert legen und für die ein vorhandener und funktionsfähiger Penis an ihrem potenziellen Partner unumgänglich ist. Das ist auch deren gutes Recht. Genau wie es mein Recht ist, keinen Wert auf sowas zu legen.
Wie schon gesagt: Ich bin schwul, weil ich auf Männer stehe – und nicht, weil der Körper meines Liebsten unbedingt den gesellschaftlichen Geschlechterklischees entsprechen muss. Und ich lasse mir auch nicht nachsagen, ich sei bi, nur weil mir die inneren Werte wichtiger sind als Äußerlichkeiten.
Immerhin finde ich Noah attraktiv. Zweifellos tue ich das – und habe es auch schon getan, als wir uns kennenlernten. Und dass es Leute gibt, die meinen, seinen Körper als „weiblich“ interpretieren zu müssen, das ist mir so dermaßen Jacke wie Hose wie die Behauptung, dass ich bisexuell bin oder zumindest eine Tendenz dahin habe.
Wenn ich bisexuell WÄRE, würde ich ja auf zwei Geschlechter stehen, oder? Tue ich aber nicht. Im Gegenteil: Die Vorstellung, mit einer Frau oder jemand anderem, der kein Mann ist, etwas anzufangen, turnt mich total ab und verursacht sogar Ekelgefühle bei mir. Ich könnte mir das niemals vorstellen. Noch nicht einmal dann, wenn die betreffende Person denselben Körper hätte wie Noah ihn hat.
Ich bin mir nicht sicher, ob ein Außenstehender das nun wirklich verstehen kann – aber da Geschlecht für mich nicht am Körper hängt, geschweige denn, daran festgemacht werden kann, ist es ein erheblicher Unterschied, ob ich mit einer Frau im weiblichen Körper oder mit einem Mann im weiblich interpretierten Körper zusammen bin.
Das ist übrigens der nächste Punkt: Noahs Körper ist NICHT weiblich. Er ist männlich. Schließlich steckt ja ein Mann drin. Wie soll dann der Körper weiblich sein, wenn er offensichtlich zu einem Mann gehört?
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele sich jetzt fragen, wie Noahs Körper überhaupt aussieht. Ja, ich weiß, diese Frage und der unbedingte Drang, das wissen zu wollen, brennt vielen Leuten ständig unter den Nägeln, sobald sie erfahren, dass ich mit einem Transmann zusammen bin.
Dann kriege ich in aller Regel Fragen gestellt, die man unter anderen Umständen nie jemandem stellen würde. Von relativ „harmlosen“ Nachfragen bis hin zu intimen und übergriffigen Erkundigungen über unsere Privatsphäre ist eigentlich so ziemlich alles dabei – und es gibt so gut wie gar nichts, was ich nicht schon gehört oder erlebt habe.
Etwas, das die Leute immer sofort wissen wollen, obwohl es sie in aller Regel NICHTS angeht, ist komischerweise die Frage, was Noah untenrum hat. Weitere Fragen sind beispielsweise, ob er operiert ist, wie wir Sex haben, ob er mich auch richtig „nehmen“ kann, ob ich ihn gerne „nehme“, wie sich ein „künstlicher“ Penis im Bett anfühlt – oder auch, warum ich mit ihm zusammen bin, wenn ich auch einen „richtigen“ Mann haben könnte.
Das und noch viel, viel mehr, was ich an dieser Stelle gar nicht wiederholen möchte, hauen die Leute wie selbstverständlich raus, wenn sie erfahren, dass Noah trans ist. Ich muss vermutlich nicht erklären, wie respektlos und übergriffig das ist – und warum es meinen Liebsten oft ziemlich hart trifft und er schwer daran zu nagen hat, dass man immer und immer wieder ungefragt seine Intimsphäre verletzt.
Zwar hat sich sein Selbstbewusstsein über die Zeit hinweg erheblich gebessert – und er macht sich nicht mehr allzu viel aus diesen Klischees und Vorurteilen. Aber dennoch ist es einfach respektlos, ihn ungeniert zu fragen, ob er jetzt einen Penis hat oder nicht.
Der einzige Mensch, den das was angeht, bin ich – respektive sein Beziehungs- oder Sexpartner. Ansonsten hat das niemanden etwas anzugehen, weder aus Neugier, noch aus sonstigen Gründen. Verständlich also, dass er nicht gerade begeistert ist, wenn er immer und immer wieder dieselben, verletzenden Fragen gestellt bekommt oder sogar Anfeindungen und Vorwürfen ausgesetzt ist.
Und da wird es vielleicht auch nicht verwundern, dass er mal eine ziemlich lange Zeit depressiv war – was nicht nur an den Einstellungen der Gesellschaft, sondern auch an seinem damaligen Umfeld lag, das ihn leider komplett abgelehnt und verstoßen hat.
Nicht nur, dass er ein Mann mit transsexueller Vergangenheit ist – er ist obendrein auch noch schwul, was trotz der inzwischen guten Fortschritte immer noch nicht so ganzheitlich toleriert ist wie es heutzutage sein sollte.
Ich habe ja kurz angedeutet, dass er eine ziemlich schwere Zeit hinter sich hat – und es hat auch ziemlich lange gedauert, bis er all das richtig verarbeiten und bewältigen konnte. Die kühle Ablehnung seiner Mutter, die niemals akzeptieren konnte, dass er ihr Sohn ist, die Anfeindungen und der Spott seiner angeblichen „Freunde“, die ihn mehr als nur einmal gemobbt und ihm das Leben schwer gemacht haben, sowie auch seine zugegebenermaßen stark ausgeprägte Sehnsucht nach Zuneigung, die ihn immer wieder hat an Typen geraten lassen, die man wohl ohne Zweifel als krank bezeichnen kann.
All das und noch viel mehr hat dazu geführt, dass er sich emotional abgeschottet hat und es manchmal sehr schwierig sein kann, an ihn heranzukommen. Sowie darüber hinaus auch dazu, dass er sich selbst ebenjenes, raues und kühles Verhalten angeeignet hat, das ihm selbst schon so oft widerfahren ist. Mit anderen Worten: Er ist ziemlich dominant. Und er setzt meistens alles Erdenkliche daran, seinen Willen zu bekommen – und kann sehr ungemütlich werden, wenn dies mal nicht der Fall ist.
In den gut zwei Jahren, die wir inzwischen zusammen sind, habe ich mich mittlerweile daran gewöhnt, an seine oft rau und distanziert wirkende, kühle Art, an seine schnelle Reizbarkeit und auch die damit einhergehenden, oftmals übersteigerten Gefühlsausbrüche.
Ich würde von mir selbst nicht sagen, dass ich unterwürfig bin, wirklich überhaupt nicht. Und wenn mir etwas nicht passt oder ich mich ungerecht behandelt fühle, dann sage ich ihm das auch klipp und klar. Und trotzdem, das muss ich wohl eingestehen, lasse ich mich öfter auf Kompromisse ein und versuche nach Möglichkeit, jeden Streit mit ihm zu vermeiden oder zu umschiffen.
Es ist nicht so, dass ich mich unwohl fühlen würde – oder dass ich mich gar von ihm dominieren lasse. Aber angesichts dessen, was er schon alles mitgemacht hat, bin ich da sehr kompromissbereit und bemühe mich, mich so gut ich kann um ihn zu kümmern.
Auch unter anderem deshalb, weil er eine sehr große Verlustangst hat und deshalb versucht, mich so nah wie möglich bei sich zu haben. Das mag unter anderem daher rühren, dass er befürchtet, ich würde ihn für einen anderen, einen „richtigen“ Mann verlassen, weil der mir Dinge bieten könnte, die Noah eben nicht hat. Allen voran beispielsweise einen Penis.
Damit wäre diese Frage wohl auch geklärt, oder? Nein, Noah hat noch keine Geschlechtsangleichung gehabt. Und er will auch überhaupt keine, weil er mit dem, was er hat, vollkommen zufrieden ist. Genau wie ich im Übrigen auch. Das war ich schon von Anfang an. Als wir uns damals nähergekommen sind und er mir seine Geschichte erklärt hat, da war ich zugegebenermaßen anfangs schon ein bisschen verwirrt.
Aber ich habe relativ schnell festgestellt, dass es für mich Jacke wie Hose ist, ob er jetzt eine Penis hat oder eine Vagina. Denn wie gesagt: Ich stehe auf Männer – und nicht auf Penisse. Und wenn ich mich verliebe, dann auch in den Mann – und nicht in das, was da unten ist oder nicht ist.
Kurz gesagt: Es war mir egal. Ich musste mich dran gewöhnen, das werde ich nicht bestreiten – aber trotzdem hat es von Anfang an keine Rolle für mich gespielt. Und das tut es auch bis heute nicht. Ich liebe Noah. So wie er ist. Und was er möchte oder nicht, das ist einzig und allein seine Entscheidung. Er ist und bleibt deshalb immer noch derselbe Mann. Und nur, um es mal am Rande zu erwähnen: Sex haben muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass man irgendwelche Körperteile zusammensteckt.
Etwas holprig formuliert, aber es ist wirklich so. Als wir damals zum ersten Mal miteinander geschlafen haben, hat er mir offen und ehrlich erklärt, dass ich gerne alles mit ihm ausprobieren und tun darf, was ich möchte – nur bitte keine vaginale Penetration. Zumindest nicht im „klassischen“ Sinne.
Das war und ist ein absolutes No-Go für ihn. Und das habe ich auch respektiert. Und ich respektiere es auch immer noch. Zumal es genug andere Variationen und Spielmöglichkeiten gibt, mit denen wir uns schöne Stunden machen können. Es gibt so viele Wege, wie ich ihn verwöhnen kann, wie er mich verwöhnen kann – ohne dass wir dabei irgendein Tabu brechen oder etwas tun, das unangenehm für ihn ist. Und ganz ehrlich: Das fühlt sich sogar noch viel, viel besser an als das, was ich bis dahin immer gemacht habe.
Kurz und gut zusammengefasst: Es ist schön. Jedes Mal und immer wieder. Und ich vermisse an ihm weder einen Penis, noch sonst irgendetwas. Ich bin deshalb immer noch schwul. Und das, was wir tun, ist und bleibt schwuler Sex – vollkommen wurscht, ob es irgendwelche Gipsköpfe gibt, die auf Biegen und Brechen behaupten, es sei hetero oder bi.
Crashkurs Sexualkunde: Der Sex zwischen zwei Männern ist homosexuell. Unabhängig von Praktik und Ausführung. Selbst WENN ich ihn also vaginal penetrieren würde, wäre das immer noch schwul – denn er ist trotzdem immer noch ein Mann. Wer selbst das nicht kapiert, dem kann ich leider auch nicht helfen.
Darauf wollte ich jetzt aber eigentlich gar nicht hinaus. Ich wollte damit lediglich zum Ausdruck bringen, dass ich Noahs Männlichkeit zu keinem Zeitpunkt und in keiner Art und Weise in Frage gestellt oder sie ihm gar abgesprochen habe – und dass es von Anfang an keine Rolle für mich gespielt hat, inwieweit er sein Geschlecht angleichen lassen möchte oder nicht. Das ist nicht mein Bier – und schon gar nicht meine Entscheidung, weshalb ich auch nie auf die Idee käme, ihm da irgendetwas einzureden.
Ich höre ihm gerne zu und unterstütze ihn auch so gut ich kann – aber entscheiden kann einzig und allein er selbst. Und was meine Gefühle angeht: Die würden sich zu keinem Zeitpunkt verändern. Selbst falls er nun also doch einen Penisaufbau haben möchte, würde das genauso wenig Unterschied machen wie jetzt.
Ich liebe IHN. Und sein Körper ist allenfalls ein Bonus – aber nicht entscheidend darüber, wie ich zu ihm stehe oder ob ich Gefühle für ihn habe oder nicht. Im Gegenteil: Ich würde ihn auch dann noch lieben, wenn er für immer so bleiben wollen würde wie jetzt. Und ich wäre deshalb immer noch schwul. Denn: Ich bin mit einem Mann zusammen. Ein Mann in einem MÄNNLICHEN Körper, der lediglich weiblich interpretiert wird, es aber nicht ist und auch niemals war.
Oberste Priorität hatte für ihn beispielsweise seine Hormontherapie, also die Gabe von Testosteron, um seinen Körper nach seinen Vorstellungen anzugleichen. Ein weiterer Schritt, den er noch machen will, ist seine Mastektomie, das bedeutet, die Entfernung seines „weiblichen“ Brustgewebes, da dieses ihn selbst zwar nicht stört, er sich in der Öffentlichkeit aber damit schämt – auch wenn er zugegebenermaßen ohnehin nur eine kleine Größe hat, die man kaum bemerkt, wenn man nicht wirklich genau hinschaut. Und als letztes steht noch seine Hysto an, die Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken. Das macht er jedoch ausschließlich aus gesundheitlichen Gründen – nicht etwa, weil er Angst davor hat, dass ich ihn doch irgendwie aus Versehen schwängern könnte. Zumal wir zum einen ohnehin keinen Vaginalverkehr haben, zum zweiten durch seine Hormontherapie ohnehin nur noch eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass er fruchtbar ist – und wir zum dritten als provisorische Vorsichtsmaßnahme sowieso jedes Mal verhüten, um wirklich jedes Risiko, und sei es noch so gering, so gut wie möglich auszuschließen.
Mehr wünscht er sich im Grunde genommen nicht. Und ganz gleich, wie auch immer sein Körper sich nach außen hin verändert – er ist und bleibt immer noch der gleiche Mensch. Der Mann, in den ich mich ehrlich wie noch niemals zuvor verliebt habe.
So, nun bin ich komplett vom eigentlichen Thema abgewichen. Ich wollte eigentlich darauf hinaus, dass seine dominante Seite sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus den vielen, schmerzlichen und negativen Erfahrungen aus seiner Vergangenheit entwickelt hat. Diese raue Schale, die er sich zugelegt hat und die es manchmal so wirken lässt, als würde er tatsächlich in unserer Beziehung den Ton angeben, ist vermutlich einfach nur ein natürlicher Schutzmechanismus, um möglichst männlich rüberzukommen und nicht wieder ungewollt in eine Schublade gepresst zu werden, in die er gar nicht gehört.
Seine impulsive und manchmal cholerische Art ist zwar offen gestanden ab und zu etwas nervig – im Großen und Ganzen aber nachvollziehbar und verständlich, wenn ich mir vor Augen halte, was er schon alles erlebt hat. Er zeigt damit einfach, dass er sich nichts mehr gefallen lassen möchte, nichts mehr hinnehmen möchte, sondern bereit dazu ist, sich auch zur Wehr zu setzen.
Hingenommen und ertragen hat er in seinem Leben schon zu lang und zu viel. Deshalb nehme ich es ihm auch nie übel, wenn ihm im Eifer des Gefechts mal die Nerven durchgehen, wenn er lauter wird oder auch mal hysterisch. Das Einzige, was ich mir nicht bieten und gefallen lasse, ist Ungerechtigkeit oder unangebrachte Vorwürfe. Und falls es mal dazu kommt, dann weise ich ihn sehr wohl in seine Schranken oder mache ihm klar, dass er sich falsch oder daneben benommen hat.
Aber abgesehen davon bin ich eigentlich sehr gutmütig mit ihm. Manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu gutmütig. Aber ich kann nichts dafür. Ich hab einfach das Gefühl, es ihm auf irgendeine Art und Weise schuldig zu sein, ihm den Respekt und die Liebe entgegenzubringen, die er bisher so lange Zeit hat missen müssen.
Es mag albern klingen, aber in einer gewissen Art und Weise fühle ich mich für ihn verantwortlich. Und mich dazu verpflichtet, alles zu tun, damit es ihm gut geht und er glücklich ist. Vielleicht nehme ich deshalb auch so viel hin – was aber immer noch nicht bedeutet, dass ich mich ihm unterordne oder ihm gar hörig bin. Wir sind gleichberechtigte, gleichwertige Partner. Das waren wir immer schon. Und das werden wir auch immer sein.
Ich bin in der Regel ganz einfach geduldiger mit ihm als er es mit mir ist – da ich von Natur aus einer ruhiger, gelassener Mensch bin, während er den Hang zum Übertreiben und manchmal auch Dramatisieren hat. So wie etwa beispielsweise auch bei unserer Diskussion um Bichlheim.
Es hatte mich echt eine Menge Mühe gekostet, ihn davon zu überzeugen und ihm den Umzug hierher schmackhaft zu machen, denn am Anfang hatte er sich echt mehr als nur quer gestellt.
Erst nach mehrfachem, gutem Zureden, mehrtägigen Diskussionen und dem festen Versprechen, dass er seine Entscheidung nicht bereuen würde, hatte er, wenn auch nur sehr widerwillig, nachgegeben und sich einverstanden erklärt, gemeinsam mit mir zurück in meinen Heimatort zu ziehen.
Der Rest war dann eigentlich überhaupt kein Problem mehr gewesen, denn überraschenderweise hatte ich ziemlich schnell eine Wohnung gefunden, die wider Erwarten sogar Noahs üblicherweise höheren Erwartungen entsprach und seinem Geschmack vollends imponierte. Und was die Übernahme der Praxis anging: Die konnte nach Rücksprache mit meinem Bekannten auch relativ bald über die Bühne gehen.
Und Noahs berufliche Zukunft stellte auch kein allzu großes Problem dar, denn einen Barkeeper konnte man so ziemlich überall brauchen. Soweit ich mich richtig erinnerte, gab es in Bichlheim derzeit sogar mehrere Lokale, die händeringend einen suchten. Und zur Not war da immer noch das Fünf-Sterne-Hotel „Fürstenhof“, das Aushängeschild und Glanzstück des kleinen Örtchens. Wenn er Glück hatte, würde er vielleicht sogar da anfangen können – vorausgesetzt, seine Qualifikationen genügten den hohen Erwartungen und Ansprüchen des Hotels.
Aber hey: Bis es so weit war und er Klarheit über seine Berufsaussichten hatte, scheffelte ich eben die Kohlen. Das hatte ich innerhalb des letzten Jahres auch zu einem größeren Teil gemacht – dann würden wir die paar Wochen auch noch irgendwie überbrücken.
Fakt war auf alle Fälle, dass ich mich sehr darauf freute, an den Ort meiner Kindheit zurückzukehren – und ich konnte es ehrlich gesagt auch kaum erwarten, Noah ein paar kleinere Sehenswürdigkeiten und Plätze zu zeigen, an denen sich, soweit ich wusste, seit meinem damaligen Weggang nicht allzu viel verändert hatte.
Ob es das alte Marbacher-Haus wohl auch noch gab? Ich erinnerte mich, als Kind hatte man mir oft erzählt, dass es dort angeblich spukte und ich mich nach Einbruch der Dämmerung ja davon fernhalten sollte, weil mich sonst die Hexen und Geister, die darin wohnten, holen würden.
Erst viel später, ich war schon fast neunzehn gewesen, hatte ich erfahren, was es mit dieser urbanen Legende tatsächlich auf sich hatte: Die Frau des ehemaligen Hausbesitzers Günter Marbacher hatte irgendwann in den späten Sechziger Jahren ihren Mann und seine Gespielin in flagranti erwischt und war daraufhin komplett durchgedreht, hatte nicht nur sie, sondern auch ihren Gatten auf brutale Art und Weise ermordet und sich im Anschluss daran oben in der Dachkammer erhängt.
Ob diese Geschichte nun tatsächlich stimmte, ob sie sich wirklich so zugetragen hatte oder über die Jahre hinweg ausgeschmückt worden war, das konnte ich nicht mit Sicherheit beurteilen. Fakt war auf jeden Fall, dass ich seitdem einen ziemlich großen Respekt vor dem Marbacher-Haus hatte und selbst als junger Erwachsener immer noch einen möglichst großen Bogen darum gemacht hatte.
Des weiteren fiel mir spontan noch die Nähstube der Sendlerin ein, zu der ich als Kind immer gegangen war, um für meine Mutter neues Nähzeug und andere Dinge zu besorgen. Die alte Frau, damals schon weit über siebzig, hatte mich dann oft beiseite genommen und mir Geschichten aus der guten alten Zeit erzählt, die sie entweder selbst miterlebt oder von Freunden und Verwandten weitererzählt bekommen hatte.
Ganz ehrlich: Ich hatte damals Stunden bei ihr zubringen können, in dieser kleinen, gemütlichen Stube, die immer etwas Heimeliges, Vertrautes für mich gehabt hatte. Und jedes Mal, bevor ich wieder gegangen war, hatte sie mir eine Tafel Schokolade mitgegeben, die ich mir stets fein säuberlich eingeteilt hatte, bis ich das nächste Mal zu ihr gekommen war.
Inzwischen war sie natürlich schon lang verstorben – und ich erinnerte mich, dass ich damals, als mir dies zu Ohren gekommen war, sogar geweint hatte, obwohl ich der Sendlerin im Grunde gar nicht nahegestanden hatte. Ich konnte nicht sagen warum, aber irgendwie hatte ich in ihr immer so eine Art Großmutter gesehen und mich immer darauf gefreut, wenn ich wieder zu ihr hatte gehen dürfen.
Ja, das war wirklich eine unheimlich schöne Zeit gewesen. Und es gab so gut wie keine schlechte Erinnerung, die ich an meine Zeit in Bichlheim hatte. Noch nicht einmal mein homosexuelles Coming-out hatte die Leute geschockt oder irgendwie für Anstoß gesorgt, wobei man ja immer denkt, auf dem Dorf sei so etwas besonders problematisch.
Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung absolut nicht bestätigen. Sicherlich, ein wenig getuschelt worden war hier und da schon – aber im Großen und Ganzen war es etwas vollkommen Unspektakuläres und... ja... Normales gewesen. Um genau zu sein, fiel mir auf Anhieb nur eine einzige Person ein, die mich deswegen ein bisschen gehänselt hatte, dass ich „vom anderen Ufer“ bin, wie es der Volksmund immer gerne nannte: Meine damalige Mitschülerin und bis dahin gute Freundin Carmen Escher.
Das lag allerdings nicht an meiner Homosexualität per se, sondern an der Tatsache, dass sie damals Gefühle für mich hatte, die ich niemals registrierte und in ihr nie mehr sah als eben nur eine gute Freundin. Und nachdem sie erfuhr, dass ich eben auf Jungs stehe, hat sie mich ziemlich angefahren und gemeint, dass Jungs sowieso alle bescheuert sind und ich mir einen Hintern suchen soll, in dem ich meinen Pimmel versenken kann.
Sie muss ziemlich verletzt gewesen sein, ist danach auch weggezogen – und seitdem habe ich nie wieder irgendetwas von ihr gehört. Aber abgesehen davon kam man eigentlich relativ gut damit klar, wenngleich es in der Schule natürlich den ein oder anderen Idioten gab, der sich einen Spaß draus gemacht hat.
Aber über sowas stand ich bereits damals drüber. Die Meinung anderer interessiert mich nicht die Bohne, geschweige denn, mache ich mir deshalb Gedanken oder gar Sorgen. Ich war da schon immer sehr offen und mache auch kein Geheimnis draus, an welchem Ufer mein Köder ausgelegt ist – und möglicherweise ist das auch der Grund, warum ich nie ein Problem damit hatte, dass Noah ein Transmann ist.
Erstens, weil es absolut null Unterschied macht – vielmehr im Gegenteil – und zweitens, weil der Mensch das Entscheidende ist, nicht seine äußere Hülle. Es hat für mich nie gezählt – oder mir gar einen Anlass gegeben, ihn irgendwie anders zu behandeln als andere Männer.
Natürlich müsste ich lügen, wenn ich nicht sagte, dass ich aus den schon genannten Gründen ein wenig rücksichtsvoller und auch nachsichtiger mit ihm bin als ich es sonst wäre – aber das hat nicht mit seiner Transsexualität an sich zu tun, sondern mit seinen damit verbundenen, negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit. Und nur um es festzuhalten: Wäre er ein Cis-Mann, also ein Nicht-Transmann und hätte dieselbe, bewegte Geschichte hinter sich, dann wäre ich ebenso rücksichtsvoll und nachsichtig mit ihm.
Kurz gesagt: Dass er trans ist, ist einfach ein Fakt, nicht mehr und nicht weniger. Es macht absolut keinen Unterschied für mich, hat es nie getan und wird es nie tun. Noch nicht einmal im Bett. Wir haben vielleicht anders Sex als andere schwule Paare, ja – aber das heißt nicht, dass dieser besser oder schlechter ist als bei anderen. Kurz gesagt: Es macht einfach keinen Unterschied für mich. In keinerlei Belangen.
Das weiß ich spätestens, seit wir uns das allererste Mal zum Tanzen verabredet haben – kurz nach seinem Coming-out mir gegenüber. Ich gebe offen zu, es war schon eine Überraschung für mich, dass er ein Transmann ist, das möchte ich weder bestreiten, noch negieren. Und ich habe auch ein wenig Zeit gebraucht, um mich in das Thema einzufinden, meine Ansichten zu überdenken und wirklich auf mein Herz zu hören.
Aber je mehr Zeit wir miteinander verbrachten, desto mehr habe ich gemerkt, wie gerne ich mit ihm zusammen bin, wie gut seine Nähe mir tut – und eines Abends, als wir uns in einer Bar getroffen und einen wunderschönen Abend miteinander verbracht haben, da ist es schließlich irgendwie um mich geschehen. Ich weiß noch, dass er mir kurz zugezwinkert hat – und in genau dem Augenblick war ich hin. Sowas von total hin.
Bei ihm hat das alles schon ein bisschen länger gedauert. Denn obwohl wir uns echt gut verstanden haben, hatte er ziemlich lange seine Zweifel daran, ob er sich auf mich einlassen kann oder nicht. Das hing vor allem damit zusammen, dass ich auch ein Cis-Mann bin – und er mit der Zeit, sowie aufgrund seiner Erfahrungen eine leichte Aversion gegen Leute wie mich hatte und nicht daran geglaubt hat, dass jemand wie ich ihn langfristig glücklich machen wird.
Er wolle keinen Cis als Partner, hat er damals gesagt und mich damit ohne zu lügen ziemlich vor den Kopf gestoßen – denn kurz zuvor hatte ich ihm eine zugegebenermaßen ziemlich flammende Liebeserklärung gemacht. Ich solle mir wen anders suchen, mit dem ich spielen kann und nicht glauben, dass er sich noch einmal verarschen lässt.
Kurz gesagt hatte er ziemlich viele Vorbehalte gegen mich, beziehungsweise gegen Cis-Männer, was aus genannten Gründen auch irgendwie nachvollziehbar war. Aber trotzdem habe ich nicht so leicht aufgegeben, sondern mich stattdessen dafür entschieden, ihm zu beweisen, dass es mir ernst ist, dass ich IHN will, als Menschen – nicht aufgrund seiner Vergangenheit oder Umstände. Ich habe nicht locker gelassen, es immer wieder versucht – unter anderem auch deshalb, weil ich mehr und mehr spürte, dass auch ich ihm nicht so egal bin wie er tut. Und letztendlich, nach vielen Bemühungen, nach Zeiten des Bangens, Hoffens und Wartens kam er schließlich auf mich zu und hat mir gesagt, dass er bereit ist, einen Versuch zu wagen.
Und seitdem tue ich alles, was ich kann, um für ihn da zu sein, um ihn auf seinem Weg zu begleiten und so gut es geht irgendwie zu unterstützen. Ich bin gemeinsam mit ihm zu seinem Psychologen gegangen, habe ihn bei medizinischen Untersuchungen begleitet und war auch schon bei einigen Terminen mit seinem Endokrinologen dabei.
Und auf diese Weise, sowie auch durch meine eigene Initiative, kam ich mehr und mehr in das ganze Thema rein, habe gelernt, mich kritisch mit den in der Gesellschaft vorherrschenden Klischees auseinanderzusetzen, sie zu überdenken und falsche Annahmen und Vorurteile abzulegen.
Meine Gefühle für Noah haben sich jedoch während dieser ganzen Zeit nie geändert. Ich liebe ihn immer noch wie im ersten Augenblick. Und ich bin dankbar und stolz, ihn als Lebenspartner gefunden zu haben. Jeden einzelnen Tag noch mehr.
„Hey!“, unterbrach er schließlich meine Gedanken und warf mir einen kurzen Blick zu, während ich mein Tempo ein wenig verringerte und kurze Zeit später auf eine Landstraße einbog. „Hm?“, erwiderte ich, noch ein bisschen in Gedanken und sah flüchtig zu ihm hinüber. „Tschuldige, Honey. Hast du was gesagt?“.
Er stieß ein leises, kaum vernehmbares Grummeln aus, als ich das ausgesprochen hatte, und musterte mich dann erneut. „Also erstens“, antwortete er dann bestimmt. „Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du mich nicht Honey nennen sollst? Ich hasse das“.
„Tut mir Leid“, entschuldigte ich mich und musste kurz schmunzeln, weil ich auch nach zwei Jahren immer noch nicht verstehen konnte, was er denn an diesem Kosenamen auszusetzen hatte. „Aber das passt halt einfach gut zu dir“.
„Aha“, maulte er ein bisschen beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und warum bitteschön?“. „Weil du nun einmal süß wie Honig bist“, antwortete ich ihm und musste grinsen. „Und auch mindestens genauso schmeckst. Aber ich weiß schon: Du hättest gern was Männlicheres. Sowas wie Hasi, Schnecki, Putzi oder Mausi“.
Ich lachte amüsiert über meinen kleinen Scherz, doch er starrte mich nur an und kniff dann die Augen zusammen. „Wage es nicht, Henry“, mahnte er mich bestimmt. „Wage es bloß nicht“. „Ich wollte dir damit nur demonstrieren, dass es noch schlimmere Betitelungen gibt“, erklärte ich ihm mit einem Grinsen. „Also komm, Noah. Lass mir doch wenigstens die kleine Freude. Du weißt doch: Du bist ganz einfach...“.
„...süß wie Honig, ich weiß“, vollendete er meinen Satz, ehe ich es selbst tun konnte und stieß ein Seufzen aus, ehe seine Miene sich wieder ein wenig aufhellte. „Tut mir Leid, Henry. Ich... ähm... ich schätze, ich hab heut keinen so guten Tag. Womit wir auch schon bei zweitens wären“.
„Zweitens?“, wiederholte ich und sah noch einmal kurz zu ihm. „Und was wäre das?“. „Du hast meine Frage vorhin nicht beantwortet“, entgegnete er und warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, an dem gerade in gemächlichem Tempo die Straße vorüberzog. „Warum mussten wir unbedingt hierherkommen? Warum warst du so scharf auf diese Praxis? Wir hatten in Tölz doch auch ein schönes Leben, oder nicht?“.
„Noah...“, entgegnete ich und seufzte dann ebenfalls leise auf, weil ich eigentlich schon geahnt hatte, dass er nicht einfach so Ruhe geben und unseren Umzug ohne Weiteres hinnehmen würde. „Haben wir das nicht geklärt? Möchtest du jetzt wirklich schon wieder eine Diskussion anfangen? Ich dachte, du freust dich auch darauf, mal meinen Heimatort kennenzulernen. Immerhin hast du doch zugestimmt“.
„Dir zuliebe“, erwiderte er und senkte kurz den Kopf. „Nur dir zuliebe, Henry. Du warst so begeistert und hast dich so darauf gefreut, hier zu arbeiten. Deshalb habe ich nachgegeben. Aber ich bin immer noch nicht scharf darauf, hier in diesem Kaff mein Dasein zu fristen“.
„Ach komm“, meinte ich und lächelte ihn an. „Jetzt gib Bichlheim doch wenigstens mal eine Chance. Du hast doch überhaupt noch nichts davon gesehen. Mal abgesehen von unserer neuen Wohnung. Woher willst du wissen, dass es dir hier nicht gefällt?“.
„Weil ich ein Stadtmensch bin“, erklärte er mir bestimmt. „Du weißt, ich bin in Hamburg aufgewachsen und später dann nach Tölz gezogen. Ich bin's gewohnt, dass es um mich herum laut und schrill ist. Ich brauche das einfach. Den Trubel, die Menschen, das Gedränge, den Lärm. Ich brauche dieses Geräusch von hunderttausend Hupen in meinen Ohren, damit ich nachts einschlafen kann. Ich brauche die Clubs, die Bars, die Restaurants. Das Nachtleben. Verstehst du, Henry?“.
„Bars und Restaurants gibt's hier in Bichlheim auch“, gab ich zurück und schmunzelte. „Sogar ein exklusives Sterne-Restaurant. Und was das Nachtleben angeht: Haben wir auch. Als Kind konnte ich von meinem Zimmer aus immer hören, wenn der Nachbar mit dem Traktor zugange war. Oder wenn die alte Kirchenuhr geschlagen hat“.
„Ein Sterne-Restaurant?“, wiederholte Noah ein wenig überrascht. „Hier in diesem Kaff? Kaum denkbar. Aber selbst wenn, Henry: Das ist einfach nicht das Gleiche“. „Das habe ich auch nicht behauptet“, antwortete ich und schüttelte kurz meinen Kopf. „Aber es ist zumindest etwas. Also bitte, Honey: Gib dem Ganzen eine Chance. Lern den Ort kennen, die Leute, das Ambiente. Ich bin sicher, wenn du erst einmal eine Weile hier bist, wird es dir ganz bestimmt gefallen“.
„Darauf würde ich keine Wette abschließen“, entgegnete er konsequent, bevor er schließlich noch einmal seufzte und mir damit seine Kapitulation erklärte. „Aber gut. Ich hab's dir versprochen. Ich lasse mich drauf ein und freunde mich damit an. Und... naja... vielleicht hast du ja Recht. Vielleicht gefällt's mir ja doch ganz gut“.
„Sehr gut“, freute ich mich und schmunzelte ihn an. „Genau das ist die richtige Einstellung, Honey. Du wirst sehen, Bichlheim wird dir gefallen. Wir fangen ganz neu an. Mit allem. Der Umzug hierher wird mit Sicherheit unser Leben verändern“.
Selbstverständlich ahnte ich in dem Moment noch nicht, wie Recht ich damit haben würde und dass unsere Zeit hier ganz besonders MEIN Leben für immer verändern würde.
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