here at the end of all things

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18
Benny Lafitte Castiel Dean Winchester Sam Winchester
21.10.2019
07.12.2019
10
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Kapitelwarnung: Gewaltbeschreibungen

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»Dean«, keucht Sam und streckt beide Hände nach seinem Bruder aus. »Dean, ich … ich kann nicht atmen, es tut weh –«

Dean lässt die blutige Machete fallen, die er in der Hand gehabt hat. Sie kracht mit einem Poltern zu Boden und dann sind Deans Arme um Sam geschlungen, ziehen ihn ganz dicht heran, eine Handfläche drückt sich über sein Herz. »Sam, hör mir zu, okay? Hör zu –«

»Was passiert mit ihm?«, fragt Mary verzweifelt. »Dean, was geschieht mit ihm?«

»Ich weiß es nicht!«, schleudert Dean zurück und klingt ganz genauso verzweifelt, und Sam mag das nicht, hört Dean nicht gern von Furcht erfüllt, nicht Dean, nicht sein furchtloser großer Bruder –

»Hol Castiel«, sagt Mary zu Jackson. »Ruf ihn jetzt sofort, oder ich schwöre bei Gott –«

»Oder du wirst was?«, entgegnet Jackson herausfordernd.

»Tu was sie sagt!«, brüllt Dean und Sam entfährt ein schmerzerfülltes Geräusch, bevor er es verhindern kann.

»Es ist nur Panik –«, beginnt Jackson.

Dean bewegt sich so schnell, dass es Sam nicht mal auffällt, bis Deans Hände plötzlich nicht länger auf ihm liegen. Stattdessen hat Dean jetzt seine Pistole gezogen und direkt auf Jackson gerichtet. »Ruf. Cas. Sofort. Ich werde nicht zögern, dich zu erschießen, Jackson, ich schwöre bei Gott.«

»Dean?«, fragt Sam schwach und Dean dreht sich wieder zu ihm um, ohne aber seine Waffe von Jackson wegzubewegen, der endlich begonnen hat, in sein Funkgerät zu sprechen.

»Ja, Sammy?«, sagt er, und er klingt so zärtlich, dass schwer zu glauben ist, wie er vor wenigen Sekunden noch gedroht haben soll, jemanden zu erschießen.

»Ich will nicht sterben«, flüstert Sam, kämpft darum, seinen Blick weiter auf seinem Bruder zu halten. Es scheint wichtig zu sein, Dean etwas zu sagen, aber er kann die richtigen Worte nicht finden, kann sein Gehirn nicht dazu bringen, ihm zu gehorchen. »Aber …«

»Du wirst nicht sterben«, unterbricht ihn Dean. »Okay, Sammy?« Er streicht einmal mit den Fingern durch Sams Haar und legt die Hand dann an seine Wange. »Du wirst nicht sterben. Atme … atme einfach mit mir, okay, Sammy? Komm schon, ein, genau Sammy, das ist es, Kleiner, jetzt wieder aus.«

Es hilft nicht, es funktioniert nicht, aber Sam versucht es trotzdem, versucht es um Deans Willen, weil sein Bruder aussieht, als würde er gleich anfangen zu weinen, und das will Sam nicht. Er hasst es, wenn Dean weint, weil Dean so mutig ist und weil er immer auf Sam aufpasst, und weil er es nicht verdient, jemals so aufgelöst zu sein.

»Sei nicht traurig«, sagt Sam zu Dean. »Bitte.«

»Ich bin nicht traurig, Sammy«, sagt Dean mit einem winzigen Lächeln, aber er lügt, weil er Tränen in den Augen hat. »Komm schon, komm schon, wo zur Hölle ist Cas –«

»Hier«, ertönt Cas‘ Stimme irgendwo über ihnen und Sam hat nicht mal mehr die Energie, aufzusehen. Alles, worauf er sich noch konzentrieren kann, ist Dean, und Mary irgendwo ganz in der Nähe, und er will seine Augen schließen, will sie bloß ein paar Minuten ausruhen –

»Sammy, nein, mach die Augen auf –«

»Fünf Minuten, Dee«, nuschelt Sam.

»Nein!«, blafft Dean, und endlich gehorcht Sam, öffnet seine Augen, um zu sehen, wie in Deans die Tränen überlaufen.

»Nicht weinen, Dee«, murmelt Sam und will eine Hand heben, schafft es, sie an Deans Gesicht zu legen. »Bitte nicht weinen …«

Dean lässt seine Pistole fallen und legt seine eigene Hand über Sams, lehnt sein Gesicht in die Berührung. »Tu ich nicht – Cas, Cas, heile ihn –«

»Dean, ich kann nicht«, sagt Cas mit zerrissener Stimme und er kniet sich hin, sodass Sam ihn auch sehen kann, und shit, er sieht auch verflucht traurig aus. »Ich habe keine Gnade mehr übrig.«

»Versuch es!«, fordert Dean harsch. »Cas, bitte, ich flehe dich an –«

»Dean …«

»Es ist Sammy«, sagt Dean, und seine Stimme zerbricht am Namen seines Bruders. »Cas, es ist Sammy, und ich hab ihn gerade erst zurückbekommen, ich kann ihn nicht nochmal verlieren, bitte, Cas –«

Cas scheint einen Moment mit sich zu kämpfen und gibt schließlich nach. »Okay, Dean«, murmelt er. »Ich werde es versuchen.« Und dann schiebt er Deans Hand sanft von Sams Gesicht weg und legt seine eigene auf Sams Stirn. »Ich kann nicht garantieren, dass es funktioniert, aber ich werde es versuchen.«

»Okay«, sagt Dean, und bewegt seine Hand stattdessen zu Sams Oberkörper zurück, während seine andere noch immer Sams Hand an seine Wange drückt. »Sammy, halt durch, okay? Cas wird dich in Ordnung bringen, du wirst so gut wie neu sein, Sammy, alles wird gut … Cas, wieso passiert nichts …«

»Ich muss mich konzentrieren, Dean«, sagt Cas mit fester, aber nicht unfreundlicher, Stimme.

»Dean«, wispert Sam. Mittlerweile ist es wirklich schwer, wach zu bleiben und er weiß, Dean hat ihm gesagt, dass er die Augen nicht zumachen soll, aber er kann nicht mehr anders. Alles schmerzt so unendlich sehr und er ist so müde, und er will einfach nur schlafen. Nur eine kleine Weile. Bis die Schmerzen weggehen.

»Ja, Sammy?«, erwidert Dean ebenso leise.

Sam gibt sein Bestes, um ihn anzulächeln. Nach dem wackligen Lächeln zu urteilen, das Dean ihm seinerseits schenkt, muss es funktioniert haben. »Nickerchen«, erzählt er seinem Bruder. »Nur ‘n kleines. Nacht, Dean.« Er schließt die Augen.

»Sam, nein«, stößt Dean hervor und seine Stimme ist kratzig vor Verzweiflung, seine Hand in Sams Shirt zur Faust geballt. »Cas …«

Und dann schwappt Etwas durch Sam, etwas eisig Kaltes, und er keucht auf, seine Brust brennt, er reißt die Augen auf. Cas kniet immer noch über ihm und Sam bäumt sich auf, schubst ihn beinahe von sich herunter, aber Deans Hand auf seiner Brust hält ihn zurück, obwohl Dean den Anschein macht, gerade die Fassung zu verlieren. Sam erhascht einen Blick auf seine eigene Hand an Deans Gesicht, und seine Venen treten tiefschwarz hervor, als wäre seine Blutbahn mit dem abscheulichsten Gift der Welt gefüllt worden.

»Was geschieht mit ihm?«, fragt Mary irgendwo über ihnen und es hört sich an, als würde sie weinen. »Dean, Cas, was ist los –«

»Er heilt«, sagt Cas überwältigt. »Er … es funktioniert.«

Aber es ist kalt, und es schmerzt noch immer und Sam will schreien, es brennt sich durch seine Adern, lässt sein Herz einfrieren – und dennoch fühlt es sich irgendwie rein an, außerirdisch, unendlich, und für einen Augenblick fühlt sich Sam absolut schwerelos, als würde er fort schweben, hätte Dean ihn nicht festgehalten.

»Was zur Hölle«, flüstert Jackson, irgendwo außerhalb seines Blickfelds.

Und dann ebbt alles ab, das ganze Etwas, das sich seinen Weg durch seinen Körper gebahnt hat, und mit ihm verschwindet auch die erdrückende Qual; und plötzlich weiten sich Sams Lungen und er keucht erneut, schnappt nach so viel Luft, wie er kriegen kann, während sein Herz rasend schnell, und doch auf wunderbare Weise gleichmäßig, pocht, ohne zu schmerzen.

»Dean?«, sagt er und sieht zu, wie die Schwärze aus seinen Adern schwindet. »Dean, was –«

Aber bevor er ausreden kann, ist Dean da und hat ihn in eine knochenbrechend feste Umarmung gezogen, drückt ihm fast wieder die Luft aus den Lungen, aber diesmal auf eine Art, die Sam vertraut und wohlbekannt und mehr als willkommen ist. »Gott, Sammy«, bringt er brüchig hervor und dann weint er, verteilt seine Tränen in Sams Haar und an seiner Wange.

»Cas hat mich geheilt«, sagt Sam mit aufrichtigem Wunder in seiner Stimme. »Cas, du hast mich geheilt.« Und es ist dauerhaft; er kann es fühlen, kann fühlen, wie sein Körper in den Zustand zurückkehrt, in dem er sein sollte; wie er war, bevor er gefangen genommen wurde – sicher und unverwüstlich und verlässlich.

»Das habe ich«, antwortet Cas, und er klingt genauso überwältigt, blickt auf seine eigenen Hände herab, als könne er es gar nicht fassen.

»Hast mir Angst eingejagt«, sagt Dean, beugt sich ein kleines bisschen zurück und lehnt seine Stirn gegen Sams. »Hast mir ‘ne Todesangst eingejagt, Sammy …«

»War keine Absicht«, erwidert Sam und lächelt ihn zaghaft an.

Dean entfährt ein ersticktes Lachen und er schließt einen Moment die Augen. »Ja, Kleiner, weiß ich.«

»So rührend das auch ist«, sagt Jackson, und Sam spürt, wie Dean vor ihm erstarrt. »Wir müssen immer noch aus dieser Bruchbude heraus, wisst ihr.«

»Jackson«, seufzt Castiel verärgert. Er steht auf und sagt, »Gib ihnen ein paar Minuten, Sam wäre gerade fast gestorben –«

»Du bist nicht überrascht, nicht wahr?«, sagt Mary.

»Was meinst du damit?«, entgegnet Jackson grob.

»Dich überrascht nicht, dass das passiert ist«, stellt Mary klar und Sam und Dean sehen sie beide an. Ihre Augen sind gerötet und geschwollen von Tränen, aber sie sieht fest entschlossen aus, und wütender, als Sam sie je erlebt hat. »Deshalb wolltest du keine Hilfe rufen.«

»Mom, was willst du –«, fängt Dean an, verstummt dann aber plötzlich und Sam weiß, dass er bei derselben Erkenntnis angelangt ist, wie er auch.

Das Angebot, an ihrer Stelle mit dem Doc zu reden; ihnen ganz beiläufig erzählen, dass es Sam gut geht, weil er wusste, dass sie keine Möglichkeit haben würde, seine Worte vor ihrer Abfahrt auf Richtigkeit zu überprüfen; sein nervöses, rastloses Verhalten, obwohl Dean gesagt hat, Jackson würde seine Nervosität nie derartig zeigen; sein Beharren darauf, Sam und Dean während der Mission zu trennen, als hätte er genau gewusst, dass Dean sofort alles stehen und liegen lassen würde, sollte Sam nur das kleinste Anzeichen von Unruhe zeigen, was ebenfalls erklärte, wieso er Dean nicht sofort holte, als Mary es ihm sagte, und Gott, es ergibt alles Sinn, alles passt, und Sam fühlt eine Übelkeit in seiner Magengegend, die überhaupt nichts mit Krankheit zu tun hat.  

»Du weißt, was mit mir nicht gestimmt hat«, sagt er ruhig und lässt Dean los, um sich aufzurichten. Er ist immer noch etwas wacklig auf den Beinen, aber er greift nach der Wand, um sich abzustützen und so gelingt es ihm, ohne großartiges Schwanken zu stehen. »Du hast es gewusst, seit wir aufgebrochen sind.«

Dean ist nun ebenfalls auf den Beinen und sein Ausdruck ist leer geworden, als hätte er einfach das Fenster zu seiner Seele zugeknallt und fest verriegelt. »Du hast uns angelogen«, sagt er, und seine Stimme ist flach, nicht mal der Hauch eines Bebens oder irgendeiner Emotion darin.

Jacksons Blick flackert zwischen Sam, Dean, Mary und Cas hin und her und dann seufzt er. »Ich musste es tun«, sagt er.

»Wieso?«, verlangt Cas zu erfahren.

Jackson sieht Sam an, bevor er antwortet. »Dr. Pearce sagte, dass du etwas hast, das sich spontane Koronararteriezerteilung nennt. Sie hat eine Weile gebraucht, um herauszufinden, worum es sich handelt, weil es selten ist, meint sie, aber sie war sich ziemlich sicher, dass es das ist. Sie hat gesagt, dass ich dich nicht gehen lassen soll, dass du Anstrengung und Stress vermeiden musst, und deshalb zurückbleiben solltest. Sie hat vermutet, es war wohl eine Nebenwirkung von was auch immer die Briten mit dir gemacht haben.«

»Du hast die Frage noch nicht beantwortet«, sagt Dean, und sein Tonfall erinnert Sam daran, wie er geklungen hat, als er Toni verhört hat.

»Wäre er zurückgeblieben, wärst du auch nicht mitgekommen«, sagt Jackson und sieht Dean an. »Und ich brauchte euch beide hier. Ihr seid die erfahrensten Jäger, die wir haben, und du hast solche Aktionen schon vorher durchgezogen. Ich wusste, dass die Mission scheitert, wenn wir euch nicht dabeihaben, also hab ich gelogen.«

»Und wenn Sam gestorben wäre?«, wirft Mary ein.

Jackson zuckt mit den Schultern. »Kollateralschaden«, sagt er. »Kommt ständig vor, nicht wahr? Aber wir hätten Hess gehabt, und das war das Endspiel, oder nicht?«

»Bedeuten dir unsere Leben wirklich so wenig?«, fragt Cas.

»Wenn es darum geht, diese Briten-Schlampe zu erwischen?«, entgegnet Jackson verächtlich. »Ja, verdammt.«

»Tja, du hast einen Fehler gemacht«, sagt Dean und seine Lippen verziehen sich, nicht zu einem Lächeln, sondern einer furchtbaren, eiskalten Grimasse, die Sam noch nie an ihm gesehen hat, nicht mal, als er ein Dämon gewesen ist.

»Ich hab meine Chancen abgewägt«, korrigiert Jackson, und hebt sein Gewehr. »Hör zu, ich will gegen keinen von euch kämpfen, und es hat doch alles funktioniert, ja, also lasst uns einfach nach Hause gehen.«

»So einfach ist das nicht«, unterbricht Dean. »Komm schon, Jackson, du kennst mich jetzt schon eine ganze Weile. Seit ich ein Kind war. Du weißt, ich hab nur eine einzige Regel.« Das steinhart eingefrorene Grinsen wird breiter. »Du rührst Sammy nicht an.«

Er hebt seine eigene Pistole und auch Sam greift nach seiner, selbst als Cas sagt, »Jackson, nicht –«

»Ich will das nicht tun«, sagt Jackson, sein Gewehr direkt auf den Punkt zwischen Deans Augen gerichtet, »Aber ich werde, wenn ich muss, wenn du glaubst, mir im Weg stehen zu müssen –«

»Ich glaube, du verwechselst hier was«, sagt Dean. »Du stehst in meinem Weg, Jackson. Und du hast dich mit Sammy angelegt. Glaubst du wirklich, dass ich dich jetzt gehen lasse?«

»Nicht«, sagt Jackson, und sein Finger zuckt kaum merklich am Abzug. »Dean, zwing mich nicht, das zu tun …«

»Ich zwing dich zu überhaupt nichts«, erinnert ihn Dean. Er scheint so entspannt mit der ganzen Sache umzugehen, so erwartungsvoll angesichts der versprochenen Gewalt, dass Sam nicht umhin kann, einen Blick auf Deans rechten Arm zu werfen, um sicher zu gehen, dass die Haut dort ungezeichnet ist.

»Lasst uns einfach alle gehen«, sagt Jackson.

»Ich denke, wir wissen beide, dass das nicht passieren wird«, antwortet Dean. »Wir haben dir vertraut, Jackson. Ich hab dir vertraut. Und weißt du was? Wenn nur ich derjenige gewesen wäre, den du hintergehst, hätte es mich vielleicht nicht so interessiert. Aber Sam?« Seine Stimme senkt sich bedrohlich. »Mein kleiner Bruder? Niemals, verdammt, Jackson. Und was du ihm angetan hast? Ich hätte ihn fast verloren wegen dir. Ich hab schon viel Schlimmeres mit viel unheimlicheren Dingern als dir für viel weniger gemacht.«

Anstelle einer Antwort macht Jackson einen Schritt zurück. Sofort macht Dean zwei Schritte vor, schließt die Entfernung zwischen ihnen. »Davon läufst du nicht einfach weg, Jackson«, erinnert er ihn.

»Ich schwöre, ich werde dich erschießen«, warnt Jackson, schließt seinen Finger noch enger um den Abzug.

»Versuch es und schau, was passiert«, sagt Sam, ebenso leise, doch deshalb nicht weniger gefährlich.

»Ich hab keine Angst vor euch«, sagt Jackson, aber seine Entschlossenheit gerät ins Wanken, übersetzt im Zittern seiner Stimme und Beben seiner Hände.

Und dann geschehen sehr viele Dinge binnen sehr kurzer Zeit.

Irgendwo unter ihnen ertönt ein lautes, krachendes Geräusch, gefolgt von einem Schrei und einem Knall, und Sams Herz bleibt vor blanker Angst stehen, weil Jacksons Gewehr auf Dean gerichtet gewesen war und jetzt am Boden liegt, und Dean ist –

Aber dann bewegt sich sein Bruder, und er lebt, und Sams Herz schlägt weiter, selbst als sich sein Körper schon längst in Jacksons Richtung bewegt. Die Attacke – Herzinfarkt, vermutet er – hat ihm eine Menge Kraft abverlangt, hat ihn nur mit einem Bruchteil seiner normalen Stärke zurückgelassen, aber Adrenalin in Kombination mit Verrat und Wut machen das mehr als wett, und so überwältigt Sam Jackson mühelos, greift nach seiner Jacke und reißt sie ihm herunter, bevor er sein Knie in Jacksons Rücken drückt und ihm mit der eigenen Jacke die Arme auf dem Rücken fixiert.

Dann hört er ein Jaulen, das sehr nach Raniya klingt, bloß, dass sie diesmal sehr viel näher zu sein scheint, und dann, Sekunden später, taucht sie blutend und humpelnd, aber größtenteils unverletzt, um eine Ecke herum auf. »Verdammt nochmal«, knurrt sie, »Da war noch einer, ich kann nicht fassen, dass ich ihn nicht –«

Und dann verfällt sie in völlige Reglosigkeit, ebenso wie alles andere.

Mary Winchester liegt blutend am Boden.

»M-Mom?« Sams Stimme wankt. Sein Griff an Jackson lockert sich etwas, doch Jackson bewegt sich nicht; auch er scheint geschockt zu sein.

»Was zur Hölle ist passiert?«, fragt Raniya.

»Scheiß drauf, Mann«, sagt Dean und fällt neben Mary auf die Knie. Sam stößt Jackson zu Raniya herüber und tut es ihm gleich, streckt eine zitternde Hand nach seiner Mutter aus.

Sie verblutet aus einer Bauchwunde, wo ihre Organe sein sollten, und hat jetzt ihre Hände über die Wunde gepresst in einem zwecklosen Versuch, den Blutfluss zu stoppen, aber es funktioniert nicht; ihr Blut läuft scharlachrot über ihre Finger, und Dean hat seine Hände jetzt auf ihren, und Sam drückt seine eigenen über die seines Bruders.

»Cas«, sagt Dean. »Cas, kannst du –”

»Ich habe keine Gnade mehr übrig«, sagt Cas, bevor Dean ausreden kann, und klingt völlig niedergeschmettert. »Dean, es tut mir leid, ich kann nicht …«

»Sam«, stößt Dean verzweifelt hervor. »Sam, deine Jacke.«

»Richtig …« Sam nimmt seine Hände von Mary und zieht sich die Jacke aus, rollt sie zusammen und reicht sie Dean. Dean zieht vorsichtig Marys Hände beiseite und presst dann die Jacke gegen die Wunde, wo sie das Blut mit alarmierender Geschwindigkeit aufsaugt.

»Jungs«, sagt Mary, und sie schauen sie beide an. Ihr Gesicht ist blass vom Blutverlust und sie verzieht vor Schmerz das Gesicht, ihre Lippen bedeckt von Rot, aber als sie sie anschaut, gelingt ihr ein Lächeln.

»Ja, Mom«, sagt Dean sofort und seine Stimme bricht nicht, ist aber nahe dran.

»Es wird nicht funktionieren«, sagt sie, tippt mit einem blutigen Finger auf Sams Jacke.

»Nein, Mom, komm schon«, beginnt Sam.

»Sam«, sagt sie. »Es wird nicht reichen.«

»Das kannst du nicht einfach sagen«, protestiert Dean. »Du kannst nicht einfach sowas sagen, du kannst uns nicht einfach wieder und wieder verlassen –«

»Es tut mir leid«, sagt sie und klingt ein wenig atemlos. »Es tut mir …« Sie bricht ab, verzieht das Gesicht.

»Mom, du musst durchhalten«, fleht Sam, nimmt eine ihrer Hände in seine. »Mom, bitte.« Es spielt keine Rolle, was sie getan hat, es ist egal, was ihre Söhne wegen ihr durchmachen mussten. Sie ist ihre Mutter, und Sam kann nicht aufhören, sie zu lieben, egal weswegen, und er kann nicht aufhören, sie in seinem Leben zu wollen.

»Sam, es hat keinen Zweck«, sagt sie sanft.

»Wie kannst du das einfach sagen?«, fragt Dean verzweifelt. »Du kannst uns das nicht antun, okay …«

»Es tut mir leid«, sagt sie erneut und hustet. Noch mehr Blut dringt aus ihrem Mund und rinnt ihr über das Gesicht; der Anblick dreht Sam den Magen um. »Ich wollte nur – alles besser machen«, wispert sie. »Für euch beide.«

»Ich weiß«, sagt Sam, »Ich weiß, Mom.«

»Wir vergeben dir«, murmelt Dean. »Das tun wir, Mom, ich schwöre es dir, aber du musst es wenigstens versuchen, okay? Du musst es versuchen –«

»Ich bin so stolz auf euch«, unterbricht sie und lächelt. Es bringt ihre Augen zum Leuchten, obwohl in diesen nicht mehr viel Leben übrig ist. »Auf euch beide.« Sie zieht behutsam ihre Hand aus Sams und berührt sein Gesicht mit blutigen Fingern, und dann Deans. »Meine tapferen, mutigen Jungs.«

»Mom«, bringt Dean hervor und diesmal bricht ihm die Stimme.

»Ihr werdet okay sein«, sagt Mary. »Ihr habt einander. Ihr braucht mich nicht, nicht wirklich –«

»Wir werden dich immer brauchen«, entgegnet Sam, greift erneut nach ihrer Hand, damit er sie fest drücken kann. Es macht ihm Angst, wie kalt ihre Finger sind.

Sie schenkt ihm lediglich ein trauriges Lächeln und atmet dann zittrig ein. »Ihr passt aufeinander auf, okay?«

»Mom –« Dean schreit es beinahe, doch in seinen Augen sind wieder Tränen. Sam ist sich schmerzlich bewusst, wie nahe er selbst den Tränen ist – sein ganzes Gesicht fühlt sich heiß und gerötet an und seine Kehle ist schon lange wie zugeschnürt, schneidet ihm die Stimme ab.

»Ich liebe euch beide«, sagt Mary, und ihr Lächeln verwandelt sich in etwas realeres, weicher und sanfter. »Meine wunderbaren Jungs.«

»Mom, nein«, beginnt Sam, und bricht ab, als er fühlt, wie ihre Hand in seiner erschlafft. »Mom?« Er streckt die andere Hand aus, um sie zu schütteln. »Mom!«

Sie antwortet nicht. Sam schiebt seine Hand um ihre, um ihren Puls zu fühlen, und findet – nichts. Ihr Oberkörper hebt und senkt sich nicht mehr.

Sie ist fort.

»Nein«, stößt Sam hervor. »Mom –« Er blickt zu Dean auf, verzweifelt, aber Deans Gesicht ist ausdruckslos. Seine Hände auf Mary zittern nicht mehr länger, und da sind auch keine neuen Tränen, obwohl seine Augen noch rot sind. Es macht Sam Angst; mehr Angst noch, als Dean weinen zu sehen.

»Dean?«, fragt er zaghaft und hasst, wie feucht seine Stimme klingt.

Anstelle einer Antwort steht Dean auf, langsam, mühsam, aber voller Entschlossenheit. Er tritt von Marys leblosem Körper weg und wendet sich dorthin, wo Raniya mit losem Griff um Jacksons Ellbogen neben diesem steht.

»Du hast das getan«, sagt er, seine Stimme gesenkt, bedrohlich.

»Was getan?«, fragt Raniya. »Dean –«

»Alles«, erklärt ihr Dean, ohne seine Augen von Jackson zu lösen. »Du hast mich belogen, und meiner Familie geschadet.« Seine Stimme behält ihren gleichmäßigen Ton bei, kaum eine hörbare Betonung.

»Ich wollte das nicht«, sagt Jackson verteidigend. »Dean, es war ein Unfall –«

Sam braucht einen Augenblick, um zu verstehen, was er meint – der Knall, den er vorher gehört hat, das ist Jacksons Waffe gewesen. Und anstelle von Dean, hat er Mary getroffen.

Sie ist tot.

»Du hast sie umgebracht«, sagt Dean kalt. »Du Dreckskerl, du hast sie umgebracht.«

Sam lässt die Hand seiner Mutter los und kämpft sich auf die Füße. »Dean«, sagt er erneut, schwankend.

Sein Bruder sieht ihn nicht an. Er hat seine Pistole wieder in der Hand, allerdings zu Boden gerichtet, nicht auf irgendjemanden. Seine Machete liegt immer noch dort, wo er sie fallen gelassen hat. »Cas«, sagt er, ohne den Blick von Jackson abzuwenden. »Cas, halt Sam zurück.«

Cas greift sofort nach Sams Arm, und Sam ringt ihn keine Sekunde später wieder aus seinem Griff heraus. »Was machst du da?«, zischt er Cas an.

»Dean hat gesagt –«

»Ich hab ihn gehört«, unterbricht Sam.

»Dean, wir können darüber reden«, sagt Jackson, tritt von Dean weg und näher zu Raniya.

»Was ist hier los?«, verlangt sie zu erfahren.

»Er hat mich belogen«, erklärt Dean. »Hat mir erzählt, Sam würde es gutgehen und dass Doc ihm das Okay für die Mission gegeben hätte. Aber rate, was passiert ist.« Dean entfährt ein Lachen, das so eisig ist, dass es eine Gänsehaut über Sams Arme ausbreitet. »Sam ist fast gestorben. Mein kleiner Bruder ist fast gestorben, weil dieses Stück Scheiße mich angelogen hat, und dann hat er meine Mutter getötet.«

Raniya entgleisen die Gesichtszüge. »Er – was?« Sie klingt völlig geschockt, als sie von Jackson wegtritt und angewidert den Kopf schüttelt.

»Ja«, sagt Dean mit Verachtung.

»Dean, nimm die Waffe runter«, sagt Jackson. »Das muss nicht in einem Kampf enden –«

»Nein, du hast Recht, ich brauch die Knarre nicht«, stimmt Dean zu, bevor er die Pistole in Cas‘ Hände drückt und sich auf Jackson stürzt.

Deans Zorn trieft aus jedem Fausthieb, jedem Schlag auf Jacksons Rippen und Bauch und Gesicht, und der kann sich nicht mal verteidigen, weil seine Hände noch immer auf seinem Rücken fixiert sind. Deans Fäuste fliegen von einer Seite zur anderen, und schon bald fließt Blut und Jackson spuckt es zwischen seinen Zähnen hervor, als er versucht, zu sprechen, sich kaum auf den Beinen halten kann, und Cas beobachtet das Ganze mit entsetztem Gesichtsausdruck, macht aber keine Anstalten, Dean aufzuhalten.

»Dean!«, ruft Sam. »Dean, hör auf!«

Ja, Jackson hat ihre Mutter umgebracht, und dafür verdient er einen schmerzvollen Tod, aber sobald sich der Schleier über Deans Wahrnehmung aufklärt und ihm klar wird, dass er einen wehrlosen Mann zu Tode geprügelt hat … aber auf einmal ist sich Sam gar nicht mehr so sicher, dass Dean es bereuen würde. Der Dean von früher hätte das vielleicht. Aber dieser Dean, diese verhärtete Version seines Bruders, die von kalter Wut erfüllt ist – Sam ist sich nicht sicher, ob er irgendetwas fühlen wird. Und das schlimmste ist, dass Dean kein Wort sagt, als er Jackson wie einen Boxsack benutzt – er ist still wie ein Grab, und jeder Hieb ist klinisch in seiner Präzision anstelle von chaotischen, willkürlichen Schlägen, die von impulsiver Wut herrühren würden.

»Dean!«

»Sam, er hat Mom getötet!«, erwidert Dean und betont jedes Wort mit einem weiteren Schlag in Jacksons Gesicht. Seine Knöchel sind aufgeplatzt, sein eigenes Blut vermengt sich mit Jacksons, dessen Gesicht mittlerweile unter all dem Rot kaum noch wiederzuerkennen ist. Er öffnet erneut den Mund, um zu reden zu versuchen, und dabei erwischt Dean ihn frontal. Sams Magen macht einen Satz, als er Jacksons Zähne lose von seinem Gaumen hängen sieht.

»Ich weiß, Dean, ich weiß«, sagt er und greift nach Deans Arm, um ihn aufzuhalten. Er schafft es nicht. »Du musst aufhören –«

Dean entreißt seinen Arm aus Sams Griff und schlägt Jackson erneut. Er hat es sich komplett gespart, sich mit Jacksons Oberkörper aufzuhalten und konzentriert seine Bemühungen stattdessen ausschließlich darauf, was von Jacksons Gesicht übrig ist, und Sam kann das Übelkeit erregende Knacken zerschmetterter Knochen mit jedem Hieb hören. Es ist wirklich ein Wunder, dass überhaupt noch etwas übrig ist, das Dean schlagen kann.

»Dean!«, ruft Sam. »Dean, bitte!«

»Du wärst fast gestorben wegen ihm, Sammy!«, entgegnet Dean, doch seine Faust hält auf halber Strecke in der Luft inne.

»Lass ihn hier«, schlägt Sam vor, ergreift die Gelegenheit und hält Deans Oberarm noch einmal fest. »Lass ihn hier, und der Rest von uns kann zurückgehen. Er wird nicht lange überleben. Dean, er ist es nicht – er ist es nicht wert.«

»Sam hat Recht«, sagt Castiel, aber es schwingt Widerwille in seiner Stimme mit.

Raniya, deren Abwesenheit niemand von ihnen bemerkt hat, kehrt mit Alex und dem übrigen Gamma-Team auf ihren Fersen zurück. Sie zieht scharf die Luft ein, als sie Jackson zusammengesackt an der Wand sieht, bloß noch von Deans Faust an seinem Kragen aufrecht gehalten. »Dean«, sagt sie. »Dean, was hast du getan?«

»Nicht genug«, antwortet er.

»Du musst das nicht tun«, sagt Alex.

»Halt den Mund«, knurrt Dean.

»Dean, lass ihn los«, sagt Sam sanft und lässt seine Hand an Deans Arm herab rutschen, um nach seinem Handgelenk zu greifen. »Lass ihn, Dean. Er ist das alles nicht wert.«

Dean starrt Jackson an, der schwach stöhnt, und dann Sam, und dann runter auf Sams Finger, die sich um sein Handgelenk geschlungen haben. Blutspritzer bedecken sein Gesicht, keins davon sein eigenes, und er sieht – brutal aus, wild, außer Kontrolle, und Sam kann nicht anders, als zu befürchten, dass Dean blinzelt und seine Augen schwarz sein werden.

»Bitte«, sagt er. »Bitte, Dean.«

Einen Moment lang sieht es aus, als würde Dean nicht auf ihn hören – der eiskalt versteinerte Ausdruck ist wieder in seinen Augen, und er schüttelt Sams Hand grob ab, bevor er seinen Arm zurückzieht. Sam weicht instinktiv einen Schritt zurück, sieht mit flauem Gefühl in seinem Herz zu, wie Dean Jackson erneut mitten ins Gesicht schlägt – aber dann lässt er ihn los und schüttelt seine Faust aus, tritt schließlich von ihm zurück, nachdem er die zusammengesunkene Gestalt voller Verachtung getreten hat.

Sam greift sofort nach ihm, packt ihn an den Schultern und dreht ihn physisch von Jackson weg. »Lass uns gehen«, fleht er. »Lass uns einfach gehen, Dean.«

Dean hebt den Kopf, begegnet Sams Blick. Seine Augen sind trübe, aber es ist immer noch besser, als die absolute Seelenlosigkeit von zuvor. Sam ist sich nicht sicher, ob er das jemals vergessen kann. »Okay, Sammy«, sagt Dean schließlich, hebt die linke Hand, um Sams Handgelenk zu umfassen.

Er drückt Sams Handgelenk ein Mal, bevor er wieder loslässt, und dreht sich dann zu Alex, Raniya und dem Gamma-Team um, die ihn alle anstarren. »Die Show ist vorbei, Leute«, erklärt er ihnen sarkastisch. »Ihr könnt diesen Dreckskerl jetzt zurückhaben.«

»Wir wollen ihn nicht«, sagt Alex und meidet es dabei, Jackson anzusehen. »Er kann hierbleiben. Stimmt’s, Raniya?«

»Von mir aus«, erwidert sie. »Wir kommen auch fantastisch ohne ihn klar. Komm schon, Alex, lass uns sichergehen, dass alle bereit sind, aufzubrechen.«

Es ist eine dünn verschleierte Ausrede, um sich im Privaten besprechen zu können, aber Sam ist dankbar. Er wartet, bis sie alle gegangen sind und sinkt dann neben Mary auf die Knie, wo Dean bereits ist, und sieht sie einfach nur an. Betrachtet ihr Gesicht, die Weiche ihrer Haut, die blutbesudelten Wellen ihres Haars, die Lachfältchen um ihre Augen und ihren Mund. Ihre Augen sind noch offen, ein Grün ebenso verhalten und trüb wie Deans, und ein Beben kehrt in Sams Hand zurück, als er sie ausstreckt und behutsam ihre Augen schließt.

Dean streicht ihr die Haare aus der Stirn, und schiebt dann vorsichtig, sanft, die Arme unter ihren Körper und hebt sie an seine Brust. Ohne ein einziges Wort zu sagen, steht er auf, hält Mary ganz nah an sich gedrückt, und tritt den langen, langsamen Rückweg an.

Für einen Augenblick scheint es, als würde Castiel etwas sagen, aber ein Blick zu Sam und er überlegt es sich anders, schließt stattdessen bloß die Augen und verzieht das Gesicht. Sam beißt sich auf die Unterlippe, versucht, noch ein klein wenig länger die Fassung zu wahren, und Castiels Gesicht zerbricht in Sorge und Mitgefühl und er streckt eine Hand aus, um Sams zu drücken.

»Es tut mir so leid«, sagt er. »Sam, es tut mir so leid.«

Sam nickt nur und senkt den Blick, will Cas die Tränen nicht sehen lassen, die sich erneut in seinen Augen sammeln. »Ja«, bringt er hervor, und folgt dann Dean, lässt seine Hand aus Castiels fallen.
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