here at the end of all things

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18
Benny Lafitte Castiel Dean Winchester Sam Winchester
21.10.2019
07.12.2019
10
42.957
13
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Dieses Kapitel
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01.11.2019 3.862
 
Happy Halloween und einen guten Start in den November, ihr Lieben! Vielen Dank für eure tollen Reviews, die Favos & Empfehlungen, ich habe mich riesig über das Interesse gefreut und hoffe natürlich, dass euch auch der nächste Teil so gefällt <3

An dieser Stelle noch eine kleine Anmerkung: Ihr werdet gleich ein paar eigene Charaktere von remy kennenlernen, unter ihnen Alex. Alex verwendet neutrale Pronomen, im Englischen also einfach "they" statt "he/she" - im Deutschen ist das leider noch nicht so verbreitet, also hab ich mal ein bisschen recherchiert und für die Übersetzung "xier" gefunden. Beim Lesen sollte sich das erschließen, aber falls jemand Fragen hat, stellt sie gern, und ansonsten haben mir auch die Beispiele weiter unten auf  dieser Seite sehr weitergeholfen. Und jetzt wünsche ich viel Spaß beim Lesen! :)




⛧⛧⛧



Es ist gerademal kurz nach Mittag, laut Dean, der Sam eine Sonnenbrille reicht, bevor sie die Lagerhalle verlassen. Dankbar setzt Sam sie auf und schirmt seine Augen noch zusätzlich mit einer Hand ab, und obwohl sie dennoch von der Intensität des Sonnenlichts tränen, ist das wunderbare Gefühl von Sonnenstrahlen auf seiner Haut mehr als genug, um ihn davon abzulenken.

Dean behält auf dem kurzen Weg von einer Lagerhalle zur nächsten seine Hand an Sams Rücken, sowohl um ihn durch die Gegend zu lotsen, aber auch um ihn zu beruhigen, und Sam ist dankbar dafür. Die Wärme und das Gewicht der Berührung sind erdend, verankern Sam in seiner jetzigen Realität und sind eine konstante Erinnerung daran, dass er wirklich hier ist, wirklich in Sicherheit, und dass die Rettung kein Traum war.

Als sie in der Halle und aus der Sonne heraus sind, nimmt er die Sonnenbrille ab, die Luft kühl an seinen Armen als er blinzelt und seinen Augen Zeit gibt, sich an die relativ dunklen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Dieser Ort ist weitaus militärischer als der erste. In einer Ecke ist Platz für Einsatzbesprechungen, mit einem Whiteboard und Tisch mit Plätzen für sechs Personen; eine andere beherbergt einen groben Trainingsbereich, ausgestattet mit Kampfausrüstung und einigen Crosstrainern; und den restlichen Platz beanspruchen etwa zwanzig U.S.-Army-Geländewagen. Eine Wand ist großflächig mit Waffen dekoriert, die alle funktionstüchtig und außerordentlich tödlich aussehen. Es gibt einen Flammen- und sogar Raketenwerfer neben weiteren praktischen Accessoires wie Armbrüsten und Gewehren, und Sam kann sich Deans Begeisterung bildlich vorstellen, als er geholfen hat, all das zusammenzustellen.

Oder ist er eigentlich ausgelaugt gewesen, müde und seine Muskeln schmerzend, und dennoch wild entschlossen, Sam zu finden?

Am Tisch haben bereits vier Leute Platz genommen und alle von ihnen sehen aufgebracht aus, als sie sich unterhalten, zwischendurch immer wieder wild in Richtung des Whiteboards gestikulierend. Keiner von ihnen scheint Sam und Deans Ankunft bemerkt zu haben, offensichtlich zu sehr in ihre Auseinandersetzung vertieft – bis sich einer umsieht, und mitten im Satz verstummt.

»Hey, Cas«, ruft Dean mit einem Grinsen auf den Lippen.

Anstelle einer Antwort springt Castiel so schnell auf, dass sein Stuhl zu Boden kracht. Ohne diesem Beachtung zu schenken, schreitet er um das entfernte Ende des Tisches und auf die Brüder zu. Er sieht genauso aus wie immer, dunkles Haar und entschlossene blaue Augen, sein Mund leicht geöffnet vor lauter Erleichterung.

»Hey«, beginnt Sam, aber im nächsten Augenblick hat Cas ihn in eine feste Umarmung gezogen, beide Arme warm um Sam geschlungen. Sam drückt ihn sofort zurück – Gott, was hat er ihn vermisst – und lässt seinen ganzen Körper weich werden, lehnt sich an Cas.

»Es ist so gut, dich wiederzuhaben, Sam«, sagt ihm Cas, als sie sich nach einem langen Moment wieder voneinander lösen.

»Danke, Cas«, erwidert er mit einem Lächeln. »Schön, dich wiederzusehen. Ich hab dich vermisst.«

»Ich dich auch«, sagt Cas unverzüglich. »Sehr.« Und zu Sams Überraschung umarmt er ihn direkt noch einmal, und Sam fühlt ganz kurz, wie sich Lippen an seine Schläfe drücken.

»Soll ich euch zwei allein lassen?«, frotzelt Dean und sie trennen sich schließlich, werfen ihm beide finstere Blicke zu.

»Das wird nicht nötig sein«, erklärt Cas ihm zeitgleich mit Sams »Nein, passt schon, danke.«

»Mir geht’s auch gut, Cas, danke der Nachfrage«, lässt Dean ihn wissen, als sie ihren Weg zum Tisch fortsetzen, Cas nun an Sams anderer Seite. Ihrer beider Arme streifen Sam, während sie laufen und Sam spürt eine plötzliche Welle von Wärme und Sicherheit und Geborgenheit über sich hereinbrechen, wissend, dass er nicht allein ist und es niemals sein wird, nicht solange Dean da ist, und Cas; seine Familie.  

»Ich habe nicht gefragt«, sagt Cas.

Dean entfährt ein lauter, übertriebener Seufzer und er drückt Sam einen Ellbogen in die Seite, als er lacht.

Von den drei verbleibenden Leuten am Tisch erkennt Sam lediglich Jackson, der ihn mit einem kräftigen Handschlag und einem Schulterklopfen und »Gut, dich zu sehen, mein Sohn« begrüßt. Sam antwortet mit einem Lächeln und Nicken und überlässt dann Dean das Wort.

»Sammy, das ist Raniya.« Er deutet auf die dunkelhäutige Lady mittleren Alters, die auf dem Platz neben Castiels sitzt. Sie lächelt Sam an und schüttelt ihm die Hand zur Begrüßung, und etwas in ihren Gesichtszügen erinnert ihn so sehr an Ellen, dass es wehtut – und an Mary, und das tut noch mehr weh.

Dean, der Sams stille Trauer wahrnimmt, fährt in dem Wissen fort, dass die Ablenkung helfen wird und Sam richtet seine Aufmerksamkeit dankbar auf seine Worte. »Raniya ist ein Werwolf. Sie hat sich uns angeschlossen, nachdem die Briten ihre Familie angegriffen haben. Sie ist für das Training aller neuen Rekruten hier zuständig, besonders wenn die vorher noch keine Jäger waren. Und alle Jubeljahre mal macht sie einen super Apfelkuchen«, fügt er hinzu, Lachfältchen an seinen Augenrändern, als er grinst.

»Auf den freu ich mich dann schon mal«, meint Sam lächelnd.

»Solange du ihn nicht mit Dean teilst«, entgegnet Raniya verschmitzt.

»Verräter«, knurrt Dean dramatisch, bevor er sich der Person neben Raniya zuwendet. »Das ist Alex. Xier ist ein Jäger, ins Jägerleben reingeboren. Ist zu uns gestoßen, nachdem –«

»Nachdem diese Arschlöcher mein ganzes Viertel ausgelöscht haben«, endet Alex mit einer Härte in xieser Stimme, die von einer binnen weniger Monate erlebten Lebzeit aus Verbitterung und Schmerz zeugt. »Aber ich hab gehört, das ist ihre übliche Vorgehensweise für alle, die anderer Meinung sind als sie – scheißegal, ob du ein Jäger oder nicht-menschlich oder was auch immer bist.«

Xier sieht nicht viel älter aus als Sam und Dean – ein faltenloses Gesicht und langes, pechschwarzes, zu einem Zopf geflochtenem Haar, während eine einzelne Feder xiesen Kopf ziert.

Alex fährt fort. »Wie auch immer, ich hab das Sagen über das Waffenarsenal. Was übersetzt eigentlich bedeutet, dass es mein Vollzeitjob ist, Dean davon abzuhalten, mit dem Flammenwerfer zu bumsen, wenn er glaubt, ich schau gerade nicht hin.«

»Hey!«, protestiert Dean entrüstet, als der Tisch in Gelächter ausbricht. Sam stimmt darin ein, lacht über Deans sture Miene, als er Alex den Mittelfinger zeigt.

»Das kannst du nicht machen«, sagt Alex zu ihm. »In meiner Kultur ist es ein schweres Vergehen für einen Weißen, einem Ureinwohner den Mittelfinger zu zeigen.«

Daraufhin wird Dean blass. »Shit, ich wollte nicht … hey, ich hab nur Spaß gemacht, Alex, das weißt du, oder? Ich wollte nicht –«

Aber jetzt kann sich auch Alex das Lachen nicht mehr verkneifen und Dean bleibt vor Entrüstung der Mund offenstehen, als sich Alex Sam zuwendet und sagt, »Er macht es einem so leicht, ihn zu verarschen, im Ernst.«

Die feixende Freude in xieser Stimme ist ein scharfer Gegensatz zu der zuvor brodelnden Wut, aber sie ist ansteckend und Sam muss lachen, obwohl es auf Kosten seines Bruders geschieht.

»Ich bumse nicht mit den Flammenwerfern, und außerdem bist du ein Arschloch«, zischt Dean in Alex‘ Richtung und sinkt dann in den leeren Stuhl neben xiem. Alex grinst lediglich gutgelaunt und erwidert die Ein-Finger-Geste.

Sam setzt sich neben Dean, immer noch belustigt, während Cas seinen eigenen Stuhl wiederaufrichtet und ebenfalls Platz nimmt. Jackson, der das ganze mit einer Art resignierter Zuneigung beobachtet hat, setzt sich ans Kopfende des Tisches. »Okay, jetzt wo Dean mit Sam hier ist, lasst uns anfangen, ja?«

»Aber zuerst«, wirft Raniya ein. »Sam, hast du irgendwelche Fragen?«

»Äh, ein paar«, sagt Sam und unterdrückt den Drang, die Hand zu heben, als würde er wieder in einem Klassenzimmer sitzen.

»Schieß los«, fordert Jackson.

»Okay, also, Dean hat mir das Gröbste erzählt«, sagt Sam, »aber was ich mich die ganze Zeit schon frage – was genau ist da draußen los? Und wie viele Leute haben wir hier? Geht es hier nur um Widerstand, oder gibt es einen Plan, die Briten zu bekämpfen?«

Jackson denkt einen Moment nach. »Okay, nun ja. Hier ist die Kurzversion: Die Briten haben das Ruder übernommen, und sie haben das Fegefeuer geöffnet, weil sie in ihrer grenzenlosen Weisheit und Intelligenz dachten, sie könnten all diese Seelen kontrollieren. Und außerdem hätten sie dadurch jede Menge Versuchsobjekte für ihre Experimente, um neue Waffen gegen jeden zu entwickeln, der sie schief von der Seite anschaut. Weißt du, die Dämonen haben sich alle bei erster Gelegenheit verdrückt, reagieren nicht mal mehr auf Beschwörungsrituale – seit Monaten wurden keine mehr gesehen – also dachten die Briten wahrscheinlich, du wärst die nächstbeste Alternative und deshalb haben sie dich geschnappt.«

»Sammy ist nicht –«, beginnt Dean hitzig.

»Ich weiß, Junge«, versichert ihm Jackson geduldig. »Das wissen wir alle. Wer dazu was anderes zu sagen hat, kann sich gern an mich wenden. Worauf ich hinaus will, ist, dass die Briten so denken. Jedenfalls hat sich herausgestellt, dass die Fegefeuerseelen nicht so begeistert auf ihr neues Dasein als Laborratten reagiert haben – wer hätte das gedacht, hm? Ein paar Massaker und ein bisschen Genozid später waren kaum noch irgendwelche nicht-menschlichen Wesen übrig, und alle, die nicht hier sind, sind entweder tot oder in einem dieser verdammten Versuchslabore. Keine Regierung oder ähnliches mehr, das der Rede wert wäre. Wir haben hier ungefähr dreihundert Leute. Hatten eine Menge mehr, aber wir haben viele gute Verbündete in den ersten Gefechten verloren. Und ja, wir haben den Plan, zu kämpfen. Ein Plan, von dem ich stolz sagen kann, dass er funktioniert. Nicht zuletzt Dank deines Bruders«, fügt Jackson hinzu und Dean schaut selbstzufrieden aus, obwohl seine Ohrenspitzen trotzdem rot werden.

»Okay«, sagt Sam schließlich. »Danke, Jackson.«

»Sonst noch was?«

Sam schüttelt verneinend den Kopf.

»Na schön, dann lasst uns mit dem offiziellen Meeting beginnen«, sagt Jackson. »Unsere letzte Mission war ein voller Erfolg – gute Arbeit, Dean – wir haben es nicht nur geschafft, Sam zu befreien, sondern noch ein weiteres Dutzend Leute, sowohl Menschen als auch andere. Und das ist nicht alles, wir haben ihrer Einrichtung ernsten Schaden zugefügt, was laut unseren Informationen eine der Letzten ist, die noch übrig sind. Der Beta-Trupp hat außerdem einige Geiseln nehmen können, unter ihnen die Frau, die die Einrichtung geleitet hat, während das Alpha-Team Sam Winchester und die anderen gerettet hat. Außer ihr befinden sich alle auf der Krankenstation – anscheinend lief ihre Festnahme … energisch ab.« Den letzten Teil betont er mit grimmiger Zufriedenheit.

»Hat sie geredet?«, fragt Alex, bezieht sich dabei auf die Laborleiterin.

Raniya schüttelt den Kopf. »Bisher noch nicht, aber es ist nur eine Frage der Zeit.«

»Lasst es Dean mal versuchen«, schlägt Jackson vor.

»Das ist der Plan«, meldet sich Cas zum ersten Mal seit Beginn des Meetings zu Wort. »Natürlich erst, wenn Dean sich ausgeruht hat.«

»Ich bin ausgeruht«, sagt Dean sofort mit einer Härte in seinem Tonfall, der klar macht, dass er auch in einem weniger idealen Zustand kein Problem damit gehabt hätte, das Verhör zu leiten.

Jackson sieht ihn einen Augenblick nachdenklich an. »Na schön, Junge.«

»Ich nehme Sam mit.«

»Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragt Alex. »Nimm’s mir nicht übel, Sam. Ich meine nur – nun ja, du bist gerade erst wieder angekommen. Du wirst etwas Zeit brauchen, um zu genesen.«

»Ich hab schon Schlimmeres überstanden«, versichert Sam. »Viel Schlimmeres. Ich pack das schon.«

»Ich bring ihn direkt danach sowieso erstmal zum Doc«, sagt Dean. »Dann kann er untersucht werden und wenn ich schon mal dort bin, kann ich mich gleich mit den anderen Geiseln befassen. Sehen, ob sie bereit sind zu reden oder nicht. Haben wir schon Namen?«

»Noch nicht«, antwortet Raniya. »Eigentlich hatten wir gehofft, dass du und Sam sie identifizieren könntet.«

»Vielleicht. Wir werden sehen.«

»In der Zwischenzeit«, sagt Jackson, »möchte ich, dass du, Castiel, mit den anderen Geretteten sprichst und schaust, ob irgendjemand unter ihnen wohlauf genug ist, um sofort mit dem Training zu beginnen. Ich bezweifle es, wenn man bedenkt, dass wir nicht mal wissen, was diese Bastarde mit ihnen gemacht haben, aber es kann ja nichts schaden, mal nachzufragen. Raniya – ich will, dass alle bereit sind, innerhalb kürzester Zeit aufzubrechen. Alex – Waffen und Fahrzeuge. Ich will, dass alles einwandfrei ist. Sam, Dean – ihr geht runter zur Krankenstation und dann zu der Gefangenen, findet raus, was ihr könnt. Alles klar?«

Es ertönt ein Chor aus nickenden Köpfen und »Ja Sirs«, und Jackson sieht zufrieden aus. »Gut«, sagt er. »Das war’s fürs Erste. Meldet euch morgen hier zurück, selbe Zeit, und dann besprechen wir, was wir wissen.«

Alle erheben sich von ihren Stühlen, Raniya steuert auf den Trainingsbereich zu, um die Ausrüstung dort zu überprüfen, während Alex sich nach einem Zwinkern zu Dean auf den Weg zur Waffenkammer macht. Dean wirft xiem einen hitzigen Blick zu, behält seinen Mittelfinger allerdings bei sich, zumindest unter Jacksons wachsamen Blick, aber es ist offensichtlich, wie stark seine Versuchung ist. Sam schenkt ihm ein trockenes Grinsen, als sie ebenfalls aufstehen und Cas es ihnen auf der anderen Tischseite gleichtut.

»Wir sehen uns, Sam«, sagt Cas und tritt noch einmal an seine Seite für eine leichte Berührung am Arm und ein Lächeln, bevor er geht.

»Bis später, Cas«, erwidert Sam warm, klopft ihm auf die Schulter und wenig später ist auch dieser verschwunden.

»Sam«, sagt Jackson, als Sam und Dean sich gerade ebenfalls zum Gehen wenden.

»Ja?«

Dean verharrt mit zusammengezogenen Brauen an Sams Ellbogen und sieht Jackson an.

Dieser lächelt, was sein grimmiges und bärtiges Gesicht verwandelt und ein gutes Jahrzehnt davon abfallen lässt. »Es ist wirklich schön, dich wieder bei uns zu haben«, sagt er. »Und nicht zuletzt, weil Dean bei jeder Gelegenheit über dich geredet und uns allen die Ohren abgekaut hat, und jetzt hält er vielleicht endlich mal die Klappe.«

»Wieso habt ihr es heute alle auf mich abgesehen?«, beschwert sich Dean und sein Tonfall kommt einem Jammern gefährlich nahe dabei.

»Es macht Spaß«, sagt Jackson schulterzuckend. »Ich glaube, euer Dad wäre stolz«, fügt er einen Moment später hinzu und sofort werden Sam und Dean ernst. »Er wäre stolz gewesen auf die Männer, die ihr geworden seid.«

»Das hoffe ich«, sagt Sam leise.

»Nun, ich weiß es«, entgegnet Jackson. »Wie auch immer, auf geht’s, ihr zwei. Die Geiseln werden sich nicht von selbst befragen.«

Mit diesen Worten dreht er sich zu seinem Whiteboard um, das mit Koordinaten und verkürzt notierten Informationen übersät ist. Dean bemerkt Sams Blick darauf und meint mit einem Grinsen, »Ich lass dich das später genauer unter die Lupe nehmen, du Nerd. Aber erstmal lassen wir dich durchchecken, komm schon.«

Seine Hand findet zu ihrem Platz an Sams Rücken zurück, die Geste locker und doch intim, ein Anker für Sam. Dean kann durchaus gefühlsduselig sein, wenn er will, aber das ist selbst für ihn neu und Sam versteht es als seine Art, sicherzugehen, dass Sam wirklich bei ihm ist; solide und am Leben, und dass er nirgendwo hin verschwinden wird. Und deshalb lehnt er sich einfach ein wenig in die Berührung und lässt sich von Dean zur Krankenstation führen, genießt die Anwesenheit seines Bruders und die Tatsache, dass sie entgegen aller Erwartungen und Bemühungen der Briten wieder zusammen sind.


⛧⛧⛧


Die Krankenstation befindet sich in einer weiteren Lagerhalle. Dean zufolge gibt es eine ganze Ansammlung von ihnen, zum Wohnen, Strategien entwickeln, als Lagerraum und zur medizinischen Versorgung. Und eine, die als eine Art Gefängnis fungiert, sowohl für widerspenstige Mitglieder des Widerstandes als auch Geiseln. Sam hört aufmerksam zu, schaut so viel an, wie es ihm in der Sonne möglich ist, bevor seine Augen wieder anfangen zu brennen, und gibt sich alle Mühe, sich alles zu merken.

Die Leiterin der Krankenstation ist eine gestresst wirkende Frau, die Dean als Dr. Pearce vorstellt. Ihr Kittel ist verwaschen und blau und ihr dunkelblondes Haar hat sie zu einem unordentlichen Zopf geflochten. Sie sieht aus, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen. Das ist in Betracht der Umstände sogar völlig denkbar.

»Hallo, Sam. Schön, dich endlich kennenzulernen, wenn du bei Bewusstsein bist«, sagt sie, nachdem Dean sie vorgestellt hat. »Warum nimmst du nicht da drüben Platz«, sie deutet auf eins der leeren Betten, »und ich bin in ein paar Minuten bei dir.«

»Sieht aus, als hättest du alle Hände voll zu tun«, kommentiert Dean mit Blick auf all die umherwuselnden medizinkundigen Leute, die durch die Gegend eilen, sich die Patienten, Geräte und zur Verfügung stehende Vorräte ansehen – alles, was man zum Betreiben eines improvisierten Krankenhauses eben benötigt.

Dr. Pearce schüttelt nur mit dem Kopf und lässt dann eine Hand über ihr Gesicht sinken. »Fang bloß nicht an«, murmelt sie. »Die einzige Pause, die ich in letzter Zeit hatte, war das 20-minütige Nickerchen nach Sams Operation. Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe. Ich bin am Ende meiner verdammten Kräfte, versuche, unsere Mittel irgendwie zu rationieren, aber so, wie die Dinge momentan laufen – Dean, wir werden so nicht mehr lange durchhalten.«

»Wie viel Zeit bleibt uns noch?«, fragt Dean leise.

Sie grübelt einen Moment. »Zwei Monate, vielleicht drei, wenn wir besonders vorsichtig sind. Es wäre nicht so schlimm, hätten wir Alfonsi nicht verloren, aber …« Sie bricht ab, verzieht das Gesicht.

»Was ist passiert?«, fragt Sam.

»Alfonsi war der andere Chirurg«, erklärt Dr. Pearce. »Wir haben zusammen unseren Abschluss gemacht, weißt du? Haben Ewigkeiten zusammengearbeitet. Aber, äh …«

»Wir haben einen frisch verwandelten Vampir aufgenommen, sie hat geschworen, noch kein Blut getrunken zu haben«, fährt Dean grimmig fort. »Sie hat gelogen. Das Heilmittel hat nicht angeschlagen, und am Ende hat sie Dr. Alfonsi gebissen und getötet.«

Sams Miene fällt ebenfalls. »Shit.«

»Ja, shit«, sagt Dr. Pearce. »Gebt mir jedenfalls erstmal eine Sekunde, ich muss nach Rodricks gebrochenem Knie sehen, ich bin gleich zurück.«

»Ist das der Grund, wieso du nicht wolltest, dass jemand von Benny erfährt?«, fragt Sam mit gesenkter Stimme, nachdem er sich auf das ihm zugewiesene Bett gesetzt hat und Dean vor ihm steht.

Dieser nickt. »Ja«, bestätigt er knapp. »Die Sache mit Dr. Alfonsi ist noch nicht so lange her, also ist gerade niemand sonderlich gut auf Vamps zu sprechen. Das wird sich irgendwann aber wieder legen, hoffe ich.«

»Sie vertrauen dir wirklich«, stellt Sam fest. »Die Menschen hier, meine ich.«

Dean wirkt ein wenig überrascht, lächelt dann aber. »Sieht ganz so aus«, sagt er. »Sie haben sich übrigens echt drauf gefreut, dich zu treffen.«

»Mich?« Jetzt ist es an Sam, überrascht zu sein. »Warum? Sie kennen mich doch gar nicht.«

»Sie haben aber von dir gehört«, sagt Dean. »Alter, wir sind sozusagen berühmt. Sie wissen alles, was wir gemacht haben. Ich musste mir nicht mal besonders viel Mühe geben, damit sie mir vertrauen oder zuhören. Und der sechste Stuhl in der Kommandozentrale? Der hat immer dir gehört. Sie wollten ihn freihalten, bis du wieder zurück bist.«

»Aber wieso?«, fragt Sam, völlig aus dem Konzept gebracht. »Wie können sie sich so sicher sein, dass ich es nicht versaue?«

»Hast die Welt gerettet, erinnerst du dich?«, sagt Dean mit einem kleinen Grinsen. »Das spricht im Normalfall für uns.«

Sam öffnet bereits den Mund, um zu protestieren, aber dann taucht Dr. Pearce an Deans Schulter auf und schiebt ihn zur Seite. Sie nimmt Sams Vitalwerte auf und widmet sich dann methodisch seinen Verletzungen – dem offenen Kratzer in seinem Gesicht, der an seiner Haut gezogen hat, seit er aufgewacht ist und von seiner Schläfe bis unter seinen Wangenknochen reicht; der Schnittwunde an seinem Bauch, die jetzt tatsächlich außerordentlich schmerzt; und den Rippen, die bei seiner Rettung angeknackst wurden. Sie nimmt ihm auch ein wenig Blut ab, in der Hoffnung, ein bisschen Klarheit darüber zu erhalten, was mit ihm gemacht wurde und lauscht sehr aufmerksam mit einem Stethoskop seinem Herzschlag, als er ihr von dem Stechen in seiner Brust erzählt.

»Die Sache ist die«, sagt sie, als sie fertig ist. »Es ist physisch nichts verkehrt mit deinem Herz, nichts, das ich erkennen kann. Wir haben dich geröntgt, als du angekommen bist, und nur deine angebrochenen Rippen gesehen. Ich kann ehrlich nicht sagen, was es sein könnte. Ich hoffe einfach, dass es sich in deinem Blutbild zeigen wird, denn das ist der einzige Anhaltspunkt, den ich habe. Gibt es sonst noch etwas?«

»Äh, ja«, gibt Sam nach ein paar Sekunden zu. »Meine Ohren. Sie, äh, rauschen hin und wieder. Wobei das vermutlich Tinnitus von der Explosion ist, oder?«

»Richtig«, sagt sie. »Ist dein Hörvermögen ansonsten noch beeinträchtigt?«

Sam denkt darüber nach und schüttelt dann den Kopf. »Nein, nicht dass ich wüsste.«

»Dann wird das in einer Weile nachlassen«, erzählt sie ihm. »Der Tinnitus, meine ich. Wenn deine Rippen und dein Bauch erstmal verheilt sind, solltest du wieder kampfbereit sein.«

»Kampfbereit?«, wiederholt Dean laut. »Er wird nicht kämpfen!«

»Jetzt nicht, das stimmt«, sagt Dr. Pearce geduldig, als Sam Dean mit finsterem Blick einen Ellbogen in die Seite stößt. »Aber in ein paar Wochen wird er okay sein.«

»Aber –«, protestiert Dean hitzig.

»Ich hab schon Schlimmeres erlebt, weißt du noch?«, unterbricht ihn Sam vehement. »Ich bin kein Kind mehr, Dean, ich schaff das schon.«

Dean versucht es erneut. »Ich weiß, aber –«

»Wieso hebt ihr euch das nicht für eure Gute-Nacht-Gespräche auf und seht erst mal nach den Geiseln?«, schlägt Dr. Pearce trocken vor.

»Äh, ja«, stammelt Dean sofort mit roten Ohren. »Ja, das machen wir jetzt. Und, Doc, du kannst mich mal.«

Dr. Pearce lacht bloß. »Oh Schätzchen, das hättest du gern.« Sie zwinkert Sam zu. »Na los, verschwindet und macht eure Jobs, und lasst mich meinen erledigen.«

Sam steht grinsend auf. »War schön, Sie kennenzulernen«, sagt er ihr aufrichtig.

»Gleichfalls, Kleiner«, erwidert sie. Der Spitzname fühlt sich gar nicht mal so seltsam an, obwohl sie ihm im Alter höchstens ein Jahrzehnt voraus und an Körpergröße natürlich nichts entgegenzusetzen hat. »Komm in ein paar Tagen noch mal her, okay, und dann reden wir über dein Blutbild. Alles klar?«

Sam nickt. »Ich werde hier sein.«

»Cool«, sagt sie, und macht dann eine scheuchende Handbewegung. »Und jetzt husch, raus mit euch.«

Zu Sams Überraschung sind nicht nur Menschen auf der Krankenstation; er sieht einige Werwölfe und sogar ein paar Dschinns, beide Gruppen separat voneinander gehalten. Viele von ihnen grüßen Dean und auch Sam, als sie vorbeigehen und Dean spricht sie mit Vornamen an, während Sam ein wenig scheu lächelt und eine Hand zum Gruß hebt. Er hat sich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnt, dass all diese Leute wissen, wer er ist und dass sie alle für ihn gekämpft haben, obwohl sie ihm zuvor nie begegnet sind und, was noch viel schwerer wiegt, dass sie bereit sind, ihn zu ihrem Anführer zu machen.

Es ist eine ganze Menge zu verarbeiten und er wird mit dem Versuch, einen Sinn darin zu finden, lieber warten, bis er zurück in der Privatsphäre von Deans Zimmer ist.
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