here at the end of all things

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18
Benny Lafitte Castiel Dean Winchester Sam Winchester
21.10.2019
07.12.2019
10
42.957
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07.12.2019 4.286
 
Hallöchen ihr Lieben,

bevor der unvermeidbare Dezemberstress bei mir Einzug hält, gibt's hier das letzte Kapitel. Es hat einen riesen Spaß gemacht, diese Story zu übersetzen und mit euch zu teilen und eure Reaktionen zu lesen (auch wenn noch nicht alle hier am Ende angekommen sind, aber die Story rennt ja glücklicherweise nicht weg!). Über ein abschließendes Feedback würde ich mich noch einmal sehr freuen. <3

Auch im Namen von remy Danke für euer Interesse. Vielleicht lesen wir uns ja bald an anderer Stelle wieder. ;) Bis dahin viel Spaß mit dem letzten Part und alles Liebe, eure Thea. xxx


⛧⛧⛧




Sie beerdigen sie noch am selben Tag bei Dämmerung, nicht weit entfernt vom Stützpunkt. Sam baut den Scheiterhaufen, während Dean sie sauber macht und ihren Körper in weiße Leinentücher wickelt, die Cas in der Forschungseinrichtung gefunden hat. Benny hält alle von ihnen fern und bleibt klugerweise selbst auch auf Abstand, kann offensichtlich spüren, dass Sam und Dean gerade beide keine Gesellschaft wollen. Als alle Vorbereitungen getroffen sind, legt Dean Mary vorsichtig auf den Scheiterhaufen, und Sam reicht ihm Flüssiganzünder und Streichhölzer.

»Ich warte beim Auto«, murmelt Cas leise und zieht sich zurück.

Sie sehen beide zu, Schulter an Schulter, als das Feuer höher und höher empor wächst. Die Hitze ist schon nach wenigen Minuten beinahe unerträglich, aber keiner von ihnen macht Anstalten, zurückzutreten. Sie bleiben einfach wo sie sind, sehen zu, ihre Augen trocken und Herzen schwer. Es sind nicht viele Tränen übrig, die noch geweint werden können. Sam ist sich sicher, dass es sie viel später treffen wird, vermutlich zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt, aber fürs erste sind sie einfach still.

Es ist eine Halbmondnacht und als das Feuer endlich ausgebrannt ist, leuchten über ihnen die Sterne am Himmel. Sam kann sich kaum noch auf den Beinen halten, schwankt vor Erschöpfung, und das einzige, das ihn davon abhält, umzukippen, ist Deans Hand auf seinem Arm. Dean selbst sieht übermüdet aus, und sein Kopf ist gebeugt, als würde das Gewicht der letzten Stunden ihn wortwörtlich in die Tiefe ziehen.

Cas wartet am Auto, genau wie er gesagt hat, und als Sam und Dean nahe genug sind, zieht er sie beide in eine Umarmung. Sam fühlt, wie sich Dean neben ihm anspannt, aber ein paar Sekunden später geht es vorbei und Dean lässt sich in die Umarmung sinken, legt sogar einen Arm um Cas und den anderen um Sam.

Keiner von ihnen sagt ein Wort; sie bleiben so stehen und es könnten Stunden sein, sind aber wahrscheinlich nur Minuten. Sam lehnt seinen Kopf gegen Castiels und schließt die Augen, und neben ihm hat Dean seine Finger fest in Castiels Trenchcoat vergraben – der trotz allem bis hierher überlebt hat – und nur für ein paar Momente müssen sie beide nicht mit allem allein zurechtkommen.

Dean lehnt sich als erster zurück; er klopft Cas zweimal auf den Rücken, wie es für ihn üblich ist, und wirft ihm ein angespanntes Lächeln zu, und dann geht er ums Auto herum, um auf der Fahrerseite einzusteigen. Sam verharrt noch ein paar Sekunden länger in der Umarmung und drückt dann Cas‘ Schultern, bevor sie sich trennen. »Danke«, sagt er sanft, die Worte fast vom Wind davongetragen.

Castiel nickt ihm zu. »Sehr gern geschehen, Sam.« Dann tätschelt er ein wenig unbeholfen Sams Schulter und nimmt auf dem Rücksitz Platz. Sam folgt ihm, lässt sich vorn in den Beifahrersitz sinken und zieht die Tür hinter sich zu.

Benny schließt sich ihnen an, gerade als der Motor warmgelaufen ist. Er setzt sich einfach wortlos neben Castiel auf die Rückbank, hinter Dean, und sagt leise, »Hab das von eurer Mom gehört. Tut mir wirklich leid.«

»Danke, Benny«, sagt Sam, als klar wird, dass Dean nicht sprechen wird.

Alle anderen sind schon lange weg und haben Hess mitgenommen; nur sie vier sind zurückgeblieben. Raniya und Alex sind gegangen, ohne etwas zu sagen, da sie offensichtlich davon ausgehen, genug Zeit zum Reden zu haben, wenn sie wieder zurück am Stützpunkt sind.

Ein paar Minuten sitzen sie dort in vollkommener Stille, und dann lehnt sich Dean zu Sam herüber, zieht eine Karte aus dem Handschuhfach und knipst seine Taschenlampe an.

»Wofür brauchst du die?«, fragt Cas. »Du kennst doch den Rückweg.«

»Will bloß was nachschauen«, murmelt Dean. Er studiert die Karte noch einen Moment länger und faltet sie dann zusammen, packt sie wieder weg und schaltet die Taschenlampe aus. »Alles klar. Lasst uns die Fliege machen.« Er klingt noch nicht ganz wieder wie sein altes Ich, aber er gibt sich Mühe, und für Sam ist das das Einzige, was zählt.



⛧⛧⛧




Sam bemerkt gar nicht, dass er eingeschlafen ist, bis das Auto anhält und er überrascht aufschreckt. Sie sind an einer Tankstelle, und der Fahrersitz ist leer. Genauso wie die Rückbank, wie er eine Sekunde später feststellt.

Dann sieht er Dean kurz hinter seinem Fenster, der abwesend auf die Zapfsäule starrt, und er sieht völlig erschöpft aus. Sam wirft einen Blick auf seine Uhr und blinzelt ungläubig, als ihm klar wird, dass sie schon seit ungefähr fünf Stunden unterwegs sind. Er hat es nicht mal gemerkt.

Die hintere linke Tür wird geöffnet und Sam zuckt zusammen, entspannt sich erst, als er sieht, dass es Cas ist, der eine Tüte Snacks und Wasser in der Hand hat, was er im Tankstellenshop gekauft haben muss. Er lächelt, als sein Blick auf Sam fällt. »Wie fühlst du dich?«, fragt er.

»Okay«, sagt Sam. »Denke ich. Immer noch müde, hauptsächlich.«

»Das ist sehr verständlich«, sagt Cas, setzt sich hin und schließt die Tür hinter sich.

Dean hat fertig vollgetankt und schließt sich ihnen an. »Heya, Sammy«, sagt er und wirft ihm den Hauch eines Lächelns zu.

Sam erwidert es. »Hey«, sagt er. »Okay?«

Dean nickt. »Früher oder später.« Er streckt eine Hand aus, um durch Sams Haare zu wuscheln, was dessen vom Schlafen ohnehin schon chaotische Frisur zweifellos noch verschlimmert. »Und du?«

»Ja, ich auch«, sagt Sam und bändigt seine Haare, so gut er kann.

»Du solltest dich noch etwas ausruhen«, meint Dean zu ihm.

»Du auch«, kontert Sam.

Benny wählt diesen Moment, um Sams Tür zu öffnen und sagt, »Lass mich fahren, Dean. Ihr braucht beide ein bisschen Schlaf.«

Dean zögert. »Wirst du gut zu ihr sein? Vorsichtig fahren?«, fragt er und streichelt das Lenkrad auf eine Weise, die Sam in jeder anderen Situation gruselig gefunden hätte.

Benny rollt mit den Augen. »Natürlich, Dean. Ich weiß, wie man mit Ladys umgeht.«

»Ich vertraue dir mit ihr«, sagt Dean nach kurzem Überlegen. »Enttäusch mich nicht.«

»Redet ihr immer noch über das Auto?«, fragt Castiel vom Rücksitz und klingt verwirrt.

»Ja«, schnaubt Dean, bevor er sich zu Sam umdreht. »Hey, äh, vielleicht solltest du nach hinten gehen. Da hast du mehr Platz.«

»Okay«, sagt Sam. »Und du?«

»Ich nehme deinen Platz«, erwidert er. »Will ein Auge auf Benny haben, aufpassen, dass er wirklich so gut ist, wie er sagt.«

Benny macht ein spöttisches Geräusch. »Sehr lustig, Dean.«

»Das war kein Witz«, informiert ihn Dean, als er den Fahrersitz verlässt, dicht gefolgt von Sam.

Benny nimmt hinterm Steuer Platz und Dean auf dem Beifahrersitz, während Sam sich auf die Rückbank hinter Dean setzt. Benny, ganz wie er versprochen hat, geht behutsam mit Baby um, als er vom Parkplatz der Tankstelle fährt und Dean entspannt sich bald ausreichend, um ein wenig Musik anzustellen, die die zuvor schwere Stille im Auto durchbricht. Er hält die Lautstärke allerdings gering, aus Rücksicht auf Sam, und dafür ist Sam dankbar.

»Hab das vermisst«, murmelt er.

»Ich weiß«, erwidert Dean mit unendlich viel Zuneigung in seiner Stimme. »Schlaf ein bisschen, Sammy. Ich weck dich auf, wenn wir das nächste Mal anhalten.«

»Mh«, macht Sam und lehnt sich zurück, schließt die Augen. Binnen Sekunden ist er weggedöst.  



⛧⛧⛧




Als er das nächste Mal aufwacht, ist er irgendwie mit seinem Kopf in Castiels Schoß gelandet, sein Körper auf eine Art auf dem Rücksitz zusammengerollt, die sehr unbequem sein sollte, es aber merkwürdigerweise nicht ist. Cas‘ Arm liegt über Sams Schultern, sein Gewicht tröstlich, und Sam beschließt, dass er jetzt noch nicht aufstehen will. Also bleibt er reglos, lässt seine Augen geschlossen und lauscht auf die Geräusche seiner Umgebung – das Schnurren von Babys Motor, klassische Rockmusik im Hintergrund, der Bass der Stimme seines Bruders.

»Glaubst du echt, sie würden mich immer noch als ihren Anführer wollen?«, sagt Dean, seine Stimme gesenkt, aber Streit suchend.

»Na ja, du hast doch nichts falsch gemacht«, sagt Benny. »Hast bloß einen Bastard verprügelt, der es verdient hatte.«

»Das könnten sie etwas anders sehen«, sagt Castiel. »Jackson wurde sehr respektiert. Leute haben zu ihm aufgeschaut, mehr noch als zu Dean. Vielleicht altersbedingt, oder vielleicht, weil Jacksons Verlust weitaus permanenter war als Deans.«

»Das ist vielleicht ‘ne komische Logik«, kommentiert Benny. »Ich bin mir verdammt sicher, dass da drin jeder jemanden verloren hat.«

»Ja, haben sie. Aber viele Leute haben Jacksons Vorstellung von Vergeltung zugestimmt.«

»Verdammtes Stück Scheiße«, murmelt Dean heftig.

Darauf folgt zunächst Stille. Benny pocht mit seinen Fingern aufs Lenkrad. Das Lied im Radio wechselt. Castiels Arm bewegt sich ein wenig an Sams Schulter, und kommt dann mit den Fingerspitzen in Sams Haar zur Ruhe.

Dann sagt Dean mit schwerer und etwas belegter Stimme, »Ich hab Sammy fast verloren. Fuck, ich hätte ihn verloren, wäre Cas nicht gewesen. Und wir haben Mom verloren. Ich …« Er atmet tief ein. »Ich weiß nicht, was ich getan hätte. Und dafür? Was ich mit ihm gemacht hab, war gar nichts. Er hat viel, viel schlimmeres verdient.« Er klingt hart, kalt – aber darunter schwingen dennoch Emotionen mit, und darüber ist Sam ungemein froh.

»Ich weiß«, sagt Cas. »Aber Sam hat dich mit gutem Grund aufgehalten, Dean.«

»Dieser Dreckskerl war es nicht wert, einen Teil deiner Seele für ihn zu verlieren, Dean«, stimmt Benny zu. »Außerdem, das, was du mit ihm gemacht hast, war schlimmer, als ihn zu töten. Lass ihn dasitzen und über alles nachdenken, was er getan hat. Lass es an ihm nagen bis zu seinem letzten Atemzug. Das ist, was er verdient.«

Erneut herrscht Stille, als sie alle darüber nachdenken. »Ich bin froh, dass es alles vorbei ist«, sagt Castiel. Seine Finger streichen jetzt durch Sams Haar, lullen ihn langsam wieder in den Schlaf.

»Ich auch«, pflichtet Benny ihm bei.

»Ja«, sagt Dean leise. »Ich schwöre, manchmal will ich einfach nur …« Er bricht ab.

»Was?«, fragt Benny.

»Einfach abhauen«, sagt Dean. »Einfach Sam mitnehmen und irgendwo hingehen, wo uns niemand jemals wieder findet. Gottverdammt, haben wie nicht ein bisschen Frieden verdient? Nach allem, was wir durchgemacht haben, alles, was wir getan haben, und aufgegeben haben – haben wir da nicht ein bisschen verfluchten Frieden verdient?«

»Ihr verdient das mehr als irgendjemand sonst«, sagt Castiel leise.

»Was hält euch davon ab, das jetzt zu haben?«, fragt Benny.

Danach spricht niemand mehr, und die Frage bleibt in der Luft hängen. Sam will darüber nachdenken, will er wirklich – und da gibt es eine Menge zum Nachdenken – aber er ist immer noch so müde, so verdammt müde, und Cas' Finger fühlen sich so angenehm in seinen Haaren an. Er fühlt sich warm, und – und sicher.

Er schläft.



⛧⛧⛧




Als er das nächste Mal aufwacht, liegt es am Sonnenlicht, das ihm das Gesicht wärmt. Sein Kopf liegt immer noch auf Castiels Schoß, Cas‘ Arm wieder auf seinen Schultern.

Sam fühlt sich gut ausgeruht, und mehr als bereit, aus dem Auto zu kommen und seine Beine zu strecken. Die Position, die vorher so bequem war, als er müde gewesen ist, fühlt sich jetzt nur noch einengend an. Also schlägt er die Augen auf und setzt sich langsam auf, lässt Cas‘ Arm von sich herunter rutschen und streckt seine eigenen so weit über seinen Kopf, wie es geht.

»Hallo, Sam«, sagt Cas, und Sam wirft ihm ein verschlafenes Lächeln zu.

»Morgen«, sagt er. »Warum haben wir angehalten?«

»Dean wollte Frühstück«, erzählt ihm Cas. »Benny tankt das Auto auf. Ich glaube, Dean wollte dir auch etwas zu Essen holen. Ich bin hier geblieben, weil ich dich nicht wecken wollte.«

»Danke, Cas. Ich geh mal zu Dean«, sagt Sam und gähnt. »Muss mir mal die Beine vertreten.«

»Ich verstehe. Wie geht es dir jetzt, Sam?«

Sam denkt einen Moment über die Frage nach. »Okay, denke ich«, sagt er schließlich. »Besser als vorher.«

»Schlaf hilft tatsächlich«, sagt Cas.

»Ja«, stimmt Sam zu und öffnet die Tür. Dann fällt ihm etwas ein und er hält inne. »Willst du, äh, willst du auch etwas? Von der Tankstelle?«

Castiel schüttelt den Kopf. »Nein, danke.« Sam wartet noch eine Sekunde, erwartet, dass Cas vielleicht noch mehr sagt, aber der Engel – oder, nun ja, jetzt ist er ja menschlich, fällt es Sam mit einem Stich wieder ein – geht lediglich dazu über, einen losen Knopf an seinem Trenchcoat zu begutachten.

Sam wirft ihm noch ein letztes Lächeln zu und klettert dann aus dem Auto, drückt die Tür hinter sich zu. Benny, der einen Hut mit breitem Schirm trägt, um sich vor der Sonne zu schützen, blickt auf, als der ihn sieht, und nickt ihm zu. »Alles klar, Sam?«

»Ja. Und bei dir?«

»Ach, mir geht’s gut«, winkt Benny ab. »Hast du, äh, gut geschlafen?«

»Überraschenderweise, ja«, antwortet Sam. »Nette Handschuhe«, fügt er mit einem Nicken auf die Fausthandschuhe an Bennys Händen hinzu.

»Ha ha«, entgegnet Benny sarkastisch. »Konnte nichts anderes finden. Super praktisch, mit den Dingern zu tanken.«

»First World Vampirprobleme«, sagt Sam und grinst angesichts der unbeeindruckten Miene, die Benny macht.

»Hat dir jemals jemand gesagt, dass du nicht lustig bist, Herzchen?«, fragt er.

»Nope«, erwidert Sam und klopft ihm auf den Arm, als er sich auf den Weg dorthin macht, wo er Dean zwischen einigen Süßigkeitenregalen entdeckt hat.

Dean sieht auf, als bei Sams Ankunft ein Klingeln ertönt und steuert sofort direkt auf ihn zu. »Morgen, Sonnenschein«, grüßt er Sam.

»Hey«, antwortet dieser. »Hast du überhaupt ein bisschen Schlaf bekommen?«

Dean zuckt mit den Schultern. »Etwas. Hey, Erdnussbutterpralinen oder Snickers?«

»Erdnussbutter«, sagt Sam und folgt Dean zurück zu den Süßigkeiten. »Auch wenn ich es begrüßen würde, wenn Junk Food nicht unsere einzige Option wäre.«

»Hey, wir leben jetzt in einer verlassenen Einöde, da können wir nicht wählerisch sein«, entgegnet Dean. »Du kannst deinen Salat haben, wenn’s hier wieder eine funktionierende Regierung gibt.«

Darauf entfährt Sam ein Schnauben. »Das wird noch eine Weile dauern.«

»Vielleicht nie«, sagt Dean. Es klingt locker, aber Sam kann sehen, wie er sich anspannt, als er es sagt, als hätte er Angst, es könne tatsächlich so sein.

»Nein, das wird wieder«, sagt Sam in demselben lockeren Ton. Er reicht Dean eine Tüte Cheetos für seinen Einkaufskorb. »Unsere Spezies ist viel robuster, als wir glauben.«

»Stimmt«, sagt Dean nach kurzer Pause. Er schnappt sich eine Tüte M&Ms. »Trotzdem. Könnte eine Weile dauern.«

»Aber es wird passieren«, wiederholt Sam und lächelt.

»Du klingst echt optimistisch.«

»Was bleibt uns denn sonst übrig?«, fragt Sam.

Ein paar Minuten streifen sie schweigend durch die Gänge, legen beide immer mal wieder etwas Neues in Deans Korb. Es gibt keinen Kassierer – sowas wie Kapitalismus hat es jetzt schon seit einiger Zeit nicht mehr gegeben – also packen sie einfach alles direkt in Tüten, als sie fertig sind.

Dann sagt Dean, »Ich wollte eigentlich noch was mit dir besprechen.«

»Worum geht’s?«, fragt Sam.

Dean beißt sich auf die Unterlippe, zögert. »Also – eigentlich glaube ich, es ist am besten, wenn wir alle dabei sind.« Und damit schnappt er sich etwa die Hälfte der Tüten und geht nach draußen, und Sam kann bloß nach dem Rest greifen und ihm folgen.

Benny sitzt auf der Rückbank des Impalas, als sie ihn erreichen, während Cas draußen am Wagen lehnt. Sie beide reden über das ein oder andere, verstummen aber, als sie Sam und Dean näherkommen sehen.

»Na du siehst ja bitterernst aus«, kommentiert Benny.

Anstelle einer Antwort stellt Dean seine Hälfte er Tüten auf dem Rücksitz ab und nimmt dann Sam die andere Hälfte ab, um sie ebenso zu verstauen. »Okay«, sagt er, richtet sich auf. »Okay. Wir müssen reden.«

»Über?«, fragt Castiel.

»Darüber, was wir jetzt machen«, sagt Dean und schiebt die Hände in seine Taschen.

»Ich dachte, wir fahren zum Stützpunkt zurück«, sagt Cas.

»Dahin geh ich nie wieder zurück«, sagt Dean energisch. »Ich hab diesen Ort so gottverdammt satt, und ich bin’s leid, verantwortlich sein zu müssen. Ich bin durch damit, Mann.«

Einen Augenblick herrscht Schweigen, während sie alle nur Dean ansehen. Sam, für seinen Teil, kann nicht behaupten, dass er besonders überrascht ist, besonders nach dem, was Dean Benny und Cas gegenüber im Auto zugegeben hat. Und Benny scheint auch nicht überrascht zu sein – er blickt mit einem langsamen Lächeln zu Dean auf und sagt, »Du hast also deine Entscheidung getroffen.«

»Hab ich«, bestätigt Dean. »Sammy?«

Sam schenkt seinem Bruder ein warmes Lächeln. »Ich geh überall hin, wo du mich hinbringst, Dean. Das weißt du.«

Dean wirkt einen Augenblick überrumpelt. »Du wirst deswegen nicht mit mir streiten? Nichts mit bürgerlichen Pflichten oder Verantwortung oder sowas?«

Sam schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt er schlicht. »Wird Zeit, dass wir mal ein bisschen Ruhe und Frieden haben, oder?«

Dean blinzelt überrascht, begreift offenbar, dass Sam ihn gehört hat und dann verwandelt sich sein Gesichtsausdruck, erhellt sich, als er lächelt. »Ja, Sammy«, sagt er. »Wird Zeit.«

»Ich würde allerdings gern zurückgehen«, wirft Cas ein und sie drehen sich beide zu ihm um.

»Wieso?«, fragt Dean.

»Ich … habe dort eine Aufgabe«, sagt Cas, langsam und bedacht. »Dean, dort kann ich tatsächlich etwas bewirken. Ich bin dort bedeutend.«

»Uns bist du auch wichtig, Cas«, sagt Sam. »Das weißt du doch, oder?«

»Das tue ich, Sam. Danke. Aber das ist nicht, was ich meine.« Er atmet lange und langsam aus, wählt seine nächsten Worte offensichtlich mit Bedacht. »An diesem Ort habe ich Leute, die sich auf mich verlassen. Ich habe Aufgaben zu erfüllen. Ich bin ein Teil von etwas. Ich mag das. Ich habe gern das Gefühl, dass ich Veränderung bewirken kann. Und jetzt, wo Jackson fort ist, und ihr beide ebenfalls geht … muss jemand an Raniyas und Alex‘ Seite treten. Es wäre unfair, von ihnen zu erwarten, das alles allein zu stemmen.«

»Musst du das sein?«, fragt Dean.

»Ja«, erwidert Cas schlicht. »Muss ich. Es ist das, was ich tun möchte, Dean.«

»Ich weiß nicht, Cas«, sagt Sam. »Dich einfach so zu verlassen, und jetzt, wo du menschlich bist … es fühlt sich nicht richtig an.«

»Aber ihr verlasst mich ja nicht«, sagt Cas. »Ich entscheide mich dafür, zu bleiben. Und ich bereue es nicht, menschlich zu sein, den letzten Rest meiner Gnade aufgegeben zu haben.« Er lächelt Sam sonnenhell an. »Das war es wert. Ich würde es wieder tun, ohne zu zögern.«

»Dir ist bewusst, dass du jetzt sterblich bist«, wirft Dean leise ein.

»Ich weiß«, sagt Cas. »Damit habe ich meinen Frieden geschlossen.«

»Bist du sicher?«, fragt Sam.

»Einhundert Prozent.«

Benny wählt diesen Moment, ebenfalls aus dem Auto zu steigen, der Hut wieder auf seinem Kopf und die behandschuhten Hände in seine Taschen geschoben. »Klingt, als hätte er seinen Entschluss gefasst, Bruder.«

»Das habe ich«, bestätigt Cas.

Dean wendet den Blick ab, schließt die Augen. Er sieht aus, als würde er dem Drang widerstehen, weiter zu streiten, Cas zum Bleiben zu bewegen. Sam versteht das, wirklich – es gibt nichts, das er lieber wollen würde, denkt er, als seine ganze Familie um sich zu haben, zusammen. Aber er versteht auch, dass es nicht das wäre, was Castiel will. Er versteht das Bedürfnis, sich nützlich zu fühlen, und noch etwas tun zu können, etwas bewirken zu können.

»Du weißt, bei uns hast du immer ein Zuhause«, sagt er leise. »Immer.«

»Ich weiß«, wiederholt Cas, und lächelt erneut.

»Du bist Familie«, sagt Dean und sieht ihn endlich wieder an. »Das wird sich nicht ändern.«

Cas nickt ihm zu. »Ja«, ist alles, was er sagt.

Einen Moment stehen sie unbeholfen beieinander, bis Dean sagt, »Äh, ist das jetzt der Part, wo wir uns umarmen, oder –?«

»Ja«, lacht Sam und schnappt sie sich beide, zieht sie zu sich heran. Sie erwidern seine Umarmung augenblicklich und dann stehen die drei für bestimmt eine volle Minute so da, die Arme umeinander geschlungen, während Benny ein wenig peinlich berührt im Hintergrund herumlungert und zum größten Teil unbeachtet bleibt.

»Danke«, sagt Dean, als sie sich voneinander lösen. »Dafür, dass du, äh … auf mich aufgepasst hast. Die ganze Zeit, als ich Sam nicht hatte, hast du mich bei Verstand gehalten. Hast mich davon abgehalten, total die Kontrolle zu verlieren, um ehrlich zu sein. Ich weiß nicht, ob ich es ohne dich geschafft hätte.«

»Und danke für alles, das du für mich getan hast«, fügt Sam hinzu. »Dass du nie aufgehört hast, nach mir zu suchen. Und dass du auf Dean aufgepasst hast. Und mich geheilt hast.«

Cas lächelt sie beide an. »Ist das nicht, was Familie füreinander tut?«, fragt er.

»Ja«, sagt Dean nach einem Augenblick. »Ist es.« Dann fragt er, »Also, äh, sollen wir dich noch zum Stützpunkt zurückbringen, oder –?«

»Nein, ist schon in Ordnung«, sagt Cas. »Ich weiß, du willst nicht dorthin zurückkehren. Ich werde fahren.« Er deutet auf einen ziemlich traurig aussehenden Buick, der einige Meter von ihnen entfernt geparkt ist. »Ich denke, das wird völlig ausreichen.«

»Mann, was ist das mit dir und deinen Schrottkarren?«, murmelt Dean, grinst aber voller Zuneigung.

»Weißt du was, ich komm mit dir mit«, sagt Benny und sie drehen sich alle zu ihm um. »Was?«, entgegnet er. »Ist nicht so, als könnte ich mit Sam und Dean gehen. Bin kein großer Fan davon, das dritte Rad am Wagen zu spielen. Schau mich nicht so an, du weißt, es ist wahr«, fügt er hinzu, als er Deans Gesicht sieht.

»Was wirst du machen?«, fragt Sam ihn.

Benny zuckt mit den Schultern. »Mir wird schon was einfallen. Wer sagt, dass ich zurück ins Camp muss? Vielleicht kann ich mich solo auf den Weg machen, mal schauen, ob ich irgendwo ein Nest finden kann oder so, ich weiß nicht. Ich finde schon was. Macht’s dir was aus, wenn ich mitfahre, Flügelchen?«

»Ich habe keine Flügel mehr«, sagt Cas. »Und nein, ich habe nichts dagegen.«

»Das sollte ein interessanter Road Trip werden«, kommentiert Sam mit einem Grinsen.

»Kann nicht schlimmer werden als im Fegefeuer«, sagt Benny. »Also, das ist es dann, hm? Ende des Weges?«

»Ende des Weges«, bestätigt Dean und macht einen Schritt nach vorn, um Benny zu umarmen. Sie geben sich wieder ihr übliches männliches Schulterklopfen und treten zurück. »Pass auf dich auf, Benny.«

»Du auch, Bruder«, sagt Benny. Die Bezeichnung versetzt Sam keinen Stich mehr, so wie früher, als sowohl er selbst als auch Dean sich so unsicher über ihren Platz im Leben des anderen gewesen sind. Jetzt ist es anders. Jetzt hat keiner von ihnen mehr den Hauch eines Zweifels darüber, was er dem anderen bedeutet.

»Sam«, sagt Benny, und um seine Augen bilden sich Fältchen, als er ihn anlächelt, bevor er die Arme um ihn legt. »Du gibst gut Acht auf dich, hörst du. Halt dich von Schwierigkeiten fern.«

»Du kennst mich doch«, sagt Sam und drückt ihn zurück. »Mach ich immer.«

Benny schnaubt spöttisch und drückt Sams Schulter, bevor er ihn loslässt. »Und pass auf deinen Bruder auf.«

»Werde ich«, antworten Sam und Dean beide gleichzeitig, und grinsen dann.

Benny steckt seine behandschuhten Hände wieder in seine Taschen. »Irgendwie hab ich das Gefühl, das wird nicht das letzte Mal sein, dass wir uns über den Weg laufen«, kommentiert er trocken.

»Das hoffe ich doch«, sagt Dean.

»Shit, ich bin nicht gut im Verabschieden«, murmelt Benny. »Also – ich seh euch beide später, schätz ich.«

»Bis später«, wiederholt Sam. »Und Benny? Du bist gar nicht so übel.«

Benny grinst. »Das ist das süßeste, das mir je jemand gesagt hat, Herzchen.«

»Herzchen?«, wiederholt Dean mit zusammengezogenen Brauen.

»Frag nicht, es ist so eine Sache«, murmelt Sam und verzieht das Gesicht.

»Äh, Benny«, sagt Cas und sieht ein wenig unbeholfen aus, als hätte er Angst, sie zu unterbrechen. »Würdest du mir bitte das Auto kurzschließen?«

»Ja, na schön, aber du fährst zuerst«, erwidert Benny. »Ich bin todmüde.«

»Geht in Ordnung.«

»Nimm dir etwas zu Essen mit«, sagt Sam zu Cas.

»Werde ich.«

Wenig später fahren sie los, Castiel hinterm Steuer und Benny auf dem Rücksitz ausgestreckt, der Hut über seinem Gesicht. Sam und Dean sehen ihnen zu, als sie aufbrechen, Seite an Seite an den Impala gelehnt. Einige Momente ist es ruhig, beide in ihren eigenen Gedanken verloren, und dann dreht sich Dean zu Sam um und sagt, »Weißt du was, Sammy?«

»Was?«, fragt Sam.

Dean grinst, streckt sich und geht dann zur Fahrerseite herum. »Ich könnte jetzt wirklich ein Bier vertragen.«

Sam lacht. »Und wo willst du eins finden?«

Dean hebt eine Schulter und öffnet seine Tür. Sam öffnet die auf der Beifahrerseite und steigt zeitgleich mit Dean ein, und sie schlagen auch die Türen gleichzeitig zu, in perfekter Synchronisation, so, wie sie schon ihr ganzes Leben gewesen sind und immer sein werden.

»Ich weiß nicht, Sammy«, sagt er. Als er sich dieses Mal umdreht, um seinen Bruder anzulächeln, erreicht es seine Augen, lässt sie hell und wunderbar aufleuchten, und jede einzelne Zelle in Sams Körper ist programmiert, es zu erwidern, wenn Dean so ist – ebenso breit zurückzulächeln. »Aber ich hätte Bock, durch die Gegend zu fahren, bis wir welches finden. Bist du dabei?«

»Immer«, sagt ihm Sam.

»Super«, sagt Dean, lehnt sich zum Handschuhfach herüber und reicht Sam eine Karte. »Such einen Ort aus, Sammy«, sagt er, schließt das Handschuhfach und lehnt sich zurück in seinen Sitz, um den Motor zu starten.

»Welchen Ort?«, fragt Sam, als er die Karte auffaltet.

Er zuckt erneut mit den Schultern. »Wo immer du hin willst, Sammy. Irgendwo. Die ganze Welt gehört uns, Mann. Wir können machen, was wir wollen, und sein, wer wir möchten. Du musst dir bloß einen Ort aussuchen.«

Also macht Sam genau das.


E n d e.
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