here at the end of all things

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18
Benny Lafitte Castiel Dean Winchester Sam Winchester
21.10.2019
07.12.2019
10
42.957
13
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
21.10.2019 4.283
 
Hallöchen und ein warmes Willkommen an alle, die den Weg hierher gefunden haben!

Nach etwas längerer Pause hat mich das Supernaturalfieber wieder gepackt und dabei bin ich auf diese wunderbare Story gestoßen, die ich mit remys Erlaubnis jetzt übersetzen darf. Das Ganze ist relativ düster, aber gleichzeitig auch ein bisschen softer, als wir es in mancher Hinsicht aus der Serie gewohnt sind - überzeugt euch einfach selbst, vielleicht schließt ihr die Geschichte ja genauso ins Herz wie ich.


Link zum Original: here at the end of all things von remy auf AO3

Status der Story: fertiggestellt (Original & Übersetzung)
Länge: 10 Kapitel, ca. 42.000 Wörter
Timeline/Spoiler: 12. Staffel sollte man kennen
Warnungen: Schimpfwörter und Gewalt auf Serienlevel (!), Erwähnungen von Folter
Updates: ab dem vierten Part 2x wöchentlich

Und sonst so? hurt!Sam, protective!Dean, im Prinzip die volle Ladung ko-abhängige Winchesters & Drama.
Enjoy!!



⛧ ⛧ ⛧


» here at the end of all things «  


⛧ ⛧ ⛧


Sam ist noch erschöpfter als sonst, als sie ihn endlich wieder in sein Zimmer sperren; seine Augen scheinen ihm zu zu fallen, egal wie viel Mühe er sich gibt, sie offen zu halten, und seine Sinne sind gedämpft, als ob ihn alles bloß durch einen betäubenden Nebel erreicht. Der anhaltende Schmerz in seinen Knochen scheint heute schlimmer zu sein, als würde er ihn bis ganz tief in seine Seele durchdringen, und Sam hat keine Ahnung, wie er sich das erklären soll. Oder das scharfe Stechen in seinem Herz.

»Du siehst ja bezaubernd aus heute«, begrüßt ihn sein Mitbewohner, während der Wärter Sam in den Raum stößt und die Tür zuzieht. Das Klicken kurz darauf verrät, dass sie abgeschlossen ist und Sam hier drin festsitzt, bis sie ihm den nächsten kleinen Ausflug erlauben.

Zu müde für eine verbale Antwort, zeigt Sam Benny lediglich kurz den Mittelfinger und lässt sich ins Bett fallen. Es ist hart genug, dass es gar nicht mal abwegig wäre, zu glauben, es ist aus Steinen gemacht. Im mickrigen Kissen und der krankenhausähnlichen Decke hängt schwach der Geruch von Sterilität und Krankheit, und dennoch fühlt es sich für Sam in diesem Moment wie das weichste Federbett der Welt an.

»Clever«, sagt Benny und schnaubt. Er sitzt auf dem anderen Bett, kaum einen halben Meter von Sams entfernt, mit dem Rücken am Kopfende und den Beinen vor sich auf der Decke ausgestreckt. Ärgerlicherweise sieht er aus, wie er immer schon ausgesehen hat, wenn auch vielleicht etwas schäbiger. Als hätten die letzten Monate – Gott, fast schon ein Jahr, geht es Sam mit einem dumpfen Ruck durch den Kopf – keine Spuren an ihm hinterlassen.

Aber er weiß, dass das nicht wahr ist. Benny verlässt den Raum zwar nicht so oft wie er, es kommt allerdings regelmäßig genug vor. Was auch immer sie mit ihm machen, ist nach außen hin nicht erkennbar wie bei Sam – es geschieht im Innern, wo nur Benny die wahren Ausmaße kennt, aber er redet nicht darüber, und Sam fragt auch gar nicht.  

Einige Minuten verstreichen wortlos. Trotz seiner Erschöpfung fällt es Sam schwer, einzuschlafen, was ihm mit jeder weiteren Minute mehr auf die Nerven geht. Wer weiß, wann er wieder aufwachen muss? Es macht Sinn, ein paar Stunden Schlaf zu erhaschen, während er die Chance hat, aber sein Körper will einfach nicht kooperieren.

»Was haben sie heute mit dir gemacht?« fragt Benny schließlich und kriegt es hin, gelassen zu klingen. »Du siehst noch toter aus als sonst.«

Sam nimmt sich einen Augenblick Zeit, sein Gedächtnis zu durchforsten, obwohl er weiß, dass es sinnlos ist. Er kann sich nie erinnern. »Ich weiß nicht«, erwidert er schließlich und seufzt gleichermaßen frustriert und kaputt. »Wie lange war ich weg?«

Benny zuckt mit den Schultern. »Weiß nicht. So sechs, sieben Stunden? Denk ich?« Man kann die Zeit nicht abschätzen in diesem sterilen, weißen Zimmer ohne Uhr, in dem die Lichter nie ausgehen und es unmöglich ist, zu sagen, ob es Nacht oder Tag ist, ob es Minuten oder Stunden oder Tage waren.

»Toll«, murmelt Sam und dreht den Kopf, damit er das Gesicht in seinem Kissen vergraben kann. Er trägt immer noch seinen abgenutzten weißen Pyjama. Hose und Shirt riechen beide nach altem Blut und an ihnen haftet der üble Gestank von Furcht und Schmerz. Seine unbequemen Schuhe hat er auch noch an, eine Größe zu klein für ihn, seine Zehen eingeengt und die Fersen wund, doch er kann sich nicht bewegen. Kann sich nicht die Schuhe austreten und die Decke um sich ziehen und es sich bequem machen.

So bequem es eben geht, in Anbetracht des beschissenen Bettes, mit seinem beschissenen Kissen und der beschissenen Decke.

»Aber mal ernsthaft«, sagt Benny nach einer Weile, und es ist die nun fehlende Gelassenheit in seiner Stimme, die Sams Puls etwas schneller pochen lässt und ihn dazu bringt, sich zu ihm umzudrehen. Bennys zeitloses Gesicht ist ausdruckslos, die Hände in seinem Schoß zu Fäusten zusammengekrampft, und das verrät seine Sorge mehr als alles andere.

Und verdammt, wenn Benny besorgt ist, muss Sam wirklich scheiße aussehen.

»Was ist?« fragt er.

»Du siehst …« Bennys Mund zuckt. »So lange hatten sie dich noch nie«, sagt er dann, plötzlich eine andere Richtung einschlagend. »Und da dachte ich – na ja.« Er verzieht das Gesicht. »Ich dachte, vielleicht kommst du dieses Mal nicht zurück.«

Sam denkt darüber nach, dreht und wendet Bennys Worte in seinem Kopf und versucht zu verstehen, dass Benny zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hier eine Emotion gezeigt hat, die weder Wut noch Resignation noch beißender Sarkasmus ist. Wenn Benny sich einen derartigen Gefühlsausdruck erlaubt, muss er wirklich besorgt gewesen sein.

Er weiß nur nicht, wie er darauf antworten soll. Es ist so lange her, dass sich irgendjemand solche Gedanken um ihn gemacht hat, und plötzlich erinnert ihn das mit schmerzlicher Intensität an seinen Bruder. An Deans Stimme und seine Berührungen, wenn er sich um Sam gesorgt hat; an seine Angewohnheit, in unmittelbarer Nähe herumzulungern und ihn mit Überfürsorglichkeit zu erdrücken, bis er absolut sicher war, dass er Sam nicht verlieren würde.

Die Erinnerung zieht ihm das Herz zusammen, und das spitze Stechen darin verengt sich wie ein Schraubstock um seinen Brustkorb – es ist so lange her, seit er sich erlaubt hat, an Dean zu denken, sich den Luxus gestattet hat, Trost aus den Erinnerungen an seinen Bruder zu schöpfen – und Sam bemerkt überhaupt nicht, dass er ein Geräusch gemacht hat, nicht bis Bennys Muskeln sich lockern und er eine abgehackte Bewegung in Sams Richtung macht.

»Sorry«, keucht Sam, automatisch zurückzuckend, weg von Benny. »Tut mir leid, ich – «

Bennys Gesichtsausdruck wird wieder unlesbar, er ballt die Hände erneut zu Fäusten bevor er sie bewusst öffnet und beide Handflächen auf seinen Knien ablegt, um stattdessen nach dem Stoff dort zu greifen. »Schon okay«, sagt er in kontrolliertem Tonfall. »Ist okay.«

Eine Träne entkommt Sams Augenwinkel und läuft ihm einen kurzen Augenblick über die Wange, bevor sie im kratzigen Stoff des Kissenbezugs verschwindet. Auch das ist überraschend – er ist so dehydriert, dass es beim Reden wehtut, weil sein Mund trockener ist als die Sahara im Sommer, und trotzdem ist er noch in der Lage, Tränen zu produzieren.

Benny räuspert sich betreten und wendet sich ab, um Sam wenigstens eine Illusion von Privatsphäre zu geben, die der winzige Raum nicht zulässt. Es ist eine nutzlose Geste – Bennys geschärfte Sinne lassen ihn die Tränen riechen, die Verzweiflung, die sich wellenartig um Sam ausbreitet, aber die Tatsache, dass er wenigstens so tut als wäre es nicht so, bedeutet viel und Sam weiß das zu schätzen.

Schlimmer noch als zu weinen wie ein kleines Kind, das seinen großen Bruder vermisst, ist es, von jemandem dabei gesehen zu werden. Jemand, den er nicht mal sonderlich mag.

Aber das stimmt nicht mehr, nicht wirklich, überlegt Sam, als er versucht, sich zu beruhigen. Es war wirklich nur die eine Träne, sein Körper zu geschwächt für mehr, doch die emotionale Last wiegt sehr viel schwerer, denn jetzt wo er einmal angefangen hat, an Dean zu denken, kann er nicht mehr aufhören. Nicht mal, als er sich mit deutlichen Merkmalen des Hier und Jetzt abzulenken versucht, mit dem rauen Stoff der Decke auf seiner Haut, dem sterilen Geruch des Zimmers, oder Bennys wuchtiger Gestalt kaum einen halben Meter von ihm entfernt.

Aber ja. Dass er Benny nicht mag, stimmt nicht, auch wenn ihr gegenseitiger Respekt lediglich daher rührt, dass sie zur selben Zeit und in unmittelbarer Nähe denselben Scheiß durchmachen müssen. Außerdem ist Benny der einzige aus Sams altem Leben, den er noch hat und er kann es sich nicht leisten, ihn nicht zu mögen. Kann es sich nicht leisten, nachtragend zu sein und an altem Groll festzuhalten, nicht wenn Benny alles ist, was er noch hat.

»Ich bin okay«, sagt Sam schließlich, als er sicher ist, das Beben aus seiner Stimme verbannen zu können. »Mir geht’s gut.«

»Ja«, erwidert Benny knapp. »Ja, okay. Es ist nur …« Er seufzt. Ein fremdes Geräusch, weil Sam es noch nie gehört hat. »Hör zu, Sam. Ich weiß, du kannst mich nicht leiden.  Aber … ich hab mich jetzt an dich gewöhnt, und ich will nicht … ich will nicht eines Tages in diesen Raum zurückkommen und rausfinden, dass du nicht mehr hier bist, und nicht mehr wiederkommst.«

»Oh.« Sam blinzelt überrascht. Er ist nicht ganz sicher, was er dazu sagen soll, außer, dass es das Netteste ist, was Benny je zu ihm gesagt hat – das Netteste, das er von irgendwem gehört hat, seit er gefangen genommen wurde. Einen kurzen Moment ist er tatsächlich froh, keine Tränen mehr übrig zu haben, denn Bennys unerwartetes Geständnis schnürt ihm ein bisschen die Kehle zu und seine Augen fühlen sich verdächtig feucht an, auch wenn zum Glück nichts überläuft.

»Danke«, bringt er schließlich hervor. »Ich … würde auch nicht wollen, dass du stirbst.«

Benny schnaubt, und grinst dann. »Jetzt wird’s aber ganz schön gefühlsduselig, hm?«

»Bin total im Einklang mit meinen Gefühlen«, stimmt Sam mit einem kurzen Lachen zu. »Außerdem hast du angefangen.«

»Zu meiner Verteidigung, ich dachte echt, du kommst nicht zurück«, sagt Benny. »Und dann bist du doch wieder hier, und siehst aus, als ob …« Er wedelt mit der Hand in Sams Richtung, wie um in dieser Geste Sams gesamte Erscheinung zusammenzufassen. »na ja, als hättest du ein gutes Jahrzehnt im Fegefeuer verbracht.«

»Oder Jahrhunderte in der Hölle«, fügt Sam trocken hinzu.

»Oder das«, meint Benny zustimmend. »Du siehst aus wie langsam gegarter Mist, will ich damit sagen. Mehr als gewöhnlich.«

»Red‘s bloß nicht schön oder so.«

Benny rollt mit den Augen und dreht sich weg, verschränkt die Arme wieder vor der Brust. Es ist ein kläglicher Versuch, seine Frustration und Wut und Hilflosigkeit darüber, dass Sam sich einfach nicht um seinen eigenen Zustand zu kümmern scheint, zu verstecken. In der Reaktion steckt so viel Dean, es lässt Sams Gesichtszüge sofort weicher werden, obwohl der Gedanke an seinen Bruder den Schmerz in seinem Oberkörper erneut entfacht.

»Hör zu«, seufzt er. »Benny.« Er wartet, bis der Vampir ihn mit stoischer Miene wieder ansieht. »Ich werde hier drin wahrscheinlich sterben«, sagt Sam schroff und Benny öffnet bereits den Mund, um zu widersprechen. »Nein, hör mir zu«, sagt er und Benny verstummt, starrt ihn herausfordernd an. »Ich werde hier wahrscheinlich sterben, Benny, und es gibt nichts, das irgendjemand dagegen tun kann. Ich weiß nicht, was sie mit mir machen, aber wenn mich die Experimente nicht umbringen, dann werden sie das tun, sobald sie meinen, dass ich ihnen nicht mehr nützlich bin. Und mittlerweile … kann mir das bloß noch egal sein, okay?«

»Wieso?« verlangt Benny zu erfahren.

»Ich bin müde«, erwidert Sam schlicht. »Ich bin’s leid, zu kämpfen, Benny. Es hat keinen Sinn. Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist warten bis es vorbei ist.«

»Was für ein Haufen Bullshit«, stellt Benny fest. »Was ist los mit dir, Sam? Wie kannst du so einfach aufgeben, einfach so?«

»Was soll ich denn sonst machen?« Die Worte klingen eher erschöpft als streitsuchend, wie Sam eigentlich gehofft hatte, aber was soll’s. Er ist sowieso zu entkräftet für alles andere und wünscht sich nicht zum ersten Mal, dass er einfach die Augen zu machen und schlafen könnte. »Ich kann nicht mehr kämpfen, Benny. Ich hab’s versucht und es hat nie funktioniert, und jetzt sind sie darauf vorbereitet, also was soll es bringen? Wofür soll ich leben?«

»Dean!« schleudert ihm Benny zornig entgegen. Dann scheint er zu bemerken, dass er zu laut war und senkt seine Stimme, aber die Menge an Wut darin bleibt dieselbe. »Dein Bruder, Sam! Er ist vermutlich da draußen und sucht immer noch nach dir, hofft, dass du am Leben bist und er dich hier rausholen kann, und du machst was, gibst einfach auf? Lässt einfach los? Was, willst du, dass er seinen Arsch bis hier her bewegt, nur um deine Leiche zu finden?«

Und ja, da fliegen Sams Bemühungen, nicht an Dean zu denken, geradewegs aus dem Fenster. Metaphorisch gesehen, weil der Raum keins hat. Sam sieht sich plötzlich mit den Bildern konfrontiert, die Bennys Worte heraufbeschworen haben, ganz vorn in seinen Gedanken: Dean, der ihn befreien will, und nichts findet, außer … nichts. Keine Informationen zu Sam, keine Spur von ihm, als hätte er nie existiert. Dean, der einfach glaubt, dass Sam nicht da ist und woanders weitersucht, der nicht den blassesten Schimmer hat, dass Sam längst tot ist und er umsonst sucht, dass er niemals irgendwas finden wird …

»Luft holen, Sam«, sagt Benny und Sam kommt wieder zu sich und stellt fest, dass er um Atem ringt, mit einer Hand nach seinem Herz greifend und die andere so fest in seine Bettdecke geklammert, dass die Knöchel weiß geworden sind.

»Sorry«, keucht er, zwingt seinen Fokus auf Benny und das Hier und Jetzt, die kratzige Bettwäsche und den sterilen Geruch und den Vampir, mit dem er sich das Zimmer teilt. »Sorry, ich – «

»Ich hätte Dean nicht auf die Weise erwähnen sollen«, murmelt Benny schroff, als Sam wieder etwas ruhiger atmen kann, noch immer mit einer Hand über seinem Herzen, während sein Puls stottert.

Sam antwortet nicht, atmet nur ein so tief er kann, hält inne und stößt die Luft erst aus, als er sie nicht länger halten kann. Er macht es wieder, und wieder, und noch einmal; tut so, als könne er Bennys Blick nicht auf sich spüren, Bennys Laser-Fokus auf seinem Herzschlag, der absolut nichts mit Sams Blut zu tun hat. Und als er sich endlich genug beruhigt hat, um zu merken, dass das scharfe Stechen in seiner Brust stärker ist denn je und alle seine Knochen schmerzen, seufzt er. Er reibt sein Herz durch das Shirt und lässt die Hand dann fallen. Das ist kein physischer Schmerz, und keine physische Geste wird dagegen etwas tun können. Es ist etwas Tieferes, Ursprüngliches, mitten im tiefsten Kern seiner selbst, von dem nicht einmal Sam weiß, wie er aussieht.

Sich der Schuhe an seinen Füßen plötzlich viel zu bewusst, kämpft Sam sich in eine aufrechte Position und zwingt seine zittrigen Finger lange genug zu gehorchen, um die Schnürsenkel zu lösen und die Schuhe am Ende seines Bettes zu Boden zu treten. Seine Zehen tun weh, nachdem sie den ganzen Tag eingeengt waren und Sam bewegt sie hin und her, genießt das Ziehen in seinen Gelenken, als er sie streckt.

»Sam«, versucht Benny es erneut. »Sammy.«

»Nicht«, sagt Sam abrupt, mit rauer Stimme. »Nicht, Benny. Nicht das.«

»Sorry«, murmelt Benny und verfällt in Schweigen. Sein Blick bleibt aber weiterhin an Sam hängen, folgt jeder Bewegung, als dieser sich mit dem dünnen Laken herumschlägt, das eine Bettdecke darstellen soll und schließlich seinen Kopf auf den mit Steinen gefüllten Stoffbezug fallen lässt, den diese Schweine für ein Kissen halten.

»Ich versuch ein bisschen zu schlafen«, sagt er zu Benny, als er zur Ruhe kommt. Und in einem früheren Leben hätte er das nie getan, hätte niemals in Gegenwart eines Vampirs seine Wachsamkeit fallen gelassen und ihm erst recht nicht den Rücken zugekehrt, aber das hier ist nicht dieses Leben, und Sam ist nicht mehr diese Person, und Benny auch nicht.

»Okay«, sagt Benny. »Mach das.«

Sam hält sich nicht mehr mit einer Antwort auf, sondern zieht die Decke über seinen Kopf, um möglichst viel von dem grell weißen Neonlicht abzublocken, und schließt die Augen.


⛧⛧⛧



Er träumt von Zuhause, von Dean, vom Impala und dem Bunker und Deans Zimmer, von ihnen beiden auf einem Feld mitten in der Nacht, die Schultern aneinandergedrückt und ihre Gesichter dem sternenbedeckten Himmel entgegen gehoben. Er träumt von Salz und Silber, von seinem Bruder an seiner Seite, von Waffenöl und blutbeschmierten Messern und von ihnen beiden gegen den Rest der Welt, denn obwohl sie niemals irgendetwas anderes hatten, hatten sie immer einander.

Er träumt von ihrem Leben; wie er sich erlaubt hat, endlich glücklich zu sein, und dann träumt er davon, wie sie ihn geholt haben, ihn seinem Zuhause entrissen, während er es brennen sah. Er ruft nach seinem Bruder und hört nichts als das Schreien der Flammen, und er träumt von Schmerz, und Blut, und schwarzen Augen, und Schmerz, Schmerz, Schmerz.


⛧⛧⛧



»Ich frage mich«, sagt der Brite im Laborkittel in beiläufigem Ton, obwohl er Sam mit einem wilden Hunger in den Augen mustert, »Ich frage mich, was passiert, wenn ein Vampir Dämonenblut trinkt.«

»Fick dich«, erwidert Benny.

Sam ist wieder in einem der Labore, in die sie ihn bringen, wenn ihnen mal wieder danach ist, ihn als Versuchskaninchen zu benutzen – an einen kalten Metalltisch fixiert und mit der Frage im Kopf, wie viele schlechte Horrorfilme seine Kidnapper gesehen und als Inspiration erachtet haben. Der einzige Unterschied ist, dass Benny diesmal dabei ist: Ebenfalls gefesselt und knurrend und fluchend, ein in die Enge getriebenes wildes Tier.

»Falsche Antwort«, sagt das Arschloch im Laborkittel. »Nun, wir werden es wohl bald herausfinden.«

Sam dreht seinen Kopf und sein Magen verkrampft sich vor Furcht, als er sieht, was Dr. Mistkerl in der Hand hält. Er kann das Dämonenblut durch den ganzen Raum riechen und der Geruch ist noch immer verführerisch, selbst nach allem, was passiert ist, und Sams Eingeweide lehnen sich dagegen auf, gegen die beschämende Welle des Begehrens, die er tief in seinem Innern spürt.

Jahre um Jahre um Jahre sind vergangen und er wird niemals frei davon sein, wird sich niemals von seinem eigenen schlimmsten Part losreißen können, der ihn furchtbarer macht als alle Wesen, die er je gejagt hat.

»Nein«, stößt er hervor, und dann lauter, als das kitteltragende Arschloch ihn nicht mal eines Blickes würdigt. »Nein. Ich werde nicht, ich mach das nicht, du kannst mich nicht zwingen –«

»Willst du es wirklich drauf ankommen lassen?« Dr. Scheißkerls dünne Lippen verziehen sich zu einem grausamen Lächeln, die Brille rutscht ihm ein Stück weit die lange Nase herunter. Mit seinem schütteren schwarzen Haar auf einem beinahe kahlen Schädel und der leblosen Leere seiner Augen könnte er fast eine Wiedergeburt Alastairs sein, und der Gedanke ist markerschütternd.

»Was?« Benny klingt verwirrt. »Sam, was – «

»Er wird dich das nicht trinken lassen«, sagt Sam mit zugeschnürter Kehle, während sein eigener Herzschlag ihm unerträglich laut in den Ohren dröhnt. »Pures Dämonenblut ist tödlich für Vampire, aber – «

»Aber nicht für dich, nicht wahr, Sam?« fragt die Discounter-Version von Alastair mit einem hässlichen Grinsen. »Und sobald es sich mit deinem Blut vermischt hat, kann auch dein Freund hier einen Schluck probieren.«

»Nein«, protestiert Benny sofort, seine Miene bleich und angewidert. »Das mach ich nicht, du Scheißkerl, du kannst mich mal.«

»Was genau gibt dir das Gefühl, dass du hier irgendein Mitspracherecht hast?« erkundigt sich besagter Scheißkerl, als er mit einem Glasfläschchen näherkommt und mittlerweile wirkt er gereizt von all dem Widerstand. »Ihr zwei gehört mir und ihr macht das, was ich euch sage. Danach werdet ihr euch sowieso an nichts erinnern, stimmt’s, Sam?«

Aus derartig kleiner Entfernung ist der Geruch überwältigend.

Sam schließt die Augen und zwingt sich, seine Atemzüge flach zu halten, um möglichst wenig zu riechen, seine Lippen so fest zusammengepresst, dass sein Kiefer zu schmerzen beginnt. Jede einzelne Zelle seines Körpers setzt sich zur Wehr und fleht gleichzeitig danach und er will schreien, will kämpfen und sich widersetzen und das Leben seines Kidnappers zur Hölle machen –

Kalte behandschuhte Finger greifen nach seinem Kiefer, Daumen drücken heftig auf seine Knochen und es tut weh, es tut so verflucht weh, aber Sam gibt nicht nach, hält seinen Mund fest verschlossen und zerrt an seinen Fesseln, obwohl er weiß, dass es keinen Zweck hat und er früher oder später kapitulieren muss. Neben ihm ruft Benny Flüche und schwört Vergeltung, unterbrochen von hilflosen Kraftausdrücken, als seine Bemühungen keinerlei Wirkung erzielen.

»Komm schon, Sam, stell dich nicht so an«, murmelt der Alastair-Abklatsch schmeichlerisch, als wäre Sam ein widerspenstiges Kind, das seine Medizin nicht nehmen will und Sam will ihn in Stücke reißen, will ihm wehtun, wie er Sam wehtut – doch dann nimmt der Druck auf seinem Kiefer mit quälender Intensität zu und er kann nichts dagegen tun, kann nicht verhindern, dass seine Lippen auseinander gezwungen werden und im nächsten Augenblick tropft es ihm in den Mund, heiß und schwefelig und so gottverdammt gut, dass es schmerzt.

Sam zuckt unkontrolliert, stößt sich so weit vom Tisch ab, wie seine Fesseln es erlauben, aber es spielt keine Rolle mehr, es ist bereits alles in seinem Mund, den Dr. Dreckskerl nun zuhält und fordert: »Schluck es, Sam, es hat keinen Sinn, dagegen anzukämpfen. Du willst es, ich weiß doch, dass du es willst –«

Und das tut er, Gott, es ist wahr, und er muss bloß schlucken, muss bloß dem weniger menschlichen Teil von sich die Kontrolle überlassen. Dem Teil, der ihm sagt, dass er dann die Kraft hätte, hier raus zu kommen, sich zu wehren und alle umzubringen, die ihm das antun –

Er hält inne, lässt seine Muskeln erschlaffen, berührt seinen Gaumen mit der Zunge und schließt die Augen und schluckt, während ihm Tränen unter den Augenlidern hervortreten, Tränen, von deren Existenz er immer noch fasziniert ist. Er kann hören, wie Bennys Flüche gemeinsam mit seiner hilflosen Wut immer lauter werden; hört ihn versprechen, dass er dem Doktor die Kehle rausreißen wird, selbst als dieser noch immer mit einer Hand Sams Mund zuhält.

Er lässt nicht los, bevor es keine Gegenwehr von Sam mehr zu erwarten gibt. Sam öffnet seine Augen erst, als er keinen Druck mehr auf seinem Gesicht spürt und hebt den Blick, um Nicht-Alastairs selbstgefällige, zufriedene Miene, die viel besser mit einer Faust darin aussehen würde, wenige Zentimeter über sich zu finden.

»Siehst du, ich wusste, du kommst zur Vernunft«, feixt er. »Ich wusste, du willst es und kannst nicht widerstehen –«

Er verstummt abrupt, als Sam ihm das Blut ins Gesicht spuckt. Alles davon. Jeden einzelnen Tropfen. Spritzer davon landen auf seinen Wangen, bedecken seine Brille und tropfen herab, besudeln den makellosen Laborkittel. Er sieht aus wie ein schlechter Witz, wie er dort schockiert und stotternd steht und Sam kann sich das wilde Lachen nicht verkneifen, das ihm entkommen will.

»Du kannst mich mal«, bringt er mit rauer Stimme hervor und grinst. Kann sich vorstellen, was er mit seinen blutbeschmierten Zähnen und Lippen und geröteten Augen für einen Anblick bietet. »Fick dich, du Dreckskerl. Du kannst mich mal.«

Neben ihm lacht Benny ungläubig, erfreut und rachsüchtig.

Der Schock des Doktors verblasst und macht Platz für Zorn, als er sich mit dem Ärmel übers Gesicht wischt und lediglich alles noch mehr verschmiert. »Du Miststück«, zischt er, packt das Glasfläschchen fester und schlägt es gegen den Rand von Sams Tisch, was es in eine primitive, aber wirksame Waffe verwandelt. »Dafür wirst du bezahlen. Das war unsere letzte Ladung Dämonenblut.«

Sam sammelt so viel Spucke wie sein geschwächter Körper hergibt, erwischt damit die letzten Reste des Bluts in seinem Mund und spuckt auch das auf den Alastair-Abklatsch. Er trifft mitten ins Schwarze, genau auf die Brille, und Sam kann nicht anders, als erneut zu lachen; freudlos, mit Glassplittern und Schottersteinen in seiner Kehle.  

»Fick dich«, wiederholt er, wie eine kaputte Schallplatte am Ende ihrer Kräfte. »Fick dich, fahr zur Hölle –«

Dr. Dreckskerl hebt die Hand mit der zerbrochenen Glasflasche und Bennys Gelächter erstirbt, wird stattdessen zu »Nein, nein, wag es nicht, nein –« aber es ist nichts als ohnmächtiger Zorn und Sams Augen folgen dem Bogen des Glasstücks, als es herab schnellt, direkt auf ihn zu, glänzend im Neonlicht, und er weiß, dass es das gewesen ist, er wird sterben, aber wenigstens war seine letzte Tat ein Akt des Widerstands, er hat es nicht getrunken, er hat es nicht –

Und dann gehen die Lichter aus.


⛧⛧⛧



Sams erster Gedanke ist, dass er wieder träumt, aber für einen Traum fühlt sich alles zu real an.

Sengende Hitze und ein Klingeln in den Ohren und etwas Nasses, Warmes, Schweres auf seiner Haut. Seine Augenlider sind fest geschlossen und dennoch blutet die Welt hinter ihnen durch, rot-brennend-orange und schmerzhaft, und irgendetwas Schweres liegt über ihm und drückt ihn in den Metalltisch, der inzwischen heiß genug geworden ist, dass es brennt.

Undeutlich kann er Rufe hören, jemand blafft Befehle und irgendwo zu seiner Rechten ruft Benny Worte zurück, aus denen Sam keinen Sinn ziehen kann. Er öffnet seinen Mund, versucht ebenfalls zu sprechen, aber stattdessen würgt er lediglich sein eigenes Blut hervor, das seine Kehle bedeckt und ihm zwischen den Lippen hervorquillt und ihn erstickt, als er verzweifelt versucht, ein Geräusch zu machen, irgendeines

Wieder hört er Benny, und dann andere Stimmen, und dann fühlt er Hände auf seiner Haut, rau und unendlich sanft, und diese Berührung würde er überall wiedererkennen, er würde ihn in jeder Welt kennen –

Er versucht noch einmal zu sprechen, und für seine Mühen wird er nur mit noch mehr Blut belohnt, das ihm über die Lippen rinnt. Irgendwo über ihm schreit jemand panisch auf, und alles tut weh, alles ist Feuer und Blut und Schmerz, Schmerz, Schmerz –

Sam schließt die Augen.
Review schreiben