WHAT I NEED

GeschichteAllgemein / P18
Jimin Jungkook Kim Seokjin RM Suga V
20.10.2019
09.11.2019
4
7054
3
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Das ständige Quietschen des alten Linoleumbodens zehrte allmählich an seinen Nerven.

Bei jedem Schritt der dutzenden Menschen, die an ihm vorbeihuschten, ertönte das Geräusch erneut.

Ohne Rhytmus, teilweise überlappend, wenn direkt eine ganze Gruppe mit gehetztem Gesichtsausdruck durch den Gang rannte. Und mit zusätzliche Geklapper immer dann, wenn noch eine Trage hinzu kam.

Vielleicht hätte Jimin sich nicht unbedingt diesen Teil des Krankenhauses aussuchen sollen für seinen kleinen Spaziergang. Immerhin schien das hier die Etage mit der größten Fluktraktion zu sein.

Aber alles war besser als sein langweiliges Zimmer, dass er gefühlt bereits hundertfach ausgemessen und inspiziert hatte.

An die angeblich so gesunde frische Luft konnte er auch nicht. Ihm hatte bereits das kurze Öffnen des Fensters signalisiert, dass die Temperatur bis knapp vor dem Gefrierpunkt angekommen war. Und da der Kleiderschrank in seinem Krankenzimmer lediglich eine dünne Lederjacke und eher sommerlich anmutende Stücke bereithielt, wollte er in dem Aufzug ungern eine Lungenentzündung riskieren.

Die würde nämlich zur Folge haben, dass er höchstwahrscheinlich noch wesentlich länger in diesem Kasten ausharren musste. Was er unbedingt vermeiden wollte.

Keine zehn Pferde würden ihn noch länger an dieses elend unbequeme Bett fesseln können.

Besonders, da er quasi gar keine Ablenkung hatte.

Weder gab es einen Fernseher, noch nicht mal ein Radio.

Die Klatschmagazine aus seiner Schublade waren uralt und so langweilig, dass er sich irgendwann nur noch die darin befindlichen Backrezepte angesehen hatte.

Was unweigerlich zur Folge hatte, dass er Apettit bekam. Vielleicht nicht gerade auf Kuchen. Obwohl so ein Stück Sahnetorte nicht unbedingt etwas Schlechtes sein musste.

Dieser Drang nach etwas frisch gebackenem brachte ihn immerhin dazu, sein Zimmer zu verlassen.

In einen kuscheligen hellblauen Bademantel gehüllt war er auf den Gang gehuscht. Immer auf der Hut vor möglichen Krankenschwestern, die ihn wahrscheinlich direkt wieder ins Bett gepackt hätten.

Nun stand er also hier.

Noch immer blickte er sich misstrauisch um, ob nicht doch irgendwem auffiel, dass er erstens aus seinem Stockwerk geschlichen war und dann noch vor einem Automaten mit ungesunden zuckerhaltigen Snacks stand.

Höchstwahrscheinlich der einzige im gesamten Gebäude.

Jimin hatte sich bis in die Kantine geschlichen, aber überall, wo er gesucht hatte, gab es tatsächlich nur gesunden Kram. Mal einen Apfel oder eine Banane, aber nichts, was auch nur im entferntesten künstliche Farbstoffe oder gar Geschmacksverstärker enthielt.

Allmählich hatte er das Gefühl, dieses Krankenhaus wäre eher eine Diätklinik.

Was jedoch ein alberner Gedankengang war, da er auf seiner Wanderung durch die einzelnen Etagen auch Patienten mit fahrbarem Tropf oder gar im Rollstuhl gesehen hatte. Menschen, die wirklich krank waren.

Nicht so wie er.

Keine Ahnung, warum er unbedingt noch länger als nötig hier bleiben musste. Es ging ihm doch gut. Er war gesund, konnte laufen. Und konnte endlich etwas süßes und ungesundes in sich stopfen.

Unschlüssig stand er vor dem Automaten, starrte auf die Auswahl. Zwischen seinen Fingern drehte er die beiden Münzen, die er in der Hosentasche seiner Jeans gefunden hatte.

Seine Brieftasche war weg. Genauso wie sein Handy.

Man könnte meinen, er wurde ausgeraubt und dann zusammengeschlagen. Was wohl auch die Kopfverletzung erklärte.

Wenn er sich erinnern könnte, würde wahrscheinlich genau das zu Tage kommen.

Ein stinknormaler Kneipenbesuch, der in einem Überfall geendet war. Alltag in dieser Stadt und somit nichts außergewöhnliches.

Allerdings erklärte das nicht, wo er die Wochen vorher war.

Seufzend lehnte Jimin seine Stirn gegen das kühle Metall der Automatenwand.

Erst jetzt fiel ihm ein kleines Mädchen auf, die direkt neben ihm stand, mit großen Augen zu ihm hinauf starrte.

"Möchtest du auch was?", fragte er freundlich lächelnd.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. So sehr, dass ihr beiden Zöpfe wild hin und her wippten.

"Meine Mama sagt, ich darf keine Schokolade.", fast schon ein bisschen schmollend schob sie ihre Unterlippe weit vor.

"Das ist aber doof.", gab Jimin zu, schaute nachdenklich in die Auslage des Automaten. "Aber es gibt auch Gummibärchen. Die sind ganz ohne Schokolade, aber genauso süß und lecker. Na, was sagst du?"

Das Mädchen schien wirklich zu überlegen, weshalb der Blonde ihr auf die Sprünge helfen wollte. Er warf das Kleingeld ein, drückte die entsprechende Taste und klatschte sogar freudig in die Hände, als die Tüte knisternd in den Schacht fiel.

"Probier.", er reichte ihr die geöffnete Packung, beobachtete genauestens ihr Mimik, als diese erst zögerlich ein Gummitier in den Mund steckte und darauf herumkaute.

Es machte den Anschein, als hätte sie allen Ernstes noch nie etwas deratiges gegessen.

Was für eine Mutter verbot ihrem Kind denn bitte Süßigkeiten?

"Lecker!", quietschte das Mädchen fröhlich, streckte die Hand direkt nochmal aus.

"Nimm dir ein paar mit. Aber psst!", er hielt den Finger vor die Lippen und grinste breit, selbst nachdem die Kleine bereits hinter der nächsten Ecke verschwunden war.

Endlich kam auch er selbst dazu, von den Gummis zu probieren.

Obwohl er eigentlich gar nicht vorhatte, ausgerechnet sowas zu wählen. Aber um dem Mädchen eine Freude zu bereiten, hatte er darauf verzichtet, sein letztes Geld ausgerechnet für einen klebrigen Schokoriegel auszugeben.

War vielleicht auch besser so.

Wer weiß, wie lange der Kram sich schon in dem Automaten befand.

Nun stand er also hier, kaute vor sich hin und starrte relativ gelangweilt ins Leere.

Ab und zu wich er einer durch den Gang eilenden Krankenschwester aus, indem er einen Schritt zur Seite trat.

So auch jetzt.

Eine kleine pummelige Frau in der typischen Kleidung tauchte aus einer Tür direkt neben dem Automaten auf, wahrscheinlich dem Lager.

Zumindest zog sie einen beißend chemischen Geruch nach sich, der Jimin in der Nase kitzelte.

Merkwürdig. Irgendwie kam ihm das bekannt vor. Als ob er dieses Stechen in der Nase schon einmal...

Alles drehte sich.

Wie in einer Spirale, die immer schneller wurde, je tiefer er hinab gezogen wurde.

Er konnte die Augen nicht mehr aufhalten, egal wie sehr er es versuchte.

Hände, die sich um seinen Mund und Hals legten.

Ein tiefes Lachen, dass er noch ganz dumpf wahrnehmen konnte, ehe alles endgültig verschwamm und schwarz wurde.


Jimin war wie erstarrt.

Die Tüte, eben noch in seiner Hand, klatschte zu Boden.

Nur wenige Sekunden später konnte auch er selbst sich nicht mehr halten, sank keuchend auf die Knie.

Sein Puls raste. Ihm war heiß und kalt zugleich.

Was zur Hölle war das?

"Hey, alles okay? Soll ich einen Arzt rufen?"

Jimin hob schwer atmend den Kopf, blickte in das Gesicht eines jungen dunkelhaarigen Mannes. Das erste, was ihm auffiel, waren die abstehenden Ohren und die perfekt geschwungenen leicht gewölbten Lippen.

"Dieser...", Jimin musste sich mit aller Kraft zusammenreißen, nicht dem Drang nachzugehen, sich zu übergeben. "Dieser Geruch."

Der unbekannte Mann schnupperte: "Ja, Chloroform ist ziemlich stechend."

"Chloro...", der Blonde presste seine Hand auf die Nase, kniff die Augen zusammen, bis er glaubte, Sterne zu sehen.

Plötzlich spürte er eine Hand an seinem Oberarm, die ihn hochziehen wollte.

Der Schmerz an seiner Schulter explodierte, als ihm beide Arme mit Gewalt auf den Rücken gepresst wurden.

Er konnte nichts sehen. Er konnte nicht schreien, spürte nur eine Barriere vor seinen Lippen.

Aber er spürte es.

Den heißen Atem in seinem Nacken, das Brennen in seinen Muskeln.


"Lass mich los, du verdammtes Arschloch!", schrie Jimin aus voller Kehle.

Es war wie ein Reflex. Sein Körper reagierte vollkommen eigenständig.

Der junge Mann mit den abstehenden Ohren wich erschrocken zurück, hob entschuldigend beide Hände: "Ich wollte nur..."

"Nein, ich...", Jimin starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. "Das tut mir..."

Verdammte, was passierte hier?

Was war los mit ihm?

Der Mann wollte ihm doch nur beim Aufstehen helfen.

Was war in ihn gefahren, dass er so reagierte? Er kannte ihn doch gar nicht, wieso hatte er mit einem Mal eine derartige Abneigung, fast schon Panik gegen die Berührung des Fremden?



"Gibt es ein Problem?"

Diese Stimme.

Jimin blickte auf, vor ihm stand der Arzt. Seokjin.

In seinem Gesicht ein sorgenvoller Ausdruck. Höchstwahrscheinlich berechtigt. Immerhin kauerte zu seinen Füßen ein scheinbar komplett Durchgeknallter.

"Er ist zusammengebrochen. Ich wollte ihm nur helfen. Wirklich.", beteuerte der Unbekannte.

Jin nickte: "Danke, ich kümmere mich um ihn.", er beugte sich zu Jimin, schaute ihm kurz aufmunternd in die Augen und half ihm schließlich vorsichtig auf.

Dennoch zuckte der Jüngere kurz zusammen. Aber eher aus Angst, dass er einen erneuten Anfall bekommen würde.

Allerdings passierte nichts, als der Arzt die Hand um seine Hüfte legte, ihn so halb schulterte.

"Ist er krank?", erkundigte der Unbekannte sich besorgt.

"Wir befinden uns in einem Krankenhaus. Der Gedanke ist somit mehr als schlüssig.", bedachte Jin ihn mit kühlem Blick. "Sonst noch irgendwelche Fragen, die der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen?"

"Nein, natürlich nicht.", entgegnete der Unbekannte. Erst stutzte er wegen der Antwort, lächelte dann jedoch entschuldigend und drehte sich schließlich weg.

Jimin registrierte ein kurzes Aufblitzen im Augenwinkel. Einen Lichtreflex, den das Licht der Neonröhen hervorrief.

Die Augen zusammenkneifend erkannte er den Grund. Der Unbekannte trug einen Ohrring. Eine kleine goldene Sieben.

"Ich bringe dich in dein Zimmer.", meinte Jin leise. "Warum hast du nicht einer Schwester Bescheid gegeben, dass du spazieren gehen willst? Du hast mehrere Wochen nur gelegen. Kein Wunder, dass dein Körper keinerlei Kraftreserven hat."

Jimin deutete ein Kopfschütteln an: "Weil es mir gut geht. Ich hab nur plötzlich etwas gerochen und dann hat mein Kopf verrückt gespielt."

"Ein Flashback?", erkundigte der Arzt sich neugierig.

"Hat ganz den Anschein. Fühlt sich das immer so an?", eigentlich wollte Jimin sich aus der Umklammerung lösen, bemerkte allerdings recht schnell, dass seine Knie sich noch immer wie Wackelpudding anfühlten.

"Was hast du gerochen?", Jin verstärkte automatisch den Griff, als spüre er, dass sein Patient noch ein bisschen mehr Halt brauche.

"Dieser Typ hat es mir gesagt. Irgendwas mit Chlor.", gab der Jüngere zur Antwort, lehnte sich gegen die Wand des Fahrstuhls, in den er geschoben wurde.

"Chloroform.", half Jin ihm auf die Sprünge. Sein Blick verdüsterte sich schlagartig.

"Genau. Was ist das?"

"Nichts weiter.", wich der Arzt aus, betätigte die Taste für das gewünschte Stockwerk.

Jimin schaute sein Gegenüber forschend an: "Ich kann es mir auch im Internet suchen."

Die Stirn runzelnd holte der Dunkelhaarige tief Luft: "Ein Narkosemittel. Wahrscheinlich hast du es noch in Erinnerung von deiner Operation wegen der Platzwunde."

"Nein, eigentlich...", Jimin ließ den Film von eben nochmal vor seinem inneren Augen ablaufen. "Das hat sich irgendwie anders angefühlt."

Schmerzhafter. Panischer.

"Wir reden in deinem Zimmer.", meinte Jin plötzlich kurz angebunden.

Er zog ihn wieder an sich, verließ den Fahrstuhl und irgendwie wurde Jimin das Gefühl nicht los, dass der Arzt sich plötzlich beeilte, fast schon mit ihm im Schlepptau rannte.

"Hey nicht so schnell.", beschwerte er sich daher, weil er beinahe über seine eigenen Füße fiel. "Was ist denn los?"

Jin öffnete die Tür, schob seinen Patienten hinein und verschloss den Raum direkt wieder, ehe er ihn eindringlich anblickte: "Merk dir bitte, dass du unter keinen Umständen mit irgendwem anders über deine Erinnerungen redest."

Jimin legte den Kopf schief: "Warum nicht?"

"Ja, warum nicht?"

Überrascht drehten beide gleichzeitig das gesicht in die Richtung, aus der die unbekannte Stimme kam.

Ein junger großgewachsener Mann mit wasserstoffblonden kurzen Haaren stand mitten im Raum. Neben ihm Taehyung.

"Wer sind Sie? Was tun Sie hier?", schnappte Jin wenig erfreut nach Luft.

Der junge Mann kam auf ihn zu, hielt höflich die Hand zum Gruß hin. Jimin bemerkte, dass dessen Augen mit schwarzem Kajal umrandet waren.

Dennoch kannte er ihn nicht. Hatte ihn noch nie gesehen.

So eine relativ auffällige Gestalt wäre ihm mit Sicherheit im Gedächtnis geblieben.

"Mein Name ist Kim Namjoon. Polizei Seoul.", er griff in seine leicht abgeranzte Lederjacke, zog einen Dienstausweis hervor.

"Polizei?"

Die Frage kam gleichzeitig aus Jimins und Jins Mund.