Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Stairway to Heaven

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Bobby Singer Castiel Dean Winchester Sam Winchester
19.10.2019
26.02.2021
29
107.991
38
Alle Kapitel
333 Reviews
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
01.11.2019 3.493
 
Hi, ihr Lieben,

ich bedanke mich ganz herzlich bei Solara, eggi1708, Landei, nameonehero, Illumi, Ferrytales, Legendary-Royalty, Zhenka, Andromedar und Zoemaus für die unglaublichen Reviews! *__* Wow, ich bin ganz sprachlos! Zehn Reviews zum Prolog, ihr seid wirklich fantastisch! <3 Bitte, macht weiter so! :* Die noch fehlenden Antworten folgen gleich. :D
Aber auch für die vielen Aufrufe, die Favoriteneinträge und die 15 Empfehlungen möchte ich mich bei euch allen bedanken! <3 Ehrlich, ich bin immer noch ganz platt und freue mich wie ein kleines Kind, dass der Prolog so gut bei euch angekommen ist! *__*

Wer gerne mehr Destiel von mir lesen möchte, dem möchte ich noch meinen neuen One-Shot ans Herz legen. :) Vielleicht habt ihr ja Lust, da vorbei zu schauen, falls ihr das noch nicht habt. Würde mich freuen! Hier der Link:

Stay with Me

Jetzt aber zum neuen Kapitel! :) Ich hoffe, ihr seid nicht allzu verwirrt von dem kleinen Zeitsprung, aber ich denke, ihr findet euch da recht schnell zurecht. Und für alle, die Castiel in diesem Kapitel vermissen: unser Lieblingsengel kommt leider erst im nächsten Kapitel wieder vor. ;) Bis es soweit ist, viel Spaß mit Dean und Sam. :)

Liebe Grüße, fühlt euch gedrückt und habt noch ein schönes Wochenende,
eure Phoenix :*



*** *** ***** *** ***


ERSTES KAPITEL

Nightmares



Sioux Falls, South Dakota
Acht Tage später…



Der Morgen war noch jung, als Sam gekleidet in seine Shorts und das graue Shirt die Stufen hinunterkam und in die Küche trottete, um frischen Kaffee aufzusetzen. Natürlich war er der erste, der wach war, genau wie immer. Als er die alte Filtermaschine anstellte, gab sie ein leises Gluckern von sich, während er sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen die Küchenzeile lehnte und verschlafen durch das Fenster nach draußen blickte.

Wie ein dünnes Tuch hatte sich der graue Morgendunst über das weitläufige Gelände gelegt, der die vielen schrottreifen Autos mit einer dünnen Schicht Tau benetzte und den dumpfen Lack in der Dämmerung glänzen ließ. Hinter den Bäumen, die den Schrottplatz umrahmten wie ein natürlicher Sichtschutz, schob sich die Sonne allmählich über den Rand des Horizonts hinweg und tauchte die Umgebung in ein sanftes Licht. Der Anblick ließ den Jäger fast vergessen, wie grausam ihre Welt sein konnte.

Ein raues Stöhnen, dicht gefolgt von einem kaum verständlichen Fluch, rissen Sam jäh aus den Gedanken. Mit gekräuselter Stirn wandte er den Blick von der Morgendämmerung ab und beugte sich ein Stück nach vorne, bis er einen Blick ins Wohnzimmer erhaschen konnte. Als er Dean entdeckte, der sich unruhig auf dem Sofa hin und her wälzte, durchfuhr ihn ein unangenehmes Frösteln.

Nicht schon wieder ein Albtraum…, dachte Sam beunruhigt.

Acht Tage waren inzwischen vergangen, seit Dean völlig unvorhergesehen aus der Hölle entkommen war und Sam von einem Münztelefon irgendwo im Nirgendwo aus angerufen hatte. Als Dean dann schließlich vor ihm gestanden hatte, hatte er es kaum glauben können, aber schon zum damaligen Zeitpunkt war Sam bewusst gewesen, dass er nicht mehr derselbe war. Die Dinge, die er hatte durchmachen müssen, hatten ihn verändert.

Manchmal konnte Sam noch immer nicht fassen, dass Dean wirklich wieder da war. Schließlich hatte er nichts unversucht gelassen, um ihn zurückzubekommen, seit er vor drei Monaten mitangesehen hatte, wie sein Bruder von einem Höllenhund zerfetzt worden war. Er hatte sämtliche ihm bekannten Zauber ausprobiert, einen Sensenmann beschworen und war sogar dazu bereit gewesen, seine Seele zu verkaufen, aber jeder seiner Versuche hatte sich als Fehlschlag herausgestellt.

Jetzt war sein großer Bruder zurück und nicht einmal Dean konnte erklären, wie er der Verdammnis letztendlich entkommen war. Er erinnerte sich nicht daran, als wäre sein Gedächtnis manipuliert worden. Alles, was von seiner Zeit aus der Hölle übriggeblieben war, waren die schrecklichen Erinnerungen an die Folter und dieser Handabdruck, der sich in seine Haut gefressen hatte und sich seither über seine linke Schulter erstreckte.

Drei Monate lang hatte Sam unter dem Tod seines Bruders gelitten, aber das war vorbei. Dean war am Leben und er fühlte sich wie der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt… wären da nicht die Albträume, die Dean jede Nacht plagten. Die ihn aus dem Schlaf schrecken ließen und ihm vorgaukeln wollten, er wäre noch immer dort unten. Die Bilder quälten ihn und Sam konnte nichts tun, um ihm zu helfen. Rein gar nichts.

Resigniert atmete der Jäger aus, ließ die Kaffeemaschine links liegen und ging auf leisen Sohlen ins Wohnzimmer. Als er direkt neben dem unbequemen Sofa verharrte und mit besorgter Miene auf seinen Bruder herabsah, waren ihm die Qualen und die Angst unverkennbar anzusehen. Was auch immer er in der Hölle durchgemacht hatte, es nagte an ihm wie ein ausgehungertes Monstrum, das die Zähne tief in seinen Leib getrieben hatte.

Immer wieder hatte Sam versucht, mit ihm über die entsetzlichen Erlebnisse zu reden oder ihm angeboten, ihm zuzuhören, wenn ihm danach zumute sein sollte, aber bisher hatte Dean jegliche Bemühungen seinerseits abgeblockt… jedes einzelne Mal. Er wollte nicht darüber reden und ein Teil von ihm konnte den Älteren sogar verstehen, der andere hingegen betrachtete ihn und sein Verhalten mit wachsender Sorge.

Vollkommen egal, was er Sam und Bobby weismachen wollte, es ging ihm nicht gut. Ganz und gar nicht. Dean aß kaum und schlief viel zu wenig und das lag nicht nur an den Albträumen. Hinzu kam der besorgniserregende Alkoholkonsum, der ihm wohl dabei helfen sollte, die Erinnerungen zu verdrängen. Nur für kurze Zeit, aber lange genug, um zumindest ein paar Stunden Schlaf zu finden.

So kann es nicht weitergehen!, beschloss Sam und setzte sich zu ihm auf das Sofa. Wenn er nicht reden wollte, musste er sich etwas anderes einfallen lassen, um ihm zu helfen. Vielleicht hatte Bobby eine Idee.

»Dean?«, richtete er das Wort an seinen Bruder und berührte ihn vorsichtig an der Schulter. Er war inzwischen derart unruhig, dass Sam fürchtete, er könnte vom Sofa fallen. Als Dean keinerlei Regung zeigte, festigte er den Griff. »Dean, wach auf!«

»Nein!«, rief Dean erstickt und schlug panisch die Lider auf, als Sam energisch an der Schulter rüttelte und ihn somit unsanft aus seinem Schlaf holte.

Mit einem erstickten Aufschrei saß Dean innerhalb eines Wimpernschlags kerzengerade auf dem Sofa, den wirren Blick starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Die Atmung kam rau und heiser über die halbgeöffneten Lippen und sein Herz hämmerte derart wild in seiner Brust, dass Sam es in der vorherrschenden Stille hören konnte. Als der Jüngere ihn genau wie vorhin zaghaft an der Schulter berührte, zuckte Dean alarmiert zusammen.

»Lass mich in Ruhe!«, brüllte Dean aufgebracht, fuhr hastig herum und schlug Sams Arm grob zur Seite.

»Ruhig, Dean! Ich bin es, Sam!«, redete Sam besänftigend auf ihn ein und hob abwehrend die Hände. Deans Augen huschten ein paar Mal perplex über die Züge seines kleinen Bruders, als brauchte er eine Weile, um ihn einordnen zu können. Es kam Sam wie eine Ewigkeit vor, ehe er ihn erkannte, den Blick von ihm abwandte und sich mit fahrigen Bewegungen über das ganze Gesicht fuhr. »Hey, alles okay?«

»Ja, alles okay«, murmelte Dean, ohne ihn anzusehen.

Es war genau die Antwort, die Sam erwartet hatte und er klang nicht einmal überzeugend dabei. Ihm war mehr als deutlich anzuhören, wie durcheinander und abgekämpft er eigentlich war. Als wäre er in seinen Träumen dazu verdammt, die harte Zeit in der Hölle wieder und wieder zu durchleben.

»Du hattest einen Albtraum«, sagte Sam, in der Hoffnung, irgendetwas in ihm auszulösen, aber Dean saß einfach nur da und starrte gedankenverloren auf seine Hände hinab. »Mal wieder…«

»Mach dir keine Sorgen, Sammy. Das vergeht wieder«, war alles, was er darauf erwiderte.

Sam schüttelte mit einem Schnauben den Kopf, knirschte angespannt mit den Zähnen und richtete den Blick auf die leere Whiskyflasche, die auf dem kleinen Wohnzimmertisch stand. Wie sollte er sich keine Sorgen machen, wenn sich sein Bruder langsam aber sicher zugrunde richtete?

»Du bist mein Bruder, Dean. Es ist mein Job, mir Sorgen um dich zu machen… erst recht, wenn du es nicht tust und dich so gehen lässt«, warf Sam ein, ohne den mitfühlenden und zugleich beunruhigten Blick von ihm abzuwenden.

Natürlich sorgte er sich um Dean. Was er durchgemacht hatte… das konnte er nicht einfach vergessen und so tun, als hätte er in den letzten drei Monaten nicht unsägliche Dinge erlebt. Sein Bruder brauchte Zeit und Sam war dazu bereit, sie ihm zu geben, aber er konnte und wollte nicht dabei zusehen, wie er sich selbst kaputtmachte. Dean atmete tief durch, ehe er erneut das Wort an ihn richtete.

»Ich hab’s dir schon gesagt, Sam: Gib mir einfach ein bisschen Zeit, okay?«, bat Dean ihn, in der Hoffnung, sein Bruder würde es endlich darauf beruhen lassen. Sam schüttelte verständnislos den Kopf.

»Du erwartest nicht wirklich von mir, dass ich dabei zusehe, wie es dir immer schlechter statt besser geht, oder?«, entwich es ihm barscher als er es eigentlich wollte. Als Dean ihn endlich ansah, war da zum wiederholten Male dieser Schmerz auf seinen Zügen, der ihn zutiefst erschreckte und den er sonst nicht von Dean kannte. »Vergiss es, Dean! Wenn du nur mit mir reden würdest, dann…«

»Nicht…«, fuhr Dean ihm dazwischen und hob die Hand, damit er endlich aufhörte.

»Aber du…«, wollte Sam widersprechen, aber wieder ließ ihn sein Bruder kaum zu Wort kommen.

»Ich will nicht reden, Sam!«, begehrte er auf und bedachte Sam mit einem Blick, der ihm unmissverständlich klarmachte, dass es besser war, es für diesen Moment sein zu lassen. »Es geht mir gut, okay? Und jetzt tu mir den Gefallen und lass mich endlich in Ruhe damit!«

»Ja, das sehe ich. Dir geht’s ganz hervorragend…«, knurrte Sam mehr an sich selbst gerichtet als an Dean, der Ältere hörte ihn trotzdem und knirschte wütend mit den Zähnen.

»Ich geh duschen«, brummte Dean mürrisch, schlug unter Sams unzufriedener Miene die Decke zur Seite und erhob sich. »Vielleicht hab ich wenigstens im Bad ein paar Minuten, ohne mir deinen Mist anhören zu müssen.«

»Dean…«, wollte Sam ihn zurückhalten, doch sein Bruder hörte nicht zu. Anstatt sich noch einmal zu ihm umzudrehen, verließ er wortlos das Wohnzimmer und stapfte die Treppen nach oben. Als die Badezimmertür mit einem Scheppern ins Schloss fiel, sah er resigniert zur Seite und biss sich abwesend auf die Unterlippe.

Dieser sture Idiot!, dachte Sam und ballte unbewusst die Hände zu Fäusten.

Wenn Dean nur mit ihm reden würde, dann könnte er ihm vielleicht helfen. Ihm sagen, dass es vorbei und er endlich in Sicherheit war. Doch anstatt sich ihm oder Bobby anzuvertrauen, fraß er den Schmerz in sich hinein und versetzte der Stimmung auf dem Schrottplatz einen gewaltigen Dämpfer.

Es tat Sam jedes Mal aufs Neue verdammt weh, Dean so zu sehen und insgeheim zu wissen, dass sein Bruder all das nur seinetwegen hatte durchmachen müssen. Weil Dean ohne mit der Wimper zu zucken seine Seele verkauft hatte, nur um ihn zu retten. Seinetwegen war er in der Hölle gelandet und er hatte nichts tun können, um ihn vor diesem grausamen Schicksal zu bewahren… und der Gedanke schmerzte mit jedem Tag mehr.

Sam wusste noch ganz genau, wie verzweifelt er damals gewesen war. Mit Bobby hatte er nicht darüber reden können, dafür war der Verlust noch zu frisch gewesen. Also hatte er sich stattdessen Ruby zugewandt. Sie hatte ihn verstanden, ihn aufgebaut und alles versucht, um ihm die Schuld zu nehmen und zunächst war es ihr auch gelungen… bis er vor etwas mehr als zwei Monaten durch Zufall ein Gespräch zwischen ihr und einem anderen Dämon belauscht hatte. Ein Gespräch, das alles verändert hatte.

Auf diese Weise hatte Sam erfahren, dass Ruby ihn nur für ihre Zwecke hatte benutzen wollen – welche auch immer das sein mochten. Er hatte sie zur Rede stellen wollen, aber sie hatte geschwiegen und war letztendlich geflohen, bevor er die Dämonin hatte töten können. Seitdem lebte er bei Bobby auf dem Schrottplatz, während es um die Dämonen gespenstisch still geworden war.

Es war keine leichte Zeit gewesen, weder für ihn noch für Bobby, aber die letzten Monate und die gemeinsame Trauer hatten sie eng zusammengeschweißt. Als sein Bruder endlich vor ihm gestanden hatte, hatte Sam gehofft, alles würde wieder wie früher werden, aber er hatte sich geirrt. Dean war kaum wiederzuerkennen und wenn er ehrlich war, konnte er es ihm nicht einmal verübeln.

Was auch immer er in der Hölle durchgemacht hatte, es hatte ihn verändert… und zwar mehr als gut für ihn war.


*** *** ***** *** ***


Als die Badezimmertür hinter ihm ins Schloss fiel, stieß Dean die Luft geräuschvoll durch die Nase aus und lehnte sich rücklings gegen das Türblatt. Mit geschlossenen Augen stand er da, ließ die wohltuende Stille auf sich wirken und versuchte, die Worte seines Bruders zu verdrängen… er scheiterte kläglich. Sie hallten in seinem Kopf wider wie ein Echo, das nicht verklingen wollte.

Er wusste, Sam meinte es nur gut, aber er fühlte sich noch immer nicht dazu bereit, über seine Zeit in der Hölle zu reden. Nicht mit Bobby und auch nicht mit Sam. Trotzdem – oder vielmehr gerade deswegen – konnte er seinen kleinen Bruder besser verstehen als ihm lieb war. Sam machte sich Sorgen um ihn. Wegen seines abweisenden Verhaltens, wegen des Alkoholkonsums und vor allem wegen der Albträume, die ihn nicht loslassen wollten.

Schon wieder dieser Traum, dachte Dean, fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Kinn und lehnte den Kopf gegen die Tür in seinem Rücken.

Jedes Mal, wenn er die Augen schloss und der Whisky ihm ermöglichte, zumindest für ein paar Stunden Schlaf zu finden, waren es dieselben Bilder, die ihn heimsuchten. Sie waren gestochen scharf wie ein Film, als wäre er mittendrin… und genauso war es auch. Er lag auf dieser Pritsche in seiner Zelle, während Alastair ihn quälte und ihm zum wiederholten Male das Angebot unterbreitete, die Folterbank gegen das Messer einzutauschen… und Dean lehnte jedes Mal ab.

Der Jäger schnaubte. Es wäre so einfach gewesen, den Schmerz ein für alle Mal hinter sich zu lassen und einfach Ja zu sagen, aber die Genugtuung hatte er dem Dämon nicht gegönnt. Er war kein Monster, das anderen Seelen frei von jeglichen Schuldgefühlen unsägliche Qualen zufügte. Er hatte es schlicht und ergreifend nicht übers Herz gebracht, andere zu foltern, nur um sich selbst zu retten.

Bis dahin entsprachen die Träume exakt den Erinnerungen, die er an die Zeit in der Hölle hatte, aber dann wurden die Bilder wirr und unscharf, als wären sie durcheinandergeworfen worden. Plötzlich sah er diesen fremden Mann in seiner Zelle, der mit reinen und strahlendblauen Augen auf ihn herabblickte und völlig deplatziert wirkte. Der behauptete, ein Engel zu sein, ihn an der Schulter packte und aus der Verdammnis holte.

Danach wachte er jedes Mal schweißgebadet auf und er war derart durcheinander, dass er ein paar Augenblicke brauchte, um sich orientieren zu können. Um zu begreifen, dass er nicht mehr in der Hölle war, sondern zu Hause. Bei Sam und Bobby, die alles in ihrer Macht Stehende taten, damit es ihm gut ging. Er war ihnen unendlich dankbar dafür, aber die schrecklichen Bilder blieben und langsam aber sicher trieben sie ihn mehr und mehr in den Wahnsinn.

Mit einem lauten Seufzen stieß sich Dean von der Tür ab, ging zum Waschbecken hinüber und putzte sich die Zähne. Als er das Wasser ausspuckte, sich mit dem Handrücken über die Lippen fuhr und einen Blick auf sein Spiegelbild warf, erschrak er beinahe. Er wirkte entsetzlich müde, ausgelaugt und blass, von den trüben Augen, den Sorgenfalten und dem ungepflegten Dreitagebart ganz zu schweigen.

Er sah furchtbar aus und er fühlte sich auch so. Seit einer Woche hatte er nicht eine einzige Nacht durchgeschlafen. Der Alkohol half ihm zwar dabei, die schrecklichen Erinnerungen für einen kurzen Moment zu vergessen, die Träume rissen ihn trotzdem jedes Mal aus dem Schlaf… und vollkommen egal, wie sehr er sich auch bemühte, er konnte die Bilder nicht vergessen. Ebenso wenig wie die blauen Augen.

Dean verzog die Lippen zu einem dünnen Strich, dann wandte er sich vom Spiegel ab, stellte das Wasser in der Dusche an und zog die wenigen Klamotten aus, bis er splitterfasernackt im Bad stand. Achtlos ließ er die Kleidung auf den Fliesenboden fallen, ehe er die Aufmerksamkeit wie von selbst auf den Handabdruck auf seiner Schulter richtete. Als würde sein Blick regelrecht davon angezogen werden.

Der Winchester erinnerte sich an jeden einzelnen Moment in der Hölle. An die Qualen und an die Schreie, die Alastair ihm entlockt hatte. Die Erinnerungen hatten sich in seinen Verstand gefressen wie beißende Säure. Es hatte sich angefühlt wie eine nicht enden wollende Ewigkeit, aber sein Körper wies keinerlei Narben auf. Nicht eine einzige… nur diesen Handabdruck.

Er prangte auf seiner Schulter wie eine Brandwunde, seit er in diesem Sarg aufgewacht war und er sich einen Weg an die Erdoberfläche erkämpft hatte, aber er konnte sich nicht daran entsinnen, woher er dieses Mal hatte. Was, wenn sein Traum mehr zu bedeuten hatte, als er zunächst angenommen hatte? Wenn diese Narbe doch von der Berührung eines Engels zurückgeblieben war?

So ein Schwachsinn! Es gibt keine Engel, Dean, redete er sich im Stillen ein, wandte den Blick von seiner Schulter ab und stellte sich unter die Dusche.

Das inzwischen warme Wasser fühlte sich unglaublich gut auf der Haut an und kroch in wirren Rinnsalen den angespannten Leib hinab, während der Dampf ihn einhüllte wie ein dünner Schleier. Mit einem leisen Brummen schloss Dean die Augen, legte den Kopf in den Nacken, genoss das Gefühl der sachten Tropfen und fuhr sich mit den Händen über das ganze Gesicht.

Eine Zeitlang verharrte er unter dem angenehmen Wasserstrahl, dann schnappte er sich das Duschgel und rieb seinen Körper ein, bis er mit einer dünnen Schicht aus wohlriechendem Schaum überzogen war. Als er das Gel abwusch und mit den Fingern über den Handabdruck fuhr, hielt er abrupt in den Bewegungen inne und betrachtete ihn… genau wie er es in den letzten Tagen bereits unzählige Male getan hatte.

Die sanfte Wölbung fühlte sich weder rau noch unangenehm an. Obwohl er sich absolut sicher war, dass das Mal garantiert nicht von einem Engel namens Castiel stammte, verband er in seinem Unterbewusstsein nichts Negatives damit. Ganz im Gegenteil. Aus einem ihm unerklärlichen Grund löste es bei Berührung ein wohliges Gefühl in ihm aus, das er sich nicht einmal ansatzweise erklären konnte.

Wieder und wieder fuhr Dean mit den Fingerkuppen fast ehrfürchtig über die geröteten Stellen, während er mit den Gedanken abdriftete und erneut in die Augen des angeblichen Engels blickte. In das klare und intensive Blau, das ihn auf merkwürdige Weise beruhigte und ihn für einen flüchtigen Moment den Schmerz vergessen ließ, der seine Seele unwiderruflich geprägt hatte.

Erst nach einer Weile gelang es Dean, die Gedanken zu verdrängen. Stattdessen ließ er die Hand unendlich langsam sinken, dann stellte er das Wasser ab, trat aus der Dusche und rieb sich halbwegs trocken. Anschließend schlüpfte in die frische Jeans und das graue Flanellhemd, ehe er einen weiteren Blick in den Spiegel warf. Er sah noch immer entkräftet aus, aber wenigstens nicht mehr derart müde wie noch vorhin. Immerhin etwas, fand Dean.

Zumindest einigermaßen zufrieden ging Dean die Stufen hinunter und erwartete bereits, ein weiteres Mal auf Sam zu stoßen, aber er war nicht da. Auch von Bobby fehlte jede Spur. Erleichtert atmete Dean aus, ging in die Küche und füllte den noch heißen Kaffee in eine Tasse. Er leerte sie mit nur einem einzigen Zug und stellte sie geräuschvoll auf der Arbeitsplatte ab.

Um nach der viel zu kurzen Nacht schneller in die Gänge zu kommen, schlüpfte er in seine Schuhe und ging gedankenverloren nach draußen. Als er die Haustür hinter sich zuzog, kam ihm augenblicklich die kühle Morgenluft entgegen, die seine nackten Unterarme streifte, ihm einen angenehmen Schauer bescherte und seinen noch trägen Geist belebte.

Der Winchester atmete einige Male tief ein und wieder aus, bevor er einen Fuß vor den anderen setzte und direkt vor seinem Wagen in den Bewegungen verharrte. Sam hatte sich gut um sein Baby gekümmert, das musste er zugeben. Der Impala war eine schwarze Schönheit unter all den schrottreifen Autos und sah genauso aus wie immer, fast so, als wäre Dean nie weggewesen. Als hätte er die letzten drei Monate sein Dasein nicht in der Hölle gefristet.

»Drei Monate…«, schnaubte Dean abfällig und fuhr mit den Fingern über den schwarzen Lack, der im Licht der Morgensonne glänzte wie flüssiges Öl.

Hier oben mochten nur drei Monate vergangen sein, seit der Höllenhund ihn vor den Augen seines Bruders getötet hatte, in der Hölle jedoch tickten die Uhren anders. Er war nicht drei Monate dort unten gewesen, sondern dreißig Jahre! Dreißig verdammte Jahre voller Leid und Schmerz! Der bloße Gedanke ließ ihn frösteln und erschuf einen bleiernen Brocken in seiner Magengegend, der seine Finger zittern ließ.

Dean mochte nicht mehr in der Hölle sein, er konnte trotzdem nicht so weitermachen, als hätten die letzten dreißig Jahre nicht existiert. Egal, wie sehr sich Sam das auch wünschte, es ging einfach nicht. Er war in Sicherheit, doch je mehr Zeit er mit seinem Bruder und Bobby verbrachte, umso deutlicher wurde ihm, dass der Albtraum nicht vorbei war. Nicht für ihn… und zwar noch lange nicht.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast