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Das Lächeln der Stille

von Tonmond
GeschichteLiebesgeschichte / P18 Slash
18.10.2019
21.11.2020
56
209.296
31
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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01.08.2020 4.561
 
Draven

Seine Reaktion war erstaunlich, fortwährend bemerkenswert, derart faszinierend, dass er ihn pausenlos ansehen musste, überrascht seine unerwartet aufschlussreiche Mimik beobachtete und sich an so viel unverhoffter Anteilnahme nicht sattsehen konnte. Nie zuvor hatte er eine dermaßen emotionale Dynamik in einem Gesicht gesehen, schon gar nicht bei einem Mann, neigte doch gerade diese Spezies seiner Erfahrung nach dazu, allzu starke Emotionen lieber sorgfältig unter Verschluss zu halten, besonders anderen Männern gegenüber, um bloß nicht den Eindruck einer Schwäche zu erwecken. Schließlich galt es unter Kerlen im Allgemeinen als peinlich unbeholfen, auf irgendeine Art die Gewalt über sich zu verlieren und ein hilfloses Oper der eigenen Gefühle zu werden, auch schwule Kerle bildeten dabei meistens keine Ausnahme.

Bisher schien Tyler auf Selbstkontrolle großen Wert gelegt zu haben, weswegen Draven überrascht davon war, mit wie viel ungeahnter Leidenschaft der Brünette auf seine Lebensgeschichte reagierte, was für starke Empfindungen allein schon in seinen Augen, der Stellung seiner Lippen und der Neigung seines Kopfes zum Ausdruck kamen. Es war ein interessantes Gesicht, dass er vor sich auf dem Kissen liegen sah, und er konnte es nicht aufmerksam genug betrachten. Nicht einmal das gigantische Mitgefühl, das zweifelsfrei darin zu lesen war, ihm lediglich in wechselnder Intensität entgegenblickte, auf die gleiche, wahnsinnig mitleidende und bedauernde Art, die er erwartet und vor allem gefürchtet hatte, konnte ihm zur Zeit noch irgendetwas anhaben, es machte ihm nichts mehr aus, ärgerte ihn nicht mal mehr, waren doch all die anderen verblüffenden Regungen in diesem Antlitz schlicht atemberaubend und überwogen das lästige Mitleid mit Leichtigkeit.

Allem voran Tylers bemerkenswert aufbrausende Wut, die richtig berauschend war, so viel gefühlsbetonte Entrüstung über etwas, das mittlerweile etliche Jahre zurücklag, hätte Draven ihm gar nicht zugetraut, aber auch die ununterbrochen durchscheinende Liebe und innige Zuneigung, die ganz allein ihm galt, das wusste der Callboy und genoss es mehr, als er sich eingestehen wollte. Der Mann schien in den Emotionen, die er allein durch seine Mimik auszudrücken vermochte, bestechend ehrlich zu sein, und es war einfach zu niedlich dabei zuzusehen, wie angestrengt er sich bemühte, sein horrendes Mitgefühl zu verbergen, und wie absolut er damit scheiterte.

Bewegungslos lag Draven auf der Hollywoodschaukel und ließ seine Augen genießerisch über Tylers Konturen wandern, registrierte jedes kleinste Detail darin und wollte es sich für immer einprägen, schließlich würde er seinen Kunden schon am nächsten Tag wieder verlassen und ihn möglicherweise danach niemals wiedersehen, also wollte er die überraschend angenehme Zeit mit ihm so gut es ging für sich konservieren.

Vielleicht war sie nicht im herkömmlichen Sinne schön, diese tröstlich vertraute Visage, die ihm dieses seltsam behagliche Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit übermittelte, dafür waren die Proportionen vermutlich nicht perfekt genug, die einzelnen Bestandteile nicht harmonisch genug aufeinander abgestimmt. Man könnte vielleicht die markante, klobige Nase zu auffällig, das ausgeprägte Kinn zu eckig und die runden Ohren ein bisschen zu groß finden, die roten Lippen waren eventuell eine Idee zu schmal oder die Augen ein bisschen zu klein, vielleicht standen sie zu weit auseinander, auch hatten sie nicht diese allgemein beliebte Form von Mandeln und waren schlicht von brauner Farbe, ohne jegliche Besonderheiten, bis auf den faszinierend goldenen Schimmer, der ab und zu in ihnen auftauchte und Draven jedes Mal paralysierte, nicht mal die schwarzen Wimpern waren besonders dicht oder gar aufregend lang geraten. Tylers dunkle Brauen waren kaum geschwungen, bildeten eine ehe gerade Linie über seinen Augen, was ihn ein bisschen streng wirken ließ. Außerdem gab es da einige Leberflecken in seinem Gesicht, auf der Wange und an der Schläfe, klein zwar, aber deutlich zu sehen auf der leicht gebräunten, angenehm glatten, reinen, weil sichtbar gut gepflegten Haut, wahrscheinlich benutzte er jeden Morgen eine Reihe von kostspieligen Pflegeprodukten und rasierte sich vermutlich jeden Tag so gründlich, dass nicht ein einziger Bartstoppel in seinem Gesicht eine Chance hatte, länger dort zu verweilen.

Nach ihrer eher zärtlichen Balgerei, die Draven enorm viel Spaß gemacht hatte, hatten sie beide eine andere Position eingenommen, das war automatisch passiert, als hätten sie sich diesbezüglich abgesprochen, zuvor auf dem Rücken nebeneinander liegend, hatten sie nun ihre kühlen, feuchten Körper auf die Seite gedreht und lagen sich genau gegenüber, die Knie ein wenig angewinkelt, aufeinander zu zeigend, aber ohne sich zu berühren, die Köpfe erschöpft auf jeweils eins der Kissen gebettet, die es zahlreich auf dieser fantastischen Hollywoodschaukel gab, erwartungsvoll einander zugewandt, schauten sie sich pausenlos an, keiner wollte den Blick abwenden, zu fesselnd war das, was er direkt vor sich sah, zu aufregend die neuartigen Gefühle, die allein der Anblick in ihnen weckte.

„Du warst schon mindestens zwei Wochen alt, als sie dich in die Babyklappe gelegt haben?” wiederholte Tyler mit schockiert aufgerissenen Augen das, was Draven ihm gerade anvertraut hatte, der Hausherr schien diese Frage fast schon unwillkürlich zu stellen, war die Fassungslosigkeit in seinem Herzen über die leichthin gegebene Information doch offenbar zu groß, um sich nicht unverzüglich vergewissern zu müssen, was Draven richtig süß fand. Der Callboy war es nicht gewohnt, dass sich jemand dermaßen umfangreich und vorbehaltlos für ihn interessierte, war er doch in seinem Leben bislang meistens von seinen Mitmenschen schlicht ignoriert worden, und das ihm vollkommen fremde, aber überraschend behagliche Gefühl, mit dem Mann ein ausnahmslos offenes Ohr für all seine Belange gefunden zu haben, gefiel ihm immer besser, je länger er mit ihm über seine Vergangenheit sprach.

Eigentlich hatte er das gar nicht tun wollen, es widerstrebte ihm enorm, mit Fremden über sein recht kompliziertes Leben zu plaudern, erst recht nicht mit einem Kunden, was ja, bei Licht mal genauer betrachtet, in Bezug auf ihr geschäftlich getroffenes Arrangement ohnehin vollkommen absurd war. Aber irgendwie war es nun doch dazu gekommen, Tyler hatte nicht locker gelassen, hatte ihn auf zugegebenermaßen clevere Art überlistet, und inzwischen fand Draven das langatmige Gespräch sogar erbaulich, was ihn ziemlich verwirrte, war doch die Reaktion des Mannes auf das, was er von seinem Gast zu hören bekam, insgesamt gesehen, absolut hinreißend.

„Ja, der diensthabende Arzt hat mein Alter geschätzt”, erwiderte er gelassen, „Und bevor du fragst, Ty: Nein, ich weiß nicht, wer mich in den zwei Wochen gepflegt hat, und ich will es auch gar nicht wissen.” Tylers Augen verengten sich zweifelnd, irgendwie vorwurfsvoll, als wäre er mit Dravens Standpunkt reichlich unzufrieden, was den Callboy ärgerte, darum intensivierte er kurzerhand das Streicheln der dicht behaarten Brust des Mannes, ließ seine Finger verstärkt durch das weiche, krause Haar gleiten und berührte besonders sanft seine Nippel, die sich ihm längst verlangend entgegen gereckt hatten. Er konnte dem Kerl ansehen, wie stark er auf seine Zärtlichkeiten ansprang, wie sehr er Dravens Bemühungen zu schätzen wusste, sein Atem ging tief und er zitterte leicht, wann immer der Callboy sich seinen runden, hellbraunen Brustwarzen widmete.

Die Hand des Mannes war an Dravens Schulter, er streichelte die gut trainierten Muskeln an seinem Oberarm, bewegte die Finger dann gefühlvoll über das Schultergelenk bis hin zu seinem Nacken, den er auf spannende Weise umfasste, besitzergreifend und gleichzeitig zurückhaltend, was sich ziemlich geil anfühlte, irgendwie heiß begehrt, und er bekam zunehmend Lust auf sexuellen Körperkontakt mit dem attraktiven Kerl, leisteten doch in ihrer aktuellen Position ihre streichelnden Hände bisher die einzige Berührung, die sie einander gönnten.

„Hast du die Krankenschwester, die dir deinen Namen gegeben hat, jemals kennengelernt?" wollte Tyler neugierig wissen, blickte ihn prüfend an, noch immer war da dieser Hauch von Tadel in seinem Gesicht, ein Anflug von mangelndem Verständnis, und Draven glaubte zu erkennen, dass sein wissensdurstiger Kunde eigentlich etwas anderes hatte fragen wollen, nämlich ausgerechnet die ihm extrem verhasste Frage, warum er so wenig Interesse an seinen Eltern zeigte, wäre sie doch die logische Folge seiner vorherigen Aussage, war doch dieses Thema erfahrungsgemäß das von seinen Mitmenschen am allermeisten begehrte. Schließlich war es höchst wahrscheinlich, dass es seine Eltern gewesen waren, die ihn in seinen ersten Lebenswochen so hervorragend gepflegt hatten, und es nervte ihn enorm, dass der andere seinen ablehnenden Standpunkt scheinbar nicht so leicht akzeptieren konnte, mischte der Kerl sich doch damit in private Dinge ein, die ihn überhaupt nichts angingen. Außerdem wollte Draven grundsätzlich nicht über seine Eltern sprechen, die sein ganzes Leben lang nichts als unbekannte, schattenhafte Phantome für ihn geblieben waren.

In einem wütenden Impuls zog er seine Hand von Tylers Brust zurück, wollte ihn damit für seine fehlende Akzeptanz bestrafen, und registrierte das bedauernde Seufzen, dass der Typ sofort von sich gab, mit grimmigem Triumph. Es war doch immer das Gleiche, dachte Draven bitter, die Menschen kapierten seine Motive nicht, konnten sein ablehnendes Desinteresse an seiner leiblichen Familie nicht verstehen, und dieser Umstand war noch ein guter Grund, warum er so ungern jemandem davon erzählte. Jedes Mal kam die fassungslose Frage nach seinen Eltern, warum er nicht versuchte, sie zu finden, und ob er denn gar nicht neugierig darauf wäre, wo seine familiären Wurzeln lagen, was Mutter und Vater denn wohl für Menschen waren, und aus welchen schon von vornherein nicht nachvollziehbaren Gründen sie ihren kleinen Sohn damals allein im Krankenhaus zurückgelassen hatten.

Gestresst wich er Tylers aufmerksam forschendem Blick aus und fixierte stattdessen die Unterlage zwischen ihnen, auf der sie nun schon eine ganze Weile lagen, von ihren durchnässten Körpern war die einladend dicke Schaumstoffschicht inzwischen ziemlich feucht geworden, aber immer noch einnehmend weich und bequem, wenn auch mit dunkleren Flecken auf dem Überzug aus hellgrüner Baumwolle. Sein Herz schlug hart, denn es ärgerte ihn extrem, dass er sich auf dieses dumme Gespräch überhaupt eingelassen hatte, natürlich hätte er wissen müssen, dass sie früher oder später zwangsläufig bei seinen Eltern landen würden, so lief das doch schließlich immer ab.

„Draven?" flüsterte Tyler vorsichtig und ließ seinen Daumen sanft über den unwillkürlich verspannten Kiefer seines Callboys streichen, was diesen jäh aus seiner zornigen Erstarrung riss, in die er völlig unbemerkt geraten war. Alarmiert schaute er auf und traf sofort Tylers mitfühlenden Blick, der ihn in diesem Moment nur noch wütender machte. „Hm?" machte er betont desinteressiert, fast schon aggressiv, weil er sich gerade nicht besser im Griff hatte, in seinem verwirrten Kopf lief einiges durcheinander und er hatte Mühe, seine stürmischen Gedanken zu ordnen, die unweigerlich aufbrausenden Gefühle unter Kontrolle zu behalten. Draven hatte Lust auf Sex, aber das Thema Eltern turnte ihn zu sehr ab, und am liebsten wollte er sofort an den Punkt zurück, wo er sich mit dem Mann erstaunlich wohlgefühlt hatte, als ihm nicht mal sein trotz seines spürbaren Bestrebens nur mangelhaft verstecktes Mitleid noch etwas anhaben konnte, er erinnerte sich nicht, wann sich seine Laune so stark verändert hatte, seine Wut plötzlich in ihm aufgetaucht, warum oder wie es dazu gekommen war.

„Alles okay mit dir, Drav?" fragte Tyler besorgt, sich sorgsam vorwärts tastend, die braunen Augen studierten ihn unsicher, der freundliche Hausbesitzer war auf der Hut und wollte offenbar keinen Fehler machen, was Draven ganz schön rührte, als er es begriff. Tylers liebevolle Zuwendung war angenehm, streichelte der Kerl doch derart hauchzart über sein Kinn, dass ihm die schüchterne Berührung eine kribbelnde Gänsehaut bescherte, ein besänftigender Schleier aus Gutmütigkeit legte sich über seinen inneren Zorn, sodass es ihm sogar gelang, sein Gegenüber charmant anzulächeln. „Ja, ist schon gut, Ty. Ich möchte jetzt nur nicht über meine Eltern sprechen, okay?" erklärte er so ruhig wie möglich, hob unwillkürlich die Hand und berührte Tylers Wange, wollte ihn dringend anfassen, den neugierigen Kerl irgendwie von seinen lästigen Fragen abbringen, war noch immer beeindruckt von der anstandslos glatt rasierten Haut.

Ihm fiel ein, dass er selbst heute Morgen total vergessen hatte, sich zu rasieren, für ihn war es einfach entschieden zu früh gewesen, sein Tag hatte nach seinem Empfinden mitten in der Nacht angefangen, die Uhrzeit vollkommen unakzeptabel für derartig feinmotorische Gewohnheiten wie die allmorgendliche Rasur. Als seine Chefin Julie ihn mit ihren wiederholten Anrufen unsanft aus dem tiefsten Schlaf gerissen hatte, hätte er aus lauter Müdigkeit den ganzen Job am liebsten gleich abgesagt. Unter Garantie war sein Kinn inzwischen voller piksender Bartstoppeln, was Tyler jedoch zum Glück nicht zu stören schien.

„Deine Eltern?” erwiderte der Brünette verwirrt, „Aber Drav, hör mal, ich habe dich nicht nach deinen Eltern gefragt." Verunsichert schaute er ihn an, die braunen Augen alarmiert, voller forschender Behutsamkeit, wollte er doch seinem Callboy offensichtlich auf keinen Fall wehtun, was den Schwarzhaarigen aus lauter Nervosität spontan zum Lachen reizte, außerdem war er höllisch erleichtert, nicht über seine verschollenen Erzeuger sprechen zu müssen. Womöglich hatte er da auch etwas missverstanden, hatte aufgrund seiner schlechten Erfahrungen etwas erwartet, was letzten Endes gar nicht passiert war, seine Gedanken waren der Realität eventuell vorausgeeilt, was irgendwie witzig war.

„Hast du nicht?" kicherte er amüsiert und stupste neckend Tylers Nase an, betrachtete aufs Neue dieses vertraute Gesicht und erfasste seine unwiderlegbare Attraktivität, wenn auch vielleicht nicht auf konventionelle Art schön, so strahlte es doch eine ehrlich besorgte Liebenswürdigkeit aus, die man unmöglich übersehen konnte, und die ihn sehr viel stärker berührte, als er verstehen konnte. Gleichzeitig war in Tylers Augen ohne Frage ein gigantisches Selbstbewusstsein zu Hause, wenn man ihn genauer ansah, konnte man sich sehr gut vorstellen, dass dieser Mann es eigentlich nicht gewohnt war, in irgendeiner Form an sich selbst oder seinen Entscheidungen zu zweifeln.

Er ist nur mit mir manchmal so schüchtern und sensibel, weil er sich in mich verliebt hat, erinnerte Draven sich mit einem Lächeln an Tylers scheues Geständnis, er mag mich wirklich sehr, ich bringe ihn vollkommen aus der Fassung, das ist toll. Diese unverhoffte Entwicklung ihres rein geschäftlichen Arrangements gefiel ihm, machte sie doch zumindest aktuell ihre Lage ziemlich spannend, sodass er Tyler sanft über den Kopf streichelte, die Finger zärtlich durch das kurze, nasse Haar gleiten ließ, sich dann plötzlich kurzentschlossen vorbeugte und ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen drückte, gewollt flüchtig, um sich gleich darauf wieder zurückzuziehen und ihn provozierend anzulächeln.

„Du versuchst schon wieder abzulenken, Draven!" stellte Tyler richtig fest, die angenehme Stimme streng zwischen Anklage und Amüsement, und stieß seinen Callboy strafend gegen die Brust, es verdutzte den Tätowierten, wie überraschend gut der andere ihn schon kannte und zielsicher einzuschätzen wusste. „Ja, du hast recht", gab er seufzend zu, „Ich dachte, du hättest mich nach meinen Eltern gefragt. Weil mich ja sonst immer alle danach fragen." „Ich bin nicht alle”, wandte Tyler leidenschaftlich ein und klang fast schon beleidigt, „Ich weiß genau, dass du nicht über deine Eltern reden möchtest.” „Woher willst du das wissen?” entfuhr es Draven widerspenstig, „Wie kannst du dir da so sicher sein?” „Ach, Drav, das ist doch ganz einfach”, behauptete Tyler gnädig, „Ich kann es deutlich in deinem Gesicht ablesen.”

Diese unerwartete Aussage traf den Tätowierten jäh bis ins Mark, hatte er doch in der letzten halben Stunde nichts anderes getan, als andächtig in Tylers attraktivem Gesicht zu lesen, vollkommen hingerissen von den starken Emotionen, die dort in ständig wechselnder Intensität und Ausführung geschrieben standen. „Ich... du kannst es... ablesen... echt?” stammelte er hilflos, verwirrt von der Erkenntnis, das der andere offenbar auch über diese interessante Fähigkeit verfügte, er hatte nicht vermutet, dass seine eigene Visage so aufschlussreich für jemanden sein könnte, achtete er doch eigentlich immer darauf, nicht allzu viel von sich preiszugeben. „Ja, das kann ich”, nickte Tyler nicht ohne Stolz, hob die Hand und streichelte Draven über die Wange, die Nase und die Augenbrauen, „Da ist jede Menge los in deinem wunderschönen Gesicht.”

„Was liest du jetzt?” flüsterte Draven gebannt, die einnehmend zarte Berührung sorgte dafür, dass sein aufgeregtes Herz noch ein bisschen schneller schlug, sein Körper auf geile Art vibrierte, davon wollte er definitiv mehr. Tyler schaute ihn aufmerksam an, tastete sein Gesicht interessiert nach versteckten Informationen ab, und Draven versuchte automatisch, in seinen Blick seine ganze erwachte Lust zu bündeln, verschlang seinen Kunden mit seinen Augen, leckte sich aufreizend über die Lippen und ließ seine Lider auf eine bewährte Art flattern, die man unmöglich anders deuten konnte, als mit sexueller Begierde. Herausfordernd ließ er seine Finger um Tylers linke Brustwarze kreisen, strich dann behutsam quer über den Warzenhof, nahm den kleinen, verhärteten Knubbel sanft zwischen Daumen und Zeigefinger, rieb ihn ein bisschen zwischen seinen Fingerspitzen und drückte dann plötzlich zu, während er hoffnungsvoll Tylers Reaktion erwartete.

Der Hausbesitzer enttäuschte ihn nicht und es erregte den Callboy enorm, als der ohnehin schon angestrengte Atem des anderen darüber unwillkürlich ins Stocken geriet und Tyler ein leises Stöhnen entwich, das sicher in diesem Moment nicht gewollt gewesen war. „Draven!" beschwerte der Hausherr sich laut, nur ein bisschen ungeduldig, hob hastig den Arm und schob die frechen Finger energisch von seiner empfindlichen Brust weg. „Ich habe Lust auf dich, Ty", quengelte Draven unzufrieden und ihm fiel auf, dass seine Begierde größer wurde, wenn der Mann sich dagegen wehrte, das abrupte Wegschieben seiner Hand hatte ihn tatsächlich scharf gemacht, was ihn einigermaßen überraschte, war es doch sonst eher weniger seine Art. Mit einem Lächeln registrierte er die leichte Röte, die auf Tylers akkurat rasierten Wangen auftauchte, er ist wahrhaftig noch immer schüchtern, dachte Draven amüsiert, Wow!, das ist total niedlich.

„Hey, du versuchst mit allen Mitteln, mich abzulenken”, bemängelte der Hausherr ernst, „Aber ich finde es total wichtig, dass wir darüber sprechen, Drav. Darum sage ich dir jetzt trotzdem, was ich in deinem Gesicht gelesen habe, okay?” „Na gut, wenn du meinst...”, seufzte Draven resigniert, obwohl ihm ein bisschen mulmig wurde, weil er nicht genau abschätzen konnte, was sein Kunde ihm nun begreiflich machen wollte, es schien tatsächlich etwas sehr Ernstes zu sein, und das machte ihm instinktiv Angst.

Tyler holte tief Luft, gab sich einen spürbaren Ruck und sagte vorsichtig: „Du möchtest nicht über deine Eltern sprechen, weil du sie total hasst. Als ich sie vorhin mal kurz erwähnt habe, da bist du innerlich schon fast durchgedreht. Du bist unglaublich sauer auf deine Eltern, weil sie dich damals im Stich gelassen haben. Allein der bloße Gedanke an sie macht dich schon total wütend.” „Nicht wahr, Draven?” setzte er nach einer kurzen Pause fragend hinzu. Verhalten lächelte er ihn an, schüchtern auf eine Bestätigung hoffend, während der Callboy echte Mühe damit hatte, seine prompt explodierenden Emotionen ausreichend im Zaum zu behalten. Er brauchte ein paar Minuten, um mit Tylers überraschend stark ausgeprägter Empathie fertig zu werden, dem beängstigenden Gefühl, von einem Fremden mit Leichtigkeit durchschaut worden zu sein, zum Glück gewährte  ihm der Gartenbesitzer klug und geduldig diese Atempause.

„Nein, das stimmt nicht. Ich hasse sie nicht. Ich kann niemanden hassen, den ich nicht kenne”, widersprach Draven schließlich gefasst, die Worte zitterten nur ganz leicht in seinen Stimmbändern, „Sie interessieren mich nur nicht.” Tyler riss schockiert die Augen auf. „Deine Eltern interessieren dich nicht?” echote er in hörbarer Ungläubigkeit, als würde er unter einem Bann stehen, die Worte seines Boys wiederholen zu müssen, diesmal hatte Draven allerdings damit gerechnet, darum malte er sich bewusst ein spöttisches Grinsen auf die Lippen. „Nein, tun sie nicht. Meine Eltern haben sich mein Leben lang nicht für mich interessiert, Ty. Sie haben nie versucht, auf irgendeine Weise Kontakt zu mir aufzunehmen. Folglich habe ich meine Eltern niemals kennengelernt. Warum sollte ich mich also für sie interessieren?”

Seine in oft quälend endlos erscheinenden, einsamen, zumeist nächtlichen Grübeleien gebildete Meinung stand eine Weile schwer zwischen ihnen, entfaltete nur zögernd ihre klärende Wirkung, während sie ruhig dalagen und einander betrachteten. Verständnis und Verbundenheit flackerte spürbar zwischen ihnen auf, drängte sie auf wundersame Art dazu, sich gegenseitig anzufassen, es zog sie magisch zueinander hin, auf der instinktiven Suche nach Liebe und Geborgenheit. Tylers Finger fuhren tröstend über Dravens Gesicht, berührten vorsichtig seine Wangen, die Brauen, die Nase, die Lippen, das Kinn und den Hals, so voller Ehrfurcht, als wollte er auf keinen Fall etwas kaputt machen.

Draven lag bewegungslos dort und hielt den Atem an, die zärtliche Berührung und Tylers ausdrucksstarke Mimik überwältigten ihn, es war ihm, als würde der fremde Mann ihm lautlos versprechen, du bist nicht länger allein, ich bleibe für immer bei dir, was sein Herz unweigerlich zum Rasen brachte und ihn komplett verwirrte, verbissen versuchte er, diese neue, unerwartete Erfahrung zu verarbeiten, irgendwie mit dieser Ungeheuerlichkeit klarzukommen, während sich seine Hand, intuitiv nach Halt suchend, zögerlich auf Tylers Brust legte. Der Callboy hoffte von ganzem Herzen, die anstrengende Neugierde seines Kunden nun endlich genug befriedigt zu haben, dass der Brünette es jetzt abschließend gut sein lassen und das ungeliebte Thema abhaken würde.

„Na gut, Drav, ich verstehe das", beendete Tyler nach einiger Zeit seufzend die sonderbar gehaltvolle Stille, er schien über Dravens ablehnenden Standpunkt bezüglich seiner leiblichen Eltern ein bisschen unglücklich zu sein, worüber der Tätowierte jedoch lieber nicht nachdenken wollte, „Aber bitte beantworte mir noch eine einzige Frage, ja? Tust du das bitte für mich, Drav?" Sein Blick war dermaßen flehend, mit so viel erwartungsvoller Wissbegierde, dass Draven ihm seinen Wunsch unmöglich abschlagen konnte. „Aber nur, wenn es nicht um meine Eltern geht", schränkte er grummelig ein, was Tyler sofort ein dankbares, verliebtes Lächeln ins Gesicht zauberte. „Nein, ich erwähne deine Eltern nicht mal!" versprach er eifrig, „Sag mir bitte nur, ob du diese Krankenschwester mal kennengelernt hast. Weißt du, ich meine die, die dir deinen Namen..." „Nein, habe ich nicht", unterbrach Draven ihn ein wenig zu schroff und wich genervt seinem Blick aus, sah nervös hinauf und betrachtete ausweichend das graue Metalldach der Hollywoodschaukel, er kannte es schon und hielt sich mental daran fest.

„Nach einer Woche wurde ich von den Behörden in ein Heim gebracht. Seitdem war ich nie wieder in diesem Krankenhaus. Hey, ich war noch ein Baby und erinnere mich an gar nichts davon. Ich weiß das alles nur, weil es mir mal erzählt wurde", berichtete er, ohne seinen Gastgeber ansehen zu können, fürchtete er doch, noch einmal so etwas wie Unzufriedenheit bei ihm zu entdecken, weil der andere vielleicht mit seinen Entschlüssen und Handlungen nicht einverstanden war, obwohl ihm das ohne Frage gar nicht zustand, auch sein Mitleid wollte er am liebsten nicht wiedersehen.

„Sag mal, bist du denn niemals neugierig gewesen, von wem du deinen außergewöhnlichen Namen bekommen hast?" fragte Tyler erstaunt, was Draven sofort vor Wut die Nackenhaare sträubte, nur mühsam behielt er seine jäh aufbrausende Frustration unter Verschluss, er fand es mega anstrengend, pausenlos seine Gefühle kontrollieren zu müssen, und langsam ging ihm die fortdauernde Fragestunde auf den Geist. „Nein, Tyler. Ich wollte das nicht wissen. Ich bin im Heim aufgewachsen. Da hat man andere Probleme, glaub mir", erläuterte er mit zusammengebissenen Zähnen und konnte sich nicht bremsen, dem lästigen Kerl einen schnellen, warnenden Blick zuzuwerfen. Im nächsten Moment bereute er das auch schon, denn was er dort sah, gefiel ihm überhaupt nicht. Da war es wieder, dieses grenzenlose Mitleid, es brannte lichterloh in Tylers braunen Augen, glühte auf seinen traurig geformten Lippen, der Brünette erschlug seinen Gast förmlich mit seinem betrübten Mitgefühl, obwohl ihm das möglicherweise selbst gar nicht bewusst war, und steigerte damit den instinktiven Zorn des Callboys beträchtlich.

„Das war nicht so schlimm, wie du jetzt denkst, Ty", beeilte er sich zu betonen, „Die meisten Heime, in denen ich war, waren ganz in Ordnung, ehrlich. Stell dir vor, du kennst es gar nicht anders, dann ist es doch ganz normal für dich, was täglich um dich herum abgeht. Ich habe nie etwas anderes kennengelernt. Du arrangierst dich automatisch damit." Sein dringendes Vorhaben, den anderen von seinem unerwünschten Mitleid zu kurieren, schien zu seinem Verdruss nicht besonders gut zu funktionieren, denn das deprimierte, bedauernde Glühen in den braunen Augen veränderte sich nicht, obwohl der andere hastig versuchte, seine Besorgnis vor ihm zu verbergen, scheiterte er auch diesmal auf ganzer Linie.

Als Draven klar wurde, dass sein Gegenüber ihn auf keinen Fall kränken oder beleidigen wollte, dass er im Gegenteil fortwährend darum bemüht war, es ihm recht zu machen, war er plötzlich gerührt über Tylers unübersehbares Bestreben, das schwierige Gespräch so angenehm wie möglich für ihn zu gestalten, und er beschloss mit klopfendem Herzen, nachsichtig mit seinem Kunden zu sein, war doch in diesem Fall zweifellos er derjenige, der es einfach nicht besser wusste.

„Du warst in mehreren Heimen?" flüsterte Tyler erschrocken, hob die Hand und legte sie zurück auf Dravens Nacken, als wollte er seinen Jungen dringend festhalten, vielleicht auch ihm irgendeine Sicherheit geben, die Berührung sollte wohl das Band zwischen ihnen verstärken. Was definitiv der Fall war, wie Draven zu seiner Überraschung augenblicklich registrierte, er mochte es sehr, von dem Mann auf diese besitzergreifende, sorgende Art angefasst zu werden, er fühlte sich sofort beschützt und liebte jeden einzelnen Augenblick.

„Ja, klar war ich das", erwiderte er gelassen, „Es gibt verschiedene Heime, Ty. Ich wurde natürlich im Laufe der Jahre älter und musste deshalb woanders hin, das ist ganz normal. Ich konnte doch nicht mein Leben lang in dem ersten Heim für Babys bleiben!" Er zwang sich zu einem Lachen, was sich ein bisschen schrill anhörte, um die Absurdität dieser Annahme zu unterstreichen. Auch wenn seine Erklärung, obwohl den Tatsachen entsprechend, trotzdem in seinem Fall nicht so ganz die Wahrheit wiedergab, so kam sie ihm doch leichter über die Lippen, als vor Tyler zugeben zu müssen, dass er früher aus einigen Heimen schlicht hinausgeworfen worden war, besonders während seiner schwierigen Jugendjahre, war er doch manchmal allzu rebellisch und flegelhaft gewesen.

Er sah dem Gartenbesitzer an, wie ihm die Worte „Es tut mir so leid für dich" förmlich auf den Lippen lagen, wie sehr er sich anstrengen musste, um sie nicht laut auszusprechen, und wie viel Mühe er sich damit gab, sie zurückzuhalten. Tylers innerer Kampf war dermaßen faszinierend zu beobachten, dass Dravens ärgerlicher Herzschlag sich vor Rührung prompt ein wenig beruhigte. „Glaub mir, das war wirklich nicht so dramatisch", wiederholte er nachdrücklich, „Ich bin doch da aufgewachsen und hatte nie etwas anderes. Die haben sich schon gut um mich gekümmert, Ty, keine Sorge, okay?" Beschwörend blickte er ihn an und erzielte zu seiner Genugtuung damit ein Lächeln bei seinem Gegenüber, ein bisschen gequält und zweifelnd zwar, aber dennoch voller Zuversicht.

„Ja, okay", stimmte Tyler leise zu, „Ich bin sehr froh, dass es dir gut geht, Drav." „Ja, ich möchte auch, dass es dir gut geht, Ty", erwiderte Draven liebenswürdig und strich nochmal zärtlich über sein Gesicht, musste sich zurückhalten, um ihn nicht impulsiv aufs Neue zu küssen, drängte es ihn doch schon die ganze Zeit nach sexuellen Handlungen und seine roten Lippen lockten ihn gewaltig. Aber er kannte seine zugewiesene Rolle in diesem Spiel und wartete lieber noch ab, wie sein Kunde sich entscheiden würde, arbeitete es doch unübersehbar verstärkt in seinem cleveren Kopf, bestimmt dachte er sich eine neue Frage aus, oder womöglich hatte er auch langsam genug davon, was Draven aus ganzer Seele hoffte.

Nervös lag er auf der Seite, genoss die Bequemlichkeit der Hollywoodschaukel und den attraktiven Kerl, der ihm auf viele Arten zugewandt war, die er noch längst nicht alle durchschaut hatte. Fast schon unbewusst, ließ er seinen Blick langsam an Tyler hinabgleiten. Von seinem Gesicht ausgehend, das beunruhigend nachdenklich aussah, wanderten Dravens graue Augen sorgfältig über den sehnigen Hals des Brünetten, achtsam an ihm herunter, betrachteten beeindruckt die breite, beneidenswert dicht behaarte Brust, die beiden kreisrunden Nippel, dann den nackten Bauch mit der Vertiefung des Bauchnabels, auf dem er einige Zeit unschlüssig verweilte, bis er sich auf Tylers Hüften wagte. Sein Puls legte einen Zahn zu, sein Atem wurde autonom schwerer, als er über den Schriftzug Calvin Klein bei der dunkelblauen Designer-Badeshorts ankam, die in ihrer Nässe noch immer aufregend eng wirkte, und er verspürte eine kribbelnde Vorfreude auf etwas, das derzeit noch nicht einmal zur Debatte stand.
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