V O X POPULI V O X DEI

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16 Slash
Adrian Gecko Axel Brodie Jaden Yuki Jesse Andersen Jim Crocodile Cook Syrus Truesdale
17.10.2019
14.01.2020
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kapitel drei: go getters.

„Johan…“

Ein leises Seufzen entwich Juudais leicht geöffneten kirschroten Lippen, als er im Halbschlaf seine Arme ausstreckte, um nach seinem besten Freund zu greifen. Anstatt jedoch die Schultern des Norwegers zu berühren, spürte er eine leichte Erhebung unter seiner Handfläche, einen hauchfeinen Luftzug. Schlaftrunken blinzelte der junge Student, grummelte leise, flüsterte erneut den Namen seines heimlichen Schwarms. Ein Hauch von Verzweiflung schwang dieses Mal in seiner – für einen Jungen  ungewöhnlich – hellen Stimme mit, wodurch diese sogar eine Oktave tiefer klang. Seine Lider flatterten und endlich öffnete Juudai die Augen, als seine Finger über einzelne Haare strichen, die sich ziemlich fest anfühlten. Beinahe schon drahtig. Wie… Dreadlocks.

„Nanu… Kenzan?“

Juudai wirbelte erschrocken herum, seine runden großen Augen weiteten sich, als er in das friedlich schlafende Gesicht seines leise schnarchenden Mitschülers blickte. Wo war Johan? Und weshalb lag Kenzan neben ihm auf dem seltsamen staubigen Boden, die brachrote Erde ließ ihn unweigerlich an eine endlose Steppenlandschaft denken. Wie war er dorthin geraten? Weshalb befand sich sein Kumpel aus Ra Yellow anstatt des Austauschstudenten neben ihm? Johan hatte ihn doch vor wenigen Augenblicken noch geküsst. Der Japaner spürte noch immer die weichen Lippen seines besten Freundes auf den seinen, das angenehme Kribbeln, das diese hauchfeine Berührung in seinem Inneren ausgelöst hatte. Ein leichtes Lächeln schlich sich in seine weichen Gesichtszüge, sein Herz schlug schneller.

Johan hatte gesagt, dass er ihn liebte.

Juudai konnte es nicht fassen, dass der Norweger mit den Smaragdaugen doch tatsächlich seine Gefühle erwiderte.

Womit hatte er in seinem Leben dieses außergewöhnliche Glück verdient?

Und wo befand sich Johan nun?

Langsam setzten sich die Erinnerungsbruchstücke wie die zahlreichen Steinchen eines kunterbunten Mosaiks in seinem Kopf wieder zusammen. Er hatte sich das Gespräch mit Johan nur eingebildet, er hatte davon geträumt. Johan hatte ihn weder geküsst, noch ihm seine Gefühle gestanden. Juudai schluckte, seine Fingernägel gruben sich in seine Handinnenflächen und er presste die Lippen flach aufeinander. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, sein Brustkorb vibrierte und Juudai spürte, wie düstere Verzweiflung langsam in ihm hervorkroch wie eine hochgiftige Königskobra, sich wie ein eiserner Strick um seinen schlanken Hals legte, ihn zu ersticken drohte. Unzählige hauchfeine Nadeln malträtierten sein Herz, das schlechte Gewissen war mit einer noch viel größeren Wucht zurückgekommen.

Juudai hatte versagt.

Auf ganzer Linie.

Yuberu hatte Johan mit in ihr Reich gezogen, als er versucht hatte, die Studenten der Akademie mithilfe eines durch den Rainbow Dragon erschaffenen Dimensionstors zurück in ihre Heimat zu befördern. Er hatte sich geopfert, um Juudai und seine Freunde, die unschuldigen Duellanten zu retten. Er hätte ihn nicht alleine lassen dürfen, niemals. Der zierliche Japaner wollte sich gar nicht erst vorstellen, was mit seinem besten Freund passiert war. Yuberu schien zu allen Gräueltaten bereit zu sein. Die Duellakademie in eine andere Dimension zu befördern erschien noch zu harmlos für den Duellgeist. Was war sein eigentliches Ziel? Und weshalb hatte er eine Vielzahl Unschuldiger ins Visier genommen?

Juudai richtete sich vorsichtig auf, versuchte dabei, Kenzan nicht zu berühren, aufzuwecken. Es war an diesem ominösen Ort eindeutig zu gefährlich für seine Freunde, er musste unbedingt herausfinden, welches Motiv Yuberu bewegte, was das Monster erreichen wollte. Noch dazu durfte der Japaner keine Zeit verlieren, immerhin konnte Johan sich in Schwierigkeiten befinden, seine Hilfe dringend benötigen. Sein Blick glitt noch einmal über seine schlafenden Freunde, die versprochen hatten, ihn dabei zu unterstützen, den Norweger zu finden. Ein melancholisches Lächeln schlich sich in die feinen Züge des Osiris-Studenten und er wandte sich von der kleinen Gruppe ab.

     Sobald er Johan gerettet hatte, würde er zu ihnen zurückkehren.

Versprochen.





Maelie hatte keine Ahnung, weshalb Jim vorgeschlagen hatte, mit ihm ein Team zu bilden, um nach Johan, Juudai und Austin zu suchen. Weil sie die einzigen beiden Austauschstudenten in der Gruppe waren? Oder, weil sich Kenzan, mit dem er sich relativ gut verstand, mit Alice auf den Weg gemacht hatte? Außerdem war Asuka mit ihrem Bruder und Gina losgezogen, mit Manjoume und Daichi hatte er hingegen überhaupt nichts zu tun. Vor allem der Milliardärssohn war auf den Australier überhaupt nicht gut zu sprechen, hatte für diesen höchstens ein abfälliges Schnauben übrig. Ein leises Seufzen entwich ihren vollen Lippen, sie durfte sich keine leeren Hoffnungen machen, wahrscheinlich war sie wirklich nur die Notlösung, das geringere Übel. Warum sollte sich Jim plötzlich wieder für sie interessieren, wenn er doch das beliebteste Mädchen der Schule daten konnte? Normalerweise war Maelie eher der rationale, ruhige Typ, schweigsam und durchdacht, allerdings brachte sie die Anwesenheit des Australiers ziemlich aus der Fassung. Anfangs hatte sie versucht, sich einzureden, dass das seltsame Flattern in ihrem Bauch daher rührte, dass sie sich vor Karen fürchtete, allerdings war sie auch nervös, wenn Jim den Seminarraum betrat, mied sofort den Blickkontakt mit ihm.

Verdammt.

Da die Britin nicht wusste, was sie sagen sollte, schwieg sie, ignorierte den Australier. Am liebsten wäre sie mit Manjoume losgezogen, allerdings hatte Austin ihm keinen Peilsender gegeben und Daichi hatte sich geweigert, sein Kärtchen abzugeben. Die Beiden hatten sogar miteinander diskutiert, da ihr Kumpel keine Lust gehabt hatte, mit dem Ra-Studenten ein Team zu bilden. Hätte Asuka ihn nicht beschwichtigt, wäre Manjoume wahrscheinlich auf den anderen Duellanten losgegangen, er hatte ihn ohnehin schon wüst beleidigt. Anscheinend war während ihrem zweiten Studienjahr etwas zwischen ihnen vorgefallen, allerdings schwieg Manjoume eisern darüber. Verdächtig. Allerdings befand sich Maelie auch nicht in der Position, nachzuforschen, ihm Fragen darüber zu stellen. Jeder Mensch hatte in ihren Augen etwas zu verbergen, einen tiefergehenden Schmerz, den er zu verdrängen versuchte. Es fehlte der Menschheit an Vertrauen, an Spiegeln. Es fiel ihr schwer, anderen Personen zu zeigen, wie es in ihr selbst aussah, was sie fühlte, wovon sie träumte, was sie bewegte. Sie wollte Manjoume, der sich ihr bereits ein bisschen geöffnet hatte, zu nichts drängen, respektierte sein Schweigen.

„Juudai riskiert wirklich alles, um Johan zu retten.“, brach Jim irgendwann die seltsame bedrückende Stille zwischen ihnen. Maelie wusste gar nicht, wie lange sie schon nebeneinander herliefen, schweigend, die Hände in den Taschen ihrer Jacken vergraben. Als sie eine weitere Zigarette geraucht hatte, hatte Jim ihr einen kurzen Blick zugeworfen, nicht vorwurfsvoll, eher neugierig, Maelie hatte deutlich gespürt, wie ihr Innerstes gekribbelt hatte. Sie presste die Lippen aufeinander, verdrehte die Augen über ihr stupides Verhalten. Sie musste sich auf die Mission fokussieren, Johan brauchte sie. Für gefühlsduseliges emotionales Verhalten hatte sie definitiv keine Zeit, in einer Welt, die nur so vor Gefahren strotzte, konnte jede noch so kleine Unachtsamkeit ihren sicheren Tod bedeuten. Sie musste endlich wieder klare Gedanken fassen.

„Juudai liebt Johan. Und er gibt sich die Schuld für sein Verschwinden. Was – meiner Meinung nach – völliger Bullshit ist. Diese seltsame Macht, die von Cobra und Martin Besitz ergriffen hat, trägt alleine die Schuld an dieser Misere.“, entgegnete Maelie sachlich und fasste ihre langen hellen Haare im Nacken zusammen ohne Jim auch nur anzuschauen. Natürlich fühlte sie sich ihm gegenüber schlecht, weil sie sich so abweisend benahm, andererseits datete er das schönste Mädchen der Akademie, sie war also sowieso vollkommen fehl am Platz. Shou hatte ihr erst vor Kurzem in der Turnhalle, wo die Studenten ihr Lager aufgeschlagen hatten, um sich vor den zum Leben erwachten Duellgeistern zu verstecken, gemeint, dass Maelie auffallend gefühlskalt wirkte. Zwischen distanzierter Höflichkeit aus Unsicherheit und Selbstschutz und eisiger Abweisung lagen Welten. Ihre Mutter hatte sie immer beschworen, dass Höflichkeit eine unantastbare Rüstung war – vor allem für ein junges Mädchen.

„Ich frage mich, weshalb diese Yuberu so obsessed with Juudai ist. Der Dekan hat ja erklärt, dass ihre Karte einmal Juudai gehört hat.“, antwortete Jim und Maelie nickte, sie erinnerte sich noch ganz genau an den Morgen in der Osiris Red – Unterkunft, als sie dort verzweifelt nach Johan gesucht hatte. Die Clique um Juudai hatte dort gefrühstückt, miteinander über den Verbleib des Norwegers diskutiert, der seit dem Duell gegen die Sacred Beasts unauffindbar war. Samejima-sensei hatte irgendwann den Speisesaal betreten und die Studenten über Yuberu aufgeklärt. Als Kind hatte der Japaner diese mächtige Monsterkarte von seinem Vater geschenkt bekommen, allerdings hatte er jedes Duell, in dem er Yuberu auf sein Feld gerufen hatte, verloren. Jedes Kind, das gegen Juudai gewonnen hatte, hatte kurz nach dem jeweiligen Duell eine gefährliche Verletzung erlitten, weshalb die Grundschüler damit begonnen hatten, den so freundlichen und offenen Jungen zu meiden. Irgendwann hatte dann die Kaiba Corporation nach neuen Ideen für Karten gesucht und Juudai hatte seinen Entwurf für Neos, eine Buntstiftzeichnung, eingereicht. Sowohl die Heldenkarte als auch der mächtige Duellgeist waren daraufhin mit einer Rakete in den Weltraum geschickt worden. Durch irgendein Ereignis – sowohl Daichi als auch Professor Eisenstein forschten nach dem Auslöser – war Yuberu wieder auf die Erde gelangt und sann nach blutiger Rache an ihrem einstigen Besitzer.

„Wenn Yuberu reihenweise Zweitklässler ins Krankenhaus befördert hat, wird sie sicherlich kein Problem haben, uns umzubringen.“ Maelie spürte, wie bei dieser nüchternen Aussage eine samtige Gänsehaut über ihre Arme rieselte, sie erschaudern ließ. Es war die eine Sache, über die Konsequenzen ihrer Reise in die Isekai nachzudenken, es war allerdings eine ganz andere Sache, diese auch noch auszusprechen, ihnen dadurch Macht, nüchterne Gewissheit zu verleihen. Sie presste die Lippen aufeinander, schlang die dünnen Arme um ihren Oberkörper, knirschte kaum hörbar mit ihren Zähnen, ein Zeichen von Nervosität. Johan hatte sie immer ermahnt, wenn er sie bei diesem Tick erwischt hatte, ihr dessen schädliche Folgen mit strenger Miene aufgezählt.

„Ich glaube, da steckt noch mehr dahinter.“, kam es nun von Jim und Maelie blickte auf, musterte ihn irritiert. Das schillernde Peridotgrün seines Auges flammte für den Bruchteil einer Sekunde auf, ganz so, als hätte er eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Fragend legte die Britin den Kopf schief.

„Inwiefern meinst du das, Jim?“

Es war seltsam, seinen Namen auszusprechen. Sie betonte den Anfang sanft, zog das ‚m‘ summend in die Länge, so, als würde sie genießend einen eisgekühlten Mate trinken. Der junge Mann schien jedoch nicht darauf einzugehen, kratzte sich am Nacken, ohne dabei den dunklen Hut zu verrutschen. Maelie mochte sein Outfit, die enganliegende schwarze Bikerjeans mit den zahlreichen Reißverschlüssen und das cremefarbene Hemd mit den Brusttaschen, sowie die braunen Cowboystiefel und die cognacbraune Lederjacke mit den Fransen an den Ärmeln, standen ihm ausgezeichnet. Sein auffallender Kleidungsstil erinnerte sie an die alten Westernfilme, die sie als Kind oftmals mit ihrem Vater geschaut hatte. Ironischerweise hatte Lord Emerson nie einen Film in diesem Genre gedreht. Zurzeit arbeitete er an einer weiteren Buchverfilmung. Love letters to the dead – ein junges Mädchen schrieb Briefe an längst verstorbene Idole wie Kurt Cobain, Heath Ledger oder Janis Joplin, vertraute sich diesen nach dem Tod ihrer älteren Schwester May an. Maelie war wirklich gespannt auf die Umsetzung, die Hauptrolle der Laurel  spielte die attraktive Italienerin Benedetta Porcaroli, welche durch die Netflixserie Baby bereits an Berühmtheit erlangt hatte.

„Yuberu hat Johan nicht ohne Grund als Geisel genommen. Sie weiß, wie wichtig Johan für Juudai ist und…“, begann Jim nachdenklich und Maelie nickte zustimmend. Während ihrer Zeit in der Paralleldimension war ihr bereits aufgefallen, wie fokussiert die Handlanger des Duellgeistes auf den Norweger gewesen waren, ihn zu zahlreichen Duellen herausgefordert hatten. Auch auf der Suche nach dem Rainbow Dragon hatten die Untertanen von Yuberu nicht von ihm abgelassen und hartnäckig versucht, ihn zu sabotieren. Als Maelie, Jim und die übrigen Studenten sowohl Juudai als auch Johan Rückendeckung gegeben hatten, hatte Sky Scourge Norleras mit ihrem Crimson Knight Vampire Bram erledigt. Sie hatte Austin und Johan bis zur Rettungskapsel, in welcher sich der legendäre Drache befand, begleitet, den Norweger vor einem weiteren Duell bewahrt, das ihn vom eigentlichen Ziel, nämlich Yuberu und die Sacred Beasts, abgehalten hätte. Mutig hatte sie sich Performapal Gathlinghoul entgegengestellt, den Unterweltler in einem Duell besiegt. Jim hatte sie schlussendlich aufgesammelt und zum Dach der Schule begleitet, wo sich Juudai und Johan einen erbitterten Kampf gegen den rachsüchtigen Duellgeist geliefert hatten.

„Du denkst, dass Yuberu in Juudai verliebt ist?“, wollte Maelie wissen und Jim nickte, verzog nachdenklich das Gesicht, seine hohe Stirn legte sich in Falten, seine buschige dunkle Augenbraue wanderte zu seinem Haaransatz. Die junge Frau überlegte, ob dem Australier womöglich auch der verletzte, geradezu sehnsüchtige Blick aufgefallen war, welchen Yuberu ihrem ehemaligen Besitzer aus schmalen goldenen Augen zugeworfen hatte. Als Austin und Jim sie und Rei in Sicherheit gebracht hatten, nachdem Johan den Rainbow Dragon beschworen hatte, hatten sich Juudai und sein bester Freund noch mit der Unterweltlerin unterhalten, allerdings hatte Maelie aufgrund des Lärms des einstürzenden Gebäudes nicht viel von diesem Gespräch verstehen können. Auch Juudai hatte bislang kein Wort darüber verloren, schwieg größtenteils. Dass Johan seinetwegen in die Isekai entführt wurde, setzte ihm psychisch stark zu, das merkte man ihm deutlich an. So ruhig hatte Maelie den sonst so aufgedrehten Osiris Red – Studenten noch nie erlebt.

„Ich denke, dass Yuberu tiefergehende Gefühle für Juudai empfindet.“, antwortete Jim nun und Maelie seufzte leise. Sie hatten einen niedrigen Hügel des Ödlands bereits überwunden, als der Australier abrupt stehen blieb, aufhorchte. Die Blondine wäre fast in ihn hineingelaufen, sie bremste gerade noch ab und stützte sich mit den Handflächen an seinem vermeintlichen Rücken ab, berührte dabei die kalten grünen Schuppen von Karen, die leise aufknurrte. Ein eiskalter Schauer glitt ihren Rücken hinab, ihr gefror das Blut in den Adern, eine Gänsehaut rieselte über ihre nackten Arme. Bevor jedoch ein gellender Schrei ihre Kehle verließ, presste Jim ihr sanft die flache Hand auf den Mund, zog sie in seine muskulösen Arme. Maelie erschauderte erneut – nun allerdings aufgrund der ungewohnten Nähe. Es war definitiv etwas vollkommen anderes, Rafael während des Seriendrehs zu umarmen, ihm nahe zu sein. Für den hübschen Schauspieler hatte Maelie nie mehr empfunden als ehrliche Sympathie, keinerlei Interesse. Der warme orientalische Duft einer würzigen Mandarine umhüllte die junge Frau, das ledrige Aroma von Tonkabohnen und Sandelholz. Immer, wenn die Britin den Geruch des Studenten wahrnahm, musste sie unweigerlich an die unberührte Wildnis von Australiens Outback denken, die knisternde und erwärmende Flamme eines Lagerfeuers unter dem funkelnden finsteren Firmament. Sie konnte sein wild klopfendes Herz an ihrem Hinterkopf spüren, das gegen seinen Brustkorb schlug.

„Maelie…“, hauchte Jim und ehe sich die beiden Studenten versahen, formte sich ein Monster aus einem der umliegenden Felsen, welche den Weg säumten. Maelie erkannte sofort, dass es sich bei diesem Unterweltler um ein lebendiges Wesen aus Fleisch und Blut handelte, nicht um ein künstlich erschaffenes Hologram, der massive Brustkorb von Broww – Huntsman of Dark World hob und senkte sich regelmäßig unter der mächtigen silbernen Rüstung, welche an den breiten Schultern in verfilztes dunkelbraunes Fell überging. Der kuppelförmige Helm des Monsters erinnerte Maelie an einen Alienkopf, aufmerksam musterten die schmalen giftgrünen Schlangenaugen die beiden Duellanten, der Unterweltler richtete einen goldenen Bogen auf sie, einen tödlichen Pfeil mit messerscharfer Spitze bereits zum Anschluss eingespannt. Die monströsen Klauen steckten in wuchtigen dunkelbraunen Handschuhen, das Maul war unter einem metallischen Mundschutz verborgen.

„Es war wirklich einfach, euch zu finden, ah.“, verkündete das Ungeheuer und Jim schob Maelie bestimmt hinter sich. Die junge Frau blickte auf ihre goldene Duel Disk, in welchem sie bereits ihr Vampirdeck positioniert hatte. Die Kartenflächen waren türkisblau, der Hologramknopf bestand aus einem Lapislazuli. Shou war zu Beginn erschrocken, als er ihr Duellwerkzeug gesehen hatte, da es dasselbe war, welches auch die Vampirin Camula benutzt hatte. Auch ihr Deck glich dem der grünhaarigen Schönheit stark, Professor Chronos hatte sie auf die Ähnlichkeit angesprochen. Maelie hatte lediglich entgegnet, dass die Zombies auf sie reagiert, die Karten pulsiert hatten, als sie mit ihren Eltern den Hauptsitz von Industrial Illusions besucht hatte, um sich zu ihrem zehnten Geburtstag ein eigenes Deck auszusuchen. Natürlich waren ihre Eltern zunächst nicht begeistert von ihrer Entscheidung gewesen, welches Mädchen, das noch die Grundschule besuchte, spielte mit einem furchteinflößenden Untotendeck? Allerdings hatten sie sich schnell beruhigt, als sie gemerkt hatten, welche exzellenten Taktiken und Strategien ihre einzige Tochter mit den Vampiren ausgearbeitet hatte.

„Was willst du von uns?“, wisperte die Blondine ängstlich und umgriff Jims raue Hand ohne darüber nachzudenken, ihre Finger glitten ineinander, als hätten sie nie woanders hingehört. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals, drohte, ihre Brust zu sprengen, als sie den hungrigen Blick des Ungeheuers auf sich spürte.

„Ah, der ehrenwerte König verlangt nach euch…“, begann Broww und Maelie stutzte, da der Unterweltler eine männliche Bezeichnung gewählt hatte. König. Yuberu war eindeutig weiblich. Diente Yuberu dem König – oder zählte dieser zu ihren Handlangern? Wo befand er sich? Und hatte er Juudai oder Johan gesehen? Hatte er sie womöglich gefangen genommen?

„Have you seen our friend?“, unterbrach Jim das Monster, welches den jungen Mann allerdings geflissentlich ignorierte, den goldenen Hologramknopf seiner grauen Duel Disk betätigte. Es legte es also auf ein Duell an. Maelie presste die Lippen aufeinander. Ein Duell in dieser Dimension konnte über Leben und Tod entscheiden. Als Shou in der Paralleldimension gegen Manjoume verloren hatte, war er ohnmächtig geworden und als Walker wiedererwacht. Wie in the walking dead. Maelie erschauderte. Endeten Niederlagen in dieser Welt genauso? Wurde man bewusstlos und endete als willenloses Monster – oder verlor man nicht nur das Duell, sondern auch sein Leben? Sie wollte es lieber nicht austesten. Allerdings wollte sie auch nicht, dass Jim sich einem vermeintlichen Risiko aussetzte.

„Das Mädchen oder den Jungen… ah, ich weiß…“, murmelte Broww vor sich hin und ehe Maelie etwas sagen konnte, aktivierte Jim ebenfalls seine Duel Disk, die aufgrund ihrer Form an einen Boomerang erinnerte, stellte sich breitbeinig vor die junge Frau, löste den Griff. Für den Bruchteil einer Sekunde blickte Maelie auf ihre Hand, die sich ohne die Berührung des Australiers auf einmal so kalt anfühlte. Als würde etwas fehlen. Als würde Jim ihr fehlen. Was war nur los mit ihr?

„Wenn ich dich besiege, verrätst du mir, wo Juudai und Johan sind.“, verkündete Jim und Maelie musterte ihn besorgt, ihre langen Fingernägel gruben sich in die warme Innenflächen ihrer Hände.

„Jim…“, hauchte sie und der Australier schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, das Peridotgrün seiner kristallblauen Augen blitzte auf, bildete einen starken Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut.

„Alles easy, Mae, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, in Ordnung?“

Zaghaft nickte die Blondine und Jims strahlend weißes Grinsen wurde breiter.

„Duell!“

Sowohl Jim als auch sein Kontrahent zogen fünf Karten und Maelie hoffte inständig, dass ihr heimlicher Schwarm in diesem Duell triumphieren würde. Sie machte sich im Anbetracht der unbekannten Gesetze dieser mysteriösen Dimension große Sorgen um Jim. Was, wenn er durch einen Angriff Browws ernsthaft verletzt wurde? Sie hatte weder Arzneien noch Wundsalbe oder gar Verbände in ihrem Rucksack, Annie, welche ab und an auf der Krankenstation von Ayukawa-sensei aushalf, hatte sich um den Erstehilfekasten gekümmert, diesen eingepackt. Verdammt. Sie konnte nur hoffen, dass auch ihrer Freundin bislang nichts passiert war.

Obwohl Maelie es sich ungern eingestand, fühlte sie sich in diesem Moment absolut hilflos.



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