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V O X POPULI V O X DEI

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Adrian Gecko Axel Brodie Jaden Yuki Jesse Andersen Jim Crocodile Cook Syrus Truesdale
17.10.2019
14.01.2020
3
9.635
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10.11.2019 5.316
 
kapitel zwei: start to finish.

Gedankenverloren kaute Fallon Maelie Emerson auf den getrockneten Cranberries herum, die Jim Cook ihr gegeben hatte. Ihre kleine Hand lag an ihrer flachen Brust, sie hatte den Kopf schief gelegt, betrachtete die steppenähnliche Umgebung, den rotbraunen Sand, der bereits an den Sohlen ihrer geliebten Dr Martens klebte. Die Landschaft war kahl, weitreichend, selbst in größerer Entfernung erkannte die junge Frau mit den taillenlangen platinblonden Haaren keinerlei Bäume oder gar einen See oder Fluss. Vereinzelte bereits verdorrte Büsche, die lediglich aus schmalen zerklüfteten Ästen bestanden, welche die Studentin unweigerlich an ein Skelett denken ließen, und kleine Grasflächen säumten den staubtrockenen Boden an wenigen Stellen. Der vorherrschende Wassermangel war deutlich zu spüren, sogar die warme Abendluft wog schwer und erstickend auf ihrer nackten Haut, bedrückend. Die Obelisk-Studentin fragte sich unweigerlich, ob es in dieser Steppe ebenfalls Vegetationsphasen wie in der realen Welt gab. Im Gegensatz zu vielen anderen Studenten der britischen Duellakademie hatte Maelie Geographie als Leistungsfach gewählt. Aus dem Unterricht wusste sie auch, dass zahlreiche Getreidepflanzen ursprünglich Steppenbewohner gewesen waren.

Gab es womöglich sogar andere Lebewesen außer Yuberu in dieser Dimension?

Vielleicht sogar Menschen? Betrieben sie womöglich Landwirtschaft, um in diesem Gebiet überleben zu können?

War es der Macht der griechischen Göttin des Zufalls, Tyche, zu verdanken, dass die Studentengruppe in dieser Einöde, umringt von Bergen, gelandet war? Vielleicht war es ja auch Schicksal, oder – wie Maelies Vater sagen würde – Kismet?

Mit einem lautlosen Seufzen wandte sie sich wieder ihren Kommilitonen zu, die sich rings um sie herum versammelt hatten. Im Gegensatz zu ihr trugen viele von ihnen noch ihre Schuluniform, nur die beiden anderen Austauschstudenten, der Australier James Cook, der stets Jim genannt wurde, und der muskulöse Afroamerikaner Austin O’Brien, sowie Manjoume hatten darauf verzichtet. Johan hatte das Outfit der Duellakademie geliebt, das blütenweiße Hemd mit niedlichen Rüschen am Saum und an den Ärmeln verziert. Da es den fünf Studenten der Partnerschulen gestattet war, auf den Dresscode der Akademie zu verzichten, hatte auch Maelie auf den königsblauen A-Linienrock und die dazu gehörende langärmlige schneeweiße Bluse verzichtet. Auch die Duel Disk, die sie auf der Eröffnungsveranstaltung von Dr Chronos geschenkt bekommen hatte – ein schlichtes silbernes Modell mit royalblauen Kartenzonen – hatte sie nie benutzt.

„Ich nehme an, dass außer Jim und mir noch niemand von euch ein Überlebenstraining in der Wildnis absolviert hat.“

Maelies Blick blieb an Austin O’Brien hängen, der seinen schwarzen Wanderrucksack abgenommen hatte, um darin nach etwas zu suchen. Seine dunklen Locken, welche normalerweise sein kantiges Gesicht mit den markanten Zügen und den vollen kaffeebraunen Lippen umrahmten, hatte er im Nacken zu einem Dutt zusammengebunden, unter seinem dünnen olivgrünen Tanktop zeichneten sich deutlich die definierten Muskeln ab, über die schon zahlreiche Studentinnen geschwärmt hatten. Obwohl die Britin zugeben musste, dass der Oberkörper des jungen Mannes attraktiv aussah, fand sie es schlichtweg oberflächlich, nur für Austin zu schwärmen, weil er seine Freizeit zum größten Teil im Fitnessstudio oder in den Wäldern verbrachte. Maelie verstand es keineswegs, das die Mädchen nur Interesse an Jemandem zeigten, sobald diese Person das Aussehen eines Topmodels hatte – das war so, als würde man sein Müsli aufgrund der Farbe und nicht aufgrund des Geschmacks aussuchen. In der oberflächlichen Schauspielbranche, in der Maelie dank ihrer einflussreichen Familie aufgewachsen war, gehörte diese – ihrer Meinung nach - moralisch nicht korrekte Einstellung zur Tagesordnung.

„Doch, ich kenne die Grundlagen, Sergeant.“, meldete sich Kenzan zu Wort, salutierte. Maelie fand es ziemlich amüsant, dass der Ra Yellow-Student seinen Milizen einen Militärrang verlieh, mit denen er sie stets ansprach. Mädchen – außer seine Freundin Alice, die er liebevoll Prinzessin nannte – bezeichnete er generell als Mademoiselle. Zu olivgrünen Cargoshorts trug der Student ein enganliegendes, schwarzes Tanktop, das seine Oberkörpermuskulatur betonte. Seine gelbe Jacke, welche zur Schuluniform gehörte, ließ er offen. Ein ockergelbes Bandana, das im Entferntesten an einen Dinosaurierkopf erinnern sollte, rundete sein schlichtes, lockeres Outfit ab, bedeckte seine dunklen Rastazöpfe zum Teil, die ihm bis zur Brust reichten. Zu Beginn des Schuljahres war der junge Mann, der mit einem Dinosaurierdeck spielte, mit Jim aneinander greaten, hatte ihn angegriffen. Shou hatte erklärt, dass Kenzan ein kleines Stückchen von einem Dinosaurierknochen in den Knöchel implantiert worden war, nachdem er sich während einer Ausgrabung seines Vaters verletzt hatte. Professor Cobra hatte mit seinen Death-Belt die natürlichen Schwingungen der Insel durcheinander gebracht und dadurch Kenzans Verstand vernebelt, seine Urinstinkte geweckt. Auch Karen hatte zu knurren begonnen und beinahe ihren Besitzer gebissen. Fachmännisch hatte sich Jim sowohl um sein Krokodil als auch um den Ra-Studenten gekümmert, diese wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht, während sich Shou und Maelie hinter Johan und Juudai versteckt hatten. Mit einem wütenden Reptil hatte sich die junge Frau definitiv nicht anlegen wollen.

„Perfekt, dann kannst du Jim und mich unterstützen, Kenzan.“, antwortete Austin, seine runden kupferbraunen Augen fixierten den Dinodeckduellanten für den Bruchteil einer Sekunde. Maelie schob sich eine weitere Cranberry zwischen die weinrot bemalten herzförmigen Lippen, beobachtete weiter das Geschehen, versuchte, die pochenden Kopfschmerzen zu verdrängen. Nachdem die Gruppe Juudai durch das Portal in die andere Dimension gefolgt war, um Johan Andersen zu finden und zu retten, war die Britin bewusstlos geworden und wesentlich später als ihre Freunde wieder zu sich gekommen. Ihre Freundin Annie hatte ihr bereits erklärt, dass Austin verlangt hatte, den Inhalt ihrer Rucksäcke zu nennen, um über mögliche Ausrüstung Bescheid zu wissen. Die zierliche blonde Studentin hatte ihr auch bereits Ibuprofen und Wasser gegeben.

Seit die beiden Mädchen in Duellgeschichte eine Präsentation über das alte Ägypten miteinander gehalten hatten, trafen sie sich des Öfteren im Akademiecafé auf einen Kaffee. Manchmal spielten die Beiden zusammen Duel Monsters, besprachen verschiedene Strategien. Obwohl Annie die kleine Schwester der weltberühmten Mai Valentine war, hatte die niedliche Blondine nicht viel mit der selbstbewussten Schönheit gemeinsam: Performanceduelle gehörten nicht zu Annies Stärken. Als Annie sich während der Juwelenfeier von Amon mit Junko, Asukas bester Freundin, duelliert hatte, hatte Maelie das Naturia-Deck des Mädchens ins Detail analysiert. Annies Strategie bestand darin, die Effekte ihrer Gegner zu verhindern, Fallen- und Zauberkarten waren im Hinblick auf ihre Pflanzenmonster größtenteils unwirksam. Auch Spezialbeschwörungen waren mit dem Deck relativ einfach möglich. Ihre Lieblingskarten waren Naturia Cosmobeet und Naturia Leodrake, ein gewaltiger Löwe mit orangefarbenem Fell und einer Mähne, die gänzlich aus zahlreichen Blüten bestand. Mit dreitausend Angriffspunkten war dieses Ungeheuer auch ihr stärkstes Monster.

„Ich wünschte, ich könnte euch irgendwie unterstützen.“, kam es bedrückt von Asuka Tenjoin, der bezaubernden Königin von Obelisk Blue, deren dunkelblondes Haar in sanften Wellen locker über die schmalen Schultern fiel, ihr beinahe bis zur schlanken Wespentaille reichte. Es gab an der Duellakademie keinen heterosexuellen Studenten, welcher der Schönheit mit den großen hellbraunen Mandelaugen, deren warmer Farbton an süßen Honig erinnerte, noch nicht verfallen war. Jun Manjoume, mit dem sich Maelie ausgesprochen gut verstand, hatte jahrelang für sie geschwärmt. Allerdings hatte die Studentin seine Gefühle nie erwidert. Jim hatte angeblich sogar – Johan hatte es ihr erzählt – einmal mit der jungen Frau geschlafen. Maelie wusste nicht, ob sie diesem Gerücht Glauben schenken sollte, immerhin war die Queen Bee der Akademie seit Beginn ihres ersten Semesters – laut Manjoume - in Juudai verliebt. Allerdings hatte der Australier sich mit zerzausten Haaren zu einer unchristlichen Uhrzeit aus dem Zimmer der Studentin geschlichen. Auch Junko Makurada und Momoe Hamaguchi, Asukas beste Freundinnen seit der Grundschule, schwärmten oft von den Beiden als Pärchen, die Königin und der Austauschstudent waren Inhalt zahlreicher heißer Gerüchte in der Mädchenunterkunft von Obelisk Blue – sehr zum Missfallen von Maelie.

„Alles easy, Babe.“, antwortete Jim mit einem charmanten Zwinkern. Die Britin musste unweigerlich zugeben, dass es ihr der Australier irgendwie angetan hatte – und das nicht nur aufgrund seiner atemberaubenden kristallblauen Augen, die im warmen Licht der Sonne einen schillernden Peridotgrün erstrahlten. Im Gegensatz zu den anderen Jungen aus ihrem Semester erschien Jim unglaublich reif, war belesen. Manchmal traf sie den Studenten mit den kurzen rabenschwarzen Haaren in der Bibliothek, wo er in Sachbücher über Archäologie und verschiedene Zeitepochen vertieft war. Er war mit Abstand der Klassenbeste im Geschichtskurs und punktete stets mit ausführlichem Hintergrundwissen, vor allem über das antike Ägypten. Sogar Professor Satou, der nichts für seine Schüler übrig hatte, war begeistert vom ehrlichen Interesse des Australiers. Maelie hatte schon immer eine Schwäche für Männer gehabt, die eine tiefergehende Allgemeinbildung genossen hatten und sich für mehr Aktivitäten begeistern konnten als Netflix. Tiefgründige Gespräche in der Nacht über den Kern, der die Welt zusammenhielt, waren Maelie eindeutig wichtiger als ein stählerner Sixpack.

Literatur hatte Maelie schon immer begeistert, Leidenschaft in ihr entfacht wie eine wärmende, aufbauende Flamme. Nicht die schillernde mit Diamanten verzierte Rolex am Handgelenk, der maßgeschneiderte Designeranzug von Armani oder gar ein hohes Amt in der Politik verliehen einer Person Macht – nein, Bildung war in ihren Augen Macht. Wissen war Macht. Zurzeit verbrachte die Britin zahlreiche Stunden in ihrem Zimmer und rauchte zahlreiche Zigaretten, während sie in die faszinierenden Werke von Nikita Gill, einer amerikanischen Poetin, vertieft war. Mittlerweile war sie bei fierce fairytales angekommen, einer Neuinterpretation weltbekannter Märchen mit feministischen Akzenten, in denen aus der naiven Jungfrau in Nöten die unabhängige Heldin wurde, welche keinen strahlenden Ritter in weißer Rüstung benötigte, um den bösen Drachen oder die rachsüchtige Hexe zu besiegen. Eine Ode an die charakterstarken und selbstbewussten Frauen, ein gefährlicher Schlag ins Gesicht des so stolzen Patriarchats. Immer, wenn Maelie in den Werken von Autorinnen wie Nikita Gill, Amanda Lovelace, Bridgett Devoue, Adeline Whitmore oder auch Lang Leav schwelgte und ihren Gedanken nachhing, fühlte sie sich im Nachhinein entschlossener, emotional gefestigt und vor allem verstanden. Es fühlte sich für die junge Frau an, als wären sie und die Poetinnen Seelenverwandte. Durch ihre Vorliebe für Literatur hatte sie auch Manjoume kennengelernt.

Asukas Wangen färbten sich auffällig rot und die Blondine schenkte Jim einen kurzen Blick, den die Britin nicht interpretieren konnte. Unweigerlich fragte sich Maelie, ob die Beiden wohl ein Paar waren. Aus irgendeinem Grund störte sie dieser Gedanke, obwohl sie kaum etwas mit Jim zu tun hatte, seit dieser Asuka und die anderen Studenten der Akademie kennengelernt hatte. Auf der Reise zur Insel hatten sich die Beiden relativ gut miteinander verstanden und sogar miteinander über das antike Rom gesprochen. Jim hatte bereits vorzeitig ein Stipendium für ein Archäologiestudium in Harvard bekommen, welches sogar eine Seminarfahrt in die römischen Göttertempel und nach Pompeii, das durch den Ausbruch des Ätnas vollkommen zerstört worden war, beinhaltete. Die Austauschstudentin freute sich für ihren Kommilitonen, sehr sogar. Ehrlich.

Als die wenigen Studenten, welche sich noch nicht in Duellzombies verwandelt hatten, Juudai auf dem Weg zu Martin Rückendeckung gegeben hatten, war Maelie von Fossil Warrior Skull in letzter Minute gerettet worden, nachdem ihr Vampire Lord von Air Eater zerstört worden war und sie ihre Deckung verloren hatte. Damals hatte ihr Herz für den Bruchteil einer Sekunde im Angesicht des Todes schneller geschlagen, vor allem, als Jim ihr ein aufmunterndes Lächeln geschenkt und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt hatte. Mit hochroten Wangen hatte sie mechanisch genickt, die langen Nägel in ihre Handinnenflächen gepresst, sodass sich kleine halbmondförmige Abdrücke gebildet hatten. Noch nie hatte ein Mann aufrichtig gefragt, wie sie sich fühlte, ob sie in Ordnung war. Sie hatten sich stets für ihr Aussehen interessiert, ihr makelloses Gesicht und den zierlichen Körper. Maelie hasste es, auf ihre Optik reduziert zu warden.

Die junge Frau mit den platinblonden Haaren erinnerte sich noch genau an das erste Mal, als sie als Vierjährige mit ihren Eltern das Filmfestival in Cannes besucht hatte, wo der Blockbuster ihres Vaters in mehreren Kategorien wie beispielsweise dem besten Drehbuch, der besten Regie und dem wichtigsten Preis überhaupt, der Goldenen Palme, ausgezeichnet worden war. Verfilmt hatte Horace Claude Emerson die Novelle seiner Ehefrau, Maelies Mutter, Mathilda Fiona Emerson, ein romantisches Drama namens acht Tage im Sommer. Bereits im zarten Alter von zehn Jahren war Maelie selbst vor der Kamera gestanden – als Emma Carstairs, der Heldin der Urban Fantasy – Reihe The Dark Artificies, damals noch als Kind in der Vorgängerserie The Mortal Instruments. Die Rolle der hübschen Schattenjägerin war mit Maelie gewachsen, bereits im nächsten Sommer sollte sie die Abschlussstaffel namens the queen of air and darkness in Los Angeles drehen. Das vorläufige Drehbuch hatte ihr ihr Manager bereits zu Beginn des Semesters zukommen lassen. Bislang hatte Maelie das schicke Buch mit dem edlen weinroten Einband erfolgreich gemieden, ebenso das Smartphone, mit dem sie mit Hollywood in Kontakt stand. Amadeus hielt sich immerhin auch nicht an die Abmachung, ihre Unterrichtszeiten zu berücksichtigen und rief sie des Öfteren während der Seminare an, veranstaltete regelrecht Klingelterror.

Nie hatte sich ein Mann – oder ein Junge – ernsthaft für den Menschen hinter Emma Carstairs interessiert. Die wahre Fallon Maelie Emerson schien für ihr Umfeld nicht relevant zu sein, es sah in ihr nur die schweigsame Schönheit, die von allen aufgrund ihrer tadellosen Manieren, ihrer adligen Familie und ihrer perfekten Artikulation in der Klatschpresse bewundert wurde – oder die toughe Emma Carstairs, die beste Nephilim nach Jace Herondale aus der The Mortals Instruments – Serie. Es kam nicht selten vor, dass sie auf die zahlreichen Serientattoos angesprochen wurde – oder gefragt wurde, wie es war, mit anderen Schauspielern wie Katherine McNamara oder Alberto Rosende zu verkehren. Maelie war eine Wachsfigur, eine Porzellanpuppe, dabei vergaßen ihre Mitmenschen, dass die Britin auch nur ein junges Mädchen war - mit Gefühlen, Hoffnungen, Träumen, Ängsten, Wünschen, welche durch ihre perfekte Maske nicht zu erkennen waren. Sie hatte schon lange aufgehört, ihre eigenen Wünsche verwirklichen zu wollen und sich den Erwartungen gebeugt, die von ihrem Manager und den Medien an sie gestellt wurden.

Die Welt liebte Plastikmädchen.

Durch das Auslandssemester an der Duellakademie hatte Maelie inständig gehofft, einen Neubeginn zu erleben. Allerdings war ihr auch dieser Wunsch verwehrt geblieben: an ihrem ersten Schultag hatte eine andere Studentin sie bereits beleidigt, da sie in der Netflixserie Rafael Miller, welcher den männlichen Protagonisten Julian Blackthorne spielte, datete. Ran Kotou war anscheinend in den attraktiven Darsteller verliebt und hatte Maelie als Liebeskonkurrentin angesehen – zu einem Duell war es allerdings nicht gekommen, da ihr Deck zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz des Diebes Giese Hunt gewesen war.

Maelie hasste ihr Leben als Hollywoodsternchen – deshalb genoss sie auch die Anwesenheit von Johan, Manjoume oder Jim, die in ihr ein ganz normales Mädchen sahen.

„Wir wissen nicht, wer oder was in dieser Dimension lebt, außerdem brauchen wir eine Wasserquelle und ausreichend Nahrungsmittel, sowie einen sicheren Rückzugsort.“, erklärte Austin nun und blickte auffordernd in die Runde. Seine Gesichtszüge hatten sich merklich versteift, er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Maelie zuckte zusammen, senkte beschämt den Blick. Da sie bislang lediglich im Londoner Nobelstadtteil Mayfair gelebt hatte und nicht einmal wusste, wie man eine Waschmaschine benutzte, fühlte sie sich ziemlich nutzlos und fehl am Platz. Sie wollte ihren Kommilitonen keine Unannehmlichkeiten bereiten oder gar ein Klotz am Bein sein. Auch sie war in die Isekai gekommen, um Johan, ihren besten Freund, zu finden und zu retten. Aus diesem Grund hatte sie sich auch der Studentengruppe, mit der sie zum größten Teil nichts zu tun gehabt hatte, angeschlossen. Obwohl sie den Norweger aus einem anderen Grund als Juudai suchen wollte, so konnte sie seine energische Vorgehensweise durchaus nachvollziehen. Johan war seit ihrer ersten Begegnung für sie da gewesen und hatte sogar Giese Hunt besiegt, ihr dadurch ihr Deck zurückgegeben, diese Rettungsmission war das Mindeste, das Maelie unternehmen konnte, um sich zu revanchieren. Bevor sie die Lichtung aufgesucht hatte, wo sich das Portal in die Isekai geöffnet hatte, hatte sich die Blondine ein Buch über das Überleben in der Wildnis ausgeliehen. Auch sie wollte ihren Teil zu Johans Rettung beitragen.

Der Norweger war der erste Mensch außerhalb von Maelies Familie gewesen, der sie als Mensch angesehen hatte – und nicht als willenloses Püppchen, ein Endprodukt der Filmproduktion. Er hatte sie zunächst nicht erkannt, sich beim ersten Abendessen neben sie gesetzt und sich direkt nach ihrem Deck erkundigt. Damals hatte er ihr auch direkt versprochen, Giese Hunt zu einem Duell um ihre Vampirkarten herauszufordern. Auch hatte er sie nicht bei Professor Cobra verraten, als er sie beim heimlichen Rauchen in der Kajüte erwischt hatte. Auch an der Duellakademie war er ihr nicht von der Seite gewichen, hatte die Studenten, welche sie direkt auf Emma Carstairs angesprochen hatten, zurückgewiesen, sie in Schutz genommen. Seit ihrer ersten Begegnung waren die Beiden unglaublich vertraut miteinander. Egal, wie leer, einsam und verloren sich Maelie fühlte, wenn sie mit Johan sprach, erhellte sich automatisch ihre Laune, es war, als wäre der junge Mann ihre persönliche Sonne, ihr Hoffnungsschimmer.

„Wir müssen Juudai finden… ich mache mir große Sorgen um ihn.“ Die glockenhelle Stimme von Shou Marufuji, dem Nesthäkchen der Gruppe, ließ die Britin wieder aufblicken, direkt in die großen bernsteinbraunen Augen des schüchternen Obelisk Blue – Studenten, der nervös mit seinen Fingern spielte. Sein türkisblaues Wuschelhaar war zerzaust, so, als wäre er in einen Hurrikan geraten. Seit Beginn des Semesters waren er und Annie ein Paar, anscheinend hatten die Beiden schon seit Jahren heimlich füreinander geschwärmt. Kenzan machte gerne Witze im Bezug auf den kleinen unscheinbaren Jungen mit der randlosen Brille, neckte ihn. Bereits an seinem ersten Tag an der Duellakademie hatte Kenzan Shou innerhalb von zwei Zügen in einem Duell besiegt, ihm seine Duelldisk abgenommen. Erst durch Juudais Sieg über den Dinosaurierdeckduellanten hatte er seine Karten zurückbekommen. Seit diesem Duell lebte Kenzan ebenfalls in der Osiris Red – Unterkunft – weshalb sich Shou regelmäßig beschwerte, da Kenzan die Körperhygiene anscheinend nicht so genau nahm. Mittlerweile hatte sich auch Johan in der Wohngemeinschaft einquartiert, teilte sich ein Doppelbett mit Juudai. Annie hatte ihrem Freund Ohrenstöpsel geschenkt, da der Norweger laut schnarchte.

„Genau, dann kann ich diesem drittklassigen Duellanten endlich sagen, was ich von seiner hoffnungslosen Rettungsmission für seinen geliebten Johan halte.“ Die raue Stimme von Manjoume wurde von Wort zu Wort lauter, energischer, seine blassen Hände mit den langen, feingliedrigen Fingern ballten sich zu Fäusten. Die schmalen onyxgrauen Mandelaugen verengten sich zu wütenden Schlitzen, es war ein offenes Geheimnis, dass der Milliardärssohn Juudai nicht leiden konnte. Als Maelie neu an die Akademie gekommen war, hatte sie Juudai dank Johan sofort kennengelernt und den jungen Japaner mit dem Heldendeck sympathisch gefunden, da dieser noch nie von The Dark Artificies. Auch beruhte diese Abneigung keineswegs auf Gegenseitigkeit, für Juudai war der griesgrämige Manjoume ein Kumpel. Viele Studenten, unter anderem auch Johan, Shou, Kenzan und Asuka, vermuteten, dass der Obelisk Blue – Student, der stets einen abgetragenen schwarzen Ledermantel anstelle seiner Uniform trug, den jungen Mann nur aus einem Grund nicht leiden konnte: Juudai Yuki galt als der beste Duellant der Akademie. Eine Schande für den so talentierten Manjoume. Maelie hatte das Duell der Schulen damals verfolgt, welches live auf sämtlichen Fernsehsendern übertragen worden war. Anstatt mit den wertvollen und seltenen Karten seiner beiden älteren Brüder Chosaku und Shouji Manjoume zu spielen hatte sich der jüngste Erbe des Milliardenimperiums für das Deck des Dekans der Nordakademie entschieden, knapp gegen seinen härtesten Rivalen verloren. Sie erinnerte sich noch genau an die schlechte Presse, wie die Journalisten skrupellos über Manjoume hergezogen waren und ihn beleidigt hatten. Obwohl Maelie den jungen Mann erst viel später kennengelernt hatte, hatte sie damals aufrichtiges Mitleid für ihn empfunden.

Manjoume war in ihren Augen wahrscheinlich die einzige Person, welche ihre Last nachempfinden konnte.

„Wir müssen zusammenhalten, sonst werden wir Johan nie finden.“ Alice Ledoux erhob sich von ihrem Platz neben Shou. Sie schlang ihre schmalen Arme um den muskulösen Oberkörper ihres Freundes, Kenzan hauchte der jungen Frau mit den taillenlangen mitternachtsschwarzen Haaren einen sanften Kuss auf den Scheitel, legte seine Hände auf die ihren. Ihre Finger glitten unweigerlich ineinander und die Französin schenkte dem Dinodeckduellanten ein liebevolles Lächeln. Im Gegensatz zu den anderen ausländischen Studenten war die Studentin mit dem Puppendeck die Nichte der Kioskbesitzerin Tome-san, die sich dazu entschieden hatte, die Duellakademie zu besuchen, um mehr über die Kunst des Performance – Duells zu erlernen, einer sehr eleganten Unterart des typischen Kartenspiels, bei dem es darum ging, möglichst viele stilvolle Kombinationen an Fallen- und Zaubern zu wirken. Mai Valentine, die durch Battle City Turnier in Domino City, bei dem auch die weltbekannten Duellanten Seto Kaiba, Yuugi Muto und Jonouchi Katsuya teilgenommen hatten, bekannt geworden war, galt als die Erfinderin dieser Richtung. Auch Maelie überlegte, eventuell eine Performance - Duellantin zu werden, mit der Kursleitung, Professorin Ayukawa, verstand sie sich relativ gut, ohne Mühe stand sie in diesem Wahlfach auf einer Eins. In ihrer Freizeit arbeitete die bildhübsche Alice als Kellnerin in Tome-sans Café am Strand, unterstützte diese und ihre Cousine Seiko. Dort hatte sie auch Kenzan kennengelernt, der sich dort beinahe täglich ihre köstlichen Brownies bestellt hatte. Maelie bewunderte jeden, der essen konnte, was er wollte – ohne von einem Manager argwöhnisch beobachtet zu warden. Kohlenhydrate hatte Amadeus zu ihrem Leidwesen beinahe vollkommen aus ihrem Speiseplan gestrichen. Schon lange sehnte sich die junge Frau nach einer einfachen Mahlzeit wie Pizza oder Pasta mit Tomatensoße.

„Wir sollten wirklich als erstes nach Juudai suchen… wer weiß, wo er gerade steckt. Vielleicht braucht er unsere Hilfe.“, pflichtete Annie Alice bei. Ihr kinnlanges erdbeerblondes Haar war zerzaust, sie hatte sich bei ihrem Freund angelehnt. Obwohl die schüchterne Naturiaduellantin mittlerweile ebenfalls zu Obelisk Blue aufgestiegen war, trug sie noch immer die Schuluniform von Osiris Red, die sie stets an ihr erstes Semester erinnern sollte. Damals war die Akademie von mehreren zu Fleisch und Blut gewordenen Duellgeistern namens Shadow Riders angegriffen worden. Als Shou, der damals lediglich ihr bester Freund gewesen war, von der schönen Vampirin Camula als Geisel entführt worden war, um dessen älteren Bruder Ryou, der mittlerweile in der Profiliga als Hell Kaiser bekannt war, zu einer Duellaufgabe zu verleiten, hatte Annie sich mutig gegen die Untote duelliert – und wie auch schon zuvor Professor Chronos und Ryou verloren. Damals hatte Juudai sie aus dem Shadow Realm gerettet. Nun wollte sich die Studentin revanchieren – und nebenbei auf Shou aufpassen.

Austin nickte, seine Lider flatterten, er schien über den berechtigten Einwurf des Mädchens nachzudenken, kratzte sich am Kinn, wo sich bereits kleine Stoppeln gebildet hatten.

„Wir sollten uns am Besten in kleine Gruppen aufteilen.“, erklärte Jim. Maelie fragte sich schon seit Monaten, weshalb seine rechte Gesichtshälfte von einem Leinenverband verdeckt wurde. Was sich darunter befand, wusste niemand, es gab höchstens Spekulationen und Gerüchte auf dem Campus darüber. Es gab nicht wenige Studenten, die vermuteten, dass der Australier, der nie ohne seine geliebte Krokodilsdame Karen anzutreffen war, eine klaffende Wunde dadurch verstecken wollte, vielleicht sogar ein Glasauge. Trotz dieses Makels empfand Maelie den jungen Mann immer noch als äußerst attraktiv. Jim schien ihren forschenden Blick bemerkt zu haben, denn er schenkte ihr ein sanftes Lächeln. Schnell senkte die Britin den Kopf, die fließenden platinblonden Haare fielen ihr ins Gesicht, der angenehm fruchtige Duft von süßen Kirschen stieg ihr in die Nase. Ihre Wangen brannten, sie spürte regelrecht, wie sie stark errötete. Hätte Jim nicht mit Asuka geschlafen, hätte sie sogar in Erwägung gezogen, mit ihm zu sprechen, ihn besser kennenzulernen, allerdings war sie keineswegs auf Streit mit der unantastbaren Königin von Obelisk Blue aus.

„Nein, ich werde alleine nach ihm suchen.“, widersprach Austin und griff energisch nach seiner ockerfarbenen Duel Disk, welche er normalerweise wie einen Revolver in einer Ledertasche an seinem schwarzen Ledergürtel trug, schnallte sie um seinen linken Unterarm, an dem man ganz klar Adern erkennen konnte. Der Magnet für leicht zu beeindruckende Mädchen. Seine Miene war ernst, entschlossen. Maelie, die nie eine Art Anführerin gewesen war, stellte es sich unglaublich schwierig vor, eine kleine Gruppe in einer ungewissen Welt, in der es wahrscheinlich mehr Gefahren als Lebewesen gab, zu lenken, auf sie aufzupassen. Sie hätte sich niemals getraut, alleine loszuziehen. Ehrliche Bewunderung zierte ihren Blick, als sie den Afroamerikaner betrachtete.

„Das ist auch besser so… meine neuen Schuhe sind nicht für seltsame Ausflüge in komische Dimensionen geeignet.“ Verlegen kratzte sich Fubuki Tenjoin am Hinterkopf, ein schiefes Grinsen umspielte die vollen Lippen des beliebtesten Jungen der Duellakademie, seine mandelförmigen kaffeebraunen Augen fixierten den düsteren Himmel. Der unangefochtene König von Obelisk Blue und Traum aller Mädchen. Selbst lediglich mit einem Strohsack bekleidet hätte der junge Mann mit den brustlangen kastanienbraunen Haaren und den sanften, ebenmäßigen Gesichtszügen sämtliche Blicke aufgrund seiner natürlichen Ausstrahlung und seiner ehrlichen Lebensfreude auf sich gezogen. Es wunderte Maelie keineswegs, dass die Kinder von Cara und Aoi Tenjoin so auffallend attraktiv waren. Auch die Eltern, ein Model und ein Regisseur, die Britin hatte die Beiden schon in zahlreichen Promiklatschblättern gesehen, besaßen eine unglaublich überirdische Schönheit. Angeblich waren sogar Cindy Crawford und Kate Moss mit Cara Tenjoin befreundet.

„Welche Person zieht auch schneeweiße AirForce an, wenn sie aufbricht, um in einer anderen Dimension einen Freund zu retten?“ Fubukis beste Freundin Gina Brighton, die wie Maelie aus Großbritannien stammte, verdrehte die großen kleegrünen Augen, schüttelte gespielt empört den Kopf. Auch sie trug die Uniform der blauen Unterkunft. Obwohl das Mädchen mit den brustlangen dunkelbraunen Haaren nie ohne den Schulschwarm anzutreffen war, schien sie zu Asuka ein geradezu unterkühltes Verhältnis zu pflegen. Da Maelie nur die Fächer Duellgeschichte und Performance Dueling mit der gebürtigen Britin zusammen besuchte und auch mit Fubuki nicht viel zu tun hatte, war ihr der Grund dieser Abneigung nicht bekannt. Allerdings war ihr die andere Studentin schon alleine aufgrund ihrer Herkunft sympathisch. Soweit sie wusste, spielte die junge Frau mit einem Fluffal-Deck. Ihre Lieblingskarte schien laut Juudai der Fluffal Rabbit zu sein, ein niedliches Kaninchen mit rosafarbenem Fell und zarten weißen Engelsflügelchen auf dem Rücken.

„Während du nach Juudai suchst, gehe ich noch einmal meine Rechnungen durch. Ich glaube, ich habe ein entscheidendes Detail vergessen, was diese Dimension betrifft.“ Auch Daichi Misawa, der sich bislang noch nicht zu Wort geäußert hatte, sondern in einem kleinen Notizbuch mit dunkelrotem Einband konzentriert geblättert hatte, meldete sich nun zu Wort. Manjoume bezeichnete den jungen Mann mit den schwarzen halblangen Haaren immer als ‚Nerd‘, sprach ihn nie mit dessen Vornamen an. Die Beiden verband seit ihrem ersten Semester an der Duellakademie eine erbitterte Realität, da Misawa trotz seines überragenden Intelligenzquotienten lediglich in Ra Yellow gelandet war, während Manjoume ohne Probleme in Obelisk Blue aufgenommen worden war. Böse Zungen behaupteten auch, dass der Milliardärssohn nur aufgrund des Familienimperiums zu den Eliteschülern der Privatschule zählte. Jede Person, die fälschlicherweise diese Meinung vertrat, hatte Manjoume aber noch nicht bei einem Duell beobachtet, vermutete Maelie. In seinem ersten Semester hatte Manjoume die Duellakademie nach einem verlorenen Duell gegen Misawa kurzzeitig verlassen. Annie hatte Maelie anvertraut, dass der Ra-Student seinen Rivalen und dessen ausgefeilte Duellstrategien insgeheim bewunderte, sogar heimlich für ihn schwärmte. Die Britin wusste nicht, wie sie mit diesem Wissen umgehen sollte, immerhin hatte Manjoume nie gleichgeschlechtliches Interesse gezeigt.

„Nerd.“, murmelte Manjoume neben der Britin mit einem Seufzen und sie griff in ihren schwarzen Lederrucksack, holte ein dunkelblaues Päckchen mit Tabak, Papes und ein durchsichtiges Tütchen gefüllt mit Filtern hervor. Annie warf ihr beim Anblick des Drehmaterials einen skeptischen Blick zu. Sie wusste von Maelies Asthmaanfällen und kritisierte sie immer, sobald sie die junge Frau mit einer Zigarette erwischte. Mittlerweile brauchte sie nicht einmal mehr eine halbe Minute, um eine Kippe anzufertigen, Sekunden später zündete sie diese schon an, inhalierte gierig den kalten, bitteren Rauch. Misawa schaute zu ihr, die nussbraunen schmalen Augen fixierten ernst ihre persönliche Droge, ihr Laster. Normalerweise rauchte Maelie immer heimlich mit Manjoume auf ihrem Balkon in der blauen Unterkunft. Dabei unterhielten sich die Beiden über ihre gemeinsame Leidenschaft: die Literatur. Außer der jungen Frau wusste niemand von Manjoumes heimlicher Obsession. An ihrem ersten Tag auf der Insel waren sie sich in der Bibliothek begegnet, wo Maelie ihm die einzige Ausgabe von Atticus’ the truth about magic direkt vor der Nase weggeschnappt hatte. Mit hochrotem Kopf hatte die Blondine den jungen Mann daraufhin gefragt, ob er nicht Lust hatte, die Gedichtsammlung gemeinsam mit ihr am Strand zu lessen. Manjoume hatte ihr damals einen Kakao ausgegeben, sie hatten sich die halbe Nacht über Poesie unterhalten. Seitdem steckte Maelie dem jungen Mann des Öfteren kleine Zettel mit Gedichten zu, ein Zeichen ihrer engen Freundschaft.

„Ich… schließe mich Fubuki an.“, murmelte Shou kaum hörbar und Manjoume schnaubte verächtlich. Da der kleine Obelisk-Student und Juudai seit ihrem ersten Semester unzertrennlich waren, war der schwarzhaarige Milliardärssohn kein großer Fan von ihm. Wenn Maelie so recht überlegte, gab es fast keine Person, die Manjoume nachweislich leiden konnte. Er mochte Johan, da sie sich in der Nordakademie ein Zimmer geteilt hatten, sie, Asuka – und Fubuki, irgendwie, auf eine ganz seltsame Weise, welche die Britin noch nicht ganz verstanden hatte. Andererseits schien der ältere Bruder von Asuka wirklich jeden Studenten sympathisch zu finden.

„Jetzt reißt euch zusammen.“, meinte Kenzan mit einem energischen Unterton, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Freundin hatte sich immer noch an ihn geschmiegt, ihre Wange ruhte an seinem Rücken. Maelie hatte die Beiden noch nie getrennt voneinander gesehen. Ein unglaublich niedliches Paar. Kenzan begleitete Alice sogar zu ihren Schichten im Café. Shou vermutete, dass es dann den leckeren Brownies lag, woraufhin ihn Annie stets verbesserte und erklärte, dass der Dinodeckduellant sich einfach nur gern in der Nähe seiner Freundin aufhielt.

„Ich habe hier fünf Peilsender.“, kam es auf einmal von Austin, der just in diesem Moment seinen Rucksack schulterte, mit dieser Aussage die Aufmerksamkeit wieder auf sich lenkte. In seiner Hand hielt er fünf flache anthrazitgraue Plastikkärtchen, die nicht größer als eine Speicherkarte waren. Maelie erinnerte sich noch gut an das rosafarbene Motorola mit dem Klappbildschirm, in das sie eine SD-Disc geschoben hatte, um den Platz für Fotos und Musik deutlich zu vergrößern. Unweigerlich fragte sie sich, woher der Afroamerikaner eine derartige Ausrüstung besaß, immerhin war er ein ganz normaler Jugendlicher. Andererseits hatte sie von Johan erfahren, dass die Westakademie an eine Militärschule erinnerte und die Schüler auf den Überlebenskampf gedrillt wurden. Viele Absolventen dieser Privatschule traten der US Army oder der Navy bei. Auch Kenzans Vater hatte die Westakademie, welche sich in der Wüste Nevadas befand, besucht, ehe er der Army beigetreten war. Manjoume hatte sarkastisch erklärt, dass die Ausbildung zum Soldaten darin bestand, god bless America zu sagen und Liegestützen zu machen.

Maelie war froh, nie die Westakademie betreten zu haben, in der ein strenges militärisches Regiment herrschte, zahlreiche körperliche Aktivitäten beinhaltete. MacKenzie, der Dekan, ging nicht sonderlich zimperlich mit seinen Studenten um und es kam nicht selten vor, dass diese der Schule verwiesen wurden, weil sie die hohen Leistungsstandards nicht erfüllen konnten. Die Royal Academy in Westminster hingegen war das komplette Gegenteil gewesen – man hatte dort nicht nur das klassische Duellieren, sondern auch die elitäre Etikette des Adels erlernt. Die Londoner Duellakademie wurde nur von Mitgliedern der europäischen Adelsfamilien und Kindern von Prominenten besucht. Beinahe wäre Manjoume damals auch auf dieser Schule gelandet.

„Kenzan, Asuka, Shou, Jim, Misawa. Die hier sind für euch.“, erklärte Austin und reichte den eben genannten Studenten jeweils ein Kärtchen, ehe er sein Smartphone aus der Tasche seiner braunen Cargoshorts zog. Ein schwarzes Blackview, das aufgrund seiner Stabilität und seiner Resistenz Wasser gegenüber vor allem für Outdooraktivitäten geeignet war. Jim besaß dasselbe Handy, Maelie hatte es gesehen, als sie ihre Nummern ausgetauscht hatten. Sie presste die Lippen aufeinander, blickte wieder auf ihre kleinen Hände mit den perfekt manikürten schwarzen Acrylnägeln.

„Wenn ich in zwei Stunden nicht zurück bin, sollen Jim, Asuka, Shou und Kenzan nach mir suchen, in Ordnung?“, verkündete Austin nun, ehe er der Gruppe entschlossen den Rücken zuwandte, losmarschierte. Maelie blickte dem Afroamerikaner mit gemischten Gefühlen nach, schlang die dünnen Arme um ihren schmalen Oberkörper. Diese Dimension war ihr nicht geheuer und die Tatsache, dass sowohl der Überlebenskünstler Austin als auch Juudai nicht bei ihr waren, versetzte sie dezent in Panik. Am liebsten hätte sie moderne Technik benutzt und versucht, Johan über Snapchat zu orten, allerdings bezweifelte sie, dass sie in dieser Dimension überhaupt eine mobile Datenverbindung herstellen konnte. Ob die Wesen in der Isekai überhaupt wussten, dass das Internet existierte? Jetzt musste die Duellakademie auch auf die besonders geistreichen Outfitsnaps von Queen Asuka und die Instagramupdates eines halbnackten Fubukis verzichten. Bei diesem absurden Gedanken schlich sich ein spöttisches Grinsen in ihre ebenmäßigen Gesichtszüge.

Die platinblonde Studentin drückte ihre Zigarette auf dem kalten roten Sandboden aus und griff erneut nach ihrem Rucksack, um eine Flasche mit Kirschwasser herauszuholen. Ihre bebenden Kopfschmerzen hatten endlich ein bisschen nachgelassen.






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