Vergissmeinnicht - Narvis Geschichte

von Lyssa
GeschichteAllgemein / P12
Celebrimbor Namo von Mandos Vaire
17.10.2019
17.10.2019
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Zweites Zeitalter: 1494
„Nein! Nein, nein und nochmals nein! Kein Zwerg meiner Familie wird….Gärtner!“
Narvi funkelte sein jüngeres Kind wütend an. So begabt, so talentiert…und da wollte dieses Kind   Gärtner  werden!
Diese Liebe zu Bäumen und Gras und Blumen - woher hatte sie das nur?
Das musste aus der Sippe der Breitstämme kommen, der Sippe ihrer Mutter. Die hatten die Pflanzen schon im Namen. Und hatte sein geliebtes Weib nicht mal was von einem Großonkel dritten Grades erzählt, der als Inspiration zur Farbwahl seiner Arbeiten sich verschiedene Topfpflanzen hielt, die mit Laternen extra beleuchtet werden mussten?
Egal.
Narvi seufzte und sah ins trotzige Gesicht seiner Tochter Lazuli. Benannt nach der liebsten Mineralart seiner Frau.
„Aber…warum nicht?“ Die Hände zu Fäusten geballt, stand sie ihm gegenüber. Fast 15 Jahre alt und somit fast noch ein Kind. Noch nicht einmal der Ansatz eines Bartes zeigte sich auf ihrem Gesicht.
„Weil wir Zwerge von Aule selbst als Handwerker erschaffen wurden. Wir schliefen in Höhlen bis zu unserer Erweckung. Wir leben in unterirdischen Städten. Wenn Du nicht wie dein Bruder Waffenschmied werden willst, dann werde Edelsteinschleiferin und Goldschmiedin wie deine Mutter. Von mir aus auch Rotschmied wie dein Onkel Belden, aber du wirst keine Gärtnerin!“
Bei dem letzten Satz schlug er die flache Hand auf den steinernen Tisch und sah, wie Lazuli zusammenzuckte. „Woher hast du nur diesen Unsinn?“, fuhr er fort und merkte, wie er immer zorniger wurde, aber im Moment stand ihm nicht der Sinn danach, sich zu beruhigen. Lazulis Zukunft stand auf dem Spiel! In etwas mehr  als einem Jahr würde sie vor den Rat der verschiedenen Zünfte treten und sich erklären müssen, welches Handwerk sie lernen wollte!
Und man erwartete von ihr, seiner Tochter, großes! Hatte sie nicht schon im Alter von zwölf Jahren beachtliches Geschick im Umgang mit Pinzetten bewiesen und mit der Handhabung des Blasebalgs?
Ihr Bruder Frár lernte seit 5 Jahren bei einem der angesehensten Axtschmiede. In Kürze würde er sein Gesellenstück ablegen und man munkelte jetzt schon in den Gassen, dass es eine beachtliche Arbeit sein würde.
„Vater, das ist alles kein Grund für mich“, zog Lazuli seine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Die braunroten Haare stahlen sich wieder aus ihren seitlichen Zöpfen, wie immer im Laufe des Tages. „Hast du dir das glänzende Weiß der Tausendschönchen mit ihren goldenen Mittelpunkten schon mal genau angesehen? Oder das leuchtende Grün der Blätter einer Birke im Frühling? Oder das strahlende Blau eines Vergissmeinnichts? Es ist so schön. Es ist mein Traum, dass so etwas unter meinen Händen gedeiht.“
„Und genau das ist es auch, ein Traum!“, unterbrach er sie unwirsch.
„Zu Zeiten von Ururgroßvater galt es auch als unmöglich, dass je Elben und Zwerge zusammenarbeiten würden! Und was machst du? Du hast mit Celebrimbor ein Tor für unsere Stadt erschaffen!  Du nennst ihn sogar einen Freund! Lass es mich doch auch versuchen, einen anderen Pfad einzuschlagen!“
Die Wut und die Sorge über dieses ungebärdige Kind loderten hoch in Narvi. „Das ist etwas anderes! Hier geht es nicht um meine Arbeit, sondern um deine Zukunft!“
„Du verstehst nicht! Du verstehst gar nichts!“ Damit wirbelte das Mädchen herum und rannte hinaus.
„Lazuli! Komm zurück! Wir sind noch nicht fertig!“
Doch seine Tochter dachte nicht daran, zurückzukommen. Vermutlich hatte sie ihn nicht einmal gehört.
„Dieses Kind!“, knurrte er und wandte sich um, um sich einen Becher Bier einzuschenken.
„Ich würde sagen: Dieser Vater. Denn er hat genauso viel Anteil an diesem Streit“, drang eine Stimme an seine Ohren.
„Verteidige unsere Tochter nicht auch noch“, erwiderte er schlecht gelaunt.
„Das tue ich nicht.“ Celsian kam näher und stellte ihre Tasche auf einem Stuhl ab, öffnete sie und nahm Möhren, Suppenfleisch, einen Beutel Erbsen und einen Markknochen heraus. Er beobachtete seine Frau aus den Augenwinkeln heraus. Sie trug die Bartspangen, die er ihr zum 40. Hochzeitstag angefertigt hatte und wirkte wie die Ruhe selbst. Eine Voraussetzung für ihren Beruf, da sie mit feinsten Werkzeugen arbeitete. Aber ihre Ruhe hatte auch auf ihn Wirkung. Langsam normalisierte sich seine Gefühlswelt wieder.
„Ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass unsere Tochter mir vom Äußeren her ähnelt, aber ihr Charakter ist wie deiner. Ihr seid euch zu ähnlich.“
„Das ist nicht richtig!“, fuhr er sofort wieder hoch. „Ich war nie so unbesonnen und dickköpfig!“ „Wirklich nicht?“, fragte Celsian ruhig „Auch nicht, als du deinem Vater sagtest, du würdest mich heiraten und nicht Drasi? Eine Zwergin aus dem Stamm der Breitstämme und nicht aus dem Stamm der Langbärte? Obwohl es dein und auch ihr Vater gerne gesehen hätten, wenn ihre Freundschaft durch die Ehe ihrer Kinder gekrönt worden wäre? Und was ist mit deiner Arbeit mit Celebrimbor – lass mich ausreden“, sie hob die Hand, als er ihr ins Wort fallen wollte. „Viele unseres Volkes treiben Handel mit den Elben und es herrscht nun  freundlicher Austausch auf beiden Seiten. Vor über 300 Jahren galt so etwas noch als unmöglich. Eine Zusammenarbeit? Gar Freundschaft? Die Ältesten erklärten dich als verrückt, als du vor über 80 Jahren mit deiner Idee vor sie tratest, gemeinsam mit Celebrimbor ein Westtor für unsere Stadt zu erschaffen. Elben waren Handelspartner, die man höflich behandelte, aber mehr auch nicht. Du weißt, wie sehr der Rat sich durchringen musste, bis er zugestimmt hat – obwohl dies dem Schutz unseres Volkes dient. Sie haben fast 5 Jahre zu einer Entscheidung gebraucht. Und nun arbeiten neben dir noch viele weitere unserer Leute mit elbischen Schmieden zusammen.“
So gesehen hatte Celsian nicht Unrecht. Dennoch grollte es innerlich weiter in ihm. „Unsere Tochter ist noch jung“, fuhr sein Eheweib fort. „Lass es sie ein halbes Jahr ausprobieren. Sie hat noch Zeit bis zu ihrer Entscheidung. Wenn sie dann scheitert, wird sie es dir nicht anlasten. Verweigerst du es ihr, wird sie dir vielleicht ebenso lange grollen wie dein Vater dir.“ Bei diesem Gedanken wiederum zog sich Narvis Magen zu einem harten Klumpen zusammen. Sein Vater hatte fast 28 Jahre lang nicht mit ihm gesprochen. Sie hatten ewig gebraucht, um wieder zueinander zu finden.  
Seufzend ließ er sich auf den Schemel sinken, der am Tisch stand. „Wenn du meinst. Aber wer sollte ihr das alles über Pflanzen und so weiter beibringen? Bei uns beherrscht doch niemand so etwas. Und zu den Menschen möchte ich sie nicht geben, das wäre zu weit fort, falls ihr etwas passieren würde.“
Celsian lachte: „ Du siehst das Nächstliegende nicht vor dir. Frage doch Celebrimbor, ob er bei seinem Volke jemanden weiß.“
Die Augenbrauen zusammenziehend, verfolgte Narvi diesen Gedanken weiter. Keine schlechte Idee. Doch dann kam ihm ein Gedanke, der ihm gar nicht gefiel. „Und was ist, wenn ihr diese Arbeit gefällt und sie ihr gut von der Hand geht?“
„Dann werden wir die ersten  sein, die eine Gärtnerin in der Familie haben“, lautete ihre ruhige Antwort. „Dich scheint das gar nicht zu stören“, wunderte er sich. „Na ja, in deiner Familie gab es ja diesen verrückten Onkel….“.  Da wirbelte Celsian herum und ihre Augen blitzten: „Onkel Kateran war nicht verrückt! Er hat die wunderbarsten Arbeiten geschaffen. Nur seine Arbeitsweise war halt anders!“  Unwillkürlich drohte sie ihm mit dem Markknochen, den sie noch in der Hand hielt. „Du bist manchmal so engstirnig und die Mauer in deinem Kopf könnte man nicht mal mit einer Spitzhacke knacken!“
Es dauerte eine Weile, bis Narvi seine Frau wieder beruhigt hatte. Zwei Tage und drei Nächte  setzte er sich mit dem Vorschlag seiner Frau auseinander und mit den möglichen Konsequenzen. Zwei Tage, in denen Lazuli nur das allernötigste mit ihm sprach und ihm aus dem Weg ging. Das tat ihm weh und gleichzeitig fiel es ihm schwer, sich einzugestehen, dass seine Frau Recht hatte: Lazuli und er waren sich vom Charakter her ziemlich ähnlich. Und er hatte nun einige nicht ganz gewöhnliche Wege in seinem Leben eingeschlagen.
Am dritten Tag fasste er sich ein Herz und sprach bei der Arbeit mit Celebrimbor über seine Tochter und die Bitte, ob sie nicht für eine gewisse Zeit bei den Elben lernen könnte. Dieser lächelte und betätigte weiterhin so ruhig den Blasebalg, als habe der Zwerg ihn nur nach dem Wetter draußen gefragt. „Dir scheint meine Bitte nicht sonderlich merkwürdig vorzukommen?“, fragte Narvi erstaunt nach.  Im Laufe der Zeit hatte er sich ja an einige seltsame Eigenheiten seines Freundes gewöhnt, wie dass er hauptsächlich Gemüse und Obst aß und nur selten Fleisch. Auch das ihre Herangehensweise an bestimmte Dinge unterschiedlich war. So hatten sie fast ein Jahr lang darüber diskutiert, auf welche Weise sie die Angeln für das Tor gestalten mussten, damit diese bei einem potentiellen Ansturm auch hielten. Um dann festzustellen, dass ihr erster Entwurf nicht funktionierte, weil sie unterschiedliche Mischverhältnisse bei den Legierungen benutzt hatten. Die Liste ließ sich noch beliebig fortsetzen. Aber nun stand ihrer beider Werk fest verankert in den Wänden von Khazad-dum, mit offenen Toren und war ein Symbol ihrer Freundschaft, wie er fand.
„Warum sollte es mich verwundern, ich kenne Lazuli seit sie einen Mond alt war. Sie ist häufig draußen und beobachtet alles sehr genau um sich herum“, Celebrimbor ergriff eine Zange und schob das Eisenstück, das einmal eine Messerklinge werden sollte, in die rote, heiße Glut. „ Du weißt selbst, wie sehr sie mich mit Fragen bestürmt hat und wie gerne sie mit den Eicheln und Kastanien spielte, die ich ihr im Herbst mitbrachte.“
„Ja, aber…sie ist nun mal eine Zwergin!“ Narvi kratzte sich am Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich das dem Ältestenrat beibringen soll, wenn ihre Zeit gekommen ist.“
„Dieses Problem werden wir dann angehen, wenn e s soweit ist“, erwiderte Celebrimbor. Überrascht blickte Narvi ihn an. „Wir?“ „Ja, wir“, bestätigte der Elb und zog die orangeglühende Stange aus den Kohlen. „Ich werde Lazuli  meiner Freundin Arien vorstellen. Sie arbeitet in den Kräutergärten und wird sich deiner Tochter gewiss annehmen, sie hat schon viele junge Leute ausgebildet. Und sollte es so sein, dass Lazuli für diese Arbeit taugt – dann wird sie sie gewiss als Lehrtochter aufnehmen. Und dann werde ich gemeinsam mit ihr, dir und Lazuli vor den Rat treten.“
Und so geschah es. Lazuli war außer sich vor Freude, als Narvi ihr einige Tage später von dem Gespräch mit Celebrimbor berichtete und ihr auch sagen konnte, dass  Frau Arien es mit ihr versuchen wollte. Zwei Wochen später packte das Mädchen ihre Sachen und ging am Abend nach der Arbeit mit dem elbischen Schmied fort. Als Narvi seinem  kleinem Mädchen hinterher sah, dass jetzt auf einmal gar nicht mehr so klein wirkte, hatte er plötzlich das Gefühl, dass eine kalte Hand nach seinem Herzen griff. Als ob er diese beiden für lange Zeit nicht mehr sehen würde. „Unsinn“, schalt er sich. „Celebrimbor kommt morgen schon wieder und Lazuli ist nicht weit fort. Sie ist keine drei Wegstunden entfernt.“ Und dennoch blieb dieses ungute Gefühl.
Die Zeit verstrich und langsam wich der Sommer dem Herbst. Lazuli kam ab und zu zu Besuch, aber sowohl Narvi als auch Celsian fiel auf, dass ihre Tochter immer  stiller wurde, was ihre Arbeit betraf. Hatte sie anfangs noch begeistert von dem Säen und Gießen und den verschiedenen Pflanzen berichtet, wurden ihre Antworten einsilbiger und sie erzählte  eher von den Arbeiten der elbischen Schmiede. Bis sie eines Tages mit Sack und Pack und Tränen in den Augen vor ihrer Tür stand.
„Ich k-ka-ann es niiiicht“, weinte sie und es brauchte eine ganze Weile, bis aus dem Schluchzen etwas Vernünftiges herauszubekommen war. Narvi drückte seine Tochter auf eine Bank und setzte sich neben sie, während Celsian ihr einen Becher warme Ziegenmilch brachte. Schließlich gestand das Mädchen ihren Eltern, dass sie keinerlei Gespür dafür entwickelt hatte, was die Pflanzen benötigten, wann sie sie gießen musste, welche Pflanzen auf welchem Boden wuchsen usw. „Ich kann mir merken ,wie welche Blume und welcher Strauch aussieht, ihren Aufbau genau beschreiben und sogar zeichnen, aber sie vertrocknen mir im Beet. Ich kann nicht einmal meine Lieblingsblume, das Vergissmeinnicht, am Leben erhalten. Und dann hatte ich so Heimweh. Es ging nur ein bißchen weg, wenn ich bei den Schmieden war. Und da hab ich dann oft die Zeit vergessen. Und Arien meinte schließlich, ich solle lieber heimkommen.“
Insgeheim war Narvi ganz froh, dass seine Tochter nun doch nicht eine Gärtnerin wurde. Aber zu seinem Erstaunen mischte sich auch sehr viel Mitleid und ein Hauch Bedauern darunter.
Lazuli trat schließlich in die Fußstapfen ihrer Mutter und wurde Edelsteinschleiferin und Goldschmiedin wie ihre Mutter. Doch so ganz kam sie von ihrer Liebe zu Pflanzen nie los: Ihr Gesellenstück war ein wunderbar gearbeitete Brosche, die den goldgelben Butterblumen vor dem Tor täuschend ähnlich sah. Ihr Meisterstück jedoch, fast 18 Jahre später, war ein Bund Vergissmeinnicht, deren strahlendes Hellblau mit den zarten Blüten von unvergleichlicher Schönheit war. Diese Arbeit fand große Bewunderung nicht nur bei den Zwergen, sondern auch bei den Elben und so fertigte Lazuli noch etliche weitere solche Stücke. Und obwohl man ihr für ihr Meisterstück  viel Gold anbot, trennte sie sich davon nicht. Nur drei Blüten davon nahm sie, verband sie zu einer Brosche und schenkte sie Celebrimbor, da das Vergissmeinnicht ihrer beider Lieblingsblume war und er ihr damals die Lehrzeit bei Arien ermöglicht hatte, die sie immer noch regelmäßig besuchte.  Aufgehoben wurde ihre Arbeit der Halle des Ältestenrates, in einer geheimen Schatzkammer und alljährlich als Beispiel für vortreffliche Arbeit den neuen Lehrlingen gezeigt.
Ihr Bruder Frár entwickelte sich zu einem sehr guten Axtschmied und Narvis  eigene Zusammenarbeit mit Celebrimbor wurde weiterhin geachtet. Der Zwerg war zufrieden und dennoch beunruhigte ihn etwas. Wenn der Elb zum Beispiel von dem Meister berichtete, der scheinbar über unendliches Wissens verfügte und von dem großartigen, was sie zusammen schufen, war da wieder dieser Schauder, der ihm über dem Rücken lief. Wie eine Ahnung.
Diese Ahnung sollte sich bewahrheiten. Als dieser vermeintliche Freund der Elben Eregions die sieben Ringe der Macht an die sieben Zwergenherrscher aushändigte, verkrachte Narvi sich sogar  mit seinem elbischen Freund. „Warum sollte jemand etwas so wertvolles ohne Bezahlung einfach verschenken, erklär mir das!“, tobte er einmal, als er davon hörte, dass auch der König der Feuerbärte als fünfter einen solchen Ring erhalten hatte. „Da stimmt doch etwas nicht! Macht die Augen auf, Celebrimbor!“ „Die Sturheit der Zwerge ist so tief wie die Wurzeln der Berge“, erwiderte dieser ärgerlich. „Nicht einmal eine freundliche Geste können sie ohne Hintergedanken akzeptieren!“ Daraufhin hatte Narvi einen Wutanfall, der sich gewaschen hatte und  es schien, als sei die Freundschaft der beiden zerbrochen.
Bis zu dem Tag, als Lazuli starb.
Sie fiel bei einem Orkangriff, als sie auf dem Heimweg von einem Besuch bei Arien war. Als Narvi diese Nachricht erreichte, starb etwas im Inneren des Zwerges. Er konnte nicht weinen. Er konnte nicht mehr lachen. Er aß und trank, er ging weiterhin jeden Tag in die Schmiede, doch seine Hände brachten kein vernünftiges Werkstück mehr hervor.
Am Tag der Beerdigung von Lazuli kamen viele Zwerge und auch etliche Elben. So auch Celebrimbor. Und an seinem Mantel trug er die Brosche, die Lazuli ihm geschenkt hatte. Als Narvi im Schein der Laternen diese Brosche aufleuchten sah, da konnte er endlich weinen. Und wie selbstverständlich stand Celebrimbor am nächsten Tag mit einer Rolle Papier vor der Tür. Darauf war ein Grabstein gezeichnet. Ein Grabstein, auf dem sich Vergissmeinnicht rankten. Gemeinsam erarbeiteten Celsian, Frár, Narvi und Celebrimbor dieses Andenken an Lazuli.
Die Freundschaft zwischen Elb und Zwerg erneuerte sich und nun vertraute sich Celebrimbor auch Narvi an und berichtete von der Falle, in die er und die anderen Schmiede Eregions getappt waren. Er erzählte von den drei Ringen, die sie ohne Saurons Hilfe gefertigt hatten. „Du hattest Recht, mein Freund“, bemerkte er am Abschluss seines Berichtes bitter. „Ich war blind. Die Zukunft sieht dunkel aus. Ich kann dich nur bitten, an dein Volk zu appellieren, die Ringe, die an sie gegeben wurden, nicht zu verwenden. Am besten sollten sie sie vernichten.“
Doch diese Bitte scheiterte. Die Zwergenherrscher sahen es nicht ein, einen solch kostbaren Schatz zu vernichten. Das einzige Zugeständnis war, dass sowohl Durins Ring als auch der Steinfüße, die ihr Zuhause in Rhûn endgültig verloren hatten und seitdem durch Mittelerde wanderten, in der geheimen Schatzkammer des Ältestenrates aufbewahrt wurden.  Doch es geschah anders, als die meisten Beteiligten es sich dachten.
Eigentlich sollte der Reif in einer besonderen Schatulle genauso wie der der Langbärte aufbewahrt werden. Narvi war gemeinsam mit Celebrimbor gebeten worden, diese anzufertigen. Das Schloss sollte sich nur auf ein einziges, nur dem König der Steinfüße bekanntes Losungswort öffnen. Doch beiden Freunde hatten heimlich dafür gesorgt, dass es zwei Worte waren, die das Kästchen öffneten. Denn sie fürchteten die Zukunft und die Gier, die sie in den Augen der übrigen Zwerge sahen.
Ein halbes  Jahr später bat Narvi darum, in die geheime Kammer eingelassen zu werden, um Lazulis Meisterwerk zu betrachten. Niemand verwehrte dem Schmied diese Bitte, denn es jährte sich abermals der Todestag des Mädchens und auch in den Jahren davor hatte er sich das Meisterstück seines Kindes an diesem besonderen Datum betrachtet. Und da auch Celsian Anfang dieses Jahres verstorben war, sah man noch weniger Gründe, Narvi diese Bitte abzuschlagen. Man glaubte, er wolle in Ruhe um Frau und Tochter trauern. Doch nicht nur dieser Grund führte Narvi in die geheime Kammer. Behutsam zog er das Kästchen hervor und sah sich um. Alles war still in der Kammer, die Tür war zu. „Lazuli“, hauchte er leise und als sich der Deckel hob, musste Narvi einen langen Moment mit sich kämpfen.  War es richtig, was er tat? Doch dann nahm er den Reif mit dem Aquamarin hervor und steckte an dessen Stelle ein fast identisch aussehendes Gegenstück, dass er in langen Nächten mit Celebrimbor gearbeitet hatte.
Mit raschen Griffen legte er den Ring der Macht auf ein Bord, öffnete seinen Beutel  am Gürtel und griff nach einem Säckchen. In diesem war hauchfein zerstoßener hellgrüner Edelstein. Er bestrich das Gold des Reifes mit einem speziellen Klebstoff und wälzte ihn in dem feinen Staub, trug ihn innen mit dem Pinsel auf. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Nein, sie würden nichts merken.
Mit spitzen Fingern hielt er ihn am Aquamarin fest und wandte sich, tief einatmend um. Da stand er. Lazulis Vergissmeinnichtstrauß. „Kind, wer hätte je gedacht, dass ich dein Werk einmal als Versteck gebrauchen würde“, murmelte er leise und plötzlich war es ihm, als hörte er das Lachen seiner Tochter.
Tief steckte er den Ring zwischen die Stiele und unter die Blätter aus Prasiolith. Wer auch immer vor den Blüten stand, mochte das zarte Schimmern des Aquamarins für eine weitere Blüte halten und dass des Reifs für ein weiteres Blatt am Stängel. In ein paar Wochen würde eine Delegation von elbischen Schmieden kommen und sich Lazulis Werk zeigen lassen, um es zu studieren. Celebrimbor würde den Ring entfernen und dafür sorgen, dass er vernichtet wurde, auch wenn es Narvi in der Seele wehtat, etwas so schönes zu vernichten. Doch er hatte viel von seinem elbischen Freund gelernt und dies hatte ihn mehr verändert, als er selbst wusste. Narvi hatte im Gegensatz  zu vielen andere nicht die Augen vor den vermehrten Orkangriffen verschlossen, die in der Gegend stattfanden. Er wusste, dass sich die Meisten auf die Stärke der Tore verließen. Doch diese würden sie allein nicht schützen. Die Ringe mussten verschwinden, wenn Khazad-dum weiterexistieren sollte. Er hatte Celsian und Lazuli verloren.  Es gab nur noch Frár. Er musste ihn schützen.
Für den Ring Durins mussten sie sich auch noch etwas einfallen lassen. Leider wurde dieses verflixte Ding immer noch bei bestimmten Gelegenheiten herum gezeigt. Und seinen König würde er nicht so einfach täuschen können, das wusste er. Der kannte seinen Ring zu genau.
Es sollte jedoch nie dazu kommen.
Eine Woche später starb Narvi bei einem unerwarteten Orkangriff an einer der kleinen Brücken. Die Orks hatten sich durch einen Lüftungsschacht vorgearbeitet und niemand hatte es bemerkt. Die Elben selbst waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihre eigenen Siedlungen zu verteidigen. Und als das Tor verschlossen wurde, gab es keine Gelegenheit mehr, den Ring der Steinfüße herauszuholen. Der Ring Durins ging seinen eigenen Weg. Und Narvis Geist wandelte in die Hallen Mandos.