Komm zurück zu mir

KurzgeschichteDrama, Tragödie / P16
Baumbart
16.10.2019
16.10.2019
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Mein Beitrag zum Wettbewerb „Brücken der Zeit“.

Vielen Dank an Avarantis und Nairalin für die Organisation und die spannende Idee hinter dem Wettbewerb. Ich hoffe, bald auch die anderen Beiträge lesen zu können.

Außerdem ein großes Dankeschön an Sternentod fürs Betalesen und die guten Ideen, die du eingebracht hast. :)  




Komm zurück zu mir


Die Tage sind leer geworden und die Vögel singen nicht mehr. Es ist, als spürten auch sie den namenlosen Schatten, der unaufhaltsam durch das Erdreich kriecht und die Wurzeln der Bäume und Büsche erschauern lässt.

Mit einem knorrigen, wettergegerbten Finger streicht Fimbrethil über die Blätter eines niedrigen Apfelbaumes, der schon seit Langem keine Früchte mehr trägt. Die Spitzen einiger Blätter sind eingerollt, braun und verdorrt. Zaghaft summt sie die ersten Töne eines alten Liedes, bevor sich ihre Stimme unter dem trostlosen Himmel verliert.

Wann ist die Stille so laut geworden?

Die Sonne zieht schleichend durch einen Nachmittag, der ganze Jahreszeiten zu fassen scheint. Obwohl es noch lange nicht Zeit für den ersten Frost ist, meint sie, die Kälte bis unter ihre rissige Haut dringen zu spüren. Der Wind ist kälter, schneidender, als sie ihn in Erinnerung hat. Er scheint an den Ästen der Bäume und an den Netzen der Spinnen zu zerren, scheint die Samen der Pusteblumen vor der Zeit von ihren Köpfen zu reißen. Reglos steht sie neben einer noch jungen Trauerweide, während ihr Blick einer Drossel folgt, die mit beinahe lautlosem Flügelschlag davonfliegt.

„Sieh an. Sieh an.“

Es fühlt sich an, als wäre seine Stimme durch die Zeit gereist, so klar ist die Erinnerung. Sogar sein Lächeln kann sie hören. Fast möchte sie sich umdrehen und nachsehen, ob er nicht doch hier ist. Ob er nicht doch noch einmal seinen Wald verlassen hat, um in ihre Gärten zu kommen, bevor es für immer zu spät sein wird. Stattdessen schließt sie die Augen und gibt sich – wie so oft in letzter Zeit –  ganz der Erinnerung hin.





Sie sieht ihn vor sich, wie er die Hand hebt und sie der Drossel nähert, die sich mit einem fast empörten Trällern auf ihrer Schulter niedergelassen hat. Im Licht des noch jungen Morgens leuchten seine klaren Augen mehr grün als braun. Als der kleine Vogel noch einmal zwitschert und dann auffliegt, lacht er – ein Lachen, das klingt wie eine verspielte Sommerbrise, die durch die Krone einer alten Eiche fährt – und legt seine Hand auf ihre Schulter, ihre Haut noch glatt und jung.

„Ist es nicht wunderschön?“ Mit ihrer leisen Frage zieht allmählich eine graue Wolkendecke aus dem Norden heran.

Seine Augen verlassen die ihren, während seine sanften Finger weiter mit den Spitzen ihrer Haare und den darin verwobenen Blättern spielen. Er nimmt sich Zeit, alles zu betrachten: die Bäume, die in voller Blüte stehen, die Kräuter und die Blumen. Er tut einen tiefen Atemzug, lauscht den wilden Tieren, die in ihrem Garten Zuflucht gefunden haben, und dem Bach mit seinem leisen Gluckern, das wie ein verhaltenes Lachen klingt. Er sieht, was sie so sehr liebt; das kann sie in seinen Augen lesen.

„Hm. Das ist es.“

Sie hat es immer schon geliebt, wenn er ihren Namen sagt, besonders den Teil, der nur ihm gehört und den kein anderer jemals ausgesprochen hat nicht einmal Yavanna selbst. Der Teil, den er ihr gegeben hat und den er immer in die Länge zieht, so als würde er jeden Laut, jedes einzelne Hoch und Tief auskosten wollen.

Mit vollem Herzen greift sie nach seiner anderen Hand und gemeinsam stehen sie lange und genießen den Nieselregen, der Bäume und Sträucher, Gras und Kräuter wässert.





Mit schwerem Herzen erwacht Fimbrethil aus ihren Erinnerungen, als ein Regentropfen auf ihre Schläfe trifft und langsam über die Furchen in ihrer Wange zu rollen beginnt. Der Schauer ist kurz, benetzt den trockenen Boden kaum.

Sie macht sich auf den Weg zu dem kleinen Bach am westlichen Rand ihres Gartens. Während sie das geschmacklos gewordene Wasser trinkt, verliert sich ihr Blick im Westen, wo sie hinter dem Dunst über dem großen Strom unklar die Ausläufer des Waldes erkennen kann.

Fangorn. Es ist zu lange her, seit er sie zuletzt besucht hat.

Einer Eingebung folgend steigt sie in den Bach, spürt das kalte Wasser über ihre Füße laufen, schließt die Augen und stellt sich vor, bei ihm zu sein. Unter den Kronen hochgewachsener Buchen und Eichen, wo das weiche Moos ihre Schritte dämpft und die Ausläufer des kriechenden Schattens noch fern sind. An einem Ort, wo junge Bäume noch unbeschwert wachsen können.

Es ist Sommer, doch die Sonne, die einst ihre Haut gebräunt und ihre Wangen gerötet hat, steht fahl und leer am Himmel.

Nicht zum ersten Mal wünscht sie sich, sie hätte früher erkannt, was mit der Welt geschieht. Nicht zum letzten Mal wünscht sie sich, bei ihm zu sein.





„Komm zurück zu mir.“

Sein Tonfall macht deutlich, dass es eine Bitte ist, kein Befehl. Eine Bitte, der sie nicht nachkommen kann, auch wenn seine Worte an ihrem Herzen zupfen und zerren.

„Und das alles hier zurücklassen?“ Ihre Hand zieht einen ausholenden Bogen von Nord nach Süd. „Es ist mein Land, mein Traum.“

Über den Wiesen hängen dichte Nebelschwaden, schlängeln sich um die Stämme der Bäume. Er geht ein paar aufgebrachte Schritte, bleibt auf einem grasbewachsenen Hügel stehen und sieht in den schwarzen Nachthimmel. Schon als die Welt noch jung war und sie gemeinsam durch Täler und Wälder wanderten, war es eine ihrer liebsten gemeinsamen Beschäftigungen, dem Wind in den Ästen zu lauschen, in die Sterne zu sehen und sich zu fragen, worauf diese wohl in ihrem Leben schon herabgesehen hatten. Ein Leben, weit länger als das eines Ents.

Er macht ein Geräusch, das klingt, als würde ein großer Ast über trockene, raue Rinde fahren.

„Spürst du die Veränderung nicht?“ Sein Blick gleitet zum Wald, der vor dem Nachthimmel nur als dunkler Umriss zu erkennen ist. „Die Bäume im Fangorn sind stark. Ihre Äste strecken sich weit in den Himmel und ihre Wurzeln reichen tief. Sie geben uns Schutz.“

„Auch meine Bäume überdauern den Winter.“ Sanft streicht sie über die leuchtend orangen Blätter eines großen Kirschbaumes.

Er umschließt einen Ast desselben Baumes mit langen, vorsichtigen Fingern, muss die Entschlossenheit, den Lebenswillen ebenfalls spüren.

„Das weiß ich. Hm. Aber die Zahl der Bäume im Fangorn ist größer.“

Dann hält er inne und sie ahnt, dass er an eine Zeit zurückdenkt, in der ein großer Teil dieses Landes mit Bäumen bedeckt war. Jene Zeit, ihre gemeinsame Zeit, liegt so lange zurück und doch erscheint es ihr manchmal, als wäre es noch keinen Sommer her. Als hätten sich die Blätter nicht schon unzählige Male bunt gefärbt. Als hätte der Frost die Bäume und Sträucher seitdem nicht schon hunderte Male in einen sanften Schlaf gewiegt. Und als hätten nicht ebenso oft neue Sprossen und Triebe vom erneuten Erwachen der Natur gezeugt.

Mit einem kaum merklichen Schütteln seines Kopfes kehrt er nach einiger Zeit aus seinen Erinnerungen zu ihr zurück. „Der Wald ist sicherer, hm“, schließt er und gibt – bevor sie noch etwas erwidern kann – ein verärgertes, tiefes Grollen von sich, das sie in ihrer Bewegung erstarren lässt.

Sie kennt ihn, seit Eru sie beide ins Leben gerufen hat. Unter Yavannas wohlwollendem Blick hat sie beschlossen, ihn zu lieben, und wird bis an das Ende ihrer Tage nicht damit aufhören. Doch in tausenden von Sommern und Wintern hat sie ihn niemals so besorgt und so…wütend gesehen. In einer stummen Geste tritt sie an seine Seite, streicht sanft über seinen langen, wirren Bart, in dem sich ein kleiner Leuchtkäfer verirrt hat. Er wartet stumm, bis sie den Käfer befreit hat und nachdem der leuchtende Punkt von der Dunkelheit verschluckt wurde, wendet er sich ihr zu. Im matten Licht der Sterne wirken seine Augen dunkler, tiefer.

„Ich habe eine ganze Gruppe dieser abscheulichen…“, erneut stößt er das verärgerte Grollen aus, bei dem sich ihr Herz angstvoll zusammenzieht, „Kreaturen gesehen. Nicht weit von hier, hm. Nicht weit von dir.“





Der langgezogene Warnruf einer Fuchsmutter dringt durch die Nacht und Fimbrethil kehrt unsanft in die Gegenwart zurück. Ihre Füße scheinen am Boden festgefroren und sie bleibt regungslos, während sich ein Geräusch nähert, das einen eisigen Schauer über ihren Rücken jagt. Es ist eine seltsame Mischung aus einem Grunzen und einem Knurren und gehört zu einem Wesen, wie sie es vor langer Zeit, als sie noch durch die Alte Welt gezogen waren, schon einmal gesehen hatte.

Jedoch nicht in ihrem Garten, noch nie in ihrem Garten.

Sie wartet stumm, bis sie es in der Dunkelheit erkennen kann. Gelbe Augen leuchten im fahlen Licht des vollen Mondes. Ab und zu blitzen spitze Reißzähne auf. Die Kreatur hebt den Kopf, scheint mit ihrer krummen Nase etwas in der Nachtluft zu wittern. Mit schweren, ungelenken Füßen tritt das Wesen achtlos auf Kräuter, Beeren und Blumen, als es davonstapft.

Einige Augenblicke nachdem es aus ihrem Sichtfeld verschwunden ist, hört Fimbrethil den angstvollen Schrei eines Hasen. Sie hält den Atem an, doch die Kreatur entfernt sich. Es bleiben nur lähmende Stille und der Geruch von frischem Blut zurück.

Mit immer größerem Grauen erkennt sie, dass es nicht die Kälte sondern eine namenlose Furcht ist, die unter ihre Rinde und in ihr Inneres dringt. Eine Furcht, wie Fimbrethil sie in zwei Zeitaltern nicht verspürt hat. Plötzlich fühlt sie sich einsamer als je zuvor.

Vielleicht hätte sie doch auf ihn hören sollen.





„Komm zurück zu mir.“

Immer schon war er unbeugsam gewesen, ein Charakterzug, den sie einst uneingeschränkt bewundert hat.

„In diesen Gärten habe ich zahlreiche Samen gepflanzt“, versucht sie ihm ruhig zu erklären. Ich habe sie wachsen, sterben und wieder wachsen sehen.“ Ihr Garten ist der Ort, an dem ihr Herz ruht und er scheint es entzweireißen zu wollen.

Eine lange Zeit blickt er auf die Büsche zu ihren Füßen, scheint in Gedanken, eher er schließlich entgegnet: „Auch ich habe viele Sämlinge wachsen und sterben sehen.“

Seine Worte machen es ihr deutlicher denn je bewusst, dass er es nie verstehen wird. Es ist nicht seine Absicht ist, sie zu verletzten und doch wird er nie verstehen, warum sie nicht mit ihm kommen kann.

Sie erwidert nichts, nimmt einfach nur seine Hand und hält sie fest, bis es Nacht und wieder Morgen wird.





Widerwillig löst sich Fimbrethil von ihren Erinnerungen, als in der Ferne das dumpfe Grollen des Donners und ein weiteres, fremdartiges Geräusch ertönen. Langsam, beinahe widerstrebend setzt sie sich in Bewegung. Steif und schwerfällig ist sie geworden; müde. Es ist eine Müdigkeit, die weit über ihr Alter hinausgeht. Zu viele ihrer Schwestern hat sie einschlafen, zu viele von ihnen erstarren sehen.

Am Rand ihres Gartens trifft sie auf zwei der wenigen Entfrauen, die noch wach sind. Reglos stemmen sie sich gegen den immer stärker werdenden Wind und sehen mit stumpfen Augen in die Ferne, wo Fimbrethil eine Gruppe von Elben und Menschen erkennt. Sie sind in klirrende Gewänder gekleidet, bewegen sich Richtung Süden und scheinen die schweren Gewitterwolken am Horizont geradezu hinter sich herzuziehen.

Es liegt nicht in der Natur der Entfrauen, Krieg zu führen, sondern zu pflanzen, zu pflegen, zu nähren und zu bestaunen. Dennoch erkennt sie, dass es ein Heer ist, welches sich ihrem Garten nähert. Fimbrethil weiß nicht, ob sie sich der kleinen Flamme der Hoffnung in ihrem Herzen hingeben oder sie lächerlich heißen soll.

Vielleicht, ja vielleicht gibt es jemanden, der den kriechenden Schatten aufhalten kann.

Die Menschen sind im Großen und Ganzen ein junges und kriegerisches Volk und ihre Wissbegier ist groß. In früheren Tagen kamen sie beinahe jeden Tag – von jungen, kräftigen Männern bis hin zu vom Alter gezeichneten Frauen –, um von ihr und ihren Schwestern zu lernen. Im Frühling erfreuten sie sich an den duftenden Blumen und Kräutern und im Herbst aßen sie von den Früchten ihres Gartens. Mit Freuden hat sie die zufriedenen Lächeln der Erwachsenen gesehen und das glückliche Lachen der Kinder gehört.

Mit der Zeit begannen sie allerdings, ihre eigenen Gärten zu bauen und ihre Felder zu bestellen, um ihre Familien und ihr Vieh zu ernähren. Irgendwann sind Fimbrethil und die anderen Entfrauen in Vergessenheit geraten. Viele Menschen hat sie in ihrem Leben schon ergrauen sehen. Ein Menschenleben ist kurz, doch Fimbrethil hat früh gelernt, den Wert eines Lebens nicht an seiner Länge zu messen.

Lange hat sie nun schon kein glückliches Kinderlachen mehr gehört.

Die Elben, mit denen sie bisher gesprochen hat, waren allesamt naturverbundene und auf ihre eigene Art zauberhafte Wesen. Sie scheinen nach Yavanna und den anderen Entfrauen am besten zu verstehen, wonach sie sich sehnt, wovon sie träumt – wer sie ist.





„Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Fangorn.“

Die junge Frau sitzt auf dem niedrigsten Ast einer großen Eiche und lässt ihre bloßen Füße baumeln. Ihre wachen Augen verlassen seine Gestalt und mustern stattdessen sie forschend. „Und wer seid Ihr?“

Anstatt eine Antwort zu geben, bleibt sie still, während Baumbart nach ihrer Hand greift und ihren Namen nennt. Die Strahlen der Sonne fallen schräg durch das Blätterdach auf das dunkle Haar der Elbin, die ihm geduldig zuhört, obwohl sie den Namen nicht verstehen kann. Nachdem er zu Ende gesprochen hat, schweigen sie. Ein leichter Wind fährt durch das Laub, zwei Bäume weiter huscht ein Eichhörnchen flink den Stamm hinauf und beobachtet sie von einem Ast aus neugierig. Oder vorsichtig.

„In Eurer Sprache habe ich keinen Namen“, spricht sie schließlich in die Stille hinein, ihre Stimme seltsam rau.

„Hm.“ Nachdenklich sieht die junge Elbin sie aus verengten Augen an, bevor sie anmutig von dem Ast hüpft und leichtfüßig auf dem weichen Moos des Waldbodens landet. „Daran sollten wir etwas ändern, findet Ihr nicht? Immerhin braucht Ihr einen Namen, den ich aussprechen kann, damit ich Euch meinem Vater vorstellen und Euch unseren Garten zeigen kann.“ Sie hält inne, legt nachdenklich einen schlanken Finger auf ihre Lippen, ehe sie fortfährt: „Ihr erinnert mich…“

Sie fühlt sich beinahe unwohl unter dem musternden Blick der Elbin.

„Ihr erinnert mich an eine Birke“, stellt die junge Frau fest und tritt einen Schritt näher, betrachtet die Blätter in ihren Haaren. Plötzlich tönt ein glockenhelles Lachen durch den Wald – ein Laut so rein und klar, dass zuerst ihr Geliebter und dann sie selbst einstimmen, ohne zu wissen, warum sie lachen.

Als sie sich beruhigt haben und ihr Lachen verklungen ist, sieht die Elbin mit strahlenden Augen zu ihnen auf. „Jetzt weiß ich es. Fimbrethil. Was haltet Ihr davon?“

Fimbrethil Sie lässt den Namen langsam über ihre Zunge rollen, stolpert über die fremden Laute; aber er gefällt ihr. Fangorn und Fimbrethil. Ja, der Name wirkt vertraut, obwohl er noch neu und frisch ist.

„Wartet hier!“ Mit schwingenden Röcken umrundet die junge Elbin sie übermütig. „Ich komme morgen mit meinem Vater wieder.“ Dann bleibt sie vor ihr stehen, sieht ihr in die Augen. „Er ist ein leidenschaftlicher Gärtner. Ich denke, Ihr werdet Euch verstehen.“





„Fimbrethil, sieh“, reißt eine ihrer Schwestern sie aus ihren Gedanken und sie folgt dem Blick der gebeugten Entfrau, die sie vom Sämling hat heranwachsen sehen. In einiger Entfernung leuchten helle Flecken in der Nacht. Der Wind trägt den ätzenden Geruch von verbranntem Holz an ihre Nase.

Die Elben und Menschen reden kaum und es fühlt sich ein wenig an wie die aufgeladene Stille vor einem Sturm. Sie bezweifelt nicht, dass dieser Sturm anders und auf gewisse Weise zerstörerischer sein wird als alle anderen, die sie jemals erlebt hat. Die namenlose Furcht ist immer noch da, scheint sich mit jedem Tag auszudehnen. Fast fieberhaft sucht sie nach bekannten Gesichtern unter den Elben. Ihre Augen sind nicht mehr so gut wie in ihrer Jugend, aber sie sieht immer noch weit. Dennoch erkennt sie keinen der Elben. Ihre grimmigen Gesichter sind gegen Süden gerichtet und das glockengleiche Lachen, das sie unweigerlich mit den Elben in Verbindung bringt, scheint für immer verloren.

Zwei weitere ihrer Schwestern treten an ihre Seite, geben ihr Halt. Gemeinsam überdauern sie die Nacht. Die schwarzen Wolken ziehen träge und schwer über sie hinweg, ohne sich zu entleeren. Die Nacht hindurch weicht Fimbrethils Blick niemals von den hellen Flecken in der Ferne.

Feuer – noch etwas, wovor er sie wieder und wieder gewarnt hat. Sie hat ihm nicht glauben wollen. Die Elben und Menschen hätten es unter Kontrolle, hört sie sich sagen. Wie ein gezähmtes Tier würde es ihren Befehlen folgen, für sie tanzen und sie wärmen.

Damals, vor sehr langer Zeit, hat sie nicht mit dem Heer von dunklen, unnatürlichen Kreaturen mit geteerten Fackeln gerechnet, das sich aus dem Süden nähert. Sie kann es regelrecht fühlen, als die südlichen Ausläufer ihres Gartens in Flammen aufgehen: Der Schmerz dringt unter ihre Rinde, so als würde sie selbst in Flammen stehen, bis tief in ihr Herz. Das Feuer und derselbe Schmerz, der ihr selbst den Atem nimmt, spiegeln sich in den tränenverschleierten Augen der anderen Entfrauen. Wenn sie zahlreicher wären, sie würde vielleicht versuchen zu kämpfen. Aber wenige, zu wenige sind noch übrig und sie ist müde, so müde.

Mit einem letzten Blick zu dem Heer aus Elben und Menschen bittet sie Yavanna und Eru stumm um Beistand für die Ältesten der freien Völker und die Meister der Pferde. Dann wandert ihr Blick wie von selbst nach Norden, in Richtung des Waldes, der hinter den dichten Nebeln des Großen Stroms vor ihren Augen verborgen ist. Fangorn. Der Wald ist groß und sie weiß nicht, ob sie ihn jemals wiederfinden oder sich selbst zuvor verlieren wird. Mit steifen Gliedern wendet sie sich ihren versammelten Schwestern zu.

„Diese Gärten können nicht länger unser Zuhause sein“, spricht sie schließlich aus, was sie alle schon seit einiger Zeit geahnt haben. Es gibt keine Einwände. Allein ein scheinbar wütendes Donnergrollen durchdringt die klirrenden, schabenden Schritte von Orks, Elben und Menschen. „Ich denke, es ist Zeit für uns zu gehen.“

„Komm zurück zu mir.“

Sie hofft, dass es noch nicht zu spät ist.
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