Geisterwoche

GeschichteKrimi, Familie / P12
Grace Van Pelt Kimball Cho Patrick Jane Teresa Lisbon Wayne Rigsby
15.10.2019
09.11.2019
4
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„Also, was machen wir jetzt?“, fragte Cho. Er stand mit verschränkten Armen vor Janes Couch im Bullpen und blickte ihn an. Jane nahm gemütlich einen Schluck Tee, bevor er aufstand.

„Wie ich schon sagte, wer am helllichten Tag mitten in Austin die Wells Fargo ausräumen will, muss sich sehr sicher sein, dass er damit durch kommt. Hat er einfach ein übersteigertes Selbstbewusstsein? Sicher. Aber so ein Überfall im Alleingang wäre immer noch ziemlich gewagt. Als wir bei Di’Angelo waren, habe ich mich nach etwas umgesehen, dass ihn mit dem Überfall in Verbindung bringen könnte, aber ich habe nichts gefunden. Er war offenbar wirklich der regeltreue Musterknabe, den seine Frau beschrieben hat, aber das hat mich auf eine andere Idee gebracht.“ Er blickte sich im Bullpen um und stellte zufrieden fest, dass sämtliche Augenpaare gespannt auf ihn gerichtet waren. „Es muss einen Komplizen in der Bank gegeben haben. Jemand, der dafür gesorgt hat, dass unser Mann auch nach dem Tod von Di’Angelo entkommen konnte und jemand, der ihm gesagt haben muss, dass wir mit Di’Angelos Familie sprechen würden. Mir wurde gesagt, dass keiner der Angestellten einen verdächtigen Hintergrund hat, aber möglicherweise ist das auch gar nicht nötig. Wir wissen, dass Erpressung und Entführung nicht gerade neu für ihn sein können, also – “ Er blickte erwartungsvoll in die Runde.

„Hat er vielleicht einen der Bankangestellten erpresst, ihm zu helfen“, ergänzte Teresa.

Er grinste. „Bingo.“

„Aber wir haben mit den Angestellten gesprochen, keiner hat etwas erwähnt“, sagte Rigsby.

„Mh, dann sollte ich mal mit ihnen sprechen.“

„Okay. Vega, Rigsby, ihr fahrt mit ihm“, orderte Cho.


Wenig später wanderte Jane in der großen, hellen Eingangshalle der Bank umher, während Vega und Rigsby die Mitarbeiter der Bank zusammentrommelten und ungehaltene Kunden wegschickten.

Als er neben einer der Bänke für wartende Kunden stehen blieb und gedankenverloren zum Tresen herüberblickte, an dem Vega mit einem älteren Mann diskutierte, der offensichtlich unbedingt jetzt Geld abheben wollte, erschrak er fast. Angela sah lächelnd zu ihm auf.

„Du bist ja immer noch hier“, bemerkte er.

„Ja. Vielleicht solltest du nochmal zum Arzt gehen.“

„Ach.“ Er winkte ab und musterte sie einen Moment lang. „Warum bist du hier?“

„Ich bin deine Frau“, antwortete sie. „Du hast immer mit mir gesprochen, sogar als du mich nicht sehen konntest.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Teresa ist meine Frau, du… Du warst... Du bist tot.“ Er wusste nicht genau warum sein Atem plötzlich so schwer ging und sein Kopf schmerzhaft zu Pochen begann, doch er erkannte den Stich von Schuld in seiner Brust. „Angela, ich habe wieder eine Familie.“

„Ich weiß“, sagte sie ruhig.

„Und sie ist wundervoll!“

„Ja, das ist sie wirklich.“

„Also, warum -?“

„Genau deswegen.“ Angela erhob sich, faltete die Hände vor sich und legte den Kopf schief. Sie lächelte ihn nachsichtig an, genauso wie sie es immer getan hatte, wenn sie geduldig mit ihm hatte sein müssen, wenn er mal wieder zu spät zum Abendessen gekommen war oder viel zu viel Geld ausgegeben hatte oder Streit mit einem Kollegen angefangen hatte. „Ich weiß, dass deine Frau wundervoll ist und ich weiß, wie sehr du sie liebst. Ich weiß, dass ihr eine süße Tochter bekommen werdet. Ich weiß, dass du endlich wieder glücklich bist. Und ich freue mich so sehr für dich - wirklich, ich bin so froh darüber. Vielleicht brauchst du noch ein bisschen, um das zu verstehen, aber eigentlich weißt du es.“

„Sir?“ Vega tauchte an seiner Seite auf und sah ihn erwartungsvoll an. „Die Angestellten sind jetzt alle da.“

Es war sein Lieblingsteil an der Arbeit für die Polizei: Gruppenbefragungen. Es war so einfach die Leute mit einem Trick zu beeindrucken, so viel einfacher noch die Informationen zu bekommen, die er wollte. Und er hatte noch ein Publikum dazu. Er liebte die erstaunten Gesichter.

Am Ende des Tages nahmen Vega und Rigsby eine Frau namens Doris Morgan, verantwortlich für die Schließfächer der Bank, zur Befragung mit zum FBI Hauptquartier. Cho brauchte 10 Minuten im Verhörraum mit ihr, bevor sie unter Tränen die Überwachungskameras ausgeschaltet und den Schlüssel zum Tresor an den Bankräuber weitergegeben zu haben. Sie haben den Mann jedoch nie gesehen und wisse auch keinen Namen, nur, dass ihre Tochter noch immer verschwunden war, obwohl er sie nach dem erfolgreichen Bankraub hatte freilassen wollen.

Es war deprimierend. Ein entführtes Kind – statistisch gesehen wahrscheinlich tot – vermochte es, seine Freude darüber richtig gelegen zu haben, schnell und effektiv zu dämpfen. Stattdessen verfolgten ihn den ganzen Nachmittag über Bilder von Charlotte, die ihn davon abhielten, sich auf die Lösung des Schlamassels zu konzentrieren. Irgendwie musste es doch möglich sein ihren Entführer zu überführen. Wenn sein Kopf nur vernünftig arbeiten würde! Er musste seine Gedanken wieder unter Kontrolle bekommen.


Als er am Abend aus dem Bad ins Schlafzimmer trat – die Haare noch feucht vom Duschen – lag Teresa bereits im Bett, ihren Laptop auf dem Schoß und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, suchte sie nach Kinderwagen. Einen Moment lang betrachtete er sie nur, genoss die Ruhe und das Gefühl von Zuhause, bevor er tief durchatmete und sich zu ihr auf die Bettkante setzte.

Sie blickte fragend auf und runzelte im nächsten Augenblick besorgt die Stirn. „Ist alles okay?“, fragte sie.

Er seufzte leise, nickte langsam und sah ihr schließlich in die Augen. „Ja, ich wollte nur etwas mit dir besprechen.“

Sie klappte ihren Laptop zu und setzte sich aufrechter hin. „Was ist los?“, fragte sie.

Jane rutschte weiter aufs Bett, sodass er sich ihr ganz zuwenden konnte und nahm ihre Hand. „Diesen Sonntag…“

„Ah“, murmelte sie und ihre Miene hellte sich etwas auf. „Ich hatte mich schon gefragt, wann wir darüber reden würden.“

„Wirklich?“

„Ja.“ Sie drückte seine Hand. „Also, was denkst du?“

Er fuhr sich durch die Haare. „Ich weiß es nicht – nicht wirklich.“

„Okay und wie fühlst du dich?“

„Komisch. Nicht schlecht, nur es ist das erste Mal seit ihrem Tod, dass ich wieder eine Familie habe und das ist…“

„Komisch. Das verstehe ich.“ Sie rieb mit dem Daumen sanfte Kreise über seinen Handrücken. „Was möchtest du am Sonntag machen? Sollen wir etwas zusammen machen oder möchtest du alleine sein oder – ich weiß nicht, möchtest du nach Kalifornien fahren?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß es noch nicht genau. Ich weiß nur, dass ich bei dir sein möchte.“ Er runzelte die Stirn und küsste ihre Hand. „Ist das okay?“

Sie legte die andere Hand an seine Wange und lächelte liebevoll. „Natürlich.“

Er legte seine Hand über ihre und schloss für einen Moment die Augen. Es war als wäre ein Gewicht von seiner Brust genommen worden und seine Lungen konnten sich wieder mit Sauerstoff füllen.

„Da ist noch etwas“, murmelte er.

„Okay?“

Er öffnete die Augen, nahm ihre Hand von seiner Wange und sah auf ihre Hände. Er strich über ihren Ehering und genoss die Wärme, die sich jedes Mal in seiner Brust ausbreitete, wenn er daran dachte, dass sie seine Frau war.

Er atmete noch einmal tief ein und aus und blickte wieder auf. „Ich habe ganz schön was auf den Kopf bekommen bei diesem Unfall.“

Mit einem Schlag wandelte sich ihr Gesichtsausdruck von neugierig zu besorgt. „Das stimmt, deshalb habe ich dich gebeten noch im Krankenhaus zu bleiben. Was ist los? Soll ich dich wieder zurück bringen?“

„Nein, nein.“ Er hob beschwichtigend die Hände. „Mir geht’s gut. Nur ich glaube diese Gehirnerschütterung und, naja, ich bin vielleicht ein wenig gestresst wegen des Falls und Sonntag – das hat dazu geführt, dass ich hin und wieder jemanden sehe, der gar nicht da ist.“

„Jemand, der gar nicht da ist? Wie eine Halluzination?“

„Könnte man so sagen.“

Ihre Augen wurden groß. „Patrick!“

„Okay, bitte reg dich nicht auf.“

„Ich soll mich nicht aufregen? Du hast gerade gesagt, dass du seit Tagen halluzinierst! Du musst zurück ins Krankenhaus! Du bist unglaublich, manchmal –“

„Ich sehe Angela.“

Sie verstummte und verharrte in ihrer Bewegung aufzustehen, wohl um sich anzuziehen und ihn auf der Stelle zurück ins Krankenhaus zu bringen.

„Angela?“, fragte sie.

„Ja.“

„Jetzt gerade auch?“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Nur ab und zu. Ich glaube mein Unterbewusstsein versucht mir etwas zu sagen. Sie hat mich an das Geld erinnert.“

„Okay.“ Er konnte sehen, dass sie nicht ganz sicher war, wie sie einordnen sollte, was er ihr erzählte. „Was noch?“

„Ich glaube, sie wollte mir sagen, dass es okay ist. Alles, meine ich.“ Er legte sanft eine Hand auf ihren Bauch. „Ich liebe dich über alles. Und ich liebe unsere Tochter. Ich möchte, dass du das weißt. Das hat nichts damit zu tun.“

„Ich weiß.“ Teresa legte eine Hand über seine und sah ihm in die Augen.

„Sicher?“

„Ja. Du hast mal zu mir gesagt, dass ich nicht mit einer Toten konkurrieren muss…“

„Das stimmt auch!“

„Das weiß ich. Und deshalb bin ich auch nicht eifersüchtig auf eine Halluzination.“

Er lächelte erleichtert.

„Aber“, fuhr sie fort. „Es ist nicht wahr, dass es nichts miteinander zu tun hat. Ein Teil von dir fühlt sich immer noch schuldig, obwohl du eigentlich weißt, dass es Unsinn ist. Das ist das Trauma der Überlebenden. Und wahrscheinlich fühlst du dich deswegen gleich auch noch mir gegenüber schuldig, aber das musst du nicht. Ich erwarte nicht von dir, dass du jeden Tag glücklich bist, dass du sie nie mehr vermisst oder an sie denkst. Und ich erwarte auch nicht, dass wir so tun, als gäbe es die Vergangenheit nicht.“

Er senkte den Kopf und nickte langsam. Sie hatte Recht. Er wusste, dass sie Recht hatte, doch manchmal war es schwer das gleiche seinem Herz klar zu machen. Manchmal wusste er gar nicht, was er fühlen sollte.

„Was ich wirklich möchte, ist, dass du mit mir redest. Es ist okay, wenn du mir nicht alles erzählen möchtest, aber sag mir, wenn es dir nicht gut geht oder wenn du einen schweren Tag hast. Das ist okay. Ich möchte mich nur nicht fragen müssen, was mit dir los ist.“

„Okay. Das verstehe ich.“

Sie legte eine Hand an sein Kinn und drehte sanft seinen Kopf, sodass er sie wieder ansah.

„Und wenn du darüber reden möchtest, bin ich auch da.“

„Danke.“ Ein schmales Lächeln zog an seinen Mundwinkeln und er lehnte sich vor, um sie zu küssen.

„Irgendwann – nicht heute, aber irgendwann in nächster Zeit – sollten wir auch darüber sprechen, was wir ihr erzählen werden“, sagte sie und deutete auf ihren Bauch.

„Ja, das sollten wir wohl.“

„Gut.“ Sie gab ihm noch einen Kuss. „Aber wenn die Halluzinationen nicht bald aufhören, bringe ich dich zurück zum Arzt, verstanden?“

Er grinste. „Verstanden, Ma’am.“
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