Guter Sohn

KurzgeschichteAllgemein / P12
Jack
15.10.2019
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Kirschrot.

Der weiche Schwung ihrer Lippen hatte genau diese Farbe. Jack hatte zwar noch nie welche gegessen, aber er kannte Kirschen von Bildern. Obwohl, das war nicht richtig – natürlich hatte er schon Kirschen gegessen, aber das waren Kirschen aus dem Arcadia Garden, nicht Kirschen, die an der Luft und bei Sonnenlicht wuchsen.

Jack war stehen geblieben, obwohl er viel zu spät dran war.

Sein Vater würde toben. Immerhin sollte er heute die Eröffnungsrede halten, die den Olympus Heigh einweihen würde – eine „noble“ Aufgabe, wie ihm sein Vater seit Wochen immer wieder einschärfte. Sie sollte ihn auf den Ernst des Lebens vorbereiten, immerhin war er der Sohn des berühmten Andrew Ryan.

Der Erbe.
Der hochgeschätze Stammhalter.
Dass er im Prinzip gar keine Lust hatte der hochgeschätzte Sohn Andrew Ryans zu sein, verschwieg er ihm lieber; ohnehin war ihr Verhältnis nicht das allerbeste.



Hörst du schon wieder diese schreckliche Musik?
Das ist Rock’n’Roll, Dad.
Wie sehen überhaupt deine Haare aus?!
Die trägt man heute nun mal so! Willkommen im 20. Jahrhundert!


Jack tat es vor allen seiner Mutter zu Liebe. Mit Tränen in den Augen hatte sie verkündet, wie stolz sie doch auf ihn sei. Also hatte er sich seufzend seinen Schicksal gefügt, diesen überteuerten Anzug angezogen und sich die Haare ganz in der Manier eines braven, dankbaren Sohnes in der Mitte gescheitelt.

Er fühlte sich wie verkleidet. Gestern hatte er noch „The wild One“ mit Marlon Brando im hauseigenen Kino gesehen und heute sah er aus wie eine ausgestopfte Ente, die durch die engen Röhrenschächte Rapture‘s flanierte.

Rapture.

Es war die Stadt seines Vaters, ein riesiges Bauprojekt vom Umfang eines ganzen Kosmos, ein Wunderwerk der Technik auf dem Grund des Ozeans. Wie Atlantis, nur größer, schöner, reicher, stolzer.

Jedenfalls behauptete sein Vater das.

Ein riesiger Unterwasservulkan bildete die Wärmequelle, ein eigener Wald produzierte Sauerstoff. Es gab Fischereien und Luxuskaufhäuser, Plattenläden und Werkstätten. Goldene Ornamente in schier brachial anmutendes Ausmaß schmückten Hallen und Büros, alles war riesig, alles war maßlos. Alles war organisch, ein mächtiger Wirbel aus Licht und Schatten. Überall dem thronte die Statur seines Vaters, der mit streng zurück gekämmten Haar und ausdruckslosen Gesicht auf die Stadt niederblickte, ganz so, als wäre er der Gott dieses geschmückten Traumes.

Jack fühlte sich beim Anblick dieser Statur nie ganz wohl, aber jetzt galt seine Aufmerksamkeit der unbekannten Frau, die an einer Zigarettenspitze zog und einen Wal beobachtete, der einem der riesigen Fenster vorbei glitt.

Sie trug ein enges, schlichtes schwarzes Kleid, das dunkle Haar hatte sie zu einem eleganten Knoten verschlungen. Er wusste dass es unhöflich war, aber für einen Moment konnte er nicht anders, als sie anzustarren. Das samtene Licht der Kronleuchter warf einen weichen Schein auf ihre blasse Haut und als sie langsam den Kopf zu ihm wandte, fühlte Jack sich ertappt.

Sie war hinreißend.
Eine richtige Lady.
Und er sah aus wie ein Schuljunge mit diesem fürchterlichen Mittelscheitel.

Ungelenk hob er einen Mundwinkel an und durchforstete sein Gehirn im Schnelldurchlauf, wie man am besten eine Dame begrüßte. Hut ziehen, verbeugen – verdammt, er hatte den Hut zu Hause vergessen. Sein Blick huschte in Richtung des Wals, der unbeeindruckt von der ganzen Szenerie nun einen riesigen Schatten auf ihn warf. Die unbekannte Frau dagegen war ganz in den Schein des Leuchters getaucht und Jack sah, dass ihre Augen blau waren. Ein spöttischer Zug lag um ihre Lippen, die sanft grauen Zigarettenrauch ausatmeten.

Es duftete nach exotischen Früchten.

„Guten Abend.“ Endlich hatte er seine Stimme wieder gefunden und zu seiner Freude stellte er fest, dass er immerhin nur wie ein Schuljunge aussah, aber nicht so klang. Das war doch ein guter Start. Eine der fein nachgezogenen, dunklen Brauen zuckte in einer linkischen Bewegung nach oben.

Vielleicht war der Start doch nicht ganz so gut.

„Findet Ihr?“

Ihre Stimme hatte den dunklen, rauen Klang eines Reibeisens. Härte schwang darin mit, wie Jack sie noch nie gehört hatte, aber sein Magen machte sich mit einem eigenartigen, wohligen Kribbeln bemerkbar.

„Verzeihung?“ fragte er mit einiger Verwirrung und die Fremde lies ein belustigtes Schnauben hören. Grauer Rauch quoll erneut zwischen kirschroten Lippen hervor und Jack ertappte sich dabei, dass er sie schon wieder anstarrte.

Nun hör schon auf damit, du Vollidiot.
Du bist der Sohn von Andrew Ryan!
Hab' gefälligst Rückrad!

„Der Abend. Er gefällt Euch?“

Jack blinzelte und war sich einen Moment lang nicht ganz sicher, was er nun von dieser Konversation halten sollte. Für gewöhnlich sprach man nicht in Rätseln zu ihm und für gewöhnlich…erkannte man ihn. Man erkannte ihn, bejubelte ihn und begann, ihn nach seinem Vater zu fragen.

Ganz so, als wäre er hauptberuflich Sohn und kein eigenständiger Mensch.

„Nun…“ begann er, neigte den Kopf ein schief und atmete schließlich leicht aus. Die blauen Augen der Fremden musterten ihn forschend, doch immerhin sah sie nicht mehr so abweisend und gebieterisch aus wie ganz zu beginn. Jack schob sich eine Hand in den Nacken und lockerte den engen Kragen um seinen Hals. Mit einem Mal kam er sich schrecklich deplatziert vor.

Verdammt, er hasste diesen elenden Anzug.
Und überhaupt dieses ganze affektierte, überkandidelte Theater, das sein Vater um alles und jeden veranstalten musste.

„Eigentlich nicht, nein.“

Die unbekannte Frau legte ihren Kopf schief, hob einen Mundwinkel an und streckte die Hand mit der Zigarette aus. Jack bemerkte ihre feingliedrigen Finger, wobei die Kuppe ihres kleinen Fingers eine Art Fingerhut aus Silber zierte. Er konnte sich nicht erinnern, bei irgendeiner anderen Frau Rapture’s so ein seltsames Schmuckstück bemerkt zu haben. Als Jack der Frau die Zigarette abnahm, lächelte sie.

„Dann können Sie sie mehr gebrauchen als ich.“

Es war lediglich eine kleine Bemerkung, jedoch traf sie ihn unvorbereitet und er war sich sicher, dass sein Vater ihn missbilligend angeblickt hätte, hätte er ihn lachen gehört.

„Das ist sehr nett von Euch, Miss…?“

Auf die kirschroten Lippen stahl sich das nächste Lächeln, Jack fand es verlockend und furchteinflößend im gleichen Moment.  

„Elizabeth.“

Kein Nachname?

Jack hätte es merkwürdig oder vielleicht zumindest seltsam finden sollen, andererseits befanden sie sich in einer Stadt auf dem Boden des atlantischen Ozeans. Eine Frau die ihm ihren Nachnamen nicht sagen wollte, war da noch verhältnismäßig normal. In seinen Lungen brannte es leicht, als er einen tiefen Zug des fremden Tabaks inhalierte. Es schmeckte nach Orangen und nach irgendetwas blumigen, ein fremder, aber guter Geschmack, vom dem sich Jack sicher war, das er nicht aus Rapture stammte.

In Rapture schmeckte alles nach dem Meer, nach Wasser, Salz und Kälte.

„Eigenwilliger Geschmack.“ sagte er schließlich, ehe er den Rauch durch die Nase ausschnaubte. Elizabeth beobachtete ihn nach wie vor. Da lag etwas in ihrem Blick das schwer zu beschreiben war, ein seltsames Glimmen, ein Hauch von Gefahr, den er nicht näher benennen konnte.

Vielleicht ließ er sich gerade aber auch einfach nur von einer schönen Frau fachgerecht den Kopf verdrehen.

„Es schmeckt nach…draußen.“

Ihre Augenbraue wanderte erneut nach oben, dieses Mal eher amüsiert.


„Draußen?“

Jack nickte, zog erneut an der Zigarettenspitze und drehte sie schließlich, damit Elizabeth sie zurück nehmen konnte. Sie machte sich nicht mal die Mühe, das Mundstück abzuwischen. Stattdessen schob sie es zwischen die kirschroten Lippen und Jacks Magen vollzog einen doppelten Salto rückwärts.

„Die Oberfläche mein ich. Es schmeckt jedenfalls nicht nach Rapture. Rapture schmeckt nach…Fisch.“

Sie gab ein leises Schnauben von sich, wandte sich schließlich wieder dem großen Panoramafenster zu. Luftblasen stiegen gluckernd empor, in der Distanz konnte man die blinkenden Reklametaffeln von Fontaine Futuristics erkennen. Als Jack langsam zu ihr heran trat und sich neben sie stellte, rührte sie sich nicht. Stumm blickte sie nach draußen, als würde sie all diese ihm so vertrauten Dinge heute zum allerersten Mal sehen.

Blauer Rauch quoll gegen die Fensterscheibe, als sie erneut würzigen Tabak inhalierte.

„'Draußen' ist nicht viel anders als hier.“

Jack runzelte die Stirn, tat es ihr dann jedoch gleich und sah ebenfalls nach draußen. Das gedämpfte, quietschende Geräusch eines Bohrers aus einem dunklen Winkel des Fensters verriet ihm die Anwesenheit eines Big Daddys, der Wartungsarbeiten an den Außenanlagen vornahm.

„Jack.“

Die blauen Augen sahen zu ihm auf und Jacks Magen schaffte einen doppelten Salto mit anschließender Vorwärtsrolle als Meisterleistung.

„Mein Name ist Jack Ryan.“

Funken sprühten vor der dicken Glasscheibe, gefolgt von aufsteigenden Luftblasen. Die gewaltige Silhouette des Big Daddys hob in einer trägen Bewegung den Bohr empor, wandte den Kopf. Für einen Moment sah es so aus, als würde er direkt zu ihnen rüber sehen. In Jacks Nacken stellten sich die kurzen Haare auf.
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