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"Apfel im Kelch"

von Die Linda
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
13.10.2019
13.09.2020
29
146.757
16
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Dieses Kapitel
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13.10.2019 1.721
 
6. Januar 1977..... Venedig


Wie selten war solch ein Anblick voller Grazie und Anmut. Funkelnde Steine spiegelten vielleicht die Dekadenz unwiderruflicher Zeiten wieder, doch wer spricht nicht gerne von süßlicher Nostalgie und den schmerzschönen Stich in der Brust, wenn er an vergängliche Schönheit denkt? Lichter schienen aus allen Ecken und Formen zu strömen und ein jeden mit ihrer Helligkeit zu erfüllen, sie strahlten von innen. Vielerlei Menschen unter geschmückten Masken und neckischen Kostümen. Niemand kriecht hervor als Abtrünniger oder wird gar als Sonderling degradiert. All der Schmuck, die bestickten Kleider in Gold und Prunk gehalten färbten den pompösen Saal in ein Paradies von Glorie und Glück. Schwingende Kleider und Roben lachten und verwoben sich ineinander, während die Musikanten ihren letzten Schweißtropfen für eine sorgenlose Atmosphäre hergaben. Schmackhafter Wein floss reichlich und all die unzähligen Gäste blickten nicht einmal interessiert auf die zurückgezogene Gestalt im angedeuteten Schatten zwischen den Marmorsäulen. Diese wippte zaghaft in ihrem silbernen Seidengewand vor und zurück, während das Weinglas in beiden Händen gehalten wurde. Das runde Gesicht zierte ein zufriedenes Lächeln, doch waren die Augen von leichtem Neid. So unbeschwert und jung waren sie, die Menschen jener Zeit, an jenen Ort, ohne Krieg, Hunger und Hass. Ein Fest der Feste mit Maske und Schick.
So viel andere furchtbare Dinge hatte Erziraphael schon gesehen und erlebt, dass er regelrecht süchtig nach solchen Vergnügungen wurde, doch keinesfalls mit solch einer Euphorie, das er irgendjemanden auffallen würde.
Der schimmernde Tanzsaal eroberte mit warmer und dünner Luft die Zeit und gab dem Engel das Gefühl niemals schwinden zu wollen. Plötzlich überkam ihn eine leichte Melancholie, aus irgendeinen Grund verspürte er eine Art Sehnsucht, einen Drang ohne Namen. Er versuchte das Lächeln beizubehalten, jedoch besaßen auch Gottesboten ein Herz, welches nicht immer überlief von Glückseligkeit und Freude für andere. Seufzend war ihm nun erst recht nach einem derben Schluck Wein und er setzte soeben das filigrane Gefäß an, als er das Debakel sah. Es war bereits leer. Enttäuscht wollte er sich gerade um einen Ober bemühen als sich das Glas wie von Zauberhand zur Hälfte füllte. Verwundert blinzelte er hinein und lächelte gleichzeitig, als er auch schon die vertraute Stimme hörte.
„Man sollte niemals alleine trinken. Und du schon gar nicht, wenn ich in der Nähe bin.“
„Crowley.“
Wie leicht und unschuldig doch eine Stimme klingen konnte, wenn sie nur an das richtige Gesicht geschickt wurde. Die Violinenstriche wurden gedehnter und süßer, während die Tanzpaare langsameren Schritten folgten. Als sich Erziraphael die Federbestückte Augenmaske nach oben schob, schlenderte der Dämon mit der Lässigkeit eines Dandys daher und kam in seinem tiefschwarzen matten Kostüm neben ihm zum stehen. Er war ein schickes Teufelchen, dachte sich Erziraphael und rügte sich darauf gleich selbst für dieses blasphemische Kompliment. Da klirrte es plötzlich auf und er bemerkte wie sein Unterweltkompagnon das Glas an das seinige stieß, dabei „Cheers“ ausrief und es mit einem Zug leerte.
„Weißt du, mit ein bisschen mehr Genuss, würdest du alles ein wenig mehr......nun ja, genießen.“
Crowley warf nur den Kopf in den Nacken um lautstark auszuatmen und blickte sich dann mit argwöhnischen Eindruck im Saal um.
„Was findest du nur an all diesen Schnickschnack?“
Wieder lächelte der Engel auf seine Art und Weise und schaute mit leuchtenden Augen auf die buntgemischten kostümierten Tänzer.
„Ein Auftrag führte mich hierher und da packte mich meine Neigung einfach. Einmal bei solch einem atemberaubenden Spektakel dabei zu sein zu dürfen ist schon wirklich etwas besonderes. Die Menschen zelebrieren immerzu solche Feste. Wie aufregend das doch hier alles ist, findest du nicht auch?“
Nachdem sich der Rothaarige nur eine vielsagende Mimik abringen konnte, gab ihn der Engel auch schon einen schüchternen Blick.
„Was führt denn dich nach Venedig?“
„Auch ein Auftrag, zufällig, wie immer.“
Erziraphael nickte lächelnd und sah dann wieder zu den ungezählten Gästen hin. Er lauschte mit großer Zuneigung den schmeichelnden Instrumenten und trank einen Schluck seines Weins. Dabei bemerkte er nicht wie ihn Crowley über seine Rabenschwarze Brille hinweg ansah und schief grinste.
„Gib´s zu, du willst tanzen.“
Sofort hielt der blonde Engel empört inne und strich sich nervös mit der einen freien Hand über das Schlüsselbein.
„Wie...Wieso sollte ich......Nein, niemals würde ich....also, wirklich, du bist mir ja einer... wie könnte ich...“
Gerade als die Musik zu hüpfen begann und der Tanz ungezwungener wurde, schlängelte sich Crowleys Handinnenfläche  vor die Brust von Erziraphael.
„Ich bin gerade frei.“
Verdattert stammelte er noch ein wenig vor sich her und starrte erst auf die Hand, dann auf Crowley, dann wieder auf die Hand und zum Schluss blieb seine überraschte Miene an dem Dämonen hängen.
„Das kann doch wohl nicht dein gesunder Ernst sein, Crowley?“
Doch dieser zuckte nur die Schultern und legte einen gewohnt unbeteiligten Ausdruck ins Gesicht.
„Pff, warum nicht? Richtig bewegen kann ich mich eh erst so wirklich bei AC/DC oder Disco, da ich diese Zupf-und-Rühr-mich-nicht-an Veranstaltungen bis auf den Tod nicht ausstehen kann. Aber wenn du es unbedingt willst..... dann los, rauf auf´s Parkett.“
Beinahe schon mit einem roten Gesicht und unsicheren Augen, die stets hin und her huschten, lächelte Erziraphael nur verlegen und zog sich die Strassbesetzte Maske wieder herunter.
„Also nein, wirklich nicht. Du bist ein Dämon und ich ein Engel, wir.....zusammen....das...das geht bei weitem nicht. Wie kannst du mich nur so etwas fragen?“
Er lächelte dann doch wieder, allerdings recht unsicher und blickte geradeaus. Crowley machte eine Dann-eben-nicht-Geste und schlenkerte mit seinem drahtigem Körper um die eigene Achse, um zu verschwinden. Mit zuckenden Mundwinkeln und unsteten Blicken, tippte Erziraphael unrhythmisch an seinem Glas herum, als er sich schon eilig zu ihm herumdrehte.
„Warte!“
Wie natürlich blieb der Dämon stehen und ließ den Kopf mit dem roten Zopf in den Nacken fallen. Es dauerte einige Momente ehe sein übernatürlicher Kollege einen geordneten Satz herausbrachte.
„Aber was...ist mit den Leuten? Ich meine...zwei Männer die tanzen.“
Da plötzlich lächelte Crowley verschwörerisch und schnippte. Von da an stand ein jeder und alles regungslos. Wie eingefrorene Puppen aus Porzellan. Unglaubwürdig trat Erziraphael in den hellerleuchteten Saal und beschaute sich der stillstehenden Tanzpaare. Plötzlich schien die Decke weiter nach oben zu schweben und prunkvoller zu wachsen. Und er hatte das Gefühl, als wurde er nun von all dieser Herrlichkeit befallen. Er lächelte über diese geschenkte Idee und dachte an das Wort „Schlingel“, als er sich auch schon umdrehte. Crowley trat nun ebenfalls zwischen den Säulen hervor, in seinem gewohnten federnden Gang. Nun als Erziraphael etwas erwidern wollte, da schnippte der Dämon ihre beiden Gläser weg und reichte ihm erneut die Hand. Doch ehe der Engel diese ergriff, machte er noch eine Deutung zu den Musikanten hin, denn was wäre ein Tanz mit nur den Klang der trippelnden Absätze? Also sorgte Crowley auch dafür, dass sich die Instrumente von allein bewegten und nickte darauf als Fragestellung. Schüchtern dankte ihm Erziraphael und erfasste die immer noch entgegengehaltene Hand mit einiger Demut.
Wie schnell verwandelte sich die Zurückhaltung in eine ausgewogene Heiterkeit voller Lachen und spitzen Bemerkungen. Selbst Crowley konnte sich darin finden und seltsamerweise gefiel ihm der Anblick vor ihm. Das er den Engel einmal so glücklich gelöst erleben durfte, war alle Mühe wert gewesen. Selbst die quälenden Kratzgeräusche, die so manch anderer als Musik schimpfte, fühlten sich plötzlich angenehm in dessen Ohren an. Erst leichter Schritte Herr, wurde daraus ein wildschweifender Tanz, der nach einiger Zeit erst nach Mitternacht endete.

Als darauf sich die leblose Menschenmasse wieder in Bewegung setzte, saßen die beiden Überirdischen Geschöpfe auf der breiten gotischen Treppe zum Innenhof des Palastes. Zwischen ihnen eine halbleere Flasche alter Amarone und ein bekrümelter Teller mit zerknirschter Serviette. Crowley lag beinahe auf fünf Stufen querfeldein, während er sich geschmeidig mit einem Ellenbogen auf der obersten Kante abstützte und den Kopf zurück legte. Dicht neben ihm hockte Erziraphael mit angewinkelten Beinen und sittsamer Haltung, während er die langgestreckten Arme zwischen seinen Knien zusammen presste und vor Glückseligkeit leicht hin- und herwippte.
„Hach, das war so schön. Dieses Musik, das Flair der alten Welt und alles ist vergessen.“
„Und ich dachte immer Engel tanzen nicht?“
„Tun sie auch nicht, ich denke einfach mal, dass ich eine klitzekleine Ausnahme darstelle.“
„Na, so klein bist du auch wieder nicht.“
Erziraphael lächelte bescheiden und blickte kurz in Crowleys Richtung.
„Doch denke ich auch nicht, dass sich bei euch Dämonen jemand so äquivalentes finden würde. Wirklich vortrefflich gemacht, muss ich schon sagen.“
Der Rothaarige winkte etwas verlegen ab und setzte die Weinflasche an die Lippen. Erziraphael kräuselte das runde Näschen.
„Ich finde es im übrigen auch sehr bemerkenswert das du heute hier bist, immerhin ist heute Epiphania.“
Unwissend verzog Crowley das Gesicht und zuckte nur mit den Schultern.
„Na, wir feiern heute die Erscheinung des Herrn.“
Wie vom Donner getroffen schoss der Körper des Dämonen nach oben und gab einen angewiderten Laut von sich und besah sich erschrocken seiner Hände. Doch sein himmlischer Kollege sprang sogleich auf und legte ihm die Finger auf beide Unterarme.
„Blei bitte ruhig, es ist alles in Ordnung bei dir. Es ist nur ein Fest und kein Ritual. Dies Gebäude ist der Dogenpalast und wir sind hier nicht im Vatikan höchst selbst. Du kannst also seelenruhig deinen Wein zu enden trinken, mein Lieber. Du hast nichts falsch gemacht. Alles ist gut.“
Eigentlich wusste Crowley das er sich wirklich entspannen konnte, seit dem Moment an als die freundlichen Hände ihn berührten. Niemals würde ihn Erzi in irgendeine Lage bringen, die ihm schädigen würde, niemals. Auch in weiteren Tausenden von Jahren nicht. Schon sichtlich beruhigter atmete Crowley theatralisch aus und dankte Satan dafür – nun ja mehr im Stillen zu sich selbst. Etwas unbehaglich zumute, wegen seiner Übertreibung, räusperte er sich und schielte kurz nebenan. Er blickte in ein liebevoll lächelndes Gesicht, das soviel Reinheit ausstrahlte, dass es Crowley beinahe schmerzte. Er war tatsächlich froh hier zu sein.
Doch galt dies auch für den Engel?
Er wischte diese unsinnige Frage beiseite und deutete mit dem Daumen plötzlich zurück in den Tanzsaal.
„Willst du noch mal?“
Erstaunt darüber friemelte Erziraphael  mit seinen Fingern herum und blickte in Crowleys herausforderndes Gesicht, da dieser ihm zum wiederholten Male die Hand entgegenhielt. Wie ein unschuldiges Hirtenmädchen schmunzelte der Engel darüber und zuckte verschüchtert mit den Schultern.
„Nun ja, warum nicht.“
Er legte seine Hand in die von Crowley hinein und da schnippte dieser auch schon.
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