Der Drache aus der Tiefe

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
13.10.2019
09.11.2019
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Der Angriff


Leicht verwirrt blieb die junge Frau zurück und starrte auf die Tür, durch die der Pirat eben verschwunden war. Ein wenig neugierig war sie ja eigentlich auch. Und er hatte ihr nicht ausdrücklich befohlen, in der Kajüte zu bleiben...

Wahrscheinlich würden die Angreifer sowieso beidrehen, sobald sie das Schiff erkannten.

Und dennoch hatte die junge Frau ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Dass der Pirat vor dem Gehen nach seiner Waffe gegriffen hatte, beunruhigte sie doch mehr, als sie zugeben wollte.

Trotzdem schritt sie langsam zur Tür und öffnete diese. Sollte die Situation eskalieren, konnte sie sich schließlich immer noch wieder in die Kajüte zurück ziehen.

An Deck herrschte eine rege Betriebsamkeit – schlimmer als sie es den Tag über gesehen hatte. Doch irgendwie schien alles auch in einer strikten Reihenfolge zu erfolgen und jeder Handgriff saß. Lichter wurden entzündet, um Freund von Feind unterscheiden zu können, sollte es zu einem Handgemenge kommen.

Ein Schauer lief der jungen Frau über den Rücken, als sie feststellte, dass diese Mannschaft gar nicht so verschlafen war, wie sie noch am Tag gewirkt hatte. Diese Männer waren eine gut auseinander eingespielte und effiziente Mannschaft, die wusste, was sie zu tun hatte, um einen Feind zu vernichten.

Bei diesem Gedanken bemächtigte sich ein eisiges Frösteln der blinden Passagierin.

Einen Moment hielt Leonie sich noch damit auf, die Piraten dabei zu beobachten, wie sie die Befehle ihres Kapitäns ausführten und das Schiff klar zum Gefecht machten. Die Pinasse hatte Kurs auf das andere Schiff gesetzt und kam diesem schnell näher, ohne jedoch eine Angriffsfläche für dessen Kanonen zu bieten.

Die eigenen Kanonen an Bord wurden geladen, in Position gebracht und die Männer mit den brennenden Fackeln neben ihnen warteten gespannt auf den Feuerbefehl, um endlich die Lunte anzünden und diesen dreisten Angreifern eine vernichtende Antwort schicken zu können.

Einige Männer schleppten Entermesser, Enterhaken, Säbel und andere Waffen herbei und verteilten diese an diejenigen unter ihnen, die noch unbewaffnet waren. Wieder andere waren damit beschäftigt, das Deck der Pinasse mit Sand zu bestreuen, damit die Piraten im Falle eines Kampfes nicht auf dem Blut gefallener Feinde und Kameraden ausglitten und durch ein solches Missgeschick ihr eigenes Ende besiegelten.

Schaudernd musste die junge Frau feststellen, dass scheinbar nur sie selbst von einem unguten Gefühl in der Magengegend geplagt wurde. Auf den Gesichtern der Piraten konnte sie lediglich so etwas wie Vorfreude und eiserne Entschlossenheit erkennen.

Nur hier und da wirkte einer von ihnen leicht besorgt. Doch für diese Männer war ein Kampf vermutlich auch nichts Ungewöhnliches – für ihre blinde Passagierin jedoch war es etwas gänzlich Neues und Beängstigendes.

Es kostete sie einige Anstrengung, sich von diesem Anblick abzuwenden und mit den Augen das Deck abzusuchen. Nach einer Weile wurde sie schließlich fündig.

Bricassart stand an der Steuerbordreling und erteilte scheinbar bereits wieder neue Anweisungen an einen seiner Männer.

Die junge Frau zögerte nur kurz, ehe sie sich beeilte, dort hin zu kommen. Momentan würde er vermutlich nicht die Zeit haben, ihr eine weitere Lektion in puncto Gehorsam und Respekt beizubringen. Und mit ein bisschen Glück hätte er nach der bevor stehenden Auseinandersetzung genügend andere Dinge zu klären, um sie nicht allzu bald wegen ihres Auftauchens an Deck anzusprechen. Hoffnungsvoll klammerte sie sich an diese Gedanken. Sie musste jetzt einfach ihre Neugier befriedigen. Zu gern las sie Abenteuergeschichten zu Hause. Und nun steckte sie mitten in einer drin.

Immer darauf bedacht, keinem der Männer in den Weg zu geraten, machte sie sich also auf zu dem Kapitän des Schiffes.

Leonie wartete zunächst geduldig, bis der Pirat das Spektiv* wieder gesenkt hatte und keine weiteren Mannschaftsmitglieder auf seine Befehle zu warten schienen. Sie wusste, dass im Moment die Vorbereitungen auf die Auseinandersetzung wichtiger waren als die Beantwortung ihrer Fragen. Aber dennoch hatte ihre Neugier über die Angst vor Bricassarts möglicher Reaktion wegen ihres plötzlichen Auftauchens gesiegt.

Deswegen harrte sie so lange hinter ihm aus, bis sie sicher war, dass sie ihn nicht von Wichtigerem abhielt. Als sie ihrer Meinung nach jedoch wagen konnte, den Kapitän anzusprechen, fragte sie schließlich zögerlich: „Und? Sind es andere Piraten oder nicht?“

Der Angesprochene wirbelte wie ein Derwisch auf dem Absatz herum, wobei sich sein Umhang hinter ihm bauschte. Offenbar hatte er nicht bemerkt – und auch nicht damit gerechnet –, dass die junge Frau an Deck gekommen war und sich zu ihm gesellt hatte.

Erschrocken wich Leonie einen Schritt zurück und sah ihn aus großen Augen ängstlich an. Ihre Gedanken schweiften unwillkürlich für einen Moment ab und sie erinnerte sich daran, wie viel Ärger sie schon von weitaus harmloseren Menschen bekommen hatte, weil sie diese genauso erschreckt hatte.

Zu ihrer unendlichen Erleichterung spiegelte sich allerdings nur eine leichte Überraschung im Gesicht des Piraten wieder, so dass sie es wagte, unmerklich aufzuatmen.

Dennoch blieb sie auf der Hut.

Insgeheim fragte sie sich, wann er den Umhang wieder umgelegt hatte, da sie dies nicht bemerkt hatte, als er die Kajüte verließ. Dieses Kleidungsstück ließ ihn gleich noch eine Spur unheimlicher und bedrohlicher wirken und sie musste fest stellen, dass er vermutlich auch genau diesen Eindruck auf die Männer des anderen Schiffes machen wollte.

Gerade als sie begann, sich unter seinem stechenden Blick unwohl zu fühlen, wandte der Pirat diesen wieder in Richtung Meer auf das fremde Schiff und sie konnte beobachten, wie für einen Moment ein Ausdruck von Sorge über sein Gesicht huschte.

Dieser Gedanke wollte der jungen Frau jedoch überhaupt nicht behagen.

Ein Damian Bricassart, der über irgendetwas besorgt war? Das passte ganz und gar nicht zu den Berichten, die sie bereits über diesen Mann und sein Schiff gehört hatte. Und es konnte nur eines bedeuten: diese Angreifer konnten ihm trotz aller Schauermärchen, die über ihn kursierten, gefährlich werden.

Bevor sie jedoch weiter über ihre Beobachtung nachsinnen konnte, hatte der Pirat ihr wieder seine volle Aufmerksamkeit geschenkt.

„Was habt Ihr überhaupt hier an Deck verloren?“, verlangte er zu erfahren und erweckte kurz den Eindruck, als würde er ernsthaft darüber nachdenken, sie wieder einmal so unsanft in seine Kajüte zu verbannen wie bereits am voran gegangenen Vormittag.

Unbewusst rieb sich Leonie über ihre Handgelenke, die bei dieser Berührung wieder leicht schmerzten, und senkte schuldbewusst den Blick auf die Planken. Dann jedoch erinnerte sie sich daran, dass er ihr nicht ausdrücklich befohlen hatte, in der Kajüte zu bleiben. Demnach tat sie hier auch nichts Unrechtes.

Als sie zu diesem Schluss gelangt war, hob sie den Blick von neuem und sah dem Piraten angriffslustig in die Augen. Dass dieser Leichtsinn erneut nur von ihrer Angst vor den bevorstehenden Ereignissen her rührte, machte die Sache nicht besser und würde für den Piraten sicherlich nicht als Entschuldigung zählen, sollte er später darauf zurück kommen wollen. Dennoch siegte in diesem flüchtigen Moment Leonies Kampfgeist über ihre Angst vor dem Mann ihr gegenüber.

„Ich war einfach neugierig. Außer der Mitteilung, dass jemand Euch angreift, hatte ich keinerlei Informationen erhalten. Aus dem Grund wollte ich mir selbst ein Bild von der genauen Lage machen. Zudem hattet Ihr mich lediglich darauf hin gewiesen, dass ich nicht ohne Erlaubnis da hoch“, mit ausgestrecktem Arm wies sie auf das Achterkastell, „darf. Dass ich auch eine Erlaubnis benötige, um mich hier unten an Deck aufzuhalten, wäre mir allerdings neu.“

Kampflustig reckte sie ihr Kinn ein wenig vor und sah den Piraten herausfordernd an. Sie hoffte, mit ihrer stolzen Haltung ihre Unsicherheit überspielen zu können.

Diese Reaktion und ihre Worte bereute sie allerdings sogleich wieder, als er sie unsanft an den Oberarmen ergriff und gegen die Reling in ihrem Rücken drängte. Unnachgiebig zwang er sie dazu, ihren Oberkörper leicht nach hinten über das hölzerne Geländer zu lehnen.

„Wenn Ihr glaubt, Mademoiselle Peligron, dass Ihr an Bord dieses Schiffes aus irgendeinem Grund eine gewisse Narrenfreiheit genießt, dann irrt Ihr Euch. Übertreibt es lieber nicht. Sonst könnte ich womöglich noch auf die Idee kommen, unsere Abmachung als nichtig zu betrachten und Euch mit den Haien bekannt machen. Ich bin mir sicher, von dort unten hättet Ihr einen hervorragenden Blick aus nächster Nähe auf die Geschehnisse – und Ihr könntet diesen hungrigen Tieren zudem als eine Art Vorspeise dienen.“

Während seiner Worte hatte er sie immer weiter zurück gedrängt, so dass sie nun tatsächlich über Bord gegangen wäre, hätte er sie nicht noch immer mit festem Griff gehalten.

Ängstlich sah sie nach unten auf die schwarze Wasseroberfläche. Da die Nacht nun endgültig hereingebrochen war, konnte sie nicht viel erkennen. Doch sie glaubte Bricassart auch ohne es zu sehen, dass diese Bestien noch immer da waren und auf über Bord gehende Menschen hofften.

Zum wiederholten Mal an diesem Tag spürte die junge Frau, wie sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht wich. Eine in der Nähe ins Wasser schlagende Kanonenkugel des angreifenden Schiffes ließ das Wasser geräuschvoll aufspritzen. Die eisigen Tropfen, die dabei ihr Gesicht benetzten, steigerten ihre Angst zusätzlich und ließen sie heftig zusammenzucken.

Ein Wimmern entrang sich ihrer Kehle, als Bricassart sie mit einem Ruck wieder aufrichtete und sie so der Gefahr eines Absturzes entging.

Alors, Ihr habt Glück, dass ich im Moment wichtigeres zu tun habe, als mich mit Euch abzugeben. Doch Ihr solltet Eure Worte in Zukunft mit etwas mehr Bedacht wählen, wenn Ihr den restlichen Weg bis nach Plymouth nicht schwimmend zurück legen wollt“, grollte er gefährlich ruhig.

„Es tut mir leid“, meinte die junge Frau leise und war plötzlich nicht mehr fähig, seinem Blick stand zu halten. Also betrachtete sie einmal mehr den Boden zu ihren Füßen. Am liebsten hätte sie sich jedoch selbst geohrfeigt. Was war nur in sie gefahren, dass sie so mit ihm sprach?

Wenn es ihr nicht schnellstmöglich gelang, ihr Temperament zu zügeln, dann konnte die restliche Fahrt ja noch heiter werden. Vorausgesetzt natürlich sie überlebte diesen Angriff.

„Um auf Eure Frage zurück zu kommen: sie haben keinen Totenkopf gehisst. Um genau zu sein, geben sie sich durch keinerlei Beflaggung eindeutig zu erkennen“, fuhr er fort und Leonie war überrascht, dass das Thema ihres erneuten Fehltritts offenbar somit für ihn beendet war.

Bricassart blickte erneut angestrengt zu dem anderen Schiff hinüber und sie folgte kurz seinem Blick, konnte aber nichts als einen dunklen und bedrohlichen Umriss erkennen, der hier und da von einem hellen Punkt beleuchtet wurde. Offenbar hatte man dort ebenfalls Laternen entzündet.

„Und... was denkt Ihr, wer sie sind... Kapitän?“ wagte sie schließlich vorsichtig zu fragen.

Wieder wandte er den Blick von der Silhouette vor dem sternenklaren Himmel ab und und betrachtete die junge Frau nachdenklich. Lag es an dem Vollmond, der sein kaltes, weißes Licht aussandte, oder war sie tatsächlich erneut recht blass geworden?

Damian seufzte unmerklich. Warum musste sie ihn auch immer wieder reizen und an die Grenzen seiner Selbstbeherrschung bringen? Insgeheim wunderte er sich aber auch darüber, dass sie noch immer den Mut aufbrachte, sich weiter mit ihm zu unterhalten und nicht einfach wieder in die Kajüte flüchtete. Doch scheinbar lenkte die Angst vor dem bevor stehenden Gefecht sie einfach genügend von allen anderen Dingen ab, so dass sich schlicht und einfach nicht daran dachte, dass sie sich eigentlich vor ihm fürchten müsste.

Und wie hieß es noch so schön? Der Feind meines Feindes ist mein Freund?

Das Mädchen war offensichtlich klug genug, um dieses fremde Schiff nicht als Möglichkeit, vor ihm zu fliehen, in Betracht zu ziehen.

Scheinbar war sie zu der Einsicht gelangt, dass ihr eigenes Überleben nun in mehrfacher Weise von ihm abhing. Aber wenigstens war sie nun dazu über gegangen, ihn zumindest etwas respektvoller anzusprechen.

Allerdings wagte er zu bezweifeln, dass sie dies für den gesamten Rest ihrer Reise würde beibehalten können.Bei diesem Gedanken seufzte er erneut lautlos.

Ihre Heimreise würde wahrlich noch interessant werden. Doch jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er würde schon genügend Mittel und Wege finden, um sie immer wieder in ihre Grenzen zu verweisen, sollte sie diese erneut übertreten.

Bei dem Gedanken daran bildete sich ein grimmiges Lächeln auf seinen Zügen, welches die junge Frau mit leichter Sorge zur Kenntnis nahm – konnte sie doch nicht wissen, worum seine Gedanken momentan kreisten.

Alors, sie scheinen sehr gut organisiert zu sein. Zudem tragen sie offenbar eine Art Uniform. Anhand ihrer Farben vermute ich, dass es les*... die Spanier sind“, holte er seine eigenen Gedanken in das Hier und Jetzt zurück und beantwortete ihre Frage.

Mit dieser Erklärung reichte er der jungen Frau das Spektiv und bedeutete ihr, an die Reling zu treten und sich selbst ein Bild zu machen.

Die blinde Passagierin folgte dieser Geste nur sehr zögernd – fürchtete sie doch noch immer, er könne seine Drohung wahr machen und sie über Bord werfen. Dann jedoch siegten ihre Neugier und die verwunderte Feststellung, dass er momentan verhältnismäßig offen mit ihr sprach und keineswegs feindselig wirkte.

Also trat sie schließlich noch einen letzten Schritt näher und blickte hindurch. Außer einigen Laternen an Deck des anderen Schiffes konnte sie allerdings auch nicht viel mehr erkennen und wollte das Spektiv gerade wieder senken, als ihr Blick auf einen kleinen Schriftzug am Bug* des anderes Schiffes fiel.

„La Señora Santa.“

Die junge Frau durchforstete ihr Gedächtnis, ob dieser Name in ihr irgendwelche Erinnerungen weckte, konnte aber nichts dergleichen fest stellen.

Erst ein beinahe alarmiert klingendes „Pardon?“ seitens des Kapitäns machte ihr deutlich, dass sie den Namen des Schiffes laut ausgesprochen hatte.

Langsam senkte sie das Spektiv wieder und gab es zurück, ehe sie Bricassart direkt anblickte.

La Señora Santa. Das steht vorn an ihrem Schiff“, mit einer Geste deutete Leonie hinüber zu dem anderen Schiff.

Dem Namen nach zu urteilen hatte er recht gehabt mit seiner Vermutung, dass es sich um Spanier handeln könnte. Doch der schwer zu deutende Ausdruck, mit dem er sich kurz ansah, ließ in Leonie einige Alarmglocken ertönen.

Gespannt beobachtete sie den Piraten – in der Hoffnung, an seiner Mimik vielleicht ablesen zu können, was sein beinahe schon erschrockener Tonfall zu bedeuten hatte. Doch er ließ es nicht zu, dass sich irgendwelche Gedanken auf seinem Gesicht widerspiegelten.

„Kennt Ihr das Schiff, Kapitän?“ fragte sie deswegen vorsichtig und wappnete sich insgeheim schon auf die nächste Zurechtweisung durch den Piraten. Er schien ihr die Frage allerdings nicht übel zu nehmen, sondern wandte sich langsam wieder der jungen Frau zu, machte jedoch den Eindruck, als wolle er wieder handgreiflich werden.

Viel mehr schien sein Blick für einen Moment in die Ferne zu schweifen und seine Gedanken drifteten in die Vergangenheit ab.

Ja, er kannte das Schiff und dessen Kapitän. Zu Lebzeiten seines Vaters hatte es oft vor dessen Festung vor Anker gelegen. Der Kapitän war einst ein erbitterter Feind seines Vaters gewesen. Nach einer bewaffneten Auseinandersetzung vor unzähligen Jahren hatten die beiden Männer allerdings ein für alle Mal geklärt, wer von beiden der Stärkere war und der andere Kapitän hatte sich seinem Vater murrend untergeordnet.

Fortan hatte er für ihn gearbeitet und einen kleinen Teil der Flotte befehligt.

Allerdings hatte Damian stets beobachten können, dass er rebellische Gedanken hegte und sich nicht für immer mit seiner untergeordneten Stellung zufrieden geben würde. Für den jungen Piraten war es ein Rätsel, weshalb sein Vater diesen Spanier nicht ebenfalls dem Ritual unterzogen und zu einem willenlosen Sklaven gemacht hatte.

Weshalb hatte dieser Mann sein Selbst behalten dürfen, wenn Commodore Bricassart sogar seinen eigenen Sohn versklavt hatte? Kurz presste Damian die Zähne fest aufeinander und ballte die Rechte zur Faust. Auf diese Frage würde er wohl keine Antwort mehr bekommen.

Die ganze Zeit über hatte der Spanier einen tiefen Groll gegen die Familie der Bricassarts gehegt und Damian bezweifelte, dass sich dies geändert haben könnte. Wenn es tatsächlich die Señora Santa war, die er kannte, dann würde es eine gefährliche Auseinandersetzung auf Leben und Tod werden.

Der Kapitän hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er genau wusste, wenn er den alten Bricassart schon nicht töten konnte, dass ihm dies dann vielleicht bei dem Sohn gelingen könnte. Zudem kannte er ihre Taktiken und Vorgehensweisen und würde nur schwer zu überraschen sein. Doch Damian vertraute darauf, dass er in dem vergangenen Jahr doch das ein oder andere Manöver neu hinzu gelernt hatte, mit dem sein Kontrahent nicht rechnete.

Entschlossen presste er für einen Moment die Lippen so fest aufeinander, dass sie zu einem blutleeren Strich wurden und ließ ein grimmiges Nicken sehen. „Oui, ich fürchte, ich kenne dieses Schiff.“

Noch einmal warf er dem Angreifer einen flüchtigen Blick zu, ehe er sich mit einem Ruck abwandte und weitere Befehle an seine Mannschaft erteilte.

Zumindest wusste er nun, weshalb jemand so dreist war, die Leviathan anzugreifen. Und wenn ihr Zwist sich nun also endgültig entscheiden sollte, dann würde er es dem Spanier so schwer wie möglich machen. So einfach brachte man einen Damian Bricassart nicht um. Er hatte es nicht selbst geschafft, sich das Leben zu nehmen, dann würde er es auch zu verhindern wissen, dass es diesem spanischen Piraten gelang.

Kurz verselbstständigten sich seine Gedanken und flüsterten unerbittlich, dass auch seine kleine, blinde Passagierin besser nicht auf die Spanier setzen sollte. Dieser Mann dort drüben auf dem anderen Schiff würde sich nicht in Zurückhaltung üben, sondern sie sich gefügig machen für die Dauer der Überfahrt und wenn er ihrer müde wurde, würde er sie der Mannschaft überlassen. Ob sie die Tortur überlebte und noch ein Lösegeld von ihrer Familie für ihre Rückkehr für ihn heraus sprang, würde den Spanier kaum interessieren.

Er bemerkte nicht, dass er sie einen Moment sehr besorgt ansah, ehe er seine Gedanken wieder auf die bevorstehende Begegnung richtete.

Nein, er würde nicht wie ein Feigling fliehen.

Aber dennoch mussten einige Vorkehrungen getroffen werden, damit er diese Auseinandersetzung überstand. Nichts war gefährlicher als ein Mann, dessen Stolz jahrelang mit Füßen getreten worden war und der nun auf Rache sann.

Wenn ihm Fortuna jedoch für diesen Kampf freundlich gesinnt war, dann konnte Damian dieses Problem möglicherweise hier und heute endgültig aus der Welt schaffen.

Er bemerkte nicht, wie Leonie bei seiner dermaßen heftigen Reaktion erblasste und ängstliche Blicke zwischen ihm und dem angreifenden Schiff hin und her schickte.

Sie fragte sich im Stillen, was er wohl damit meinte, dass er fürchtete, den Angreifer zu kennen. Hieß es nicht immer, die Leviathan und ihre Mannschaft seien der Schrecken der Karibik? Wie musste dann also ein Schiff oder Kapitän sein, damit Bricassart ihn fürchtete?

Während Leonie noch darüber nach dachte, war der Pirat bereits wieder damit beschäftigt, Befehle zu erteilen. Dabei hielt er sich zwar in ihrer Nähe – vielleicht, weil er befürchtete, sie könne sonst womöglich irgendetwas Dummes tun –, doch aus Angst davor, sich seinen Unwillen erneut zu zu ziehen, wagte sie nicht, ihn anzusprechen und in seiner Konzentration zu stören. Auch wenn sie nur zu gern gewusst hätte, was er damit gemeint hatte, als er sagte, dass er befürchtete, das andere Schiff zu kennen.

Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend begnügte sie sich also damit, das näher kommende Schiff zu beobachten und grübelte, was dieser Angriff zu bedeuten hatte. Wenn tatsächlich in wenigen Augenblicken ein Kampf zwischen Piraten ausbrach, was würde dann mit ihr geschehen?

Sie wusste, dass Frauen nur sehr selten an Bord von Schiffen anzutreffen waren – wenn es sich nicht gerade um eine Überfahrt vom europäischen Kontinent handelte – und konnte sich daher lebhaft vorstellen, wie die Angreifer reagieren würden, wenn sie sie fanden. Sie machte sich keine Illusionen darüber, ob sie von der Mannschaft der Leviathan Hilfe erwarten konnte, da sie hier ebenfalls nur ein blinder Passagier war und auf das Urteil des Kapitäns bezüglich ihres Eindringens an Bord noch immer zu warten hatte.

Wahrscheinlich wäre er sogar erfreut, wenn die andere Mannschaft ihm diese Bürde abnehmen und sie einfach massakrieren würde.

Bei diesem Gedanken lief Leonie ein kalter Schauer über den Rücken.

Als Bricassart sich schließlich wieder zu ihr gesellte, sah sie ihn fragend und mit kaum verborgener Angst an. Einen Moment erwiderte er diesen Blick ungerührt und in Leonie stieg eine eisige Furcht auf. Dieser Pirat würde keinerlei Skrupel haben, sie zum Wohl seines Schiffes zu opfern.

Um so mehr überraschte es sie, als er leicht den Kopf schüttelte. Als habe er ihre Gedanken gelesen, legte er ihr in einer beruhigenden Geste zögernd eine Hand auf die Schulter. Doch trotz der Tatsache, dass die Berührung schon beinahe als sanft bezeichnet werden konnte, konnte die junge Frau nicht verhindern, dass sie heftig zusammen zuckte. Nur die Reling in ihrem Rücken verhinderte, dass sie ängstlich vor ihm zurück wich.

Bisher hatte er ihr stets nur Angst eingejagt und Schmerzen zugefügt, wenn er – aufgrund ihres überschäumenden Temperaments, wie sie zugeben musste – sie berührt hatte. Um so überraschter war sie nun, als er sie fast schon wie etwas sehr Zerbrechliches behandelte.

Zudem zog er es einmal mehr vor, ihr Zusammenzucken scheinbar einfach nicht zu bemerken.

„So lange Ihr Euch auf diesem Schiff befindet und so lange unsere Vereinbarung gilt, werde ich Euch ebenso entschlossen verteidigen wie jeden anderen aus meiner Mannschaft. Ihr solltet nur für den Rest Eures Aufenthaltes an Bord darauf achten, dass ich diese Entscheidung nicht eines Tages bereuen muss“, fügte er warnend hinzu.

Diese Warnung nahm Leonie allerdings durchaus zur Kenntnis, ließ sich von ihr aber nicht wieder verschrecken. Viel mehr beschäftigte sie die Frage, ob ihre Angst und ihre Gedanken ihr so deutlich ins Gesicht geschrieben standen, dass er sich bemüßigt fühlte, sie wenigstens etwas in Sicherheit zu wiegen. Sie war zumindest ziemlich überrascht von seinem – nicht einmal unbedingt erfolglosen – Versuch, sie ein wenig zu beruhigen.

Allerdings gab es doch noch einen nicht unbedeutenden Unterschied zwischen ihr und jedem anderen aus seiner Mannschaft, den sie beide kannten und den er aber nicht laut ausgesprochen hatte: die restliche Mannschaft verstand wenigstens zu kämpfen. Sie jedoch würde sich nur schwerlich gegen eine Horde von mordlüsternen Piraten verteidigen können. Doch auch Leonie behielt diesen Gedanken vorsichtshalber lieber für sich und begnügte sich damit, den Blick ein wenig zu senken.

Die Gedanken des Piraten gingen hingegen in eine gänzlich andere Richtung. Lebend nutzte die junge Frau ihm vermutlich immer noch mehr als tot. Egal ob sie ihn nun für ihre Heimkehr bezahlen konnte oder ob es letzten Endes auf eine Lösegeldforderung hinaus lief.

„Es sind tatsächlich Spanier. Und zudem auch noch jene, die ich näher kenne“, fügte er noch hinzu, als auch nach einer ganzen Weile keine Antwort von Leonie kam. Mit grimmiger Entschlossenheit blickte er einmal mehr dem fremden Schiff entgegen. „Alors, dann zeigen wir ihnen ein für alle mal, was es heißt, sich mit einem Bricassart an zu legen und welcher Teil der Legende um dieses Schiff der Wahrheit entspricht. Nur diesmal wird seine Niederlage auch sein Tod sein.“

Überrascht von diesem nur sehr schlecht verborgenen Groll hob die junge Frau den Blick und betrachtete das Profil des Piraten. In diesem Moment wusste sie überhaupt nicht mehr, was sie von ihm und seinem Verhalten denken sollte.

Bisher hatte er sie fast jedes Mal, dass sie sich begegnet waren, bedroht und schmerzhaft daran erinnert, dass ihr Wohlergehen gänzlich in seiner Hand lag. Doch vorhin in der Kajüte – und auch gerade eben hier an Deck – hatte er wieder versucht, ihr ein wenig Trost zu spenden beziehungsweise ihre aufgewühlten Gedanken zu beruhigen. Und das nicht einmal unbedingt erfolglos.

Doch Leonie musste sich eingestehen, dass jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt war, um darüber nach zu denken. Vermutlich waren seine letzten Worte gerade nicht einmal für sie bestimmt gewesen und er hatte schlichtweg vergessen, dass sie noch immer hier stand und ihn hören konnte. Anders konnte sie es sich nicht erklären, dass er scheinbar mit ihr so offen sprach.

Sie wurde das ungute Gefühl nicht los, dass er schon einmal mit diesen Angreifern aneinander geraten war – warum sonst diese unterschwelligen Anspielungen? - und die heutige Konfrontation nicht eher vorbei sein würde, als bis es einen eindeutigen Sieger gab – und einen Verlierer, der nicht mehr in der Lage wäre, den Gegner jemals wieder heraus zu fordern.

Die junge Frau spürte, wie reine Todesangst von ihr Besitz ergreifen wollte und mit gierigen Fingern nach ihrer Seele griff. Es gelang ihr nur mit äußerster Mühe, diese zurück zu drängen.

Die nächste Salve aus den gegnerischen Kanonen war bereits so nahe, dass sie das Schiff erbeben ließ und Leonie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte, hätte Bricassart sie nicht im letzten Moment noch fest gehalten.

Überrascht blickte sie auf, als sie plötzlich seinen Arm um sich gelegt fühlte und sie somit vor einem Sturz bewahrt wurde. Der Pirat schien ihre Verwirrung allerdings nicht zu bemerken – oder er ignorierte sie schlichtweg. Offenbar hatte er lediglich aus einem Reflex heraus gehandelt, denn als er sicher war, dass sie nicht mehr stürzen würde, zog er seinen Arm ebenso schnell wieder zurück, wie er ihn zuvor um sie gelegt hatte.

Eigenartigerweise war der jungen Frau diese kurze Berührung allerdings nicht einmal unbedingt unangenehm gewesen und sie schalt sich in Gedanken selbst für diese widersprüchlichen Empfindungen, die nun in ihrem Inneren einen Kampf ausfochten. Nach einem Moment jedoch siegte ihr Verstand, der sie noch einmal daran erinnerte, wie er ihr bereits mehrfach die Grenzen, innerhalb derer sie sich zu bewegen hatte, aufgezeigt hatte.

Doch ein winziger Teil von ihr wollte einfach nicht leugnen, dass diese Geste Bricassarts seltsam tröstlich auf sie gewirkt und ihr einen Teil der Angst vor der bevor stehenden Konfrontation genommen hatte. Mit einem Mal glaubte sie ihm seine Worte, dass er sie beschützen würde.

Damian entwich ein nur halbherzig unterdrückter französischer Fluch, als er bemerkte, dass sie um ein Haar getroffen worden wären. An seine Mannschaft gewandt fügte er entschlossen hinzu: „Bringt das Schiff so schnell wie möglich neben sie!“

Augenblicklich kam Bewegung in die Männer in den Wanten* und den Steuermann, welche sich beeilten, dem Befehl nach zu kommen.

Leonie warf ihm einen erschrockenen Blick zu. Somit war also eine eindeutige Entscheidung zu Gunsten eines Kampfes gefallen.

Bricassart entging ihr Blick keinesfalls. Ohne sie dabei an zu sehen, erklärte er an sie gewandt: „Ich lasse mir keine Löcher in mein Schiff schießen. Von niemandem. Die Leviathan ist noch immer das schnellste Schiff in diesen Gewässern. Wir sind neben ihnen, noch ehe sie ihre Kanonen nach geladen haben.“

Das bezweifelte die junge Frau auch überhaupt nicht. Viel mehr verstärkte diese Tatsache nur ihre geheimen Ängste um ein Vielfaches. Denn tatsächlich kam das andere Schiff nun schnell näher.

Als die beiden Schiffe beinahe neben einander waren, löste Bricassart sich aus seiner Starre und ergriff unvermittelt Leonies Handgelenk. Augenblicklich durchfuhr ein leichter Schmerz die Stelle und verdeutlichte ihr noch einmal die Geschehnisse des vergangenen Tages. Als sie jedoch instinktiv versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, erreichte sie damit lediglich, dass die Finger des Piraten sich nur noch fester um ihr Handgelenk schlossen.

Zudem traf sie ein warnender Blick aus den grünen Augen, weswegen sie sich beeilte, ihre Befreiungsversuche einzustellen. Kurz fragte sie sich, ob er nun zu dem Schluss gekommen war, dass sie sich mit all ihren Fragen vorhin wieder einmal zu viele Freiheiten heraus genommen hatte. Doch diese Bedenken zerstreute der Pirat alsbald wieder.

Entschlossenen Schrittes machte er sich mit ihr im Schlepptau auf den Weg in Richtung Kajüte und Leonie stolperte hinter ihm her und versuchte so gut es eben ging, die aufkeimende Angst nieder zu ringen.

„Es ist sicherer, wenn Ihr unter Deck geht und dort bleibt, bis alles vorüber ist“, erklärte er kurz angebunden und die junge Frau atmete erleichtert auf. Also hatte er überhaupt nicht vor, ihr wieder weh zu tun.

Gegen seine Anordnung hatte sie zudem absolut nichts einzuwenden. Sie legte überhaupt keinen Wert darauf, den Kampf aus nächster Nähe mit zu erleben, sondern wollte sich sogar selbst am liebsten irgendwo verstecken und erst wieder heraus kommen, wenn alles vorbei war.

Zu ihrer großen Sorge befand sich die Kapitänskajüte allerdings beinahe am anderen Ende des Schiffes und sie fragte sich insgeheim, ob sie es noch rechtzeitig bis dorthin schaffen würden oder ob der Kampf schon vorher ausbrechen würde.

Als hätte sie ihre stille Frage gerade laut ausgesprochen, blieb Bricassart schon nach ein paar Schritten unvermittelt wieder stehen und Leonie lief erst einmal in ihn hinein, da sie ihre Aufmerksamkeit auf das andere Schiff gerichtet hatte.

Erschrocken blickte sie auf. Doch der Pirat schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass sie nicht rechtzeitig hatte bremsen können.

Für einen Moment fragte sie sich, weshalb er seinen Weg nicht fort setzte. Doch dann hörte sie etwas, das all ihre schlimmsten Ahnungen Realität werden ließ.

Mit einem Mal flogen Enterhaken durch die Luft und verkanteten sich mit einem dafür typischen Geräusch an der Reling. Leonies Augen weiteten sich erschrocken, als sie beobachtete, wie die beiden Schiffe noch näher zu einander gezogen und aneinander fest gemacht wurden, ehe die Mannschaft des anderen Schiffes auf die Leviathan strömte.

„Bleibt hinter mir, was auch geschieht“, wies er sie an und blickte sich kurz suchend um.

Als er scheinbar entdeckt hatte, wonach er Ausschau gehalten hatte, ging er langsam rückwärts von den an Bord strömenden Männern des anderen Schiffes weg, bis Leonie in einer Ecke eingekeilt war, wo sie von fast allen Seiten von Holzwänden des Schiffes umgeben war. In ihrem Rücken spürte sie die Wand der Kombüse und zu ihrer Rechten befand sich nun die Seitenwand der Treppe, die zum Achterkastell führte.

Die Tür zur Kapitänskajüte war nicht einmal mehr all zu weit entfernt. Und doch schien es nun eine unüberwindbare Distanz zu sein, da immer mehr feindliche Männer an Bord strömten und ihnen mit Leichtigkeit den Weg hätten abschneiden können.

Bricassart seinerseits blieb vor ihr und deckte somit die einzige offene Stelle.

In einer fließenden Bewegung zog er sein Florett. Das Geräusch, das diese Bewegung verursachte, jagte der jungen Frau einen Schauer über den Rücken. Noch niemals zuvor hatte sie einen Kampf mit erleben müssen – und nun stand sie beinahe mitten in einem drin.

Wie ein Schlag ins Gesicht traf sie die Erkenntnis, dass ihr Leben nun einzig und allein in den Händen des Piraten lag. Wenn er sich von ihr fort bewegte, hatte sie keine Chance gegen die Angreifer und wäre ihnen schutzlos ausgeliefert. Das gleiche galt auch für die Möglichkeit, dass er unterlag und getötet wurde.

Vorsichtig lugte sie an Bricassart vorbei und sah, wie ein nicht enden wollender Strom von Männern an Bord der Pinasse strömte. Noch immer flogen Enterhaken durch die Luft, verfingen sich zum Teil in den Tauen und sie fragte sich, wie so viele Menschen an Bord eines Schiffes Platz gehabt haben konnten.

Eine Sekunde später entbrannten auch schon die ersten Kämpfe.

Die Angreifer trugen in der Tat – wie der Name ihres Schiffes hatte vermuten lassen – die Uniformen der spanischen Marine.

Kurz überlegte Leonie, ob die Spanier wohl wieder einmal versuchten, die Gewässer sicherer zu machen. Doch ein Blick in die ungepflegten Gesichter der Männer verriet ihr, dass der Schein trog. Hier handelte es sich gewiss nicht um die Marine sondern um Piraten in Uniformen. Zumal die echte Seestreitmacht Spaniens – oder auch irgend einer anderen Nation – sicherlich auch nicht nachts angegriffen, sondern den nächsten Tag abgewartet hätte.

Vermutlich wollten diese Piraten ihre potentiellen Opfer durch die Uniformen nur so lange in Sicherheit wiegen, bis es zu spät für ein Entkommen war. Aus der Ferne mochte die Maskerade durchaus überzeugend erscheinen.

Diese Erkenntnis versetzte ihr allerdings einen Schrecken. Sie bezweifelte, dass man mit jedem Piratenkapitän einigermaßen vernünftig würde reden können.

Und das zumindest musste sie Bricassart zu seinen Gunsten anrechnen. So lange sie sich nicht im Ton vergriffen hatte oder gar handgreiflich geworden war, hatte er sich ihr gegenüber durchaus nicht unhöflich verhalten. Viel mehr hatten sie sich an diesem Abend sogar teilweise wie zivilisierte Menschen miteinander unterhalten.

Wenn Bricassart jetzt also unterlag, war die Chance sehr hoch, dass sie ebenfalls ihr Leben lassen musste – oder schlimmeres.

In Gedanken versuchte sie ab zu schätzen, wie die Möglichkeiten der Angreifer standen und wer als Sieger hervor gehen würde. Doch Leonie konnte nicht mit Bestimmtheit zu einem Ergebnis kommen. Sie bemerkte lediglich, dass diese anderen Piraten furchtlos und ebenso kampferprobt zu sein schienen wie die Besatzung der Leviathan.

Für alles Weitere fehlte ihr einfach die Erfahrung.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Bricassart sich plötzlich anspannte und in eine lockere Abwehrhaltung überging. Dabei hob er seine Waffe von eindeutig französischer Machart ein wenig an, so dass sie sich zwischen ihm und den Angreifern befand.

Zweifelnd blickte Leonie zwischen dem Kapitän und den angeblichen Spaniern hin und her und versuchte ab zu schätzen, ob der Pirat mit seinem Florett eine Chance gegen die wesentlich stabiler wirkenden Klingen der vermeintlichen Spanier haben würde.

Doch als der erste Gegner auf sie aufmerksam wurde und mit einem animalischen Kriegsschrei auf sie zu stürmte, zerstreute der Franzose ihre Zweifel sofort.

Mit einer elegant anmutenden Drehung wich er der gegnerischen Klinge aus und lenkte diese dabei mit der eigenen Waffe noch ein wenig ab, damit sie nicht Leonie traf. Aus der gleichen Bewegung heraus trat er einen Schritt auf seinen Kontrahenten zu und schnitt ihm mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk heraus die Kehle durch.

Angewidert wandte die junge Frau ihren Blick ab, als sich ein Schwall hellroten Blutes über das Deck ergoss und das Holz der Planken benetzte.

Sie schämte sich beinahe selbst dafür, über den Tod des Mannes Erleichterung zu empfinden, sagte sich dann aber, dass er sie getötet hätte, wäre er nicht aufgehalten worden. Mit einem Mal erkannte sie, dass in dieser Welt das Recht des Stärkeren galt. Hier gab es keine Gesetze oder Regeln wie in den Kolonien. Unter Piraten überlebte man scheinbar nur, wenn man bereit war, andere Menschen zu töten.

Töte oder werde getötet. Dies war die einzige Regel dieser Gesetzlosen.

Von einer Sekunde auf die nächste war es ihr plötzlich vollkommen egal, wie viele Menschenleben Bricassart wohl bereits auf dem Gewissen hatte und wie viele er heute womöglich auslöschte. Für sie zählte nur noch eines: wenn er diese Männer nicht bekämpfte, würden sie ihr Ende einläuten. Mitleid und Skrupel waren hier vollkommen fehl am Platz.

Entschlossen blickte sie wieder auf.

Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen. Sogar das Meer schien seinen Atem angehalten zu haben. Kein Laut war zu hören. Alle Männer starrten lediglich wie gebannt auf diesen ersten Toten und Leonie fragte sich gerade, weshalb sie überhaupt angegriffen hatten, wenn ihnen der Tod ihres Kameraden dermaßen nahe ging.

Unwillkürlich hielt auch sie den Atem an, jedoch nur so lange, bis erneut das Geräusch eines sich verheddernden Enterhakens zu hören war und die Stille durchbrach.

Denn als wäre dieser Laut eine Art Signal für alle anderen gewesen, erwachten sie plötzlich aus ihrer Erstarrung und kamen wieder in Bewegung. Beinahe augenblicklich brach die buchstäbliche Hölle auf dem Schiff aus.

Jeder bekämpfte jeden und die junge Frau bemerkte mit Erschrecken, dass die Angreifer zahlenmäßig weit überlegen waren. Auf jeden Piraten der Leviathan kamen mindestens vier Männer aus der Besatzung des spanischen Schiffes.

Unerbittlich drängten sie immer weiter auf dem Schiff vor.

Jeder der Männer fand sich nun gleich mehreren Gegnern gegenüber und musste um sein nacktes Überleben kämpfen.

Unter den Piraten konnte Leonie nichts von den Kunstgriffen sehen, die man auf Fechtschulen lernte, und erkannte, dass es einen gewaltigen Unterschied machte, ob man den Umgang mit der Waffe als eine sportliche Disziplin oder auf dem Schlachtfeld erlernte, wo es um das eigene Überleben ging.

Sie hatte schon öfter zugesehen, wenn junge Männer ihres Alters diese Modeerscheinung mit machten und Unterricht in verschiedenen Waffendisziplinen nahmen. Doch all die Schritte und Techniken würden hier nicht lange bestehen und die Kämpfer würden sich unter den ersten Toten befinden.

Einzig bei Bricassart konnte sie eine Art eigenen Stil erkennen, der sich allerdings erheblich von der britischen Fechtkunst unterschied.

Als sie ihren Blick noch einmal schweifen ließ, erkannte sie mit Schrecken, dass die Planken des Decks bereits rot vom Blut der Gefallenen waren. Leonie erblickte hier und da bereits einige Leichen beider Parteien und ein metallischer Geruch, der ihr beinahe den Magen umdrehte, erfüllte die Luft an Deck.

Ein Geräusch in ihrer Nähe ließ sie zusammen zucken und sie wandte ihr Augenmerk mit Mühe von den umstehenden Kämpfern ab. Was sie allerdings statt dessen zu sehen bekam, wollte ihr überhaupt nicht gefallen.

Bricassart sah sich bereits wieder drei weiteren Gegnern gegenüber. Diese waren eindeutig bessere Kämpfer als ihr unglücklicher Vorgänger. Sie parierten jeden seiner Hiebe und teilten geschickte Gegenschläge aus, die der Franzose nur mit Mühe abwehren konnte.

Zunächst schien er keinerlei Schwachstelle in der Verteidigung dieser Männer finden zu können. Die junge Frau konnte beobachten, wie er mehrfach seine Taktik änderte und versuchte, bei ihnen auch nur den kleinsten Fehler, die winzigste Lücke in ihrer Deckung zu provozieren.

Doch sie machten ihm nicht diese Freude und griffen ihrerseits unerbittlich weiter an. Es wirkte beinahe so, als seien sie ein aufeinander eingespieltes Trio, das immer gemeinsam in einen Kampf zog.

Führte der eine von ihnen einen Schlag gegen den Oberkörper des Gegners, zielten die beiden anderen auf die Beine und umgekehrt, so dass es für Leonie beinahe schon an ein Wunder grenzte, dass Damian bisher alle Hiebe hatte abblocken können. Er hatte jedenfalls alle Hände voll damit zu tun, ihre Angriffe ab zu wehren, ohne sich zu weit zurück drängen zu lassen.

Schließlich stand Leonie in der Ecke hinter ihm und je näher ihr der Kampf kam, desto gefährlicher wurde es für die junge Frau.

Auch Leonie hatte dies bemerkt, da der Pirat mehrmals dazu angesetzt hatte, nach hinten auszuweichen, es aber im letzten Moment doch nicht getan sondern seinen Schwung zur Seite umgelenkt hatte.

Unerbittlich schlugen die drei Männer auf Bricassart ein, so dass er bald nur noch mit Parieren und Ausweichen beschäftigt war und keinerlei Gelegenheit für einen Gegenangriff bekam.

Um ihm nicht unnötig im Weg zu sein und ihn zu behindern, drückte die junge Frau sich so weit wie möglich in ihre Ecke und versuchte, sich ganz klein zu machen. Doch dies half nur insofern, dass der Franzose ein wenig mehr Raum zum Ausweichen bekam. Keinesfalls aber wendete es das Blatt oder verschaffte ihm gar eine Möglichkeit zum Kontern.

Panisch ließ sie noch einmal ihren Blick schweifen. Doch jeder aus der Mannschaft hatte mit seinen eigenen Gegnern zu tun und achtete überhaupt nicht auf die anderen.

Von dieser Seite hatten sie also keine Hilfe zu erwarten.

Als sie die entschlossenen Gesichter der Angreifer betrachtete, überkam Leonie eine furchtbare Angst. Wenn Bricassart fiel oder sich auch nur ein wenig von ihr entfernte, war sie diesen Männern schutzlos ausgeliefert. Und sie wollte sich gar nicht erst vorstellen, was sie mit ihr tun würden, bevor sie sie töteten.

Sie spürte, wie die blanke Panik in ihr empor kroch und heiße Tränen in ihren Augen brannten. Tränen der Angst. Nur unter Aufbietung all ihrer Willenskraft gelang es ihr, diese zurück zu halten. Ihr Stolz verbot ihr einfach, jetzt in Tränen auszubrechen. Eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf flüsterte ihr zu, dass eine solche Reaktion die spanischen Kämpfer nur zu weiteren Höchstleistungen anspornen würde.

Trotz der noch immer angenehmen Temperaturen hatte sie begonnen, am ganzen Leib zu zittern und betete im Stillen um ihr Leben.

Energisch verdrängte sie den Gedanken, dass sie nicht nur in Gefahr schwebte, wenn der Pirat sich von ihr entfernte oder im Kampf fiel. Genauso gut konnte er sich auch plötzlich dazu entscheiden, dass sie die Mühe nicht wert war und ihre Verteidigung aus freien Stücken aufgeben. Immerhin hätte er dann mit Sicherheit weitaus weniger Probleme, mit seinen Kontrahenten fertig zu werden.

Nein, daran wollte sie wirklich nicht denken und energisch verdrängte sie diese Sorgen. Hatte er nicht selbst zu ihr gesagt, dass er sie schützen würde?

Mit panisch auf gerissenen Augen verfolgte sie den Kampf und spürte, wie die Angst ihr beinahe die Kehle zu zu schnüren schien, als sie bemerkte, dass die drei Spanier es geschafft hatten, Bricassart in die Enge zu treiben.

Einer der Männer setzte gerade zu einem Hieb an, der eindeutig sie treffen würde, wenn der Pirat diesem auswich. Und die anderen beiden würden ihn mit weiteren Angriffen eindecken, so dass er keine Gelegenheit haben würde, den Schlag des ersten Mannes mit seiner eigenen Waffe zu parieren.

Einer von ihnen beiden würde also zwangsläufig von der Waffe des Gegners getroffen werden. Daran bestand kein Zweifel. Und Leonie wagte ebenfalls zu bezweifeln, dass der Franzose sein Wort halten würde, wenn nun sein eigenes Wohl auf dem Spiel stand.

Die haben bemerkt, was die Schwachstelle in seiner Verteidigung ist. Ich bin es! Weil er mich schützen will, kann er nicht so kämpfen, wie er es gern würde, schoss es ihr durch den Kopf und sie verspürte beinahe so etwas wie ein schlechtes Gewissen deswegen.

Der Pirat hatte die Situation ebenso erfasst und Leonie erkannte erschrocken, dass er tatsächlich gar nicht erst versuchte, dem Angriff aus zu weichen. Stattdessen spannte er lediglich seine Muskeln an, um den Hieb zu empfangen.

Das konnte doch wohl nicht sein Ernst sein! Der Mann war verrückt, wenn er das wirklich tat!

Immerhin war sie ein Eindringling an Bord. Weshalb also sollte er sein Leben für sie aufs Spiel setzen?

Diese und ähnliche Fragen geisterten ihr durch den Kopf und sie war versucht, Bricassart aus dem Weg zu stoßen, damit er einer Verletzung entging.

Allerdings war sie starr vor Schreck und konnte im ersten Moment nichts tun, außer zu zu sehen. Innerlich hatte sie sich bereits für den Schmerz gewappnet, da sie nie im Leben gedacht hätte, der Pirat würde sich für ihr Wohlergehen entscheiden, wenn er eine Wahl treffen musste. Warum also tat er dies dann jetzt?

Sie konnte es nicht verstehen, widersprach dies doch so vollkommen dem Bild, das sie bisher von Piraten gehabt hatte. Alles in ihr schrie danach, dass es nicht richtig war.

Doch sie stand wie versteinert in ihrer Ecke.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie erkannte, dass ein verletzter Bricassart es noch schwerer haben würde, gegen die schiere Überzahl an Angreifern zu bestehen. Und mit diesem Gedanken spürte sie einmal mehr, wie ihre Angst sich zu verflüchtigen begann und ihr Verstand die Kontrolle über ihren Körper zurück erlangte.

Sie blendete sämtliche Gedanken an die möglichen Konsequenzen ihres Handelns aus und konzentrierte sich einzig auf die Tatsache, dass ihr Überleben viel eher gewährleistet wäre, wenn der Franzose unversehrt blieb.

Noch bevor sie es sich noch einmal anders überlegen und ihre Angst zurück kehren konnte, handelte Leonie.

Sie versetzte Bricassart mit der flachen Hand einen unerwartet kräftigen Stoß zwischen die Schulterblätter, so dass er aus dem Gleichgewicht geriet und einen Ausfallschritt zur Seite machen musste, um nicht zu stürzen. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte sie sich vollkommen rational, welche Strafe sie wohl für diese neuerliche Handgreiflichkeit gegen ihn nach dieser Nacht zu erwarten hatte.

Und dann bestand ihre Wahrnehmung plötzlich nur noch aus Schmerz.

TBC...
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