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Der Drache aus der Tiefe

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Het
13.10.2019
16.06.2022
22
137.267
6
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
13.10.2019 8.031
 
Hallo ihr Lieben,

falls der ein oder andere nun denkt, ein Déjà-Vu zu haben: ja, diese Geschichte war schon einmal vor vielen Jahren auf dieser Plattform hochgeladen. Doch aufgrund einiger privater... Probleme... konnte ich sie nicht weiter verfolgen, verlor die Inspiration und ging sogar so weit, meinen alten Account zu löschen mit dem Gedanken, ohnehin nie wieder Zeit und Muße zum Schreiben zu finden. Und so verstaubte das ganze schöne Hobby auf einem Speicherstick irgendwo in der Schreibtischschublade.

Ich bin also kein Ideendieb, die Geschichte gehört noch immer mir und ich habe nach einem sehr steinigen Pfad endlich (!!) die Lust an diesem wunderschönen Hobby wieder entdeckt. Ich habe den Ordner mit all meinen handschriftlichen Notizen wieder hervor geholt, mich durch die vielen Zettel allein für diese Geschichte gewühlt und ich habe die letzte Woche sogar zur Einstimmung und Recherche das ihr zugrunde liegende Buch noch einmal komplett gelesen.

Nun sprühe ich vor Ideen und will unbedingt wieder in die Tasten hauen! Und es mir nie wieder nehmen lassen, dieses wunderschöne Hobby zu pflegen.

Da ich in den vergangenen sieben Jahren auch ein wenig älter geworden bin, kann ich keinem festen Uploadplan mehr folgen, aufgrund von Arbeit und Privatleben kann ich nur so neue Kapitel hochladen, wie ich auch Zeit zum Schreiben finde. Dennoch will ich versuchen, bei der Sache zu bleiben und mein "Baby", meine erste Fanfiktion, in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Die Kapitel werden noch einmal überarbeitet und irgendwann bekommen sie hoffentlich auch noch ein würdiges Ende dazu.

Wie damals schon wird es auch diesmal wieder ein Glossar als gesondertes Kapitel am Ende geben, in dem nach und nach alle vorkommenden Fachbegriffe und Übersetzungen zu finden sein werden.

Nun aber genug der Worte in eigener Sache, ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Bitte bewertet meine geistigen Ergüsse nicht zu streng, habe ich doch lange Zeit unfreiwillig pausiert und muß mich erst wieder in die Kunst des Formulierens einfinden.

Zudem gilt auch hier: Don't like - don't read. ;o)


Die Figur des Damian Bricassart, die sich um ihn rankende angesprochene, düstere Vergangenheit, sowie die Leviathan und sämtliche aus dem Werk „Die Erben der Schwarzen Flagge“ bekannten Orte, Figuren, Gegebenheiten et cetera gehören Michael Peinkofer. Diese Fanfiktion dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.

Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.

*~*~*~*~*~*

Blinder Passagier



Karibisches Meer; Oktober 1693



Mit geschlossenen Augen stand er an Deck seines Schiffes und genoss die Ruhe. Die kühle Morgenluft wehte ihm entgegen und spielte sanft mit seinem schulterlangen blonden Haar.

Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Morgen weit genug fortgeschritten war, seine Mannschaft nach und nach erwachte und die spärliche Nachtbesatzung, die momentan noch Dienst hatte, ablöste. Dann würde erneut ein geschäftiges Treiben ausbrechen und er hätte alle Hände voll damit zu tun ihnen Befehle zu erteilen und größere Katastrophen zu verhindern.

Wie sehr wünschte er sich in manchen Momenten, es würde noch immer diese strenge Disziplin an Bord herrschen wie vor einem reichlichen Jahr, als die Seeleute einzig und allein ihre Aufgaben im Kopf hatten und sich durch nichts und niemanden von diesen und der Erfüllung ihrer Befehle ablenken ließen. Doch andererseits stellte sich ihm dann auch immer die Frage, ob er dies wirklich wollte.

Wollte er wirklich eine Mannschaft, die willenlos jeden Befehl ausführte, den sie bekam, ohne darüber nachzudenken? Wollte er Männer, die auf seinen Befehl hin in den sicheren Tod rannten? Oder war es vielleicht doch hin und wieder von Vorteil, wenn sie ihre Bedenken äußerten und ihn auf seine möglichen Denkfehler aufmerksam machten?

Nein. Er wusste, dass es so, wie es jetzt war, um einiges besser war als früher. Diese Politik an Bord, die er damals verfolgt hatte beziehungsweise verfolgen musste, war zudem kläglich gescheitert. Warum sollte er also nicht einmal etwas anderes ausprobieren?

Noch einmal atmete er die salzige Seeluft tief ein, ehe er die Augen öffnete. Der Blick seiner ungewöhnlich grünen Augen schweifte über die Wasseroberfläche und er lauschte auf das Geräusch der Wellen, die sich am Bug* des Schiffes brachen.

Manchmal, wenn es besonders ruhig an Bord war – nachts oder auch zu solch frühen Morgenstunden – hatte er das Gefühl, sein Herz würde sich den gleichmäßigen Wellen anpassen und mit diesen im Gleichtakt schlagen. In jenen Momenten wusste er, dass der Ozean seine wahre Heimat war und er nirgends sonst würde so glücklich sein können, wie er es an Bord seines Schiffes – seines einzigen treuen Begleiters durch all die nicht immer erfreulichen Jahre hindurch – war.

Er liebte die See und die Freiheit, die ihm sein Schiff bot. Ja, er war wirklich frei – nicht an gesellschaftliche Zwänge gebunden. Er konnte an alle Orte reisen, die er aufsuchen wollte, stand unter niemandes strenger Aufsicht und war niemandem Rechenschaft schuldig. Von einem solchen Leben konnten andere Menschen nur träumen.

Da der Morgen tatsächlich noch nicht sehr weit fortgeschritten war, gönnte er sich noch einen Moment und ließ seine Gedanken ein wenig abschweifen. Es war nun reichlich ein Jahr her, seit dieser Möchtegern-Bukanier*, der zu allem Überfluss sein Halbbruder war, die Pläne seines Vaters vereitelt und diesem sogar den Tod gebracht hatte.

Es ärgerte ihn noch immer, dass er dies nicht selbst hatte tun können. Und als er das jungenhafte Antlitz seines Bruders erneut vor sich sah, verzog er unwillig das Gesicht. Doch er musste sich auch eingestehen, dass er es vielleicht nie aus eigener Kraft geschafft hätte, sich der Diktatur seines Vaters zu entziehen. Genau wie all die anderen Piraten war er nur ein Diener dieses abscheulichen Mannes gewesen.

Sein Vater war nicht einmal davor zurückgeschreckt, seinen eigenen Sohn diesem schrecklichen Ritual zu unterziehen – durchgeführt von dem Schamanen irgendeines Eingeborenenstammes – um sich dessen Loyalität versichern zu können. Jahrelang hatte er ihm als willenloser Sklave dienen müssen und war nie wirklich in der Lage gewesen, seine Entscheidungen allein zu treffen. Er hatte sich von seinem Vater und dessen Schamanen all die Jahre herumkommandieren lassen und es stillschweigend ertragen, die Befehle einfach ausgeführt ohne darüber nachdenken zu können, ob es überhaupt richtig war, was er tat – wie ein Lebendtoter, eine Marionette die andere Marionetten befehligte. Er hatte ein Leben im Schatten geführt. Sein Geist war gefangen in der Dunkelheit – nicht fähig, sich gegen diese Voodoo-Praktiken aufzulehnen.

Im Grunde konnte man es als ein Besseres Dahinvegetieren bezeichnen – hatte man ihm doch die einfachsten Freuden verwehrt, wie zum Beispiel seine Gedanken kreisen lassen zu können oder sich einfach an einem Sonnenaufgang zu erfreuen. All dies hatte er lediglich auf eine erschreckend nüchterne Weise erlebt, im Geist festgestellt, dass die Sonne aufging und ein neuer Tag begann. Doch nicht einmal die simpelste Lebensfreude hatte er dabei verspüren können.

Und vielleicht war genau dies der Grund, weshalb er nun so oft er konnte beizeiten auf den Beinen war und die ruhigen Morgenstunden genoss. All diese kleinen Dinge jeden Tag aufs neue für sich entdeckte und jeden einzelnen Moment seines Lebens in vollen Zügen auskostete. Man hatte ihn um so viele Dinge gebracht, die er nie mehr würde kennenlernen können. Da wollte er wenigstens nicht mehr länger auf die noch immer für ihn erreichbaren Dinge verzichten.

Denn erst jetzt konnte er wirklich anfangen zu leben. Und das im Grunde nur, weil sein Vater nicht einmal seinem eigen Fleisch und Blut vertraut hatte.

Als der Bann dieses abscheulichen Rituals, unter dem er gestanden hatte, endlich ins Wanken geraten war, hätte er seinen Vater am liebsten eigenhändig ermordet – dafür, dass er ihn all die Jahre seines noch recht jungen Lebens wie einen besseren Knecht behandelt hatte. Aber dieser Flanagan – Graydon, verbesserte er sich in Gedanken und verzog abermals das Gesicht – war ihm zuvorgekommen und hatte vermutlich dieses Werk vollbracht, während er selbst am Boden lag und um sein Leben kämpfte – mehr ohnmächtig als bei Bewusstsein.

Damals war er noch zu schwach und der Bann nicht vollständig gebrochen gewesen, rief er sich unwillig ins Gedächtnis zurück.

Er hatte es zwar geschafft, sich dem Willen seines Vaters zu entziehen, aber er hatte auch noch immer zumindest teilweise unter dessen Bann gestanden. Die einzige Möglichkeit, diesen endgültig zu brechen war die, dass er sich eine schmerzhafte Verletzung zufügte.

Er hatte schon oft genug bei seinen Mannschaftsmitgliedern gesehen, wie diese durch den Schmerz wieder zu sich gekommen waren. Also hatte er all seine Kraft und Willensstärke aufgebracht und sich in das Schwert, das einst dem Vater seines Halbbruders gehört hatte, gestürzt – in der vollen Absicht, sich lieber dem Tod zu überantworten, als weiterhin ein willenloser Sklave zu sein.

Doch Fortuna hatte ihre schützende Hand über ihn gehalten und ihm Hilfe geschickt. Das Schwert war an von einer Rippe abgelenkt worden und hatte sowohl sein Herz als auch seine Lunge verfehlt, lediglich eine grässliche Fleischwunde verursacht. So zumindest wurde es ihm später von demjenigen erklärt, der ihn gefunden und die Wunde versorgt hatte.

Und nun musste er mit dieser schmählichen Niederlage leben. Tag für Tag. Das hatte er seinem Bruder noch immer nicht verziehen.

Während seiner Genesung hatte er aber auch Zeit genug gehabt, über die ganzen Geschehnisse nachzudenken. Und er war zu dem Schluss gekommen, dass er unmöglich aus eigener Kraft dem Bann hätte entkommen und seinen Vater für seine Taten richten können. So schwer es ihm auch gefallen sein mochte, so hatte er letztendlich doch eingestehen müssen, dass er dafür viel zu schwach gewesen wäre.

Es war ohnehin reiner Zufall gewesen, dass Flanagan das Medaillon in diesem Moment verloren hatte. Dass er es aufgehoben und einen Blick darauf geworfen hatte und das Gesehene etwas in ihm ansprach, das ihn sich plötzlich gegen die mentalen Fesseln, die seinen Geist willenlos hielten, aufbäumen ließ.

Sobald seine Kräfte wieder ausreichend hergestellt waren, hatte er sich aufgemacht, sich eine neue Mannschaft gesucht – darunter auch einige Männer, die durch dieselbe Hölle wie er gegangen und einstige Anhänger seines Vaters gewesen waren und ihm erneut die Treue geschworen hatten, ganz ohne faulen Zauber – und sich sein Schiff zurückgeholt, welches sein Halbbruder ihm gestohlen hatte.

Aber im Grunde konnte man es nicht einmal als Diebstahl bezeichnen, schalt er sich in Gedanken. Man hatte ihn für tot gehalten. Und tatsächlich war er dem Tod lange Zeit näher als dem Leben. Und die schwarze Pinasse war das einzige Schiff gewesen, das nicht zerstört worden war. Neben dem der Briten, doch deren Anführer schien nicht gerade gut befreundet mit Nick Flanagan zu sein. Also war seine Pinasse für seinen Bruder die einzige Möglichkeit gewesen, von der Insel zu kommen.

Als er endlich wieder Kapitän seines Schiffes war, hatte er sich recht schnell wieder in sein altes Leben eingewöhnen müssen. Erstaunlicherweise war es ihm nicht einmal so schwer gefallen wie ursprünglich angenommen. Irgendwo in seinem Inneren hatte er das Piratenleben wohl auch ein wenig genossen – soweit ihm dies möglich gewesen war.

Er hatte nie etwas anderes kennengelernt. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, wollte er das auch nicht. Die See war seine Heimat und er war Pirat mit Leib und Seele.

Und er wollte, dass die Leviathan wieder das gefürchtetste Schiff auf dem Meer wurde. Wobei er mittlerweile auch schon auf dem besten Weg war, dieses Ziel zu erreichen. Er hatte sie nach dieser unfreiwilligen Pause, die zum Aufatmen und Vergessen genutzt worden war, schnell wieder in Erinnerung gebracht. Der Name des Schiffes wurde unter rechtschaffenen Leuten nur noch flüsternd ausgesprochen und es war noch immer der Inbegriff des Schreckens.

Niemand, der ihm begegnete, überlebte lange genug, um von dieser Begegnung berichten zu können. Trotz der Tatsache, dass er sich geändert hatte, seit er wieder Herr seiner selbst war, hatte er es vermieden, zu häufig Gnade walten zu lassen. Er wollte nicht als gutherzig oder sanftmütig eingestuft werden, denn dazu war seine Vergangenheit zu schwarz und es schadete nur seinem Ruf und der Moral der Mannschaft.

Die einzige Änderung, die es gab, bestand darin, dass er seine Beute sorgfältiger auswählte: Händler, die nicht immer legale Geschäfte betrieben. Nationen, die selbst ebenfalls skrupellos vorgingen und mordeten oder ausbeuteten. Personen also, die wohl niemand vermissen würde.

Und so war die legendäre Leviathan nach einjähriger Abwesenheit in die Karibik zurück gekehrt, machte ihrem Ruf noch immer alle Ehre und wer auch immer das Schiff mit dem schwarz geteerten Rumpf und den schwarzen Segeln erblickte, der wusste, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte.

Bei dem Gedanken daran bildete sich ein grimmiges Lächeln auf seinem blassen Gesicht.

Seine Gedankengänge wurden jäh unterbrochen, als er Schritte hinter sich vernahm, die zu allem Überfluss auch noch genau auf ihn zuhielten. Als ihn die Stimme von einem seiner Männer endgültig aus seinen Gedanken riss, musste er ein frustriertes Seufzen unterdrücken. Doch war es nur natürlich, dass man auf einem Schiff, egal wie groß dieses auch war, nur sehr selten wirklich Zeit für sich hatte. Dafür sorgte allein schon der begrenzte Platz an Bord.

„Käpt’n? Ich… äh… wir haben eine Entdeckung zu melden.“

Ganz offensichtlich spürte der Mann, dass er seinen Kommandanten soeben störte und fürchtete sich vor einer Strafe. Zwar gab der vollkommen in Schwarz gekleidete Pirat sich Mühe, gerecht zu sein, doch seine Strafen bei einem Fehlverhalten waren gefürchtet.

Das Unbehagen des Mannes ließ seinen Zorn über die Störung allerdings wieder verfliegen. Wenngleich er dies niemals vor der Mannschaft zugegeben hätte. Doch tief in seinem Inneren musste er sich ein ums andere Mal eingestehen, dass er wohl doch eine etwas menschlichere Seite dazugewonnen hatte, seit der Bann seines Vaters gebrochen war. Vielleicht hatte er diese aber auch schon immer besessen und sie war nur von ebendiesem stets unter Verschluss gehalten worden.

Genau konnte er es nicht sagen.

Er zwang sich, einen neutralen Gesichtsausdruck zur Schau zu tragen, ehe er sich in einer fließenden Bewegung zu den beiden Männern, die hinter ihm standen, umwandte, um zu sehen, was diese von ihm wollten.

Zu seiner Überraschung entdeckte er Perk und Morisson, zwei seiner loyalsten Männer, die eine vollkommen verängstigt wirkende junge Frau zwischen sich hielten.

Kurz fragte er sich, wie diese an Bord gekommen war und was sie ausgerechnet auf ein Piratenschiff – noch dazu auf das Gefürchtetste der Karibik – getrieben hatte. Allerdings kam er zu dem Schluss, dass er dies durch bloßes Überlegen wohl nicht herausfinden würde und nachhaken musste.

„Was soll das?“ verlangte er mit bedrohlich ruhiger Stimme zu erfahren. „Was hat das Frauenzimmer hier zu suchen? Wart ihr es nicht immer, die mir erzählt haben, eine Frau an Bord brächte das Unglück über Schiff und Mannschaft?“

Mit einer gewissen Befriedigung registrierte er, wie die beiden Piraten unter seinen harschen Worten leicht zusammenzuckten und sich sichtlich unwohl in ihrer Haut fühlten. Auch die junge Frau schien noch eine Spur blasser zu werden, falls das bei ihrem ohnehin nicht gerade rosigen Teint überhaupt möglich war.

Ein kurzes Räuspern lenkte seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf die beiden Männer.

„Ja, Käpt’n…“, begann der Pirat erneut. „Aber wir… Ihr hattet uns doch aufgetragen heraus zu finden, warum der Proviant an Bord ohne unser Zutun abgenommen hat…“

Der Kapitän des schwarzen Schiffes gab ein unwilliges Schnauben von sich. Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann war es der Hang einiger Menschen, um den heißen Brei herumzureden, anstatt auf den Punkt zu kommen.

„Ich kann mich noch gut an meine Befehle erinnern. Du musst sie mir nicht noch einmal wiederholen“, fauchte er deshalb auch sogleich sein Gegenüber an.

Daraufhin verstummte Perk augenblicklich und sein Kumpan musste für ihn einspringen. Dieser schluckte zunächst auch erst einmal sichtlich und schien sich seine Worte mit großer Sorgfalt im Kopf zurechtzulegen, um den Unmut seines Kommandanten nicht noch weiter zu fördern.

„Nun“, begann er nach einer ganzen Weile vorsichtig. „Wir haben den Grund herausgefunden.“

Grob packte er die Frau am Arm und gab ihr einen Stoß, sodass sie vor dem Piratenkapitän auf die Knie fiel. In dieser Pose blieb sie und blickte angstvoll zu Boden. Ihrer Mimik war zu entnehmen, dass sie bereits ihr Gedächtnis darüber durchforstete, von welchen Strafen, die blinde Passagiere erwartete, sie bereits gehört hatte, wenn sie nicht für die Überfahrt zahlen konnten.

„Sie muss sich auf das Schiff geschlichen und im Lagerraum versteckt haben. Wir wissen allerdings nicht, warum. Sie hat bisher noch kein Wort gesprochen.“

Ein wenig ratlos kratzte Morisson sich am Kopf und blickte auf seinen Fang hinab.

Sein Kapitän verbot sich, genervt mit den Augen zu rollen und ließ es stattdessen zu, dass seine Miene sich noch ein wenig mehr verdüsterte.

„Was auch nicht sonderlich verwunderlich ist“, er versuchte gar nicht erst, seinen Unmut über die nicht vorhandene Feinfühligkeit und die für seinen Geschmack zu oft vorkommende Dummheit der beiden Männer zu verbergen.

Doch andererseits – was erwartete er denn? Sie waren Piraten. Gesetzlose. Geächtete. Vermutlich war es daher nicht verwunderlich, wenn es Dinge gab, die sie einfach nicht wussten.

Sie waren zwar in der Tat seine beiden loyalsten Männer – was nicht zuletzt daran lag, dass er sie vor dem Galgen bewahrt hatte. Doch manches Mal hätte er sich lieber ein wenig mehr Intelligenz bei ihnen gewünscht. Wenn er zwei Wachhunde wollte, die bedingungslos gehorchten und nicht weiter denken konnten als bis zu ihrer Nasenspitze, dass besorgte er sich solche und musste keine Mannschaftsmitglieder dazu abstempeln.

Diese beiden hier benahmen sich jedoch oftmals tatsächlich nicht besser als zwei Hunde, die nicht unbedingt einer der intelligenteren Rassen angehörten und ihrem Herrn ständig schwanzwedelnd hinterher liefen und auf Kommandos warteten. Schuldbewusst senkten die beiden Männer nun ihre Köpfe, als sie bemerkten, dass ihr Kapitän – anders als erwartet – nicht gerade erfreut über ihren Fang war.

Erneut musste der Kommandant ein Seufzen unterdrücken. Ja, er hatte tatsächlich diesen beiden befohlen, nach dem Grund zu forschen, weshalb der Proviant schneller als normal abnahm. Doch er hätte nicht unbedingt mit einem blinden Passagier gerechnet. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, wäre ihm eine Rattenplage auch weitaus lieber gewesen.

Das Mädchen bedeutete mit Sicherheit nur Probleme.

Hoffentlich gehörte sie wenigstens einer etwas wohlhabenderen Familie an, damit vielleicht ein kleines Lösegeld für seine Mannschaft und ihn heraussprang. Er hatte keine große Lust, das zitternde Bündel durchzufüttern und im nächstbesten Hafen abzusetzen und nichts als ein Dankeschön dafür zu bekommen. Nein, dann wäre es für ihn immer noch weitaus unproblematischer, wenn er sie mit den Haien bekannt machte, die begierig dem Schiff folgten und ohnehin auf über Bord gegangene Menschen hofften.

Aber in ihrem derzeitigen Zustand würde sie sicher nicht sehr gesprächig sein. Also musste wohl wenigstens er versuchen, ihr gegenüber ein wenig rücksichtsvoller zu sein, wenn seine Mannschaft dies schon nicht schaffte. Er hoffte nur, dass der ganze Aufwand sich auch lohnte.

Doch vorher musste er noch eine andere Sache erledigen.

„Dennoch bekommt ihr für die Lösung unseres Problems im nächsten Hafen, den wir anlaufen, ein paar Tage Landgang“, versprach er.

Augenblicklich hellten sich die Gesichter der beiden Piraten wieder auf. Man konnte sagen, was man wollte. Aber zu seiner Mannschaft war ihr Kommandant niemals ungerecht. Und so schaffte er es auch ganz ohne irgendeinen faulen Zauber, seine Leute zusammen und bei Laune zu halten.

Er konnte nur hoffen, dass er bis zum nächsten Anlaufen irgendeines Hafens auch wusste, was er mit dem Mädchen tun sollte.

Bevor Perk und Morisson ihn jedoch mit Dankesbekundungen überschütten konnten, bedachte er sie noch einmal mit einem vernichtenden Blick, der jedes weitere Wort von ihnen sofort im Keim erstickte. Heute hatte er einfach nicht die Geduld, sich die Laune dieser beiden Männer auch nur einen Moment länger als unbedingt nötig anzutun.

Doch die beiden registrierten zwar, dass sie lieber nichts weiter sagen sollten, blieben aber weiterhin, wo sie waren. Für den Fall, dass es noch irgendwelche Befehle oder gar Probleme mit der Gefangenen gab.

Der schwarz gekleidete Pirat überlegte kurz, ob er die beiden vielleicht unwirsch fortschicken und ihnen irgendeine Tätigkeit geben sollte, entschied sich dann aber dagegen. Solange sie sich ruhig verhielten und seine Nerven nicht weiter strapazierten, konnten sie auch dort stehen bleiben. Er wusste, dass Frauen unberechenbar sein konnten. Und verängstigte Frauen waren sogar noch schlimmer. Also war es vielleicht nicht einmal so verkehrt, wenn noch zwei kräftige Männer in der Nähe waren. Nur für den Fall, dass sie etwas Unüberlegtes anstellen wollte.

Nachdenklich betrachtete er das Bündel, das zitternd vor ihm auf den Planken der Leviathan kniete und die Aufmerksamkeit der Deckmannschaft auf sich zog.

Es ärgerte ihn, dass die Männer an Deck herum standen und sie mit neugierigen Blicken musterten, anstatt ihrer Arbeit nachzugehen. Doch verdenken konnte er es ihnen im Grunde nicht. Sie waren bereits seit geraumer Zeit wieder auf See, hatten bisher allerdings noch nicht das Glück gehabt, ein Schiff aufzubringen. Die Männer langweilten sich und lechzten nach Abwechslung. Und eine junge Frau war in ihren Augen genau das Richtige, um die Stunden nicht lang werden zu lassen.

Angewidert schüttelte er diese Gedanken ab.

Auch, wenn sie Piraten waren und es nicht viele Regeln gab – und auch, wenn Gnade für ihn beinahe schon ein Fremdwort war, wenn man den Geschichten glaubte – so gab es dennoch Grenzen.

Und eine wehrlose junge Frau zu vergewaltigen, gehörte für ihn eindeutig zu den wenigen Dingen, die außerhalb dieser Grenzen lagen. Dafür gab es in jedem Hafen ein Hurenviertel. Für die Zeit auf See mussten die Männer lernen, ihre Triebe im Zaum zu halten.

Prüfend ließ er dennoch den Blick seiner grünen Augen über ihre Gestalt wandern.

Das Mädchen bot einen wahrhaft jammervollen Anblick. Sie trug lediglich ein paar Stofffetzen, die wohl einmal ein schlichtes Unterkleid gewesen waren und nicht mehr besonders viel von ihrer abgemagerten Gestalt vor ihm und der Mannschaft verbargen. So konnte er sie keinesfalls länger herumlaufen lassen, wenn er weiterhin wollte, dass seine Befehle befolgt wurden.

Als hätte die junge Frau die vielen Blicke bemerkt, die auf sie gerichtet waren, raffte sie ihr Gewand vor der Brust noch ein wenig mehr zusammen und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen. Doch scheinbar wagte sie es nicht, den Blick zu heben, sondern starrte stattdessen weiterhin auf die Planken vor sich. Die langen rötlich-braunen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und verbargen dieses vor den Blicken der Umstehenden. Außerdem zitterte sie erbärmlich, da ein steter Wind über das Deck hinweg strich und die morgendlichen Temperaturen recht niedrig hielt.

Als er kurz aufblickte und die Gier in den Augen der Männer sah, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Sein Instinkt riet ihm, mit ihr auf dieselbe Weise zu verfahren, wie es bei blinden Passagieren generell üblich war. Eine Frau an Bord konnte wirklich Unglück bedeuten. Nicht im abergläubischen Sinn, wie viele der Männer dachten. Aber sie verdrehte ihnen den Kopf und sorgte dafür, dass sie ihre Aufgaben nicht mehr gewissenhaft erfüllten.

Und das konnte im Ernstfall weitaus katastrophaler sein als die einfache Anwesenheit eines erfundenen Poltergeistes.

Aber irgendetwas tief in seinem Inneren hielt ihn davon ab, sie einfach über die Planke zu schicken. Er konnte nicht genau sagen, weshalb, aber er wollte wissen, was sie an Bord getrieben hatte. Wie verzweifelt musste ein Mensch sein, um das Wagnis einzugehen, sich ausgerechnet auf dem Schrecken der Karibik verbergen zu wollen? Oder hatte sie am Ende womöglich noch nie  von diesem unheimlichen Schiff gehört, dessen Anblick den nahezu sicheren Tod bedeutete?

Kurzentschlossen streifte der Kapitän des Schiffes sich seinen langen schwarzen Umhang ab, ging noch einen Schritt auf die junge Frau zu – was diese sichtlich zusammenzucken ließ – und legte ihn ihr um die Schultern, was ein nur halbherzig unterdrücktes enttäuschtes Aufseufzen seiner Mannschaft zur Folge hatte.

Das Mädchen zog sich das Kleidungsstück augenblicklich ein wenig enger um den schmalen Körper, zeigte aber sonst keinerlei Reaktion.

Nachdenklich fuhr er sich mit der Hand durch das schulterlange Haar und betrachtete weiterhin den blinden Passagier. Ganz offensichtlich stand sie unter Schock. Ob es an früheren Erlebnissen lag oder ihrer Ergreifung durch seine Männer geschuldet war – immerhin wusste er nicht, wie sie mit ihr umgesprungen waren, ehe sie sie vor ihn geschleift hatten –, konnte nur sie ihm beantworten.

Wie sollte er es nur schaffen, ihre Zunge ein wenig zu lockern, um von ihr zu erfahren, was sie an Bord getrieben hatte? In Gedanken versunken ging er um sie herum, bis er direkt vor ihr stand, und begab sich kurzentschlossen in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Innerlich zwang er sich zur Ruhe, um sie nicht zu verschrecken, und bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.

Einmal mehr ärgerte es ihn, dass es ihn noch immer solche Anstrengung kostete, seiner Gefühle Herr zu werden. Verglichen mit dem erbitterten Kampf gegen die Macht dieses Tranks, den der Schamane seines Vaters auch ihm aufgezwungen hatte, war es zwar schon merklich abgeschwächt. Aber dennoch spürte er noch immer, dass dieses Gebräu sein Blut vergiftete und ihm ein Handeln aufzwingen wollte, dass seiner dunklen Vergangenheit, nicht aber seinem freien Willen, entsprang. Er konnte nur hoffen, dass er stets die nötige Willensstärke besaß, um sich dagegen zu wehren – und dass es mit der Zeit besser werden und ihn nicht für den Rest seines Lebens begleiten würde.

Langsam streckte er die Hand aus und umfasste ihr Kinn. Als sie allerdings erschrocken zurückweichen wollte, wurde sein Griff instinktiv für einen Moment energischer – was scheinbar erneut Panik in ihr auslöste, da sie noch eine Nuance blasser wurde, ihren Widerstand jedoch aufgab.

Ein leises Seufzen entrang sich seiner Kehle, welches allerdings nur die junge Frau hören konnte, und er lockerte seinen Griff wieder etwas – zwang sie aber trotzdem mit sanfter Gewalt, den Kopf zu heben und ihn anzusehen.

Die nackte Todesangst, die ihm entgegen schlug, versetzte ihm einen Stich, den er aber gekonnt ignorierte. Immerhin hatte er einen Ruf zu verteidigen und war auch insgesamt eher weniger gefühlsbetont als andere Menschen. Zumindest nach außen hin hielt er sein inneres Gefühlschaos und seinen ständigen Kampf gegen das Gift in seinem Organismus doch sorgfältigst unter Verschluss. Niemand durfte davon wissen. Schon gar nicht seine Mannschaft, die darin einen Grund zur Meuterei sehen konnte.

Warum also verletzte es ihn, dass sie ihn auf diese Weise ansah? Normalerweise hatte er doch keinerlei Probleme damit. Im Gegenteil. Er freute sich sogar, wenn seine Feinde Respekt hatten oder gar eine solche Furcht zeigten.

Aber war sie denn ein Feind? Dies galt es immerhin noch heraus zu finden.

Aber auch wenn das Mädchen in einem jämmerlichen Zustand war, durfte er sich davon nicht beeinflussen lassen. Womöglich gehörte sie ja tatsächlich auch zu seinen Feinden – war die Tochter irgendeines Mannes, der ihm nach dem Leben trachtete. Und er täte besser daran, sie aus dem Weg zu räumen.

Warum also tat er dies nicht einfach? Warum redete er sich ein, zuvor noch einige Informationen aus ihr herausholen zu wollen?

Er konnte es beim besten Willen nicht sagen und entschied, sich später den Kopf darüber zu zerbrechen.

Behutsam strich er ihr das Haar aus dem Gesicht und stellte fest, dass die junge Frau sehr ebenmäßige Züge besaß und generell einen eher blassen Teint hatte. Demnach musste sie tatsächlich aus einer wohlhabenderen Familie stammen. Sie hatte nie harte Arbeit unter der karibischen Sonne verrichten müssen.

Da sie ihn auch weiterhin nur aus großen Augen ansah, überlegte er fieberhaft, wie er sie ansprechen sollte. Welcher Nationalität gehörte sie wohl an? Nun, da würde er wohl ein wenig herum probieren müssen. Also wählte er zunächst das für ihn nächstliegende aus.

„Parlez-vous Français*?“ Er gab sich Mühe, die Frage nicht zu fordernd klingen zu lassen, sondern mit sanfter Stimme zu sprechen, wie man es auch bei einem verängstigten Tier tat.

Dennoch erhielt er keine Antwort. Zu seiner Erleichterung sah er aber, wie die Panik in ihrem Blick ganz langsam wich und eine zögerliche Neugier auftauchte. Ein zögerliches Kopfschütteln sollte ihm wohl signalisieren, dass sie kein Wort verstanden hatte.

Kurz schien sie zu überlegen, ehe sie zaghaft den Mund öffnete, um etwas zu sagen. Aufmunternd sah er sie an und strich ihr vorsichtig noch eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Doch diese Geste ließ die junge Frau heftig zusammenzucken und erneut zurückweichen.

„Sprecht Ihr englisch?“ hakte er weiter nach und erhielt nach einiger Bedenkzeit zumindest ein scheues Nicken zur Antwort. Immerhin etwas. Mit Spanisch oder einer anderen Sprache hätte er nur bedingt aufwarten können.

Wie seine beiden Männer es vor ihm getan hatten, so war es nun an ihm selbst, seine Worte mit Bedacht zu wählen. „Weshalb seid Ihr an Bord gekommen? Was ist im Hafen vorgefallen?“

Für ihn stand fest, dass sie sich nur im letzten Hafen, in dem sie geankert hatten, um ihre Vorräte aufzufüllen, an Bord geschlichen haben konnte. Unmöglich konnte sie noch länger unbemerkt an Bord gewesen sein.

Als er sie jedoch wieder daran erinnerte, dass sie widerrechtlich auf dieses Schiff gegangen war und welche Strafen für gewöhnlich auf eine solche Tat standen, kehrte ihre Angst erneut zurück und erschrocken versuchte die junge Frau von neuem, den Blick auf die Planken zu senken und sich möglichst klein zu machen.

„Habt keine Angst. Ich möchte in allererster Linie Antworten auf ein paar Fragen und die kann ich schwerlich bekommen, wenn ich mit Euch wie mit jedem anderen blinden Passagier verfahre, n’est-ce pas*?“ versuchte er das vollkommen verängstigte Nervenbündel zu beruhigen und hob erneut ihr Kinn an, sodass sie nicht länger die Maserung der Deckbeplankung studieren konnte.

Er hatte absichtlich nicht ausdrücklich gesagt, dass ihr nichts geschehen würde. Schließlich konnte er dies nicht versprechen. Das lag allein an ihren Antworten. Doch hatte die blinde Passagierin mit Sicherheit zu viele andere Dinge im Kopf, als dass ihr diese Formulierung Grund für neues Misstrauen geben konnte.

Kapitulierend schloss sie die Augen und wich auf diese Weise seinem Blick aus. An ihrem tieferen Luftholen erkannte er aber, dass sie bereit war zu sprechen und wartete geduldig. Einmal mehr fragte er sich insgeheim, warum er sich das überhaupt antat.

„Danke… für den Umhang“, krächzte sie heiser und räusperte sich anschließend.

Offenbar hatte seine gewählte, beinahe schon vornehme, Ausdrucksweise dem zarten Pflänzchen namens Vertrauen ein wenig Nahrung gegeben und die Hoffnung in ihr geschürt, in die Hände eines Ehrenmannes geraten zu sein. Diesen Irrtum würde sie noch früh genug bemerken.

Für den Bruchteil eines Augenblickes schenkte er ihr ein ehrliches Lächeln und nickte ihr leicht zu.

Anschließend gab er einem der umstehenden Männer ein Zeichen, woraufhin dieser sich nach einem verstehenden Blick langsam zurück zog. Es dauerte allerdings nur ein paar Augenblicke, bis er zurückkehrte und seinem Kommandanten einen hölzernen Becher überreichte, den dieser sofort dem Mädchen anbot.

Erneut traf ihn zunächst ein äußerst misstrauischer Blick. Als sie aber keinerlei Anzeichen für bösartige Absichten in seinen grünen Augen entdecken konnte, griff sie zögernd danach, schnupperte kurz an dem Inhalt, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen, und leerte anschließend gierig das Gefäß.

Ihr „Danke“ im Anschluss hörte sich schon eher nach der Stimme einer jungen Dame denn eines Reibeisens an.

Wortlos nahm ihr Gegenüber den leeren Becher wieder entgegen und reichte ihn weiter. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, unter welchen Bedingungen sie im Inneren des Schiffes gelebt hatte und dass es dort lediglich abgestandenes und Krankheiten förderndes Wasser gab, wusste er aus eigener Erfahrung nur zu gut. Die Wasservorräte für die Mannschaft bewahrten sie andernorts auf.

„Weshalb seid Ihr an Bord gekommen?“ wiederholte er noch einmal seine Frage und sah sie mit leichter Neugier an.

Nervös schluckte die junge Frau und schien ihre Worte genau zu überlegen, ehe sie zu einer Antwort ansetzte.

„Es tut mir leid“, begann sie schließlich nach einer Weile des Schweigens und ließ ihren Kopf wieder etwas hängen. „Ich wollte mich nicht auf Euer Schiff schleichen, aber ich… hatte einfach keine andere Wahl.“

Von dieser Antwort verwirrt legte der schwarz gekleidete Mann, der nach Einschätzung der jungen Frau noch ausgesprochen jung wirkte, um das Kommando über ein solch beeindruckendes Schiff inne zu haben, die Stirn in Falten. Was wollte sie damit sagen?

Kurz ließ er den Aufenthalt im letzten Hafen noch einmal Revue passieren. Sie hatten etwas abseits der anderen dort ankernden Schiffe angelegt, um ihre Vorräte wieder aufzufüllen, einige für sie unbrauchbare Beutestücke zu Geld zu machen und  einmal für ein paar Tage festen Boden unter den Füßen zu haben. Allerdings hatte sich all dies weit außerhalb der kleinen Hafenstadt abgespielt und in dem Ort selbst hatten sie nur so viel Zeit verbracht, wie sie benötigt hatten, um ihn zu durchqueren. Als sie nach kurzem Aufenthalt wieder zum Hafen gingen, hatte die Stadt die Spuren eines Kampfes getragen und man hatte von einem Überfall berichtet.

Allerdings konnte sie doch unmöglich diesen meinen. Schließlich waren sie erst mehrere Tage nach dem Überfall, der offenbar von der Landseite aus durchgeführt worden war, da die Schiffe im Hafen nicht in Mitleidenschaft gezogen worden waren, zurück gekommen. Jeder normale Mensch hätte ein vor Anker liegendes Schiff spätestens nach dem ersten Tag, den es noch immer nicht in See gestochen war, wieder verlassen und sich ein anderes gesucht.

„Warum habt Ihr es dann getan? Und was meint Ihr mit keine andere Wahl?“

„Ich…“ Die junge Frau atmete noch einmal tief durch. Doch dann sprudelte es nur so aus ihr heraus. Insgeheim war sie froh, dass dieser junge Kapitän mit eindeutig französischem Akzent scheinbar vorerst von einer Bestrafung absah. Konnte sie doch nicht verleugnen, dass sie Britin war – und es war auch kein großes Geheimnis, dass Franzosen und Briten sich nicht sonderlich mochten. „Der Hafen wurde angegriffen. Meine Familie und ich… wir schlichen uns an Bord verschiedener Schiffe, um von dort weg zu kommen. Die Piraten haben alles in Brand gesteckt und…“

Während ihres Berichts hatte sie sich bemüht, möglichst ruhig zu erzählen. Doch als sie nun aufblickte, um ihrem Häscher in die Augen zu sehen, entdeckte sie hinter diesem die schwarze Flagge mit dem weißen Totenkopf an einem Mast des Schiffes. Sie registrierte nur nebenbei, dass der Jolly Roger* von dem üblichen Modell, wie man es immer in Büchern sah, abwich und unter dem Schädel noch eine Sanduhr aufwies – das Zeichen, dass für diejenigen, die das Pech hatten, das Schiff mit dieser Flagge zu erblicken, die Zeit auf Erden abgelaufen war. Der Anblick erschreckte sie jedoch zu sehr, als dass sie sich über dieses Detail Gedanken machen konnte.

Sie war also ausgerechnet auf einem Piratenschiff gelandet – und soweit sie wusste, waren die Bestrafungen auf einem solchen noch gefürchteter als auf Handelsschiffen.

Sofort sprang die junge Frau auf die Füße und wich so weit wie möglich vor dem Piraten und seiner Mannschaft zurück.

Der Kapitän allerdings schien noch nicht bemerkt zu haben, was genau sie dermaßen aus der Fassung gebracht hatte und beobachtete ihr Verhalten mit leichter Verwirrung. Langsam erhob er sich ebenfalls – die junge Frau dabei nicht aus den Augen lassend. Dennoch glaubte er nicht, dass sie irgendetwas im Schilde führte und hielt Perk und Morisson mit einer Geste zurück, als diese die junge Frau sofort wieder einfangen wollten.

Die beiden Männer warfen ihrem Kommandanten zwar einen verunsicherten Blick zu, rührten sich aber nicht von der Stelle. Als der Kapitän der Piratenmeute allerdings einen Schritt auf sie zu ging, wich die Gefangene ängstlich zurück.

„Ihr… seid auch Piraten…“, hauchte sie und lieferte damit auch sogleich die Erklärung für ihr plötzlich so verändertes Verhalten.

Auf dem Gesicht ihres Gegenübers bildete sich ein feines, aber dennoch kaltes Lächeln und in seinen Augen lag eine Spur von Belustigung. Das also war die Ursache ihrer Angst. Sie hatte die schwarze Flagge am Mast entdeckt.

„Warum so überrascht? In diesen Gewässern gibt es nun einmal mehr Piraten als alles andere“, meinte er ruhig und setzte sich erneut in Bewegung.

Langsam ging er auf sie zu und wirkte beinahe wie ein Raubtier, welches seine Beute umkreiste und überlegte, wie es diese am Besten erlegen sollte. Doch in derselben Geschwindigkeit, in der er sich ihr näherte, ging die junge Frau rückwärts von ihm weg.

Allerdings spürte sie schon nach wenigen Schritten die Reling im Rücken, die ihre Flucht abrupt beendete. Ängstlich krallte sie die Finger in das Holz und blickte sich um. Bisher hatte sie ihre Aufmerksamkeit nur auf den Mann ihr gegenüber gerichtet. Nun aber bemerkte sie auch all die anderen Piraten, die an Deck standen und sie beobachteten. Dennoch machte keiner von ihnen Anstalten, eingreifen zu wollen. Offenbar wollten sie ihrem Kommandanten nicht den Spaß verderben.

Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken. In der Gewalt von Piraten würde sie nicht mit einer einfachen Bestrafung davon kommen. Wahrscheinlich würden die Kerle versuchen, sie zu vergewaltigen, und sie anschließend einfach über Bord werfen. Nein, ein solches Schicksal wollte sie keinesfalls erleiden müssen. Da würde sie ihre Haut wenigstens so teuer wie möglich verkaufen und sich anschließend lieber selbst das Leben nehmen, als darauf zu warten, dass diese Piraten es taten.

Es war ihr egal, was der Priester bei ihr zu Hause diesbezüglich vom Fegefeuer predigte. Gott konnte doch nicht so erbarmungslos sein, dass er nicht abwog, aus welchen Beweggründen heraus ein Mensch diese Verzweiflungstat beging. Er konnte doch nicht wollen, dass eine seiner Töchter gedemütigt und geschändet wurde und sich nicht dagegen wehren, sondern alles in stiller Demut ertragen sollte. Und selbst wenn – das Fegefeuer konnte schließlich auch nicht schlimmer sein als die Dinge, die die Piraten mit ihr tun würden.

Entschlossen hob sie also ihr Kinn ein wenig an und verstärkte den Griff um die Reling.

„Keinen Schritt weiter“, forderte sie mit fester Stimme und ignorierte gekonnt die Tatsache, dass ihre Beine ihr vor Angst den Dienst versagen wollten. Diese Kerle sollten keinesfalls sehen, welche Panik nun wieder von ihr Besitz ergriffen hatte. Das würde sie doch höchstens noch weiter anspornen.

„Kommt mir nicht zu nahe oder ich…“, brauste sie weiter auf, wurde aber vom Kapitän des Schiffes unterbrochen.

„Oder was?“, fragte dieser unbeeindruckt, blieb aber tatsächlich kurz stehen und schien zu überlegen, was sie wohl tun würde, um ihre nur recht spärlich versteckte Drohung wahr zu machen.

Der musternde Blick aus den grünen Augen, der sie regelrecht abzutasten schien, wollte ihr überhaupt nicht gefallen und sie raffte den schwarzen Umhang noch ein wenig mehr vor ihrer Brust zusammen – als Zeichen, dass sie zumindest ahnte, was die Piraten mit ihr vorhatten. Augenblicklich blieb der Blick des scheinbaren Kapitäns auf ihren vor der Brust verkrampften Händen hängen und wieder zeichnete sich ein feines Lächeln auf seinem Gesicht ab.

Nein, diesem Mann konnte sie nichts vormachen. Selbst wenn sie es schaffte, dass ihre Stimme nicht zitterte und sie einigermaßen aufrecht vor ihm stand. Er hatte eine zu gute Menschenkenntnis und erkannte an genügend anderen nonverbalen Zeichen, wie sie sich in Wahrheit fühlte.

Und dennoch wollte sie sich vor den anderen Piraten keine Blöße geben. Denn mit Sicherheit hatten nicht alle von ihnen ein solch feines Gespür für die verborgensten Gefühle ihres Gegenübers.

Angriffslustig reckte sie ihr Kinn ein wenig vor. Sie war eine Kämpferin und das würde sie diesem Piraten auch beweisen. Egal, was ihr Körper sagte und wie groß ihre Angst auch war. Ihr Wille war stark und sie würde sich nicht so schnell brechen lassen. An ihr würde er sich die Zähne ausbeißen, wenn er an Informationen kommen wollte und dachte, diese durch Drohungen zu erhalten.

Und wenn er sie tatsächlich missbrauchen wollte, würde sie dies ebenfalls nicht kampflos hinnehmen, sondern sich wehren und anschließend lieber selbst ihrem Leben ein Ende setzen, als ihren Körper einer solchen Tortur zu unterziehen und diese Schmach zu ertragen.

„Nun, lasst Euch gesagt sein, dass ich mich zu verteidigen weiß!“ Trotzig hob sie den Blick und sah ihr Gegenüber herausfordernd an.

Dieser Mut hielt jedoch nicht lange an. Als wären ihre Worte eine Aufforderung gewesen, setzte der Pirat sich wieder in Bewegung und tat noch einen Schritt auf die junge Frau zu, was vor ihrem geistigen Auge erneut das Bild einer Raubkatze aufflackern ließ.

„Soll das nun eine Herausforderung sein oder eher eine Drohung?“ wollte er mit bedrohlich ruhiger Stimme wissen und die junge Frau fragte sich, ob er überhaupt wusste, welche Wirkung dieses Auftreten auf sie und wahrscheinlich alle anderen Leute, die er einschüchtern wollte, auch hatte.

Dann jedoch schalt sie sich eine dumme Gans. Natürlich wusste er, wie er auf andere wirkte und wie er seine Ziele ohne größeren Aufwand erreichen konnte.

Sie konnte eine leichte Befriedigung von seinem Gesicht ablesen, als er bemerkte, dass sie immer noch mehr an Gesichtsfarbe verlor, je näher er ihr kam.

Als er direkt vor ihr stand, setzte er sein Spielchen mit offensichtlichem Vergnügen fort: „Ihr wagt es tatsächlich, mir auf meinem eigenen Schiff zu drohen?“

Diese ungewohnte Nähe zu ihm und seine mehr als bedrohliche Ausstrahlung ließen sie für einen Moment ihre eben gefassten Entscheidungen vergessen und sie sehnte sich eine Lücke zwischen den Planken herbei, in welche sie sich verkriechen konnte.

Aus großen Augen musterte sie den Mann eine ganze Weile und war nicht fähig, denn Sinn seiner Worte zu entschlüsseln – zu gelähmt war die junge Frau vor nackter Todesangst. Erst nach und nach kristallisierte sich ein tieferer Sinn seiner Worte heraus. Doch noch immer war sie nicht fähig, zu antworten, da ihre Kehle wie zugeschnürt war und sie ihr eigenes Blut in ihren Ohren rauschen hörte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie befürchtete schon, er könne es hören.

Bei seiner momentanen dämonischen Aura hätte es sie jedenfalls nicht gewundert.

„Nein, ich wollte nur…“, hauchte sie, wurde aber sofort wieder unterbrochen.

„Ja? Was wolltet Ihr? Stellt meine Geduld lieber nicht zu sehr auf die Probe. Diesen Fehler haben schon ganz andere vor Euch teuer bezahlt.“

Sie fühlte sich von seinem Blick regelrecht festgenagelt und zuckte unter seinem schneidenden Tonfall zusammen wie unter einen Peitschenhieb. Warum musste sie auch zeigen, dass sie die Piratenflagge am Mast gesehen hatte?

Bis dahin war ihre Situation schließlich weitaus weniger brisant gewesen und er schien sogar einigermaßen freundlich zu sein. Für einen Franzosen jedenfalls.

Was wäre wohl geschehen, wenn sie ihren Bericht in aller Ruhe beendet und nicht gleich die Flucht ergriffen hätte? Hätte er sich als Pirat zu erkennen gegeben? Mit Sicherheit hätte er sie aber nicht einfach an Bord behalten, ohne eine Gegenleistung zu verlangen – oder sie gar nach Hause gebracht.

Was bildete sie sich da ein? Hätte sie die Flagge nicht gesehen, hätte er sich, nachdem er alle gewollten Informationen hatte, ganz bestimmt als Pirat zu erkennen gegeben und es wäre im Endeffekt auf das Gleiche hinaus gelaufen. Nein, von diesem Piraten hatte sie zu keiner Zeit etwas anderes erwarten können.

Und aus diesem Grund sollte sie sich auch nicht einfach so geschlagen geben. Er machte ohnehin vermutlich kein großes Federlesen mit ihr, wenn er hatte, was er wollte.

Entschlossen atmete die junge Frau einmal tief durch und ermutigte sich in Gedanken, ihren Vorsatz umzusetzen und diesem Verbrecher keinerlei Informationen zu geben, sondern vielmehr zu kämpfen. Auch, wenn sie hier auf verlorenem Posten stand. Ein schneller Tod aufgrund von erbittertem Widerstand war längeren Qualen immer noch vorzuziehen.

Es tat ihr gut, zu spüren, wie ihr Wille und ihr Kampfgeist zurück kehrten und sie hob den Blick, um ihm dies ebenfalls zu zeigen. Er sollte ruhig sehen, dass sie nicht kampflos aufgeben würde.

Sie konnte sehen, wie sich eine leichte Überraschung in seinen Blick schlich. Ihr neu entdeckter Kampfgeist verwirrte – und beeindruckte? - ihn für einen Moment so sehr, dass er nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte.

„Verfluchtes Piratenpack!“, schrie sie und legte all ihre Panik in diesen einen Ausruf.

Und ehe der Pirat sich versah, hatte sie ihm auch schon eine schallende Ohrfeige versetzt.

Erst, als es zu spät war, bemerkte sie, dass sie ihrer Angst und ihrem Kampfgeist wohl ein wenig zu viel Ausdruck verliehen hatte. Bisher hatte der Pirat ihr nichts getan, sondern sich allein auf das Einschüchtern seiner Gefangenen verlegt. Doch nun garantierte nichts und niemand mehr dafür, dass er sie weiterhin so behandeln würde oder ob er nicht vielleicht seine Taktik ändern und Taten sprechen lassen würde.

Schaudernd erinnerte sie sich an all die Erzählungen über Auspeitschungen mit der neunschwänzigen Katze* und ähnliches. Würde sie nun genau dieses Schicksal erwarten?

Langsam zog sie ihre Hand zurück und krallte sich wieder in der Reling fest. Mit einem Mal waren die Gedanken an Rebellion und Verteidigung verflogen und sie hoffte, dass seine Wut nicht so groß war, dass er sie lange leiden ließ. Doch lag es nicht länger in ihrer Hand und sie konnte nur beten, dass es kurz und verhältnismäßig schmerzlos ablaufen würde – was auch immer die Bestrafung für diese Tat war.

Nach einem schnellen Blick über das Deck – der eigentlich nach Fluchtwegen gesucht hatte – stellte sie fest, dass die Piraten ringsum verstummt waren und voll ängstlicher Spannung die Reaktion ihres Kommandanten abwarteten. Dass niemand eingegriffen hatte, verschlimmerte ihre Vorahnungen noch zusätzlich. Überdeutlich konnte sie das gelegentliche Knarren von Holz und das Rauschen des Wassers hören, welches sich mit ihrem Herzschlag zu einem undurchdringlichen Hämmern in ihrem Kopf vereinte.

Ängstlich blickte sie den Kapitän des Schiffes an, den nun ein leuchtend roter Handabdruck auf der blassen Wange zierte. Ein Blick in seine Augen ließ jedoch all ihre Hoffnungen auf eine verhältnismäßig glimpfliche Strafe – oder wenigstens einen schnellen Tod – sofort schwinden.

Aufgrund ihres Angriffs schien irgendetwas in seinem Blick gerade zerbrochen zu sein. Seine Augen wirkten plötzlich seltsam blicklos und kalt, geradezu leblos. Doch gleichzeitig hatten sie sich vor Zorn verdüstert und sie erkannte darin keine simple Mordlust, sondern den Wunsch, sein Opfer dermaßen zu quälen, bis es um den Tod bettelte. Und sie zweifelte nicht daran, dass er genügend Mittel und Wege kannte, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen.

Ein leises Wimmern entrang sich ihr, als sie zu dieser Erkenntnis kam. Doch sie schlug schnell die Hände vor den Mund, um ihn nicht unnötig auf sich aufmerksam zu machen.

Der Pirat war jedoch zunächst selbst zu überrascht von der Dreistigkeit der kleinen blinden Passagierin, um irgendwie reagieren zu können. Noch nie hatte es jemand gewagt, einen Damian Bricassart zu schlagen. Also konnte es nur zwei Möglichkeiten geben: entweder dieses Frauenzimmer war ganz besonders dumm oder aber lebensmüde.

Er spürte, wie eine unbändige Wut über dieses Verhalten ihm gegenüber von ihm Besitz ergriff und musste mehrmals tief durchatmen, um nichts Unüberlegtes zu tun. Kalter Zorn und Mordlust bemächtigten sich seiner und eine allzu bekannte – und insgeheim gefürchtete – Dunkelheit legte sich über seinen Geist, schaltete sämtliche Empfindungen aus und flüsterte ihm den brennenden Wunsch nach Vergeltung ein.

Niemandem war geholfen, wenn das Mädchen nun einfach über Bord ging – oder an den Folgen einer adäquaten Bestrafung starb. Weder hätte er seine Informationen bekommen, noch würde er vielleicht ein Lösegeld aus der Sache herausschlagen können.

Beinahe verzweifelt versuchte er, sich an diese immer leiser werdende Stimme der Vernunft zu klammern und die Dunkelheit zurückzudrängen. Doch er spürte, dass die junge Frau eine Grenze überschritten hatte und er diesmal den Kampf gegen seine Vergangenheit verlieren würde…

Ohne ein Wort zu sagen, drehte er den Kopf mit langsamen Bewegungen wieder in ihre Richtung. In seinem Inneren focht sein Verstand noch immer einen erbitterten Kampf mit der in ihm herrschenden und sich allmählich ausbreitenden Dunkelheit aus und musste sich dieses Mal geschlagen geben.

Auch wenn er sich äußerlich nichts anmerken ließ und eine unheilvolle Ruhe ausstrahlte, so konnte er doch beobachten, wie seine Gefangene erbleichte.

Natürlich. Es sind die Augen, dachte er spöttisch. Vollkommen egal, wie gut man sich unter Kontrolle hat. Die Augen verraten immer, was gerade in einem Menschen vorgeht.

Und irgendwo in seinem tiefsten Unterbewusstsein wusste er auch genau, dass seine eigenen Augen momentan kalt und leblos waren. Diesen willenlosen, stumpfen Blick hatte er fast 19 Jahre seines Lebens an den ihn umgebenden Personen gesehen und eines Tages selbst getragen. Als er nach ermessen seines Vaters alt genug gewesen war, in seine Dienste zu treten.

Etwas in seinem Inneren wand sich in blankem Entsetzen und wollte ein letztes Mal dagegen aufbegehren. Doch es war diesmal zu schwach.

Die tödliche Gelassenheit, die von dem Piraten ausging, verhieß für die junge Frau nichts Gutes. Und tatsächlich holte er aus und traf sie mit dem Handrücken so hart im Gesicht, dass sie strauchelte und auf die Planken stürzte. Ihre Wange brannte wie Feuer und der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen.

Ängstlich bemerkte sie aus den Augenwinkeln, wie er seine Rechte mehrmals zur Faust ballte und wieder öffnete, um sich zur Ruhe zu zwingen.

Die umstehenden Piraten waren zu ihrer Überraschung einen Schritt zurück getreten und blickten ebenfalls vollkommen verängstigt auf ihren Kapitän. Sie wagten kaum zu atmen. Einige von ihnen ballten ebenfalls mit gequälten Mienen ihre rechte Hand zur Faust.

Sie alle konnten seinen Zorn fast körperlich spüren und die Gefangene schloss insgeheim bereits mit ihrem Leben ab, so beängstigend war für sie die Wandlung, die mit ihrem Gegenüber plötzlich vonstattengegangen war.
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