Die Gesetze des Livian Duvall

GeschichteDrama, Romanze / P16
11.10.2019
09.11.2019
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A/N:
Hey, außnahmsweise mal ein Vorwort von mir.
Die Geschichte wurde wegen dem Zwischenkapitel gesperrt, aber da es jetzt weg ist, ist alles wieder gut.
Für die die wissen wollen was drin stand:

-∞-

"Hey, ich weiß es ist kein echtes Kapitel, aber ich wollte euch wissen lassen das es mich erwischt hat.
Diese fiese Grippe quält mich seit einigen Tagen und mein Kopf bringt mich um. Deswegen entschuldigt wenn noch mehr Fehler in dem letzten und dem folgenden Kapitel waren/sein werden. (╯︵╰,)
♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡
Außerdem wollte ich einmal anfragen ob jemand interesse am Beta-Lesen dieser Geschichte hat, gerne privat melden, dann kann man alles weitere klären. (*^▽^*)/
♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡
Ansonsten bis morgen, wenn das nächste Kapitel kommt,
eure Rina♡"

-∞-

Also nix dramatisches, es war bloß ein "leeres" Kapitel.
So jetzt gehts aber los:

~~~~

Wir sind eine gute Weile unterwegs -auf einem Schotterweg- bis wir in einen Wald kommen, wo es steiler wird und der Schotter mich das ein oder andere Mal wegrutschen lässt.

Jedesmal hat Livian Duvall nach meinem Arm gegriffen so dass ich gar nicht fallen konnte.
"Ich dachte du bist für sowas ausgebildet?", höre ich die unverhohlene Schadenfreude in seiner Stimme.
"Schnauze, Poohbär. Ich hab keine Wanderschuhe dabei und der Weg ist blöd.", grummel ich und versuche halbwegs normal zu gehen.
Ich habe zwar praktische und bequeme Schuhe an, allerdings haben die für so einen Weg zu wenig Profil.

"Gleich gehen wir vom Weg runter, dann laufen wir auf Waldboden.", er hält mir die Hand hin, doch beleidigt stapfe ich an ihm vorbei, was mich wieder wegrutschen lässt.
Da er hinter mir ist, fängt er mich auf bevor ich zu sehr nach hinten fallen kann und ich spüre das er ein Lachen unterdrückt.
Blöder Idiot!

Nach der nächsten Biegung steuert er tatsächlich eine Art Trampelpfad an, der zwischen zwei Tannen in den Wald führt.
Dort ist es angenehmer zu laufen auch wenn es steiler wird.

"Na besser?", ich höre noch immer die Schadenfreude und schlage nach ihm, was ihn nur noch mehr erheitert.
Gespielt beleidigt folge ich dem Pfad und konzentriere mich auf die Umwelt.

Die Luft ist ziemlich lau und es riecht nach Kiefern und Laub. Einige wenige Laubbäume haben begonnen sich zu verfärben, die Nadelbäume sind entweder kahl und ohne Äste -da sie jemand abgesägt hat- oder irgendwie gelbgrün. Alles in allem, absolut kein Bilderbuch Wald, aber es ist trotzdem schön.
Ich mag Wälder, ich mag die Natur und hier zu sein entspannt mich mehr als ich erwartet habe.

Ich hab gar nicht bemerkt wie gestresst ich die letzten Tage war, die ganze Action mit Dale Parrish, das Studium und die Tatsache in diese Ehe -in diese vollkommen verdrehte Welt- hineingezogen worden zu sein, war genug Aufregung für ein ganzes Leben. Auch wenn mich das wie eine alte Frau klingen lässt und gefühlt jeder in meinem Leben von sich sagt viel durchgemacht zu haben, glaube ich das tatsächlich von mir behaupten zu können.

"Worüber denkst du nach?", ruft Livian Duvall außer Atem und ich drehe mich zu ihm um. Als ich sehe, wie weit er zurück gefallen ist, bleibe ich stehen.
"Nichts.", die Antwort kommt zu schnell -das merke ich- und meine Wangen beginnen zu glühen. Wieso mir das peinlich ist, weiß ich selber nicht.

"Du bist so versunken, ich hab dich 4 Mal gerufen. Jetzt sag schon, sonst zwinge ich dich."
Grinsend mache ich ein paar Schritte weiter von ihm weg:"Dafür müsstest du mich erstmal erwischen."

Er sieht mich halb warnend, halb scherzend an:"Ist das eine Herausforderung?"
Grinsend gebe ich von mir:"Absolut nicht, das wäre unfair dir gegenüber."

Schnaubend macht er sich daran, mir schneller zu folgen, doch ich eile ihm immer ein paar Schritte vor raus und bleibe dann stehen.
Er ist stärker, doch schneller aus der Puste, da es wirklich sehr steil ist, ich bin im Vorteil und das weiß er.

"Na schön, hast gewonnen. Jetzt sag mir trotzdem was dich so beschäftigt hat."
Auf einem umgefallenen Baumstamm sitzend sehe ich ihm zu, wie er bei sich bei einer sehr steilen Stelle an den Wurzeln hochklettert. Mein Rucksack liegt neben der improvisierten Bank.

"Du wirst mich auslachen.", ich verschränke die Arme und runzel die Stirn, was seine Augen zum leuchten bringt und obwohl er sich zusammen reißt, sehe ich das er innerlich am lachen ist. "Du lachst mich jetzt schon aus."

"Ich lache gar nicht.", kaum das er es den Abhang hoch geschafft hat legt er sich auf den Boden und atmet schwer. "Du lachst innerlich, das ist fast noch schlimmer."
Er sieht mich überkopf an. "Ich kann nichts dafür das du lustig bist. Jetzt sag bitte."

"Ich hab nur so 'n bisschen über alles nachgedacht. Mein Leben war in letzter Zeit sehr...abenteuerlich und ich komme mir viel älter vor als bloß 18, als wäre ich seit Mai um Jahre gealtert. Das Gefühl hatte ich schon während der Zeit in Schottland und kurz danach." Noch nie war es so offensichtlich, das er sich zusammenreißen muss.
"Du lachst, hör auf damit."
"Tut mir leid, aber du bist erst 18 und das sagt irgendwie jedes Mädchen in dem Alter."

Schmollend sehe ich weg, wegen ihm komme ich mir vor wie eine kindische Idiotin:"Aber nicht jedes 18 jährige Mädchen wird zwangsverheiratet und in Bandenkriege verwickelt, während sie versucht eine der weltbesten Anwälte zu werden und ihre Vergangenheit in Schottland zu vergessen. Du kannst mir nicht erzählen dass das gewöhnlich ist."

Mit nachdenklichem Gesichtsausdruck steht er auf und setzt sich neben mich. "Du...hast ganz glücklich gewirkt, in letzter Zeit."
Genervt sehe ich ihn an:"Was hat dich denken lassen, das ich glücklich bin? Die Albträume oder mein dauergestresstes Lernen um mich abzulenken? Oder vielleicht das ich ständig entführt werde oder jemand auf mich schießt?"

Darauf hin schweigt er. "Ich bin irgendwie froh hier zu sein, weit weg von der Zivilisation, weit weg von der Uni und...allem. Der Wald ist beruhigend und ich genieße die Stille, aber das zeigt mir auch, wie stressig alles war.

Ich hab versucht das Studium hinzubekommen und mich mit der Situation anzufreunden, ich hab das wirklich versucht.
Um meinetwillen, um Charlotte und Winston nicht zu geben was sie wollen, um das Beste daraus zu machen wie die Dinge stehen, aber jetzt merke ich das ich nicht mehr lange durchhalten konnte, keiner kann ewig durchhalten ohne zu zerbrechen oder so hart zu werden, das einen gar nichts mehr berührt. Wie Rebecca, Jonathan oder...William, mein Vertrauenslehrer auf der O.C.P.A.

Ich will ich bleiben, ich will nicht zurück, aber ich glaube dass gerade das passieren wird wenn ich zu sehr in diese Welt rutsche, weil ich niemals zulassen würde, das ich an irgendwas zerbreche, dazu bin ich zu stur.

Die Zeit nach Schottland...ich hatte Albträume und war am Boden, wesentlich schlimmer als jetzt, aber ich hab mir ganz zu Anfang in Schottland geschworen, das ich nicht breche, niemals.
Nicht diese Schule, nicht meine biologischen Eltern und erst recht nicht irgendjemand oder irgendetwas Anderes.
Du und deine Welt gehören dazu, aber ich will auch nicht zu hart werden.
Aber um zu deiner "Frage" zurück zu kommen; Ich weiß nicht ob glücklich zu sein, ich weiß nicht ob das zur Zeit möglich ist, verstehst du?"

"Gibt es keine dritte Möglichkeit? Farlan denkt glaub ich ähnlich und ich bin mir sicher das er eine Dritte Möglichkeit gefunden hat.", das er gar nicht sagt »es würde alles wieder gut werden« rechne ich ihm hoch an -weil das nie wahr ist- sondern tatsächlich versucht einen Teil des Problems zu lösen.

Mir auf die Lippe beißend denke ich nach:"Ich werde ihn fragen, weil es mir vielleicht diese Angst nimmt. Ich will nicht zurück. Ich will eigentlich gar nicht in dieser Situation stecken, aber was bringt es mir über etwas zu jammern, an dem ich nichts ändern kann?
Ich kann nur das Beste daraus machen, den besten Weg finden."

"Ist es so schlimm mit mir verheiratet zu sein? Ich hatte gedacht, so langsam hast du dich in mich verliebt oder bist zumindest dabei, ist immerhin erst einen Monat her."

Erschrocken sehe ich ihn an. Seine Frage borrt sich tief in meinen Kopf und wirft weitere Fragen auf.
Bin ich verliebt?
Es fühlt sich nicht so an, ich bin eher entspannt als das ich Schmetterlinge im Bauch habe.
Ich bin weder nervös noch flattert mein Herz wenn ich ihn sehe, eher ruhig und vollkommen klar.
Aber wenn ich nicht verliebt bin, was ist es dann was mich bei ihm hält? -Mental, denn physisch kann ich ihn schlecht verlassen.

Was empfinde ich überhaupt für ihn?
Er bringt meine Pheromone durcheinander, die körperliche Anziehung kann ich nicht leugnen und ich beginne ihn als Person zu verstehen, doch ist da mehr als Sympathie und Anziehung?

Die Tatsache dass ich das gar nicht so genau sagen kann, macht mir zusätzlich angst.
Ich habe immer gewusst was ich fühle und zum ersten Mal hab ich keine Ahnung, dabei sollte das, dass Kleinste meiner Probleme sein.

Wenn ich wenigstens verliebt wäre, mein Herz mir irgendwas sagen, oder irgendein Gefühl deutlich hervor stehen würde, doch da ist bloß ein großes Gewirr aus Sympathie, Verstehen, körperlicher Anziehung, zum Teil sogar Vertrauen und eine seltsame Art der Verbundenheit.

Mein Kopf scheint in der Beziehung zu ihm die Vorherrschaft zu haben und nicht mein Herz, wie bei Savannah, nur nicht ganz so eng und stark, was allerdings daran liegen kann, das ich Savannah länger und besser kenne.

"Denkst du nach?", fragt er nach dem ich wohl ziemlich lange geschwiegen habe und ich nicke.
"Ich...deine Frage hat weitere aufgedeckt und ich bin ziemlich verwirrt grade."

Sein Arm legt sich um mich und ich lasse es zu, irgendwie brauche ich das im Moment. "Ein...eher positives Verwirrt oder ein Negatives?"
"Ich weiß es nicht, ich bin einfach verwirrt, weil...ich nicht verliebt bin, zumindest fühlt es sich nicht so an, aber das was ich dir gegenüber fühle ist so...undeutlich oder...anders das ich nicht weiß wie ich das finden soll."

"Was empfindest du denn dann?", seufzend lehne ich mich weiter an ihn.
"Da ist erstmal das Körperliche, kann man gar nicht abstreiten.", murmel ich, was ihn zum lachen bringt.
"Aber da ist auch Verständnis, Sympathie, Verbundenheit und...Vertrauen. Es ist wie bei einem guten Freund. Nicht so viel wie bei Meg, aber mehr als bei Koda oder Stich...und dabei kenne ich dich erst seit knapp 4 Monaten und echten Kontakt haben wir seit grade mal einem Monat, wie du schon angemerkt hast."

"Hast du mich grade gefriendzoned? Ich werde nicht gefriendzoned. Niemals.", fragt er entsetzt und ich muss schmunzeln.

Livian Duvall wird nicht gefriendzoned. Ich kann mir vorstellen, das er ehe selten eine Abfuhr bekommen hat.

"Du hast gefragt, was ich fühle und du willst das ich immer ehrlich bin.", in dem ich mich von ihm weg lehne, sehe ich ihm in die Augen. Seine Augenbrauen sind sehr tief und er hat einen verspannten Zug um dem Mund.

"Ich bin in dich verliebt, weiß nicht wie ich mit dir umgehen soll, bin total nervös und fühle mich teilweise hilflos und verloren und du...sagst du siehst in mir »bloß einen Freund«?", er klingt fassungslos und verzweifelt.

Kichernd tätschel ich ihm das Knie:"Hey, du bist mehr als »bloß ein Freund«, ich würde das nicht mit jedem tun.", ich ziehe ihn zu mir runter un ihn zu küssen und erst lehnt er sich in den Kuss, doch dann beendet er ihn und sieht mich todernst an:"Ich will hoffen das ich der Einzige bin, sonst hast du das Todesurteil für den Anderen unterschrieben. Außerdem würde ich dich nie wieder aus dem Haus lassen."

Seufzend lehne ich mich an ihn an:"Du bist unmöglich, manchmal."
"Und du hast mich gefriendzoned, ich denke wir sind quitt. Beinahe."
Mir entfährt ein genervt-verzweifeltes Lachen:"Ich hab dich nicht gefriendzoned. Ich vertraue dir und...finde dich sympathisch, was willst du mehr? Du bist unersättlich."

Plötzlich fliege ich auf dem Baumstamm zur Seite und ehe ich weiß wie mir geschieht, spüre ich die harte Rinde unter und sehe Livian Duvall über mir. "Soll ich dir zeigen wie unersättlich ich sein kann?", er klingt frustriert, schmunzelt aber, also kann es gar nicht so schlimm sein. oder?

"Was?", erschrocken sehe ich ihn an. "Ich denke, nicht das ich noch deutlicher werde muss.", er küsst meinen Hals und ich erschaudere.
"Nicht hier, bist du irre? Wenn uns jemanden sieht?", ich scheitere bei dem Versuch ihn weg zu drücken und mich wieder hin zu setzten. Er weicht zwar zurück, allerdings nur so viel, das ich ihm in die Augen sehen kann.

"Hier wird uns niemand sehen, weil hier nie jemand hin kommt."
Aller Aussichtslosigkeit zum Trotz versuche ich ihn weiterhin von mir runter zu schieben:"Na und? Wir sind draußen, hier können wir nicht...sowas machen. Geh runter."
Belustigt nimmt er meine Hände und pinnt sie über mir fest:"Ich denke wir können, außerdem bin mir sicher, Savannahs Erlaubnis hierfür zu haben weswegen du überstimmt bist und du wolltest doch Bewegung."

"Aber nicht diese Art von...übrigens ist es mir egal was Meg sagt, ich höre sowieso nie auf sie. Das ist mein Körper.", ich nehme all meine Kraft zusammen, trete seitlich gegen sein Bein und drücke mich ebenfalls zur selben Seite, was den Effekt hat das er vom Baumstamm fällt und mich mitreißt.
Seine Überraschung nutze ich um Abstand zwischen uns zu bringen.

Den Dreck von mir abklopfend, schnappe ich mir meinen Rucksack und mache mich weiter auf den Weg nach Oben. "Wir sollten weiter gehen."
Ohne zurück zu sehen gehe ich so schnell es mir möglich ist, um weitere solcher Eskapaden zu verhindern. Er wird schnell aus der Puste sein und dann bin ich aus dem Schneider. Diese Tatsache bringt mich zum grinsen, ich bin ihm wirklich überlegen. Zumindest in der Audauer.

Er schweigt -vermutlich um sich den Atem zu sparen- was mir sehr Recht ist. Ich hab ihm mein Herz ausgeschüttet und er ist unzufrieden? Außerdem hat er scheinbar kein Schamgefühl.
Da kommt mir der Gedanke, das er natürlich keins haben kann, er ist Mafiosi.
Wieso bin ich davon so überrascht?
Er foltert und tötet Menschen, sorgt dafür das hunderte ihren Job verlieren und schafft es durch wer weiß was, unmengen an Geld zu scheffeln. Drogen? Menschenhand? Wer weiß das schon.

Vielleicht hab ich das gedacht, weil er nie in der Öffentlichkeit herumgeknutscht hat -oder zumindest nicht erwischen wurde- da war nie auch nur eine Berührung, doch vielleicht war Schamgefühl nicht der Grund dafür.

"Wieso haben deine Exen dich eigentlich nie berührt? Also in der Öffentlichkeit, es gab nie Skandalfotos von dir, in keiner Richtung."
"Weil das im Vertrag stand."
Abrupt bleibe ich stehn:"Was für ein Vertrag?", ich drehe mich um und sehe wie er mir hinterher kommt. Nicht dass das für mich nicht anstrengend ist, doch meine Lunge ist trainierter als seine.

"Ich hab jede Frau, vorher eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben lassen, das sie über alles schweigen muss und mich in der Gegenwart von Anderen nicht berühren darf, was glaubst du wieso nie jemand irgendwelche Geschichten an die Presse verkauft hat? Aus Sympathie? Das ich nicht lache.", er schnaubt.

Kaum hat er mich erreicht gehe ich weiter:"Keine Ahnung, aber wer rechnet mit sowas trockenem wie einem Vertrag? Wieso musste ich keinen unterschreiben?"
"Das hast du."
Erschrocken sehe ich ihn an.
"Der Ehevertrag, hast du dir das Ding nicht durchgelesen?", er sieht mich mindestens genau so geschockt an, wie ich ihn.

"Naja...mir war es ziemlich egal was da drin steht, ich dachte es geht nur um so...normale Sachen  wie Scheidung. Nicht das ich je vorgehabt habe, mich von dir Scheiden zu lassen. Dann würde vermutlich nicht nur mein Kopf rollen."

Er kichert:"Und ich hab mich schon gewundert, das du mit allem einverstanden warst. Lies ihn dir durch, wir können im Nachhinein noch Änderungen vornehmen, falls dir etwas nicht passt. Ich würde ja sagen, nimm dir einen Anwalt dafür, aber ich denke das schaffst du auch alleine.", er klingt ziemlich außer Atem, was mich ungemein erheitert.

"Natürlich, Kinderspiel. Ich bin den anderen um Monate voraus.", man soll sich eigentlich nicht selber loben, aber bei Livian Duvall habe ich dass Gefühl das ich ihm sehr deutlich machen muss, wie wenig Hilfe ich brauche und wie stark ich sein kann.
Damit er mich irgendwann nicht mehr so unterschätzt.

"Wie weit ist es eigentlich noch?", frage ich und er meint das wir gleich da sind. "Es führt ein ewig langer Schotterweg im Kreis um diesen Berg herum, aber das hier ist eine Abkürzung."
Lachend gebe ich von mir:"Das ist doch kein Berg, bloß ein ziemlich steiler Hügel."

"Es ist ein Berg, das Landhaus ist nur sehr weit oben, fast am höchsten Punkt und wir klettern grade genau dort hin.", hechelt er und ich sehe zu ihm.
"Zum höchsten Punkt?"
Er nickt bloß und zeigt weiter nach vorne:"Gleich hinter den Bäumen."

Statt zu antworten gehe ich weiter und werde immer schneller, bis ich die letzten Bäume hinter mich gebracht habe und eine kleinere Wiese vor mir sehe, dahinter ist eine Art Abgrund und man kann über unglaublich viel Land sehen. Wiesen, Felder und Straßen, weiter weg ist ein Dorf, doch den Horizont sehe ich nicht, da er im Nebel verschwindet.

"Oh ist das schön.", ich gehe näher zum Abgrund und kann sehen das weiter unten links eine Wiese mit Zaun ist, auf der einige Kühe weiden.

"Ja oder?", höre ich Livian Duvall und spüre wie er die Arme um mich legt. Mich nach hinten, an ihn anlehnend versuche ich mir den Anblick genau einzuprägen, den Geruch von Tannen und Wiese nicht zu vergessen, so wie das Gefühl des Windes auf meiner Haut.

Noch eine in Schottland gelernte Memotechnik. Wenn man sich Dinge ganz bewusst ins Gedächtnis ein prägt, kann man sie bei bedarf jederzeit wieder abrufen, was nützlich ist, wenn man gezielt Gefühle triggern will und mich beschleicht der Verdacht, das ich viel zu wenig schöne Momente in meinem Kopf verewigt habe.

Ruhe erfüllt mich und vielleicht bin ich doch ein kleines Bisschen glücklich, genau hier genau jetzt.

"Sind das eure Kühe?", frage ich in die Stille und zeige nach unten. "Nein, die gehören vermutlich dem Bauern dort hinten.", er zeigt auf ein größeres Gut, weit Unten, mit gelben und grünen Feldern auf der Seite die von uns Weg zeigt.

"Die bauen eigentlich nur Mais und Raps an, haben aber auch Kühe, mehr als wir doch unsere sind nur für den Eigenbedarf, die von Dimo Reeves nicht.
Er ist so weit ich weiß aber kein Milchbauer. Wer weiß ob er überhaupt noch arbeitet oder nicht schon in Rente gegangen ist und sein Sohn jetzt den Hof führt.

Früher hab ich mit Fero -also dem Sohn- manchmal spielen müssen, aber ich glaub nicht das wir uns besonders verstanden haben. Ich hab ihn meistens geärgert und er hat geweint."
"Du Fiesling."

Nostalgisch lächelnd stimmt er mir zu:"Ja, er war so wehrlos und schon immer etwas übergewichtig. Schätze mal ich hab so meinen Frust abgebaut. Später hab ich mich dann mit älteren und stärkeren Gegnern angelegt, weil es nichts beweist, wenn man jemand Schwächeren ärgert, außer das man selber schwach ist.

Kenny hat mir von kleinauf alles beigebracht, weil Nick -mein Vater- nie Zeit hatte, so wie auch meine Mutter. Kenny war eher der Vater für mich, als Nick. Deswegen war es nicht besonders schwer gegen die stärkeren Kids an der Schule zu gewinnen."

"Und wer war dein Mutterersatz? Milas Mutter?"
Er zuckt bloß mit den Schultern:"Ich hab selten mit ihr gesprochen und bin ihr aus dem Weg gegangen.
Lucy hat mich glaub ich nie als Sohn gesehen, auch weil ich keine Mutter wollte und sehr abweisend war. Als sie sich erhängt hat, hat Mila sich dann zurück gezogen -alles was ich neben Kenny noch an Familie hatte- und kurz darauf, als ich nach Nicks Tod, seine Geschäfte übernommen habe, hab nicht mehr die Zeit gehabt das irgendwie zu klären."

Stuzend frage ich:"Mila sagte Dale Parrish hat ihre Mutter getötet."
"Hat er auch, indirekt. Lucy hat sich erhängt, weil Parrish sie entführt hat und sie kein Druckmittel sein wollte. Ich glaub sie hat Nick wirklich geliebt und wollte ihm die Entscheidung abnehmen ob er Parrish's Vorderrungen nachgibt oder seine Frau verliert."

"Was hat er denn so Schlimmes gefordert, dass sie sich umbringt?"

"Gebiete und Mila, als zukünftige Frau. Lucy musste gewusst haben das Mila ihm nicht halb so wichtig war wie ich -der Erbe- oder der Einfluss und der Respekt den er verliert.
Obwohl, für sich selbst hätte er wohl jeden umgebracht -auch mich.
Trotzdem, weil er es nicht auf sich beruhen lassen konnte, das Parrish ihm schon die zweite Frau genommen hat, wollte er sich rächen oder sie vielleicht doch nich retten, wer weiß. Dabei ist er selber gestorben.
Ich mache solche Anfängerfehler nicht, unter mir wird keiner mehr sterben."

Gedankenverloren streiche ich ihm über die Hand und grübel.
Seine Version deckt sich erschreckend mit der von Mila, was sie wahrscheinlicher macht.
Normalerweise ist die Wahrheit immer irgendwo zwischen den streitenden Parteien, aber von dem was ich so höre, kann Dale Parrish kein guter Mensch sein, oder? Er wollte ein kleines Kind als Frau -was irgendwie Pädophil ist- und er versucht Unbeteiligte, wie mich zu töten.
"Das ist so verworren.", murmel ich dann schließlich.

Statt weiter bei derart deprimierenden Themen zu bleiben, zwinge ich ihn ein paar Fotos mit mir zu machen. Er scheint es wirklich zu genießen, das wir hier Zeit verbringen und ich muss mir eingestehen das er nicht der Einzige ist.

Wir machen ein Picknick, mit den mitgebrachten Broten und später am Nachmittag, kommt ein etwas dicklicher, junger Mann, mit braunen Haare bei den Kühen vorbei.
Er entdeckt uns und winkt unsicher.
Bemüht freundlich winke ich zurück, was ihn dazu bringt zu uns zu kommen.

Livian Duvall scheint es nicht zu gefallen, das wir plötzlich nicht mehr alleine sind, doch er sagt nichts.
"Hallo, ehm...Livian...und eh...", seine Stimme ist eher hoch freundlich und ziemlich unsicher.

"Ama Duvall, seine Frau und du bist?", ich halte ihm die Hand hin. Er nimmt die Hand und schüttelt sie, wenn auch sehr lasch. Irgendwie hat mich ein zu leichter Händedruck schon immer gestört, allerdings versuche ich mir nichts anmerken zu lassen.
"Fero Reeves, der Hof dort gehört meinem Vater." Mit dem Kopf nickt er nach unten.

"Ich...wusste gar nicht das du geheiratet hast.", er scheint sich sichtlich unwohl zu fühlen, doch ich stoße Livian Duvall heimlich in die Seite und er seufzt.
"Hab auch kein großes Ding daraus gemacht, nur Familie." Was ist sein Problem? Er klingt frostiger als Nile Owen gegenüber, wenn der mich angafft.

"Oh...hehe...und...wie lange schon?"
Bewusst freundlich antworte ich:"Ach seit Anfang August, also noch gar nicht so lange. Willst du dich zu uns setzten?"
Er wird leicht rot:"Oh, dann...alles gute...ich würde gern aber ich soll die Kühe rein holen. Vielleicht kann man sich ja mal zum Kaffee treffen."
"Gerne.", antworte ich und will grade was sagen, da fährt mir Livian Duvall ins Wort:"Ich meld mich bei dir, wenn wir Zeit haben."
Fero nickt nervös:"Ok...ehm...dann...bis bald...ich muss jetzt los...die Kühe."

Kaum ist er weg sehe ich Livian Duvall sauer an:"Was sollte das grade? Du musst nicht so unfreundlich sein, er hatte solche Angst."
"Na und? Er ist nicht mehr der kleine Junge von damals, seine Unsicherheit wirkte aufgesetzt und irgendwas gefällt mir an ihm nicht. Außerdem will ich mir dir allein sein."

Ich stöhne:"Du paranoider, egoistischer Oberidiot. Jetzt benimm dich nicht wie der Rüpel von früher und lade ihn ein. Ich bin sicher das, selbst wenn er aus ominösen Gründen zufällig irgendwas im Schilde führt, wir mit ihm klar kommen.
Aber wobei ich mir noch sicherer bin ist, dass du auch nicht immer recht hast und deine grundlose Eifersucht oder was auch immer das ist, total fehl am Platz war."

"Egal.", seufzt er und stützt sich auf einen Arm um in die Ferne zu gucken. Wie automatisch scheinen seine Augen die Gegend abzusuchen, als würde er jeden Moment einen Angriff erwarten.
Um ihn abzulenken, frage ich:"Du hast doch gesagt das ihr Tiere habt?"

Skeptisch zieht er eine Augenbraue hoch, nickt aber.
"Ich will sie sehen.", meine Augen leuchten. "Tiere sind wundervoll, weil sie keine Menschen sind."
Er schmunzelt:"Dummkopf." Trotzdem steht er auf und beginnt die Sachen zurück in die Rucksäcke zu packen und gemeinsam gehen wir zurück.

Auf dem Schotterweg nimmt er meine Hand und ich halte mich auch mit der anderen Hand an seinem Arm fest, was sehr hilfreich beim nicht-stoplern ist.

Beim Grundstück angekommen, gehen wir durch das 2 Meter hohe, relativ schmale Eisentor zurück, durch das wir gekommen sind. Es ist der Hinterausgang und leicht zu übersehen, da der Zaun an sich gut doppelt so hoch ist und das Eisentor aussieht wie ein Teil davon.
Der Zaun ist hier von einer Hecke umwuchert und man sieht ihn kaum, was vermutlich beabsichtigt ist.

Gerade aus ist ein schmaler Weg von diversen Blumen und hohem Gras gesäumt, der zum Haupthaus führt. Rechts sind weiter weg viele Bäume, ein eher kleiner Obstgarten, in dem Äpfel, Birnen, Kirschen und andere Früchte anhebaut werden.

Weiter vorne ist ein zweiter, zweigeteilter Garten, wo auf der einen Hälfte Sachen wie Karrotten, Kartoffeln und weitere Erdfrüchte angebaut wird und auf der anderen wachsen Tomaten, Himbeeren, Erdbeeren und der Gleichen.

Der Kräutergarten ist im Wintergarten, wo verschiedenen Töpfe von der Decke hängen, in denen die Kräuter wachsen.

Links kann ich Stallungen und eine Art Scheune erkennen und genau dort hin geht Livian Duvall.
Da er meine Hand noch nicht losgelassen hat, hab ich kaum eine andere Möglichkeit als ihm zu folgen.

Die Scheune ist von einem Zaun umrandet, allerdings ist der Außenbereich in 3 verschieden große Bereiche abgetrennt und es gibt überdachte Futterstellen. Ein schwarzes, gigantisches Pferd steht im linken Abteil und frisst Heu aus der Futterkrippe. In der Mitte liegen zwei Kühe, eine Braune und eine schwarz-weiß gefleckte und im rechten Bereich kann ich weiter hinten zwei Ziegen erkennen.

"Das ist Earl, ein Shire Horse, wir haben ihn schon sehr lange, Harriet muss wohl drinnen sein, sie ist eine weiß-braune Shire Stute und erwartet ein Fohlen. Dann haben wir noch zwei weitere Stuten, Namens Candy und Pearl, beide sind weiß-grau und scheinen ebenfalls drinnen zu sein. Pearl ist übrigens das Kind von Candy und Earl, aber sie ist schon 4 oder 5.

Die Kühe heißen Betty und Helga, Betty ist die Braune und Helga die Zweifarbige.

Die Ziegen heißen Jill und Sue und das Schaf heißt Snow White, die ist aber grade wohl drinnen, wie Harriet.

Der Stall ist drinnen auch getrennt, so das sie sich nicht begegnen, falls du dich das gefragt hast."

Nickend sehe ich zu Earl. Er sieht so schön aus und sein Fell glänzt so schön. "Wir haben noch Hühner, weiter vorne, da hinter dem Ziegen/Schafsgehege, Elmer unser Hahn und rund 5 Hühner. Effie, Dolores, Cion, Cam, Mable und Tammi.
Die Küken verkaufen wir immer, deswegen haben wir keine."

"Ich will zu den Pferden, wenn das geht.", ich sehe hoch zu ihm und er zuckt mit den Schultern:"Klar, man sollte sich von Harriet fern halten weil sie zur Zeit launisch ist, aber Earl ist sehr ruhig und Pearl sowieso."

Begeistert folge ich ihm und zusammen gehen wir ins Pferdegehege. Ich hatte erwartet das Earl scheu ist und wir uns ihm vorsichtig nähern müssen, doch er kommt ziemlich direkt auf uns zu, naja auf Livian Duvall. Erschrocken weiche ich zurück und lasse ihn so los.

Earl scheint sich weniger um mich zu kümmern, senkt den Kopf zu Livian Duvall und drückt ihn gegen seine Brust, so dass er trotz aller Kraft etwas zurück wankt.

"Hey, Großer. Ich weiß, lange nicht gesehen. Hast du mich vermisst?", sein sanftes Lächeln und die Art wie er den Hengst streichelt stehen in so hartem Kontrast zu seinem Verhalten Fero Reeves gegenüber, das es mir schwer fällt zu glauben er sei die selbe Person.

Earl schnaubt und genießt die Streicheleinheiten sichtlich. "Komm, du wolltest doch zu den Pferden.", Livian Duvall dreht sich halb zu mir um und streckt eine Hand nach mir aus ohne mich zu berühren obwohl er das locker gekonnt hätte. Wir stehen nur eine halbe Armlänge voneinander entfernt.

Er will das ich von mir aus auf ihn zu komme und das lässt mich schmunzeln. Vorsichtig gehe ich auf ihn und das Pferd zu. "Na, Earl. Darf ich dich auch mal streicheln?", langsam lege ich eine Hand auf seine Nüstern und er scheint sich dem entgegen zu lehnen.

"Ich hab ihn als viel zu junges Fohlen im Wald gefunden, halb verhungert und beinahe tot. Da war ich 14 oder so und hab ihn dann Mühsam mit der Hand aufgezogen. Er hat absolut keine Menschenfurcht und Pearl scheint das von ihm geerbt zu haben.", erklärt er.
"Sie sind schon ganz besondere Tiere."

Stirnrunzelnd und Pferd-streichelnd sehe ich zu Livian Duvall, der den Hals des Hengstes auf der anderen Seite entlang fährt. "Wie kommt ein Sire Horse Fohlen in den Wald?"
Ein Schulterzucken ist die Antwort:"Wir haben versucht herauszufinden ob ihn jemand vermisst, haben aber nie was gefunden."

"Du Armer, warst ganz allein.", ich lehne mich gegen Earl und er scheint das auch zu mögen.

"Er ist ganz und gar nicht arm. Er ist verwöhnt, verzogen und genießt menschliche Nähe viel zu sehr, allerdings scheint er nicht jeden zu mögen. Wenn ich jemanden nicht mag, kann er diesem Menschen gegenüber sehr feindselig werden.", seine Stimme ist ganz weich und ich kann in seinen Augen sehen, das Earl ihm viel bedeutet.

"Süß.", offenlassend wen ich jetzt meine sehe ich zum Eingang der Scheune, wo ein weißes Pferd mit grauer Mähne auf uns zukommt. Ebenfalls ohne Scheu.
"Das ist Pearl."

Ich gehe ihr entgegen und strecke ihr eine Hand entgegen und sie lässt sich bereitwillig von mir streicheln. Am Eingang steht ein weiteres weißes Pferd, das uns allerdings bloß zu beobachten scheint. Das wird dann Candy sein.

Ich sehe zu Livian Duvall und er ist so darin vertieft Earl zu streicheln und ihm irgendwas zu zu murmeln, das ich nicht anders kann als heimlich ein Foto zu machen.
Das scheint Pearl nicht besonders zu gefallen, denn sie stupst mich mit dem Kopf an.

"Ja, ist ja gut.", schnell stecke ich das Handy weg und streichel sie weiter, was sie dazu bringt die Augen zu schließen und mit den Lippen nach meinen Händen zu schnappen.

"Wäh!", rufe ich und Livian Duvall sieht augenblicklich zu mir. "Sie hat mich fressen wollen, jetzt sind meine Hände voller Sabber.", ich verziehe gespielt angeekelt das Gesicht und er lächelt mit den Augen. "Ja, das macht Pearl hin und wieder, sie legt sich auch gern hin und lässt sich den Bauch kraulen. Sie ist fast wie ein Hund, das sie dich allerdings vernaschen wollte, kann ich nur zu gut verstehen, du hast glück das ich auf Pferdr nicht eifersüchtig bin."

Kichernd sehe ich zu ihr:"Sowas machst du, du Hübsche?", und streichel sie weiter. "Pferde sollten einen Orden bekommen, weil sie keine Menschen sind.", höre ich Livian Duvall und kichere noch mehr.

-∞-

Die nächsten zwei Tage verbringen wir viel mit den Pferden, machen Austritte, säubern die Ställe oder verbringen einfach Zeit mit ihnen.
Pearl hat tatsächlich die Angewohnheit sich einfach hin zu werfen und auf die Seite zu drehen.

Candy ist nach und nach aufgetaut und hat sich von mir streicheln lassen auch wenn sie sehr an Livian Duvall klebt, nur Harriet lässt kaum jemanden in ihre Nähe.

Alles in allem genieße ich den Frieden und wünsche mir insgeheim nie wieder zurück zu müssen.

Eines Abends, als Livian Duvall grade duscht, klingelt sein Telefon. Petra ruft an und da er nach mehrmaligem Rufen nicht reagiert gehe ich vorsichtig dran.
"Ja? Hallo?"

Petras panischer Ton jagt mir heiße und kalte Schauer über den Rücken:"Ama? Wo...wo ist Livan?" Ihre Stimme zittert und ich höre Schüsse im Hintergrund, was mich Böses ahnen lässt.

"Duscht, ich hab ihn gerufen, aber er hört mich glaub ich nicht. Was ist denn los?"

Sie brüllt irgendwelche Befehle und wendet sich dann wieder an mich:"Der Plan, anfangs lief alles gut, Parrish ist tot, so wie seine drei höchsten Leute aber dann ist etwas schief gegangen. Wir haben den Kontakt zu Team Alpha verloren und dachten, wir könnten ihnen zur Hilfe eilen, aber wir sind zu spät.

ED, LINKS! LINKS HAB ICH GESAGT!

Isabell war tot, Farlan hat noch geatmet aber es war schon zu spät. Kenny und Trina sind wie vom Erdboden verschwunden.

NEIN, OLIVER GEH DA WEG! WEG VOM FENSTER!! RÜCKZUG!!"

Livan hatte recht, verdammt, wir brauchen ihn hier! Hol ihn sofort ans Telefon!"

Wie gelähmt sitze ich da, mein Herz schnürt sich zusammen und Tränen kommen mir hoch.

Ich kenne die zwei erst seit kurzem und doch tut es weh.
Livian Duvall wird durchdrehen.

"Ama? Jetzt!"

Wie mechanisch bewegt sich mein Körper und ich platze ins Bad:"Liv...ian..? Ist...ist wichtig."
Sorge tritt auf sein Gesicht und er nimmt schnell sein Handy.

Mich auf den Toilettensitz fallen lassend, starre ich ihn an, je länger das Gespräch dauert desto blasser wird er.
Kurze Befehle kommen aus seinem Mund und ich kann blanken Zorn in seinen Augen aufloder sehen.

Mir kriecht eine eigenartige Hitze durch den Körper, dringt bis in die Knochen und ich brauche eine Weile bis ich merke das es Wut ist. Vermischt mit Hilflosigkeit.

In mir formt sich eine Idee und vor meinem inneren Auge wird ein Bild immer deutlicher.
Das Bild eines toten Kenny, der unter mir liegt. Die Waffe in meiner Hand.

Wie lange ich dort gesessen habe weiß ich nicht, doch kaum bin ich wieder im Schlafzimmer, sehe ich Livian Duvall auf der Bettkante, das Gesicht in den Händen.

Vorsichtig setze ich mich neben ihn und ziehe ihn in meine Arme. Etwas zu sagen wäre jetzt nicht hilfreich, das weiß ich. Trotzdem will ich ihm irgendwie helfen und das ist alles was mir eingefallen ist.

Seine Arme legen sich um mich, sein Kopf liegt auf meiner Schulter und ich spüre wie seine Tränen in meinen Pullover sickern.
Sanft streiche ich ihm wieder und wieder über den Kopf, unfähig irgendwas zu sagen.

Ich kann mich nicht dazu bringen zu weinen, irgendwas verhindert das sich Tränen bilden, als wäre ich leer. Und genau so fühle ich mich. Leer.

Ein einzelner Schluchzer verlässt seinen Mund und es zerreißt mir das Herz, nie hätte ich gedacht das Livian Duvall weint. Das irgendwas fähig wäre, ihn so zu treffen.
Das Kenny und Trina das geschafft haben, macht mich noch wütender, als ich so schon war und wieder kriecht diese kalte Wut durch meinen Körper, genau wie das Gefühl hilflos zu sein.

Aber ich bin nicht hilflos!
Ich bin stark und ich würde Kennys Kopf fordern. Livian Duvall, wird das vielleicht nicht können, da Kenny für ihn wie ein Vater ist und er das alles erst Mal verdauen muss. Aber ich kann das, ich hab keine Beziehung zu Kenny.

Irgendwann muss Livian Duvall eingeschlafen sein, denn er atmet ganz ruhig. Vorsichtig lege ich ihn ins Bett und ziehe ihm Hose und Hemd aus, bevor ich ihn zudecke und zu seiner Tasche gehe.

Dort finde ich, das was ich suche, seine Waffe, so wie einen Oberschenkelholster.
Ich nehme auch meine Waffe und den Waffenholster, ehe ich mir ein Kleid und einen Mantel anziehe. So kann ich den Oberschenkelholster unter dem Kleid verstecken. Dazu die Offroad Schuhe.

Meinen Rucksack leere ich und verstaue Munition so wie ein Jagdmesser darin. Auf meinem Handy sehe ich mir die Route nach New York an, doch es ist beinahe nur Landstraße und gradeaus, so dass ich kaum Schwierigkeiten habe, sie mir so zu merken.

Auf einen Zettel schreibe ich eine schnelle Nachricht, für Livian Duvall, dass er sich keine Sorgen machen muss und wo ich hin will. Hoffentlich liest er es erst spät, so dass mein Vorsprung reicht.

Ich nehme eines der Motorräder, an jedem hängt ein Helm, so dass ich den nicht auch erst suchen muss. Den Schlüssel habe ich aus Schlusselkasten genommen, da ich bezweifle das irgendwer was dagegen hat.

Um das Haupttor zu umgehen, nehme ich das Tor an der Rückseite und düse los.
Das wird ein Spaziergang, Kenny kann nicht schlimmer sein als die O.C.P.A. und die hab ich mit grade mal 11 Jahren verlassen. Lebend.