Weinselige Zeiten

KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P16
Ereinion / Gil-galad Galdor von Gondolin Gildor Glorfindel OC (Own Character)
11.10.2019
13.10.2019
9
6592
6
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A/N: Vielen lieben Dank für das Review an Elenoriel und auch für die drei Sternchen.
Ausnahmsweise – weil die Zeit drängt und die Geschichte sich ein bisschen anders als erwartet entwickelt – gibt es das zweite Kapitel schon heute.





Kapitel 2


Möwen zogen ihre Kreise an einem makellosen Abendhimmel. Eine frische, auflandige Brise trug ihre klagenden Rufe über Mithlond und bewegte im selben Zug die bodenlangen, zart gewebten Vorhänge im Zimmer, als seien sie Nebelfetzen eines Altweibersommermorgens. Doch es war kein Morgen. Seine, ihre Zeit in diesen Gefilden neigte sich dem Ende. Unwiderruflich. Nach hunderten von Jahren.
Bereits jetzt war es still geworden auf den Straßen, in den Gassen und Gärten und unten am Hafen. Weite Teile Mithlonds wirkten nicht nur wie ausgestorben, sie waren es längst. Schon während Sauron im Osten wieder erstarkte, aber spätestens nach seinem Fall war Schiff um Schiff aus diesem Hafen ausgelaufen, um nie zurückzukehren. Ein Hauch von Wehmut überkam ihn. Nicht völlig unerwartet in Anbetracht der bevorstehenden Reise ohne Wiederkehr, doch diesmal gab es keine Alternative, keinen anderen Weg, den man einschlagen konnte. Die drei Ringe, die Celebrimbor im Geheimen geschmiedet und die man vor Sauron – oder Annatar, wie er sich damals nannte – verborgen hatte, hatten ihre Kraft, die ihnen innewohnende Magie mit der Zerstörung des Einen Ringes eingebüßt, und nun waren sie das, was sie von Anfang an hätten sein sollen: Schmuckstücke. Er nahm die Karaffe von dem Beistelltischchen an der Fensterfront und schenkte sich ein Glas daraus ein. Weißwein, lieblich und leicht und eigentlich genau das richtige, um einen seichten, fröhlichen Abend in guter Gesellschaft einzuläuten. Doch ihm war nicht danach und das kam in letzter Zeit durchaus häufiger vor. Dass die drei Ringe ihre Macht verloren hatten, war ein Sinnbild für das, was in den Landen diesseits des Meeres vor sich ging. Auch sie büßten ihre Magie ein. Sie wurde schwächer und schwächer, bis sie schließlich ganz verschwunden war. Den Menschen schien es nicht aufzufallen, sie füllten ihre kurzen Leben mit anderen Dingen, die ihnen wichtiger deuchten als einem schwindenden Zauber nachzuspüren. Einem Zauber, den sie vermutlich ohnehin nicht spüren konnte, wenn er es recht bedachte. Die meisten von ihnen würden sein Fehlen demnach nicht einmal bemerken können, selbst dann nicht, wenn sie es absurderweise wollen würden. Er trank einen Schluck. Vielleicht sollte er wenigstens diesen ersten Abend hier einfach gänzlich in Wein ertränken. Auf eine gewisse Art und Weise wäre das sicherlich ein gebührender Anfang des Endes seiner Zeit auf dieser Seite des Meeres und unten am Hafen würde sich bestimmt eine Schankstube finden, deren Wirt noch nicht gen Westen gefahren war. Kurzentschlossen leerte er sein Weinglas, stellte es zurück neben die Karaffe und verließ die ihm zugewiesenen Gästegemächer.

Gemächer…

Hätte man ihm eine solche Unterbringung damals, kurz nach seiner ersten Ankunft hier in Mithlond prophezeit… Oh, er hätte denjenigen vielleicht nicht nur insgeheim ausgelacht.

Die Straßen und Gassen präsentierten sich leer und verlassen. Hier und da sprossen schon zarte hellgrüne Halme zwischen den Pflastersteinen empor, ganz besonders dort, wo kein täglicher Verkehr mehr zu herrschen schien. Die Natur, die man mit Absicht nie ganz gezähmt hatte, um ihren Zauber nicht zu brechen, warf Stück für Stück ihre Formen ab und begab sich – wie die Eldar selbst – auf den Weg zu neuen Ufern. Schon in wenigen Jahren würde alles hier von jungem Grün bewachsen sein und die Menschen, die sich hierher verirrten, würden Legenden erfinden, erzählen und verbreiten und rätseln, wer diese Stadt einst erbaut hatte. Allein die Vorstellung dessen amüsierte ihn im Stillen. Andererseits… Vor sich selbst konnte er genauso wenig leugnen, dass er derlei Erzählungen zu gerne lauschen würde – um sich noch mehr zu amüsieren.

Er bog von einer der Hauptstraßen ab, wohlwissend, dass diese noch einen weiten Bogen machte und es somit der längere Weg zum Hafen war. Wenn er jedoch diese schmale, verwinkelte Gasse nahm, würde er schneller am Ziel sein. Auch hier schossen Kräuter und Blumen aus den Ritzen im Pflaster und in den schattigen Eckchen, wo Häuserwände sich mit dem Pflaster verbanden, war dunkelgrünes, weiches Moos bereits heimisch geworden. Auf halbem Weg hatte Efeu anderthalb, nein, fast schon zwei gesamte Häuserfassaden fest im Griff, beherbergte ein paar kleine Vögel, die auf dem Pflaster gepickt hatten, vor ihm jedoch unter dem Blätterdach Schutz suchten, als er vorüberging. Hinter ihm kehrten sie auf die Straße zurück, aufgeregt miteinander zwitschernd und vielleicht schalten sie ihn einen Eindringling und Störenfried. Was er auf gewisse Art und Weise ja sogar war, wenn er bedachte, wie lange es schon her sein mochte, dass die letzten Bewohner dieser Häuser gen Westen aufgebrochen waren.

Am Ende der Gasse konnte er schon das Wasser in einiger Entfernung hinter der Kaimauer erkennen. Letzte orangerote Sonnenstrahlen brachten es in ihren ganz eigenen Schattierungen zum Glitzern und der Wind trug den Geruch von Salz und Tang in diesem Teil der Stadt intensiver vor sich her als dort, wo sie, die Reisegesellschaft aus Lothlorien und Bruchtal für diese sehr überschaubare Zeitspanne residierten. Vielleicht hätte er sich einem Abend in der Runde all jener Elben anschließen sollen. Es wäre zweifellos nicht anders gewesen als in Bruchtal, schlimmstenfalls etwas wehmütig, doch sonst… Er war nicht mehr in Mithlond gewesen, seit er die Stadt vor Jahrhunderten wieder gen Osten verlassen hatte. Damals, als… Die Straße wurde breiter und öffnete sich direkt vor dem Hafen, sodass die Kaimauer sich schon direkt auf der anderen Straßenseite befand, doch an diesem Abend schien auch hier alles wie ausgestorben zu sein. Er blieb stehen und sah sich um. Vor den Häusern hingen keine Laternen, die aufgestellten Bänke schienen schon lange unbenutzt, in der kunstvoll geschnitzten Lehne jener zu seiner linken hatte ein Zaunkönig sein Nest zwischen die Windungen eines Seeschlangenleibes gebaut und die zarte Mooskugel war auf einen ersten Blick noch völlig intakt, obwohl die Jungen in Anbetracht der Jahreszeit längst ausgeflogen sein mussten. Er ließ den Blick schweifen, seufzte. Das Wasser schwappte glucksend gegen die Steine. Die Möwen riefen noch immer mit rauen, klagenden Stimmen, als wollten sie der sinkenden Sonne eine gute Reise wünschen. Früher war ihm das nicht aufgefallen, hielt er im Stillen fest, früher hatte auf der Straße am Hafen, auf dem Pier und den Schwimmstegen und selbst auf den vertäuten Schiffen und Booten zu dieser Tageszeit reges Leben geherrscht. Irgendjemand, hin und wieder auch er selbst, hatte musiziert oder zum Tanz aufgespielt, während ein paar Schritte weiter Wein und Bier ausgeschenkt und kleine Mahlzeiten angeboten wurden. Es war vielleicht einfach nie so still gewesen wie es jetzt war. Nachdenklich setzte er sich wieder in Bewegung, bog nach links ab und folgte dem einzigen Weg am Hafen entlang. Seine Hoffnung, noch eine Schankstube aufzutun, in der er den Abend verbringen konnte, hatte sich beim Anblick der verlassenen Straße zu Ernüchterung gewandelt, aus der er die Erkenntnis zog, wohl oder übel suchen zu müssen und da spielte es keine nennenswerte Rolle, in welcher Richtung er damit begann. Die gewählte war aber zumindest diejenige, die ihm vertrauter war, nur je weiter er ging, desto einsamer schien alles zu werden, selbst die Möwen verstummten nach und nach, obwohl das natürlich viel eher an der hereinbrechenden Nacht lag. Es lagen in diesem Teil des Hafens auch keine Schiffe vertäut, ja, nicht einmal mehr ein winziges Ruderboot. Eine Schankstube war hier mit Sicherheit auch nicht mehr in Betrieb, kam ihm in den Sinn, aber… Zögerlich wurde er langsamer, sah sich erneut um. Vielleicht konnte er ja… Wo nun ohnehin bereits hier war… Ach, was würde es schon schaden? Und er hatte das Haus auch beinahe erreicht, warum also nicht?

Die Schnitzereien auf der hellen Tür waren markant, wie er sie hin und wieder noch erinnert hatte und es waren nur wenige rasche Schritte, bis er sie erreichte, die Hand auf die Klinke legte und sie vorsichtig herunter drückte. Früher war die Tür nur im Winter oder an Tagen mit besonders rauem Wetter geschlossen gewesen, wenn Herbst- und Winterstürme über die Küste gepeitscht waren und eiskalter Graupel das Glas der Fensterscheiben in sein ganz eigenes Instrument verwandelt hatte. Das Türschloss sprang klickend auf. Unwillkürlich hielt er den Atem an, dann stieß er die Tür auf. Sie schwang nach innen und…

[Gegenwart: 1313 Wörter]
[Vergangenheit: 123 Wörter]




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