Oktoberzauber

GeschichtePoesie, Romanze / P12 Slash
11.10.2019
04.12.2019
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Florian und David

Florian Fischer schätzte schon seit der Kindheit das Kino,
Und so beschloß er am Morgen eines verregneten Tages,
Erstmals seit mehreren Wochen wieder ins Kino zu gehen.
Als er am Nachmittag aufbrach, ergoß sich der Regen noch immer
Aus dem dichten Gewölk, das dunkel am Himmel entlangzog.
Florian störte dies wenig, da ihm sehr wohl bewußt war,
Daß die geplagte Natur des Regens dringend bedurfte;
Denn der Sommer war heiß und viel zu trocken gewesen.
Aber nach glühenden Wochen war nun der Herbst doch gekommen:
Stetig schwanden die Tage, während die Nächte schnell wuchsen.
Florian sah in den Gärten Astern und auch Chrysanthemen,
Die in verschiedenen Farben blühend sein Auge erfreuten;
Denn es war jetzt Oktober, ein Monat, den Florian liebte.
Wie auf Gustave Caillebottes berühmtem Regengemälde
Liefen Passanten mit Schirmen gemächlichen Schritts durch die Straßen;
Als nun Florian schließlich den Eingang des Kinos erreichte,
Trat er vergnügt ins Foyer ein, um sich ein Ticket zu kaufen.
Als er im Kinosaal endlich auf dem gepolsterten Sitz saß,
Tauchte ein junger Mann auf, der neben Florian Platz nahm.
Während sein Nachbar ihn schüchtern mit einem Lächeln bedachte,
Ruhten Florians Blicke auf dem Antlitz des Jünglings,
Der wohl um wenige Jahre jünger als Florian selbst war;
Seine grünlichen Augen betrachteten Florian freundlich,
Aber sein flammender Haarschopf war fast so rot wie sein Sweatshirt.
Da sich der goldene Vorhang vor der Leinwand nun teilte,
Während zugleich die Lichter im Kinosaal langsam erloschen,
Schaute Florian vorerst nur noch nach vorn auf die Leinwand;
Aber die törichte Werbung entlockte ihm bald schon ein Gähnen,
Bis er schließlich begann, verstohlen zur Seite zu blicken.
Als dann endlich der Spielfilm begann, vermochte auch dieser
Florian nicht zu begeistern, denn die lauten Effekte
Konnten weder Klischees noch die dürftige Handlung verbergen.
Trotz der Enttäuschung blieb er auch beim Abspann noch sitzen,
Denn so hielt er es immer, wenn er ein Kino besuchte.
Neben ihm saß noch sein Nachbar, der nun Florian ansprach:
„Liege ich damit richtig, daß du wie ich recht enttäuscht bist?“
Florian aber versetzte: „Meine Miene zu deuten,
Ist dir vortrefflich gelungen; ich hatte weit mehr mir versprochen.“
Mit einem freundlichen Lächeln fragte ihn nunmehr der Rotschopf:
„Wollen wir beide uns kurz in einem Café unterhalten?
Übrigens heiße ich David.“ Freudig nahm Florian an und
Stellte sich seinerseits vor. Sie brauchten nicht lange zu suchen:
In der Nähe des Kinos wurden im Dunkel sie fündig;
Längst schon hatte die Nacht den Tag begierig verschlungen.
David und Florian aber sprachen erneut von der Filmkunst;
Als im Café sie saßen, ließ sich David vernehmen:
„Meister wie Hitchcock und Kubrick verstanden es noch zu erzählen;
Lynch und Fellini hingegen erschufen Träume aus Bildern.
Doch die Magie des Kinos ist im Verschwinden begriffen;
Heutige Filme sind meistens dröhnend, bombastisch und leblos.“
David sprach nun noch länger von Filmen, wie er sie liebte;
Florian wiederum lauschte seinen Worten bewundernd,
Denn er war äußerst beeindruckt von Davids erstaunlichem Wissen,
Und so fragte er schließlich: „Willst du Kritiker werden?“
Davids grünliche Augen blitzten vergnügt bei der Antwort:
„Nein, ich studiere Kunst; mein Traum ist es, Maler zu werden.“
„Dann gibt es sicherlich Maler, die du besonders bewunderst?“
„Etliche könnte ich nennen: Turner, Monet und auch Friedrich;
Aber auch Liebermann zählt zu denen, die ich verehre:
Häufig besuche ich seine herrliche Villa am Wannsee.
Immer bewegt es mich tief, in jenen Räumen zu wandeln,
Wo in vergangener Zeit so treffliche Bilder entstanden.
Aber auch Liebermanns Garten versetzt mich stets in Entzücken:
Dort gibt es Rosen und Iris, auch eine Allee nur aus Birken;
Wunderbar ist auch der Blick am Ufer des glitzernden Wannsees;
Überall scheint dort der Geist des Meisters noch heute zu walten.“
David verfiel kurz in Schweigen, bevor er Florian fragte:
„Hegst du denn ebenfalls Pläne für deine weitere Zukunft?“
Florian aber versetzte: „Ich hoffe, Lehrer zu werden,
Und so studiere ich eifrig Latein und Geschichte auf Lehramt.
Immer erschien mir die Welt der Griechen und Römer als Heimat;
Meine besondere Liebe gilt dem göttlichen Dichter,
Der einst Aeneas besang: Vergil, den auch Dante verehrte!
Besser als er hat wohl niemand den Untergang Trojas geschildert,
Und das tragische Schicksal der Dido beschrieb er höchst klangvoll.
Aber in unseren Tagen will niemand Hexameter lesen,
Was ich betrüblich finde!“ David erwiderte freundlich:
„Endlich begegne ich einem Menschen, der ähnlich empfindet!
Florian, auch wenn der Film uns beide bitter enttäuscht hat,
Bin ich doch glücklich darüber, ihn heute gesehen zu haben:
Andernfalls wären wir uns womöglich niemals begegnet.“
Florian lächelte schweigend, während David nun fortfuhr:
„Ich verspüre den Wunsch, dein Antlitz zu mal'n und zu zeichnen.
Hat dir schon jemand verkündet, daß du ein hübsches Gesicht hast?
Haselnußbraun wie dein Haar sind deine nußbraunen Augen:
Diese Augen zu malen, ist mir ein Herzensbedürfnis!
Florian, wär es dir recht, mich bald schon daheim zu besuchen?“
Florian aber freute sich über die Einladung Davids,
Denn ihn erfüllte der Wunsch, den Maler bald wiederzusehen.
Dankend sagte er zu, und beide trennten sich freudig,
Kurz nachdem sie den Zeitpunkt des Treffens verabredet hatten.
Aber die Regenwolken waren inzwischen verschwunden;
Florian ging jetzt beschwingt und in froher Erwartung nach Hause,
Während der Mond und die Sterne prangend den Heimweg ihm wiesen.
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