Urlaub vom Leben?

von Fanni84
GeschichteRomanze, Familie / P18
10.10.2019
27.10.2019
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Das Dorf Bonnieux  (französische Provence) am Nordhang des Luberon gelegen, wirkte entschieden Mittelalterlich. Die verwinkelten Gassen, schmalen Häuser, das Kopfsteinpflaster. Der alte Dorfkern mit der Kirche lag fast ganz oben, denn das Dorf war in den Hügel gebaut und sah von weitem aus wie festgeklebt.

Etwas abseits vom eigentlichen Dorf, auf eigenem Grund und Boden, lag eine weissgetünchte  Villa. Eine grosse freie Trasse führte vom Eingangstor zum Haus, dessen Fassade zur Hälfte mit Efeu, zum anderen mit wilden Rosen überwachsen war. Etwas weiter weg sah man auf einige der berühmten Lavendelfelder die für diese Gegend typisch sind. Zwischen dem Haus und der Landstrasse lagen Rapsfelder. Hinter dem Haus erstreckten sich Wälder, weiter dahinter sanfte Hügel.

Es war ein strahlen schöner Hochsommertag, Mitte Juli. Anne Fowler sah aus dem Fenster ihres  Schlafzimmer auf den Pool. Allein schon der reizte sie. Was hatte Patrick sich nur dabei gedacht, sein Geld in solch ein " Ding" zu stecken? Er wollte sie nur wieder reizen.
"Wir sind hier meilenweit weg, vom Meer,"hatte er ihr erst neulich erklärt.
"Na und? Wer hat den dieses dumme Haus gekauft?"
Das Haus gehörte Patrick. Eigentlich hatten Patrick und Glenda es vor fast fünf Jahren gekauft. Beide arbeiteten für den Verlag "Harper Collins" als Lektoren in verschiedenen Bereichen. Natürlich  verdiente man nicht schlecht dabei.
"Wir brauchen einen Ort um Ferien zu machen," war die Devise gewesen. Und seit damals verbrachten Patrick, Glenda und John (Ihr Sohn) sowie Annes und Glendas Eltern meist den Sommer in der Provence. Einige Male war auch Anne dabei gewesen. Und nun.... ja, nun war sie wieder hier, aber zum ersten mal nicht als Gast, sondern als Patricks Frau.
Glenda war vor über zwei Jahren Leukämie gestorben. Anne dachte nicht gerne an diese Zeit zurück. Irgendwann im Laufe des letzten Winters hatte Patrick  Anne gefragt, ob sie heiraten sollten. Seine Motivation zu dieser Frage war Zweifellos gewesen, dass John wieder eine Mutter hatte. Und mit seiner eigenen Tante wäre das Problem der Isolierung und Eifersucht zweifellos  gelöst. Zumindest nach Patricks Rechnung. Doch war isoliert und einsam war, war am Ende Anne gewesen. Wann immer sie seine Nähe suchte, entzog sich Patrick ihr. Das sie einmal ein eigenes Kind mit ihm haben würde, stand nie zur Debatte. Nun war sie 35, er 42. Bei ihm und Glenda hatte der Altersunterschied sogar ganze 10 Jahre ausgemacht. Doch es war eine überaus glückliche Ehe gewesen, anders als jetzt.  Patrick schien immer noch um Glenda zu trauern und falls er geglaubt hatte, Anne gleiche ihrer Schwester wie ein Ei dem anderen, sah er sich getäuscht. Was hatte er erwartet: Dass sie es schweigend hinnahm, wenn er ganze Tage und halbe Nächte im Verlag verbrachte, weil es ihm grauste, nach Hause zu gehen, wo eine anhängliche Frau auf ihn wartete? Und John? Wenigstens für seinen Sohn könnte er öfters da sein. Es war schon so weit, dass Anne ihn neulich zur Eheberatung mitgeschleppt hatte. Sie würde etwas tun für ihre Ehe! Wenigstens konnte sie noch  halbtags arbeiten, in einer Blumenboutique. Viel Zeit ausserhalb der Arbeit verbrachte sie mit John,  eben mittlerweile ihr Stiefsohn. Oder bei ihren Eltern. Die würden im Laufe der Woche auch noch hier her kommen. Und vielleicht Frederik Evans, Patricks Freund. Anne überlegte wer eigentlich ihre Freunde waren. Seit der Heirat mit Patrick war sie wirklich isoliert. Oder war es schon seit Glendas tot? Auch sie hatte schwer gelitten, es war mehr als ein Verlust gewesen, die jüngere Schwester zu verlieren.
Anne seufzte. Dabei war die Gegend hier wirklich herrliche, wie gemacht für einen Urlaub  "normalen" Leben. Oder Flitterwochen. Und da Haus war weiträumig genug, so dass sich niemand gestört fühlte, wenn er mal eine halbe Stunde allein sein wollte. Anne hatte das Haus gemocht, aber nun.... Patrick hatte ihr verboten, irgendwelche Möbel auszutauschen oder sonstige Änderungen vor zu nehmen. Mit der Wohnung in London war er grosszügiger gewesen. Sie hatten zu dritt eine neue Wohnung in der "City of Westminster" bezogen. Aber hier erklärte Patrick, sei der "einzige Ort, wo Glenda noch lebendig ist." Anne hätte ihm am liebsten die Augen ausgekratzt.
Da hörte sie Mathilde, die französische Köchin und Haushälterin, die im Dorf wohnte und schon die Vorbesitzer der Villa bedient hatte, mit Patrick reden. Anne war froh, dass Mathilde auch dieses Jahr wieder hier war, sie sah auch immer nach dem Haus, wenn keiner von der Familie da war. Anders als Mrs. Trimmer in London, liess Mathilde Anne auch mal in der Küche oder im Haus helfen. Sicher würde Ernest, der Gärtner auch bald kommen. Anne überlegte, ob eine Affäre mit dem Gärtner Patrick eventuell aufrütteln könnte. Aber Ernest war über 70 und fast zahnlos.
Anne ging vom Fenster weg, besah  sich im Toilettenspiegel  über dem Schminktisch, der schon Glenda gehört hatte. Im Glas spiegelte sich das Bett wieder. Ein Doppelbett mit hoher Kopflehne aus Holz und mit Blattgold verziert. Auch dass noch ein " Erbstück" von Glenda. Daneben der massive Holzkleiderschrank.  Zwei Nachttische. Eine Türe führte ins Badezimmer. Anne sah sich an. Sie war wie gesagt 35 und knapp
mittelgross. Eine zierliche Person aber sie fand ihr Gesicht nicht gerade schön. Die Augenbrauen waren dicht und das kurze Haar zeugte nicht gerade von Feminismus. Glenda dagegen hatte Weiblichkeit für zwei besessen. Wohl auch der Grund, warum Patrick sie so geliebt hatte. Anne ging zum Schrank, liess den Kimono achtlos aufs Bett fallen. Sie nahm eine dünne Hose, sowie ein oranges Oberteil hinaus. Die Koffer mussten noch ausgepackt werden. Gestern, nach einem Flug und der Fahrt mit dem Leihwagen von Nizza bis hier her, war Anne zu erschöpft gewesen, noch gross aus zu packen.
Anne schlüpfte eben in ihre neuen  Ballerinas (dunkles Pink), als ihr auffiel, dass Patricks Nachtlektüre auf den Boden gefallen war. Er legte das Buch immer aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben auf den Nachttisch und stiess es meistens beim Aufwachen hinunter. Als hätte ein Mann, der in einem Bucherverlag arbeitete, nie etwas von  der nützlichen Erfindung von Buchzeichen gehört!
Anne hob das Buch auf, suchte in ihrem Koffer, nach einem Lesezeichen (sie hatte immer mindesten zwei dabei) und wollte das Buch eben zu klappen, als ihr der Titel auffiel."
"Moll Flanders" von Daniel Defoe.
Nanu? Seit wann las Patrick erotische Literatur? Als Kind hatte sie mal eine Verfilmung gesehen, viel Anne ein, mit Kim Novak  (aus den 50er Jahren)als Moll Flanders. Er war für  damalige Verhältnisse sicher recht "freizügig" gewesen, denn Moll Flanders erlebte erotische Abenteuer am laufenden Band. Und für ein Kind sicher nicht geeignet, aber wenn die Eltern nicht da waren, umging Anne solche " Verbote" wie nicht "alleine fernsehen" einfach. Wo war Glenda damals gewesen? Anne konnte sich nicht mehr erinnern. Glenda hatte auch nie gepetzt, was Anständig von ihr gewesen war.
Behutsam strich Anne über den Einband. Er war noch mit Goldbuchstaben beschrieben und in Leinen gebunden, sicherlich antiquarisch. Leise legte Anne das Buch wieder hin.

Im Esszimmer war Patrick nicht, als Anne herunter kam, also begab sie sich ins Wohnzimmer. Fehlanzeige.
Endlich fand sie ihn draussen auf der Terrasse. Diese war ja nach vorne gelegen und Anne sah von ihrem Fenster nach hinten auf den verhassten Pool.
Patrick sass in einen der Gartenstühle zurück gelehnt und rauchte. Auf dem Tisch in der Nähe der Terrassenmauer stand das Frühstück. Anne hielt inne. Ihr ging das Buch nicht aus dem Kopf. Was, wenn Patrick es brauchte, um sich zu stimulieren? Wenn er sie mal lassen würde, brauchte er keine Bücher! Einen Moment fragte Anne sich, ob es gut wäre, einfach über ihn herzu fallen. Da drehte sich Patrick um, nahm seine Sonnenbrille ab. Er war gross gewachsen, knapp 1,80.Dazu schlank, mit hohen Wangenknochen, und einer unergründlichen Augenfarbe, die manchmal auch stechend sein konnte. Wie so oft in letzter Zeit war er sehr blass, was ihn aber nur noch anziehender machte. Anne musste wieder einmal zu geben, dass ihr Mann attraktiv war. Und sie hatte so gar nichts davon!
"Was ist denn?" Seine Stimme riss Anne aus den Träumereien.
"Nichts. Guten Morgen," fügte sie höflich wie immer hinzu. Es sollte nicht gleich wieder Krach geben. Wie so häufig in letzter Zeit.
"Dann komm frühstücken, wenn nichts ist."
Kein "guten Morgen", oder" wie hasst du geschlafen?"
Er war manchmal wirklich ein Unmensch! Anne setzte sich hin.
"Wo ist John?"
"Schläft noch. Es wundert mich, dass du schon auf bist. Nach der langen Reise."
Aha, es ging also doch!
"Ich habe nicht besonders gut geschlafen."
"Ich auch nicht," gestand Patrick.
"Seit wann bist du denn wach?"
"Seit Stunden. Nein, ist jetzt übertrieben. Früh genug. Ich habe schon mit Mathilde gesprochen. Was es zum Essen geben soll heute und so."
"Hättest du nicht warten können, bis ich unten bin?"
Patricks Stirn  legte sich in Falten.
"Ich wollte dir nur Arbeit abnehmen. Nicht das du wieder behauptest , niemand würde dich fragen, wie du es gerne hättest."
"Es ist aber doch so! Ich darf hier drinnen scheinbar überhaupt nichts."
"Geht dass schon wieder los?"
Nun war bald auf 180, Anne musste auf der Hut sein. Aber es war soviel Bitterkeit in ihr. Dazu war sie müde von der Reise und den letzten Monaten. Und dauernd diese Kopfschmerzen. Ehe Mathilde mit dem Kaffee und der heissen Schokolade hinaus kommen würde, stand Anne wieder auf.
"Ich habe keinen Hunger," sie wollte ins Haus, aber Patrick packte sie am Arm.
"Setzt  dich wieder! Du bist wie ein Kind!"
Was hatte er sie anzufassen, wo er es sonst nie tat?!
"Fass mich nicht an!", Anne versuchte, nach ihm zu treten, er revanchierte sich mit einer Ohrfeige.
Einen Moment Stille. Kein Vogel zwitscherte,  kein Auto von der Strasse, sogar Mathilde hatte aufgehört, in der Küche herum zu klappern. Jeder wartete, dass der andere komplett ausrasten würde.Patrick seufzte, setzte sich wieder hin.
"Verzeih mir," murmelte er mit abgewandtem Blick. Anne stand immer noch da. Ihr schwirrte jetzt wirklich der Kopf. Wenn er sie in die Arme nehmen würde, wäre alles gut. Aber er tat es nicht.
"Brich mir weiter das Herz," murmelte Anne. Dann setzte sie sich, weil sie Mathilde kommen hörte.
"Guten Morgen, Madame!" Mathilde war rundlich, trug ein geblümtes Kleid und war immer fröhlich.
"Guten Morgen, Mathilde."
Summend trug Mathilde den Rest des Frühstückes auf. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass es wieder mal "gekriselt"  hatte. Aber sie wollte die Stimmung nicht noch mehr anheizen.
Patrick drehte seine Stuhl wieder zum Tisch und schweigend nahmen sie ihr Frühstück ein.

+++ Wie immer bei mir ein sehr kurzes Kapitel.+++
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