Brombeerstern´s Zeremonie

von Vava
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Brombeerkralle Feuerstern Goldblüte Häherfeder Sandsturm
10.10.2019
10.10.2019
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Habt ihr euch auch schon gefragt, wie die Anführerzeremonie bei Brombeerkralle/stern abgelaufen ist und welche Leben er von welcher Katze bekommen hat? Vielleicht entspricht mein OneShot euren Erwartungen. Lest doch mal rein, am besten auch ganz durch.^^
Viel Spaß beim Lesen

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Mit einem eigenartigen Gefühl im Bauch ließ er seinen Blick über den Felsenkessel schweifen. Es fühlte sich komisch an, auf der Hochnase zu stehen, ohne, dass sich grüne Augen aufmerksam in sein Fell bohrten. Grüne Augen, die er niemals wieder sehen würde. Es tat weh, auch nur daran zu denken, dass sein Anführer und Mentor tod war. Und wenn er ehrlich war, war er der Vater gewesen, den er nie gehabt hatte, der eigentlich Tigerstern hatte sein sollen. Eigentlich. Aber Tigerstern war nie ein richtiger Vater gewesen, auch nicht, wenn er nicht verbannt worden wäre. Er wusste nicht, ob er froh darüber sein sollte, denn sein leiblicher Vater hatte seinen Vater im Herzen getötet, auch, wenn es andersrum genauso gewesen war. Sie hatten sich gegenseitig getötet. Und jetzt war er der Anführer des DonnerClan´s, er, Brombeerkralle, wurde bereits mit dem Namen eines Anführers angesprochen und hatte auch schon einen Stellvertreter ernannt. Es war eine leichte Wahl gewesen, mit der augenscheinlich niemand so richtig gerechnet hatte. Denn trotz allem, trotz dessen, dass sie ihn auf solch eine schreckliche Weise hintergangen hatte, vertraute er Eichhornschweif noch immer und wusste, dass sie eine ausgezeichnete Wahl war. Zugleich war er sich sicher, dass auch Feuerstern zufrieden mit seiner Wahl sein würde, immerhin war sie seine Tochter.
Auf einmal wurden seine Gedanken durch Pfotenschritte unterbrochen, die sich ihm unaufhaltsam näherten und Bromberkralle drehte sich zu der Steintreppe, mit deren Hilfe die Hochnase betreten werden konnte. Sandsturm sprang von einem Stein zum Anderen und obwohl sie konzentriert auf ihre Pfoten zu gucken schien, wusste er, dass sie den Weg zu ihm hinauf auch im Schlaf beherschte, hatte sie zusammen mit ihrem Gefährten in der Höhle hinter sich geschlafen. Schon von weitem konnte er ihre müden, vor Trauer glänzenden Augen und die steifen Bewegungen sehen, von denen die ältere Kätzin gezeichnet wurde. Im ganzen Clan gab es wahrscheinlich keine Katze, die mehr um Feuerstern´s Tod trauerte als sie.
Als sie oben angekommen war, blickte sie das erste Mal zu ihrem neuen Anführer auf. „Häherfeder schickt mich. Es ist Zeit, dass ihr...zum Mondsee reißt.“ Ihrer Stimme konnte Brombeerkralle anhören, dass sie an den Tag dachte, an dem Feuerstern, damals noch Feuerherz, zum Mondstein gereist war, um seine neun Leben in Empfang zu nehmen. Auch er konnte sich noch daran erinnern, doch diese Erinnerungen waren schon alt und nur noch verschwommen vor seinem inneren Auge erkennbar. Doch er wollte jetzt nicht in der Vergangenheit weilen, sondern sich für die Zukunft rüsten, in dem er selbst aufbrach, um seine neuen Leben und seinen Anführernamen entgültig in Empfang zu nehmen. Daher bedankte er sich bei Sandsturm und schaute noch einmal in den blauen, fast wolkenlosen Himmel, bevor er den Weg von der Hochnase in Angriff nahm. Aus dem Augenwinkel konnte er noch sehen, wie Sandsturm die Höhle ein letztes Mal betrat, um den Geruch ihres Gefährten einzuatmen. Brombeerkralle hatte ihr dies erlaubt, da er sich gut vorstellen konnte, wie sehr die kleine, gelbbraune Kätzin trauerte.
Als er unten angekommen war, lief er sofort zu Häherfeder, der schon ungeduldig am Ausgang auf ihn wartete. Der mürrische Kater hatte seine Fähigkeit des SternenClan´s mit dem Ende des Kampfes einbüßen müssen, wie er ihn gestern Abend noch hatte wissen lassen. „Da bist du ja endlich. Komm schon, wir sind spät dran“, befahl der graue Kater kurz angebunden und Bromberkralle wunderte sich erneut über die Autorität, die der Heiler trotz seiner Blindheit an den Tag legte. Doch er ließ eine Erwiderung bleiben und folgte dem jungen Kater, der bereits aus dem Felsenkessel eilte. Schnell war er an seiner Seite und zusammen gingen sie in einem schnellen Tempo durch den Wald und in Richtung des Mondsees. Viele Gedanken schwirrten ihm im Kopf herum, mehr, als dass er sie hätte zählen können und schneller, als dass er sie hätte durchdenken können. Seine Ohren zuckten nervös, als sie zwischen den Bäumen entlang gingen. Der Boden war zertrampelt und weiterhin mit blutigen Flecken übersäht. Wenn er glaubte, an einer Stelle kein Blut zu sehen, entdeckte er nur wenige Schwanzlängen weiter doch noch welche. Fellstücke hingen an Ästen von Büschen oder wurden von dem leichten Wind vor ihren Pfoten über den Boden geweht. Außer den Blättern in den Bäumen, die ebenfalls leicht bewegt wurden, und dem regelmäßigen Geräusch ihrer Pfoten war es ungewöhnlich still im Wald. Er spitzte die Ohren und suchte nach dem Ruf eines Vogels oder dem Jaulen eines Fuchses. Jedoch war seine Suche vergeblich. Diese vergebliche Stille erinnerte ihn schwach an den Angriff der Hundemeute, als sie noch im alten Territorium gelebt hatten. Er erinnerte sich noch genau daran, wie sich die Farnwedel geteilt und Graustreif herausgesprungen war. Schon allein sein Gesicht hatten Trauer gezeigt und sofort war allen Katzen klar gewesen, dass etwas nicht in Ordnung war. Mit allem hatten sie gerechnet, doch nicht mit Blaustern´s Tod. Das nächste, an dass er sich erinnern konnte, war der Rückweg von den Sonnenfelsen. Keine Katze hatte ein Wort gesagt, konnte nicht glauben, dass ihre Anführerin tod war. Er selbst hatte sich an Bernsteinpelz´s Flanke gepresst. Inzwischen wusste er allerdings nicht mehr, wer wen getröstet hatte. „Brombeerstern, ist alles in Ordnung?“, holte ihn Häherfeder schließlich aus seinen Gedanken, „Du siehst aus, als hättest du einen Krieger des SternenClan´s gesehen.“ Brombeerkralle seufzte tief. „Ich...ich weiß nicht, Häherfeder. Es ist alles so verwirrend“, gestand er dem Heiler, der zunächst nur ein genervtes Grummeln als Antwort gab. Sie gingen weiter, doch nach ein paar Schritten knurrte er: „Es ist nicht so, dass ich mich dafür interessiere, was dir durch den Kopf geht. Aber vielleicht hilft es, wenn du es mir erzählst. Wir haben eh noch ein Stück Weg vor uns, da ist es egal, ob du mich mit deinen Sorgen oder der lange Weg mich mit seiner Zeit langweilt. Also los, fang schon an.“ Brombeerkralle war ziemlich überrascht von diesem Angebot und er neinte, in Häherfeder´s Stimme kurz so etwas wie Mitgefühl auflammen zu hören, doch es war zu kurz und zu schnell wieder weg, als dass er sich da hätte sicher sein können. Nach kurzer Überlegung nickte er schließlich, bis ihm auffiel, dass Häherfeder das ja gar nicht sehen konnte. „In Ordnung. Ich habe das Gefühl, als würde der ganze Wald den Atem anhalten“, begann er vorsichtig, ein Auge leicht nervös auf Häherfeder gerichtet, „Das erinnert mich an meine Schülerzeit. Hast du die Geschichte von der Hundemeute gehört, die den DonnerClan gejagt hat und Schuld daran war, dass Blaustern ihr letztes Leben verlor?“ „Hmm... Nicht wirklich, aber ich habe immer mal wieder Bruchstücke mitbekommen, wenn die Ältesten darüber geredet haben oder als ich Rußherz Rußpelz´ Vergangenheit gezeigt habe“, antwortete der junge Heiler grimmig und wich geschickt einem Gebüsch aus, bevor er sich wieder an die Seite seines neuen Anführers gesellte. Brombeerkralle überlegte. „Wusstest du, dass Feuerstern von Tigerstern angefallen wurde, damit der Leithund aufholen und ihn zerfetzen kann?“ Häherfeder grummelte zur Bestätigung. „Dann ist Blaustern aufgetaucht, hat Feuerstern gerettet und ist zusammen mit dem Hund in diese Schlucht gestürtzt. Das weiß doch jedes Junges.“ Brombeerkralle seufzte genervt. Sich mit Häherfeder zu unterhalten konnte eine Katze schneller verärgern, als wenn sie nasse Pfoten bekam. Es war schwierig, es lange mit ihm auszuhalten und er fragte sich, wie Wurzellicht das schaffte, immerhin leistete sie ihm tagtäglich Gesellschaft. Aber vielleicht lag es auch daran, dass sie sich bereits an seine Griesgrämigkeit gewöhnt hatte.

Schließlich kamen sie am Mondsee an. Die Sonne war schon untergegangen und der Mond funkelte mit den ersten Sternen am Himmel. Sein Licht schien auf die Wasseroberfläche und erzeugte auf ihr ein mystisches Funkeln. Brombeerkralle beobachtete es einige Herzschläge lang, bevor er von Häherfeder angestubst und aus seiner Trance geholt wurde. Der dunkelbraune Tigerkater blickte ihn aufmerksam an, sein Herz klopfte so laut, dass er sich sicher war, dass der Heiler es hören musste. Doch dieser machte keine Anstalten etwas zu sagen. Er kniff einzig seine Augen zusammen, als könne er dadurch der Dunkelheit vor seinen Augen entkommen und ihn tatsächlich ansehen. Jedoch wandte Häherfeder sich schon nach wenigen Momenten wieder von ihm ab und miaute leise: „Du solltest dich bereit machen. Leck ein- oder zwei Wassertropfen auf und warte darauf, dass der SternenClan dir Schlaf schickt.“ Seine Stimme war zur Ausnahme sanft und beruhigend und übertönte nur gerade so das angenehme Plätschern des Wassers. Brombeerkralle schauderte. Was würde er ihn seinem Traum sehen, was würde dort passieren? Würde er Feuerstern wiedersehen? Er zitterte, als er sich zu dem kleinen See hinunter beugte. Würde er seine Mutter wiedersehen? Er vermisste sie sehr, so lange hatte er sie nicht mehr gesehen. Ob sie wohl stolz auf ihn war? Seine Nase kam dem Wasser immer näher, bis er es schließlich berührte. Vorsichtig leckte er ein bisschen von der kühlen Nässe auf. Sie fühlte sich im Mund an, als hätte er statt Wasser Schnee aufgenommen. Er meinze, als würde er unendlich viele Blattwechsel warten, oder aber auch nur wenige Herzschläge. Eine dunkle Müdigkeit überkam ihn, während sein Körper von eisiger Kälte umfasst und in tiefe Dunkelheit gezogen wurde.
Als er die Augen öffnete, kauerte er auf einer windstillen Lichtung im Wald. Erst brauchte er ein bisschen, doch dann erkannte er die Hochkiefern aus dem alten Wald-Territorium und erhob sich neugierig auf die Pfoten. Mit großen Augen schaute er sich um, denn es sah alles genauso aus, wie bevor die Zweibeiner mit ihren Monstern kamen. Er öffnete sein Maul und konnte all die Gerüche riechen, die er noch von damals im Gedächtnis hatte. Der feste Boden unter seinen Pfoten, das wenige Unterholz vor seinen Augen und der Duft nach Mäusen und Vögeln, alles erinnerte ihn an seine alte Heimat und ließ ihn glauben, dass alles, was er erlebt hatte, nur ein Traum gewesen und er endlich aufgewacht war. Doch als er zum Himmel empor blickte und die sich drehenden Sterne sah, wusste er, dass das hier der Traum und nicht Realität war. Die Sterne wirbelten umeinander und stürzten plötzlich auf die Erde hinunter. Brombeerkralle wich vor Schreck ein paar Schritte zurück und schloss die Augen, als seine ganze Umgebung mit einem hellen, weißen Licht erfüllt wurde. Er wagte erst wieder aufzusehen, als er ein leises Rascheln vernahm und hob den Kopf: ein Kreis aus SternenClan-Katzen hatte sich auf der Lichtung aufgebaut und er stand mittendrin. Er wand seinen Kopf von einer Seite zur anderen, unfähig zu entscheiden, zu welcher Katze er als erstes gucken sollte. Doch dann wurde seine Aufmerksamkeit von einer bestimmten Katze erregt. Sie hatte sich wenige Pfotenschritte in Bewegung gesetzt und musterte ihn nun eindringlich. Ihr Mund öffnete sich. „Willkommen, Brombeerkralle“, die Stimme schien allen Katzen zu gehören, an die er sich erinnerte, und dennoch war sie klar wie eine einzige, „Bist du bereit, deine neun Leben in Empfang zu nehmen?“ Mit einem dicken Stein im Hals guckte sich Genannter um, doch es schien nicht einmal die Katze mit dem offenen Maul zu sprechen, denn ihr Kiefer hatte sich nicht eine Mauselänge bewegt. „Ja, ich bin bereit“, antwortete er und schluckte.
Die Katze, die bereits wenige Schritte gegangen war, erhob sich und schritt die letzten Schritte auf ihn zu. Erst jetzt erkannte Brombeerkralle den schwarz-weißen Pelz des Katers, der mit hoch erhobenem Haupt eine besonders autoritäre Austrahlung besaß. Es war Riesenstern, der ehemalige Anführer des WindClan´s. Er hatte im Beisein von Feuerstern, Kurzbart und ihm selbst seinen Stellvertreter Moorkralle mit seinen letzten Atemzügen gegen Kurzbart eingetauscht.
„Brombeerkralle, mit diesem Leben gebe ich dir Selbstvertrauen. Nutze diese Fähigkeit, wenn du schwierige Entscheidungen treffen musst und vertraue auf deine Qualitäten als Anführer“, miaute er feierlich, während er seine Nase auf Brombeerkralle´s Kopf ablegte. Als der große Anführer zuende gesprochen hatte, fuhr ein Blitz durch den Körper des Tigerkater´s. Sein Herz klopfte wild und fühlte sich an, als würde es unter dem Druck des Lebens platzen wollen. Die Schnauze seines Gegenübers schien für einen Moment so schwer wie ein ganzer Clan voller Katzen, doch so plötzlich das Gewicht gekommen war, so plötzlich verschwand es auch wieder und machte einem eigenartigen Gefühl der Erleichterung platz. Brombeerkralle öffnete das Maul und schnappte entsetzt nach Luft. Er hätte nicht damit gerechnet, dass die Anführerzeremonie so ablaufen würde und dass ein einziges neues Leben so vielseitig und schmerzend sein konnte.
Riesenstern hatte sich bereits einen Schritt entfernt und beobachtete ihn mit wissenden, bernsteinfarbenen Augen. Er musste ebenfalls in dieser Situation gewesen sein, mit dem erschreckenden Wissen, dass noch acht weitere Leben kommen würden. „Feuerstern hat gut getan mit deiner Ernennung zum zweiten Anführer“, meinte Riesenstern mit tiefer, ruhiger Stimme, „Du tritst in bedeutende Pfotenspuren, aber ich glaube daran, dass du würdig bist.“ Er schnippte mit dem Schweif und wandte sich ab, weshalb Brombeerkralle ihm nur noch mit einem Nicken für die netten Worte danken konnte. Er wusste sowieso nicht, was er hätte dazu sagen können, so überwältig war er von Riesenstern´s Vertrauen.
Die nächste Katze trat aus der Reihe und Brombeerkralle wusste sie erst nicht zuzuordnen, bis sie genau vor ihm stand. Der weiße Kater legte seine Schnauze behutsam auf seine Stirn. „Mit diesem Leben gebe ich dir Verantwortung, mit deren Hilfe du selbst für die schwierigen Aufgaben Motivation findest“, erklärte Weißpelz, „Ich weiß nur zu gut, wie schwer die Aufgaben eines Anführers auf den Schultern einer Katze lasten können, war ich doch Feuerstern´s Stellvertreter.“ Brombeerkralle konnte sich noch gut an den alten, geschlagenen Kater erinnern, der in die Schlacht gegen den BlutClan zog mit dem Wissen, sie nicht mehr lebend zu verlassen. Aber bevor er sich weitere Gedanken machen konnte, breitete sich in seinem ganzen Körper ein Zucken und Ziehen aus und es war ihm, als würden seine Muskeln sich immer weiter ausdehnen. Gleichzeitig überkam ihn ein Gefühl der Unbesiegbarkeit und großen Motivation, seine Aufgaben als Anführer zu übernehmen und artgerecht zu erfüllen. Er blinzelte, als sich das Gefühl auflöste. Weißpelz war bereits auf dem Rückweg zu seinem Platz.
An seine Stelle trat eine graue Kätzin mit struppigem Fell und breitem, flachen Gesicht, Gelbzahn´s Markeneichen! Die orangenen Augen der störischen Kätzin funkelten leicht belustigt, als er sie mit Respeckt betrachtete. Er hatte sich sagen lassen, dass sie im Feuer gestorben war, während Feuerstern ihn und seine Schwester Bernsteinfell aus einem Baum gerettet hatte. Hatte Feuerstern das Leben der Heilerin riskiert, um die Jungen seines größten Feindes zu retten??
Auch die ehemalige DonnerClan-Heilerin legte ihre Schnauze auf seinen Kopf. „Mit diesem Leben gebe ich dir Ausdauer. Benutze diese Fähigkeit, um deinen Aufgaben nicht müde zu werden und immer weiter zu machen, egal, wie groß die Steine sind, die Feinde dir in den Weg legen.“ Als dieses Leben in seinen Körper fuhr, glaubte Brombeerkralle durch den Wald zu rennen, mit fliegenden Pfoten und dem Wind im Nacken. Er erlebte den Rausch der Jagd, die Erkenntnis von brillianten Ideen und Tage ohne den kleinsten Funken Müdigkeit.
Als es langsam verebte, blickte er Gelbzahn nach, ehe er sich der nächsten Katze zuwandte. Überraschung fuhr durch seine Glieder, als er den hellgrauen Kater bemerkte, auf dessen glatten Fell sich dunklere Flecken abzeichneten. Aschenpelz war ungefähr zur gleichen Zeit Schüler gewesen wie er selbst und vor wenigen Monden von einer unbekannten Katze umgebracht worden. Er hatte sich nie wirklich mit dem Krieger angefreundet und vor allem in der Zeit vor seinem Mord hatte eine eigenartige Spannung zwischen ihnen in der Luft gelegen. Dass er ihm nun ein Leben verlieh, verwunderte ihn. „Mit diesem Leben gebe ich dir einen Spührsinn für Fairness und Ausgleich“, flüsterte er, noch bevor er ganz bei Brombeerkralle angekommen war, „Nutze diese Eigenschaften gut, um Fehler auszubügeln und sie im besten Falle sogar zu vermeiden.“ Brombeerkralle rüstete sich für einen Hagel an Schmerzen, jedoch wurde er auch diesmal verschohnt. Stattdessen spürte er eine Ruhe und Ausgeglichenheit in sich, als könnte er niemals wieder etwas anderes fühlen als Freundlichkeit und Geborgenheit. Bis zum Ende blieb dieses Gefühl. Doch plötzlich waren da Krallen, die sich tief in sein Fell bohrten, Kiefer, die sich in sein Genick verbissen und eiskaltes Wasser, welches um seine Beine, seinen Bauch und schließlich um seinen ganzen Körper schwabte. Brombeerkralle riss die nunmehr blicklosen Augen auf und versuchte nach Luft zu schnappen, doch stattdessen füllten sich seine Atemwege einzig und allein mit Feuer. Panisch peitschte der Tigerkater mit dem Schwanz. Erneut versuchte er an Luft zu kommen, doch die Dunkelheit packte ihn. Gurgelnde Geräusche kamen aus seinem Maul, dann spürte er nichts mehr.
Angsterfüllt riss Brombeerkralle seine Augen auf und sah sich mit gesträubtem Fell vor Aschenpelz kauern. Zitternd richtete er sich auf und versuchte gar nicht erst, sein Fell wieder anzulegen, viel zu geschockt war er von dem, was er gerade erlebt hatte. Als er in die dunkelblauen Augen des SternenClan-Kriegers blickte, erkannte er, dass er die letzten Momente von dessen Leben durchlebt hatte und betrauerte den hellgrauen Kater nun umso mehr. Doch was ihn nun noch mehr überraschte, war die Traurigkeit in Aschenpelz´ Blick. Er nickte ihm zu und trat motivationslos seinen Rückweg an. Brombeerkralle schaute ihm schaudernd nach. Was mochte den einst so ausdauernden Kater dazu bewegt haben, ihm dieses Leben zu geben und dieses von Verzweiflung beherschte Gesicht zu zeigen? Brombeerkralle wusste keine Antwort darauf.
Die nächste Katze trat vor und weckte bei dem neuen Anführer unschöne Erinnerungen. Freundliche blaue Augen begegneten ihm, als sich die hellgraue Kätzin geschmeidig vor ihm nieder ließ. „Federschweif“, hauchte er und Trauer überflutete ihn. Nur zu gut konnte er sich daran erinnern, wie sie Scharfkralle tötete und sich gleich mit und so den Stamm rettete. Krähenfeder hatte noch viele Monde nach ihrem Tod um sie getrauert und auch ihr Vater Graustreif hatte die Nachricht ihres Todes nicht leicht verkraften können. Die schöne FlussClan-Kätzin neigte höflich den Kopf, bevor sie ihre Schnauze auf seinen Kopf legte. „Mit diesem Leben gebe ich dir Mut für alle Entscheidungen, die dir schwer fallen, für alle Wege, die nicht jede Katze beschreiten würde und für Kämpfe, die zu Anfang aussichtslos scheinen“, murmelte seine ehemalige Weggefährtin voller Sanftmut, „Auch, wenn wir uns nicht sehr gut kannten, bin ich stolz auf dich.“ Zuerst fühlte Brombeerkralle nichts und befürchtete, dass etwas schief gelaufen war, doch dann wirbelte in ihm ein riesiger Sturm in ihm auf und riss ihn mit sich. Er wurde herum geschleudert wie ein Gedanke in seinem Kopf, doch er hatte seltsamer Weise weder Angst noch Panik. Sein Körper füllte sich mit Stärke und er bekam Lust, seine Krallen in ein Stück Beute zu rammen, fühlte sich, als könnte er ganz allein einem Dachs gegenüber treten. Worte hallten durch seinen Schädel und er wusste, dass es Federschweif´s letzte Gedanken waren, bevor sie sich opferte, um ihre Freunde und den Stamm zu retten.
Langsam verklang der Wirbel an Gefühlen und der Tatendrang verließ fast vollständig seinen Körper. Dafür atmete er nun schwerer und bemerkte kaum, wie Federschweif zurück an ihren Platz ging und die nächste Katze sich näherte. Er hatte inzwischen fünf Leben erhalten und es fehlten noch vier. Brombeerkralle seufzte ächzend. Seine Beine wurden almählich schwer und er wusste nicht, wie lange er das noch aushalten konnte. „Brombeerkralle, ich bin so stolz auf dich“, hörte er auf einmal eine weiche Stimme sprechen und riss den Kopf nach oben: seine Mutter Goldblüte stand vor ihm und schaute ihn mit liebevollen Augen an. Ihr helles, goldbraunes Fell war mit Sternenglanz beschmückt und glänzte so schön wie zu ihren besten Lebzeiten. Brombeerkralle blieb die Spucke weg und schaute nur wortlos zu, wie seine Mutter ihre Schnauze auf seinen Kopf legte. „Mit diesem Leben gebe ich dir Fürsorge, um für jede Katze in deinem Clan zu sorgen.“ Brombeerkralle erwartete, dass dieses Leben zart und liebevoll in seinen Körper fahren würde und hätte niemals mit jenem wütenden Blitz gerechnet, der ihn plötzlich lähmte. In seinem Körper schien die versammelte Wut aller Vorfahren zu pulsieren, mit der sie Katzen warnten, sich von den schwachen, gesichtslosen Schatten zu den Pfoten ihrer Mütter fernzuhalten. Mit einem erschrockenen Aufschrei verstand Brombeerkralle, wie sehr seine Mutter ihn und seine Schwester doch liebte und wie stolz sie auf sie beide war. Er wollte Goldblüte Dankbarkeit zeigen, das Schnurren steckte bereits in seiner Kehle, doch stattdessen verließ ihn nur ein heiseres Krächzen. Die Kätzin nickte ihm zu und zog sich zurück. An ihre Stelle trat keine andere Katze als Blaustern. Er hatte weder Zeit sich zu erholen, noch sie für ihre gar majestätische Ausstrahlung zu bewundern, da sprach sie schon über sein siebten Leben: „Mit diesem Leben gebe ich dir Gutherzigkeit. Nutze sie gut, um stets für deine Katzen da zu sein und für alle, die schwächer sind als du.“ Brombeerkralle kniff die Augen zusammen und wartete auf den Schmerz, doch im Gegensatz zu Goldblüte´s Leben floß das von Blaustern ruhig und sanft wie ein Strom seichten Wassers in seinen Körper hinein und gab ihm das Gefühl, wohl behütet zu sein. Sein Fell kribbelte angenehm wie an einem schönen Blattgrüne-Tag.
Blaustern verließ ihn und nahm den Schutz der wärmenden Sonne mit, wodurch er erneut den Nachhall von Goldblüte´s Leben verspürte. Brombeerkralle zitterte am ganzen Körper, sein Mund war trocken und er fragte sich, wie er die restlichen zwei Leben aushalten sollte. Ob sich Feuerstern das auch gefragt hatte? Als er an seinen großartigen Vorgänger dachte, meinte er, aus der Reihe der SternenClan-Katzen rotes Fell schimmern zu sehen, doch als er genauer hinschaute, konnte er nur den Pelz der nächsten Katze erkennen. Es war eine schwarze, junge Kätzin und als er in ihre Augen guckte, hatte er für einen kurzen Moment das Gefühl, in Feuerstern´s Augen zu gucken. Die Kätzin hielt den Kopf erhoben und strahlte eine Selbstsicherheit aus, die er nur alzu gut von Sandsturm kannte. Kein Zweifel, es war Distelblatt, Tochter von Blattsee und seine Nichte, die, genau wie Feuerstern, im Kampf gegen die Krieger seines Vater´s gestorben war. Brombeerkralle wusste nicht, was er sagen sollte, als die hübsche Kätzin vor ihm stehen blieb. Kurz funkelten ihre leuchtend grünen Augen belustigt auf, bevor sie ihre Schnauze auf seinen Kopf legte. „Mit diesem Leben gebe ich dir dir Akzeptanz für alles, was sich nicht ändern lässt und die Fähigkeit, auch aus schwierigen Situationen das Beste zu machen.“ Dieses Leben stieß mit einer Wucht und Härte in seinen Körper hinein, dass es Brombeerkralle aus Überraschung und Schmerz einen Schrei entlockte. Wut, Verzweiflung und Einsamkeit wirbelten in einem Sturm durcheinander und für wenige Herzschläge sah er rot. Rot wie Blut. Seine Krallen trafen auf etwas weiches und er meinte, hellgraues Fell zu sehen. Doch dann war alles wieder vorbei und ein Gefühl der Erleichterung machte sich in ihm breit. Aber auch Entsetzen füllte seinen Kopf, wobei er nicht wusste, ob es mit dem Leben zusammenhing oder seine eigene Emotion war. Seine Vorderbeine knickten ein und er musste sich setzen. Seine Zunge hing ihm leicht aus dem Maul und als er zu Distelblatt hochsah, bemerkte er statt dem belustigen Glitzern reue-, fast sogar kummervoll glimmende Augen. „Du warst ein guter Vater, wenn auch nicht mein leiblicher“, hauchte sie und drehte sich dann auf dem Absatz um und zog sich zurück. Brombeerkralle blickte ihr verständnislos hinterher. Er hatte das Gefühl, als wenn fast jede Katze hier ein kleines Geheimnis mit sich trug.
Er rappelte sich schwerfällig auf und schloss für einen Moment die Augen, bevor er tief durchatmete und sich dann seinem letzten Leben zuwandte. Neugierig, wer es ihm wohl überbringen würde, spitzte er die Ohren. Seine Augen weiteten sich, als sich aus dem Sternenlicht um ihn herum ein feuerroter Pelz löste und anmutig auf ihn zu schritt. Der Kater schien, als stünde er in Flammen, wodurch er eine Unantastbarkeit erhielt und um einiges beeindruckender wirkte, als er eh schon war. Brombeerkralle blinzelte gerührt und bewundernd. „Willkommen Brombeerkralle, mein Schüler, mein Krieger und mein Stellvertreter“, begrüße Feuerstern ihn, „Ich kann nicht sagen, dass ich immer wusste, dass aus dir ein großer Anführer wird, aber das weißt du wahrscheinlich selber.“ Die Stimme seines Mentors klang gleichzeitig ernst und sanft und als sich Brombeerkralle verneigte, berührte ihn Feuerstern mit der Nase und fuhr fort: „Mit diesem Leben gebe ich dir Loyalität und Selbstlosigkeit und Einfühlungsvermögen. Benutze sie gut, um deinen Clan nach dem Willen des SternenClan´s und dem Gesetz der Krieger, aber vor allem nach deinem Herzen zu führen.“ Brombeerkralle hatte mit einem leichten Leben wie dem von Blaustern gerechnet und war daher nicht vorbereitet auf die Qualen seines letzten Lebens. Er teilte Feuerstern´s wütenden Ergeiz, sich im Clan zu behaupten und seine Treue zu beweisen, das Entsetzen über seine Ernennung zum zweiten Anführer, die Angst um seinen Clan, die ihn immer wieder erschüttert hatte und natürlich das Misstrauen ihm selbst gegenüber. Er spürte seine Verzweiflung, als er von dem Leithund an der Schlucht eingeholt worden war und dessen Gebiss, als er ihn herum geschleudert hatte, die unendliche Trauer um Blaustern und ihre enge Verbindung zueinander. All die positiven und negativen Gefühle des von außen so starken und selbstbewussten Schülers, Kriegers, Stellvertreters und Anführers überfluteten ihn regelrecht wie die größte Welle, die es je gegeben hatte. Und am Schluss stehend der unendliche Schmerz der scharfen Krallen Tigerstern´s, aber auch der Herzschmerz, Sandsturm verlassen zu müssen. Brombeerkralle ächzte nach Luft, seine Kehle brannte wie Feuer, als würde seine Lunge in unendlich viele Einzelteile zerbersten. Doch er sog gleichzeitig alles in sich ein. In diesem Moment fühlte er sich seinem ehemaligen Anführer näher denn je. Endlich verstand er, was in diesem großartigen Kater vorging, endlich konnte er sein Misstrauen ihm gegenüber verstehen.
Als Brombeerkralle zu Feuerstern aufsah, erkannte er in dessen grünen Augen großen Stolz. Er schnurrte heiser, die Kraft von einem LöwenClan-Krieger durchströmte ihn. „Ich werde versuchen, den DonnerClan so gut zu führen wie du.“ „Davon bin ich überzeugt“, murmelte der flammend rote Kater und auch wenn Brombeerkralle genau hinhörte, konnte er nicht die leiseste Spur Ironie aus dessen Stimme heraushören.
Ein langer Seufzer wanderte über die Lichtung. Alle SternenClan-Krieger hatten sich auf die Pfoten erhoben. Feuerstern blieb in der Mitte der Lichtung und bedeutete Brombeerkralle mit der Schwanzspitze, sich ebenfalls zu erheben. Schwankend stand er auf. Er fühlte sich voll von all den Leben, als ob er überlaufen müsste, sobald er sich bewegte. Sein Körper schien zerschlagen wie nach dem härtesten Kampf seines Lebens, doch sein Geist hatte die neun Leben gierig aufgenommen und gestärkt. „Nun grüße ich dich mit deinem neuen Namen, Brombeerstern“, verkündete Feuerstern, „Dein altes Leben ist nicht mehr. Du besitzt nunmehr die neun Leben eines Anführers und der SternenClan gewährt dir und dem DonnerClan auf ewig sein Geleit. Beschütze deinen Clan, sorge für die Jungen und Alten, ehre deine Ahnen und das Gesetz der Krieger und lebe jedes Leben voller Würde und Stolz.“ Wie die Katzen seines Clans bereits seinen neuen Namen gerufen hatten, riefen die SternenClan-Katzen ihn jetzt ebenfalls, mit vollen Stimmen, die die Luft um ihn herum zu Klingen brachten. „Brombeerstern! Brombeerstern!“ Mit vor stolz geschwellter Brust blickte sich der neue Anführer des DonnerClan´s um, begegnete Feuerstern´s Blick und konnte das Schnurren in seiner Kehle nicht unterdrücken. Sein ehemaliger Mentor schritt zu ihm und leckte Brombeerstern´s Ohr. „Eigentlich ist es nicht erlaubt, seinen Katzen von der Zeremonie zu erzählen“, flüsterte der feuerrote Kater, „Aber kannst du Sandsturm sagen, dass ich sie liebe?“ Brombeerstern riss überrascht die Augen auf, als er das hörte. Er trat einen Schritt zurück und beäugte den ehemaligen Anführer neugierig. In dessen Blick lagen gleichzeitig unendliche Liebe und unbezwingbare Trauer und er erkannte, wie viel die beiden Katzen verband, welch große und geheimnisvolle Vergangenheit sie teilten. Er nickte. „Das mache ich“, hauchte er, während sich alles um ihn herum auflöste. Das Letzte, was er sah, waren Feuerstern´s leuchtend grüne Augen und das Letzte, was er hörte, war ein leises, kaum hörbares “Danke. Für alles.“.

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Das war´s. Ich hoffe, der OneShot hat euch gefallen und lasst vielleicht auch ein Review da.
Hier sind noch einmal die Katzen mit ihren Leben:
Riesenstern(Selbstvertrauen), Weißpelz(Verantwortung), Gelbzahn(Ausdauer), Aschenpelz(Fairness und Ausgleich), Federschweif(Mut), Goldblüte(Fürsorge), Blaustern(Gutherzigkeit), Distelblatt(Akzeptanz), Feuerstern(Loyalität, Selbstlosigkeit, Einfühlungsvermögen)
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