Ein Haus mit sich selbst uneins

von Akaios
GeschichteAllgemein / P12
10.10.2019
10.10.2019
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Bruder Mattheo hasste den Herbst. Es war kalt, nass, grau und kühl. Die Kühe gaben nicht mehr so viel Milch und die Kälte zog inzwischen bis unter die Bettdecke im Dormitorium. Seine Großmutter hatte immer gesagt, dass der Herbst die Jahreszeit des Satans sei. Und sie hatte gesagt, dass die bösen Geister meist in den Nächten des Herbstes zu den Menschen kämen und sie mit unreinen Gedanken plagen würden. Jawohl, seine Großmutter war eine kluge Frau gewesen, Gott habe Donna Adeodata selig. Bruder Mattheo nickte grimmig, als er über den nassen Schotterweg zurück zum Kloster San Anatolio ging. Der Regen der letzten Tage hatte den Weg vor ihm so aufgeweicht, dass der graue Matsch an seinen Schuhen und am Saum seines Habits klebte. Trotzig ging er schneller und stampfte mit den Füßen auf, in der Illusion es dem Feldweg irgendwie zurückzahlen zu können. Dies führte aber nur dazu, dass noch mehr Matsch hoch spritzte. Grimmig zog der Benediktiner weiter und blickte mit seinen langsam trübe werdenden Augen über die Landschaft. Das Getreide auf den Feldern war bereits eingeholt worden und nun  lagen sie  braun und leer in der Landschaft. Wie hässlich das Voralpenland im Herbst doch war. Einige Ziegen grasten auf den steinigen Wiesen, die sich an den Füßen der Alpen hochwanden. Bruder Mattheo hasste Ziegen. Sie stanken und bissen ihn immer zornig. Beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Eine fast diabolische Befriedigung erfüllte ihn immer, wenn der Bruder Küchenmeister mal wieder Ziege servierte. Der Wind fegte über das Plateau und zerrten an den Kleidern des Mönchs. Er zog seinen Umhang fester und beschleunigte erneut seinen Schritt und war froh, dass er über der nächsten Bergkuppe das Kloster zu erwarten hatte. Der Aufstieg war unangenehm und Mattheo war mit seinen 43 Jahren nicht mehr der Jüngste. Bruder Mattheo hasste die Berge. Oh ja, wie sehr er sich in das Flachland der Region Latium zurücksehnte, wo er die letzten dreißig Jahre seines Lebens in einem reichen Kloster verbracht hatte. Hätte er doch nur damals das Angebot des Bischofs von Lecratio nicht angenommen. Dieser hatte ihm damals die Position des Priors angeboten. Wenn er gewusst hätte, wie bergig das Land und geschmacklos der Wein hier war, dann hätte er sich niemals aus seinem gemütlichen Viterbo wegbewegt. Doch die Aussicht auf eine gut bezahlte Stelle im Bistum Lecratio, welches reiche Handelsstädte unter sich hatte, war zu verlockend gewesen. Nun ging er hier, matschig und kalt durch die Pampa Norditaliens und hatte nicht einmal besonders viel Geld im Säckchen. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Mattheo versuchte sich warme Gedanken zu machen. Er dachte an die sonnige Mittelmeerküste, an herben, wohlschmeckenden Wein und er dachte an die schöne Schwester Sofia, die er manchmal im Dom San Lorenzo gesehen hatte, sich aber nie getraut hatte, sie anzusprechen. Nun war er hier, am Fuße der Alpen, erkältet und arm und wollte nichts weiter, als zurück nach Hause. Doch er wusste, dass er die Abtei San Anatolio niemals wieder verlassen würde. Sein Weg würde eindeutig hier enden. Er würde vielleicht noch 10 bis 15 Jahre hier verbringen und dann hoffentlich friedlich im Kreis seiner Mitbrüder sterben. Viel hatte ihm sein Dasein als Mönch nicht mehr zu bieten. Zwischen dem vielen Arbeiten und Beten blieb nicht viel Zeit, um sich auf irgendeine Art besonders zu betätigen. Möglicherweise würde er zum Nachfolger des alten Abtes Alfredo gewählt werden. Wenn alles gut ging und dieser ehrgeizige Grieche Phaidros ihm keinen Strich durch die Rechnung machen würde, dann hätte er eigentlich gute Chancen auf das Amt.

Endlich erreichte Mattheo schnaufend die Bergkuppe und atmete erleichtert aus, als er die Siedlung vor sich erblickte. Das Dorf Albo lag inmitten eines Tals an einem kleinen Flüsschen, das langsam an den Menschen vorbeizog. Das Kloster San Anatolio lag etwas erhöht über der Ansiedlung und wachte mit dem bulligen Turm und dem burgartigen Kirchenschiff über Moral und Glauben der 253 Seelen, die sich unter dem schützenden Krummstab des Abtes Alfredo di Milano versammelt hatten. Es war schon relativ dunkel, als Bruder Mattheo schnaufend das Dorf erreichte. Die Sonne verschwand gerade hinter den Bergen und nur schwaches Licht schien aus den Fenstern der Hütten. Die Dorfbewohner hatten sich bereits mit Kind und Kegel vor den wohlig warmen Küchenfeuern versammelt, da es keine Seele in der beißend kalten Luft dieses Herbstabends aushielt. Bruder Mattheo eilte den kurzen, aber doch verflucht steilen Weg zum Kloster hinauf und durchschritt schnaufend das hölzerne Tor des Klosters. Der Benediktiner trat auf den Vorhof. Die Sonne war nun vollends hinter den Alpen verschwunden und die Temperatur sank sekündlich. Von der plötzlichen Dunkelheit überrascht, tapste der Mönch über den Hof. Er wusste, dass sich links von ihm das Skriptorium und der Hühnerstall befinden musste, denn er hörte die Hühner leise gackern. Rechts von ihm mussten sich also das Dormitorium und der Speisesaal befinden. Direkt vor ihm erhob sich die Fassade der Klosterkirche, die durch eine einzelne Laterne schwach angeleuchtet wurde. Unsicher welche Stunde war, blieb Mattheo kurz in der Mitte des Hofes stehen. Er lauschte, ob er die Gesänge der Vesper, des Abendgebetes, aus der Kirche hören konnte, aber es war alles still. Dann waren seine Mitbrüder wahrscheinlich im Refektorium und nahmen das Abendbrot zu sich. Plötzlich knirschte der Kies hinter ihm. Der Mönch wirbelte herum, erkannte aber Niemanden.
„Bruder Augustinus?“, rief er fragend, doch keine Antwort. Mattheo schüttelte den Kopf. Augustinus, der Pförtner, war wahrscheinlich, wie alle anderen Mönche auch, im Speisesaal und nahm gerade Nahrung zu sich. Es musste wohl eine Sinnestäuschung gewesen sein. Er setzte sich in Richtung Refektorium in Bewegung, doch blieb mit seinem Fuß an irgendetwas hängen und stolperte. Der Prior strauchelte und fiel der Länge nach auf den matschigen Boden. Mattheo ächzte. Er erwog einfach nicht mehr aufzustehen und bis zum Zeitpunkt der Apokalypse einfach hier liegen zu bleiben. Plötzlich hörte er hinter sich ein merkwürdiges Geräusch. Unklar war ihm, ob es ein tierisches oder menschliches Geräusch war. Eilig rappelte er sich auf, rieb sich seine matschigen Hände am Habit ab und ging vorsichtig zu dem Ding, über das er gestolpert war. Trotz seiner trüben Augen erkannte er, dass es sich um ein Korb handeln musste. Plötzlich blitzte es in seinem Geist auf und er erkannte das merkwürdige Geräusch. Es war der Schrei eines Säuglings. Unschlüssig was er machen sollte, blieb er kurz auf der Stelle stehen. Dann schüttelte er den Kopf und ging vorsichtig zum Korb und näherte sich mit seiner Hand der Quelle des Geräusches. Sanft ergriff er die Decke, die über den Korb gelegt worden war und zog sie weg. Seine Augen brauchten etwas, um den Säugling genau zu erkennen, doch die Umrisse wurden schärfer. Mattheo machte einen Satz nach hinten und schlug ein Kreuz. „Deus meus!“, flüsterte er. Der Mönch machte auf dem Absatz kehrt und lief schleunigst zum Speisesaal.

Schweigend löffelten die Brüder und Novizen ihre Suppe. Der Speisesaal, auch Refektorium genannt, war ein hoher, steinerner Raum, mit winzigen Fenstern, durch das am Tage kaum Licht durchdrang. An den dunklen Herbst- und Winternächten war es ziemlich dunkel und nur einige wenige Kerzen erhellten die U-förmige Tischreihe schwach. Am Kopf saß der Abt, Vorsteher des Klosters. Zu seiner Linken saß Bruder Ludovico, der Cellerar des Klosters. Zu seinen Aufgaben gehörte die wirtschaftliche Leitung  und auch die Bewirtung der wenigen Gäste, fiel in seinen Aufgabenbereich. Rechts neben dem Abt saß eigentlich Prior Mattheo, dieser war jedoch im Auftrag des Abtes bei den Augustinnerinnen von Monte del Bosco gewesen und hatte dort neue Alben bestellt. Daher blieb dessen Stuhl heute Abend leer. Die Mönche löffelten schweigsam ihre Linsensuppe und hörten Bruder Landolf zu, der in einer einschläfernden Monotonie aus dem Brief des Jakobus las: „Wisset, meine geliebten Brüder und Schwestern: Jeder Mensch sei-“

Die Tür zum Refektorium flog krachend auf und Prior Mattheo kam hereingeeilt. Die Mönche ließen ihre Löffel fallen und wirbelten mit den Köpfen herum. Landolf hörte auf zu lesen und Abt Alfredo erhob sich hastig.

„Bruder Mattheo!“, donnerte er mit seinem tiefen Bariton. „Was soll dieses ungebührliche Verhalten?“
Mattheo verbeugte sich hastig vor dem Greis und atmete einige Male tief ein und aus, bevor er anfing zu sprechen: „Verzeiht, Vater Abt, aber…draußen ist…ein…Säugling!“

Alfredo runzelte die Stirn und strich sich über den grauen Bart. „Das ist überraschend, Mattheo, aber keinesfalls ungewöhnlich. Schließlich-“

„Ja, aber es ist kein gewöhnlicher Säugling!“, unterbrach der Prior seinen Vorgesetzten unwirsch. Einige Mönche tuschelten.
„Was ist denn so außergewöhnlich?“, fragte der Abt streng, die Unhöflichkeit Mattheos mit einem strengen Blick tadelnd. Doch Mattheo blieb von Vater Alfredos Blick unbeeindruckt. Er sprach einfach weiter: „Ihr müsst es selbst sehen, Vater! Kommt!“ Mattheo eilte zur Tür, durch die er eben geplatzt war und winkte Alfredo zu. Dieser hatte inzwischen einen roten Kopf bekommen. Solche Missachtung von Autorität und unschickliches Verhalten war er nicht gewohnt, weder von Bruder Mattheo, noch von sonst einem anderen Mönch.

„Prior Mattheo, wenn dieser Säugling nicht in irgendeiner Weise so besonders ist, dass es dein inakzeptables Verhalten rechtfertigt, dann kannst du dich auf Stockschläge vorbereiten.“ Die Stimme Alfredos war gefährlich ruhig geworden. Vor allem die jüngeren Mönche rutschten auf ihren Sitzplätzen umher. Sie kannten diese gefährliche Ruhe.
„Die werde ich gerne in Kauf nehmen, Vater.“, rief Mattheo ungeduldig und verschwand in der Tür. Kurz standen die anderen Mönche im Speisesaal. „Extra omnes!“, rief Alfredo streng und verließ im Schlepptau des Konvents eilig das Refektorium. Nur Bruder Landolf stand mit grimmigem Blick am Lesepult und schlug das Epistelbuch fest zu.

Mattheo führte die Mönchsgemeinschaft auf den Hof vor die Klosterkirche.
„Seht, Vater Alfredo!“, rief er und zeigte beinahe anklagend auf den Korb. Der ergraute Abt ging vorsichtig zu dem Korb und nickte dem Prior zu, damit er die Decke hochhob. Dieser tat wie geheißen und zog die grobe Wolldecke weg. Leise begann der Säugling zu quengeln. Alfredo beugte sich runter und begutachtete das Kind mit zusammengekniffenen Augen. Plötzlich schreckte er hoch und machte einen Satz nach hinten. Der Abt drehte sich um und rief zu den Mönchen, die alle neugierig zum Korb spähten: „Es ist ein Mohr!“
Mit einem Mal begannen alle durcheinander zu sprechen. „Ruhe!“, bellte Alfredo. Sein lauter Ruf führte dazu, dass das Findelkind anfing zu weinen. In das Weinen des Kindes mischte sich ein Lachen. Irritiert blickte der Abt in die Menge, bis er den Lacher ausfindig machen konnte. Es war Bruder Phaidros, der griechische Arzt im Kloster.

„Was gibt es da zu lachen, Infirmarius?“, fragte der Abt streng und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
Der Grieche mit der olivfarbenen Haut und der markanten Nase trat vor. Seine weißen Zähne blitzten grinsend durch seinen schwarzen Bart hindurch. „Verzeiht, Vater Abt.“, begann Phaidros fast lautlos kichernd, „Aber das ist kein Mohr. Der Säugling scheint ein Abkömmling der Abbasiden zu sein. In Konstantinopel habe ich einige Vertreter ihrer Landsleute gesehen. Sie sind ehrbare Händler, auch wenn sie verdammte Ungläubige sind.“

„Was sagst du? Ein Kind eines Mohammedaners?“, platzte Mattheo ins Gespräch.
Abt Alfredo wollte gerade ansetzen, als er sich kurz umwandte und die Gruppe der Mönche sah, die sich sensationslustig um den Korb versammelt hatte.

„So! Und jetzt geht ihr alle da weg!“, rief er und scheuchte die Mönche mit abrupten Handbewegungen davon. „Die Klosteroberen kommen mit mir ins Äbtehaus und der Rest…“, er machte eine dramatische Pause und blickte die Kleriker streng an, „Kehren zurück in das Refektorium.“ Murmelnd und nicht ganz freiwillig, setzten sich die Mönche in Bewegung und versuchten so lange mit dem fremdartigen Kind Blickkontakt zu halten, wie es nur ging. Am Ende blieben nur noch der Abt und sein Prior, Phaidros der Grieche, der Priester Benedetto und der Cellerar Ludovico auf dem Hof stehen. Sie alle standen nun um das Körbchen mit dem Säugling herum. Mattheo nahm das Körbchen hoch und die Gruppe ging eiligst zum Äbtehaus und brachten das Kind ins Warme. Der Prior stellte den Korb auf den Tisch und die Klosteroberen umringten diesen.

„Nun,“, begann Abt Alfredo und strich sich über den Bart, „Was sollen wir mit diesem Kind tun?“, fragte er in die Runde. Mattheo zog seine Augenbrauen hoch. Es kam selten vor, dass der weise Alfredo di Milano, Magister der Theologie, vielbeachteter Autor theologischer Schriften und früherer Berater des Markgrafen der Toskana, um Rat fragte.

„Mhm.“, machte der hünenhafte Ludovico. Er war generell nicht dafür bekannt, große Reden zu schwingen.

„Konstruktive Vorschläge?“, fragte der Abt mit leicht verzweifelter Stimme. Es kam zwar vor, dass Kinder in Klöster gegeben wurden, aber sie waren immer mindestens sechs Jahre alt. Ein Säugling wurde, wenn überhaupt, vor den Stufen eines Nonnenklosters abgegeben, da Frauen schon von den Naturgesetzen her, viel besser dafür geeignet waren, Kinder großzuziehen. Vor allem wie ein Kind der Mohammedaner in das Kloster San Anatolio in Oberitalien gelangt war, blieb dem Abt verschlossen.

„Ich denke, wir sollten nachschauen welches Geschlecht das Kind hat. Ein Mädchen können wir unmöglich hier aufwachsen lassen.“, gab Mattheo von sich.

Der ergraute Abt nickte zustimmend. „Dann sieh nach.“, antwortete Alfredo.

„Was?“, fragte der Prior in einer nicht ganz angemessenen Lautstärke. „Wieso ich?“ Die Vorstellung das Tuch des Säuglings zu lüften und in die mögliche weibliche Scham eines Kindes zu blicken, entfachte in ihm ein unangenehmes Engegefühl in der Brust.

Der Infirmarius seufzte und trat an den Korb. Schnell und sachlich lüftete der Grieche das Tuch und deckte den Säugling wieder zu. „Echei Testikolos“, murmelte dieser in seiner Muttersprache.

„Und?“, fragte Benedetto der Priester neugierig.

„Es ist ein Junge.“, sagte Phaidros. Mit einem prüfenden Blick sah er noch einmal das Kind an und legte seine Hand gegen dessen Stirn. „Es scheint Fieber zu haben. Anscheinend lag es länger in der Kälte.“

„Armes Würmchen.“, sagte Mattheo seufzend, räusperte sich aber dann und richtete sich auf. Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen. Solche Gefühlsbekundungen waren ihm eigentlich fremd und er hatte sie zuvor nie vor den anderen Oberen getätigt.

„Könnt ihr ihm helfen?“, fragte Alfredo stirnrunzelnd.

Der Arzt nickte langsam. „Mit Gottes Hilfe, wird es gelingen, doch wir sollten es taufen, damit das arme Mohammedanerkind nicht die grausigen Flammen der Hölle erleben muss.“ Die Anderen nickten zustimmend.

„Wir brauchen einen Namen.“, verkündete Alfredo gebieterisch. „Hat jemand Vorschläge?“

„Wie wäre es mit Moses?“, schlug Benedetto vor. „Wie der Stammvater der Israeliten. Schließlich stammt er doch aus denselben Landen.“

Der Abt hob seine graue Augenbraue. „Wir könnten doch kein Kind, dass im Namen des dreieinigen Gottes getauft werden sollen, nach dem Judenvater Moses benennen.“

„Aber es ist ein biblischer Name!“, widersprach der Priester.
„Der zweite Sohn des Propheten Jesaja hieß Raubebald-Eilebeute, das ist auch ein biblischer Name, Bruder Benedetto. Ihr wollt das Kind doch sicher nicht so nennen, oder?“, stichelte Mattheo mit der Zunge zwischen den Zähnen.

„Wie wäre es mit einem griechischen Namen?“, warf Phaidros ein, bevor Mattheo und Benedetto aneinandergeraten konnten, wie sie es in der Vergangenheit schon des Öfteren getan hatten. „Ich dachte da an Hippokrates. Der Name bedeutet: „Der, mit der pferdegleichen Stärke.“ Wie wäre das?“

Eine kurze Stille machte sich breit. Das Schweigen zeigte, dass Jeder der anderen Oberen den Namen Hippokrates ziemlich furchtbar fand. Phaidros nahm das ungesagte Urteil nickend zur Kenntnis.

„Wie wäre es mit Mattheo?“, kam plötzlich der Vorschlag.

„Etwas Demut würde dir guttun, Bruder Mattheo.“, tadelte sein Vorgesetzter ihn, mit strengem Blick. Der Getadelte lief rot an und senkte etwas den Kopf.

„Stephanus. Ist sein Namenstag.“, murmelte Ludovico.

Abt Alfredo nickte zustimmend. Auch Mattheo musste zugeben, dass der Name Stephanus alle bisherigen Vorschläge, bis auf seinen eigenen, erfüllte. Er war griechischen Ursprungs und bedeutete „der Bekränzte“ und es war ein biblischer Name, orientiert am ersten Märtyrer der Bibel. Die Anderen stimmten in Alfredos Nicken mit ein.

„Nun, dann soll es so sein.“, sagte der Abt und trat an das Körbchen. Mit einem schmalen Lächeln blickte der Kirchenmann auf das Kind herab und schlug über ihm das Kreuz. „Willkommen Stephanus, mögest du unsrem Kloster und dem Allmächtigen große Ehre bringen.“ Dann wandte er sich wieder den Mönchen zu. „Ihr könnt gehen.“ Die Oberen verneigten sich vor dem Klostervorsteher und begannen den Raum zu verlassen. Der Arzt Phaidros nahm den Korb hoch und verschwand Richtung Hospital, um sich dem kleinen Patienten anzunehmen. Mattheo war gerade an der Tür angekommen, als Alfredo noch einmal seinen Namen rief. Der Prior drehte sich nochmal um. „Ja bitte?“, fragte er und lehnte die Tür wieder an.

„Ich möchte, dass du der Taufpate und Vormund von Stephanus wirst.“, erklärte der Abt knapp.

Mattheo dachte, er hätte sich verhört. „Wieso?“, fragte er. „Ich habe doch überhaupt keine Erfahrung mit Kindern, mit Säuglingen noch weniger.“

Sein Vorgesetzter lächelte müde und setzte sich auf einen Schemel, der neben dem Tisch stand. „Ich werde in Albo herumfragen lassen, ob eine Frau bereit ist, ihn in der ersten Zeit zu stillen. Mir scheint es, dass er noch in der Stillzeit ist.“ Woher der Abt das so genau wissen konnte, wollte Mattheo lieber nicht hinterfragen. „Danach möchte ich aber, dass der Kleine hier im Kloster aufwächst, sodass er sich an sein zukünftiges Leben von Beginn an gewöhnen kann. Bringe ihm alles bei, was er auf seinem Weg brauchen wird. Wenn er das sechste Lebensjahr erreicht hat, wird er dem Unterricht des Novizenmeisters beiwohnen und mit den anderen Novizen lernen, arbeiten und beten. Doch bis dahin, sollst du ihm so gut wie möglich Vater, Priester und Pate sein. Bist du dieser Aufgabe gewachsen?“

Mattheo blieb unschlüssig an der Tür stehen. Am Tonfall seines Abtes erkannte der Prior, dass Alfredos Entscheidung schon längst gefallen war. Gottergeben verneigte er sich und sagte: „Ich werde eurer Bitte nachkommen, Vater.“

„Dann helfe dir Gott.“, antwortete der sitzende Greis lächelnd und schlug das Kreuzzeichen.



(Für alle Nichtlateiner: Der Kapiteltitel ist ein Vers aus der Bibel und heißt: „Und so wurden ihm die Kinder gebracht.“)
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