Freitagabends auf Weißem zur Goa stresst

KurzgeschichteFreundschaft, Horror / P16
10.10.2019
10.10.2019
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Als ich auf meinem iPhone die Uhrzeit ablas, wusste ich ganz genau, was auf mich in den nächsten Minuten zukommen würde. Es war immer dieselbe Scheiße. Ich zog nochmal an dem Joint und reichte ihn dann zu Lars, der anscheinend gerade mit irgendeinem Girl schrieb. Er sah kurz auf, nahm den Joint und ich ließ mich tiefer in die Couch sinken.
»Dikka, lass morgen Goa gehen!«
»Ne, Alter. Voll stressig.«
»Wir waren seit Monaten nich mehr da, Miguel.«
»Vor drei Wochen waren wir da.«
»Wir müssen auch mal wieder raus, bewegen, bisschen abgehen, irgendeine klarmachen, dies das.«
Ich seufzte.
»Du musst eh mal wieder eine bumsen. Wie lang ist das letzte Mal her?«
»Lass mich mit dem Scheiß in Ruhe.«
Er reichte mir den Joint wieder rüber und ich zog daran. Die Sommerferien bevor die Uni losging und ich hatte einfach auf nichts mehr Bock. Kiffen und zocken, bisschen sprayen gehen, das musste reichen. Zugezogene Jalousien als Lifestyle. Und Lars hatte nichts Besseres zu tun als mich jede Nacht von Donnerstag auf Freitag mit scheiß Goa zu nerven. Wer konnte sich diese scheiß Musik ohne drauf zu sein überhaupt geben?
»Dann mach halt keine klar, aber Dikka komm, ich geb auch bisschen Koka aus, wenn du holen gehst.«
Ich überlegte.
»Ja okay ...« Ich zog an dem Joint und machte ihn dann tot. Son Scheiß.
»Nice Dikka.«
Lars freute sich.
Ich baute noch einen.

Es war kurz vor 12 als ich aufwachte. Ich brauchte einige Sekunden um mich zu orientieren. Lars war schon weg, er wachte meist mega früh auf, ging dann nach Hause, duschte, wichste wahrscheinlich, dann kam er abends wieder und wir chillten zusammen, warum auch immer. Dani, ein anderer Kollege, war jetzt auf so nem healthy Trip, nich mehr kiffen, nich mehr saufen. Nuckelte nur noch an so ner E-Zigarette wie so ein Spast. Und sonst waren da ja nicht wirklich viele. Klar, die Leute, wo ich holen ging, aber mit denen wollte ich nicht chillen. Wer mit Dealern chillte, war eh nicht mehr zu retten.
Ich ging in Boxershorts runter in Wohnzimmer. Meine Mutter malte irgendwas, konzentrierte sich voll auf ihre Künstlerkarriere seit sie keinen Bock mehr auf Papa hatte und wir durch den Unterhalt gut versorgt waren.
»Wie läuft's?«
Sie murmelte nur etwas, sah kurz auf und dann wieder aufs Bild. Ich ging an den Kühlschrank und holte mir eine Dose Cola heraus, öffnete sie. So konnte es eigentlich bleiben. Einfach weiterchillen und mit 27 irgendwo runterspringen. Scheiß Abitur; und Studium würde bestimmt genauso behindert weitergehen. Ich stapfte wieder nach oben und baute mir einen, juckte ja auch keinen. Auf dem Tisch vor der Couch lag ein Hunderter. Für das Kokain. Eigentlich hatte ich keinen Bock drauf, weil ich echt mies Sorge hatte davon abhängig zu werden, aber andererseits kaufte ich mir ja nichts selber. Ich rief den Ticker an und machte aus, dass ich um 15 Uhr da wäre.

Es war 21 Uhr als Lars mich anrief und sagte, dass er vor der Tür stand, er klingelte nie, war ihm irgendwie unangenehm. Ich ging runter und machte auf, er grüßte kurz meine Mutter und dann gingen wir hoch. Ich hatte schon eine ziemlich große Line bereitgelegt auf so nem Schminkspiegel, den meine Ex mal hiergelassen hatte; daneben lag ein Sanifairbon und das noch gut gefüllte Tütchen.
»Gönn dir, ich mach mir gleich nochmal ne Line.«
»Ehrlich, hast du keinen Schein?«
»Ist doch voll egal. Freu dich doch, ich musste mich mit dem Dummgelaber vom Ticker rumschlagen.«
Er zuckte mit den Schultern, holte einen Zehner raus, setzte sich auf die Couch und zog die Line weg. Langsam als würde er einen scheiß Eiskaffee mit der Nase probieren. Dann setzte er sich wieder auf, hielt das eine Nasenloch zu und zog nochmal hoch.
»Scheiße … brennt Dikka.«
»Brennt halt.«
Ich setzte mich zu ihm und machte mir auch eine Line fertig, klopfte am Ende die AOK Krankenkassenkarte nochmal ab und schmierte mir die Reste an Zahnfleisch, bevor ich richtig zog. Wir rauchten noch schnell einen Joint, Lars legte sich noch eine Line und dann fuhren wir mit dem Bus zur Goaparty. Weder ich noch Lars konnten richtig stillsitzen. Jetzt hatte ich tatsächlich auch Bock bisschen zu tanzen, nicht auf ner Goaparty, aber es war nicht so schlimm wie sonst. Fast tat mir meine Reaktion leid. Durch die Fensterscheiben konnte ich schon die Party sehen. Alles war hell geschmückt und man hörte den Bass bis hierher wummern. Wir stiegen mit ein paar weiteren Nachzüglern aus und liefen auf das Gelände. Beim Eingang zahlten wir und wurden lax kontrolliert und dann ging's rein. Ins Lichtermeer. Schweißgeruch. Es war so laut, dass es keine Chance auf ein Gespräch gab, aber Lars hatte seit Beginn der Busfahrt sowieso nichts gesagt. Wir tanzten ein bisschen, Lars blieb aber manchmal einige Minuten stehen, starrte in die Luft, während um ihn herum sich alles bewegte. Komplett surreal. Aber das war mir egal. Ich holte zwei Wodka E und gab ihm einen, dann ging ich woanders hin. Ich wollte einfach irgendwie das beste aus dem Abend machen, jetzt wo ich schonmal hier war. Irgendwann tanzte ich mit einer die extrem viele Piercings in der Fresse hatte und hatte Bock sie zu ficken, aber dann ging ich doch weg, weil ich keine Lust hatte dann irgendwann mit ihr zu reden draußen. Die Leute hier waren alle behindert, quatschten einen zu mit ihrem spirituellem Scheiß und so, erzählten von Energie und sowas. Das war schon so als wir uns mit 16 hier reingeschmuggelt hatten. Lars hatte ich komplett aus den Augen verloren. Aber wie lange schon? 20 Minuten, dreißig? Länger. Ich suchte nach ihm, zwischen den ganzen Leuten auf der Tanzfläche, am Rand, mittendrin, aber er war nirgendwo. Auch draußen nicht, wo sich die ganzen Raucher trafen und über Gott und die Welt redeten.
Ich rauchte eine, und sah auch draußen auf dem Gelände herum, aber konnte ihn nirgendwo entdecken. Ich rief ihn an. Tutete bis zur Mailbox durch. Ich drückte die halbgerauchte Kippe im Aschenbecher aus, ging auf die Toilette, das war so der letzte Ort, wo er sein konnte, wenn er sich nicht irgendwohin verpisst hatte. Und da fand ich ihn auch, offene Toilettentür, lag angelehnt an die Wand, vollkommen bleich, das Shirt vollgekotzt. So hatte ich ihn noch nie gesehen. In der Kabine daneben hörte ich wen eine Nase wegrotzen.
»Die scheiß Wände atmen … ich fühl mich richtig scheiße … der scheiß Boden.«
»Hast's bisschen übertrieben.«
Er sah mich an und er sah entsetzt aus, aber trotzdem zu schwach um wirklich Kraft in irgendeines seiner Worte zu legen.
»Dein Gesicht schmilzt.«
»Mir geht’s gut, du bist nur drauf, du hast's einfach bisschen übertrieben.«
»Beschütz mich Miguel. Bitte.«

Ich half ihm hoch und wir verließen trottend den Schuppen. Der Securitytyp am Ausgang beäugte uns kritisch als wir rausgingen, sagte aber nichts. Wir gingen vom Gelände runter zur Bushaltestelle. Hier fuhr gar nichts mehr, wir müssten entweder noch sechs Stunden warten oder laufen. Lars saß neben mir auf der Bank, starrte mit halb offenen Augen und brabbelte irgendetwas, dann plötzlich sah er mich ganz genau an, durchdringend, urteilend, dann wieder nach vorne, ließ sich nach hinten sinken und schloss die Augen. Das war sowieso besser. Sollte der erstmal schlafen.
Ich spielte auf meinem Handy und rauchte ein paar Kippen. Nach einer ganzen Zeit wollte ich Lars wecken und langsam losgehen, denn es wurde etwas kalt. Ich rüttelte an seinem Arm, aber er rührte sich nicht.
»Lars steh auf, komm jetzt.«
Ich rüttelte weiter. Nichts zu machen.
»Lars, komm jetzt!«
Ich ging näher zu ihm hin. Keine Atemgeräusche. Sein Brustkorb hob sich auch nicht mehr. Er war tot.
Mein Herz raste. Fuck, fuck, fuck. Was sollte ich jetzt tun? Ich schaute nach, ob ich noch irgendwo Drogen bei mir hatte, aber da war nichts. Ich rief den Krankenwagen, aber Lars war schon tot gewesen, bevor ich angerufen hatte, die würden auch nichts machen können.
Das hatte ich nicht gewollt. Ich hatte neben dem Kokain bisschen Angel Dust geholt und ihm die Line vorgelegt, damit er nen Horrortrip schiebt, einfach damit er mich nich mehr mit irgendwelchem Partys und Weggehen nerven würde. Ich hatte nicht gewollt, dass er stirbt, aber letzten Endes ... Die Sirenen kamen näher und die Sanitäter versuchten ihn zu retten. Polizei wäre auch auf dem Weg. Ich schaute nach, ob ich irgendwelche Drogen dabei hatte, aber es sah alles gut aus, löschte ein paar Bilder und Nachrichten auf meinem Handy. Ich legte mir meine Aussage zurecht, ich hatte keinen Bock, dass die mich irgendwie dafür verantwortlich machten. Ich wollte einfach nur nach Hause, einen bauen und zocken. Scheiße.

Wenn das alles durch war, würde mich zumindest niemand mehr nerven und das war ja auch was wert.

- Daniel Spieker (https://www.weltenbruch.de)
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