Moonlight Sonata

von theRoyals
OneshotRomanze / P18 Slash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
10.10.2019
10.10.2019
2
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15
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LEVI POV

Die letzten Töne verklingen, hallen in seinen Ohren wider und die Stille legt sich über ihn, fühlt sich schwer an, so, als sollte sie nicht sein. Er kann die sanften Töne des Pianos und die geschmeidigen Töne der Violine immer noch hören, als ein Sturm des Applauses über die Konzerthalle hinwegfegt und die schwere der Stille mit sich reißt.
Die frohsinnige Melodie des letzten Stückes und die Eigenart des Violinisten berühren ihn auf eine ganz eigene Art und Weise und lassen seine Fingerspitzen vor freudiger Erwartung kribbeln. Die Art des Spiels legt die Seele und die Geschichte des Geigers offen, erzählt von den unzähligen Wunden und bunten Verzierungen, die sie schmücken und er ist immer wieder fasziniert davon. Er will spielen. Seine eigene traurige Geschichte erzählen, ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. Er will von den Enttäuschungen erzählen, den Wunden, die die Zeit gerissen hat. Davon, dass er unglücklich verliebt ist und von dem Mann, den er nicht haben kann.
Die Stücke, die er sich für das Finale des Beethoven-Wettbewerbes ausgesucht hat, kehrt sein Innerstes nach außen, offenbaren so viel mehr, als er bereit ist zu erzählen und dennoch...
Der Applaus in der Konzerthalle verstummt, Ruhe kehrt ein und seine Finger schließen sich eine Spur fester um den Hals seiner Geige und ihren Bogen.
Sein Herz schlägt kräftig in seiner Brust, offenbart die Aufregung, die er immer wieder aufs Neue empfindet, obwohl er bereits an vielen dieser Veranstaltungen teilgenommen hat. Sie begleiten ihn schon seit seiner Kindheit, so, wie der Mann, dem er all die Stücke des heutigen Abends widmet. Es ist sein zweiter Wettbewerb gewesen, auf dem sie sich begegnet sind. Er erinnert sich auch heute noch an diesen Tag, an das Stück und die Art und Weise, wie der Jüngere die Saiten gestreichelt hat, als wären sie ihm das Teuerste auf der Welt.
„Und als Letztes hören Sie den Gewinner des vergangenen Jahres, Levi Ackermann aus Deutschland mit Beethovens Violinen Sonate No. 5 in F-Dur.“
Die Ankündigung seines Auftrittes und des ersten Stücks, das er spielen wird, zieht beinahe in Gänze an ihm vorüber. Es ist unwichtig. Völlig nebensächlich. Seine Gedanken hängen einzig bei dem Mann, von dem er hofft, dass er sich unter den Zuschauern befindet. Von dem er hofft, ihn ein weiteres Mal mit seinem Klang bezirzen zu können. Er will ihn für sich, voll und ganz, stattdessen teilt er ihn mit der Leidenschaft des Spiels. Sie steht ihnen im Weg, drängt sich zwischen sie, wie die unliebsamen Avancen eines anderen Mannes.
Er atmet ein letztes Mal tief ein, bevor er den ersten Fuß auf die Bühne setzt. Sein Herz schlägt wild in seiner Brust und das Licht der Scheinwerfer erscheint ihm wie die brütende Hitze der Sommersonne. Sein Blick ist starr auf das rückgestellte Orchester und das Piano gerichtet, während er auf die vordere Mitte der Bühne zusteuert, und legt die Violine an, als er sie erreicht.
Sein Blick wandert aufmerksam über die Reihen der Konzerthalle, erfasst eilig die Gesichter der Zuschauer. Er erkennt seinen Violinlehrer in einer der hintersten Reihen, sieht das stolze Gesicht seiner Mutter und die angespannten Züge seines Stiefvaters weiter vorn. Nur ihn kann er nicht entdecken.
Er wird nervös.
Wo steckst du?
Er legt den Bogen locker auf die Saiten, bringt die Finger auf dem Griffbrett in Position und neigt den Kopf. Es spielt keine Rolle, dass er nicht hier ist. Die Stücke, das Herzblut, dass er in sein Spiel fließen lässt und die Leidenschaft, mit der er spielt... all das ist für ihn. Es gehört ihm allein. Das Wissen darum, dass er diesen Moment verpasst, dass er ihm nicht beiwohnt, schmerzt.
Er schließt die Augen, atmet tief ein und lässt den Bogen in einer sanften, schmeichelnden Bewegung über die Saiten streichen. Die ersten Töne erfüllen den großen Saal, hallen seicht von den Wänden wider und schleichen sich in die Herzen eines jeden Einzelnen, berühren sie und offenbaren ihnen das, was das eigene Herz empfindet. Die Unsicherheit, die Angst davor, dass er einfach verschwindet, ohne, dass sie einander verabschiedet haben, ohne Zeit miteinander zu verbringen, und die unglückliche Liebe, die er fühlt, schwingen in jedem einzelnen seiner Töne mit, verleihen der friedvollen Melodie eine unüberhörbare Melancholie.
Sein Körper wiegt sich unkontrolliert zur Melodie des Stückes, so, als tanze er mit der Liebe, die ihn verschmäht und er öffnet die Augen, lässt sie erneut über die Sitzreihen gleiten, während sich seine Wange beinahe an den Kinnhalter seiner Violine schmiegt, als wäre es der Schoß seines Geliebten.
Die Liebe zur Musik, zu dem Instrument, das er führend in der Hand hält, ist die Einzige, die ihm gestattet zu sein scheint. Die Einzige, die vollends erwidert wird.
Als seine Augen das schöne Gesicht des jungen Mannes entdecken, fällt sämtliche Nervosität von ihm ab und eine innere Ruhe bricht über ihn hinein, die nur er in ihm auslösen kann, obwohl er zeitgleich eine so große Anspannung in ihm auslöst, dass sie ihm für einen kurzen Moment den Atem raubt.
Die smaragdgrünen Augen sind ganz allein auf ihn gerichtet. Sie folgen jeder seiner Bewegungen, sind aufmerksam, so, wie die Herzen der Zuhörer aufmerksam sind. Die Veränderung seines Spieles ist hörbar. Spürbar. Aus den melancholischen Tönen werde Töne voll Leidenschaft und unerwiderter Zuneigung.
Ihre Beziehung zueinander ist einzigartig, so, wie ihr Spiel einzigartig ist. Sie harmonieren nicht, spielen und lieben aneinander vorbei und dennoch scheint es, als ziehen sie einander an, wie zwei gegensätzliche Pole. Sie kreisen umeinander, umgarnen sich mit ihrer Musik nur um sich am Ende wieder voneinander zu entfernen.
Sie sind wie Feuer und Eis. Sie tun einander nicht gut, passen einfach nicht zusammen und dennoch ist da diese gegenseitige Anziehung, die keiner von ihnen leugnen kann.
Die letzten Töne des Stückes verklingen, fließen in die des nächsten Stückes über und es ist, als wäre es eine nie endenwollende Melodie, so, wie ihr ewiger Tanz kein Ende zu kennen scheint, und ist geschwängert von Sehnsucht und unbefriedigter Begierde.
Der Bogen streichelt die Saiten so sanft, so voller Zärtlichkeit und Leidenschaft, wie er es sich von den Fingern des anderen Mannes wünscht. Er sehnt sich danach, vermisst die zarten Berührungen auf seiner Haut und diese einzigartige Leidenschaft, die er nur bei ihm empfindet. Diese Leidenschaft empfindet er nicht einmal dann, wenn er spielt. Sie ist etwas völlig anderes, etwas Neues, etwas, dass er nicht kennt und es ist, als wäre er süchtig danach. Es ist, als könnte er sich dem nicht entziehen. Als wäre es das Einzige, dass ihm alles verspricht.
Seine Finger halten die Saiten am Griffbrett mit Bedacht und Vorsicht, sind beinahe liebevoll und wechseln flüsternd ihre Position.Er sehnt sich nach ihm und er wünscht sich, er würde ihn berühren, wie er die zarten Saiten seiner Violine berührt, obwohl er weiß, dass es für sie keinerlei Zukunft gibt. Sie sind Rivalen. Konkurrenten. Zwischen ihnen existiert eine Kluft, die beinahe unüberwindbar erscheint und obwohl er darum weiß, kann er nicht anders.
Sein Blick hängt an den aufdringlichen Augen, kann sich nicht davon lösen aus Angst, ihn ein weiteres Mal zu verlieren. Er soll jeden Ton, jede einzelne Note, die er für ihn spielt, hören. Er muss es hören.
Er soll wissen, was er empfindet. Er soll wissen, wie es in ihm aussieht. Er soll all die unausgesprochnen Dinge erfahren, die seit ihrer ersten Begegnung zwischen ihnen im Raum schweben ohne, dass auch nur einer von ihn enden Mut aufbringen kann, die Worte in den Mund zu nehmen, die keiner von ihnen hören will.
Es ist, als fliege die Zeit nahezu an ihm vorbei. Die mit Bedacht und Sorgfalt gewählten Stücke vergehen, ohne, dass er bemerkt, dass er sie spielt. Das einzige, wofür er Augen hat, dass einzige, was für ihn von Bedeutung ist, ist der junge Mann, dessen aufmerksamer Blick einzig und allein auf ihm ruht. Es ist, als spiele er nur für ihn. Als wäre dieser Wettbewerb ein Konzert ganz für ihn allein. Er denkt nicht daran, dass er sich beweisen muss. An einen weiteren Preis, den er für sein herausragendes Talent mit nach Hause nehmen kann. Er denkt nicht daran, wer unter den Zuschauern ist. Alles, was für ihn zählt, ist, dass die unglückliche Liebe erfährt, wie wichtig sie ihm ist.
Die letzten Töne der Mondscheinsonate verklingen allmählich, die Schwere der Stille legt sich wie eine Decke aus Schnee über den Konzertsaal und für einen kurzen Augenblick scheint es tatsächlich, als wären all die gespielten Stücke nur für ihn gewesen. Als gäbe es nur sie beide.
Langsam und mit Bedacht lässt er den Bogen sinken, setzt die Geige ab und besinnt sich darauf, seinen Auftritt mit einer leichten Verbeugung als Dank zu beenden, so, wie er es nach jedem Auftritt tut.
Der Applaus bleibt weiterhin aus, die Melancholie der Musik und die Schwere der Herzen beherrschen den Saal und es vergehen Sekunden, in denen die Menschen sich die Zeit nehmen, sich zu sammeln, bevor die Stille wie ein Peitschenhieb durch den lauten schallernden Applaus zerrissen wird.
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